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Diploma Thesis, 2007, 189 Pages
Author: Diplom Psychologe Michael Terneß
Subject: Psychology - Miscellaneous
Details
Tags: Warum, Eine, Studie, Lebenssinn, Lebensziele, Jugendlicher, Rehabilitation
Year: 2007
Pages: 189
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 116 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-02160-9
File size: 940 KB
Die Arbeit wurde bereits im November als Buch bei Verlag Dr. Müller herausgegeben und soll deshalb nur als Ebook veröffentlicht werden. Die kostenpflichtige Veröffentlichung als Ebook wurde von Verlag Dr Müller explizit gestattet.
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Abstract
Seit Jahren häufen sich Berichte und Statistiken, die belegen, dass Jugendliche immer früher beginnen, Alkohol und Cannabis zu konsumieren. Es stellt sich die Frage, was eigentlich die Ursachen für dieses Phänomen sind. Die vorliegende Arbeit versucht genau das in seiner Essenz zu erfassen, indem sie dabei die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, einer Frage, die in einer rational-wissenschaftlich orientierten und pluralistischen Gesellschaft mehr denn je Antworten bedarf und untersucht werden muss. Es wird dabei ein Überblick über den aktuellen Stand der Lebenssinn-Forschung in der Psychologie gegeben. Außerdem wurden aus einer humanistischen Grundhaltung heraus Persönliche Gespräche mit suchtkranken Jugendlichen geführt, die sich zu diesem Zeitpunkt im COME IN, einer speziellen rehabilitativen Einrichtung in Hamburg befanden. Die Jugendlichen geben einen faszinierenden Einblick in ihre Erlebenswelt und sprechen über Lebenssinn, persönliche Lebensziele und ihre Wertvorstellungen. Vor dem Hintergrund ihrer Biographien bekommt nicht nur der fachkundige Leser eine sehr bewegende Idee davon, wo der eigentliche Kern dieser Problematik liegt.
Excerpt (computer-generated)
Universität Hamburg
Fachbereich 16 - Psychologie
„Warum bin ich nicht weg und dafür
jemand anders da?“
Eine qualitative Studie über Lebenssinn und Lebensziele suchtkranker
Jugendlicher in der Rehabilitation
Diplomarbeit
Zur Diplomprüfung im Studiengang Psychologie des Fachbereichs Psychologie
der Universität Hamburg.
FB Psychologie
Klassifikation: 250 Spezielle Probleme der Entwicklungspsychologie
Michael Terneß
Hamburg, den 25.10.2007
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 1
2. Sinnforschung in der Psychologie ... 4
2.1. Theorie ... 4
2.2. Qualitative und quantitative Studien ... 7
2.3. Empirie der Lebensziele ... 12
2.4. Sucht und Adoleszenz ... 13
2.5. Das Persönliche Gespräch als alternativer Ausweg ... 15
3. Meine persönliche „Nicht-Sinn“ „Nicht-Theorie“ Theorie ... 16
4. Methode ... 19
4.1. „Stichprobe“ ... 19
4.1.1. Das COME IN ... 19
4.1.2. Die Klienten ... 21
4.2. Das Persönliche Gespräch ... 21
4.3. Wissenschaftstheoretische Einbettung der Methode ... 22
4.4. Persönliche Umsetzung der Metaphysik Sterns im Persönlichen Gespräch ... 24
4.5. Entwicklung der Einstiegsfrage ... 25
4.6. Hintergrundleitfaden ... 26
4.7. Darstellung der Verdichtungen ... 28
5. Gesprächsverdichtungen ... 29
5.1. Verdichtungsprotokoll Kevin ... 29
5.2. Verdichtungsprotokoll Mark ... 41
5.3. Verdichtungsprotokoll Uwe ... 51
5.4. Verdichtungsprotokoll Patrick ... 66
5.5. Verdichtungsprotokoll Karl ... 77
5.6. Verdichtungsprotokoll Sina ... 91
5.7. Verdichtungsprotokoll Janine ... 102
5.8. Verdichtungsprotokoll Igor ... 116
6. Auswertung ... 137
7. Das Panorama der Lebenswirklichkeiten zum Erleben von Lebenssinn - Aussagen aufgrund aller Gespräche ... 138
7.1. Lebenssinn ... 138
7.1.1. Angenehme Aktivitäten ... 141
7.1.1.1. Aussagen ... 141
7.1.1.2. Diskussion der Aussagen ... 144
7.1.2. Lebensgeschichtlich bedingte suchtspezifische Sinnorientierungen ... 145
7.1.2.1. Aussagen ... 145
7.1.2.2. Diskussion der Aussagen ... 146
7.1.3. Ziel– und Erfolgsorientierung ... 147
7.1.3.1. Aussagen ... 147
7.1.3.2. Diskussion der Aussagen ... 147
7.1.4. Verantwortung innerhalb der Gesellschaft ... 148
7.1.4.1. Aussagen ... 148
7.1.4.2. Diskussion der Aussagen ... 148
7.1.5. Exkurs: Schwierigkeiten bei der Beantwortung der Frage nach Lebenssinn ... 149
7.2. Lebensziele ... 149
7.2.1. Soziale Beziehungen ... 150
7.2.1.1. Aussagen ... 150
7.2.1.2. Diskussion der Aussagen ... 151
7.2.2. Arbeit ... 152
7.2.2.1. Aussagen ... 152
7.2.2.2. Diskussion der Aussagen ... 152
7.2.3. Geld und materielle Werte ... 153
7.2.3.1. Aussagen ... 153
7.2.3.2. Diskussion der Aussagen ... 153
7.2.4. Urlaub ... 154
7.2.4.1. Aussagen ... 154
7.2.4.2. Diskussion der Aussagen ... 154
7.2.5. Wünsche und Träume ... 154
7.2.5.1. Aussagen ... 154
7.2.5.2. Diskussion der Aussagen ... 155
7.2.6. Alternativen ... 155
7.2.6.1. Aussagen ... 155
7.2.6.2. Diskussion der Aussagen ... 155
7.2.7. Exkurs: Vorstellungen vom Rentenalter ... 156
7.2.7.1. Aussagen ... 156
7.2.7.2. Diskussion der Aussagen ... 156
7.2.8. Diskussion aller Aussagen zum Thema Lebensziele ... 156
7.3. Glaube ... 157
7.3.1. Aussagen ... 157
7.3.2. Diskussion der Aussagen ... 159
7.4. Beziehung zu Eltern und anderen wichtigen Bezugspersonen ... 161
7.4.1. Aussagen zu strukturellen Merkmalen der familiären Geschichte ... 161
7.4.2. Aussagen zu bedeutsamen durch Erzieher vermittelten Werten ... 162
7.4.3. Diskussion der Aussagen ... 163
7.5. Sucht und Vergangenheit ... 164
7.5.1. Aussagen zu Suchtentwicklung und Drogenalltag ... 164
7.5.2. Aussagen zu subjektiven Ursachen für die Suchtentwicklung ... 165
7.5.3. Aussagen zur Bewertung und Einordnung der Drogenerfahrung aus heutiger Perspektive ... 166
7.5.4. Diskussion der Aussagen ... 166
7.6. Erleben und Lernen im COME IN ... 168
7.6.1. Aussagen zu aktuellem Erleben und Probleme im COME IN ... 168
7.6.2. Aussagen zu Gelerntem im COME IN ... 169
7.6.3. Diskussion der Aussagen ... 170
7.6.4. Exkurs: Geschlechtsunterschiede und Vergleich von Phase 1 und Phase 2- Klienten ... 171
7.7. Gesprächsbilanz ... 172
7.7.1. Aussagen der Klienten zum Erleben während des Gespräches sowie dessen Bewertung ... 172
7.7.2. Diskussion der Aussagen ... 173
8. Zusammenfassung ... 174
9. Schlussbetrachtung ... 176
10. Literaturverzeichnis ... 178
1. Einleitung
Das Thema Lebenssinn und die daran angeschlossene Frage nach der Wahl entsprechender Lebensziele findet in der „Mainstream“-Psychologie kaum Aufmerksamkeit. Dies ist insofern ein wenig verwunderlich, als dass die Beantwortbarkeit damit zusammenhängender Fragen eigentlich jeden Menschen betreffen:
Was ist der Sinn meines Lebens, der Menschheit, des Kosmos? Was soll das alles? Warum gibt es soviel Leiden auf der Erde? Wer bin ich? Wer war ich vor meiner Geburt? Was wird nach meinem Tod sein? Was bedeuten diese Fragen für mein Leben?
Sicherlich haben die großen Schulen (vor allem das psychoanalytische und das lerntheoretische Paradigma) diese Fragen tendenziell eher anderen Institutionen überlassen, da sie ihnen zu vage und grenzenlos erschienen, um sie theoretisch und empirisch zu erforschen (Debats, 1999). Trotzdem gibt es auch in der Psychologie Richtungen und einzelne Theoretiker die sich explizit damit auseinandersetzten. Als einflussreichster Vertreter wäre hier Viktor Frankl zu nennen, der mit seiner Logotherapie und Existenzanalyse eine Therapie entwickelt hat, in der diese Fragen das Zentrum bilden (vgl. Frankl, 1976). Sehr einflussreich in Sinn-Theorie und Forschung waren zudem Abraham Maslow und Irving Yalom (vgl. Debats, 1996). Aber auch schon bei C.G. Jung‘s analytischer Psychologie ist die Sinnfindung im Rahmen des Individuationsprozesses ein wichtiges Element (vgl. Jung, 1932). Weiterhin zu nennen wäre hier noch Jacques Lacan und seine strukturalistische Psychoanalyse, die letztendlich auch zum Kernproblem des Menschen vordringen möchte, dem Nicht-Erfassen-Können der Dinge (vgl. Widmer, 2004). Lacan verstand sich zwar als reiner Freudianer, der dessen Theorie und Methode nur konsequent weiter gedacht habe, er lässt sich inhaltlich aber doch davon abgrenzen. Auch die von Seligmann begründete positive Psychologie, die sich vorwiegend mit den guten Aspekten des menschlichen Miteinander beschäftigt (vgl. Seligman & Csikszentmihalyi, 2000) steht der Beschäftigung mit Lebenssinn und Lebenszielen sehr nahe. Schließlich sollte noch Ken Wilber als wichtiger Vertreter der transpersonalen Psychologie Erwähnung finden (vgl. Wilber, 1983), wobei wir uns hier schon sehr an den Randbereichen der Psychologie bewegen. Die subjektiv wichtigsten dieser genannten Ansätze sollen überblicksmäßig im theoretischen Teil dieser Arbeit angerissen und dann im Ergebnisteil diskutiert werden.
In der Literatur beziehen sich die meisten empirischen Arbeiten auf Frankls Konzept der Sinnleere als mögliche Ursache für psychische Störungen. Er nimmt an, dass insbesondere bei vielen Menschen der jüngeren Generationen unserer Zeit ein sogenanntes existentielles Vakuum, also eine Sinnleere, besteht. Als Ursache sieht er dafür die Diskrepanz zwischen den unzähligen Möglichkeiten der Lebensgestaltung und Planung und einem gleichzeitigen Verlust an Traditionen und Ritualen, die einem den Weg weisen und Struktur geben (z.B. Frankl, 1997). Diese Diskrepanz scheint sich durch den Wandel gesellschaftlicher Verhältnisse von Generation zu Generation noch zu vergrößern.
Sucht betrachtet Frankl als Versuch dieses Vakuum mit Hilfe der Droge zu füllen. Da die Stimulanz allerdings kein adäquater Ersatz für Sinn ist, muss dieser Versuch misslingen.
Sieht man sich nun die Stichprobe der suchtkranken Jugendlichen an, so erscheint einem diese in dem Zusammenhang besonders interessant. Einerseits als Vertreter der jüngeren Generation mit einem vermeintlichen Aufwachsen in einer haltlosen Welt und andererseits das (zumindest theoretische) Leiden an einer Sinnleere mit dem Versuch des Ausgleichs durch Drogenkonsum.
Empirische Untersuchungen zu dieser Population sind im Vergleich zur Menge an wissenschaftlichen Daten, die sich allgemein mit der Thematik Lebenssinn und Lebensziele beschäftigen, relativ gering. Die Masse bilden dabei entweder rein theoretische Arbeiten oder quantitative Befunde mittels Fragebögen. Qualitative Ansätze sind (zumindest nach Literatursichtung des Autors) eher selten und nicht anhand Interviews oder Gesprächen durchgeführt worden. Insbesondere humanistisch orientierte qualitative Untersuchungs-Methoden werden komplett vermisst. Da der Mensch aber immer in Beziehung zu anderen Menschen steht und somit auch Sinnfindung und das sich Auseinandersetzen mit der Sinn-Thematik wahrscheinlich nicht als autistischer Prozess stattfindet, wäre es besonders wichtig mit der untersuchten Person in Beziehung zu treten, um gehaltreiche Informationen zu erhalten. Das Persönliche Gespräch nach Inghard Langer (2000) ist eine Methode qualitativer Forschung, die genau hier ansetzt. In diesem Sinne versucht diese Arbeit mit Hilfe des Persönlichen Gespräches die besagte Lücke zu füllen. Sinn wird dabei von mir als sich im Moment, entweder in der tatsächlichen oder imaginären Beziehung mit anderen Menschen, konstituierend verstanden. Hierbei führte ich Gespräche mit 6 männlichen und 2 weiblichen Jugendlichen des „COME IN“ (im Folgenden ohne Anführungsstriche), einer Einrichtung zur Rehabilitation suchtkranker Jugendlicher. Ich versuchte eine wertschätzende, empathische und authentische Grundhaltung gegenüber den Klienten einzuhalten, um mich so auf ihren inneren Bezugsrahmen einzustellen und intensiv mit ihnen in Beziehung zu treten. Dieses In-Beziehung-Treten hat selbst dynamischen Charakter und entwickelt und verändert sich von Gespräch zu Gespräch. Um dem gerecht zu werden versuche ich auch diese prozesshaften Aspekte meiner Gespräche zu der Thematik Lebenssinn und Lebensziele in dieser Arbeit darzustellen. Die Gespräche werden in verdichteter Form präsentiert mit einer anschließenden persönlichen Beschreibung meiner Eindrücke und Ideen, die das jeweilige Gespräch bei mir ausgelöst hat.
Persönlicher Bezugspunkt. Weiterhin wichtig für das Verständnis und die Einordnung der Gespräche, als auch der ganzen Arbeit, ist mein persönlicher Bezugspunkt. Als Mensch bin ich in der prekären Situation ein Bewusstsein meiner selbst zu haben. Viel mehr noch, ein Bewusstsein über mein Bewusstsein meiner selbst (und so weiter). Mit dieser Möglichkeit taucht nun auch die Fähigkeit zur Sinnfrage auf. Mit anderen Worten: Auch ich stelle mir die Frage nach dem Sinn des Lebens und muss versuchen entsprechende Lebensziele, verbunden mit den passenden Wertvorstellungen, zu verwirklichen. Insofern bin ich als Mitglied der Gattung Mensch ein Betroffener. Was mich vielleicht von einigen anderen unterscheidet ist die Tatsache, dass ich mich bewusst für das bewusste Suchen nach Antworten auf diese Frage als primäres Lebensziel entschieden habe. Der Weg, den ich mir hierzu ausgesucht habe, ist der Zen-Buddhismus. Zu meiner Lebenspraxis gehören also das Zazen, die Meditation oder das Sitzen in Stille, das Beschäftigen mit entsprechender Philosophie und Ethik und der Versuch diese in meinem täglichen Handeln zu verwirklichen.
Meinen Bezug zu dem Thema Sucht möchte ich auf andere Art und Weise darstellen. Da ich meinen Klienten in den Gesprächen offen als Person mit eigener Historie gegenübertreten wollte und nicht als neutraler „Schwingungskörper“ oder dergleichen, entschied ich mich vor jedem Gespräch einen kurzen Abriss meiner eigenen Geschichte zu geben, um meine Beweggründe für dieses Gespräch aufzuzeigen. Damit der Leser einen Eindruck gewinnt, wie ich also in diese Gespräche „eingestiegen“ bin, im Folgenden beispielhaft ein Ausschnitt aus dem Gespräch mit Uwe:
„Wie komm ich überhaupt dazu, dass ich jetzt hier im COME IN das mache und dass ich euch Klienten dann befrage? Meine eigene Geschichte: Jetzt bin ich Psychologie-Student. Das ist sozusagen meine Diplomarbeit. Es ist aber so, dass ich selber sozusagen Spätaussiedler-Kind bin. Ich bin in einem Viertel groß geworden in Süddeutschland, wo 80% Russen waren. Das ist die höchste Dichte in ganz Deutschland. Wie Du dir vorstellen kannst, da geht halt einiges ab auch. Das heißt ich hab auch so eine entsprechende Vergangenheit, hatte auch Kontakt denn mit Drogen usw. Ich hatte vielleicht Glück, dass ich nicht zu doll abgerutscht bin, süchtig geworden bin oder so, aber ich hatte viele Freunde gehabt, viele Bekannte, die hatten vielleicht nicht so dieses Glück. Was ich mich dann so gefragt hab oder frage ist in diesem Zusammenhang das Thema Lebenssinn. Was hab ich für einen Sinn im Leben?...“
Hinweise für den Leser. Als Hauptteil dieser Arbeit werden die sogenannten Verdichtungen der Gespräche mit den Klienten betrachtet. Hier kommen die Klienten selbst zu Wort und treten mit mir, aber auch mit dem Leser in Kontakt. Das Lesen dieser Gespräche soll und wird zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit der Thematik „Lebenssinn“ anregen. Man bekommt einen Eindruck von der Lebenswelt dieser Jugendlichen und wird Sympathien, Verwunderung aber vielleicht auch Befremden empfinden. Das Lesen dieser Verdichtungen stellt somit die Essenz dieser Arbeit dar.
Der theoretisch interessierte Leser sei trotzdem auch auf die Kapitel zu Theorie, Empirie, Methode und selbstverständlich den Ergebnisteil verwiesen. Die Theorie kann einem dabei die passende Brille aufsetzen, um die Gespräche zu lesen. Diese Brille vermag es unter Umständen ein schärferes Lesen zu ermöglichen. Möglicherweise kann es aber auch lohnenswert sein erstmal gewisse Unschärfen auf sich wirken zu lassen, bevor man entstandene Brüche und Fragezeichen gleich in theoretischer Konsistenz erstickt.
In der Regel wird eine wissenschaftliche Arbeit eher selten mit Muße vor dem Einschlafen gelesen werden, so wie man dies bspw. mit Belletristik macht. Das möglichst rasche Herausziehen der gewonnenen Erkenntnisse zur eventuellen Verwendung für die eigene wissenschaftliche Arbeit ist dabei elementar. Diese Art des Lesens wird zwar dem Wert der Gespräche und der hier praktizierten humanistischen Vorgehensweise eher weniger gerecht, trotzdem sei es auch diesem Leser freigestellt die interessanten Ergebnisse mit Einbettung in den wissenschaftlichen Diskurs sofort zu rezipieren. Ich kann ihn sowieso nicht daran hindern. Es empfiehlt sich nichts desto trotz wenigstens eine Gesprächsverdichtung zu lesen. Hierfür würde ich das Gespräch mit Karl empfehlen, oder Janine, oder doch besser Mark…?
2. Sinnforschung in der Psychologie
2.1. Theorie
Eine etymologische Betrachtung der Wurzeln des Sinnbegriffes ist bereits sehr aufschlussreich. „Weg“, „Gang“ oder „Reise“ werden als ursprüngliche Bedeutung angesehen (Schnell, 2004), wobei die germanische Wortgruppe um Sinn auf der indogermanischen Wurzel „sent-“ beruht, deren ursprüngliche Bedeutung wiederum „eine Fährte suchen, eine Richtung nehmen“ war (Duden Etymologie, 1989). Die Suche an sich scheint also ein zentrales Element zu sein.
Der umgangssprachliche Gebrauch von Sinn gestaltet sich bereits etwas schwieriger. „Wir wissen, was wir meinen, aber wir können es nicht erklären und kaum beschreiben“ (Schnell, 2004, S.41), wobei Glück oder Schönheit im Gebrauch nahe liegende Assoziationen sind. Schnell (ebd.) gibt hierzu folgende Zusammenfassung: „Der lebensweltliche Gebrauch des Begriffs Sinn umfasst also die folgenden Aspekte: emotionale Stimmigkeit, Nachvollzug von Kohärenz und Affirmation einer Richtung auf ein bestimmtes Ziel hin.“ Wenn es um den Sinn des Lebens geht, befindet man sich auf einer relativ abstrakten Ebene des Sinnbegriffs, die zudem die eigene Person mit einschließt und somit kognitive (bspw. in Form bestimmter Einstellungen), affektive, aber auch Handlungsaspekte beinhaltet, die alle als eine Ausdrucksform des Selbst- und Weltbild betrachtet werden können.
Sobald es also um den Sinn des Lebens geht, wird das Feld unserer Betrachtung sehr viel breiter. Es mag einem möglicherweise geradezu grenzenlos erscheinen. Wahrscheinlich ist es dieser Umstand, der dazu geführt hat, dass die Beschäftigung mit dem Thema Lebenssinn niemals in der „Mainstream“-Psychologie ihren Eingang gefunden hat.
Unter denen die dies trotzdem gewagt haben, waren Viktor E. Frankl, Abraham Maslow und Irvin Yalom wahrscheinlich die Einflussreichsten in der klinischen Psychologie. Aus diesem Grunde wird im Folgenden ein kurzer Abriss ihrer Theorien folgen. Weniger einflussreich, auf die heutige Psychologie bezogen, dafür aber zeitlich früher als die drei genannten, waren C.G. Jungs Überlegungen zu der Thematik. Auch sie sollen hier kurz gewürdigt werden.
Nach Viktor Frankl verfügt der Mensch nicht nur über die körperliche (somatische, physische) und seelische (psychische) Dimension, sondern es ist vielmehr die geistige (noetische) Dimension entscheidend (Riedel, Deckart & Noyon, 2002), so „dass das eigentlich Menschliche erst aufscheinen kann, sobald wir uns in die Dimension des Geistigen hineinwagen. Als Mensch wird der Mensch erst sichtbar, wofern wir diese ‘dritte‘ Dimension in seine Betrachtung einbeziehen“ (Frankl, 1994, S.65). Zu den Bestandteilen des Geistes gehört unter anderem der sogenannte „Wille zum Sinn“. Dabei konstituiert sich Sinnerleben aus drei Arten von Werten:
- Schöpferische Werte: inspirieren Menschen zum Produzieren, Schaffen und Erreichen, üblicherweise durch Arbeit.
- Erlebniswerte: beinhalten positive menschliche Erfahrungen wie bspw. die Liebe oder die Wertschätzung des Schönen.
- Einstellungswerte: eine bedeutungsvolle Haltung gegenüber dem Schicksal, insbesondere im Angesicht unvermeidbarer negativer Bedingungen.
Jede Situation beinhaltet ihren eigenen wahren Sinn, den es für das Individuum, mittels seines Bewusstseins und seiner intuitiven Fähigkeiten, zu finden gilt. Findet der Mensch keinen übergeordneten Sinn im Leben, fehlt ihm etwas Notwendiges. Dieser Mangel, bzw. diese Frustration des Willens zum Sinn, kann sich dann in einem „existentiellen Vakuum“ oder einer noogenen (von griech. noos: Sinn, Verstand) Neurose äußern, die typischerweise von den Symptomen der Langeweile und Apathie begleitet ist. Sie kann sich aber auch auf andere Weise psychopathologisch zeigen: „Es gibt auch maskierte Formen der existentiellen Frustration. Ich erwähne nur die sich namentlich in der akademischen Jugend häufenden Fälle von Selbstmord, die Drogenabhängigkeit, den so verbreiteten Alkoholismus und die zunehmende (Jugend-) Kriminalität“ (Frankl, 1999, S.11). Wie man sieht, wird hier bereits die theoretische Relevanz des Themas „Lebenssinn“ für die in dieser Studie untersuchten Klienten deutlich.
Abraham Maslow (1968; 1971) erklärt den Einfluss von Lebenssinn und Werten auf die menschliche Motivation aus seiner bekannten Bedürfnishierarchie heraus. Erst wenn die niederen Bedürfnisse befriedigt sind, können Werte ihre motivationale Funktion übernehmen und Individuen zur Hingabe an eine Mission oder einen Zweck führen. Lebenssinn ist ein sogenanntes Wachstumsbedürfnis und unterliegt anderen Regeln als die unteren Mangelbedürfnisse (vgl. Debats, 1996). Die Erfüllung der Wachstumsbedürfnisse ist Voraussetzung für ein gesundes Funktionieren. Deren Frustration führt zu Krankheit. Im Gegensatz zu Mangelbedürfnissen besteht die Erfüllung der Wachstumsbedürfnisse aber nicht nur in der Abwesenheit von Krankheit, sondern führt zu Wachstum. Allerdings können diese Bedürfnisse auch nicht voll befriedigt werden. Lebenssinn kann also entsprechend keine totale Erfüllung erhalten, da er ideellen Charakter hat (und solche Ideale wie bspw. Schönheit niemals Perfektion erreichen können). Sinninhalte können frei gewählt werden, wobei nur solche Inhalte zur Gesundheit führen, die der eigenen inneren Natur entsprechen (Debats, 1996). Ausgewählte Aktivitäten sollten also den intrinsischen Werten so nahe wie möglich kommen. Werterfüllung ist eine notwendige Bedingung für Gesundheit: „The state of being without a system of values is psychopathogenic, we are learning. The human being needs a framework of values, a philosophy of life, a religion or religion surrogate to live by and understand by, in about the same sense that he needs sunlight, calcium or love" (1968, S.206).
[...]
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