Gegenstand dieser Arbeit soll die Ortsnamenpolitik in dem heute in Polen gelegenen Gebiet Posen sein, in welchem als „Raum nationaler Konfrontation“ im Wechsel zwischen deutschen und polnischen Machthabern seit 1815 viermal Ortsnamen geändert wurden. Dabei geht es um die Ideologien und deren Durchführung seitens der Herrschenden, sowie den Vergleich untereinander mit der Frage, ob die jeweils gesetzten Ziele erreicht wurden. Betrachtet werden daher weniger die konkreten Namenwechsel oder die Benutzung der Namen durch die Bevölkerung, sondern ihre Festsetzung seitens der Herrschenden.
Eine besondere Bedeutung erhält die im Titel erwähnte Idee der ‚onomastischen Waffe’, deren Anwendungsmöglichkeiten im Posener Gebiet herausgearbeitet und bewertet werden. Einen Schwerpunkt nimmt in diesem Zusammenhang die Analyse der deutschen Besatzer ein, da hier vermutet wird, dass sie, ausgehend von Geschichte und Bevölkerung, die eigentlichen ‚Fremden’ in der Region waren und wahrscheinlich nicht auf eine eigene Ortsnamenlandschaft zurückgreifen konnten. Wie und warum sie trotzdem eine schaffen wollten, soll diese Arbeit darstellen.
Ausgehend von einer Arbeitsdefinition zu Ortsnamen und ihren Wechseln, wird die Ortsnamenpolitik Preußens, Polens nach 1918, der Nationalsozialisten und Polens nach 1945 im Gebiet um Posen vorgestellt. Um auf umfangreicheres Material polnischer Ortsnamenpolitik zurückzugreifen, werden für die Zeit ab 1945 die Ereignisse auf den neupolnischen West- und Nordgebiete betrachtet, auch wenn Posen nicht zu diesen gehörte. Den Einzelausarbeitungen vorangestellt, erfolgt jeweils eine geschichtliche, politische und geographische Einordnung, was besonders aus dem Grund von Bedeutung ist, da es sich nicht jeweils um ein deckungsgleiches Gebiet handelt, jedoch bei allen die Stadt Posen den Mittelpunkt der politischen und gesellschaftlichen Kräfte bildet. Im Vergleichskapitel werden Zielstellungen, Durchführung und Kriterien neuer Ortsnamen zwischen den Machthabern verglichen und anhand eines kleinen Namenkorpus des Kreises Schrimm an Beispielen festgemacht. Der Begriff der onomastischen Waffe wird im Schlussteil wieder aufgegriffen, in welchem die in der Einleitung aufgeworfenen Fragen beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ortsnamen und die onomastische Waffe
2.1 Ortsnamen und Ortsnamenwechsel
2.2 Die onomastische Waffe
3. Die Provinz Posen zwischen 1815 und 1918
3.1 Die polnische Frage
3.2 Ortsnamenpolitik in Posen
4. Die Woiwodschaft Pozna zwischen 1918 und 1939
4.1 Der neue polnische Staat
4.2 Ortsnamenpolitik
5. Das Reichsgau Wartheland von 1939 bis 1945
5.1 Die nationalsozialistische Siedlungspolitik
5.2 Ortsnamenpolitik im Reichsgau Wartheland
6. Polnische Ortsnamenänderungen nach 1945
6.1 Die polnische Westverschiebung
6.2 Ortsnamenpolitik in den ‚wiedergewonnenen Gebieten’
7. Ortsnamenwechsel im Vergleich
7.1 Vergleich der Machthaber
7.2 Änderungen im Kreis Schrimm
8. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ortsnamenpolitik im Posener Gebiet im Zeitraum von 1815 bis 1945 als Instrument der ideologischen Machtausübung. Dabei wird analysiert, wie verschiedene Machthaber durch gezielte Ortsnamenänderungen versuchten, eine neue Identität und Legitimation in der Region zu etablieren, und welche Rolle das Konzept der "onomastischen Waffe" dabei spielte.
- Historische Analyse der Ortsnamenpolitik im Raum Posen
- Vergleich der Methoden deutscher und polnischer Machthaber
- Untersuchung der ideologischen Instrumentalisierung von Ortsnamen
- Fallbeispielanalyse im Kreis Schrimm
- Bewertung des Konzepts der "onomastischen Waffe"
Auszug aus dem Buch
Die onomastische Waffe
Da Ortsnamenwechsel nicht den Ort im materiellen Sinne, sondern die Assoziationsfelder der Menschen betreffen, sind politisch motivierte Änderungen nicht auf die territoriale, sondern auf die geistige Aneignung eines Gebietes gerichtet. Hierbei kann es sich um einen konstruktiven oder einen destruktiven Prozess handeln, denn Änderungen können die Identitäten bestärken oder schwächen, je nachdem, ob der Schwerpunkt der Wechsel auf der Ablösung oder der Einführung von Ortsnamen liegt. In der nationalsozialistischen Literatur werden die Namen in den annektierten Gebieten damit zur Waffe im ‚Volkstumskampf’ und zur Waffe der fremden Ortsnamen, welche die deutsche Sprache ‚bedrohen’ können und daher ‚bekämpft’ werden müssen.
Der Begriff der ‚onomastischen Waffe’ ist aus Berings (1990) Analyse der nationalsozialistischen Namenpolemik gegenüber dem preußischen Innenminister Albert Grzesinski entnommen. Seine Person wird von den Nationalsozialisten mittels semantischer Destruktion seines Namens angegriffen, wogegen dieser einen regen (juristischen) Abwehrkampf führt, was Bering (1990) zu der Aussage bringt, dass die onomastische Waffe vom preußischen Innenminister für „gefährlich und massenwirksam [...] gehalten wurde“. Durch die Namenpolemik wurde nämlich nicht nur „die Legitimität, die Unantastbarkeit und die Würde“ des Innenministers, sondern auch der Weimarer Republik angegriffen. Dem Gedanken Berings entsprechend sei für die onomastische Waffe in Posen vermutet, dass mit der Destruktion der ‚fremden’ Siedlungsnamen nicht nur die Menschen als geistige Namenträger betroffen sind, sondern ebenso die Legitimation der vorherigen Herrschaft angegriffen wird, um eine eigene zu installieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der Ortsnamenpolitik als Instrument nationaler Identitätsbildung ein und stellt die Forschungsfrage nach der Wirkung der "onomastischen Waffe" in Posen.
2. Ortsnamen und die onomastische Waffe: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen von Ortsnamen als soziale Symbole und definiert den Begriff der onomastischen Waffe im politischen Kontext.
3. Die Provinz Posen zwischen 1815 und 1918: Die historische Entwicklung der Provinz Posen unter preußischer Herrschaft wird beleuchtet, wobei der Fokus auf dem Spannungsfeld zwischen polnischer Frage und den Anfängen deutscher Ortsnamenpolitik liegt.
4. Die Woiwodschaft Pozna zwischen 1918 und 1939: Es wird die polnische Ortsnamenpolitik nach der Staatsgründung beschrieben, die auf eine Repolonisierung des Gebiets abzielte.
5. Das Reichsgau Wartheland von 1939 bis 1945: Dieses Kapitel analysiert die radikale nationalsozialistische Ortsnamenpolitik im Warthegau zur Schaffung eines deutschen Lebensraumes.
6. Polnische Ortsnamenänderungen nach 1945: Der Fokus liegt hier auf der Neuordnung der Gebiete nach dem Zweiten Weltkrieg und der polnischen Politik in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten.
7. Ortsnamenwechsel im Vergleich: Die verschiedenen politischen Strategien der Machthaber werden gegenübergestellt und anhand eines Fallbeispiels im Kreis Schrimm konkretisiert.
8. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Bilanz der Wirksamkeit von Ortsnamenpolitik als Identitätskonstrukt und der kritischen Reflexion über den Erfolg der onomastischen Waffe.
Schlüsselwörter
Ortsnamen, Onomastik, Ortsnamenpolitik, Posen, Wartheland, Identität, Germanisierung, Polonisierung, Siedlungspolitik, onomastische Waffe, Preußen, Nationalsozialismus, Kreis Schrimm, Kulturkampf, Legitimation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Ortsnamen in der Region Posen zwischen 1815 und 1945 als politisches Instrument zur kulturellen und territorialen Aneignung eingesetzt wurden.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Geschichte der Provinz Posen, die Siedlungs- und Sprachpolitik verschiedener Machthaber, die Konstruktion nationaler Identitäten und die Analyse von Ortsnamen als symbolische Machtmittel.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es, die Idee der "onomastischen Waffe" zu bewerten: Inwieweit konnten durch die gezielte Änderung von Ortsnamen fremde Identitäten gelöscht und eigene Ansprüche auf die Region legitimiert werden?
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine historische Analyse der politischen Rahmenbedingungen sowie einen systematischen Vergleich von Ortsnamenverzeichnissen verschiedener Epochen, ergänzt durch eine Fallstudie im Kreis Schrimm.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in chronologische Analysen der preußischen Zeit, der polnischen Zwischenkriegszeit, der nationalsozialistischen Okkupation und der Zeit nach 1945, wobei die jeweilige Verwaltungspraxis untersucht wird.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Neben dem zentralen Begriff der onomastischen Waffe prägen Begriffe wie Germanisierung, Polonisierung, Identitätsbildung und symbolische Herrschaftsausübung die Arbeit.
Wie wirkten sich die Ortsnamenänderungen konkret im Kreis Schrimm aus?
Die Analyse im Kreis Schrimm zeigt, dass Ortsnamenänderungen oft nicht flächendeckend waren und eine hohe Beständigkeit von Städtenamen im Vergleich zu kleineren Ortschaften bestand.
Führte der Einsatz der onomastischen Waffe zu einer nachhaltigen Etablierung deutscher Identität im Wartheland?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass der Versuch, eine "urdeutsche" Namenlandschaft zu konstruieren, aufgrund von Verwaltungsengpässen und der historischen Realität oft scheiterte oder nur oberflächlich blieb.
- Quote paper
- Thomas Maier (Author), 2006, Die onomastische Waffe in Posen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91435