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Subtitle: Wie durch die ästhetische Betrachtung in Kants "Kritik der Urteilskraft" das Selbst bewusst wird
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 22 Pages
Author: Sina Schmidt
Subject: Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries
Details
Institution/College: University of Potsdam (Institut für Philosophie)
Tags: Durch, Schöne, Selbstbewusstsein, Kants, Theorie, Vermögen, Kunst, Ästhetik, Kritik der Urteilskraft, Romantik, Idealismus
Year: 2007
Pages: 22
Grade: 2,3
Bibliography: ~ 21 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-05867-4
ISBN (Book): 978-3-638-94876-0
File size: 180 KB
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Abstract
„Haben sie schon Kants Kritik der reinen Vernunft gelesen? Eine Dunkelheit darin, die ihres gleichen sucht! Mir ist's zu hoch und so etwas auszuklauben, was kann es helfen?“ Immanuel Kant hatte seine beiden bedeutendsten Hauptwerke, 1781 die „Kritik der reinen Vernunft“ und 1788 die „Kritik der praktischen Vernunft“ verfasst, welche beide auf enorme Verständnisprobleme stießen. Daraufhin wurde ihm klar, dass beide Werke hinsichtlich der Ausarbeitung des Ästhetischen und dessen Funktion nicht ausreichend waren, weshalb er, quasi nachträglich, 1970 die „Kritik der Urteilskraft“ verfasste. Hier geht er nun der Urteilskraft, als Bindeglied zwischen Vernunft und Verstand, Naturbegriffen und Freiheitsbegriffen, Theorie und Praxis, Objekt und Subjekt, auf den Grund. Auch dieses Werk ist im für Kant typischen naturwissenschaftlich-logischem Sprachstil verfasst, was ein Verständnis nicht unbedingt erleichtert, aber wohl doch zur Folge hatte, dass über den Autor soviel gesprochen und vor allem geschrieben wurde, wenngleich wohl auch heute niemand behaupten würde, aus den Tiefen der Kantschen Sätze in völliger Klarheit wieder aufgetaucht zu sein und selbst Gilles Deleuze nähert sich Kant als einen „Feind“. Kant erläutert, dass es neben der Erkenntnis der Dinge der Welt, die am Ende immer auf eine praktische Anwendung zielen, noch eine Art Metaebene, die ästhetische Wahrnehmung der Gegenstände gibt. Elementar ist hierbei, nicht das Objekt aus der beobachtenden Subjektebene zu beschreiben, sondern die Perspektive zu drehen und die Frage zu stellen, was im Subjekt emotional vor sich geht, während es einen schönen oder gar erhabenen Gegenstand wahrnimmt. „Alle Beziehung der Vorstellungen, [...] [wird] auf das Gefühl der Lust und Unlust [bezogen], wodurch gar nichts im Objekte bezeichnet wird, sondern in der das Subjekt, wie es durch die Vorstellung affiziert wird, sich selbst fühlt.“ Schönes und Erhabenes sollen nach Kant dazu beitragen, dass die „Erkenntniskräfte [sich beleben]“ und „Erkenntnis im allgemeinen“ überhaupt spielerisch erst möglich wird. Er geht noch weiter und macht das Geschmacksurteil zu dem entscheidenden Faktor, der den vernunftbegabten Menschen vom unreflektierten Tiere unterscheidet , da der Mensch sich in Ansehung des Schönen und Erhabenen erst seines Selbst bewusst wird und seine Vernunft, die moralische Regeln erzeugt, durch welche Gemeinschaft erst möglich ist, richtig arbeiten lässt.
Excerpt (computer-generated)
Universität Potsdam, Institut für Philosophie
Hauptseminar: ,,Kants Theorie der Vermögen in der
,,Kritik der reinen Vernunft" und der
,,Kritik der Urteilskraft""
Studiengang: Germanistik/Philosophie/Musik (M. A.)
Potsdam, den 29. 09. 2007
Durch das Schöne zum Selbstbewusstsein
Wie durch die ästhetische Betrachtung in Kants
,,Kritik der Urteilskraft" das
Selbst bewusst wird
von
Sina Schmidt
Gliederung
1
Einleitung 3
2
Kants ,,Ich" 4
3
Das erkennende Subjekt 5
4
Ästhetische Wahrnehmung 8
5
Das Angenehme 10
6
Das Gute 11
7
Das Schöne 12
8
Selbsterkenntnis 14
9
Gemeinschaft 15
10
Die Funktion der Kunst 17
11
Zusammenfassung 18
12
Literaturverzeichnis 21
2
1 Einleitung
,,Haben sie schon Kants Kritik der reinen Vernunft gelesen? Eine Dunkelheit darin, die ihres
gleichen sucht! Mir ist′s zu hoch und so etwas auszuklauben, was kann es helfen?"1
Immanuel Kant hatte seine beiden bedeutendsten Hauptwerke, 1781 die ,,Kritik der reinen
Vernunft" und 1788 die ,,Kritik der praktischen Vernunft" verfasst, welche beide auf enorme
Verständnisprobleme stießen2.
Daraufhin wurde ihm klar, dass beide Werke hinsichtlich der
Ausarbeitung des Ästhetischen und dessen Funktion nicht ausreichend waren, weshalb er,
quasi nachträglich, 1970 die ,,Kritik der Urteilskraft" verfasste. Hier geht er nun der
Urteilskraft, als Bindeglied zwischen Vernunft und Verstand3, Naturbegriffen und
Freiheitsbegriffen, Theorie und Praxis4, Objekt und Subjekt5, auf den Grund.
Auch dieses Werk ist im für Kant typischen naturwissenschaftlich-logischem Sprachstil
verfasst, was ein Verständnis nicht unbedingt erleichtert, aber wohl doch zur Folge hatte, dass
über den Autor soviel gesprochen und vor allem geschrieben wurde, wenngleich wohl auch
heute niemand behaupten würde, aus den Tiefen der Kantschen Sätze in völliger Klarheit
wieder aufgetaucht zu sein und selbst Gilles Deleuze nähert sich Kant als einen
,,Feind
".6
Kant erläutert, dass es neben der Erkenntnis der Dinge der Welt, die am Ende immer auf eine
praktische Anwendung7 zielen, noch eine Art Metaebene, die ästhetische Wahrnehmung8 der
Gegenstände gibt. Elementar ist hierbei, nicht das Objekt aus der beobachtenden
Subjektebene zu beschreiben, sondern die Perspektive zu drehen und die Frage zu stellen, was
im Subjekt emotional vor sich geht, während es einen schönen oder gar erhabenen
Gegenstand wahrnimmt. ,,
Alle Beziehung der Vorstellungen, [...] [wird] auf das Gefühl der
Lust und Unlust [bezogen], wodurch gar nichts im Objekte bezeichnet wird, sondern in der
das Subjekt, wie es durch die Vorstellung affiziert wird, sich selbst fühlt."9
Schönes und
Erhabenes sollen nach Kant dazu beitragen, dass die ,,
Erkenntniskräfte
[
sich beleben]
"10 und
,,Erkenntnis im allgemeinen" überhaupt spielerisch erst möglich wird.11 Er geht noch weiter
und macht das Geschmacksurteil zu dem entscheidenden Faktor, der den vernunftbegabten
1 Schreibt Kants Freund T. G. von Hippel 1781 an Scheffner, vgl. hierzu:
Kants Welt,
S. 149.
2 Vgl.: ,,Kants Welt" S 148-150.
3 Vgl. hierzu: Hans-Joachim Pieper,
Geschmacksurteil und ästhetische Einstellung,
S. 71-72.
4 Vgl. hierzu die von Kant aufgestellte Übersicht: KdU, S. 110.
5 Vgl. hierzu: Gernot Böhme,
Kants ,,Kritik der Urteilskraft" in neuer Sicht,
S. 15.
6 Gilles Deleuze,
Kants kritische Philosophie,
Klappentext.
7 Gundula Felten,
Die Funktion des sensus communis,
S. 23.
8 Böhme nennt diese ,,Metaebene" auch eine Kopräsenz: vgl. hierzu: Gernot Böhme,
Kants ,,Kritik der
Urteilskraft" in neuer Sicht,
S. 18.
9 KdU, § 1, S. 115.
10 KdU, § 12, S. 138.
11
Vgl. hierzu: Gundula Felten,
Die Funktion des sensus communis,
S. 20.
3
Menschen vom unreflektierten Tiere unterscheidet12, da der Mensch sich in Ansehung des
Schönen und Erhabenen erst seines Selbst bewusst wird und seine Vernunft, die moralische
Regeln erzeugt, durch welche Gemeinschaft erst möglich ist, richtig arbeiten lässt.
Das Selbst kann also nur in Relation zum Anderen erkannt und bewusst werden?
Gemeinschaft im Grunde nur durch die ästhetische Wahrnehmung gefestigt werden?
Wie das Kantsche Modell funktionieren soll und die Antwort auf die gestellten Fragen sollen
im Rahmen dieser Arbeit gefunden werden.
2 Kants ,,Ich"
Um dem Selbstbewusstsein und der Gemeinschaft näher zu kommen, ist es günstig, zunächst
zu prüfen, wie Kant das Subjekt an sich, also das ,,Ich" zu erklären sucht.
Gilles Deleuze fasst Kants Definition einfach als ,,Ich ist ein anderer"13 zusammen und
erklärt, dass es quasi zwei ,,ich" gäbe. Zum einen jenes mit der Zeit fließende, in welchem
unaufhörlich die Mannigfaltigkeit in der Einheit des Subjekts synthetisiert wird und zum
anderen jenes ,,Ich", welches als ein ,,Alter Ego" distanziert erst wahrgenommen werden
muss. Das eine synthetisiert die Zeit und dem jeweiligem Ereignis oder Gegenstand, das
andere fließt mehr oder minder passiv mit der Zeit und ist einer permanenten Veränderung
unterworfen.14
Kant greift im Prinzip Descartes ,,cogito ergo sum"15 auf und erweitert es nach Deleuze auf
ein
,,ich denke mich, und indem ich mich denke, denke ich irgendein Objekt, auf das ich eine
vorgestellte Mannigfaltigkeit beziehe."16
Und schon hierin zeigt sich, dass das Subjekt, im
Gegensatz zu Descartes Ausführungen, nicht
alles
anzweifeln kann, sondern fest in der Welt
verankert ist. Er ist Teil der Welt und die unbestreitbare Existenz des ,,ich" bedeutet
gleichzeitig die Existenz der Welt und ihrer Gegenstände, da beide ineinander verwoben sind.
Es nicht möglich, zu sagen, ob die ,,Dinge an sich" vorhanden sind und so sie es sind,
wie
sie
es sind, denn dies spielt für das Subjekt im Grunde keine direkte Rolle. Da die Dinge nur eine
Bedeutung haben, wenn wir sie denken können, was allerdings voraussetzt, dass Dinge
existieren, die denkbar sind. Kants ,,ich" ist also stets ein ,,ich denke", das eben auch einen
12
,,Annehmlichkeit gilt auch für vernunftlose Tiere; Schönheit nur für Menschen, d.i. tierische, aber doch
vernünftige Wesen, aber auch nicht bloß als solche (z.B. Geister) sondern zugleich als tierische; das Gute aber
für jedes vernünftige Wesen überhaupt.",
KdU, § 5, S. 123. 1
13 Gilles Deleuze,
Kants kritische Philosophie,
S. 9.
14 Vgl. hierzu Gilles Deleuze: ,,Kants kritische Philosophie", S. 9.
15 In René Descartes
,,Prinzipien der Philosophie",
S. 5. führt der Autor aus, dass unsere
Wahrnehmungsmöglichkeiten nicht klar unterscheiden können, ob die Dinge um uns wirklich oder nur
gedacht sind. Das einzige, was dem methodischen Zweifel nicht unterliegt, ist das ,,cogito", dem man als
Auslöser eines Rationalismus sehen kann, der durch ein Dogma abgebrochen wird.
16 Gilles Deleuze,
Kants kritische Philosophie,
S. 45 2
4
Teil von sich selbst denkt, indem es ein Selbstbewusstsein entwickelt, welches notwendig der
Welt bedarf, wenngleich nur als Vorstellung. Und doch ist die Existenz des ,,ich" ein
existere
im eigentlichen Wortsinn, ein heraus-Stehen, das Zentrum und damit -ganz im Zeichen der
Geometer- den Ursprung nicht in sich tragend. Der Mensch hat sein Da-sein nicht selbst
veranlasst. Kant spricht dies nur am Rande an, in Abschnitten, in denen er auf die
,,Zweckmäßigkeit"
eingeht: ,,
Zweckmäßig aber heißt ein Objekt, oder Gemütszustand, oder
eine Handlung auch, wenn gleich ihre Möglichkeit die Vorstellung eines
Zwecks nicht
notwendig voraussetzt, bloß darum, weil ihre Möglichkeit von uns nur erklärt und begriffen
werden kann, sofern wir eine Kausalität nach Zwecken, d .i. einen Willen, der sie nach der
Vorstellung einer gewissen Regel so angeordnet hätte, zum Grunde derselben annehmen."17
Um uns eine Orientierung und damit verbunden Sicherheit in der Welt zu verschaffen,
brauchen wir Kausalität, die Gewissheit, dass bestimmte Dinge aus anderen folgen und unsere
Art, logisch zu denken ihre Berechtigung hat, weil alles um uns eben genau nach diesen
logischen Prinzipien aufgebaut ist.
Wer
alles so arrangiert und geschaffen hat, ist an dieser
Stelle nicht Kants Frage. Er kommt aus einer religiösen Familie18, doch ist sein Anspruch, all
die unaussprechlichen Dinge zwischen Himmel und Erde, die Metaphysik aus dem Bereich
der Spekulation und des Übersinnlichen19 herab auf eine logisch-argumentative
Beweisführungs-Ebene zu ziehen, was auch seine haarspalterische Argumentationsweise
erklärt, durch die leider z. T. im Verborgenen bleibt, welche weitreichenden Entdeckungen er
macht.
3 Das erkennende Subjekt
Während also um uns die Welt abläuft, synthetisiert das Subjekt unaufhörlich Informationen.
D. h., um sich in der Welt überhaupt orientieren zu können, ist es notwendig, sie zu
strukturieren, weswegen Kant den ,,äußeren"20 und den ,,inneren" Sinn21 einführt.
,,Denken ist
ordnen"22
Zu aller erst ordnet das Subjekt die Gegenstände um sich herum in den Raum ein. Damit
geschieht eine erste Synthese und zugleich Selektion, denn aus dem schier unendlichen
17 KdU, § 10, S. 135.
18 Kants Eltern waren pietistisch und vor allem seine Mutter prägte seinen Blick auf die Welt religiös, vgl.
hierzu: S. 23ff.
19 Die ihn noch in seinen
,,Träumen eines Geistersehers"
stark beschäftigten.
20
,,Vermittelst des äußeren Sinnes (einer Eigenschaft unsres Gemüts) stellen wir uns Gegenstände als
außer uns, und diese insgesamt im Raume vor. Darinnen ist ihre Gestalt, Größe und Verhältnis gegen einander
bestimmt, oder bestimmbar.",
vgl. KrV, § 2, S. 71.
21
,,Denn das Zugleichsein oder Aufeinanderfolgen würde selbst nicht in die Wahrnehmung kommen,
wenn die Vorstellung der Zeit nicht a priori zum Grunde läge.",
vgl. KrV, § 4, S. 78.
22 Augustinus,
Bekenntnisse,
S. 3
5
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