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Die politischen Aufsätze Fedor Tjutčevs

Subtitle: Die Revolutionen des 19. Jahrhunderts als Ausgangspunkt für die Theorie vom "Dritten Rom"

Scholary Paper (Seminar), 2007, 14 Pages
Author: Janine Schöne
Subject: Russian / Slavic Languages

Details

Institution/College: University of Passau
Tags: Aufsätze, Fedor, Tjutčevs
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2007
Pages: 14
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 11  Entries
Language: German
Archive No.: V86650
ISBN (E-book): 978-3-638-02691-8
ISBN (Book): 978-3-638-92910-3
File size: 137 KB

Abstract

Als Dichter gepriesen, als Politiker verkannt. Als Lyriker ist Fedor Ivanovič Tjutčev (1804-1873) im russischen Gedächtnis verankert; als Diplomat und Verfasser politischer Schriften wäre es ihm selbst angenehm gewesen. Persönliche Kontakte zum Zaren Nikolaj I., führenden Regierungsbeamten und eine Tätigkeit an der Russischen Mission in München zeugen von seinem politischen Interesse und dem Willen Einfluss auf außenpolitische Geschicke zu nehmen. 22 Jahre seines Lebens verbrachte Fedor Tjutčev in Deutschland und verfolgte aufmerksam die Politik des Westens. Besonders die Einheitsbestrebungen Deutschlands und die revolutionären Bewegungen des 19. Jahrhunderts beeinflussten seine politische Haltung und Theorie. Im Kontext der kulturosophischen Debatte bilden diese eine Grundlage des slavophilen Denkens und panslavistischer Bestrebungen. Anhand der politischen Aufsätze "Russland und Deutschland", "Russland und die Revolution" sowie "Das Papsttum und die römische Frage" soll die Entwicklung seiner historiosophischen Ansicht und deren Begründung deduktiv aufgezeigt werden. Genauerer Betrachtung unterliegt dabei die Rolle der Revolution und deren formale Gestaltung in der Argumentation. Anlass dafür ist ihre Bedeutung als Voraussetzung und Basis der Folgerungen Tjutčevs.


Excerpt (computer-generated)

INHALTSVERZEICHNIS

1.

Einleitung 1



2.

Die historiosophische These Tjut

c

evs 1

2.1

Beweggründe und Voraussetzungen 2

2.2

Entwicklung der Argumente 2

a)

Russland und Deutschland

b)

Russland und die Revolution

c)

Das Papsttum und die römische Frage



3.

Die Metaphorik der Revolution 6

3.1

Personifizierte Revolution 7

3.2

Revolution als Krankheit 7

3.3

Religiöse Allegorien 8

a) Baum

b) Gebäude

c) Biblische Figuren

d) Heidentum



4.

Zusammenfassung 10



LITERATURVERZEICHNIS



1.

Einleitung

Als Dichter gepriesen, als Politiker verkannt. Als Lyriker ist Fedor Ivanovic Tjutcev (1804-

1873) im russischen Gedächtnis verankert; als Diplomat und Verfasser politischer Schriften

wäre es ihm selbst angenehm gewesen. Persönliche Kontakte zum Zaren Nikolaj I., führenden

Regierungsbeamten und eine Tätigkeit an der Russischen Mission in München zeugen von

seinem politischen Interesse und dem Willen Einfluss auf außenpolitische Geschicke zu neh-

men. 22 Jahre seines Lebens verbrachte Fedor Tjutcev in Deutschland und verfolgte aufmerk-

sam die Politik des Westens. Besonders die Einheitsbestrebungen Deutschlands und die revo-

lutionären Bewegungen des 19. Jahrhunderts beeinflussten seine politische Haltung und Theo-

rie. Im Kontext der kulturosophischen Debatte bilden diese eine Grundlage des slavophilen

Denkens und panslavistischer Bestrebungen.1

Anhand der politischen Aufsätze

Russland und Deutschland

,

Russland und die Revolution

sowie

Das Papsttum und die römische Frage

soll die Entwicklung seiner historiosophischen

Ansicht und deren Begründung deduktiv aufgezeigt werden. Genauerer Betrachtung unterliegt

dabei die Rolle der Revolution und deren formale Gestaltung in der Argumentation. Anlass

dafür ist ihre Bedeutung als Voraussetzung und Basis der Folgerungen Tjutcevs.


2.

Die historiosophische These Tjut

c

evs

Die politische Prosa Tjutcevs dient zunächst der Kontrastierung von Russland und dem west-

lichen Europa. Die im 19. Jahrhundert stattfindenden Revolutionen sind hierbei Bezugsthema

für ihn. Dabei setzt er sich vornehmlich mit den Revolutionen in Deutschland und Italien aus-

einander, wobei ihn das ,,Ursprungsland" Frankreich in seinen politischen Auseinanderset-

zungen kaum beschäftigt. Bestimmend ist seine Annahme, dass die europäischen Revolutio-

nen den Zerfall des Westens ankündigen. Sie sind der Höhepunkt einer Reihe historischer Er-

eignisse in Westeuropa, die den Osten nicht betreffen. Deswegen und aufgrund des orthodo-

xen Glaubens ­ dem wahren und ursprünglichem Glauben ­ nimmt Russland eine besondere

kulturelle Stellung innerhalb Europas ein. In diesem Zusammenhang spricht Tjutcev Russland

den Status des ,,Dritten Roms" und die daraus folgende zukünftige Vorherrschaft in Europa

zu. Der Autor nimmt hierbei die nach dem Fall Konstantinopels im Jahre 1453 populäre The-

se erneut auf und projiziert sie auf das Europa seiner Zeit.2 Wurde Anfang des 16. Jahrhun-

1 Der Diskurs über die zukünftige kulturelle und politische Stellung Russlands entbrannte nach der Veröffentli-

chung des

Ersten Philosophischen Briefs

von Petr Caadaev 1836.

2 Die russische Kirche übernahm in Folge der Ereignisse von 1453 das osteuropäische Imperium, welches 1472

durch die Heirat Ivans III mit der byzantinischen Prinzessin Zoe bekräftigt wurde. Daraus leiteten sich Anfang

1


derts noch der Verfall des über Russland herrschenden Byzanz als Beginn der russischen

Herrschaft erklärt, so tritt im 19. Jahrhundert der Verfall des Westens, insbesondere Roms, an

dessen Stelle.

2.1

Beweggründe und Voraussetzungen

Der Ausgangspunkt seiner Überlegungen findet sich in den Spannungen des Deutschen Bun-

des, der im Gegensatz zu liberal-konstitutionellen Bewegungen steht.3 Diese Zeit des deut-

schen Vormärz betrachtet der seit 1822 in München lebende Tjutcev mit Sorge.4 Das Streben

nach Wahrung der Unabhängigkeit der Einzelstaaten einerseits und die Sehnsucht nach einer

deutschen Nation andererseits stellt für ihn das Problem der deutschen Einheit dar, welche

deshalb ,,grundsätzlich unmöglich" ist (Ospovat 1998:452).

Ein weiterer Grund zum Verfassen der ersten Schrift

Russland und Deutschland

ist die nach

1831 verstärkte antirussische Stimmung in Deutschland, insbesondere der Öffentlichkeit und

der Presse.5 Verschärft wurden diese Antipathien durch das 1843 erschienene Buch

Russland

im Jahre 1839

des Franzosen Marquis de Custine. Die Russlandfeindlichkeit verletzte Tjutcev

auch persönlich, verbreitete sie sich doch in einem Land, dessen Kultur und Literatur er seit

seiner frühen Jugend sehr schätzte. Er entschloss sich gegen diese Tendenzen zu wirken, in-

dem er zwei Briefe an den Redakteur der

Augsburger Allgemeinen Zeitung

Gustav Kolb

schrieb. Der erste Brief wurde als Artikel veröffentlicht, der zweite erschien 1844 unter dem

Titel

Russland und Deutschland

als Broschüre. Vor dem Hintergrund der negativen Einstel-

lung gegenüber Russland erläutert Tjutcev darin die deutsch-russischen Beziehungen und

warnt vor schweren Folgen für die deutsche Einheit, falls sich diese Neigungen in Deutsch-

land weiterentwickeln würden.

2.2

Entwicklung der Argumente

Die Begründung seiner These entfaltet Tjutcev allmählich, weshalb die drei politischen

Schriften inhaltlich verbunden sind. Einige Argumente verwendet er mehrmals, andere dage-

gen greift er nicht erneut auf. Genauer betrachtet werden sollen die von ihm gebildeten Oppo-

sitionspaare, sowie seine Argumente für die zukünftige Position Russlands.

des 16. Jahrhunderts die Theorien von ,,Moskau dem Dritten Rom" ab, deren grundlegende Formulierung dem

Mönch Filofej von Pskov nach 1510 zuzuschreiben ist.

3 Der Deutsche Bund tritt 1815 an die Stelle des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und bildet sich

aus 37 souveränen Fürstentümern und vier freien Städten. Im selben Jahr wird die Jenaer Burschenschaft gegrün-

det, welche die liberal-nationale Einigung Deutschlands anstrebt.

4 Als Vormärz wird die Zeit vom Wiener Kongress 1815 bis zur Märzrevolution 1848 bezeichnet.

5 1831 wurde der polnische Aufstand durch Russland niedergeschlagen.

2



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