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Hauptseminararbeit, 2007, 30 Seiten
Autor: Patricia Patkovszky
Fach: Skandinavistik
Details
Institution/Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin (Nordeuropa-Institut)
Tags: Schweden, Dilemma, Europapolitik, Schweden
Jahr: 2007
Seiten: 30
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 30 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-05361-7
ISBN (Buch): 978-3-638-94596-7
Dateigröße: 225 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Die Schweden gelten gemeinhin als Europa-Skeptiker. Zwar ist Schweden geographisch gesehen ein Teil Europas und trat 1995 auch der Europäischen Union bei - die innere Einstellung und die politische Haltung seiner Bewohner vermittelt jedoch eher das Bild von unwilligen Mitgliedern. Sie scheinen sich Europa ganz einfach nicht zugehörig fühlen zu wollen und zeigen dies auch deutlich bei Umfragen, Wahlen und Volksabstimmungen. Dazu mag das Selbstbild der Schweden über sich und ihr Land beitragen. Ein Selbstbild, das stark mit der Mentalität der Schweden zusammenhängt und geprägt ist vom sogenannten halva inne-syndromet. Schweden möchte zwar gern ein Teil der Europäischen Union sein und die wirtschaftlichen Vorteile daraus genießen, aber richtig partizipieren möchte es wiederum nicht. Zumindest nicht bei all den Regeln, Verordnungen und Ansprüchen, die die Europäische Union an seine Mitgliedsstaaten stellt. Legt man diese Überlegungen zugrunde, so ist es wohl kaum verwunderlich, dass die Schweden den Beitritt zur Wirtschafts- und Währungsunion im September 2003 abgelehnt haben, denn die schwedische Bevölkerung ist mit den bisherigen Leistungen der Europäischen Union unzufrieden. Sie sprechen der Union vielfach die demokratische Systemlegitimität ab und halten sie für eine Veranstaltung von Eliten, die an den Bedürfnissen der durchschnittlichen Wähler weit vorbeigeht. Diese Arbeit soll einen Einblick geben, warum sich die Bewohner Schwedens nur so unwillig und mühsam für die Idee einer europäischen Gemeinschaft begeistern konnten und können. Was bedeutet die Europäische Union für die Schweden, warum fürchten sie eine dortige Partizipation und verhinderten den Beitritt zur Währungsgemeinschaft? Um die Hintergründe zu verstehen, beginne ich mit einer Übersicht über die Geschichte des schwedischen EU-Beitritts. Danach werde ich die Züge der schwedischen Mentalität beleuchten, die als mögliche Ursachen für Schwedens Außenseiterpositon als europäischer Partner dienen können. Abschließend möchte ich kurz auf die Europa-Politik Schwedens eingehen, insbesondere auf die gescheiterte Volksabstimmung zum Euro 2003 und die aktuelle Debatte zur Europäischen Verfassung.
Textauszug (computergeneriert)
Humboldt Universität zu Berlin
Nordeuropa-Institut
Schweden und die EU -
das Dilemma um
isolation och utanförskap
1. Mai 2008
Patricia Patkovszky
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
3
2 Vom Volksheim zum Europäischen Haus - Schwedens Weg in die
EU
7
3 Das Verhältnis zu Europa in der schwedischen Geschichte
12
4 Schwedens Europa-Politik
17
4.1 Die Volksabstimmung zur Währungsunion 2003 19
4.2 Die Europäische Verfassung 22
5 Fazit
24
Literaturverzeichnis
27
2
1 Einleitung
För den europeiska opinionen utgör Sverige en gåta.
Den så beundrade modellen för demokrati och delaktighet
förefaller ha ingivit landet en lust att ständigt inta
en perifer position inom Europeiska unionen.
Jaques Delors
Die Schweden gelten gemeinhin als Europa-Skeptiker.
Zwar ist Schweden geographisch gesehen ein Teil Europas und trat 1995 auch der
Europäischen Union bei - die innere Einstellung und die politische Haltung seiner
Bewohner vermittelt jedoch eher das Bild von unwilligen Mitgliedern. Sie scheinen sich
Europa ganz einfach nicht zugehörig fühlen zu wollen und zeigen dies auch deutlich
bei Umfragen, Wahlen und Volksabstimmungen.
Dazu mag das Selbstbild der Schweden über sich und ihr Land beitragen. Ein Selbst-
bild, das stark mit der Mentalität der Schweden zusammenhängt und geprägt ist vom
sogenannten halva inne-syndromet. Schweden möchte zwar gern ein Teil der Euro-
päischen Union sein und die wirtschaftlichen Vorteile daraus genieÿen, aber richtig
partizipieren möchte es wiederum nicht. Zumindest nicht bei all den Regeln, Verord-
nungen und Ansprüchen, die die Europäische Union an seine Mitgliedsstaaten stellt.
Ähnlich verhält es sich auch mit der Mitgliedschaft in der Nato. Schweden ist aufgrund
seiner Neutralitätspolitik kein Mitglied, liebäugelt aber mit der Idee einer gemeinsa-
men Sicherheits- und Verteidigungspolitik, gerade im Hinblick auf die Bekämpfung des
internationalen Terrorismus. Schon jetzt beteiligt sich Schweden am Nato-Programm
Partnerschaft für den Frieden1 und nimmt dort gemeinsam mit Nato-Einheiten an
den militärischen Übungen teil.
1Die Partnerschaft für den Frieden (Partnership for Peace - PfP), 1994 gegründet, dient der Zu-
sammenarbeit zwischen der Nato und 23 europäischen und asiatischen Staaten, die (noch) keine
NATO-Mitglieder sind.
3
1 Einleitung
Es mangelt also nicht an den äuÿeren Rahmenbedingungen. Die aktive schwedische
Mitgliedschaft in der EU ist vielmehr eine Frage der inneren Einstellung, erschwert
durch die beschriebene Halb-und-Halb-Mentalität sowie ein in meinen Augen über-
trieben positives Selbstbild der Schweden.
Gern wird in diesem Zusammenhang der Begri des Schwedischen Modells (svenska
modellen) benutzt, der die sich langsam über Jahrhunderte entwickelte schwedische
Gesellschaftsform umschreiben soll. Hierbei wird besonders auf das Erfolgsmodell des
Schwedischen Wohlfahrtsstaates hingewiesen, der für den Anspruch auf universelle
Sozialleistungen für alle Bürger, vom Kleinkind bis zum Rentner, plädierte. Auch die
Gleichstellung der Geschlechter, Vollbeschäftigung und soziale Gerechtigkeit waren
Problemfelder, deren Lösung und Umsetzung lange Zeit einen vorbildhaften Charakter
hatten. Mittlerweile muss sich das Schwedische Modell zwar Problemen wie Arbeits-
losigkeit, wachsender Bürokratie und einer steigenden Disparität zwischen Arm und
Reich stellen, trotzdem empnden die Schweden ihr Land als wirtschaftlich stark und
industriell erfolgreich. Auch die schwedische Gesellschaft, ihre Mannigfaltigkeit und
der meist friedliche Dialog zwischen den unterschiedlichen Kulturen wird gern und oft
gerühmt.
Europa hingegen, besonders die südlichen Länder, wird als konservativ empfunden,
wirtschaftlich labil, mit einer längst überfälligen Arbeitsmarktreform und Geschlech-
terdebatte. Auch fällt es deren Gesellschaften scheinbar schwer, sich friedlich über
Probleme zu verständigen und zu einem Konsens zu gelangen.
Enligt det svenska mentala kulturarvet anses det icke-nordiska Europa hål-
ler sig med hemmafruar och hembiträde, och präglas av klassklyftor och
tiggare, egoism, cynism, katolicism och nationalism, nattklubbar och bor-
deller och rödvin till lunch. Det är orsaken till svenskarnas reserverade
hållning till att delta i det stora europeiska projektet. (Daun, 2003, 1)
Legt man diese Überlegungen zugrunde, so ist es wohl kaum verwunderlich, dass die
Schweden den Beitritt zur Wirtschafts- und Währungsunion im September 2003 ab-
gelehnt haben, denn die schwedische Bevölkerung ist mit den bisherigen Leistungen
der Europäischen Union unzufrieden.
[Sie] sprechen der Union vielfach die demokratische Systemlegitimität ab
und halten sie für eine Veranstaltung von Eliten, die an den Bedürfnis-
sen der durchschnittlichen Wähler weit vorbeigehe. Die hohen moralischen
4
1 Einleitung
Standards der schwedischen Politik setzen sie dem als dius wahrgenom-
menen Geschehen in Brüssel zum Vorbild: Folgerichtig präferieren sie über-
wiegend die Rückkehr zu nationalen Entscheidungsverfahren. (Schlich, 2004,
8/9)
Wenn überhaupt, dann erwarten die Schweden von der Europäischen Union Fort-
schritte in den Feldern Umweltschutz, Agrarreform, wirtschaftliche Entwicklung und
Vollbeschäftigung, Themen also, von denen sich jeder Schwede auch persönlich ange-
sprochen fühlt. Diskussionspunkte wie eine gemeinsame europäische Verfassung, Wäh-
rung oder Sicherheitspolitik sind hingegen nicht nur von geringem Interesse, sondern
werden geradezu misstrauisch beäugt. Diese Ideen wirken viel zu abstrakt, als dass
sich die Bevölkerung damit identizieren kann.
Vorbilder aus Politik und Gesellschaft haben es hier versäumt, die Bevölkerung für eine
Europäische Gemeinschaft zu begeistern und für Vertrauen und Sicherheit zu werben.
Deren Handlungsmaxime war und ist vielmehr von der Angst geprägt, dass das kleine
Land Schweden letztendlich von den gröÿeren Mitgliedsstaaten über den Tisch gezogen
wird und dass Schweden die nach eigenem Anspruch verdiente Führungsrolle versagt
bleiben könnte.
Die einst verheiÿungsvollen Versprechen führender EU-Vorreiter konnten also beileibe
nicht erfüllt werden.
Das Eurobarometer und die schwedischen Umfragewerte zeigen die schwa-
che Systemlegitimität der EU. Zwischen 1990 und 1993 stürzt die Zahl
der Befürworter der Mitgliedschaft ab. [Seitdem] stabilisiert sich die Zahl
dann auf niedrigem Niveau. Auch die Zahl der Gegner bleibt relativ stabil.
[...] Ein Scheitern des europäischen Integrationsprojektes würde tendenziell
gleichgültig aufgenommen. (Schlich, 2004, 155)
Die jetzige Europapolitik der schwedischen Regierungen kann leider nur als zögerlich
bewertet werden. Dass diese Unentschlossenheit letztendlich auch auf die Bürger um-
schlägt, und diese dann nur umso stärker den Prozess der europäischen Integration
ablehnen, steht auÿer Frage. Dies stöÿt wiederum auf harsche Kritik aus Brüssel, da
Schwedens Parteien nicht geschlossen auftreten und in der schwedischen Europapolitik
selten eine klare Linie und Dynamik erkennbar ist.
Diese Arbeit soll einen Einblick geben, warum sich die Bewohner Schwedens nur so
unwillig und mühsam für die Idee einer europäischen Gemeinschaft begeistern konnten
und können. Was bedeutet die Europäische Union für die Schweden, warum fürchten
5
1 Einleitung
sie eine dortige Partizipation und verhinderten den Beitritt zur Währungsgemein-
schaft?
Um die Hintergründe zu verstehen, beginne ich mit einer Übersicht über die Geschichte
des schwedischen EU-Beitritts. Danach werde ich die Züge der schwedischen Mentalität
beleuchten, die als mögliche Ursachen für Schwedens Auÿenseiterpositon als europäi-
scher Partner dienen können. Abschlieÿend möchte ich kurz auf die Europa-Politik
Schwedens eingehen, insbesondere auf die gescheiterte Volksabstimmung zum Euro
2003 und die aktuelle Debatte zur Europäischen Verfassung.
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