Lessing, G. E. - Nathan der Weise - Die Verwirklichung einer Menschheitsreligion?


Referat / Aufsatz (Schule), 2001
6 Seiten, Note: 2

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Gliederung

A Lessing wird als Autor von ,,Nathan der Weise" auf der einen Seite wegen seiner religiösen Meinung anerkannt, auf der anderen Seite stark kritisiert.

B Philosophen und Theologen sahen in ,,Nathan der Weise" die Idee einer kommenden Menschheitsreligion verwirklicht.

I. Nicht Religion sondern Mensch entscheidend

1. Großzügigkeit

2. Humanität

3. Vernunft und Glaube

4. Toleranz

II. Die Gleichwertigkeit der Religionen

1. Ringparabel

2. Vom ,,Wahn" zur ,,Wahrheit"

III. Nathan als Musterbild der ,,neuen" Religion

1. Der Glaube von Nathan

a) Gott existiert

b) Sprengung der Religionsgrenzen

c) Der Mensch in Nathans Auge

2. Aufnahme Rechas trotz Mord an seiner Familie als Beispiel der Toleranz

3. Erziehung - Nathan als Musterbild

a) Die Erziehung Rechas durch Nathan

b) Die Erziehung des Tempelherrn

i. Vorgeschichte

ii. Harte Schale, weicher Kern iii. Toleranz

iv. Rückfälle und Zurechtweisungen

v. neue Identität

C Kann Lessings Religionsidee verwirklicht werden?

1-

,,Wer den Nathan recht versteht, kennt Lessing", so meinte einst Friedrich Schlegel zu Gotthold Ephraim Lessings ,,dramatischem Gedicht in fünf Aufzügen" ,,Nathan der Weise". Und in der Tat scheiden sich sowohl bei Nathan als auch bei Lessing die Geister: Während der Autor bei seinen Freunden und Bewunderern als religiös tolerant anerkannt wurde - sein Verhältnis zur Religionsfrage zeigte er bereits zu Beginn seiner Autorenkarriere 1749 im ,,Lustspiel in einem Aufzuge" ,,Die Juden" -, wird er von seinen Gegnern, wie z.B. Hauptpastor Goeze, aufgrund seiner theologischen Schriften stark kritisiert und schließlich sogar mit Zensur und Schreibeverbot zu religiösen Themen belegt.

Auch zu ,,Nathan der Weise" gehen die Meinungen weit auseinander. Der Hofprediger Johann Georg Pfranger etwa schrieb 1782 eine Fortsetzung zu Lessings bekanntestem Werk, in der er die ,,Herabsetzung der christlichen Kirche zugunsten des darin verherrlichten Judentums" stark kritisierte, Friedrich Schlegel hingegen zeigte sich, wie viele andere Philosophen und Theologen, von der Vorstellung einer Menschheitsreligion ,,voll Adel, Einfalt und Freiheit [...] als Ideal ganz entschieden und positiv aufgestellt...".

Dass in ,,Nathan der Weise" die Religionsfrage das Hauptthema ist, ist offensichtlich. Lessing hebt insbesondere hervor, dass nicht der Glaube an sich, sondern vielmehr der Mensch, der dahintersteckt, ausschlaggebend für dessen Wertung sein sollte. Sultan Saladin etwa erweist sich als äußerst großzügig. Schließlich ist ,,sein Schatz [nicht zuletzt] jeden Tag mit Sonnenuntergang vier leerer noch als leer" (Z. 412 - 414), weil er etwa den bedürftigen Bettlern die Existenz gewährt.

Kritik dafür muss er sich selbst von seinem Schatzmeister Al-Hafi gefallen lassen. So fragt dieser gegenüber Nathan, ob es nicht ,,Geckerei [sei], bei Hunderttausenden die Menschen drücken, ausmergeln, plündern, martern, würgen und ein Menschenfreund an Einzeln scheinen wollen?" (Z. 481 - 484) Doch Nathan antwortet darauf klug: ,,Grad unter Menschen möchtest du ein Mensch zu sein verlernen" (Z. 498f) und unterscheidet dadurch die ,,Humanität", die den wahren ,,Menschen" auszeichnet, vom reinen Gattungsbegriff ,,homo sapiens".

Auch erkennt Nathan, dass Vernunft und Religion nicht im Gegensatz zueinander stehen, als das ,,überspannte Hirn" (Z. 225) Rechas sie zum Glauben verleitet, ein Engel habe sie aus dem Feuer gerettet. Doch Nathan ruft Recha zur Vernunft auf. Er versucht, ihr klar zu machen, dass die Rettung ein realer Vorgang war - was jedoch an sich ein von Gott gelenktes, jedoch mit dem Verstand erfassbares Wunder sei. Schließlich musste zunächst der Tempelherr, der sie aus ihrer lebensbedrohlichen Situation befreit, von Sultan Saladin begnadigt werden, was an sich schon ,,kein kleines Wunder" (Z. 230) ist. Doch nicht nur Recha, auch der Tempelherr selbst entwickelt sich durch die Rettung in seiner Persönlichkeit weiter: Während er zunächst aus seiner Abneigung gegen Juden keinen Hehl macht, als er klar zu verstehen gibt, dass er ,,zu keinem Juden [kömmt]" (Z. 528), lernt er im Verlauf der Handlung Toleranz gegenüber Andersdenkenden, überwindet sich, stattet Recha einen Besuch ab und verliebt sich schließlich in sie.

Indes heckt Sittah, die Schwester des Sultans, einen Plan aus, die leeren Staatskassen wieder füllen. Sie redet Saladin ein, Nathan eine Falle zu stellen, um ihn schließlich erpressen zu können. Zwar widerstrebt es ihm, ,,einen Juden anzubangen" (Z. 1743), doch er willigt ein, da er dann die Gelegenheit hat, zu hören, ,,wie ein solcher Mann [wie Nathan, der vom Volk als weise bezeichnet wird] sich ausred't" (Z. 1756). Im Verlaufe des Gesprächs mit Nathan wirft der Sultan die Frage auf, ,,was für ein Glaube, was für ein Gesetz [ihn] am meisten eingeleuchtet [hat]" (Z. 1840f). Nathan nutzt nach kurzer Bedenkzeit diese Gelegenheit, um Saladin die Gleichwertigkeit der drei Religionen nachzuweisen und damit geschickt der gestellten Falle zu entkommen. Er beginnt, dem Sultan ein ,,Märchen" zu erzählen, dass sich als eigenes Drama innerhalb des Dramas, als Gleichnis herausstellt: Im Mittelpunkt steht ein Ring, der vom Vater immer an den ,,geliebtesten" (Z. 1922) Sohn vererbt wird. Als sich nach mehreren Generationen der Vater nicht für einen seiner drei Söhne als Erbe entscheiden kann, ließ er zwei Duplikate, die sich vom ersten nicht unterschieden, anfertigen. Sultan Saladin beginnt, zu ahnen, was Nathan damit ausdrücken will. Er wendet ein, dass ,,die Religionen [im Gegensatz zu den drei Ringen], die ich dir genannt, doch wohl zu unterscheiden wären" (Z. 1971f). Doch Nathan wendet ein, dass die Grundidee der drei Religionen dieselbe sei. Die Religion werde lediglich von den Vätern weitergegeben, die Annahme einer anderen Religion würde die ,,Vorfahren Lügen strafen" (Z. 1989). Nathan fährt schließlich mit seinem Märchen fort. Ein Richter, der über die Echtheit eines Ringes urteilen solle, erteilt den drei Brüdern einen Rat: Alle drei Ringe sind echt, der Vater wollte nur die Streitereien um den Ring aus der Welt schaffen. Jeder der Brüder darf den Ring für echt halten, solange er sich dafür als würdig erweist: Innigste Ergebenheit in Gott, Toleranz, freie Liebe sind dafür Grundbedingungen. Saladin versteht, dass Judentum, Christentum und Islam als Gleichwertig zu betrachten sind und sich wahre Religiosität nur durch gutes Verhalten zeigt.

Schon zu Beginn des Dramas spricht Daja vom ,,Wahn, in dem sich Jud' und Christ und Muselmann vereinigen" (Z. 152f), dem Nathan nur zustimmen kann. Doch ihre religiöse Intoleranz zeigt sich immer wieder. So will sie mit dem Tempelherrn und Recha, die eigentlich gebürtige Christin ist, das Land verlassen und nach Europa, ,,in das Land, dich zu dem Volke führen wollte, für welches du [Recha] geboren wurdest" (Z. 1550 - 1553), umsiedeln, Recha jedoch, von ihrer wahren Herkunft nichts ahnend, lehnt den Besitzanspruch der Christen ab. Selbst nachdem die verwandtschaftlichen Verhältnisse für alle Beteiligten klar sind, verschließt sich Daja vor der ,,Wahrheit", sie bleibt stur bei ihrer christlichen Weltanschauung. Im Gegensatz dazu findet der Tempelherr eine neue Identität, er erkennt, dass die Religion nur durch gutes Handeln Religion sein kann - wird wieder eins mit sich selbst: ,,Ihr gebt mir mehr, als Ihr mir nehmt! Unendlich mehr" (Z. 3804f)!

Während des ganzes Dramas steht ein Mann im Mittelpunkt: Nathan -

er kann durchaus als Musterbild der ,,neuen" Religionsidee angesehen werden. Die Existenz Gottes steht für den Juden außer Frage. In den Naturgesetzen und in den Ereignissen auf der Erde wirkt er ,,wahre, echte Wunder" (Z. 218), nicht jedoch im von Recha geforderten Übernatürlichen, das für ihn reine ,,Gotteslästerung" (Z. 300) ist. Vielmehr kommt es ihm auf ,,gut[es] Handeln" (Z. 364), das die Grenzen der damaligen drei Hauptreligionen sprengt, an. Im Grunde genommen ist der Unterschied der Glaubensarten irrelevant, die Idee, die von den Dreien ausgeht, ist übereinstimmend: Liebe zueinander steht über allen Anderem. Dabei trifft Nathan eine weise Unterscheidung zwischen der Gattung ,,Mensch" und dessen Handeln, in dem die eigene Religion verwirklicht werden kann. Er selbst bleibt sich seinen religiösen und humanen Prinzipien treu: Als Christen seine Frau ,,mit sieben hoffnungsvollen Söhnen" (Z. 3942) ermordet hatten, verfluchte er verständlicherweise zunächst die ganze Christenheit, doch als die ,,Vernunft allmählich wieder[kam]" (Z.3052), und der Klosterbruder ihm ein Kind christlicher Eltern, Recha, gab, dankte er Gott: ,,Auf sieben doch nun schon eines wieder!" (Z.3065f) und zeigte damit, dass er seinen Hass, seine Intoleranz gegenüber der christlichen Religion überwunden hat.

Er erzieht Recha, als wäre sie seine eigene Tochter, macht sich bei der Wiederankunft aufgrund des Brandes sorgen, sie ist ihm wohl wichtiger als Haus und Geld. Als Recha bei Sittah zu Gast ist, bewundert diese ihren Geist und ihre Intelligenz, die sie nicht aus Büchern hat, sondern alleine von Nathan. Er lehrt ihr den Gott, an den Nathan glaubt, so macht er ihr etwa nach der Rettung aus dem Feuer klar, dass ,,Wunder" natürliche, von Gott gelenkte Phänomene sind.

Auch bei der religiösen Belehrung des Tempelherrn wirkt Nathan entscheidend mit. Schon bevor er Recha rettet, ist er verwirrt: er wurde vom vermeintlichen Feind Saladin begnadigt, ist ,,entfesselt, will ihm danken" (Z. 587), ist so in seiner eigentlichen Rolle als Tempelherr verunsichert. Den Dank von Nathan will er nicht annehmen, denn ,,Jud' ist Jude" (Z.777), doch erkennt er später, als der Patriarch ihn auffordert, Spionagedienst gegen Saladin, dem Moslem, zu leisten, dass beide in gewisser Weise durch äußerliche Ähnlichkeiten - trotz der unterschiedlichen Religionen - seelenverwandt sein müssen. Auch Nathan erkennt diese Gegensätze beim ersten Aufeinandertreffen: So scheint der Tempelherr zunächst ,,trotzig", jedoch ,,gut", Nathan schließt daraus, dass ,,die Schale nur bitter sein [kann]: der Kern ist's sicher nicht (Z. 1197f). Im Gespräch mit Nathan erkennt der Tempelherr schließlich, dass die intolerante ,,fromme Raserei" (Z. 1297), die damaligen Glaubenskämpfe in Jerusalem, im Gegensatz zum ,,Denken guter Menschen" (Z. 1273) steht und findet so zu neuer, toleranter, Identität. Immer wieder jedoch erlebt er Rückschläge, die er jedoch durch die Hilfe von Nathan, später auch von Saladin, stets überwindet. So zweifelt er hart an der Weisheit von Nathan, als er von Daja erfährt, dass er sie, eigentlich eine Christin, als ,,Jüdin" erzogen hat, beklagt sich schließlich sogar beim Patriarchen, der die Verbrennung des ,,Juden" fordert. Doch als er sich bei Saladin beklagt, wird er zurückgewiesen: ,,Sei keinem Juden, keinem Muselmanne zum Trotz ein Christ!" (Z. 2882f), er solle lieber schweigen. Schließlich kommt der Tempelherr zur Selbsteinsicht. So habe Nathan an Recha keineswegs einen ,,Raub" begangen, Nathan sei vielmehr ihr geistiger Vater. Als die ganzen verwandtschaftlichen Beziehungen durch Nathan aufgeklärt werden, verdankt der Tempelherr ihm ,,mehr, als Ihr [=Nathan] mir nehmt! Unendlich mehr!" (Z.3805). Er erkennt Nathan als geistigen Vater an und findet sich nach langem Lernprozess auf einer neuen, höheren Bewusstseinsstufe, auf einer neuen Glaubensebene, die der Nathans ähnlich ist, wieder.

Dass in Nordirland Christen - Katholiken und Protestanten - selbst 200 Jahre nach der erstmaligen Veröffentlichung von ,,Nathan der Weise", nicht friedlich nebeneinander leben können, zeigt auf traurige Weise, dass es noch ein weiter Schritt ist, um Lessings Religionsidee, die Nathan in Person verkörpert, zu verwirklichen. Doch ob dies je geschehen wird, bleibt fraglich: Die ,,Gattung" Mensch ist nach Meinung vieler Philosophen und Psychologen von Grund auf ,,schlecht", kann die ,,ratio" oder der,,Charakter" hier das Gegenteil beweisen? Unfehlbarkeitsdogmen des Papstes etwa oder der alleinige Anspruch an die wahre Religion seitens der katholischen Kirche tragen sicher nicht dazu bei...

Verwendete Literatur:

I. Primärliteratur

Lessing, Gotthold Ephraim: Nathan der Weise, Hamburger Lesehefte Verlag II. Sekundärliteratur

1. Arendt, Dieter: Grundlagen und Gedanken zu Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise, Verlag Moritz Diesterweg GmbH, 6. Auflage

2. Sedding, Gerhard: Lektürehilfen ,,Nathan der Weise", Ernst Klett Verlag, 10. Auflage

3. Knop, Bernhard: Words in Context, Neubearbeitung, ,,The Conflict in Northern Ireland", Ernst Klett Verlag, 1. Auflage

6 von 6 Seiten

Details

Titel
Lessing, G. E. - Nathan der Weise - Die Verwirklichung einer Menschheitsreligion?
Note
2
Autor
Jahr
2001
Seiten
6
Katalognummer
V100130
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nathan, weise, religion, toleranz
Arbeit zitieren
Daniel Weißmüller (Autor), 2001, Lessing, G. E. - Nathan der Weise - Die Verwirklichung einer Menschheitsreligion?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100130

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