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Autorität und Freiheit in Summerhill

Examination Thesis, 2007, 86 Pages
Author: Petra von der Marwitz
Subject: Pedagogy - The Teacher

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2007
Pages: 86
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 28  Entries
Language: German
Archive No.: V93314
ISBN (E-book): 978-3-638-06295-4
ISBN (Book): 978-3-640-10190-0
File size: 401 KB
Notes :
Die Arbeit gibt ein umfangreiches Bild über die Idee und das Konzept von Summerhill. Gut strukturierter Aufbau. Sehr viele, gut recherchierte Quellenangaben, davon aus 11 Büchern Originalliteratur von Neill (englisch und deutsch)


Abstract

"Freiheit und Autorität in Summerhill – ein Widerspruch?" Summerhill ist ein privates Internat in Leiston (Suffolk, England), welches 1921 von Alexander Sutherland Neill in der Zeit der Reformpädagogik gegründet wurde. Summerhill ist eine Schule, in der sich Kinder in Freiheit entwickeln können, in der es weder Zwang noch Unterdrückung durch Erwachsene gibt. Sie gilt als älteste demokratische Schule der Welt. Neill hat diese Schule zu seinen Lebzeiten geprägt und seine Grundprinzipien zu freiheitlicher Erziehung gelten heute, unter der Leitung seiner Tochter Zoë Readhead, noch genauso wie früher. Der Freiheitsgedanke in Summerhill wird, im Vergleich zu anderen Schulformen, sehr konsequent gelebt. Es gibt für die Schüler keine Unterrichtspflicht und die Belange des Gemeinschaftslebens werden selbstverwaltet in der Schulversammlung geregelt. Dabei haben alle Mitglieder das gleiche Stimmrecht. Summerhill steht bei vielen Menschen als Synonym für die antiautoritäre Erziehung, selbst wenn Neill diesen Begriff nicht verwandte, beziehungsweise sich bewusst davon abgegrenzte. Es ist ein Begriff aus der Zeit der Studentenbewegung in den 60er und 70er Jahren. Neills Verständnis von Freiheit führte häufig zu Missverständnissen. Seine Erziehung wurde mit dem Laissez-Faire-Stil verwechselt, wonach die Kinder alles machen dürfen, was sie wollen, ohne das ihnen darin Grenzen gesetzt werden. Das war jedoch nicht Neills Ansatz und er versuchte in seinen Büchern immer wieder den Unterschied zwischen Freiheit und Zügellosigkeit zu verdeutlichen. Das Ziel der folgenden Arbeit ist es den Zusammenhang und die Bedeutung von Autorität und Freiheit in Summerhill darzustellen. Dabei richtet sich die Arbeit sowohl an jene, die sich grundsätzlich ein Bild über Neills Erziehungsansätze machen möchten, als auch an solche, die mit der Thematik Summerhill bereits vertraut sind und einen weiteren Blickwinkel erwarten. Neills Erziehungskonzept soll gezielt im Hinblick auf sein Verständnis von Freiheit und Autorität betrachtet werden. Stehen diese im Widerspruch zueinander oder ist die in Summerhill praktizierte Freiheit möglicherweise nur eine andere Form von Autorität? Mit dieser Fragestellung soll ein erneuter Versuch unternommen werden, die Missverständnisse, die mit Neills Erziehungstheorie einhergehen, aufzulösen.


Excerpt (computer-generated)

Inhaltsverzeichnis

I.

Einleitung 1

1.

Ausgangssituation 1

2.

Zielsetzung und inhaltlicher Aufbau der Arbeit 2

II.

Stand der Forschung 4

1.

Axel D. Kühn: ,,A. S. Neill und Summerhill ­ Eine Rezeptions- und

Wirkungsanalyse" 4

2.

Hans Hartmut Karg: ,,Erziehungsnormen und ihre Begründung in der

Pädagogik von Alexander Sutherland Neill" 6

3.

Ute Schmidt-Hermann: ,,A. S. Neill und seine Schule Summerhill als

Beispiel aus der Geschichte der antiautoritären Erziehung" 7

4.

Murray Douglas Veitch: ,,A study of A. S. Neill with attention to his

perception of the relation between freedom and authority in an

educational system" 8

5.

Fazit 10

III.

Biographische Daten zu A. S. Neill 11

1.

Kindheit und Jugend 11

2.

Berufliche Laufbahn und Studium 12

3.

Neills Rückkehr in den Schuldienst 12

4.

New Era und seine Zeit in Hellerau 14

5.

Umzüge nach Österreich und England 15

6.

Summerhill von 1945 bis heute 16

IV.

Freiheit 18

1.

Neills Begriff von Freiheit 18

1.1.

Äußere Freiheit 20

1.2.

Innere Freiheit 22

2.

Neills Grundgedanken zur Freiheit 23

2.1.

Auf der Seite des Kindes 23

2.2.

Das freie Kind 25

2.3.

Beeinflussung und Charakterbildung 27

2.4.

Umgebung 29

2.5.

Das Spiel 31

2.6.

Schule und Unterricht 32

i


3.

Psychologischer Hintergrund 35

3.1.

Psychoanalyse 36

3.2.

Sexualität 37

3.3.

Egoismus 40

3.4.

Eltern 41

3.5.

Privatstunden 43

4.

Zügellosigkeit 45

4.1.

Neills Verständnis von Zügellosigkeit 45

4.2.

Was verhindert den Übergang von Freiheit zur Zügellosigkeit? 47

V.

Selbstregierung 50

1.

Selbstregulierung 51

2.

Selbstverwaltung 52

2.1.

Aufbau der Selbstverwaltungsstruktur 53

2.2.

Aufbau und Struktur der Schulversammlung 54

2.2.1. Frühere Regierungsformen 54

2.2.2. Heutige Form der Schulversammlung 56

2.3.

Schwierigkeiten mit der Selbstverwaltung 58

2.4.

Schülerverhalten in der Selbstverwaltung 61

2.5.

Gesellschaftsfähigkeit und Gemeinschaftssinn 62

VI.

Autorität 65

1.

Was versteht Neill unter Autorität? 65

1.1.

Disziplin und Gehorsam 66

1.2.

Religion und Moral 68

2.

Antiautorität 71

2.1.

Herkunft und Bedeutung der Bezeichnung ,,antiautoritäre Erziehung" 71

2.2.

Neill und die antiautoritäre Erziehung 73

3.

Autorität in Summerhill 75

VII.

Zusammenfassung und Ausblick 77

VIII.

Literatur 81

ii


I. Einleitung

1. Ausgangssituation

Summerhill ist ein privates Internat in Leiston (Suffolk, England), welches

1921 von Alexander Sutherland Neill in der Zeit der Reformpädagogik ge-

gründet wurde. Summerhill ist eine Schule, in der sich Kinder in Freiheit ent-

wickeln können, in der es weder Zwang noch Unterdrückung durch Erwach-

sene gibt. Sie gilt als älteste demokratische Schule der Welt. Neill hat diese

Schule zu seinen Lebzeiten geprägt und seine Grundprinzipien zu freiheitli-

cher Erziehung gelten heute, unter der Leitung seiner Tochter Zoë Readhead,

noch genauso wie früher. Der Freiheitsgedanke in Summerhill wird, im Ver-

gleich zu anderen Schulformen, sehr konsequent gelebt. Es gibt für die Schü-

ler1 keine Unterrichtspflicht und die Belange des Gemeinschaftslebens werden

selbstverwaltet in der Schulversammlung geregelt. Dabei haben alle Mitglie-

der das gleiche Stimmrecht.

Summerhill steht bei vielen Menschen als Synonym für die antiautoritäre Er-

ziehung, selbst wenn Neill diesen Begriff nicht verwandte, beziehungsweise

sich bewusst davon abgegrenzte. Es ist ein Begriff aus der Zeit der Studenten-

bewegung in den 60er und 70er Jahren. Neills Verständnis von Freiheit führte

häufig zu Missverständnissen. Seine Erziehung wurde mit dem Laissez-Faire-

Stil verwechselt, wonach die Kinder alles machen dürfen, was sie wollen,

ohne das ihnen darin Grenzen gesetzt werden. Das war jedoch nicht Neills

Ansatz und er versuchte in seinen Büchern immer wieder den Unterschied

zwischen Freiheit und Zügellosigkeit zu verdeutlichen.

Neill gilt als bedeutender Pädagoge, welcher mit Summerhill die heutigen

Ansätze demokratischer Erziehung wesentlich beeinflusst hat. Neills Erzie-

hungsgedanken wurden in zahlreichen Büchern und wissenschaftlichen Ver-

1 zum besseren Leseverständnis wird in dieser Arbeit auf die weibliche Form verzichtet, es

sind jedoch sowohl Schüler als auch Schülerinnen gemeint. Das gleiche gilt für den Begriff

Lehrer.

1


öffentlichungen dargestellt und diskutiert. Dabei wurde er zum Teil hochge-

lobt, aber von anderer Seite auch wieder heftig kritisiert. Neills Erziehungs-

gedanken wurden unter verschiedenen Themenschwerpunkten betrachtet und

dargestellt, wie zum Beispiel die Auseinandersetzung mit den Demokratie-

strukturen in Summerhill oder der Einfluss der Psychoanalyse auf Neills Er-

ziehungspraxis. Weiterhin gibt es Untersuchungen darüber, welchen Einfluss

Summerhill auf das öffentliche Schulwesen in Deutschland genommen hat,

sowie Auseinandersetzungen mit der aktuellen Situation in Summerhill. Dazu

gehört unter anderem die jahrelange Bedrohung der Schulschließung durch

öffentliche Stellen.2 Während in diesen Arbeiten Freiheit und Autorität immer

wieder zentrale Begriffe darstellen, wurde jedoch nicht der Zusammenhang

dieser beiden Begriffe gezielt untersucht.

2. Zielsetzung und inhaltlicher Aufbau der Arbeit

Freiheit und Autorität in Summerhill ­ ein Widerspruch?

Das Ziel der folgenden Arbeit ist es den Zusammenhang und die Bedeutung

von Autorität und Freiheit in Summerhill darzustellen. Dabei richtet sich die

Arbeit sowohl an jene, die sich grundsätzlich ein Bild über Neills Erziehungs-

ansätze machen möchten, als auch an solche, die mit der Thematik Sum-

merhill bereits vertraut sind und einen weiteren Blickwinkel erwarten.

Neills Erziehungskonzept soll gezielt im Hinblick auf sein Verständnis von

Freiheit und Autorität betrachtet werden. Stehen diese im Widerspruch zuein-

ander oder ist die in Summerhill praktizierte Freiheit möglicherweise nur eine

andere Form von Autorität? Mit dieser Fragestellung soll ein erneuter Ver-

such unternommen werden, die Missverständnisse, die mit Neills Erziehungs-

theorie einhergehen, aufzulösen.

Ute Schmidt Herrmann zitiert Neill in ihrer Dissertation ,,A. S. Neill und sei-

ne Schule Summerhill" mit der Aussage, dass die Autorität in Summerhill

durch die Schulversammlung repräsentiert wird.3 Dieser Gesichtspunkt soll

die zu bearbeitende These für diese Arbeit darstellen, auf dessen Hintergrund

2 vgl.

Kühn, A. D.

, Dissertation, 2002, S. 123.

3 vgl.

Schmidt-Herrmann, U.

, Dissertation, 1988, S. 101.

2


die Aussagen Neills, speziell zu seinem Freiheits- und Autoritätsbegriff, dis-

kutiert werden. Dabei wird gezeigt, wo seiner Meinung nach die Freiheit auf-

hört und die Zügellosigkeit anfängt und welche Form von Autorität es in

Summerhill gibt und wie sich diese gestaltet.

Neills grundsätzlichen Erziehungsansichten haben sich im Laufe der Jahre

wenig geändert. Das zeigt sich in den vielen Wiederholungen in seinen Bü-

chern. Auch heute nach Neills Tod, ist in Summerhill das Prinzip der ,Erzie-

hung in Freiheit′ das gleiche geblieben. Aus diesem Grund liegt die Aufmerk-

samkeit weniger auf der Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation in

Summerhill, als vielmehr auf den Grundgedanken und Ideen, welche Neill

entwickelte. Um sein Prinzip von Freiheit zu verstehen, gilt es, den Gesamt-

zusammenhang seiner Gedanken und Erfahrungen innerhalb verschiedener

Erziehungsaspekte zu betrachten.

Autorität und Freiheit sind zentrale Begriffe bei Neill, welche sich auch in den

vielen Publikationen über Neill und Summerhill wiederfinden. Infolgedessen

beginnt das erste Kapitel mit einem kurzen Überblick auf den aktuellen For-

schungsstand. Dazu werden exemplarisch vier wissenschaftliche Arbeiten

betrachtet, die für diese Arbeit interessante Aspekte beinhalten.

Ein großer Teil der pädagogischen Auffassungen von Neill wurzelt in seinem

Lebenslauf. Um sich einen geschichtlichen Hintergrund von seinem Leben

und der Entwicklung seiner Überzeugungen erschließen zu können, stellt das

zweite Kapitel seine Biographie und Werdegang dar.

Das folgende Kapitel Freiheit beginnt mit Neills Definition von Freiheit, wel-

che dann genauer anhand verschiedener Aspekte erörtert wird. Neill ist kein

wissenschaftlicher Theoretiker, sondern Praktiker. Er schreibt über die Erfah-

rungen, die er mit Kindern gemacht hat und zieht daraus eigene Schlussfolge-

rungen. Seine Pädagogik ist dabei beeinflusst von Erkenntnissen der Psycho-

analyse. Zu seiner Freiheitsidee gehören neben seinem Verständnis von einem

,freien′ Kind, die Bedeutung der ,richtigen′ Umgebung, in welcher eine frei-

heitliche Erziehung nur möglich ist. In diesem Zusammenhang spielt bei der

Erziehung die Beeinflussung durch Erwachsene eine wesentliche Rolle, wel-

che Neill als sehr problematisch betrachtet. Anhand der Unterscheidung von

3


Freiheit und Zügellosigkeit leitet das Kapitel Freiheit auf das Kapitel Selbst-

regierung über. Die Schulversammlung ist in Summerhill die wichtigste Insti-

tution, welche die Freiheit symbolisiert und das Gemeinschaftsleben regelt.

Wie sie aufgebaut ist und welchen Einfluss sie auf die Schüler hat wird hier

verdeutlicht. Darauf aufbauend betrachtet das sechste Kapitel Neills Autori-

tätsverständnis. Da er diesen Begriff in unterschiedlicher Bedeutung ge-

braucht, gilt es darzustellen, was er als ,negative′ Form von Autorität betrach-

tet und was er darunter versteht, wenn er diesen Begriff für die Schulver-

sammlung benutzt. In diesem Zusammenhang erfolgt eine Erklärung des Beg-

riffes ,Antiautorität′ und es wird gezeigt wo die Unterschiede zu Summerhill

liegen.

Das letzte Kapitel besteht aus einer Zusammenfassung der wesentlichen As-

pekte dieser Arbeit und es erfolgt ein kurzer Ausblick auf die sich aufwerfen-

de Frage, wie eine demokratische Schule aussehen sollte.

II. Stand der Forschung

Neills Ideen und Grundsätze wurden in zahlreichen Büchern oder wissen-

schaftlichen Publikationen erörtert. Einige, für diese Arbeit anregende, sind

hier exemplarisch angeführt, um darzustellen, unter welchen Gesichtspunkten

Neills Pädagogik untersucht wurde und inwieweit die Thematik Autorität und

Freiheit in Summerhill bereits behandelt wurde.

1. Axel D. Kühn: ,,A. S. Neill und Summerhill ­ Eine

Rezeptions- und Wirkungsanalyse"4

Die Dissertation von Axel D. Kühn handelt davon, den Verlauf, die Inhalte

und Wirkungen der vielfältigen Publikationen über Neill und Summerhill zu

beschreiben und zu analysieren. Dabei betrachtet er sowohl Neills eigene

Veröffentlichungen als auch die Rezeption seiner Schriften.

Im ersten Teil seiner Arbeit setzt er den Fokus auf Neills Veröffentlichungen

und die gesellschaftlichen Reaktionen darauf. Dabei beleuchtet er die Zeit der

4

Kühn, A. D.

, Dissertation, 2002.

4


Reformpädagogik bis heute. Unter anderem geht er auf die Zeit der antiautori-

tären Bewegung der 60er und 70er Jahre ein ,,die Neill fast unisono von dieser

Bewegung abgrenzten, ihn aber dennoch an den dort propagierten Erzie-

hungszielen maßen."5 Kühn spricht hiermit das unterschiedliche Freiheitsver-

ständnis an und wie auf gesellschaftliche Autorität reagiert werden soll. Neill

war, im Gegensatz zu dieser Bewegung, nicht daran gelegen, die Kinder in

Summerhill zum Aufstand gegen das politische Establishment zu erziehen.6

Im zweiten Teil seiner Arbeit geht Kühn auf die Wirkung Neills ein, welche

seiner Ansicht nach eine grundlegende Einstellungsänderung in der Erzie-

hungspraxis gefördert hat. Eine Veränderung dahingehend, dass Kinder in der

Lage sein dürfen, ihren Wünschen und Vorstellungen Ausdruck zu verleihen.

Damit spricht Kühn die Selbstbestimmung von Kindern an, welche in der

heutigen Schullandschaft unter dem Begriff Demokratisierung eine immer

größere Bedeutung bekommt. Kühn stellt in diesem Zusammenhang dar, dass

Neill in der Lehrerausbildung als Pädagoge nicht mehr wegzudenken ist. Da-

gegen sei seine Summerhill-Pädagogik nur in Teilaspekten im schulischen

Bereich etabliert worden.7 Kühn ist der Ansicht, dass Neills Pädagogik gerade

in der aktuellen pädagogischen Diskussion Impulse und Antworten geben

kann. Summerhill sei im Gegensatz zu vielen herkömmlichen Schulen weit

besser in der Lage sich den veränderten gesellschaftlichen Anforderungen

flexibel anzupassen. Dies treffe vor allen dann zu, wenn die Gesellschaft

wirklich demokratische Strukturen haben will und den Ansatz vertrete, Kinder

zu mündigen Bürgern zu erziehen.8

5

Kühn, A. D.

, Dissertation, 2002, S. 144.

6 vgl. ebd. S. 74.

7 vgl. ebd. S. 146.

8 vgl.ebd. S. 146ff.

5


2. Hans Hartmut Karg: ,,Erziehungsnormen und ihre

Begründung in der Pädagogik von Alexander Sut-

herland Neill"9

Hans Hartmut Karg versucht in seiner Dissertation eine Analyse von explizi-

ten und verborgenen Erziehungsnormen in der Pädagogik Neills darzustellen.

Karg stellt Neills Position den unterschiedlichen Begründungsansätzen für

Erziehungsnormen gegenüber und bezeichnet dessen Ansätze als eine kon-

ventionskommunikative Normenbegründung: Neill beziehe sich auf Normen,

welche sich bereits bewährt haben, andererseits aber in einen kommunikati-

ven Prozess ergänzt und erweitert werden können.10 Mit dem kommunikativen

Prozess geht es Karg um die Selbstverwaltungsstruktur in Summerhill, welche

die Gesetze für das Gemeinschaftsleben regelt.

Weiterhin spricht er von einer ,bipolaren Normenstruktur′ und liefert als Bei-

spiel dafür den Glücksbegriff von Neill. In Summerhill sei die ,Glücksnorm′

mit der ,Freiheitsnorm′ gekoppelt und jede dieser Normen kann nicht für sich

alleine stehen. Neills Vorstellung vom Ziel des menschlichen Lebens bestehe

darin glücklich zu werden und die Freiheit werde benötigt dieses umzusetzen.

Jede dieser Normen hat nach Karg ein oberes und unteres Extrem. Bei der

Freiheit handle es sich um autoritäres Verhalten auf der einen Seite und um

Zügellosigkeit auf der anderen; beim Glück handle es sich um egoistisches

Verhalten im Gegensatz zu sich aufopfernden Verhalten. Neill grenze seine

Erziehungsnormen gegen die jeweilige Extremseite ab und gewinne im Ver-

gleich mit seinen Lebenserfahrungen eine gültige Norm11

Zur Autoritätsnorm schreibt Karg, dass diese in Summerhill für den Erzieher

verbindlich sei. Sie sei jedoch auch für das Kind wirksam. Neills Pädagogik

darf nicht als antiautoritär im Sinne der Ablehnung jeglicher Autorität miss-

9

Karg, H. H.

, Dissertation, 1983.

10 vgl. ebd. S. 144ff; siehe auch

Kühn, A. D.

, Dissertation, 2002, S. 111.

11 vgl.

Karg, H. H.

, Dissertation, 1983, S.159f.

6


verstanden werden, sondern die Schulversammlung sei die Institution, welche

die Autorität ausübe.12

Karg führt seine Normenbegründung an weiteren Erziehungsgedanken Neills

aus und kommt in einer abschließenden Bewertung zu der Feststellung, dass

die Schüler grundsätzlich in die Normenbildung einbezogen werden müssen.

Neills Normengebung gebe ein Beispiel dafür, wie demokratische Strukturen

in der Schule umgesetzt werden können. Dieses geschehe nicht durch geplan-

te Innovationsschritte auf einer Verwaltungsebene, sondern in der Schule

selbst.13

Karg betrachtet also die Aspekte Freiheit und Autorität als Erziehungsnor-

men, die mit anderen Erziehungsnormen verflochten sind. Dadurch, dass

Schüler frühzeitig lernen Normen und Regeln selbst zu vereinbaren und sie zu

begründen, seien sie in der Lage diesen Prozess selbstbestimmt weiter zu

betreiben. Dies sei eine Grundvoraussetzung, damit Schulen wahre demokra-

tische Strukturen entwickeln können.

3. Ute Schmidt-Hermann: ,,A. S. Neill und seine Schule

Summerhill als Beispiel aus der Geschichte der an-

tiautoritären Erziehung"14

Ute Schmidt-Herrmann behandelt in ihrer Dissertation das Problem der ge-

waltfreien, antiautoritären Erziehung am Beispiel Summerhill. Dabei grenzt

sie Neill nicht von dem antiautoritären Erziehungsbegriff ab, sondern betrach-

tet ihn selbst als Vertreter eines antiautoritären Modells.15 Sie stellt hierbei

jedoch heraus, dass es Neill mit seiner freiheitlichen Erziehung um das Glück

des einzelnen Menschen gehe und er kein politisches Interesse verfolge.16

Schmidt-Herrmann versucht durch Neills Praxis darzulegen, dass ,antiautori-

12 vgl.

Karg, H. H.

, Dissertation, 1983, S. 188f.

13 vgl. ebd. S. 267.

14

Schmidt-Herrmann, U.

, Dissertation, 1988.

15 vgl. ebd. S. I.

16 vgl. ebd. S. 110.

7



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