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Affektenlehre bei den Peripatetikern und Stoikern nach Ciceros Tusculanen

Essay, 2007, 8 Pages
Author: Eva Moritz
Subject: Philosophy - Philosophy of the Ancient World

Details

Category: Essay
Year: 2007
Pages: 8
Grade: 2,9
Bibliography: ~ 4  Entries
Language: German
Archive No.: V86232
ISBN (E-book): 978-3-638-01658-2

File size: 120 KB

Abstract

In der Antike bestimmten vier Schulen die Philosophie: Die stoische, epikureische, platonische und peripatetische Lehre. Etwa 300 Jahre später spiegelt Cicero in seinem Werk … die Auseinandersetzungen dieser Anschauungen wieder. So erkennt man in den „Tusculanae Disputationes“ die Differenzen zwischen Peripatetikern und Stoikern . Als Eklektiker wählt Cicero allerdings aus mehreren philosophischen Systemen das für ihn Stimmigste aus und setzt diese Selektion zu einem neuen Lehrgebäude zusammen. Aus diesem Grund muss man vorsichtig mit den Thesen umgehen, die er den einzelnen Schulen in den Mund legt . In diesem Essay soll auf Grundlage der Tusculanen der peripatetische Umgang mit den Affekten und als Gegenstück dessen die Sichtweise der Stoiker, denen sich Cicero hier anschließt, dargestellt werden.


Excerpt (computer-generated)

Universität Bielefeld 04.08.2007

Fakultät für Geschichtswissenschaft,

Philosophie

und Theologie

Seminar: Affektenlehre in der antiken Ethik

SS 2007

Affektenlehre bei den Peripatetikern und

Stoikern nach Ciceros Tusculanen

Textgrundlage: Cicero, Tusculanae Disputationes, IV Buch, Absatz 38 - 58


In der Antike bestimmten vier Schulen die Philosophie: Die stoische, epikureische,

platonische und peripatetische Lehre. Etwa 300 Jahre später spiegelt Cicero in

seinem Werk ... die Auseinandersetzungen dieser Anschauungen wieder. So

erkennt man in den ,,Tusculanae Disputationes"1 die Differenzen zwischen

Peripatetikern2 und Stoikern3. Als Eklektiker wählt Cicero allerdings aus mehreren

philosophischen Systemen das für ihn Stimmigste aus und setzt diese Selektion zu

einem neuen Lehrgebäude zusammen. Aus diesem Grund muss man vorsichtig mit

den Thesen umgehen, die er den einzelnen Schulen in den Mund legt4.

In diesem Essay soll auf Grundlage der Tusculanen der peripatetische Umgang mit

den Affekten und als Gegenstück dessen die Sichtweise der Stoiker, denen sich

Cicero hier anschließt, dargestellt werden.

Die Peripatetiker behaupten, dass die Leidenschaften natürlich sind und

angenommen werden sollen, jedoch muss ein gewisses Maß eingehalten werden.5

Nur wenn von diesem Mittelmaß abgewichen wird, sind die Affekte schädlich und

krankhaft.

Cicero setzt der Ansicht der Peripatetiker entgegen, dass man im Fehler kein Maß

suchen kann: ,,Was gefährlich ist, wenn es herangewachsen ist, das ist schon

schädlich, wenn es entsteht."6 Seine Argumentation baut auf der Widerlegung eines

Affektes auf - dem Kummer- und wird auf alle anderen Leidenschaften übertragen.

So führt er Rupilius als Beispiel an: Dieser ist vor Kummer gestorben, weil sein

Bruder die Konsulatswahl verlor. Er hätte dieses, laut Cicero, maßvoller ertragen

können; doch wenn ihn im Anschluss weitere Schicksalsschläge getroffen hätten7,

hätte sich der Kummer aufsummiert und wäre nicht mehr erträglich geschweige denn

maßvoll gewesen. Mit Verweis auf dieses Beispiel warnt Cicero davor, den

Leidenschaften ein Maß einzugestehen, denn nimmt man einen Teil von ihnen an,

1 Die Gespräche erhielten ihren Namen von Tusculum, einem Villenviertel in Rom, in dem Cicero ein

Landhaus hatte.

2 Aristoteles gründete die Peripatos genannte Schule, wobei der Name auf dem Wandelgang

begründet ist.

3 Der aus Zypern stammende Zeno gründete diese Schule in Athen in einer Säulenhalle, wodurch

diese Richtung ihren Namen erhielt.

4 Die Peripatetiker bei Cicero haben zum Beispiel einen großen stoischen Anteil.

5 Damit widersprechen sie den Stoikern, welche die Affekte als naturwidrig und krankhaft bezeichnen.

6 Cicero, S. 277; 41

7 Cicero spricht hier vom Tod der Kinder, körperlichen Schmerzen, Verlust des Besitzes, Erblindung

und Verbannung.

2


kann man sie nicht mehr kontrollieren. Außerdem kann etwas, was auch zuviel

werden kann, nicht natürlich sein.8

Die Weisheit, so argumentiert Cicero im späteren Verlauf des Textes, ist

folgendermaßen zu definieren: ,,Die Weisheit ist die Wissenschaft der göttlichen und

menschlichen Dinge und das Wissen davon, was die Ursache jeder Erscheinung ist.

Daraus ergibt sich, dass der Weise das Göttliche nachahmt und alles Menschliche

für geringer erachtet als die Tugend."9 Ein solch weiser Mann kann niemals in eine

Leidenschaft geraten, denn er hat zuvor bereits alles bedacht, was passieren kann

und wird durch nichts Menschliches mehr eingenommen. Das Ziel der Stoiker, die

Seelenruhe und Glückseligkeit, kann nun durch apatheia / Leidenschaftslosigkeit

erreicht werden.10

Ich habe den Eindruck, dass Cicero hier ein Maßhalten im Sinne von Mäßigung, also

eine festgesetzte qualitative Mitte, zu widerlegen sucht. Doch in meinen Augen ist

das nicht die Idee, welche hinter der peripatetischen Affekten- und Tugendlehre

steht: Aristoteles redet nicht von einer mathematisch festgelegten qualitativen Mitte

zwischen zwei Extremen. Die goldene Mitte ist situationsabhängig und wird so

zwischen zwei Extremen bestimmt, wie sie eine Person mit großer praktischer

Weisheit - phronimos - festsetzen würde. Es ist nicht der Fall, dass Affekte gefährlich

sind, wenn sie herangewachsen sind - wie Cicero zuvor behauptet. Je nach Situation

sollen die Leidenschaften sogar durchaus heftig sein, sie müssen nur angemessen

bleiben.

Die Peripatetiker halten die Affekte jedoch nicht nur für natürlich, sondern sogar für

nützlich. Zur Verdeutlichung dessen führt Cicero einige Affekte und deren

,,peripatetischen Nutzen" an, um diesen im Anschluss zu widerlegen:

Zuerst wendet er sich dem Zorn zu. Dieser wirkt wie die Sporen eines Reiters auf die

Tapferkeit ein. Ein Krieger kämpft erst voller Elan und Entschlossenheit, wenn ihn

der Zorn antreibt. Die Tapferkeit führt ihn in der Schlacht nicht zum Sieg, solange die

Raserei sie nicht anstachelt. Doch auch ein Redner soll sich des Zornes bedienen,

8 Cicero, S. 293, 57

9 Cicero, S. 293, 57

10 Für Cicero und die Stoiker sind die Leidenschaften ,,eine von der Vernunft abgewandte naturwidrige

Bewegung des Geistes [...] oder kürzer [...] ein allzu heftiges Begehren sei, wobei heftig als das

verstanden wird, was von der Beständigkeit der Natur allzu weit entfernt ist." Cicero, S 283, 47

3



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