Subtitle: Das Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätssyndrom aus multiperspektivischer Sichtweise
Scholary Paper (Seminar), 2007, 31 Pages
Author: Stefanie Steckroth
Subject: Social Pedagogy / Social Work
Details
Institution/College: University of Applied Sciences Esslingen
Tags: ADHS, Störung, Leiden, Anderssein
Year: 2007
Pages: 31
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 13 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-04425-7
File size: 403 KB
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Abstract
Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS; würde man eine Umfrage starten, würde vermutlich fast jeder schon einmal von dieser Störung gehört haben, ein beachtlicher Teil würde wahrscheinlich sogar erklären können, worum es sich dabei handelt und eine immer noch recht große Anzahl der Befragten, würde einen Betroffenen kennen. Dank der Medien und in jüngster Zeit auch durch die zahlreichen kritischen Diskussionen der Behandlung mit Medikamenten und Büchern, wie „Die Krankheitserfinder“ von Jörg Blech, die sich gerade mit diesen hitzigen Debatten beschäftigen, ist ADHS mittlerweile in aller Munde. Trotzdem rührt meine Motivation mich mit diesem Thema im Zuge meiner Hausarbeit zu beschäftigen nicht daher, sondern vielmehr aus der Tatsache, dass ich mein Praxissemester im Bereich einer Tagesgruppe für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche absolvieren werde. Einige der dort Betreuten bekamen die Diagnose ADHS, weshalb für mich diese Arbeit nun eine Chance darstellt, mich bereits im Voraus intensiv mit dieser Thematik zu beschäftigen. Die Ansicht, dass man im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe als SozialarbeiterIn häufig mit dieser Störung konfrontiert ist, letztlich auch dadurch, dass sie die mittlerweile am Häufigsten diagnostizierte seelische Störung im Kindes- und Jugendalter darstellt (vgl. Blech 2005, 111), bekräftigt zusätzlich meine Entscheidung für dieses Thema. Ich werde im Laufe meiner Hausarbeit ADHS aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchten, um einerseits eine einseitige und eingeschränkte Sichtweise auf die Störung zu vermeiden und andererseits, da ich der Meinung bin, dass diese Multiperspektivität Voraussetzung für eine erfolgreiche Soziale Arbeit ist. An den Anfang meiner Arbeit habe ich eine Fallgeschichte gestellt um dem Leser einen Eindruck der Bemerkbarkeit und der Auswirkungen von ADHS im Alltagsleben, wie auch von der Diagnose und der Therapie zu gewähren. In meinem Hauptteil werde ich mit der medizinisch-biologischen Sichtweise beginnen. Ich habe diese Perspektive an den Anfang gestellt, da es meiner Meinung nach diejenige Sichtweise darstellt, die am meisten Auskunft darüber gibt, was sich hinter dem Begriff ADHS verbirgt. Im weiteren Verlauf werde ich dann spezieller auf die Lebenswelt der Betroffenen, der Angehörigen und der Situation in der Schule eingehen. Im Vordergrund sollen hier die individuellen Gefühle, Gedanken und Probleme, als auch die Bewältigungsmöglichkeiten stehen.
Excerpt (computer-generated)
ADHS
Das Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätssyndrom aus
multiperspektivischer Sichtweise
Aus: ,,Der Struwwelpeter" von Heinrich Hoffmann, S. 21
Hausarbeit
im Modul H 2.2 Entwicklung unter Risikobedingungen
Seminar: Störung, Leiden, Anderssein
verfasst von Stefanie Steckroth
Leinfelden-Echterdingen, den 09. 02. 2007
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Fal geschichte: 5
3 Medizinisch-biologische Sichtweise 7
4 Psychologische Sichtweise 11
5 Die Sichtweise der Betroffenen 15
6 Elternperspektive 18
7 Schulische Perspektive 21
8 Soziologische Perspektive 23
9 Perspektive der Sozialen Arbeit 25
10 Schlussbetrachtung 27
11 Literaturverzeichnis 29
2
1 Einleitung
Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS; würde man eine
Umfrage starten, würde vermutlich fast jeder schon einmal von dieser Störung gehört
haben, ein beachtlicher Teil würde wahrscheinlich sogar erklären können, worum es
sich dabei handelt und eine immer noch recht große Anzahl der Befragten, würde
einen Betroffenen kennen. Dank der Medien und in jüngster Zeit auch durch die
zahlreichen kritischen Diskussionen der Behandlung mit Medikamenten und
Büchern, wie ,,Die Krankheitserfinder" von Jörg Blech, die sich gerade mit diesen
hitzigen Debatten beschäftigen, ist ADHS mittlerweile in al er Munde.
Trotzdem rührt meine Motivation mich mit diesem Thema im Zuge meiner Hausarbeit
zu beschäftigen nicht daher, sondern vielmehr aus der Tatsache, dass ich mein
Praxissemester im Bereich einer Tagesgruppe für verhaltensauffäl ige Kinder und
Jugendliche absolvieren werde. Einige der dort Betreuten bekamen die Diagnose
ADHS, weshalb für mich diese Arbeit nun eine Chance darstel t, mich bereits im
Voraus intensiv mit dieser Thematik zu beschäftigen. Die Ansicht, dass man im
Bereich der Kinder- und Jugendhilfe als SozialarbeiterIn häufig mit dieser Störung
konfrontiert ist, letztlich auch dadurch, dass sie die mittlerweile am Häufigsten
diagnostizierte seelische Störung im Kindes- und Jugendalter darstel t (vgl. Blech
2005, 111), bekräftigt zusätzlich meine Entscheidung für dieses Thema.
Ich werde im Laufe meiner Hausarbeit ADHS aus den unterschiedlichsten
Perspektiven beleuchten, um einerseits eine einseitige und eingeschränkte
Sichtweise auf die Störung zu vermeiden und andererseits, da ich der Meinung bin,
dass diese Multiperspektivität Voraussetzung für eine erfolgreiche Soziale Arbeit ist.
An den Anfang meiner Arbeit habe ich eine Fal geschichte gestel t um dem Leser
einen Eindruck der Bemerkbarkeit und der Auswirkungen von ADHS im Al tagsleben,
wie auch von der Diagnose und der Therapie zu gewähren.
In meinem Hauptteil werde ich mit der medizinisch-biologischen Sichtweise
beginnen. Ich habe diese Perspektive an den Anfang gestel t, da es meiner Meinung
nach diejenige Sichtweise darstel t, die am meisten Auskunft darüber gibt, was sich
hinter dem Begriff ADHS verbirgt.
Im weiteren Verlauf werde ich dann speziel er auf die Lebenswelt der Betroffenen,
der Angehörigen und der Situation in der Schule eingehen. Im Vordergrund sol en
3
hier die individuel en Gefühle, Gedanken und Probleme, als auch die
Bewältigungsmöglichkeiten stehen.
Des Weiteren befasse ich mich mit der psychologischen und der soziologischen
Perspektive.
Ans Ende meiner Arbeit habe ich die für mich am interessantesten Sichtweise,
nämlich die der Sozialen Arbeit hinsichtlich ADHS, gestel t. Ich denke, dass diese
Perspektive sich sehr gut als abschließende eignet, da sie in gewisser Weise die
zuvor behandelten Perspektiven voraussetzt. Denn wie bereits erwähnt, benötigt
man um erfolgreiche Soziale Arbeit zu leisten, Kenntnisse aus al en Perspektiven.
Im Zuge meiner Auseinandersetzung mit den verschiedenen Sichtweisen, werde ich
mich immer wieder auf den in Kapitel 2 geschilderten Fal beziehen, um damit die
wissenschaftlichen Überlegungen auf die Praxis zu übertragen und dem Leser
dadurch die Thematik eindrücklicher und verständlicher vor Augen zu führen.
Ursprünglich war es meine Absicht meinen Schwerpunkt auf die Perspektive der
Betroffenen zu legen. Im Laufe meiner Beschäftigung mir der Thematik, habe ich
mich jedoch dafür entschieden, von einer Schwerpunktsetzung abzusehen und bin
dazu übergegangen, mich mit al en Sichtweisen nahezu gleichwertig zu befassen.
Diese Überlegung rührt daher, dass ich in Anbetracht meiner späteren Profession
nicht eine Perspektive in den Mittelpunkt rücken möchte, sondern über al e Bescheid
wissen muss. So wird die Arbeit wenig erfolgreich sein, wenn ausschließlich am Kind
angesetzt wird und dabei seine Familie und die Situation in der Schule außen vor
gelassen wird. Ebenso wenig sinnvol erachte ich, sich als SozialarbeiterIn nicht mit
der medizinisch-biologischen Sichtweise zu befassen. Denn diese Perspektive ist
unabdingbar um sich das nötige Grundlagenwissen über die Aufmerksamkeitsdefizit-
/ Hyperaktivitätsstörung zu erarbeiten.
Ich werde nun mit einer Fal geschichte einsteigen, welche ich aus Lehrbüchern
entnommen habe und durch eigene Erfahrungen mit Betroffenen ergänzt habe.
4
2 Fallgeschichte:
In einer ausführlichen klinischen Exploration wurde beim 7 jährigen Tom mit Hilfe der
Diagnosecheckliste festgestel t, dass auf ihn die Kriterien einer
Aufmerksamkeitsdefizit-/
Hyperaktivitätsstörung,
kurz
ADHS,
nach
dem
internationalen Klassifikationssystem DSM-IV, zutreffen.
Seiner Mutter nach, war er bereits als Säugling äußerst anstrengend, schrie viel und
hatte Schlafprobleme. Ansonsten entwickelte sich Tom jedoch seinem Alter
entsprechend. Er hatte keine ernsthaften Krankheiten und sowohl seine sprachliche
als auch seine motorische Entwicklung verliefen weitgehend ohne Bedenken. Jedoch
befand er sich auf Grund seines risikofreudigen Verhaltens überdurchschnittlich oft in
ärztlicher Behandlung. Bereits als Kleinkind war er extrem zappelig und unruhig. Er
konnte sich im Kindergarten schlecht integrieren und reagierte auf Vorschriften mit
Trotzverhalten. Oft verlor er schnel die Geduld und die Lust am Spielen, weshalb es
keine Seltenheit war, wenn er ein gemeinsames Spiel mit seiner 2 Jahre älteren
Schwester nach kürzester Zeit abbrach.
In vol er Bandbreite begannen Toms Schwierigkeiten erst mit seiner Einschulung. Er
war den Anforderungen, die an ihn gestel t wurden nicht gewachsen. Es fiel ihm
äußerst schwer stil zu sitzen und sich zu konzentrieren, so dass er häufig ohne
Erlaubnis von seinem Stuhl aufstand oder mit seinem Nachbarn redete. Es war ihm
oft unmöglich aufgetragene Aufgaben zu erledigen oder Anweisungen zu befolgen,
weshalb er weit hinter seinem möglichen Leistungsniveau zurückblieb. Hinzu kam,
dass er recht ungern zur Schule ging, da er nicht in der Lage war freundschaftliche
Kontakte zu Gleichaltrigen aufzubauen bzw. aufrechtzuerhalten und in seiner Klasse
eine Außenseiterposition einnahm. Das ging zeitweise so weit, dass Tom in der
Klasse gehänselt wurde und seiner Mutter erzählte er hätte Bauchschmerzen, um
nicht in die Schule zu müssen.
Auch die Situation in der Familie war geprägt von der ständigen Unruhe Toms. Es
kostete seine Mutter viel Zeit und Geduld ihn zum Erledigen seiner Hausaufgaben
und seiner anderen Verpflichtungen zu bewegen. Die psychisch belastende Lage
übertrug sich nicht selten auch auf die Beziehung zwischen den Elternteilen.
Nachdem Toms Lehrerin seine Mutter darauf aufmerksam machte, dass sein
auffäl iges Lern- und Sozialverhalten möglicherweise durch ADHS bedingt sein
5
könnte, suchte sie Rat beim Kinderarzt, welcher sie für eine testpsychologische
Untersuchung an eine spezialisierte Verhaltenstherapeutin vermittelte.
Im Zuge dieser Diagnosestel ung wurden sowohl die Eltern als auch Toms Lehrer
gebeten einen Fragebogen auszufül en. Es stel te sich heraus, dass Tom auf den
Skalen soziale Probleme, wozu seine Schwierigkeiten gehörten, von den
Klassenkameraden akzeptiert zu werden, als auch auf der Skala der
Aufmerksamkeitsstörungen, was seine extreme Ablenkbarkeit und motorische
Unruhe beinhaltet, wie auch auf der Skala des aggressiven und impulsiven
Verhaltens, überdurchschnittliche Auffäl igkeiten zeigte. Tom wurde im Laufe der
Untersuchung einem Intel igenztest unterzogen, bei dem er mit durchschnittlichem
Ergebnis abschloss. Lediglich seine Lese- und Rechtschreibfähigkeit war
unzureichend, weshalb zunächst der Verdacht auf eine Lese- und
Rechtschreibschwäche aufkam.
Nach der Feststel ung, dass Tom von ADHS betroffen ist, beschloss man ihm durch
eine so genannte Multimodale Therapie zu helfen. Ansatz einer solchen Therapie ist
die Kombination aus medikamentöser Behandlung und verhaltenstherapeutischen
Interventionen.
Tom nimmt von nun an täglich Ritalin, ein Methylphenidat, dass sein störendes
Verhalten mindert und es ihm ermöglicht sich besser konzentrieren zu können.
Zusätzlich geht Tom ein Mal in der Woche zu einem Therapieprogramm für Kinder
mit hyperkinetischem und oppositionel em Problemverhalten. Ziel ist es, seine
Konzentrations- und Ausdauerfähigkeit, seine Selbstorganisation und sein
Sozialverhalten spielerisch zu stärken. Das Therapieprogramm setzt jedoch nicht
ausschließlich beim Betroffenen selbst an, sondern sieht ebenfal s eine Eltern- und
Familienzentrierte Therapie als auch eine Kindergarten- bzw. Schulzentrierte
Intervention vor. Ziel der Therapie ist es, die al täglichen Interaktionen zwischen Tom
und seiner Familie insoweit zu verändern, dass Verhaltensprobleme gemindert und
Problemsituationen besser bewältigt werden können. Hierbei wird, ebenso wie in der
Kindergarten- bzw. Schulzentrierten Interaktion, mit Hilfe von positiven Verstärkern,
bei denen Tom für angemessenes Verhalten belohnt wird, gearbeitet. In der Schule
waren für Tom bereits kleine Veränderungen hilfreich. So kann er sich seit er einen
Einzeltisch hat besser konzentrieren, da er nicht mehr ständig durch seinen
Sitznachbarn abgelenkt werden kann.
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