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Untertitel: Analyse des Volksstücks in der Reibung des Autors zwischen thematischer Kontinuität und formaler Dialektik
Hauptseminararbeit, 2004, 59 Seiten
Autor: Evi Goldbrunner
Fach: Theaterwissenschaft
Details
Tags: Drang, Franz, Xaver, Kroetz
Jahr: 2004
Seiten: 59
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 20 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-02640-6
ISBN (Buch): 978-3-638-92556-3
Dateigröße: 212 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Auffällig im Gesamtwerk des Franz Xaver Kroetz ist es, dass unterschiedliche Kräfte und Einflüsse in ihm wirken: Seine thematische Kontinuität und seine formale Dialektik reiben sich permanent aneinander, denn Kroetz variiert immer wieder sein Grundthema, allerdings mit wechselnden formalen Mitteln. Kroetz' Bestreben, aus der Dialektik seiner Kräfte und Einflüsse eine Synthese zu entwickeln, die ihm wiederum und endlich Kontinuität ermöglicht, wird mit den Jahren immer bestimmender für seine künstlerische Entwicklung. In dieser Reibung zwischen dem Bedürfnis nach Kontinuität und der Drang nach Weiterentwicklung liegt vielleicht sogar Kroetz' künstlerischer Antrieb begründet, die Quelle seiner enormen kreativen Produktivität. Im Rahmen dieser Arbeit wird zunächst ein Einblick in Kroetz' Biographie und sein Gesamtwerk gegeben: Ausgehend von Kroetz' "unkontinuierlich-kontinuierlicher" Biographie soll die von Kontinuität und Dialektik gleichermaßen geprägte Entwicklung seines dramatischen Schaffens verständlich werden. Mit "Der Drang" wird anschließend ein Volksstück Kroetz' analysiert, dessen Entstehungsgeschichte, Konzeption und Sprache im Spannungsfeld zwischen selbstreferentieller Kontinuität und dialektischer Synthese steht und daher als exemplarisch für die Dramenentwicklung des Kroetz'schen Gesamtwerkes angesehen werden kann. Schließlich wird die Tradition des Volksstücks mit ihren jeweiligen Hauptvertretern behandelt: vom alten Volksstück über das neue, von Johann Nepomuk Nestroy beeinflusste Volksstück, insbesondere der Untergattung Schwank, zum kritischen Volksstück der Weimarer Republik mit seinen bedeutendsten Autoren Ödön von Horváth und Marieluise Fleißer sowie der Volksstück-Konzeption Bertolt Brechts, bis zum neuen kritischen Volksstück, das neben Kroetz vor allem Martin Sperr und Rainer Werner Faßbinder geprägt haben. Über diese einzelnen Ausprägungen des Volksstücks wird auch die der Gattung immanente Dialektik von kritischem Anspruch und trivialer Unterhaltung herausgearbeitet und auf die Volksstücke Kroetz', besonders den "Drang", angewendet.
Textauszug (computergeneriert)
Hochschule für Film- und Fernsehen "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg
Studiengang Film-Dramaturgie/Drehbuch - SoSe 2004
"Der Drang" des Franz Xaver Kroetz
Analyse des Volksstücks in der Reibung des Autors zwischen
thematischer Kontinuität und formaler Dialektik
Seminar: Theaterdramaturgie
Verfasserin: Evi Goldbrunner
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 1
Einleitung 2
1. Der Volksstückautor Franz Xaver Kroetz 3
1.1. Kurzbiografie 3
1.2. Dramenübersicht 9
2. Stückanalyse "Der Drang" - Volksstück in drei Akten 29
2.1. Vergleich zu "Lieber Fritz" 29
2.2. Sprache 31
2.3. Struktur 34
2.4. Figuren 36
3. Die Tradition des Volksstücks 38
3.1. Das alte Volksstück 38
3.2. Das neue Volksstück und dessen Untergattung Schwank 39
2.3. Das kritische Volksstück 42
2.4. Das neue kritische Volksstück 45
Schluss 53
Literaturverzeichnis 56
Primärliteratur 56
Sekundärliteratur 56
1
Einleitung
Auffällig im Gesamtwerk des Franz Xaver Kroetz ist es, dass unterschiedliche Kräfte
und Einflüsse in ihm wirken: Seine thematische Kontinuität und seine formale
Dialektik reiben sich permanent aneinander, denn Kroetz variiert immer wieder sein
Grundthema, allerdings mit wechselnden formalen Mitteln.
Kroetz′ Bestreben, aus der Dialektik seiner Kräfte und Einflüsse eine Synthese zu
entwickeln, die ihm wiederum und endlich Kontinuität ermöglicht, wird mit den
Jahren immer bestimmender für seine künstlerische Entwicklung. In dieser Reibung
zwischen dem Bedürfnis nach Kontinuität und der Drang nach Weiterentwicklung
liegt vielleicht sogar Kroetz′ künstlerischer Antrieb begründet, die Quelle seiner
enormen kreativen Produktivität.
Im Rahmen dieser Arbeit soll nun zunächst ein Einblick in Kroetz′ Biographie und sein
Gesamtwerk gegeben werden: Ausgehend von Kroetz′ "unkontinuierlich-
kontinuierlicher" Biographie soll die von Kontinuität und Dialektik gleichermaßen
geprägte Entwicklung seines dramatischen Schaffens verständlich werden.
Mit "Der Drang" soll anschließend ein Volksstück Kroetz′ analysiert werden, dessen
Entstehungsgeschichte, Konzeption und Sprache im Spannungsfeld zwischen
selbstreferentieller Kontinuität und dialektischer Synthese steht und daher als
exemplarisch für die Dramenentwicklung des Kroetz′schen Gesamtwerkes angesehen
werden kann.
Schließlich soll die Tradition des Volksstücks mit ihren jeweiligen Hauptvertretern
behandelt werden: vom alten Volksstück über das neue, von Johann Nepomuk
Nestroy beeinflusste Volksstück, insbesondere der Untergattung Schwank, zum
kritischen Volksstück der Weimarer Republik mit seinen bedeutendsten Autoren Ödön
von Horváth und Marieluise Fleißer sowie der Volksstück-Konzeption Bertolt Brechts,
bis zum neuen kritischen Volksstück, das neben Kroetz vor allem Martin Sperr und
Rainer Werner Faßbinder geprägt haben. Über diese einzelnen Ausprägungen des
Volksstücks soll auch die der Gattung immanente Dialektik von kritischem Anspruch
und trivialer Unterhaltung herausgearbeitet und auf die Volksstücke Kroetz′,
besonders den "Drang", angewendet werden.
2
1. Der Volksstückautor Franz Xaver Kroetz
1.1. Kurzbiografie
Franz Xaver Kroetz wird am 25. Februar 1946 in München geboren. Er stammt aus
einem kleinbürgerlichen Elternhaus, seine Mutter Maria ist Hausfrau, sein Vater Franz
ist ehemaliges NSDAP-Mitglied und arbeitet als Steueramtsmann. Mit seinem Vater
verbindet Kroetz eine problematische Beziehung, da dieser ihm seinen Lebensstil und
Beruf aufzwingen will. Kroetz lehnt sich gegen seinen Vater und dessen katholischem
Konservativismus′ auf und tritt mit seiner Volljährigkeit aus der katholischen Kirche
aus.
Als sein Vater 1961 stirbt, bricht Kroetz, damals 15-jährig, sogleich seine Schule ab,
um Schauspiel zu lernen: Von 1961 bis 1963 besucht er erst verschiedene
Schauspielschulen in München, bevor er ans Max-Reinhardt-Seminar nach Wien
wechselt, wo er mit Martin Sperr in der Klasse ist. Doch Kroetz fliegt auch aus
diesem Seminar, so dass er zuletzt privaten Schauspielunterricht nimmt und
schließlich seine Schauspielprüfung erfolgreich absolviert.
Ab 1965 bekommt er dann zwar kleinere Engagements als Schauspieler an
Kellertheatern, unter anderem am Büchner-Theater, doch kann er davon nicht
leben.1
Gleichzeitig beginnt Kroetz autodidaktisch Stücke zu schreiben:
"Aber das Theater hat mich so fasziniert, daß ich mir gesagt hab′, ein Theaterhaus
hast′ nicht, engagiert wirst′ auch nicht, dann nimm doch die Schreibmaschine vom
Papa, kauf dir Papier und schreib mal was."2
Dabei weisen Kroetz′ erste Stücke eine sehr große Spannbreite auf, vom
Unterhaltungsgenre wie dem klassischen Bauernschwank "Hilfe ich werde geheiratet"
bis hin zu verschiedenen Formexperimenten wie absurden und collageartigen
Stücken ("Als Zeus zum letzten Mal kam oder: Die Nacht der weißen Segel", 1966).
Diese unterschiedlichen Ausrichtungen beweisen, dass eine formale Dialektik bereits
von Anfang an in Kroetz′ Schaffen angelegt ist.
1 Vgl.: Kroetz′ biografische Daten: Carl: Kroetz, S. 7ff.; Gösche: Kroetz, S. 17; Mísová: Kroetz, S. 10ff;
Kroetz: Aussichten, S. 601f.; Mattson: Kroetz, S. 1ff.; Panzner: Rezeption, S. 10f.; Riewoldt: Kroetz, S.
10ff., 321ff.
2 Zitiert nach Mísová: Kroetz, S. 10.
3
In dieser Zeit verkehrt Kroetz in einem Künstlerkreis, der sich dem Expressionismus,
Neo-Dadaismus und Surrealismus verschrieben hat. Kroetz beschreibt seine damalige
Phase als extrem formal, abstrakt sowie unpolitisch:
"Wir waren unpolitisch, oder lehnten Politik sogar ausdrücklich ab; fanden sie primitiv
und unbedeutend. Kunst und Politik waren unversöhnliche Widersprüche; Kunst
unendlich wichtig, Politik Zeiterscheinung. Künstler, deren Werke politisch waren,
oder die sich als politische Künstler verstanden, belächelten, ja verachteten wir.
Dabei waren wir trotzdem für die großen Bewegungen innerhalb der Entwicklung der
Welt offen. Natürlich waren wir für "Gerechtigkeit", "Frieden" und "Glück", aber der
Kampf für diese "Ideale" war und sollte nicht Gegenstand unserer Kunst sein. Unser
Kunstanspruch zuckte wie von der Natter gebissen zurück, wenn er auch nur in die
Nähe von Wirklichkeit kam. Vermutlich haben wir den Widerspruch zwischen
künstlerischem Entwurf und schmerzlicher Wirklichkeit zwar empfunden, aber wir
haben nichts getan, diese beiden "Schenkel" des Winkels zusammen zu bringen. Wir
sind aus der Wirklichkeit in einen esoterischen Kunstanspruch geflohen.
Ich glaube, wir waren davon überzeugt, daß reine Form an sich "Erlösung" sei. Wir
meinten, reine Schönheit als ästhetisches Konzept sei positive Utopie "genug", um
sich im Chaos menschlich zu behaupten. Ich glaube, wir haben undialektisch
gedacht. Die auf reine Form gegründete Ästhetik kann nur ein statisches Konzept
haben, da schon die "häßliche" Schönheit" der täglichen Wirklichkeit nur im
Zusammenhang mit Inhalt zu erfahren und auch zu vermitteln ist."3
Am Büchner-Theater kommt Kroetz auch mit dem antitheater des damals noch
unbekannten Rainer Werner Faßbinder in Berührung: Faßbinder bearbeitet zu dieser
Zeit Marieluise Fleißers "Pioniere in Ingolstadt" zu einer Collage auf der
Textgrundlage des Originals und Kroetz spielt eine der Rollen. Auf diesem Wege
kommt Kroetz mit dem kritischen Volksstück in Berührung. Kroetz hat zunächst
Vorbehalte gegen das Stück und dessen Realismus.4 Er lässt sich nur widerstrebend
darauf ein, zeigt sich dann aber fasziniert:
"Faßbinder probte ein Stück von Marie-Luise Fleißer. Da merkten wir plötzlich, daß
man auf formal hohem Niveau sein kann und trotzdem Inhalte vermittelt. Wir hatten
ja bis zu diesem Zeitpunkt geglaubt, Inhalte würden das Kunstwerk sowieso nur
stören."5
Später bestätigt Kroetz den nachhaltigen Eindruck, den die Begegnung mit dem
kritischen Volksstück bei ihm hinterließ:
Da alle wörtlichen Zitate in dieser Arbeit von Franz Xaver Kroetz stammen, werden sie im folgenden
nicht mehr einzeln als von ihm stammend gekennzeichnet.
3 In: "Kirchberger Notizen", zitiert nach Riewoldt: Kroetz, S. 166f.
Vgl.: 1970 äußert sich Kroetz über das absurde Theater als ein "Weggehen von den Menschen, von
der Gesellschaft, von den Realitäten hin zu philosophischen Schlamm- und Dreckbauten" (zitiert nach
Bügner: Annäherungen, S. 83)
4 Vgl.: Riewoldt: Kroetz, S. 24f.
5 Zitiert nach Riewoldt: Kroetz, S. 24.
4
"Die extrem formale Phase lag hinter mir. Das Ganze kam mir plötzlich komisch und
leer vor. Ich wollte nicht mehr länger allein über das Wie eines Kunstwerkes, sondern
auch über das Wofür sprechen. Da begann die Politik. Die ersten realistischen Stücke
entstanden."6
Doch auch mit seinen realistischen Stücken ist Kroetz zunächst erfolglos, er wird bei
etlichen Verlagen und Bühnenvertrieben abgelehnt. So lebt er von Gelegenheitsjobs
am Bau, in Großmärkten oder in Fabriken, als Kraftfahrer, Krankenpfleger,
Lagermeister, Bananenschneider, Chauffeur, Zeitungsausträger, Hausmeister, Portier
und Gärtner.7
Kroetz äußert sich rückblickend über diese Zeit: "Mit dem Kopf war ich ′Künstler′ und
sonst Prolet..."8 In jedem Fall erweist sich diese Phase, in der er unmittelbar mit der
harten sozialen Realität konfrontiert wird, als prägend für Kroetz′ Werk, seine
Perspektive und sein Thema:
"Ein großer Teil meines Lebens war harte Arbeit, entbehrungsreich, schwer und
wenig erträglich. [...] Je mehr das proletarische und subproletarische Arbeiten mein
eigentliches Leben wurde, umso weniger war ich bereit, in der Kunst darüber zu
schweigen. Langsam kam das Pendel in Gang. Da ich immer ungelernter Arbeiter
blieb, hatte ich vor allem Kontakt mit anderen, die es wie ich nicht geschafft hatten,
einen "ordentlichen" Beruf zu erlernen, in einer Firma länger auszuhalten, irgendwo
sich "nutzbringend" einzugliedern im kapitalistischen Produktionsprozeß; erbärmlicher
Menschenschutt der damaligen bundesrepublikanischen Wohlstandsgesellschaft war
erste Verbindung zur Wirklichkeit, Entwurzelte, Behinderte, zu kurz Gekommene,
Schwache, Kranke, Verlassene, die unter die Räder gekommenen. Ich hab meine
ersten Stücke über Randgruppen unserer Gesellschaft geschrieben. Ich schrieb nicht,
um zu helfen, ich schrieb, weil ich betroffen war, einer davon. [...] Ich hatte nicht
Mitleid, ich habe gelitten."9
Mit dieser sozialen Erfahrung definiert Kroetz Realismus als "aus erster Hand
kommend".10 Er kennt das Milieu und die Figuren, die er schreibt, ganz genau, daher
schreibt er auch nicht aus einer Haltung überlegener Distanz.
6 Zitiert nach Riewoldt: Kroetz, S. 23f.
7 Vgl.: Ottos und Hildes Beruf in "Lieber Fritz"bzw. "Der Drang".
8 In: "Kirchberger Notizen"; zitiert nach Riewoldt: Kroetz, S. 11.
9 In: "Kirchberger Notizen"; zitiert nach Riewoldt: Kroetz, S. 167ff.
Vgl. auch: "Ich habe gesehen, was die Gesellschaft an den Ärmsten der Armen anrichtet. Und da habe
ich mich durch die Darstellung der Schicksale der Ärmsten der Armen von meiner Hilflosigkeit
gegenüber dieser Gesellschaft befreit." (zitiert nach Riewoldt: Kroetz, S. 209);
"Meine Stücke sind die Antwort auf die Leute, die mich umgeben, Leute, die von der kapitalistischen
Leistungsgesellschaft überrollt wurden, die verzweifeln, ohne zu wissen, warum. Leute jenseits von
Artikulation und Sprache." (zitiert nach Gösche: Kroetz′, S. 19);
"Meine Stücke sind alle ein Resultat der Wirklichkeit. Alle Figuren, die Hoffnungslosen und
Verdammten des Proletariats, die seelisch und körperlich Verkrüppelten, sind mir bekannt." (zitiert
nach Gösche: Kroetz′, S. 187).
10 Zitiert nach Carl: Kroetz, S. 26.
5
1971 schafft Kroetz schließlich den Durchbruch, nachdem er quasi von Martin Walser,
der zu der Zeit kommissarisch den Suhrkamp-Theaterverlag betreut, entdeckt wird:
Kroetz kann seine ersten Stück veröffentlichen und schon im April des gleichen
Jahres werden seine beiden Einakter "Heimarbeit" und "Hartnäckig" im
Werkraumtheater der Münchner Kammerspiele uraufgeführt.11
Die Premiere erfolgt vor der versammelten Kritikerprominenz, da im Vorfeld ein
bevorstehender Skandal kolportiert wurde. Tatsächlich kommt es zu einem Skandal:
Die Bühne wird gestürmt, es kommt zu einer Protestdemonstration, Stinkbomben
und faule Eier werden geworfen, die Zuschauer übertönen mit frenetischem Applaus
die Buhrufe und Sprechchöre der Demonstranten, die Polizei schreitet mit einem
großen Aufgebot ein. Auslöser der tumultartigen Ausschreitungen sind ein auf der
Bühne gezeigter Abtreibungsversuch mit einer Stricknadel, Kindsmord und
Masturbation.12
Der Skandal trägt wesentlich zu Kroetz′ spektakulärem und aufsehenerregendem
Einstieg in die deutsche Theaterszene bei, sein katapultartiger Aufstieg ist von
Anfang an mit der Schockwirkung seiner Stücke verknüpft, mit dem Reiz des
Provokativen und Sensationslüsternen, den sie für Publikum und Kritiker versprühen.
Mit seiner Dramatik initiiert Kroetz eine regelrechte Modewelle, die ihn auch
außerhalb der Feuilletonseiten als "bayerische[n] Sprengkopf", ,,Jungschocker",
,,Barrikadenstürmer", "Blut- und Hodendichter", ,,Wahnsinnige[n]", ,,Vulkan" und
,,Genie" bekannt werden lässt.13
Zusätzlich genährt wird der "Kroetz-Kult" durch Meldungen wie die von der fristlosen
Entlassung einer österreichischen Lehrerin, weil sie mit ihren 14-jährigen Schülern
Kroetz-Stücke behandelte,14 sowie durch zahlreiche populistische Äußerungen
Kroetz′, die zu einem Stück auch Selbstinszenierung eines gelernten Schauspielers
sind, wie zum Beispiel:
11 Fast alle Kroetz-Stücke wurden in den Studiobühnen der großen Theater oder in kleinen Theatern
aufgeführt, fast nie in den großen Sälen. Die Gründe hierfür liegen zum einen in der unaufwendigen
Realisierbarkeit der Kroetz-Stücke in figuren- und kulissentechnischer Hinsicht und zum anderen in der
meist als brisant, heikel, ordinär, obszön, voyeuristisch oder pornographisch empfundenen Darstellung
tabuisierter Handlungen auf der Bühne. (Vgl.: Gösche: Kroetz′, S. 151)
12 Vgl.: Carl: Kroetz, S. 52; Mísová: Kroetz, S. 9; Panzer: Kritiker, S. 50; Riewoldt: Kroetz, S. 63.
13 Zitiert nach Gösche: Kroetz′, S. 16f.; Panzer: Kritiker, S. 50.
14 Vgl.: Gösche: Kroetz′, S. 128; Panzer: Kritiker, S. 53.
6
,,So lange mir kein Intendant sagt, das Stück ist so links, daß man es nicht aufführen
kann, werfe ich mir immer vor, daß ich zu brav schreibe."15
Im folgenden veröffentlicht Kroetz nun Stücke am laufenden Band, die allesamt
sogleich aufgeführt und ab 1973 auch regelmäßig im Ausland gespielt werden.
Es setzt eine regelrechte Kroetz-Aufführungswelle ein, die Kroetz auch Zugang zu
den Massenmedien Fernsehen und Hörfunk verschafft, was ihm nun (theoretisch)
ermöglicht, das Publikum zu erreichen, dessen Situation er in seinen Stücken
beschreibt, die aber nicht ins Theater gehen. Seine plötzliche Bekanntheit benützt
Kroetz aber auch dazu, sich in Interviews und Zeitungsartikeln zu tagespolitischen
Themen zu äußern.
1972 kommt es zu einer Zäsur in Kroetz′ Biografie, als er in die Deutsche
Kommunistische Partei (DKP) eintritt. Kroetz schaltet sich nun regelmäßig in aktuelle
gesellschaftspolitische Diskussionen ein und sein politisches Engagement geht sogar
soweit, dass er insgesamt zweimal für die Bundestagswahl kandidiert, ohne Erfolg.
Allerdings versteht sich Kroetz eher als wertkonservativer Kommunist, der in seinen
Stücken an traditionsgebundene, christliche Werte und Lebensorientierungen wie
Heimat und Familie festhält:
"[Ich] fühl mich schon länger als kommunistischer Konservativer: werterhaltend wo
einer ist. Gegen den Großen Zapfenstreich und für die Kleine Arbeiterbibliothek."16;
"Ich [...] beschütze immer die Einheit der Familie."17
Kroetz′ politischer Schritt stellt aber auch einen entscheidenden Einschnitt in seiner
künstlerischen Entwicklung dar. Er hinterfragt nun seine bisherigen Arbeiten und
entschließt sich zu einer künstlerischen Neuausrichtung:
"Ich kam mit Leuten zusammen, die [...] mir einen Schritt voraus [waren]. Sie haben
die herrschenden Zustände nicht nur verachtet und abgelehnt, wie ich auch, sie
haben etwas dagegen zu setzen gehabt, sie waren nicht im Schmoll-, oder
Anarchiewinkel, sie haben der "entworfenen" Wirklichkeit einen besseren Entwurf
entgegengesetzt. Sie haben zwar mitgelitten, aber nicht nur, sie haben zwar
abgelehnt, aber nicht nur; sie haben nicht nur gegen, sondern auch für etwas
gekämpft. Ich glaub, das hat mich am meisten fasziniert. [...]
Es ist bekannt, wie schnell und vorbehaltlos ich mich der Kommunistischen Partei
angeschlossen hab und aktiv geworden bin. Ich hab es nie bereut; es gab und gibt
Schwierigkeiten, aber die Entscheidung steht."18
15 1972, zitiert nach Carl: Kroetz, S. 15.
16 In: "Die Zeit" (Hamburg) vom 16.10.1981; zitiert nach Riewoldt: Kroetz, S. 186.
17 Zitiert nach Jones: Negation, S. 232.
18 In: "Kirchberger Notizen"; zitiert nach Riewoldt: Kroetz, S. 169.
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