Die Intention der Hausarbeit ist es, die Funktion und Bedeutung des Tintoretto-Gemäldes für Theodor Fontanes Novelle "L’Adultera" zu analysieren. Es handelt sich hierbei um Tintoretto mit dem Namen "Cristo e l’adultera", oder wie Melanie ihn kurz bezeichnet, "L’Adultera".
Die Auswahl gerade dieses Gemäldes zur Analyse wurde nicht willkürlich getroffen, sondern beruht darauf, dass der Tintoretto - neben der Tatsache, dass er das am häufigsten in der Novelle erwähnte Gemälde darstellt - vielfältige Funktionen übernimmt und damit eine große Bedeutung für die Erzählhandlung, die Figurenbeziehungen und die Leserlenkung erhält. Wie vielschichtig und umfangreich diese Funktionen sind, lässt sich nur durch eine genauere Analyse im Zusammenhang und vor dem Hintergrund der theoretischen Aspekte zur Ekphrasis, der Kunstwerkbeschreibung in literarischen Texten, deuten.
Daraus ergibt sich folgende Strukturierung für die Hausarbeit: Im ersten Teil sollen die zur Analyse nötigen theoretischen Grundlagen zum Begriff der Ekphrasis eingeführt werden. Als Erstes wird dabei genauer auf die Definition, den Forschungsstand und die Funktionen von Ekphrasen eingegangen. In einem nächsten Schritt verengt sich der Blickwinkel auf die Betrachtung von Fontanes Kunstverständnis und seiner Nutzung von Kunst und Ekphrasen in seinen Werken, um dann einen kurzen Überblick über die neben dem Tintoretto erwähnten Kunstgegenstände vorzustellen, um die allgemeine Bedeutung und Funktion von Ekphrasen in "L’Adultera" offenzulegen.
Der zweite Teil der Hausarbeit beschäftigt sich mit der als Schwerpunkt gesetzten Betrachtung der Bedeutung und Funktionen des Tintoretto in der Novelle "L’Adultera". Vorgestellt vor die Analyse des Gemäldes in der Novelle werden einige allgemeine Anmerkungen zur Analyse des Bildes durch Kritiker und durch Fontane sowie zur Künstlerdebatte. Darauf folgt die Analyse des Tintoretto-Gemäldes in "L’Adultera". Dabei werden zentrale Funktionen, wie die Nutzung des Tintorettos als Strukturelement und als Mittel der Vorausdeutung, die Unterschiede in der figurenspezifischen Rezeption durch Melanie und Ezechiel, und die Bedeutung der Wiederaufnahme des Tintorettos am Ende analysiert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Der Begriff Ekphrasis
2.2 Fontane und die Kunst
3 Die Bedeutung und Funktionen des Tintorettos
3.1 Fontanes Wahl des Tintorettos
3.2 Der Tintoretto in L’Adultera
4 Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung und vielfältigen Funktionen des Gemäldes „Cristo e l’adultera“ (Tintoretto) für Theodor Fontanes Novelle L’Adultera. Dabei wird analysiert, wie das Bild als narratives Strukturelement, Vorausdeutung und Charakterisierungsmittel fungiert und wie die divergierenden Interpretationen der Eheleute Melanie und Ezechiel van der Straaten Aufschluss über ihr moralisches Dilemma geben.
- Theoretische Verortung der Ekphrasis in der Literaturwissenschaft
- Fontanes Kunstverständnis und die Integration von Kunstwerken in seinem Romanwerk
- Die Funktion des Tintoretto-Gemäldes als Vorausdeutung und Leitmotiv
- Figurenspezifische Rezeption: Gegensätzliche Deutungsansätze von Melanie und Ezechiel
- Bedeutung der Wiederaufnahme des Kunstwerks am Ende der Novelle
Auszug aus dem Buch
Die figurenspezifische Rezeption I: Melanies Deutung
Das Eintreffen des Gemäldes nutzt Fontane, um in figurendialogischer Perspektive unterschiedliche Deutungen zu präsentieren und damit die Unterschiede zwischen den Ehepartnern zu verdeutlichen, wie auch Vorausdeutungen auf den Erzählinhalt anzudeuten. Das Kapitel beginnt am Frühstückstisch und mit dem Zeitungsartikel über einen vorausgegangenen Subskriptionsball (vgl. Fontane, 1983: 6). Schon in diesem Gespräch wird Melanies Meinung zum Dilemma zwischen gesellschaftlicher und individueller Moral deutlich (vgl. Jung, 1991: 67), denn im Gegensatz zu van der Straaten empfindet sie den Klatsch, der auf dem gesellschaftlichen Anspruch Individuen zu beobachten und zu bewerten beruht, als negativ (vgl. Fontane, 1983: 6f.).
Nun folgt die Einführung des Gemäldes in die Welt der Erzählung. Bezeichnenderweise geschieht dies sozusagen in medias res, Fontane verweigert dem Leser eine Beschreibung des Gemäldes und er erfährt den Titel und den Künstler des Bildes durch van der Straatens Hilfestellung und Melanies Ausruf (vgl. Fontane, 1983:9). Dies zeigt, dass es Fontane bei der Ekphrase weniger um eine objektive Betrachtung des Bildes ankommt, sondern um die Reaktionen der Romanfiguren (vgl. Jung, 1991:71). Dadurch findet natürlich eine Lenkung des Lesers statt, denn dieser muss sich, wenn ihm das Bild nicht bekannt ist, gänzlich auf die Interpretationen des Gemäldes durch die beiden Eheleute stützen. Dass diese durchaus sehr unterschiedlich ausfallen, weckt beim Leser Vorahnungen zum Fortgang der Handlung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, die Funktion des Tintoretto-Gemäldes in Fontanes Novelle zu analysieren, und erläutert die methodische Herangehensweise.
2 Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert den Begriff der Ekphrasis von der antiken Rhetorik bis zur modernen Literaturwissenschaft und beleuchtet Fontanes persönliches Verhältnis zur Kunst.
3 Die Bedeutung und Funktionen des Tintorettos: Das Hauptkapitel untersucht die Wahl des Gemäldes durch Fontane, die verschiedenen Interpretationsweisen der Eheleute und die narrative Funktion des Bildes im Verlauf der Handlung.
4 Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und zeigt auf, dass der Tintoretto sowohl als Vorausdeutung als auch als Mittel der Charakterisierung dient, bevor es Ausblicke für weiterführende Analysen gibt.
Schlüsselwörter
Theodor Fontane, L’Adultera, Tintoretto, Ekphrasis, Bildbeschreibung, Literaturgeschichte, Ehebruch, Narratologie, Figurenrezeption, Moral, Realismus, Vorausdeutung, Kunstgeschichte, Symbolik, Eheprobleme
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Funktion des Tintoretto-Gemäldes „Cristo e l’adultera“ als zentrales Motiv in Theodor Fontanes Novelle L’Adultera.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen das Verhältnis von Literatur und Kunst, die Theorie der Ekphrasis sowie die gesellschaftliche Moral und die individuellen psychologischen Entwicklungen der Romanfiguren.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die vielschichtige Bedeutung des Tintorettos als Strukturelement, Vorausdeutung und Instrument der Charakterisierung herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse des Textes vor dem Hintergrund ekphrastischer Theorien und bezieht sich dabei auf etablierte Fontane-Forschung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begründung von Fontanes Motivwahl, die detaillierte Analyse der figurenspezifischen Rezeption und die Bedeutung der finalen Wiederaufnahme des Bildes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Theodor Fontane, L’Adultera, Ekphrasis, Bildbeschreibung, Ehebruch und Figurenrezeption.
Inwiefern unterscheidet sich die Deutung von Melanie van der Straaten von der ihres Ehemannes?
Während Melanie das Gemälde als ermutigend und als Appell an die menschliche Individualität interpretiert, sieht ihr Ehemann Ezechiel darin ein warnendes Symbol zur Bestätigung seines Fatalismus und der gesellschaftlichen Normen.
Welche Rolle spielt die „Wiederaufnahme“ des Tintorettos am Ende des Romans?
Die Wiederaufnahme als Miniatur-Geschenk am Ende dient als Rückbezug, der die Verharmlosung des Ehebruchs und die Versöhnung zwischen den Eheleuten symbolisiert.
- Citation du texte
- Stephanie Desoye (Auteur), 2014, Die Bedeutung und Funktion des Tintorettos in der Novelle "L’Adultera" von Theodor Fontane, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1000961