Autor: Jan Schenkenberger
Fach: Judaistik
Details
Institution/Hochschule: Universität Erfurt
Jahr: 2006
Seiten: 22
Note: 2,0
Literaturverzeichnis: ~ 41 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 174 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-06473-6
ISBN (Buch): 978-3-638-95160-9
Zusammenfassung / Abstract
Das Jahrzehnt der Weimarer Republik gilt kulturell als eine der fruchtbarsten Zeiten in der jüngeren Geschichte Europas. „Die Goldenen Zwanziger“ sind legendär – als Zeitenwende ebenso wie als letztes Aufblühen geistiger und künstlerischer Freiheit nach dem ersten Weltkrieg und vor dem Sturz in eine noch schlimmere Katastrophe, nach der für lange Zeit schon das Dichten nicht mehr möglich erscheinen mochte. Doch gerade die Blüte der zwanziger Jahre trägt die Züge der Krise; einer Krise, die nicht erst durch den ersten Weltkrieg ausgelöst wurde und deren tiefere Gründe kaum objektiv festzumachen sind – denn sie ist nicht aus Not oder politischen Umwälzungen heraus geboren. Diese Krise zog sich durch alle Schichten der bürgerlichen Gesellschaft; besonders stark mußten sie jedoch junge Juden empfinden, denen trotz der erlangten rechtlichen Gleichstellung 1871 im Deutschen Reich der preußischen Kaiser überall die Entreebillets in die sogenannte „bessere“ Gesellschaft verwehrt blieben – sei es über eine Laufbahn als Reserveoffizier oder eine Karriere als Hochschullehrer – und die sich um die Früchte jahrzehntelanger Assimilationsbemühungen betrogen fühlen mußten. Als Konsequenz wurden Rufe nach einem „erneuten Glauben“ laut - gemeint war damit allerdings keine Rückkehr zur traditionellen Religion. Wie dieser „erneute Glaube“ auch für junge Juden in den Jahren um den ersten Weltkrieg aussehen konnte und wohin er sie führen konnte, will diese Arbeit zu zeigen versuchen.
Textauszug (computergeneriert)
Am Abgrund.
Jüdische Intellektuelle und die Krise der Moderne
Wir brauchen lebendigen Geist und neue
Gedanken. Freilich glauben wir nicht mehr
an eine alleinige, absolute, seligmachende
Philosophie, die da kommen soll, über die
falschen Lehren zu triumphieren; aber wir
glauben auch nicht an die ewigen
Schranken, die die angeblich einzig
wahrhaftige Naturerkenntnis umschließen.
[...] Darum löschen wir von den alten
Tafeln das starre Gebot ,,Ignorabimus" und
schreiben mit entschlossener Hand ein
hoffnungsvolles ,,Creabimus" an die Tore
der Zukunft.
Walther Rathenau
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Schaffung einer neuen jüdischen Identität 4
3. Deutschtum und Judentum 6
4. ,,...wir mußten uns auf unser Judentum besinnen" 9
5. ,,Schleier der Wünschbarkeiten" 10
6. Auf der Suche nach Erlösung 13
7. Der Geist des Schwertes 14
8. Bibliographie 19
2
1. Einleitung
Das Jahrzehnt der Weimarer Republik gilt kulturell als eine der fruchtbarsten Zeiten in
der jüngeren Geschichte Europas. ,,Die Goldenen Zwanziger" sind legendär als
Zeitenwende ebenso wie als letztes Aufblühen geistiger und künstlerischer Freiheit nach dem
ersten Weltkrieg und vor dem Sturz in eine noch schlimmere Katastrophe, nach der für lange
Zeit schon das Dichten nicht mehr möglich erscheinen mochte.
Doch gerade die Blüte der zwanziger Jahre trägt die Züge der Krise; einer Krise, die
nicht erst durch den ersten Weltkrieg ausgelöst wurde und deren tiefere Gründe kaum
objektiv festzumachen sind denn sie ist nicht aus Not oder politischen Umwälzungen heraus
geboren. Vielmehr steht hinter ihr ein Gefühl der Leere, der Inhaltslosigkeit der Umwelt; man
könnte sagen, daß die konstatierte Krise buchstäblich ,,ästhetischer" Natur war: der führende
Repräsentant des Jugendstils und spätere Mitbegründer des Bauhauses Henry van de Velde
schreibt um 1912 in einem Manifest: ,,Meine Generation hat zu Beginn ihres Mannesalters
den Druck empfunden, unter Menschen von getrübter Intelligenz leben zu müssen [...]. Wir
empfinden noch heute mit Grauen, in einem Irrenhaus geweilt und der stumpfsinnigen
Beschäftigung der Leute zugeschaut zu haben, deren Gehirn gelähmt war und die eigensinnig,
wie nur Irre es sein können, darauf bestanden, auf allem, was ihnen unter die Finger kam, eine
Fülle und Überfülle von Verzierungen, Blumen und nackten Frauen anzubringen."1
Diese Krise zog sich durch alle Schichten der bürgerlichen Gesellschaft; besonders
stark mußten sie jedoch junge Juden empfinden, denen trotz der erlangten rechtlichen
Gleichstellung 1871 im Deutschen Reich der preußischen Kaiser überall die Entreebillets in
die sogenannte ,,bessere" Gesellschaft verwehrt blieben sei es über eine Laufbahn als
Reserveoffizier oder eine Karriere als Hochschullehrer2 und die sich um die Früchte
jahrzehntelanger Assimilationsbemühungen betrogen fühlen mußten.
Van de Velde fordert als Konsequenz einen ,,erneuten Glauben"3 er meinte damit
zwar keine Rückkehr zur Religion, dennoch zeigt er damit ein weiteres Mal die Schwierigkeit
1 Van de Velde, Henry:
Amo.
Seite 8f.
2 Vgl. Levy, Richard:
The Downfall of the Anti-Semitic Political Parties in Imperial Germany.
Seite 11f. Über
die Rolle des Militärdienstes im Deutschen Kaiserreich: Rothkrämer, Thomas:
Der Militarismus der ,kleinen
Leute′. Die Kriegervereine im Deutschen Kaiserreich 1871 1914
. Seite 147ff. Der Aufstieg zum
Reserveoffizier markierte auch die Ankunft im Bürgertum, Messerschmidt spricht von einem ,,Offizieradel", der
,,in sich nicht eigentlich homogen, nur deutlich nach unten abgegrenzt" gewesen sei und über den das
,,nationalliberale und neukonservative Bürgertum" deinen ,,Klassencharakter" definiert habe (siehe
Messerschmidt, Manfred:
Das preußisch-deutsche Offizierskorps 1850-1890.
In: Hofmann, Hanns Hubert
[Hrsg.]:
Das deutsche Offizierkorps 1860-1960.
Seite 37). Juden blieb diese Welt (mit Ausnahme Bayerns)
prinzipiell verschlossen daran ändert auch das Ausnahmebeispiel Walther Mossner nichts, der 1899
Generalleutnant wurde (vgl. Angress, Werner:
Der jüdische Offizier 1813-1918.
In: Breymayer, Ursula et al.
[Hrsg.]:
Willensmenschen. Über deutsche Offiziere.
Seite 69)
3 Van de Velde, Henry:
Amo.
Seite 11
3
der Selbstidentifikation, der sich viele Menschen gegenübersahen. Diese Schwierigkeit
besonders groß war für viele Juden, die sich zwischen den Welten befanden und oft mehr von
den protestantischen Ideen und Werten der Umwelt geprägt waren als von eigener
Religiosität.
Wie dieser ,,erneute Glaube" für junge Juden in den Jahren um den ersten Weltkrieg
aussehen konnte und wohin er sie führen konnte, will diese Arbeit zu zeigen versuchen.
2. Die Schaffung einer neuen jüdischen Identität
Die Anfänge einer explizit säkularen jüdischen Kultur liegen zu Beginn des 19.
Jahrhunderts, als in Berlin der kurzlebige ,,Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden"
gegründet wurde. Auch wenn viele seiner Mitglieder konvertieren sollten letztlich sollte der
Verein nicht nur den Nachweis erbringen, daß die Juden auf kultureller Ebene mit den
aufgeklärten abendländischen Völkern durchaus mithalten konnten und damit gleichwertig
seien. Gerade die Arbeiten von Leopold Zunz setzten sich aktiv mit Vorurteilen
nichtjüdischer Zeitgenossen auseinander und zielten auf die vollständige Emanzipation der
deutschen Juden4 eine Arbeit, die die des CV vorwegnehmen sollte. Zugleich ging es auch
um die Schaffung einer neuen eigenständigen Identität, eine ,,Definition des ,Jüdischen′ [...]
in einer zunehmend säkularen Gesellschaft"5. Diese Aufgabe sollten die
Vereine für jüdische
Geschichte und Literatur (VJGL)
übernehmen; eine Aufgabe, die allerdings auch eine gewisse
Abkehr vom Judentum als Religionsgemeinschaft bedeutete einer Abkehr, die eine
kulturelle Aufsplitterung mit sich bringen sollte, ganz im Sinne des Wortes von Martin Buber,
daß ,,die Kultur auch in der Gesellschaft nur den Einzelnen sucht."6
Bezugspunkte dieser Kultur waren oft Männer, die Buber in starker Anlehnung an
Nietzsche7 als ,,Menschen der verfeinertsten Sinne und der zersetzbarsten Nerven, die
dionysischen Lust- und Weh-Verknüpfer, die ′Fermenterreger der Menschheit′, die
unbefriedigten, die Überfeinen und Überempfindlichen; die Künstler par excellence [...], die
Psychologen par excellence"8 definiert.
Diese Beschreibung fällt nun vor allem durch eines ins Auge: durch ihre
programmatische Offenheit. Wenn Buber vom ,,heroischen Menschen, der sich selber schafft
4 vgl. Brenner, Michael:
Jüdische Kultur in der Weimarer Republik.
Seite 24f.
5 Sieg, Ulrich:
Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg. Kriegserfahrungen, weltanschauliche Debatten und
kulturelle Neuentwürfe.
Seite 35
6 Buber, Martin:
Kultur und Zivilisation. Einige Gedanken zu diesem Thema
. In: Ders.,
Werkausgabe
; Bd. I:
Frühe kulturkritische und philosophische Schriften 1891 1924.
Seite 158
7 ganz allgemein an den
Zarathustra
; Buber zitiert in seinem eigenen
Zarathustra
-Aufsatz in diesem
Zusammenhang aber auch
Menschliches, Allzumenschliches II
, KGW IV 3, Seite 243
4
und über sich selbst hinaus"9 spricht, so verherrlicht er die individuelle Tat, die für sich selber
steht und spricht. Wie diese Tat auszusehen hat, sagt er nicht. Auch damit steht Buber
vollkommen im Kontext seiner Zeit. Martin Heidegger betont diese Konzentration auf die
Tat, wenn er 1920 schreibt: ,,Ich will mindestens etwas anderes das ist nicht viel: nämlich
was ich in der heutigen faktischen Umsturzsituation lebend als ,notwendig′ erfahre, ohne
Seitenblick darauf, ob daraus eine ,Kultur′ wird oder eine Beschleunigung des Untergangs."10
Dieser Satz ist entlarvend, denn er zeigt, daß vor dem Hintergrund einer Renaissance
des romantischen Idealismus eine Beliebigkeit von Kriterien steckt, deren Inhaltsleere
zunächst nicht zu füllen ist, aber gleichwohl zu erbitterten Auseinandersetzungen führte. Nur
so ist es zu erklären, daß die Suche nach einer ,,jüdischen" Kunst in Ephraim Moses Lilien zu
einer Synthese nahezu aller wichtigen künstlerischen und politischen Ausrichtungen seiner
Zeit führt: um die jüdische Tradition mit der modernen Welt zu verknüpfen, wandte sich
Lilien dezidiert jüdischen Themen zu und bediente sich in der Darstellung zeitgenössischen
Stilrichtungen. Zugleich griff er aber auch die Ikonographie des Sozialismus auf die
aufgehende Sonne als auf Zion weisendes Symbol der Hoffnung ist ein immer
wiederkehrendes Element seiner Bildsprache. Zugleich arbeitete er für sein Buch
Juda
mit
dem Freiherrn Börries von Münchhausen zusammen, der schon damals ein Repräsentant
völkischer Tendenzen in der Literatur war.
Die Tendenz der kulturellen Renaissance im Judentum um die Jahrhundertwende, sich
stark am deutschen Umfeld zu orientieren liegt zum einen in der Natur der Sache: viele ihrer
Protagonisten waren deutsche Juden, die sich zumindest auch als Deutsche empfanden;
zugleich weist sie die Wiederbelebung jüdischer Kultur auch als ein assimilatorisches
Projekt11, aber auch als den Versuch einer Abwehr antisemitischer Stereotype zugrunde
denn während es unstrittig war, daß es eine ,,echt deutsche" Kunst gab, wurde den Juden dies
selbst von Gelehrten abgesprochen, die des Antisemitismus eigentlich unverdächtig sind; die
Tatsache, daß es lange keine säkulare jüdische Kunst gegeben hatte, ,,bewies" die
8 Buber, Martin:
Zarathustra
In: Ders.,
Werkausgabe
; Bd. I:
Frühe kulturkritische und philosophische Schriften
1891 1924.
Seite 109f.
9 Buber, Martin:
Ein Wort über Nietzsche und die Lebenswerte.
In: Ders.,
Werkausgabe
; Bd. I:
Frühe
kulturkritische und philosophische Schriften 1891 1924.
Seite 150
10 Zitiert nach: Löwith, Karl:
Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Ein Bericht.
Seite 28
11 ganz im Sinne Herzls, hinter dessen ,,Judenstaat" auch ein Stück weit die Motivation steckt, den Europäern zu
zeigen, daß die Juden eben doch genauso zivilisiert und ,,kulturfähig" seien wie die Europäer selbst; denn sein
Judenstaat baut nicht nur immer wieder auf europäischen Maximen auf der Satz ,,wir haben die Toleranz in
Europa gelernt" (aus: Ders.:
Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage
. Seite 93) zeigt
diesen Bezug sehr deutlich , Herzls ,,aristokratische Republik" (ebd., Seite 92) idealisiert die europäischen
Errungenschaften auch noch: ,,Jeder [wird] seine kleinen Gewohnheiten wiederfinden, nur besser, schöner,
angenehmer" (ebd., Seite 81)
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