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Thesis (M.A.), 2001, 102 Pages
Author: Manuela Knetsch
Subject: English Language and Literature Studies - Comparative Literature
Details
Tags: Postmoderne, Geschichte(n), Wechselwirkung, Epochen, Roman, John, Fowles, French, Lieutenant, Woman, Antonia, Susan, Byatts, Possession
Year: 2001
Pages: 102
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-15674-5
File size: 458 KB
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Excerpt (computer-generated)
Postmoderne Geschichte(n):
Zur Wechselwirkung zweier Epochen
im zeitgenössischen englischen Roman:
John Fowles′ The French Lieutenant′s Woman und
Antonia Susan Byatts Possession
Magisterarbeit
Manuela Knetsch
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung in die thematischen Schwerpunkte und methodische Verfahrensweise der Arbeit 4
2 Kulturgeschichtlicher Hintergrund und gattungstheoretische Grundlagen 6
2.1 Das Phänomen ,,Postmoderne" 6
2.1.1 Moderne contra Postmoderne? Der Weg zum postmodernen Zeitalter 6
2.1.1.1 Zur Begriffsbestimmung 6
2.1.1.2 Die Aufgabe der Kunst 9
2.1.2 Literatur in der Postmoderne 11
2.1.2.1 Zur Entwicklungsgeschichte 11
2.1.2.2 Metafiktion 14
2.1.2.3 Intertextualität 17
2.2 Der postmoderne historische Roman in England 20
2.2.1 Zur Geschichte des historischen Romans 20
2.2.1.1 Das Erbe Walter Scotts 20
2.2.1.2 Postmoderne Einflüsse - Der New Historicism und hybride Genres 22
2.2.2 Typologisierungsansätze 27
2.2.2.1 Linda Hutcheon 27
2.2.2.2 Ansgar Nünning 29
2.2.2.3 Weitere Typologisierungsansätze 32
3 Viktorianische Geschichte(n): Analyse und Vergleich zweier Romane 36
3.1 John Fowles: The French Lieutenant′s Woman 36
3.1.1 Einführung 36
3.1.1.1 Ein Viktorianer auf Abwegen 36
3.1.1.2 Fowles und die postmoderne Literaturkrise 38
3.1.2 Die formale Auseinandersetzung mit dem Viktorianismus 39
3.1.2.1 Wer ist wer? Erzählperspektiven in The French Lieutenant′s Woman 39
3.1.2.2 Fowles intertextuelle Verfahrensweisen 43
3.1.2.3 ,,I have deceived you" - Zum Verhältnis von Text und Leser 46
3.1.2.4 Tradition als Innovation? Resümee der formalen Verfahrensweise 47
3.1.3 Die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Viktorianismus 49
3.1.3.1 Ironie und Kontrast- Zur Unkonventionalität der historischen Darstellung 49
3.1.3.2 Der Glaube an die individuelle Evolution 52
3.1.4 Zusammenfassung und Typologisierung 55
3.1.4.1 Zwischen Tradition und Neuanfang - Postmodernistische Tendenzen 55
3.1.4.2 Ein postmodernistischer historischer Roman? 56
3.2 Antonia Susan Byatt: Possession 60
3.2.1 Besessen von Literatur: Zur Einführung 60
3.2.2 Formale Aspekte 62
3.2.2.1 Viktorianische Spiegelungen - Die Handlungsebenen in Possession 62
3.2.2.2 Mythen, Märchen und Motive: Intertextualität und Pastiche 64
3.2.2.3 Zur Gattungskontamination in Possession 66
3.2.2.4 Formaler Realismus oder postmodernistisches Konzept? 67
3.2.3 Die Wechselwirkung der Epochen: Zur Geschichtsdarstellung in Possession 68
3.2.3.1 Historische Identifikation und individuelle Entwicklung 68
3.2.3.2 Das zyklische Geschichtsbild Giambattista Vicos 70
3.2.3.3 Die textuelle Abhängigkeit historischer Wahrheit(en) 72
3.2.4 Wie man sich aus einem ,,postmodernistischen Gefängnis" befreit... 75
3.2.4.1 Die Parodie auf die Wissenschaft 75
3.2.4.2 Byatts ,,Überwindung" der postmodernen Misere 78
3.2.5 Zusammenfassung und Typologisierung 80
3.2.5.1 Back to the Roots? 80
3.2.5.2 Ein ,,post-postmodernistischer" Roman 82
3.3 Weiterentwicklung oder literarischer ,,Rückschritt" ? - Vergleich und Einordnung beider Romane 85
3.3.1 Allgemeiner Vergleich 85
3.3.1.1 Das literarische Erbe - Formale Charakteristika 85
3.3.1.2 Evolution und Feminismus - Inhaltliche Aspekte 87
3.3.2 Postmoderne Geschichte(n): Zum Vergleich des Geschichtsbildes 88
3.3.2.1 Die Wahl der viktorianischen Epoche 88
3.3.2.2 Existentialismus und Emotion - Die didaktische Grundlage 90
3.3.2.3 Fowles und Byatt im Kontext der literarischen Postmoderne 92
4 Schlußbetrachtung 95
5 Literaturangaben 97
1 Einführung in die thematischen Schwerpunkte und methodische Verfahrensweise der Arbeit 1
Die postmoderne Literatur lädt ein zu Spritztouren: ,,Wunderschöne Antike" oder ,,Romantische Literatur in drei Tagen". Für die Anspruchsvolleren hat sie auch Bildungsreisen ,,zu den Entstehungsstätten der Semiotik" oder ,,quer durch die viktorianische Literatur" im Programm. So wie die Kulturdenkmäler für den Tourismus gerettet werden, rettet die Postmoderne die Mythen der Moderne für den Bestsellermarkt, [...].
Wie Fliegen in Bernstein, so tot und so schön sind die Worte der postmodernen Literatur, denn sie hält es mit allem Erstarrten: Ihr Rohmaterial holt sie sich vom Friedhof der europäischen Kultur und baut es zu Monstern zusammen, die zwar nicht so recht lebendig werden wollen, geschminkt und parfümiert aber immerhin vergessen lassen, daß sie bereits in den Zustand der Verwesung übergehen. 2
Karin Fleischanderls polemische Charakterisierung verweist hier bereits - wenn auch sehr überspitzt - auf die Problematik der Konzeption und Rezeption von Literatur im Zeitalter der sogenannten ,,Postmoderne" (als Epochenbezeichnung ohnehin umstritten und schwierig zu definieren). Den Autoren ,,postmoderner Literatur"3 wird häufig zum Vorwurf gemacht, sie arrangierten - da vermeintlich nichts Neues mehr hervorgebracht werden könne - literaturgeschichtliche Fragmente zu an sich belanglosen und oberflächlichen Trivialtexten. Richtig ist: Als Resultat aus den soziokulturellen Rahmenbedingungen der Postmoderne, welche die europäische und amerikanische Literatur seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts beeinflussen, erfreut sich die literarische Tradition in Form von Mythen oder formalen und inhaltlichen historischen Bezügen gegenwärtig großer Beliebtheit. Dennoch kann Karin Fleischanderls verallgemeinerndes Urteil über ,,tote Monster" den vielgestaltigen Ausprägungen postmodernistischer Literatur wohl kaum gerecht werden.
Gerade in der englischen Literatur finden sich in den letzten Jahrzehnten zahllose innovative, von der Kritik und dem breiten Lesepublikum gleichermaßen anerkannte Werke mit mehr oder weniger postmodernistischen Charakteristika. Dabei fällt jedoch durchaus auf - wie auch Fleischanderl erwähnt -, daß die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und insbesondere mit der viktorianischen Epoche eine entscheidende Rolle in der zeitgenössischen Literatur zu spielen scheint. Ansgar Nünning schreibt 1998 über die Entwicklung des historischen Romanes in Großbritannien:
Im englischen Roman der Gegenwart sind eine solch prononcierte Hinwendung zur Geschichte und Reflexion über Grundprobleme historischer Sinnbildung zu verzeichnen, dass man mit Fug und Recht von einer Renaissance des historischen Romans sprechen kann. Allerdings unterscheiden sich zeitgenössische historische Romane so stark von jenem traditionellen Gattungsmodell, das von den Werken SIR WALTER SCOTTS geprägt wurde, dass es inzwischen zu einem Paradigmenwechsel in diesem Genre gekommen ist, das Anschluss an die ästhetische Praxis der Postmoderne gefunden hat. 4
Ausgehend von dieser Beobachtung soll die vorliegende Arbeit anhand zweier exemplarischer Werke erläutern, inwieweit das Phänomen ,,Postmoderne" Einfluß auf die literarische Praxis des historischen Romanes in England ausübt. Dabei sollen John Fowles′ The French Lieutenant′s Woman von 1969 und Possession von Antonia Susan Byatt aus dem Jahre 1990 als frühes bzw. relativ spätes Beispiel daraufhin untersucht werden, auf welche Weise die Autoren formal und inhaltlich auf die generelle literarische Situation in der Postmoderne reagieren. Der Analyseschwerpunkt liegt jedoch auf einer Beantwortung der Frage, welche Motivation hinter der Beschäftigung mit der Vergangenheit - in beiden Romanen des viktorianischen Englands - steckt und wie sich die historische Auseinandersetzung unter den postmodernen Rahmenbedingungen jeweils vollzieht.
Zunächst soll eine sowohl kulturgeschichtliche als auch literaturwissenschaftliche Grundlage für die Untersuchung der beiden Romane geschaffen werden. Diese beinhaltet eine kurze Einführung in die Schwierigkeiten, welche sich für die Begriffsbestimmung der sogenannten ,,Postmoderne" ergeben sowie in die Auswirkungen postmodernistischer Ansätze auf die Literatur bzw. den Roman (2.1). Anschließend werden in einem zweiten Schritt sowohl die Entwicklungsgeschichte des englischen historischen Romans betrachtet als auch einige Kategorisierungsversuche für dessen postmodernistische Ausprägungen dargestellt (2.2).
Nach diesen einführenden Erläuterungen unterteilt sich die Arbeit in die Analyse von John Fowles′ The French Lieutenant′s Woman (3.1), Antonia Susan Byatts Possession (3.2) und einem resümierenden Vergleich jener aus diesen Untersuchungen hervorgegangenen Ergebnissen (3.3):
Dabei behandelt jeder dieser drei Schritte die allgemeinen formalen und inhaltlichen Merkmale beider Romane unter der Berücksichtigung ihrer Stellung zwischen literarischer Tradition und Postmoderne. Im Vordergrund der Romananalysen steht jedoch die konzeptuelle und thematische Auseinandersetzung mit dem Viktorianismus sowie die Art und Weise, wie diese Epoche der jeweiligen Gegenwart der Autoren gegenübergestellt und zugeordnet ist. Das Augenmerk liegt hierbei hauptsächlich darauf, inwieweit jenes den Werken zugrundeliegende Geschichtsbild postmodernistischen Ansätzen entspricht.
Der Vergleich beider Werke wird sich neben einer generellen Untersuchung auch mit der Frage befassen, ob Byatts Roman von 1990 unter postmodernistischen literarischen Aspekten eine logische Weiterentwicklung von The French Lieutenant′s Woman aus dem Jahre 1969 darstellt und auf welche Weise beide Romane damit in den Kontext der Postmoderne einzuordnen sind. In der abschließenden Betrachtung (4) soll unter anderem noch einmal kurz darauf eingegangen werden, ob - im Hinblick auf die Gattung5 des historischen Romans - postmodernistische Werke lediglich als Fundgruben literarischer Fragmente oder ,,geschminkte und parfümierte Monster" aus toter Materie zu verstehen sind.
2 Kulturgeschichtlicher Hintergrund und gattungstheoretische Grundlagen
2.1 Das Phänomen ,,Postmoderne"
2.1.1 Moderne contra Postmoderne? Der Weg zum postmodernen Zeitalter
2.1.1.1 Zur Begriffsbestimmung
Ich glaube indessen, daß ,,postmodern" keine zeitlich begrenzbare Strömung ist, sondern eine Geisteshaltung [...]. Ich glaube, daß man in jeder Epoche an Krisenmomente gelangt, [...] Die postmoderne Antwort auf die Moderne besteht in der Einsicht und Anerkennung, daß die Vergangenheit, nachdem sie nun einmal nicht zerstört werden kann, da ihre Zerstörung zum Schweigen führt, auf neue Weise ins Auge gefaßt werden muß: mit Ironie, ohne Unschuld.6
Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich weder für die Kritiker noch Befürworter der sogenannten ,,Postmoderne" die Frage geklärt, inwieweit es sich bei diesem Begriff um die Bezeichnung einer Epoche, einer Lebenseinstellung oder einer bestimmten, jedoch nicht näher zu definierenden Theorie handelt. Die Problematik klingt bereits in Umberto Ecos obigem Zitat aus dem Jahre 1986 an und war stets auch Hauptkennzeichen dieses Phänomens. Umstritten bleibt dabei vor allem die Frage, inwieweit die Postmoderne die Nachfolgeschaft der Moderne übernommen hat, übernehmen kann und/oder übernehmen soll.
Die Moderne im engeren Sinne, also die künstlerischen Stilrichtungen und Denkanstöße zu Beginn des 20. Jahrhunderts - der Modernismus -, die von der Erkenntnis einer Krise der westlichen Kulturen geprägt ist, muß sich nach der Erfahrung des Dritten Reiches einer kritischen Bestandsaufnahme unterziehen. Ihre Ansätze und Ziele, d.h. die Abkehr von alten Traditionen und Werten, die nicht mehr in die Progressivität des modernen Alltags passen sowie ihren Hang zu künstlerischer Innovation und Experiment, scheinen nach den barbarischen Geschehnissen unter Hitler fragwürdig und gescheitert. In den sechziger Jahren setzt daher die Diskussion um eine mögliche ,,Post"- Moderne ein.
[...]
1 Die vorliegende Arbeit richtet sich nach der ,,alten" Rechtschreibung. Zitate, die bereits den neuen Regeln folgen, werden jedoch unverändert übernommen.
2 Fleischanderl: Des Kaisers neue Kleider (1994), S. 41/89.
3 In der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe ,,postmodernistisch" und ,,Postmodernismus" fortan ausschließlich zur Beschreibung spezifisch postmoderner, d h. für die Postmoderne charakteristischer Kunst, Ideen und ähnlichem verwendet. Die Begriffe ,,postmodern" und ,,Post-moderne" hingegen werden hier synonym mit ,,zeitgenössisch" bzw. ,,Gegenwart" gebraucht.
4 Nünning: Der englische Roman des 20. Jahrhunderts (1998), S. 150.
5 Die Begriffe ,,Gattung" und ,,Genre" werden im Folgenden trotz und gerade aufgrund der in der Literaturwissenschaft oft widersprüchlich definierten Unterscheidungskriterien synonym gebraucht (wie beispielsweise auch bei Ansgar Nünning).
6 Umberto Eco: Nachschrift zum Namen der Rose (1987), S.77/78.
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