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Moskauer Konzeptualismus: 5 Essays zu Il'ja Kabakov, Dmitrij A. Prigov und Vladimir Sorokin

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 17 Pages
Author: Anne Krier
Subject: Russian / Slavic Languages

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 17
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V86455
ISBN (E-book): 978-3-638-04715-9
ISBN (Book): 978-3-638-94398-7
File size: 235 KB

Abstract

Essays zu den Themen: „Livingstone in Afrika“, Il’ja Kabakov und der sowjetische Müll, Dmitrij A. Prigov: Auf Raubzügen, Vladimir Sorokin: Rede-Schlangen, Vladimir Sorokin: Der Tod des Autors als Verfahren


Excerpt (computer-generated)

Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Slawistik
SoSe 2007
HS: Moskauer Konzeptualismus

Anne Krier

Essays zu den Themen:

· ,,Livingstone in Afrika" 2

· Il′ja Kabakov und der sowjetische Müll 5

· Dmitrij A. Prigov: Auf Raubzügen 8

· Vladimir Sorokin: Rede-Schlangen 11

· Vladimir Sorokin: Der Tod des Autors als Verfahren 14


,,Livingstone in Afrika"

,,Ich weiß noch, ich zitterte ständig vor Angst und hasste jedes Atom der sowjetischen

Wirklichkeit, verfluchte diese ganze Ideologie samt der Lebensweise, zu der sie geführt

hatte."1, erinnert sich Il′ja Kabakov in einem Gespräch mit Boris Groys an sein Leben

vor der Emigration. Kabakov führte als perfekter

homo sovieticus

ein zweigeteiltes

Leben: offiziell arbeitete er als Kinderbuchillustrator (und hatte mit dieser Arbeit

Erfolg) ­ inoffiziell war er ein Untergrundkünstler, dessen Schaffen dem breiten

Publikum in Osten wie im Westen bis zur Zeit der Perestrojka weitestgehend unbekannt

geblieben war. Diese Spaltung des Lebens in einen öffentlichen und einen privaten

Bereich diagnostizierten die Moskauer Konzeptualisten, allen voraus Il′ja Kabakov, als

eine typisch sowjetische Form der sozialen Schizophrenie2, die in der Psyche des

Einzelnen, wie in der Gesellschaft insgesamt und damit in der sowjetischen Kultur

überhaupt virulent war. Und diese Spaltung wollten sie überwinden. Inwiefern und mit

Hilfe welcher Verfahren gelingt den Konzeptualisten die Überwindung der

sowjetischen ,,Schizophrenie" und ein Ausbrechen aus dem, was Il′ja Kabakov als das

,,sowjetische U-Boot" ­ ein vollständig geschlossenes Universum - bezeichnete? Oder:

kann man überhaupt schlussfolgern, dass der Moskauer Konzeptualismus - vor allem

der ersten Generation, die die Ideologie zum Gegenstand und Material ihrer als

,,kulturelle Selbstanalyse"3 verstandenen Kunst erhoben hatte - aus der Aufhebung der

,,Schizophrenie" wirklich das Ziel seiner Kunst gemacht hatte?

Während sich das Gros der inoffiziellen Szene auf die Suche nach dem zeitlos Guten,

Wahren und Schönen begab und dabei versuchte, so der Vorwurf der Konzeptualisten,

die bedrückende sowjetische Realität nicht wahrzunehmen, suchten, so Boris Groys,

bildende Künstler wie Erik Bulatov und Il′ja Kabakov oder auch die Sozartisten Komar

und Melamid, die am Ausgangspunkt des konzeptualistischen Projektes standen, die

Auseinandersetzung mit künstlerischen und politischen Ideologien, mit dem

Sozrealismus und dem Erbe des Stalinismus.4 Mit der Entstalinisierung war die gesamte

Kunst der Stalinzeit in Ungnade gefallen: ihre Bilder, Bücher und Fresken wurden

1 I. Kabakov, B. Groys:

Die Kunst des Fliehens. Dialoge über Angst, das heilige Weiß und den
sowjetischen Müll

, München/Wien 1991, S. 53.

2 B. Groys:

Zeitgenössische Kunst aus Moskau. Von der Neo-Avantgarde zum Post-Stalinismus

, München

1991, S. 12.

3 S. Sasse:

Moskauer Konzeptualismus

, in:

DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst

, hg. von

H. Butin, Köln 2006, S. 215.

4 B. Groys:

Gesamtkunstwerk Stalin. Die gespaltene Kultur in der Sowjetunion

, München/Wien

1988/1996, S. 16f.

2


zerstört oder verschwanden in den Tiefen der geheimsten Archive. Nichts sollte mehr

an die Verirrungen der Zeiten des ,,Personenkultes" erinnern. Kurzum: wieder einmal

sollte ein Teil der Identität des Imperiums, ein Teil des sowjetischen Gedächtnisses

unwiederbringlich gelöscht werden ­ während stalinistische Methoden, wenn auch in

abgeschwächter Form, den Kunstbetrieb weiterhin bestimmten. Macht und Kunst in

einem unheiligen Bündnis: gerade diesen ,,ästhetisch-politischen Willen zur Macht"

machten, so Boris Groys, die Konzeptualisten zum Gegenstand ihrer Reflektion.5

Doch nicht mit der Absicht der ,,Entlarvung" näherten sich die Künstler der 70er Jahre

dem ,,Gesamtkunstwerk Stalin" - sie ästhetisierten das blutgetränkte Paradies. Kabakov

selbst beschreibt den Konzeptualismus als ,,eigentlich apologetisch", als aus dem Geiste

der Nostalgie und dem Verlangen des liebevollen Sich-Erinnerns an die Kindheit unter

Stalin geboren.6 ,,Nachvollzug" und ,,subversive Affirmation" waren seine

Schlagwörter: indem sie die Strukturen der stalinistischen Kunst offen legten und sie

reflektierten, präsentierten sich ,,Stalins beste Schüler" gewissermaßen als Vollender

des Stalinschen Projekts.7 Anstatt die Mythologie und die Machtsymbolik der

Sowjetunion aus ihrem Gesichtskreis auszuschließen, holten die Künstler sie direkt zu

sich ins Atelier bzw. auf den Schreibtisch. So widmete sich das Duo Komar und

Melamid während seiner sozartistischen Phase der hohen sowjetischen Klassik -

bevorzugt der Darstellung des großen

vozhd′

in Person. Ihre Bilder verstanden sie als

,,Seancen einer kollektiven Psychoanalyse", in denen sich die frei kombinierten

visuellen Zeichen, so Groys, zu einem unendlichen Zeichenspiel ohne festgelegte

Semantik verschränkten.8 Erik Bulatov seinerseits simulierte in seinen Bildern die von

Ideologie geradezu durchtränkte alltägliche Zeichenwelt der sowjetischen Gesellschaft:

so etwa jenen (roten) Horizont der, zum Ordensband mutiert, das Bild

Der Verlorene

Horizont

durchschneidet und der auf das Meer zuschreitenden Gruppe den Weg bzw.

die Sicht auf den Horizont versperrt. In den Müll-Arrangements Il′ja Kabakovs

wiederum wachsen, so Sylvia Sasse, Überreste von sowjetischen Alltagsgegenständen

zu einem Kommentar der sowjetischen Gesellschaft zusammen.9 Der an sich desolate

und für Kabakov als Metonymie und Metapher der sowjetischen Gesellschaft

fungierende Müll wird, einmal katalogisiert, kommentiert und geordnet, zu einem

5 B. Groys:

Gesamtkunstwerk Stalin

, S. 89.

6 Ebd., S. 62.

7 Ebd., S. 83.

8 B. Groys:

Zeitgenössische Kunst aus Moskau

, S. 187f.

9 S. Sasse:

Texte aus dem Kanon der Leere. Sozart-Konzeptkunst-Noma-Moksa

, in:

Via Regia

48/49,

1997, S.4.

3


,,Archiv der Erinnerungen", in dem in wohltuender, da alles relativierender Weise

Triviales und Kostbares zu einer einzigen Schichtung der Wertlosigkeit verschmelzen.10

Ähnliche Verfahren der Verwertung sowjetischer Realität erprobten auch die ersten

Dichter der konzeptualistischen Kreises: ihnen galt die Sprache ­ sowohl jene der

offiziellen sowjetischen Literatur mit ihren Mythen, wie jene des von Ideologie

zerfressenen Alltags, als Material der Dichtung. So schrieb etwa Dmitrij A. Prigov die

Mythen der sowjetischen Helden oder der Anfänge der bolschewistischen Partei fort,

widmete sich dem Puskin - Gedenkkult, schrieb dem Genossen Stalin Dankesbriefe für

seine glückliche Kindheit und erschien zu seinen Lesungen in der Ausstaffierung eines

Milizionärs. Die Sprache des Totalitarismus ­ und das gilt auch für Lev Rubinstejn und

Vladimir Sorokin ­ wird als eine in sich geschlossene Struktur kurzerhand in die

Dichtung übernommen und somit für die eigenen Zwecke eingesetzt.

Die Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus blieb aber das Vorrecht einer Elite ­

eben des vom Rest der inoffiziellen Szene wie von der offiziellen Kultur gleichermaßen

abgetrennt existierenden Konzeptualistischen Kreises, dessen Lebens- und

Schaffensweise mit der Zeit immer sektiererischere Züge annahm. Wie ,,Livingstone in

Afrika"11 fühlten sich diese Künstler und Schriftsteller in der Sowjetunion, meinte Il′ja

Kabakov. Fasziniert, verängstigt, befremdet ­ und doch wollte und konnte man sich

vom sowjetischen Kontext künstlerisch nicht ,,befreien", indem man ihn verwarf. Die

Konzeptualisten verblieben in der Abgeschiedenheit der Sowjetunion: im

Konzeptualismus wird das totalitäre System zur Obsession, es wird total ­ und

gleichzeitig, durch die Brille des ,,livingstoneschen Mercedes" betrachtet, seltsam

verfremdet. Die sowjetische Kultur findet in den Werken der Konzeptualisten - wie in

einem

perpetuum mobile

- ihre endlose Fortsetzung: Krankheit, Diagnose und Therapie

verschmelzen ineinander.12

10 I. Kabakov, B. Groys:

Die Kunst des Fliehens

, S. 105ff.

11

Slovar′ terminov moskovskoj konceptual′noj skoly

, sostavitel′ i avtor predislovija Andrej Monastyrskij,

Moskva 1999, S. 57.

12 A. Hansen-Löve: ,,

Wir wussten nicht, dass wir Prosa sprechen"

.

Die Konzeptualisierung Russlands im
Russischen Konzeptualismus

, in:

Wiener Slawistischer Almanach, Sonderband 44

(1997), S. 443.

4



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