Zentralperspektive - Die Erstarrung des Blicks zu Beginn der Neuzeit


Ausarbeitung, 2001
2 Seiten

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Karin Lüdemann

Zum Vortrag: Zentralperspektive als Straßentheater - die Erstarrung des Blicks zu Beginn der Neuzeit Ich versetze mich gedanklich in die Zeit der Renaissance zurück, in ein Italien, was sich aufgrund der jüngsten künstlerischen Entwicklungen in vielerlei Hinsicht verändert hat. Eine Zeit, in der die Maler einen neuen Blick auf die Welt warfen, ein neues Weltbild für alle entstehen ließen. Eine realistische und am Menschen orientierte Form des Sehens, die das Ziel hatte, möglichst realitätsnah zu sein - die sich jedoch heutzutage, im Zeitalter künstlich geschaffener, virtueller Internetwelten, teilweise ins Gegenteil gewandelt hat.

Vor Beginn des 15. Jahrhunderts wurde die Welt auf sehr beschränkte Weise gesehen. Die geistliche und weltliche Herrschaft stellte eine große, übermächtige Einheit dar. Dem entsprechend wurden sie, die Ästhetik der Zeit prägend, auch in den Gemälden und Fresken dieser Zeit festgehalten: In übernatürlicher Größe; beinahe das Bild sprengend wie ich finde. Die Blicke der Maler waren nicht auf die Realität gerichtet; sie unterlagen vielmehr diesem festgefahrenen Weltbild, welches keinen Platz für Charaktere ließ und menschliche Züge vernachlässigte: Der Mensch war nicht als Individuum darauf zu erkennen, sondern nur ein gesichtsloser Teil der Masse. Die dargestellten Räume hatten weder Perspektive noch Tiefe; sie waren fest und undurchdringlich.

Die Künstler der Renaissance dagegen waren auf dem Wege, ein humanistisches Weltbild wieder zu entdecken, in dem der Mensch als Individuum wahrgenommen wurde, seine Person eine Rolle spielte. Man besann sich zurück auf Werte und Ausdrucksformen, die schon in der Antike eine Rolle gespielt hatten und entwickelte Perspektiven. Der Florentiner Bildhauer Brunelleschi, beeinflußt von den Humanisten seiner Stadt, fand mathematische Lösungswege zur dreidimensionalen Abbildung. Sein Bemühen, die Welt möglichst naturgetreu in seinen Werken erscheinen zu lassen, führte ihn zur Zentralperspektive, die das Ziel einer optisch richtigen Wiedergabe der Welt hatte. Ich denke, dies war so etwas wie ein erster Blick auf das wirklich Wichtige, das Existente, das Leben, die Schönheit der Welt. Die Nähe zur Realität löste die Religion als Maßstab aller Dinge ab. Die Ästhetik der Zeit wurde nunmehr von den humanistischen Künstlern geprägt, gefördert vom aufstrebenden Bürgertum in Florenz.

Die Zentralperspektive wurde durch die neuartige Verbindung von Mathematik und Kunst möglich. Harmonie und Schönheit gewannen an Wichtigkeit; ein Ziel, welches in der Renaissance in engem Zusammenhang mit der Stimmigkeit und Widerspruchsfreiheit der Mathematik verstanden wurde. Gerade diesen Punkt finde ich besonders interessant. Das mathematisch richtige, wissenschaftlich belegte, galt als ästhetisch, was sich im Prinzip bis in die heutige Zeit fortgesetzt hat. Denkt man jedoch an das Medium des 21. Jahrhunderts, das Internet, stellt sich die Frage, inwiefern Ästhetik heute noch in Verbindung mit Realitätsnähe zu sehen ist. Gelten doch z. B. viele abstrakte Websites oder Animationen als besonders künstlerisch wertvoll. Auch wenn es Versuche gibt, sich bei bestimmten Projekten, wie z. B. bei vollständig computeranimierten Filmen, möglichst dicht an das zu halten, was der Mensch als authentisch auffaßt, so überwiegt doch die Zahl der Animationen, Spiele und Filme, die in keinem Zusammenhang mit der wirklichen Welt stehen und stehen sollen, sondern es wird versucht, den Betrachter, den „User“, in eine künstliche Welt zu entführen.

Was mich an Brunelleschis Experimenten fasziniert ist, daß er die architektonische Welt authentisch darstellte und es gleichzeitig verstand, die Welt darum „lebhaft“ zu machen, den Menschen mit einzubeziehen. Er schlüpfte dafür selbst in die Rolle des Betrachters, wurde mit ihm zusammen ein Teil der Konstruktion. Die Menschen waren in seinem Experiment als Akteure zu verstehen; jeder einzelne von ihnen prägte das Straßenbild und war als Individuum wichtig, was, wie ich finde, ein großer Schritt in Richtung eines menschlichen Weltbildes war.

Auch diesen Aspekt sehe ich heute teilweise im Internet fortgeführt. Die Menschen haben mit diesem Medium die Möglichkeit, aktiv an der Gestaltung der „virtuellen Welt“ mitzuwirken. Jeder kann einen Teil dazu beitragen, eine Website erstellen, in Foren diskutieren und seine Meinungöffentlich verbreiten, was früher im Bezug auf die Kunst und den Journalismus nur denjenigen Personen möglich war, denen man die erforderlichen Geldmittel zur Verfügung gestellt hatte, und die überhaupt erst einen bestimmten Bekanntheitsgrad erlangt hatten, der es ihnen erlaubte, z. B. für eine Zeitung schreiben zu dürfen, bzw. seine Werke in irgendeiner Form veröffentlichen oder ausstellen zu dürfen. Das Medium Internet hat sich aufgrund der Interaktion von Produzenten und „Usern“ sowie von exakter Technik und freier Phantasie zu einem großen Theater entwickelt; ähnlich wie einem Straßentheater, in das sich der Passant, wenn er möchte, einbringen kann, in dem der Einzelne eine Rolle spielen kann.

Was der Betrachter jedoch sieht heutzutage, hat nichts mehr mit dem absoluten Streben nach Realität zu tun, wie es zu Brunelleschis Zeit der Fall war. Es erlaubt einen Blick auf die Welt, der aus verschiedenen Perspektiven möglich ist; man kann seinen eigenen Blickpunkt wählen, unabhängig und frei von Vorgaben. Man muß nicht mehr mit „erstarrtem Blick“ in die Welt gucken, um sie ohne Verzerrungen zu erkennen. Man kann sich vielmehr direkt in die Mitte begeben, agieren, bestimmen, was man sehen will - unabhängig davon, ob es existent ist oder lediglich die Flucht in eine Welt, die man sich nur erträumt.

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Details

Titel
Zentralperspektive - Die Erstarrung des Blicks zu Beginn der Neuzeit
Hochschule
Universität Lüneburg
Veranstaltung
Kulturwissenschaftlicher Grundkurs
Autor
Jahr
2001
Seiten
2
Katalognummer
V100023
Dateigröße
325 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zentralperspektive, Erstarrung, Blicks, Beginn, Neuzeit, Kulturwissenschaftlicher, Grundkurs
Arbeit zitieren
Britta Lüdemann (Autor), 2001, Zentralperspektive - Die Erstarrung des Blicks zu Beginn der Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100023

Kommentare

  • Gast am 30.4.2003

    2 Extreme.

    1. Mir haben die freien Gedankengänge gut gefallen.
    2. Auffällig war, daß die Autorin gerne den Ich-Standpunkt miteinbeziehen möchte. DAs fand ich allgemein ok., an manchen Stellen jedoch etwas zu eng.
    3. Sehr kurz... was war der verlangte Umfang?
    4. Den Spagat zwischen REnaissance und Internet finde ich sehr gewagt. Um es für den Leser wirklich nachvollziehbar zu machen, fand ich den Text zu kurz...
    5. Insgesamt habe ich den Eindruck: interesanter Leseansatz, jedoch nicht genug ausgearbeitet.
    Ich schreibe glaube ich ähnlich, habe aber das GEfühl, daß das auf die Dauer nicht reicht!

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