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Pirandello und Benjamin - zwei Skeptiker der Moderne

Termpaper, 2001, 19 Pages
Author: Marcus Fiebig
Subject: Romance Languages - Miscellaneous

Details

Category: Termpaper
Year: 2001
Pages: 19
Grade: 1
Language: German
Archive No.: V8551
ISBN (E-book): 978-3-638-15492-5
ISBN (Book): 978-3-638-75703-4
File size: 144 KB

Abstract

In dieser Arbeit sollen die wichtigsten Positionen und Ansichten Pirandellos zum Kino als neuer Kunstform zusammengetragen werden. In einem zweiten Schritt erfolgt dann eine Bezugnahme auf Walter Benjamins Text über “Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit”. Anhand einer direkten Gegenüberstellung gilt es dann Schnittmengen und Differenzen der beiden Vordenker der Moderne herauszukristallisieren, um dann in einem abschließenden Teil Benjamins und Pirandellos Analysen der Massenkultur in die Literatur- bzw. Kulturgeschichte einordnen zu können.


Excerpt (computer-generated)

Universität Leipzig
Institut für Romanistik

Zwei Skeptiker der Moderne: Luigi Pirandello und Walter Benjamin
Pirandellos Position zum Kino als neuer Kunstform
im Vergleich zu Benjamins “Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit”

von

Marcus Fiebig


“La narrativa degli anni Venti e Trenta”
Peters
SS 2001

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG ... 3

2. Pirandellos Position zum Kino als neuer Kunstform ... 3
   
2.1. Pirandello und das Kino: Etappen einer wechselvollen Beziehung ... 3
    2.2. Technikskeptizismus und Menschenbild in “Quaderni di Serafino
    Gubbio Operartore” ... 5
    2.3. Pirandello über Theater, Literatur, Musik und cinema ... 6

3. Walter Benjamin: “Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit” ... 6
   
3.1. Benjamins Begriffswelt ... 6
    3.2. Benjamin, die Filmkunst und Pirandello ... 7
    3.3. Benjamin und Heidegger ... 11

4. Zwei Skeptiker und Vordenker der Massenkultur: Ist das Kino/der
Film eine neue Kunstform? ... 13

5. Brecht und die Kulturindustrie: weitergehende Überlegungen zur
Massenkultur im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit ... 13

6. ZUSAMMENFASSUNG ... 16

LITERATURVERZEICHNIS ... 18


1. Einleitung
In dieser Hausarbeit sollen die wichtigsten Positionen und Ansichten Pirandellos zum Kino als neuer Kunstform zusammengetragen werden. In einem zweiten Schritt erfolgt dann eine Bezugnahme auf Walter Benjamins Text über “Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit”. Anhand einer direkten Gegenüberstellung gilt es dann Schnittmengen und Differenzen der beiden Vordenker der Moderne herauszukristallisieren, um dann in einem abschließenden Teil Benjamins und Pirandellos Analysen der Massenkultur in die Literatur- bzw. Kulturgeschichte einordnen zu können.

2. Pirandellos Position zum Kino als neuer Kunstform
2.1. Etappen einer wechselvollen Beziehung
Die Beziehung Pirandellos zum Kino als neuer Kunstform ist eine Geschichte der Widersprüchlichkeiten. Hin- und hergerissen zwischen Anziehung, Faszination, Abscheu und Enttäuschung von den großen Bildschirmen der Massenkultur erweist sich Pirandello als zutiefst wankelmütig. Ein Schritt vor, zwei zurück und drei zur Seite - das bleibt Pirandellos Marschroute bis zu seinem Tod.

Seine wechselvollen Ansichten lassen sich in vier Phasen gliedern: in eine erste von 1908 bis zum Ende des ersten Weltkrieges; in eine zweite der Nachkriegsära bis circa 1928 auf die eine kurze Übergangsperiode (1928-1930) folgt und schlußendlich seine letzten sechs Lebensjahre bis 1936.1

Wichtig ist es bei einer solchen Betrachtung die Folie der italienischen Kinogeschichte aufzulegen, um Pirandello nicht bezuglos durch den historischen Raum irren zu lassen. Nach Frankreich, Deutschland und Großbritannien steigt Italien mit dem ersten Spielfilm “La Presa di Roma, 20 Settembre 1870” von Filoteo Albertini, der 1905 zu sehen ist, spät ins Kinogeschäft ein.2 Bis 1931 entstehen in Italien fast 10000 Streifen. Pirandellos erlebt also im Alter von 38 Jahren, die Geburt des neuen Massenmediums. Als Schriftsteller, als Mann des Worts, sind seine Eindrücke bis hinein in den ersten Weltkrieg negativ geprägt. Pirandello hadert mit den “schermi commerciali”, einer auf Massenwirksamkeit und Massenerfolg orientierten cinematografia. Er hält das cinema für “incompatibile con l`arte”, unvereinbar mit Kunst überhaupt.

Neue Perspektiven eröffnen sich Luigi Pirandello durch das Paradzanov-Kino. Der Streifen “Padre Sergio” des experimentellen Russen, den er noch während des ersten Weltkrieges zu sehen bekommt, verdeutlicht ihm neue Stilebenen: “Il sogno, il ricordo, l`allucinazione, la follia, lo sdoppiamento della personalità, la visione del pensiero.” Seine Beziehung zur cinematografia verbessert sich deutlich. Er arbeitet mit dem berühmten französischen Regisseur Marcel L`Herbier zusammen und zeigt aktives Interesse vor allem bei der Verfilmung seines Stückes “Sei personaggi in cerca di un autore”. Über die Verfilmung von “lo scadolino” aus seiner Feder jubiliert Pirandello: “è venuto una bellezza”. Kurioserweise begeistert sich Pirandello für das neue Massenmedium als dieses in Italien wie auch in ganz Europa einem allmählichen Niedergang entgegenstrebt. Der französische Film dominierte die italienischen Leinwände. Pirandello schreibt dennoch Geschichten für acht Stummfilme, die während der 20er erscheinen. Neben “Sei personaggi” von George Pitreff und “lo scadolino” von Augusto Genina gehört “la rosa” von Arnaldo Frateili zu den berühmtesten Filmwerken Pirandellos der “epoca muta”, der Stummfilmepoche.3

Die Übergangsphase (1928-1930) hat es in sich. Pirandello träumt von “melografia”, einer “illustrazione della musica”4 in Filmform. Hier sei das Potential des Kino, hier könnte nach Pirandello sich eine neue Ebene öffnen, ein neues Stilelement geschaffen werden. Sein Wunsch wird erhört, aber das Ergebnis enttäuscht ihn: “il film-parlante è il piu brutale degli errori”. Nach der Premiere des ersten Sprechfilms, zu der Pirandello extra nach London anreist, ist er verbittert: “che orrore ... la distruzione d`ogni illusione”5. Den Film habe das einende Band des lautlosen verlassen: “il silenzio è rotto.”6 Vorbei die Zeiten da die Filme einer Sprache - der lautlosen - folgten. Gleich der Babylonischen Sprachenverwirrung herrscht das gesprochene Wort jetzt in den Kinos. Der Film ist aus den Kinderschuhen und Pirandello zunächst sehr unglücklich damit.

Die letzte Lebensphase Pirandellos (1930-36) können wir als abermalige Zuwendung zum Kino verstehen. Pirandello hadert aber immer noch zwischen dem “cinema possibile” und dem “cinema existente”7. Schon 1929 kündigt er an einen Film zu machen. Sprechfilme aus seiner Feder folgen: die bekanntesten werden “come tu mi vuoi” mit Greta Garbo und “la canzone dell`amore”. Nach seinem Tod 1936 erscheinen 15 Filme im In- und Ausland. Pirandello bleibt als Schriftsteller und Cineast in Erinnerung, obwohl seine Filme nie ein Massenpublikum erreichten.

[...]

1 Barnes, John C.: Per un interpretazione degli atteggiamenti di Prandello nei guardi dei cinema, in: Lauretta, Enzo (hg.): Pirandello e la sua opera, Palermo 1997, S.193-200. Die Phasen selbst und die Ausführungen im folgenden sind an Barnes angelehnt.

2 Cherchi Usai, Paolo: Italien: Monumentales und Melodramamtisches, in: Nowell-Smith, Geoffrey: Geschichte des internationalen Films, Stuttgart 1998.

3 Barnes, John C.: Per un interpretazione degli atteggiamenti di Prandello nei guardi dei cinema, in: Lauretta, Enzo (hg.): Pirandello e la sua opera, Palermo 1997, S.195.

4 ebd., S.197.

5 ebd., S.198.

6 Pirandello, Luigi: cinema sonoro e teatro, in: Angelini, Franca (hg.): Il punto su Pirandello, Roma 1997, S. 111.

7 Barnes, John C.: Per un interpretazione degli atteggiamenti di Prandello nei guardi dei cinema, in: Lauretta, Enzo (hg.): Pirandello e la sua opera, Palermo 1997, S. 199.


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