Menschen mit Behinderung. Zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

16 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Demenz - Formen und Ausprägungen

2. Selbstbestimmt leben trotz Demenz?
2.1. Demenz als Einschränkung der Selbstbestimmung
2.2. Selbstbestimmung trotz Demenz. Projekte/Strategien zum Erhalt der Selbstbestimmung bei Demenz

3. Mögliche Maßnahmen bei Demenz und ihre Folgen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Laut einer Einschätzung des Dachverband Deutscher Alzheimer-Gesellschaften werde sich die Zahl der an einer Demenz erkrankten Menschen bis 2050 im Vergleich zum Jahr 2018 europaweit verdoppeln. Eine fundierte Auseinandersetzung mit diesem Thema ist daher, auch interdisziplinär, von höchster Relevanz. Wie geht ein, an Demenz erkrankter Mensch, der im Verlauf der Erkrankung schrittweise physische und kognitive Fähigkeiten verliert, mit den Themen Selbstbestimmung und Autonomie um? Gilt das in Artikel 2 des Grundgesetztes verankerte Recht auf Selbstbestimmung überhaupt für einen Menschen, dessen Erinnerungs- und Handlungsvermögen stetig schwindet? Steht nicht die Gesellschaft in der Verantwortung, für diese hilfebedürftigen Menschen zu sorgen, indem sie ihnen auch wichtige Entscheidungen abnimmt? Oder welche Brücken können geschlagen werden, damit Menschen mit Demenz eine möglichst lebenslange Chance auf Selbstbestimmung erhalten können? Und schließlich: Welche Folgen können getroffene Maßnahmen zum vermeintlichen Schutz der dementiell veränderten Person und/oder der zu Betreuenden haben? Zu welchem Grad ist Freiheitseinschränkung bei dementiell erkrankten Personen gerechtfertigt? Zunächst wird die Krankheit mit in ihren Formen und Ausprägung grob und skizzenhaft umrissen. Im weiteren Verlauf wird dann detaillierter auf den Aspekt der Selbstbestimmung bei Demenzerkrankten eingegangen. Zunächst werden zu erwartende Einschränkungen, die dieses Grundrecht gefährden können, aufgeführt. Der Abschnitt „Selbstbestimmung trotz Demenz" Projekte und Strategien zum Erhalt der Selbstbestimmung bei Demenz vorstellen und, aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit, kurz diskutieren. Im vierten und letzten Abschnitt werden Beispiele für eingesetzte Maßnahmen in der Betreuung von Menschen mit einer Demenz genannt und deren, teilweise folgenreiche Tragweite erläutert. Schlussendlich soll herausgearbeitet werden, ob bzw. inwieweit ein selbstbestimmtes Leben mit einer Demenz möglich ist. Welche Voraussetzungen müssen hierfür geschaffen werden?

1. Demenz - Formen und Ausprägungen

Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Krankheit Demenz von dem Psychiater und Neuropathologen Alois Alzheimer entdeckt und erforscht. Die nicht nur in Fachkreisen bekannte Geschichte, sowie das von Alzheimer geführte Interview mit der Patientin Auguste D., gelten bis heute als der Anfang der Entdeckungsgeschichte. Seither hat sich viel getan. Man weiß heute, dass die Krankheit viele, häufig unterschiedlichste, Ausprägungen hat. Aus diesem Grund spricht man von der Pluralform Demenzen. Man unterscheidet zunächst zwischen primären und sekundären Demenzen. Die sogenannten primären Demenzen beziehen sich also auf den allmählichen Verfall des Nervensystems (vgl. Schröder; Haberstroh; Pantel 2010: 298). Demgegenüber stehen sekundäre Demenzen, deren Entstehung „infolge heilbarer Krankheiten, die überwiegend außerhalb des Gehirns lokalisiert sind." (Berwig 2010: 10) herrührt. Die Anzahl der Demenerkrankungen, die im jüngeren Alter (d.h. jünger als 65 Jahre) auftreten, liegt laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. bei lediglich 2 Prozent. „Demenzen sind demnach altersgebundene Erkrankungen, die in ihrer Mehrzahl auf chronisch verlaufende, neurodegenerative Prozesse zurückzuführen sind" (Schröder; Haberstroh; Pantel 2010: 297). Die Ausprägungen sind je nach Art, und sogar innerhalb dieser, unterschiedlich. Es lassen sich grob vier Haupt-Demenz-Typen herausstellen. Die häufigste Form ist mit zweidrittel aller Erkrankten, die Alzheimer-Demenz (AD). Sie ist dicht gefolgt von der vaskulären Demenz, die häufig in Kombination mit der AD als Mischform auftritt. Weitere Formen sind die Frontotemporale Demenz und Demenzen infolge von Parkinson und die Lewy-Körperchen (vgl. Schröder; Haberstroh; Pantel 2010: 298). Alle Formen haben gemein, dass die Erkrankung in der Regel schleichend beginnt. Man vergisst Namen, verlegt Gegenstände - hier sei das bekannte Brille-im-Kühlschrank-Beispiel zu nennen. Weitere typische Merkmale, die je nach Verlauf und Schweregrad auftreten, sind u.a. Wortfindungsstörungen bis hin zur Aphasie, die in manchen Fällen in Mutismus (z.B. bei frontotemporaler Demenz) enden kann. Zudem verlieren Erkrankte über kurz oder lang den Orientierungssinn und können sich im späten Stadium oft nicht einmal mehr in ihrer gewohnten Umgebung zurechtfinden. Auch beim Erkennen von Zusammenhängen bestimmter Handlungs- und Bewegungsabläufe kommt es häufig zu Störungen (Apraxie). Auch „Apathie, Agnosie (Störung des Erkennens [von Sinneswahrnehmungen]), Alexie und Akalkulie (Störung der Lese- bzw. Rechenfähigkeit) bilden weitere, häufige kognitive Störungen." (Schröder; Haberstroh; Pantel 2010: 300). Gerade im Anfangsstadium der Demenz kann es, in Folge der bewussten Wahrnehmung der Defizite, zu einer Belastung der Psyche kommen. Oftmals sind Depressionen bzw. depressive Verstimmungen und der allmähliche Rückzug aus dem öffentlichen Leben und/oder sozialen Beziehungen die Folge(n). Wobei auch diesen beiden Komponenten eine Wechselwirkung zugesprochen werden kann. So kann beispielsweise der Rückzug aus dem Freundes- und/oder Familienkreis zu stetiger Vereinsamung bzw. sozialer Isolation führen, was wiederum die Entstehung einer Depression begünstigen kann. Demenzen können durch die Vielzahl an körperlichen und kognitiven Verlusten bzw. Einschränkungen, in ihrem Verlauf hin zu einer völligen Abhängigkeit (Bettlägerigkeit) von Pflegepersonal oder pflegenden Angehörigen führen. Zudem können Wesensveränderungen wie aggressives Verhalten, eine Störung der Selbst- und Fremdwahrnehmung, Enthemmtheit, ein gestörtes Essverhalten, Empathielosigkeit etc. auftreten. Beleuchtet man den lateinischen Ursprung des Wortes Demenz und übersetzt diesen wörtlich mit „„ohne Denkvermögen" (de = weg, ohne; mens = das Denkvermögen, der Verstand; Geist).“ Berwig 2010: 6) und bezieht auch die möglichen physischen wie psychischen Einbußen mit in die Überlegung ein, kann die Frage danach, ob eine demenziell veränderte Person überhaupt selbstbestimmt und autonom leben kann, oder dürfen soll laut werden. Inwieweit kann diese Anforderung an einen Menschen mit Demenz als natürlich, ab wann gar als Zumutung oder im gesellschaftlichen Kontext als unverantwortlich betrachtet werden? Was ist unter Selbstbestimmung und Autonomie im Allgemeinen zu verstehen?

2. Selbstbestimmt leben trotz Demenz?

2.1. Demenz als Einschränkung der Selbstbestimmung

Verluste des Denkvermögens, körperlicher Fähigkeiten und evtl. negative psychische Folgen sind Charakteristika einer Demenz, gleich welcher Art. Mag man einer demenziell veränderte Person im Anfangsstadium der Erkrankung noch relative Autonomie und Selbstbestimmung zusprechen, kann sich diese Einschätzung im weiteren Verlauf, speziell im mittleren bis späten Stadium, verändern. Der betroffene Mensch scheint immer mehr in seiner „eigenen Welt" zu versinken. Im sehr späten Verlauf kann es dazu kommen, dass selbst enge Verwandte oder Vertraute scheinbar keinen Zugang mehr zum Menschen mit Demenz finden können u.a., weil sie von diesem nicht mehr erkannt werden. Wie wirkt sich solch eine tiefgreifende Veränderung auf die eigene Fähigkeit selbstbestimmt und autonom zu handeln aus?

„Das Prinzip der Autonomie stößt im Falle eines Bruches personaler Identität an unüberwindliche Grenzen. Infolge der drastischen Veränderung personaler Merkmale im Zuge einer Demenz kann die zeitlich frühere, kompetente Person nicht im Namen der Autonomie über die zeitlich spätere, demente Person verfügen." (Hofer-Ranz 2017: 150)

Diese Aussage stellt auch die Instrumente Patientenverfügung und -vollmacht in Frage. Insbesondere im ethischen Kontext sich die Frage nach der Verantwortbarkeit teilweise folgenreicher Entscheidungen, die von einer souveränen, gesunden Person über die eigene, später vielleicht anders empfindende dementiell veränderte, getroffen werden. Würde das eigene, durch die Demenz „verwandelte" ICH die gleichen Entscheidungen treffen, wie das alte, autarke Ich? In einer Welt, die von Leistungsdenken und stetem Streben nach wirtschaftlichem Wachstum geprägt ist, können Defizite jeglicher Art zu einem Problem werden. In unserer neoliberalen Normierungsgesellschaft, wie Ursula Stinkes sie in ihrem Text „Selbstbestimmung - Vorüberlegungen zur Kritik einer modernen Idee" ausdrückt, stehen wir vor diesem Dilemma. Zweideutig wird hier in Bezug auf den Neoliberalismus gesehen, dass man nicht nur selbstbestimmt leben kann, sondern es in einer gewissen Form muss. Damit steht Autonomie nicht nur für Befreiung, sondern sie ist gleichzeitig zur sozialen Pflicht geworden - auch für Menschen mit Behinderung.

„Andererseits der neoliberalen Normierungsgesellschaft nach individueller Autonomie und Selbstbestimmung im Schatten ihres Interesses an einem souveränen, erfolgreichen, mächtigen, flexiblen und eigenverantwortlichen Subjekt. Dieses bestimmt sich einseitig als Souverän und versteht den Menschen vor allem von seinem Zentralorgan, dem Gehirn her.“ (Stinkes 2000: 176)

Im Hinblick auf Demenzen ist diese Annahme natürlich verheerend, denn vor allem hier ist das, als Zentralorgan definierte Gehirn in seiner Funktionsweise stark eingeschränkt. Zum Beginn einer Demenz sind die Einschränkungen noch überschaubar. Der dementiell veränderte Mensch ist in der Regel noch in der Lage seine Wünsche und seinen Willen zu äußern - eine wichtige Voraussetzung für die Möglichkeit zur Selbstbestimmung. Im späteren Verlauf ist jedoch mit teils erheblichen kognitiven Einbußen zu rechnen, welche dann in Verbindung mit weiteren Einschränkungen der Handlungsfähigkeit in eine Unselbstständigkeit und Abhängigkeit führen können.

„Rationalität und Selbstbewusstsein gelten als notwendige Voraussetzungen der Persondefinition in modernen Gesellschaften. Der hohe Stellenwert kognitiver Leistungsfähigkeit scheint demnach Menschen mit Demenz von der vollen Mitgliedschaft menschlicher Gemeinschaft auszuschließen.“ (Wetzstein 2010:55)

Um aus dieser Sackgasse zu entkommen, sei das Empowerment-Konzept von Ursula Stinkes herangezogen. Menschen mit einer Beeinträchtigung, ganz gleich, ob physisch und/oder psychisch, „sollen als selbstbestimmte Subjekte mit subjektiver Autonomie begriffen werden.“ (Stinkes 2000: 184). Der Begriff „subjektive Autonomie" meint hier, das Recht eines jeden Menschen, sein oder ihr Leben, im Rahmen der eigenen Kompetenzen und Bedürfnisse, auszugestalten. Dies wiederum ermögliche eine „[...] ,nachholende Befreiung'(vgl. Waldschmidt 1999) auch für beeinträchtigte Menschen“ (Stinkes 2000: 184). Wie könnte diese Theorie auf einen Menschen mit Demenz angewendet werden? Gibt es Möglichkeiten, Strategien oder Ansätze, um dieses Ziel zu erreichen? Kann ein demenziell veränderter Mensch selbstbestimmt bis zum Ende seines Lebens im Sinne der oben aufgeführten Definition leben?

2.2. Selbstbestimmung trotz Demenz. Projekte/Strategien zum Erhalt der Selbstbestimmung bei Demenz

„Es ist Aufgabe der Gesellschaft und des Staates, die Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen die Selbstbestimmung des von Demenz betroffenen Menschen beachtet und gestärkt werden kann", stellte der Deutsche Ethikrat in seiner Stellungnahme „Demenz und Selbstbestimmung" im Jahr 2012 fest (Deutscher Ethikrat 2012,10)." (Leonhard 2015: 14)

Betrachtet man die oben aufgeführte Aussage des Deutschen Ethikrates, stimmt eine sicherlich große Mehrheit zu. Es stellt sich auf dieser ethischen Annahme und Basis, dass so viel Autonomie wie irgend vertretbar ermöglicht werden sollte, lediglich die Frage, wie Forderung nach der Verantwortung des Staates in der Praxis aussehen könnte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Menschen mit Behinderung. Zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V1003236
ISBN (eBook)
9783346380197
ISBN (Buch)
9783346380203
Sprache
Deutsch
Schlagworte
menschen, behinderung, zwischen, selbstbestimmung, fremdbestimmung
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Menschen mit Behinderung. Zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1003236

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