Wie geht ein, an Demenz erkrankter Mensch, der im Verlauf der Erkrankung schrittweise physische und kognitive Fähigkeiten verliert, mit den Themen Selbstbestimmung und Autonomie um? Gilt das in Artikel 2 des Grundgesetztes verankerte Recht auf Selbstbestimmung überhaupt für einen Menschen, dessen Erinnerungs- und Handlungsvermögen stetig schwindet? Steht nicht die Gesellschaft in der Verantwortung, für diese hilfebedürftigen Menschen zu sorgen, indem sie ihnen auch wichtige Entscheidungen abnimmt? Oder welche Brücken können geschlagen werden, damit Menschen mit Demenz eine möglichst lebenslange Chance auf Selbstbestimmung erhalten können? Und schließlich: Welche Folgen können getroffene Maßnahmen zum vermeintlichen Schutz der dementiell veränderten Person und/oder der zu Betreuenden haben? Zu welchem Grad ist Freiheitseinschränkung bei dementiell erkrankten Personen gerechtfertigt?
Laut einer Einschätzung des Dachverband Deutscher Alzheimer-Gesellschaften werde sich die Zahl der an einer Demenz erkrankten Menschen bis 2050 im Vergleich zum Jahr 2018 europaweit verdoppeln. Eine fundierte Auseinandersetzung mit diesem Thema ist daher, auch interdisziplinär, von höchster Relevanz.
Inhaltsverzeichnis
1. Demenz – Formen und Ausprägungen
2. Selbstbestimmt leben trotz Demenz?
2.1. Demenz als Einschränkung der Selbstbestimmung
2.2. Selbstbestimmung trotz Demenz. Projekte/Strategien zum Erhalt der Selbstbestimmung bei Demenz
3. Mögliche Maßnahmen bei Demenz und ihre Folgen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit ein selbstbestimmtes Leben trotz einer demenziellen Erkrankung möglich ist und welche gesellschaftlichen sowie ethischen Voraussetzungen hierfür geschaffen werden müssen. Dabei wird analysiert, wie trotz kognitiver Einschränkungen die Autonomie der Betroffenen gewahrt und durch geeignete Ansätze gefördert werden kann.
- Grundlagen und Erscheinungsformen der Demenz
- Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und Pflegenotwendigkeit
- Ethische Herausforderungen im Umgang mit demenzkranken Menschen
- Methoden und Strategien zur Erhaltung der Lebensqualität und Autonomie
- Kritische Reflexion von freiheitsentziehenden Maßnahmen im Pflegealltag
Auszug aus dem Buch
2.1. Demenz als Einschränkung der Selbstbestimmung
Verluste des Denkvermögens, körperlicher Fähigkeiten und evtl. negative psychische Folgen sind Charakteristika einer Demenz, gleich welcher Art. Mag man einer demenziell veränderte Person im Anfangsstadium der Erkrankung noch relative Autonomie und Selbstbestimmung zusprechen, kann sich diese Einschätzung im weiteren Verlauf, speziell im mittleren bis späten Stadium, verändern. Der betroffene Mensch scheint immer mehr in seiner „eigenen Welt“ zu versinken. Im sehr späten Verlauf kann es dazu kommen, dass selbst enge Verwandte oder Vertraute scheinbar keinen Zugang mehr zum Menschen mit Demenz finden können u.a., weil sie von diesem nicht mehr erkannt werden. Wie wirkt sich solch eine tiefgreifende Veränderung auf die eigene Fähigkeit selbstbestimmt und autonom zu handeln aus?
„Das Prinzip der Autonomie stößt im Falle eines Bruches personaler Identität an unüberwindliche Grenzen. Infolge der drastischen Veränderung personaler Merkmale im Zuge einer Demenz kann die zeitlich frühere, kompetente Person nicht im Namen der Autonomie über die zeitlich spätere, demente Person verfügen.“ (Hofer-Ranz 2017: 150)
Diese Aussage stellt auch die Instrumente Patientenverfügung und -vollmacht in Frage. Insbesondere im ethischen Kontext sich die Frage nach der Verantwortbarkeit teilweise folgenreicher Entscheidungen, die von einer souveränen, gesunden Person über die eigene, später vielleicht anders empfindende dementiell veränderte, getroffen werden. Würde das eigene, durch die Demenz „verwandelte“ ICH die gleichen Entscheidungen treffen, wie das alte, autarke Ich? In einer Welt, die von Leistungsdenken und stetem Streben nach wirtschaftlichem Wachstum geprägt ist, können Defizite jeglicher Art zu einem Problem werden. In unserer neoliberalen Normierungsgesellschaft, wie Ursula Stinkes sie in ihrem Text „Selbstbestimmung – Vorüberlegungen zur Kritik einer modernen Idee“ ausdrückt, stehen wir vor diesem Dilemma. Zweideutig wird hier in Bezug auf den Neoliberalismus gesehen, dass man nicht nur selbstbestimmt leben kann, sondern es in einer gewissen Form muss. Damit steht Autonomie nicht nur für Befreiung, sondern sie ist gleichzeitig zur sozialen Pflicht geworden – auch für Menschen mit Behinderung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Demenz – Formen und Ausprägungen: Dieses Kapitel erläutert die medizinischen Grundlagen der Demenz, unterscheidet zwischen verschiedenen Typen und beschreibt die typischen kognitiven sowie psychischen Verlaufssymptome.
2. Selbstbestimmt leben trotz Demenz?: Hier wird das ethische Dilemma beleuchtet, wie Autonomie gewahrt werden kann, wenn die kognitive Leistungsfähigkeit schwindet, und es werden Empowerment-Konzepte diskutiert.
2.1. Demenz als Einschränkung der Selbstbestimmung: Dieser Unterpunkt fokussiert auf die Grenzen der Patientenverfügung und die Schwierigkeiten bei der Identitätswahrung im Verlauf der Erkrankung innerhalb einer leistungsfokussierten Gesellschaft.
2.2. Selbstbestimmung trotz Demenz. Projekte/Strategien zum Erhalt der Selbstbestimmung bei Demenz: In diesem Abschnitt werden konkrete Lösungsansätze wie die Methode der Validation, die Care Ethik und das Projekt „EmMa“ zur Förderung der Einwilligungsfähigkeit vorgestellt.
3. Mögliche Maßnahmen bei Demenz und ihre Folgen: Dieses Kapitel analysiert kritisch das Risiko von Machtmissbrauch und Gewalt in asymmetrischen Pflegebeziehungen sowie die Problematik von freiheitsentziehenden Maßnahmen.
4. Fazit: Die Schlussbetrachtung betont die Notwendigkeit eines umfassenderen Menschenbildes und eines interdisziplinären Zusammenschlusses, um die Selbstbestimmung von Menschen mit Demenz langfristig zu sichern.
Schlüsselwörter
Demenz, Selbstbestimmung, Autonomie, Pflege, Ethik, Patientenverfügung, Empowerment, Validation, Care Ethik, Lebensqualität, Freiheitsentziehende Maßnahmen, Identität, Pflegealltag, Menschenbild, Inklusion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen der fortschreitenden kognitiven Einschränkung bei einer Demenz und dem grundlegenden Recht auf Selbstbestimmung des betroffenen Menschen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den zentralen Themen gehören medizinische Aspekte der Demenz, ethische Reflexionen zur Autonomie, das Konzept der Care Ethik und Strategien zur praktischen Umsetzung von Selbstbestimmung in der Pflege.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist herauszuarbeiten, ob und inwieweit ein selbstbestimmtes Leben bei Demenz möglich ist und welche Rahmenbedingungen hierfür von Gesellschaft und Staat geschaffen werden müssen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin/der Autor nutzt eine fundierte Literaturanalyse und reflektiert ethische sowie sozialwissenschaftliche Konzepte (wie das Empowerment von Ursula Stinkes oder die Care Ethik), um aktuelle Pflegestrategien zu bewerten.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil analysiert?
Der Hauptteil behandelt die Einschränkungen der Selbstbestimmung, stellt Förderstrategien vor und setzt sich kritisch mit Machtstrukturen und freiheitsentziehenden Maßnahmen in Pflegeeinrichtungen auseinander.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Demenz, Selbstbestimmung, Ethik, Autonomie, Pflege, Empowerment, Lebensqualität und Patientenverfügung sind die zentralen Begriffe, die den Inhalt definieren.
Welche Rolle spielt die „Care Ethik“ in diesem Zusammenhang?
Die Care Ethik dient als alternativer Ansatz, um Fürsorge nicht nur als fachliche Aufgabe, sondern als haltungsbasierte Tugend zu begreifen, die das Wohlbefinden des Menschen in den Mittelpunkt stellt.
Was besagt das Projekt „EmMa“, das im Text erwähnt wird?
Das Projekt „EmMa“ zielt darauf ab, die Einwilligungsfähigkeit bei medizinischen Maßnahmen zu fördern, indem die Kommunikation des Fachpersonals gezielt an die Fähigkeiten von Menschen mit Demenz angepasst wird.
Warum wird der Einsatz von Psychopharmaka in der Arbeit kritisch betrachtet?
Der Einsatz wird als umstrittenes Hilfsmittel eingestuft, da er in einem unter Druck stehenden Pflegesystem Gefahr läuft, als Ersatz für Zeit und adäquate Zuwendung zur Unterdrückung herausfordernden Verhaltens missbraucht zu werden.
Inwiefern beeinflusst die moderne Leistungsgesellschaft den Blick auf Demenz?
Die Autorin argumentiert, dass unsere Gesellschaft durch Erfolg und Selbstoptimierung geprägt ist, wodurch Menschen, die diesen Kriterien nicht mehr entsprechen, Gefahr laufen, ihre soziale Teilhabe und ihre Anerkennung als selbstbestimmte Subjekte zu verlieren.
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- Anonym (Author), 2020, Menschen mit Behinderung. Zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1003236