Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 23 Pages
Author: Antje Rohloff
Subject: Speech Science / Linguistics
Details
Tags: Lunfardo
Year: 2007
Pages: 23
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 8 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-07237-3
File size: 234 KB
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Abstract
Im Jahre 1962 wurde die „Academia Porteña del Lunfardo“ gegründet, welche eine private Institution ist und sich allgemein mit der sprachwissenschaftlichen Forschung und speziell mit der Entwicklung der Umgangssprache in Buenos Aires beschäftigt. Hierbei wird besonderes Augenmerk auf den Soziolekt, den Lunfardo, gelegt. Diesem wurden von vielen Forschern und Studierenden der Sprachwissenschaft bisher unzählige Essays und Bücher gewidmet, da das Interesse nach wie vor ungebrochen ist. Bei näherer Betrachtung ist festzustellen, dass es sich als sehr schwierig erweist, den Lunfardo zu definieren und einzugrenzen, da sich hierbei die Wissenschaftler weitestgehend uneinig sind. Benigno B. Lugones, ein ehemaliger Polizeiangestellter, veröffentlichte bereits im Jahre 1879 zwei Texte mit den Titeln „Los beduinos urbanos“ und „Los caballeros de la industria“, welche im Laufe der Zeit zu den Vorreitern weiterer Studien zum Lunfardo wurden. Von der Neugier für diesen Soziolekt gefesselt, waren Antonio Dellepiane mit seinem Buch „El idioma del delito“ und José S. Alvarez mit seinen „Memorias de un vigilante“ in den Jahren 1894 und 1897 die beiden nächsten, welche sich mit dem Phänomen Lunfardo beschäftigten. Im Laufe der Zeit verwandelte sich dieser von seinem primitiven Ursprung der Gauner und Randgruppen in ein Vokabular, welches vortrefflich von Schauspielern dargestellt und von berühmten Dichtern, sowie Autoren von Tangotexten eingearbeitet wurde, indem sie gewisse Umgebungen und Klischees bedienen, die mit der eigenen Welt der Vorstadt verbunden sind. In dieser Arbeit geht es darum, den Lunfardo zu analysieren. Eingehend werde ich versuchen einen Überblick über diverse Definitionstheorien zu geben. Folgend gilt es, den Lunfardo in den historischen Hintergrund einzubetten, sowie Funktion und Gebrauch zu beleuchten. Im Kern meiner Betrachtung soll die Zusammensetzung des Lunfardo stehen, wobei hier verschiedene Beispiele in die Betrachtung einfließen, um ein besseres Verständnis zu ermöglichen. Der Rahmen dieser Hausarbeit gebietet ein Maximum an faktischer Beschränkung. Daher möchte ich verdeutlichen, dass es sich bei dieser Arbeit nur um einen Problemaufriss handeln kann, ein Aufriss, mit dem ich erreichen möchte, dass der Lunfardo und seine Theorien näher betrachtet werden. In einem solchen Rahmen ist die Komplexität hingegen nur bedingt vermittelbar...
Excerpt (computer-generated)
Technische Universität Dresden - Philosophische Fakultät - Institut für Sprachwissenschaft
Hauptseminar: Das Spanische in Argentinien
31.03.2007
DER LUNFARDO
von Antje Rohloff
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung
Seite
03
2.
Definitions-
und
Eingrenzungsversuche
Seite
04
2.1.
Definition
Seite
04
2.2.
Eingrenzung Seite
07
3.
Historisch-genetischer
Überblick
Seite
08
3.1.
Entwicklungsphase
(1865-1918)
Seite
08
3.2.
Anpassungsphase
(1918-1950)
Seite
09
3.3. Rückbesinnungsphase (1950 zur Gegenwart)
Seite 10
4.
Funktion
und
Gebrauch
des
Lunfardo
Seite
11
5. Zusammensetzung und Beispiele für den Lunfardo
Seite 12
5.1.
Neologismen Seite
13
5.1.1.
Methode
der
Einschränkung Seite
13
5.1.2.
Methode
der
Verallgemeinerung
Seite
13
5.1.3.
Methode
der
Verschiebung
Seite
14
5.2.
Morphologische
Veränderungen
Seite
15
5.2.1.
freiwillige
Deformationen
Seite
16
5.3.
préstamos
Seite 17
5.3.1.
externe
Entlehnungen Seite
17
5.3.2.
interne
Entlehnungen Seite
19
6.
Schlussbetrachtung Seite
20
Literaturverzeichnis
Seite 22
2
1.
Einleitung
Im Jahre 1962 wurde die ,,
Academia Porteña del Lunfardo
" gegründet, welche eine private
Institution ist und sich allgemein mit der sprachwissenschaftlichen Forschung und speziell
mit der Entwicklung der Umgangssprache in Buenos Aires beschäftigt. Hierbei wird be-
sonderes Augenmerk auf den Soziolekt, den Lunfardo, gelegt. Diesem wurden von vielen
Forschern und Studierenden der Sprachwissenschaft bisher unzählige Essays und Bücher
gewidmet, da das Interesse nach wie vor ungebrochen ist. Bei näherer Betrachtung ist fest-
zustellen, dass es sich als sehr schwierig erweist, den Lunfardo zu definieren und einzu-
grenzen, da sich hierbei die Wissenschaftler weitestgehend uneinig sind. Benigno B. Lu-
gones, ein ehemaliger Polizeiangestellter, veröffentlichte bereits im Jahre 1879 zwei Texte
mit den Titeln ,,
Los beduinos urbanos
" und ,,
Los caballeros de la industria
", welche im
Laufe der Zeit zu den Vorreitern weiterer Studien zum Lunfardo wurden. Von der Neugier
für diesen Soziolekt gefesselt, waren Antonio Dellepiane mit seinem Buch ,,
El idioma del
delito
" und José S. Alvarez mit seinen ,,
Memorias de un vigilante
" in den Jahren 1894 und
1897 die beiden nächsten, welche sich mit dem Phänomen Lunfardo beschäftigten. Im
Laufe der Zeit verwandelte sich dieser von seinem primitiven Ursprung der Gauner und
Randgruppen in ein Vokabular, welches vortrefflich von Schauspielern dargestellt und von
berühmten Dichtern, sowie Autoren von Tangotexten eingearbeitet wurde, indem sie ge-
wisse Umgebungen und Klischees bedienen, die mit der eigenen Welt der Vorstadt ver-
bunden sind.1
In dieser Arbeit geht es darum, den Lunfardo zu analysieren. Eingehend werde ich versu-
chen einen Überblick über diverse Definitionstheorien zu geben. Folgend gilt es, den Lun-
fardo in den historischen Hintergrund einzubetten, sowie Funktion und Gebrauch zu be-
leuchten. Im Kern meiner Betrachtung soll die Zusammensetzung des Lunfardo stehen,
wobei hier verschiedene Beispiele in die Betrachtung einfließen, um ein besseres Ver-
ständnis zu ermöglichen.
Der Rahmen dieser Hausarbeit gebietet ein Maximum an faktischer Beschränkung. Daher
möchte ich verdeutlichen, dass es sich bei dieser Arbeit nur um einen Problemaufriss han-
deln kann, ein Aufriss, mit dem ich erreichen möchte, dass der Lunfardo und seine Theo-
rien näher betrachtet werden. In einem solchen Rahmen ist die Komplexität hingegen nur
bedingt vermittelbar.
1 Vgl. Chávez, Fermin 1992:
500 años de la lengua en tierra argentina
., Buenos Aires: Ministerio de cultura
y educacion de la nación, S. 268ff.
3
2.
Definitions- und Eingrenzungsversuche
2.1.
Definition
Der Lunfardo hat seinen Ursprung in Buenos Aires und wird im gesamten Gebiet des Río
de la Plata gesprochen. Der Name ,,Lunfardo" entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahr-
hunderts. Zu Beginn wurde dieser lediglich von den unteren Bevölkerungsschichten ge-
sprochen. Im Laufe der Jahre weitete sich der Lunfardo überdies auf alle sozialen Gesell-
schaftsschichten aus und ist noch heute in der Alltagssprache existent.
Der Versuch die Entstehung des Lunfardo zu charakterisieren, führte zu einer Polarisierung
der grundsätzlichen Auffassungen der Sprachwissenschaftler. Germinal Nogués gelingt es
in sachdienlichem Maße diese Entfremdung darzustellen:
,,
El Lunfardo se originó, para algunos, entre los delincuentes y para otros en los conven-
tillos. Lunfardo significa, de hecho, ladrón y surgió, sin duda, entre una de estas dos cultu-
ras marginales
."2
Stellvertretend für das eine Lager kann der Vorsitzende der ,,
Academia Porteña del Lun-
fardo
", José Gobello, hinzugezogen werden. Für sein Dafürhalten können Charakteristika
wie Syntax und die Existenz eines individuellen grammatikalischen Gefüges keine An-
wendung finden. Charakteristika, welche eine Sprache zu einer unverwechselbaren und
individuellen Einheit einer jeden Gesellschaft gestalten, sind beim Lunfardo nicht existent.
Daraus resultierend kann eine Einordnung in Felder wie Sprache, Dialekt, oder Jargon3
nicht vollzogen werden. Gobello unternimmt einen Versuch das Phänomen des Lunfardo
einzugrenzen. Dieser lautet wie folgt:
,,
Vocabulario compuesto por voces de diverso origen que el hablante de Buenos Aires em-
plea en oposición al habla general
."4
Für ihn ist der Lunfardo in seiner Form lediglich ein kombiniertes Vokabular, welches als
Gegenstück zur Generalsprache angewandt wird. Dies kann als Ausdruck inneren Wider-
standes gegen das gesellschaftliche Grundgefüge verstanden werden. Jene Darlegung ist
jedoch für die genaue Veranschaulichung des Lunfardo nicht hinreichend genug. An dieser
Stelle scheint es sinnvoll weitere Wissenschaftler heranzuziehen, um eine präzisere Be-
2 Nogués, Germinal 1993:
Buenos Aires, ciudad secreta
., Buenos Aires: Ruy Diaz-Sudamericana Editorial
S.A., S. 146.
3 Der Jargon ist eine als Umgangssprache bezeichnete Sondersprache und somit in die Gruppe der Soziolekte
einzuordnen. Hier kommt es zu einer vereinfachten Kommunikation innerhalb eines sozialen Milieus, also
einer gesellschaftlich, kulturell oder beruflich abgegrenzten Gruppe.
4 Gobello, Jose, zitiert in: López, Nora 2002:
Lunfardo Consolidado y Lunfardo Consolidándose
., in:
http://ar.geocities.com/lunfa2000/pone.html.
4
trachtung gewährleisten zu können. Bei Teruggi beispielsweise lässt sich folgende Defini-
tion finden:
,,
Lunfardo es la denominación que se da al argot originado en Buenos Aires en la segunda
mitad del siglo XIX y que, con innovaciones y modificaciones, forma parte del habla espon-
tánea de las masas populares de dicha ciudad y en mayor o menor grado de buena par-
te de la población argentina
."5
Im Gegensatz zu Gobello ist Teruggi der Auffassung, dass der Lunfardo eine Bezeichnung
des grundlegenden argentinischen Argots ist und sich somit in die Gruppe der Soziolekte
einreiht. Er setzt sich zusammen aus innovativen und modifizierten Wörtern, welche die
gesprochene Sprache der breiten Masse durchzieht.
Im Allgemeinen bezeichnet der Argot in seiner ursprünglichen Form den Soziolekt der
Gauner und Bettler Frankreichs während des Mittelalters. Im übertragenen Sinne ist dieser
als Überbegriff für jede Form von Gruppensprache dienlich. Es wird eine Art ,,Geheim-
sprache" kreiert, um geflissentlich die Standardsprache zu umgehen. Bei Teruggi lässt sich
folgende Definition finden:
,,
La palabra argot, de origen francés, se emplea internacionalmente para denotar el habla
peculiar de un grupo social diferenciado
."6
Somit ist ersichtlich, dass es sich beim Jargon und Argot um denselben Sachverhalt han-
delt, mit dem Unterschied, dass die Bezeichnung für den Grundgedanken an sich landes-
spezifisch differiert. So bezeichnen die Italiener den hier definierten Ausdruck als ,,
gergo
",
die Spanier verwenden die Wörter ,,
bribia
", ,,
germanía
", ,,
hampa
" oder ,,
caló
" und die
Franzosen ,,
argot
".7
Gleichwohl ist ihm seine eigene Ausführung über den Soziolekt nicht hinreichend genug,
so dass er eigens eine Präzisierung dieser vornimmt.
,,
Si quisiéramos precisar más el lunfardo con un enfoque lingüístico, se podría decir que es
un habla popular argentina compuesta de palabras y expresiones que no están registradas
en los diccionarios castellanos Corrientes
."8
Hiermit bestätigt er die These von Gobello, indem er verfügt, dass der Soziolekt eine ar-
gentinische Umgangssprache darstellt, welche gekennzeichnet ist durch zusammengesetzte
5 Teruggi, Mario E. 1978:
Panorama del lunfardo
.
Génesis y esencia de las hablas coloquiales urbanas
.,
Buenos Aires: Editorial Sudamericana, S. 15.
6 Ebd., S. 15.
7 Dellepiane, Antonio 1894:
El idioma del delito
., Buenos Aires: Editor Arnoldo Moen, S. 9.
8 Teruggi, Mario E. 1978:
Panorama del lunfardo
.
Génesis y esencia de las hablas coloquiales urbanas
.,
Buenos Aires: Editorial Sudamericana, S. 26.
5
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