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Scholary Paper (Seminar), 2007, 27 Pages
Author: Michaela Fleischer
Subject: African Studies
Details
Institution/College: University of Leipzig (Institut für Afrikanistik)
Tags: Völkerschauen, Europa, Images, Africa
Year: 2007
Pages: 27
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 7 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-02106-7
ISBN (Book): 978-3-638-92909-7
File size: 177 KB
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Abstract
In einer Zeit der florierenden Vergnügungsindustrie ab Mitte des 19. Jahrhunderts zogen zahlreiche Völkerschau-Impresarios mit ihren ‚Karawanen’ durch Europa. Besonders nach dem Einzug des Tierhändlers Carl Hagenbeck in das Gewerbe ab etwa 1870 erfreuten sich diese Veranstaltungen großer Beliebtheit in der Bevölkerung. Das große wissenschaftliche Interesse an den Teilnehmern der Völkerschauen ermöglichte den Veranstaltern einen Wechsel nicht nur des Ausstellungsortes vom Jahrmarkt in den Zoologischen Garten, sondern auch den Ausbau der Akzeptanz in der Bevölkerung. Dieses Ansehen in Kombination mit der stereotypen Darstellungsweise der nicht-europäischen Menschen trug dazu bei, die neu entstandenen Evolutions- und Rassentheorien, die die Überlegenheit der europäischen gegenüber den nicht-europäischen Menschen proklamierten, in den Köpfen der EuropäerInnen zu festigen. Da in den Völkerschauen ein Grund für die in Europa vorherrschenden Auffassungen über nicht-europäische Menschen gesehen werden kann, sind Völkerschauen für die Afrikanistik von äußerstem Interesse. Die stereotypen Vorstellungen des ‚Fremden’, die die Grundlage für die Schauen boten und in diesen noch verschärft wurden, sind noch heute deutlich erkennbar – beispielsweise in der Werbung, wo die ‚Exotik’ häufig als Blickfang dienen soll. Doch nicht nur Völkerschauen sondern auch Kolonialausstellungen trugen dazu bei, dass Vorurteile sich in den Köpfen der Menschen festsetzten.
Excerpt (computer-generated)
Universität Leipzig
Institut für Afrikanistik
Veranstaltung: Images of Africa
SS 2007
VÖLKERSCHAUEN IN EUROPA
Michaela Fleischer
INHALT
Einleitung
1
1.
Völkerschauen
1
1.1
DER WEG DER VÖLKERSCHAUEN IN DIE
ZOOLOGISCHEN GÄRTEN EUROPAS
2
1.1.1
VORLÄUFER DER VÖLKERSCHAUEN
2
1.1.2
ZOOLOGISCHE GÄRTEN ALS VERANSTALTUNGSORTE FÜR
VÖLKERSCHAUEN
4
1.2
DER ANSPRUCH AUF ,AUTHENTITZITÄT′ UND
WISSENSCHAFTLICHKEIT
6
1.2.1
VÖLKERSCHAUEN UND WISSENSCHAFT
7
1.2.2
DIE FRAGE DER ,AUTHENTIZITÄT′ DER VÖLKERSCHAUEN
9
1.3
DIE INSZENIERUNG DER SCHAUEN UND
PUBLIKUMSREAKTIONEN
11
1.3.1
DIE AUSGESTELLTEN
11
1.3.2
KULTUR ALS SCHAUSPIEL
13
1.3.3
ROLLE UND REAKTIONEN DES PUBLIKUMS AUF DIE
SCHAUEN
16
1.4
DEUTSCHE KOLONIALAUSSTELLUNGEN
18
1.4.1
INTENTIONEN DER KOLONIALAUSSTELLUNGEN
19
1.4.2
,EXOTIK′ AUF DEN KOLONIALAUSSTELLUNGEN
20
1.5
DAS ENDE DER ZURSCHAUSTELLUNG ,EXOTISCHER′
MENSCHEN
21
2.
Zusammenfassung und Schlussbetrachtung
23
Literaturverzeichnis
24
EINLEITUNG
In einer Zeit der florierenden Vergnügungsindustrie ab Mitte des 19. Jahrhunderts zogen
zahlreiche Völkerschau-Impresarios mit ihren ,Karawanen′ durch Europa. Besonders nach
dem Einzug des Tierhändlers Carl Hagenbeck in das Gewerbe ab etwa 1870 erfreuten sich
diese Veranstaltungen großer Beliebtheit in der Bevölkerung. Das große wissenschaftliche
Interesse an den Teilnehmern der Völkerschauen ermöglichte den Veranstaltern einen
Wechsel nicht nur des Ausstellungsortes vom Jahrmarkt in den Zoologischen Garten, sondern
auch den Ausbau der Akzeptanz in der Bevölkerung. Dieses Ansehen in Kombination mit der
stereotypen Darstellungsweise der nicht-europäischen Menschen trug dazu bei, die neu
entstandenen Evolutions- und Rassentheorien, die die Überlegenheit der europäischen
gegenüber den nicht-europäischen Menschen proklamierten, in den Köpfen der EuropäerInnen
zu festigen.
Da in den Völkerschauen ein Grund für die in Europa vorherrschenden Auffassungen über
nicht-europäische Menschen gesehen werden kann, sind Völkerschauen für die Afrikanistik
von äußerstem Interesse. Die stereotypen Vorstellungen des ,Fremden′, die die Grundlage für
die Schauen boten und in diesen noch verschärft wurden, sind noch heute deutlich erkennbar
beispielsweise in der Werbung, wo die ,Exotik′ häufig als Blickfang dienen soll. Doch nicht
nur Völkerschauen sondern auch Kolonialausstellungen trugen dazu bei, dass Vorurteile sich
in den Köpfen der Menschen festsetzten.
1.
VÖLKERSCHAUEN
In Europa haben Völkerschauen eine lange Tradition. Zu Zeiten der Entdeckungsfahrten
brachten Reisende Bewohner der eroberten Gebiete mit, um diese ihren Herrschern zu
präsentieren. Columbus zum Beispiel brachte von seiner zweiten Amerikareise
,IndianerInnen′ nach Europa, die dann zu besonderen Anlässen den höfischen Gesellschaften
1
als Sensation vorgeführt wurden.1 Erst im 19. Jahrhundert begann man die Völkerschauen
auch einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren
die Impresarios vor allem auf Jahrmärkten zu sehen, hatten als solche Attraktionen jedoch
nicht den besten Ruf. Erst gegen Ende dieses Jahrhunderts erlangten die Völkerschauen eine
nie
mehr
übertroffene
Popularität
und
wurden
ein
wichtiger
Zweig
des
Unterhaltungsgeschäftes. Ausschlaggebend hierfür war unter anderem das sich entwickelnde
Interesse von Anthropologen und Ethnologen an den Nicht-Europäern. Dadurch bot sich den
Veranstaltern der Schauen die Möglichkeit sich von den Jahrmarktsattraktionen abzugrenzen
und ihren Anspruch auf (vermeintliche) Wissenschaftlichkeit zu betonen.
1.1
Der Weg der Völkerschauen in die Zoologischen Gärten Europas
Durch das rege Interesse von Wissenschaftlern an nicht-europäischen Menschen wechselten
die Ausstellungen von Jahrmärkten und Zirkussen in Zoologische Gärten. Dies ist ein
wesentliches Element der Völkerschauen, da durch die Präsentation der Menschen in Zoos die
angebliche Wissenschaftlichkeit der Darbietungen unterstrichen wurde.
1.1.1
Vorläufer der Völkerschauen
Nach Wolter (2005) können als eine Vergleichsgrundlage für die Völkerschauen des 19. und
20. Jahrhunderts unter anderem die ,exotischen′ DienstbotInnen dienen. Diese galten bereits
ab dem 14. Jahrhundert als besonders beeindruckender Bestandteil adeliger Lebensführung
und demonstrierten wie wohlhabend die jeweilige Familie war. Bis zum 19. Jahrhundert kam
,exotischen′ Menschen diese Rolle in Kreisen des Adels zu. Zwar fand hier bereits eine
Begegnung der Europäer mit dem ,Fremden′ statt, eine enge Verwandtschaft zu den
Völkerschauen lässt sich jedoch ausschließen, da die theatralische Präsentation der nicht-
europäischen Personen nie eine Rolle spielte. Dennoch ist die Zurschaustellung dieser keine
Erfindung des 19. Jahrhunderts.2
1 Dreesbach, 2005: 18.
2 Vgl. Wolter, 2005: 86.
2
Bereits im 15. Jahrhundert wurden ,exotische′ Menschen von Entdeckungsreisenden wie
zum Beispiel Christoph Columbus, James Cook, Louis Antoine de Bougainville, Amerigo
Vespucci und anderen nach Europa gebracht.3 Die Präsentation dieser Leute jedoch war
ausschließlich für die gehobene Schicht bestimmt und die Ausgestellten auch ohne
Vorführungen von beispielsweise Tänzen Attraktion genug. Schon Mitte des 16. Jahrhunderts
jedoch lassen sich Schauen belegen, deren Stil vergleichbar ist mit dem der Ausstellungen des
19. und 20. Jahrhunderts. Um 1533/15504 wurde in Rouen ein Dorf des brasilianischen
Stammes der Tupi nachgebaut.5 Dort sollten die Eingeborenen - anlässlich eines Festes zu
Ehren Heinrichs II. - Kämpfe, Jagden, Tänze und ihren Alltag vorspielen. Da die Expositionen
jedoch weiterhin ausschließlich an Fürstenhöfen stattfanden waren sie für den Großteil der
Bevölkerung nicht zugänglich.6 Dies änderte sich im 17. Jahrhundert, als die Zurschaustellung
,exotischer′ Menschen ein zentraler Programmpunkt bei Umzügen, Festen und Jahrmärkten
wurde.
Neben körperlich behinderten Menschen, die in so genannten
freak shows
präsentiert
wurden, und bei denen man das Augenmerk ausschließlich auf physische Besonderheiten
legte, konnte man auch ,ExotInnen′ auf Volksfesten und Märkten begutachten. Die
Zurschaustellung (tatsächlicher oder vermeintlicher) fremdländischer Menschen gegen
Bezahlung war bis ins 20. Jahrhundert als Programmpunkt bei Jahrmärkten oder Messen
gängig. Auch Zirkusse präsentierten in ihrem Programm nicht-europäische Menschen, wie
beispielsweise der Zirkus Krone ab 1860 die ,Afrikanische Negerschau′.7 Ab 1870 vollzog
sich im Schaustellerwesen ein starker Aufschwung, wodurch die Grundlage für größere
Ausstellungen `exotischer′ Menschen gelegt wurde.8 Unter diesen Bedingungen veranstaltete
Carl Hagenbeck 1875 seine erste Völkerschau.9 Diese groß angelegten Expositionen sollten
3 Dreesbach, 2005: 18-19.
4 Dreesbach nennt 1533 (S. 18), Thode-Arora 1550 als Veranstaltungsjahr dieser Ausstellung (S.19). In anderen
Quellen waren hierzu keine Angaben zu finden.
5 Thode-Arora, 1989: 19.
6 Ebd.
7 Wolter, 2005: 90.
8 Dreesbach, 2005: 40.
9 Carl Hagenbeck war der Sohn Gottfried Claus Carl Hagenbecks, der 1848 die Tierhandelsfirma Hagenbeck
gegründet hatte, die bald zu einer der bedeutendsten Firmen dieser Art aufstieg. Bereits 1870 war sie weltweit
die größte ihrer Couleur. Die Stagnation des Tierhandels bewegte Carl Hagenbeck zur Organisation von
Völkerschauen. Der Handel mit Tieren und die Ausstellung von Menschen sind bei ihm also sehr eng
miteinander verbunden, was den Warencharakter der Menschen unterstreicht. Oft wurden diese auch mit
3
die Europäer gut 50 Jahre begeistern, und keine geringen Auswirkungen auf die europäische
Sichtweise gegenüber ,fremden Kulturen′ haben.
1.1.2
Zoologische Gärten als Veranstaltungsorte für Völkerschauen
Zwischen den sich daraufhin etablierenden und früheren Formen der Ausstellung gibt es
grundlegende Unterschiede. Ein signifikanter Unterschied ist ihre Größe - sowohl bezogen auf
die Zahl der Ausgestellten als auch hinsichtlich des Geländes, auf dem ausgestellt wurde. Man
baute Hütten und Kulissen, um die Glaubwürdigkeit der Schauen zu steigern. Zudem betrieb
man Werbung im großen Stil. Auch die neuartige Form der Inszenierung macht eine
Abgrenzung vorausgegangener Veranstaltungen von denen Carl Hagenbecks möglich.
Geschickte Inszenierung der zur Schau gestellten in eindrucksvollen Kulissen und die
Bestätigung bereits vorhandener Vorurteile, die Europäer von nicht-europäischen Menschen
hatten, ermöglichten Hagenbeck sich auf die ,Authentizität′ seiner Veranstaltungen zu
berufen. Im Zusammenwirken der proklamierten ,Echtheit′, verstärkt durch eine intensivierte
Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen, v.a. der
Berliner Gesellschaft für
Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte,
und der perfekten Organisation der Schauen
von der Anwerbung der Menschen bis hin zur fertigen Ausstellung ,,[...] holte Hagenbeck die
,Wilden′ aus den Jahrmarktsbuden in die wissenschaftlichen Institutionen ,Zoologische
Gärten′."10
Als erster moderner Tiergarten gilt der
Jardin des Plantes
in Paris, der Ende des 18.
Jahrhunderts gegründet wurde.11 Mitte des 19. Jahrhunderts fanden Zoologische Gärten in
ganz Europa eine weite Verbreitung. In Deutschland wurden von 1844-1866 Zoos in Berlin,
Frankfurt am Main, Dresden, Hamburg, München, Hannover und Karlsruhe eröffnet.12
Tieren verglichen oder zeitgleich mit diesen angeworben. Zwar gab es Aussteller die ihm nacheiferten, doch
er entwickelte sich zum erfolgreichsten Veranstalter und prägte diese Branche nachhaltig. (vgl. Dreesbach,
2005: 43-44)
Mit seinen Schauen begann er in Deutschland, reiste jedoch sehr bald mit ihnen meist mehrere Monate
quer durch Europa. Mit seiner ,Nubier-Schau′ beispielsweise gastierte er ab 1976 unter anderem in Paris,
London und Berlin. (Bancel/Blanchard/Lemaire, 2000: 16-17)
10 Dreesbach, 2005: 50.
11 Wolter, 2005: 108.
12 Ebd., 109.
4
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