Online-Radikalismus. Die Bedeutung sozialer Medien für die Radikalisierung durch Rechtsextremisten


Bachelorarbeit, 2020

52 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abkürzungverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Extremismus
2.1.1 Rechtsextremismus
2.1.2 Die Neue Rechte des digitalen Zeitalters
2.1.3 Rechte Internetkultur
2.2 Radikalismus
2.2.1 Radikalisierung als Inszenierung
2.2.2 Radikalisierung als Depluralisierung
2.3 Medienbegriff
2.3.1 Medien zur öffentlichen Kommunikation
2.3.2 Medien zur interpersonellen Kommunikation

3. Methode 21

4. Netzwerk der Neuen Rechten 22
4.1 Wesentliche AkteurInnen
4.2 Relevante Social Media-Plattformen

5. Rechtsextreme Narrative und Kommunikationsstrategien im Internet
5.1 Narrative der Neuen Rechten
5.2 Neurechte Kommunikationsstrategien

6. Fazit und Ausblick

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: White Power Symbol

Abb. 2: NPCs (Non-Player-Characters)

Abb. 3: Rote und blaue Pille aus dem Film Matrix

Abb. 4: US-Präsident Donald Trump und Pepe der Frosch

Abb. 5: Verunglimpfung des Demokaten und US-Präsidentschaftskandidaten Joe Biden

Abb. 6: Pepe liest Sellners Buch „Identitär!“

Abb. 7: „Defend Europe“ Mission der IB im Mittelmeer

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Alternativen zu den bekanntesten Online-Plattformen

Abkürzungsverzeichnis

Abb. Abbildung

AfD Alternative für Deutschland

Alt-Right Alternative Right

App Applikation

BI Bloc Identitaire

bspw. Beispielsweise

bzw. Beziehungsweise

d.h. das heißt

ebd. ebenda

et al. et alii, et aliae, et alia

etc. et cetera

ggf. gegebenenfalls

Hrsg. Herausgeber

IB Identitäre Bewegung

insb. insbesondere

NPC Non-Player-Character

NPD Nationaldemokratische Partei Deutschlands

NS Nationalsozialismus

Pegida Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands

S. Seite

sog. sogenannte, sogenannter, sogenanntes

Tab. Tabelle

Tsd. Tausend

USA United States of America

vgl. vergleiche

vs. versus

z.B. zum Beispiel

1. Einleitung

Am 22. Juli 2011, vor bald neun Jahren, ermordete Anders Breivik bei Anschlägen in der norwegischen Hauptstadt Oslo und auf der nahegelegenen Insel Utøya 77 Menschen. In seinem vorher im Internet veröffentlichten Manifest offenbarte er seine rassistische und islamfeindliche Motivation sowie Vorbereitungen für das Attentat (vgl. Belltower 2011). Fast acht Jahre später erschütterte ein weiterer Anschlag die Welt. Im neuseeländischen Christchurch drang ein bewaffneter Mann am 15. März 2019 in zwei Moscheen ein und tötete insgesamt 50 Menschen. Wie schon Anders Breivik, veröffentlichte der Attentäter vor seiner Tat ein Manifest mit dem Titel The Great Replacement (Der große Austausch) (vgl. Tagesschau 2019). In dem 74-seitigen Schreiben bedient er sich rassistischer und rechtsextremer Aussagen, Forderungen und Zeichen, die eine Kombination aus neuer und alter rechter Ideologie darstellen. Ideologisch soll sich der Christchurch-Attentäter auch als Nachfolger von Anders Breivik gesehen haben. Zudem filmte er seine Tat mit einer Helmkamera und versuchte, diese live auf Facebook zu übertragen, um andere zu ähnlichen Taten zu motivieren (vgl. ZEIT ONLINE 2019a). Auf einigen Plattformen im Internet wird der Christchurch-Attentäter immer noch glorifiziert und werden seine Ideologien mittels sogenannter Memes1 verbreitet. Es sind auch Szenen des Tätervideos in einem Ego-Shooter-Videospiel zu sehen, dessen Spieler sich ebenfalls in einer Moschee befindet und auf betende Muslime schießt (vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung 2019). Davon hat sich wohl auch der Attentäter von Halle inspirieren lassen, der am 09. Oktober 2019 – dem jüdischen Feiertag Jom Kippur – versuchte, ein Massaker in einer Synagoge anzurichten. Er streamte ebenfalls live, als er versuchte, in die Synagoge einzudringen und wie er letztendlich zwei unbeteiligten Passanten mit selbstgebauten Schusswaffen das Leben nahm (vgl. ZEIT ONLINE 2019b). Experten zu Folge habe sich der Attentäter von Halle stark im Internet radikalisiert und sich an den Anschlägen von Breivik und Christchurch orientiert (vgl. Deutschlandfunk 2019).

Die Anschläge haben eines gemeinsam: die Inszenierung der Taten im Internet. Sie deutet darauf hin, dass besonders die sozialen Medien einen nicht zu unterschätzenden Faktor bei der Vernetzung und Radikalisierung innerhalb der neuen Rechten Szene darstellen. Neue Rechte Bewegungen, die nicht an den bereits bekannten Typus des Neonazis erinnern, keimen auf und nutzen das Internet als ihren Nährboden (vgl. TRT World 2019). Die AgitatorInnen nutzen soziale Netzwerke und populäre Plattformen, um ihre populistischen Narrative zu verbreiten, neue Sympathisanten anzulocken und diese zu mobilisieren (vgl. Müller/Precht 2019). Sie agieren aber auch in weniger bekannten Netzwerken und privaten Chatgruppen. Durch das Internet sind sogenannte Resonanzräume oder Echokammern entstanden, in denen sich Individuen mit Gleichgesinnten aus der ganzen Welt zu ihren Ideologien austauschen, zu Trollarmeen2 zusammenfinden und im schlimmsten Fall zu Gewalttaten verleiten lassen. In der amerikanischen Literatur findet die rechte Medienstrategie bereits größere Beachtung, während sich Forschungsarbeiten im europäischen Kontext mehr auf rechtsextreme Parteien und Rechtspopulismus konzentrieren. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zur Schließung der Erkenntnislücke beizutragen, indem maßgebende Akteure und Netzwerke der Neuen Rechten identifiziert und ihre Online-Aktivitäten auf einschlägigen Plattformen analysiert werden. Dafür wurden dieser wissenschaftlichen Arbeit folgende Forschungsfragen zugrunde gelegt:

F1 „Wie sind rechtsextreme Bewegungen online vernetzt und welche AkteurInnen und Plattformen sind besonders relevant?“

F2 „Welche Bedeutung kommt sozialen Medien bei der Radikalisierung und Mobilisierung in rechtsextremen Gruppen zu?“

Im gesellschaftlichen Kontext werden Begriffe wie Radikalisierung, Radikalismus, Extremismus und Terrorismus stets miteinander in Verbindung gebracht, wenn nicht sogar als Synonym füreinander verwendet. Dabei ist eine genaue Festlegung jener Begrifflichkeiten für die wissenschaftliche Betrachtungsweise unersetzlich (vgl. Koch/Stumpf/Knipping-Sorokin 2016: 12).

Daher soll nachfolgend in vier Schritten vorgegangen werden. Zu Beginn werden im theoretischen Teil der Arbeit die Begriffe Extremismus und Radikalisierung definiert und aktuelle Erkenntnisse der Forschung dargelegt. Dabei wird vorrangig auf das Phänomen des Rechtsextremismus eingegangen und werden neue Formen rechtsextremer Bestrebungen im Internet betrachtet. Welche Rolle Medien in der öffentlichen bzw. interpersonellen Kommunikation spielen, wird im letzten Abschnitt des ersten Kapitels verdeutlicht. Im zweiten Kapitel wird ein adäquates Forschungsdesign für die Untersuchung der Forschungsfragen, die sich aus der theoretischen Fundierung ergeben haben, festgelegt. Die Theorie und die Methode fungieren als Basis für die anschließende Analyse. Um zu verdeutlichen, dass die untersuchten Entwicklungen nicht geografisch begrenzt sind oder in einer isolierten Gruppe auftreten, wird im Analyseteil der Arbeit ein Vergleich zwischen der europäischen Identitären Bewegung und der amerikanische Alt-Right gezogen. Dazu werden im dritten Kapitel relevante AkteurInnen und Online-Plattformen akzentuiert und deren Inhalte untersucht, um rechte Narrative, Symbolik und Strategien zu analysieren. Den Abschluss bildet das vierte Kapitel, in dem die gewonnenen Erkenntnisse zunächst zusammengefasst und anschließend interpretiert werden.

2. Theoretische Grundlagen

In folgendem Kapitel werden zunächst die Begriffe Extremismus und Radikalisierung definiert und aktuelle Erkenntnisse der Forschung dargelegt. In diesem Zusammenhang wird außerdem das Phänomen des Rechtsextremismus erläutert, um das Verständnis des Begriffs in dieser Arbeit sicherzustellen. Darunter fällt auch die Betrachtung neuer Formen rechter Bestrebungen im Internet. Im letzten Punkt dieses Kapitels wird die Rolle der Medien in der öffentlichen bzw. interpersonellen Kommunikation verdeutlicht.

2.1 Extremismus

Extremismus ist ein innerhalb der sozialwissenschaftlichen Forschung viel diskutiertes und stark umstrittenes Konzept (vgl. Salzborn 2011). Innerhalb der deutschsprachigen Diskussion wird der Extremismus Begriff im Sinne von Schmidts (2004) ersten Verständnisses gebraucht. Demnach steht Extremismus in Opposition zum demokratischen Verfassungsstaat und stellt die demokratische Partizipation infrage, was sich in gegen die Verfassung gerichtetem Handeln äußert. Aber auch ein Staat kann extremistisch handeln, indem er durch staatliche Bestimmungen die Freiheit, die Rechte oder das Leben anderer missachtet (vgl. Scruton 2007).

Lipset liefert mit seinen Aufsätzen (1959a,b) eine gute Struktur für einen dynamischen Extremismusbegriff. Neben den Konzepten eines linken und eines rechten Extremismus soll es einen dritten Typus geben, den Extremismus der Mitte. Jede Orientierung auf dem politischen Spektrum weist dabei eine moderate und eine extremistische Strömung auf. Lipset wies ebenso auf eine antiplurale und monistische Weltanschauung als Kennzeichen von Extremismus hin, was heute kaum noch Bestandteil der wissenschaftlichen Diskussion ist. Monismus bezeichnet den Gegensatz von Pluralismus und steht somit dem Gedanken einer politischen Gemeinschaft mit einer Vielzahl freier Individuen, in der eine Vielfalt von gesellschaftlichen Kräften respektiert werden, entgegen (vgl. Lipset 1959a,b).

Es zeigt sich, dass Extremismus oft von Gruppen ausgeht, die eine gemeinsame Ideologie teilen. Mehr als 95% aller terroristischen Anschläge werden in Gruppen geplant oder ausgeführt. Wenn sich ein Individuum mit bereits ausgeprägten politischen Ideologien einer extremistischen Gruppe anschließt, kann die Radikalisierung des Individuums verstärkt werden. In der Gruppe fällt der Meinungspluralismus weg und das Individuum unterstützt die extremistischen Ideen der eigenen Gruppe bedingungslos. Demzufolge treten Gruppenphänomene wie Polarisierung, Vorurteile oder ein kollektives Ungerechtigkeitsempfinden auf, was weiterhin einen negativen Einfluss auf die Wertevorstellungen haben kann. Die subjektive Wahrnehmung, dass die eigene Gruppe von anderen unterdrückt wird, kann dazu führen, dass Gewalt als ein akzeptables Mittel eingesetzt wird, um sich aus der Unterdrückung zu befreien (vgl. Psychologische Rundschau 2019).

Derzeit wird in der Wissenschaft zwischen kognitivem und gewaltbereitem Extremismus unterschieden. Kognitive Extremisten sind Menschen, deren Ziel- und Wertvorstellungen dem gesellschaftlichen Konsens drastisch widersprechen. Das setzt voraus, Kenntnisse über den aktuellen allgemeinen Konsens in einer Gesellschaft zu haben. Der gewaltbereite Extremismus umfasst, wie der Begriff schon verrät, Menschen, die zur Ausführung von Gewalttaten breit sind. Was unter Gewalt verstanden wird, kann zwischen den Individuen schwanken. Beispielsweise kann ein Anschlag auf die Infrastruktur als nicht gewalttätig aufgefasst werden, sofern kein Mensch dabei zu Schaden kommt. Um dieses Verständnisproblem zu umgehen, wird der gewaltbereite Extremismus in drei Typen differenziert. Die erste Typus ist die strukturelle Gewalt. Diese äußert sich vor allem in Form von Anschlägen auf die Infrastruktur und Sachbeschädigungen. Die zweite Kategorie ist die Straßengewalt. Darunter werden gewalttätige Konfrontationen zwischen verschiedenen gewaltbereiten, extremistischen Gruppierungen oder zwischen ExtremistInnen und der Exekutiven verstanden. Gewalttätige Konfrontationen durch RechtsextremistInnen richten sich oft gegen AusländerInnen oder Angehörige von Minderheiten, was in größeren Ausschreitungen wie 2018 in Chemnitz münden kann. Wenn ExtremistInnen einen Akt der Gewalt strategisch geplant und durchgeführt haben und dieser einem „höheren“ Ziel dient, spricht man von terroristischer Gewalt. Die TerroristInnen nehmen die Tötung von Menschen dabei nicht nur hin, sondern verstehen sie als wichtigen Teil ihrer Strategie. Die Opfer dieser Anschläge sind oft ZivilistInnen (vgl. Neumann 2013).

Der Zusammenhang zwischen kognitivem und gewaltbereitem Extremismus ist derzeit umstritten, denn es ist fraglich, ob der kognitive Extremismus immer eine notwendige Voraussetzung für den gewaltbereiten Extremismus ist. Soweit es die politische Linke betrifft, ist der kognitive Extremismus eine notwendige Bedingung, um eine moderne Demokratie zu ermöglichen. So waren beispielsweise auch AktivistInnen, die sich vor etwa 100 Jahren für das Frauenwahlrecht einsetzten, für die damaligen Verhältnisse ExtremistInnen, wohingegen diese Denkweise heute als gegeben betrachtet wird (vgl. Neumann 2013).

Mit Extremismus muss demnach nicht immer negatives Begriffsverständnis assoziiert werden. Besonders Uwe Backes (1989) hat sich für eine Ausdifferenzierung zwischen einem negativen und einem positiven Begriffsverständnis des Extremismus stark gemacht, da eine rein negative Definition nicht den Umfang der Extremismen abbilden kann. So kann sich ein Individuum auch der aktuellen demokratischen Verfassungsordnung entgegenstellen, indem es „extrem“ ressourcenschonend ist, was erstmal nicht negativ konnotiert ist

Im Folgenden soll zunächst ein Überblick über das Phänomen Rechtsextremismus und dessen Verbindungen zu neuen Medien gegeben werden. Ferner wird der aktuelle Forschungsstand zum politischen Extremismus erfasst und neue Ausprägungen des Rechtsextremismus wie die amerikanische Alternative Right (Alt-Right) und die europäische Identitäre Bewegung (IB) werden betrachtet.

2.1.1 Rechtsextremismus

Rechtsextremismus ist eine Form des politisch motivierten Extremismus, mit dem Ziel, die demokratische Staats- und Gesellschaftsordnung zu beseitigen. Geprägt von „Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus sowie einer grundsätzlichen Demokratiefeindschaft“, stehen rechtsextremistische Wertevorstellungen im Widerspruch zur freiheitlich demokratischen Grundordnung (Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat 2019, S.46). Einstellungen gelten als rechtsextrem, wenn mittels der Zugehörigkeit zu einer Ethnie, Nation oder Rasse über den Wert eines Menschen entschieden wird. Werden die Einstellungen radikaler, äußert sich das auch im Rechtsextremismus häufig in Gewalt. Im Jahr 2018 stiegen im Vergleich zum Vorjahr rechtsextremistische Gewalttaten um 3,2% (2018: 1.088, 2017: 1.054), Körperverletzungsdelikte stiegen um 3,8%. Hauptsächlich werden Gewalttaten mit rechtsextremen Hintergrund weiterhin aufgrund von Fremdenfeindlichkeit begangen. Das liegt daran, dass die Propaganda gegen Asyl, trotz zwischenzeitlich gesunkener Asylbewerberzahlen, das herrschende Thema in rechtsextremistischen Kreisen ist. Beispiele für das hohe Mobilisierungspotential des Asyl-Themas sind Vorfälle wie die Ausschreitungen in Chemnitz im Jahr 2018, die im Sinne der eigenen Ideologie instrumentalisiert und emotional aufgeladen werden. Die Instrumentalisierung der Ereignisse erfolgt vorrangig in sozialen Netzwerken, die das Potential haben, rechtsextremistische Botschaften viral zu verbreiten. Das birgt die Gefahr, dass sich gewaltorientierte Rechtsextremisten weiter radikalisieren (vgl. Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat 2019).

Mit dem Aufschwung des Rechtsextremismus in den 1990er Jahren wuchs zugleich das Forschungsinteresse in Deutschland. Zwischen 1990 und 2013 wurden weit über 5000 wissenschaftliche Publikationen zum Thema Rechtsextremismus veröffentlicht, unter anderem die grundlegenden Arbeiten von Armin Pfahl-Traughber (1999), Hans-Gerd Jaschke (1992, 1994) und Wilhelm Heitmeyer (1990, 1992) (vgl. Frindte et al 2016). Allein in diesen Publikationen arbeiten die Autoren unterschiedliche Definitionen des Begriffs aus. Zudem entstehen diverse Erklärungsansätze und Methoden zur Erforschung des Phänomens, die sich bis heute weiterentwickelt haben. Noch weitaus größer ist das Forschungsfeld unter Berücksichtigung internationaler Forschung und wissenschaftlichen Arbeiten zu ergänzenden Themen, wie beispielsweise zum Rassismus und Antisemitismus (vgl. Virchow 2016). Die zahlreiche Forschung zu Rechtsextremismus lässt auf ein sehr breites Begriffsverständnis schließen. Jürgen Winkler (1996: 26) bezeichnet Rechtsextremismus sogar als einen der “amorphsten Begriffe der Sozialwissenschaften”, da es sich aufgrund der Diversität der ideologischen Ausprägungen um kein einheitliches Phänomen handelt.

Im vorherigen Kapitel wurde bereits festgestellt, dass Extremismus oft von Gruppen ausgeht. Diese Beobachtung kann auch auf den Rechtsextremismus übertragen werden. Die eigene Gruppe, genannt In-Group, stellt die eigene Nation, Ethnie oder Volksgemeinschaft dar, die gegen andere Nationalitäten, Ethnien oder Volksgemeinschaften, sogenannte Out-Groups, geschützt und verteidigt werden muss. Gleichzeitig wird eine Veränderung der Gesellschaft zum Vorteil der In- und zum Nachteil der Out-Group, mit der ein feindschaftliches Verhältnis besteht, angestrebt. Bei der Abgrenzung zur Fremdgruppe sind Themen wie Volk, Mythen und Natur elementar (vgl. Salzborn 2018). Der eigenen ethnischen Identität wird eine so hohes Prestige zugesprochen, dass sogar Grund- oder Menschenrechte übergangen werden. Angehörige anderer Gruppen werden demnach abgewertet, wenn nicht sogar entwertet. Ein weiteres Attribut der In-Group ist die überbetonte, gesellschaftliche Homogenität, die über die Bedürfnisse des Individuums gestellt wird. Rechtsextremismus kann somit auch als ein Eintreten für den politischen Autoritarismus charakterisiert werden (vgl. Pfahl-Traughber 2018).

Für den Soziologen Wilhelm Heitmeyer gibt es für rechtsextreme Ideologien zwei notwendige Grundelemente: ein Set von messbaren Einstellungen und die Gewaltakzeptanz als Mittel der Auseinandersetzung (vgl. Heitmeyer 1992). In weiterführenden Arbeiten von Richard Stöss (2010) sowie Andreas Zick und Beate Küpper (2016) wurden rechtsextreme Einstellungsmuster identifiziert. Dazu gehören völkisches Denken, Biologismus, Sozialdarwinismus, Rassismus, Autoritarismus, ein ausgeprägtes Homogenitätsdenken, Elitismus, Sexismus, Antisemitismus, Antiamerikanismus, Geschichtsrevision, Militarismus und Antirationalismus. Für Heitmeyer ist ein unterscheidendes Merkmal des Rechtsextremismus die Gewaltakzeptanz bzw. -bereitschaft, demnach sind Rechtsextremisten von der Überlegenheit ihrer Gruppe überzeugt und sehen es als ihr natürliches Recht an, diese notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen (vgl. Heitmeyer 1992). Doch nicht jede Person, die eine rechtsextreme Einstellung hat, muss entsprechende Verhaltensmuster zeigen. Ferner können sich rechtsextreme Einstellungsmuster in einem breiten Handlungsspektrum äußern, angefangen bei Protesten, über politische Agitation im Internet, Mitgliedschaften in entsprechenden Parteien oder Organisationen, bis hin zu Gewaltausübung und Terrorismus (vgl. Stöss 2010). Die Gewaltakzeptanz ist dementsprechend als unterscheidendes Merkmal mit Vorsicht zu verwenden, solange Gewalt nicht eindeutig definiert ist. Denn technologisch und kulturell bedingte Phänomene wie Hate Speech3 und Cyber-Angriffe4 müssen erst in den Gewaltkontext eingeordnet werden.

Heute umfasst der Begriff Rechtextremismus einander ähnelnde Konzepte wie Neonazismus, Faschismus oder Rechtsradikalismus und hat damit sowohl in der Wissenschaft als auch in der Öffentlichkeit und Politik eine „integrative Sammelfunktion“ (Salzborn 2018: 12) inne. Zu den bereits oft synonym verwendeten Begriffen, kamen zuletzt weitere Ausdrücke wie ‚Rechtspopulismus‘ oder ‚Neue Rechte‘ hinzu, wodurch die Unschärfe von Rechtsextremismus weiter zunimmt.

In dieser Arbeit sollen unter dem Begriff Rechtsextremismus Ausprägungen des modernen Rechtsextremismus verstanden werden, deren Ideologien über die Grundelemente von Heitmeyer hinausgehen. Wie sich diese modernen rechtextremistischen Bewegungen zusammensetzen, welche Ziele sie verfolgen und welche Mittel sie zur Agitation der Gesellschaft nutzen, wird in den folgenden zwei Unterkapiteln in den Fokus gestellt.

2.1.2 Die Neue Rechte des digitalen Zeitalters

Bereits 1967 hat Theodor W. Adorno in einem Vortrag an der Wiener Universität von den Aspekten des neuen Rechtsradikalismus gesprochen. Anlass für seine damaligen Ausführungen waren die Erfolge der rechtsradikalen Nationaldemokratischen Partei Deutschland (NPD) (vgl. Adorno 1967). In den letzten 60 Jahren kam es immer wieder zu Wellen des verstärkten Auftretens rechtsextremer Gruppierungen, Organisationen oder Parteien. Während die rechtsextremen Parteien bereits gut wissenschaftlich analysiert sind, bleiben Ableger des modernen digitalen Rechtsradikalismus in der Forschung weniger untersucht (vgl. Borstel/Heitmeyer 2012). In seinen Ausführungen stellte Adorno Ziele, Mittel sowie Taktiken des neuen Rechtsradikalismus heraus und fragte nach den Gründen für den Zuspruch, den rechtsextreme Bewegungen bekommen. Vieles hat sich seitdem geändert, aber manches ist gleichgeblieben oder ist in neuer Form wieder da (vgl. Adorno 1967).

Die neurechte Online-Bewegung versteht sich selbst als eine intellektuell ausgerichtete politische Strömung in verschiedenen Staaten (vgl. Gensing 2016). Sie versucht sich in vielen Dingen von der Alten Rechten zu distanzieren. So werden Bomberjacke und Springerstiefel gegen Poloshirt und Stoffturnschuhe getauscht. Doch nicht nur das äußerliche Auftreten hat sich geändert, auch ihre Ansichten wurden mehr an die gesellschaftliche Mitte angepasst. Die Neue Rechte leugnet offenkundig weder den Holocaust noch die Konzentrationslager und lehnt Hitler und seine Verbrechen ab. Vielmehr stellen sie sich als gewaltlose Szene dar, die den „Schuldkult“ hinter sich lassen und stolz auf die deutsche Tradition sein will (Fuchs/Middelhoff 2019).

„Man sollte diese Bewegungen nicht unterschätzen wegen ihres niedrigen geistigen Niveaus und wegen ihrer Theorielosigkeit. […] Das Charakteristische für diese Bewegungen ist vielmehr eine außerordentliche Perfektion der Mittel, nämlich in erster Linie der propagandistischen Mittel.“ (Adorno 1967:22-23). Diese Erkenntnisse lassen sich mithin gut auf die Moderne übertragen.

RechtsextremistInnen streben seit jeher nach kultureller Hegemonie und politischem sowie gesellschaftlichem Wandel (vgl. Pfeiffer 2004). Die Neue Rechte übernimmt diesen Ansatz, ordnet ihn jedoch im Sinne einer Kulturrevolution von rechts ein. Zunächst bedarf es dafür fundierter Theoriearbeit, um die kulturelle Hoheit zu erlangen und infolgedessen politische Meinungsführerschaft zu übernehmen, die sich schließlich in politischem Handeln äußern soll. Weite Teile der Gesellschaft sollen demnach hinsichtlich ihrer Einstellungen und Werte beeinflusst und kontrolliert werden, um schlussendlich auch institutionell Macht zu erlangen. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, sollen dissonante Meinungen und Begriffe unterwandert und umgedeutet oder sogar lächerlich gemacht und angegriffen werden (vgl. Pfahl-Traughber 2010).

Die Neue Rechte lässt sich weniger als isoliertes Phänomen, sondern mehr als soziale Bewegung verstehen, die eine eigene Struktur mit einer jugendlichen Subkultur und rechten Intellektuellenkreisen besitzt (vgl. Jaschke 1992; Gessenharter 2010). Die AkteurInnen bewegen sich innerhalb der rechten Szene auf verschiedenen Aktivitätenniveaus, das heißt sie sind unterschiedlich stark im Netzwerk verankert. Nach Gessenharter (2010) besteht die Grundstruktur einer rechten Bewegung aus dem Organisationskern, den BasisaktivistInnen, den UnterstützerInnen und den SympathisantInnen. Um den Aufbau der Struktur zu vereinfachen, werden die Akteursgruppen in konzentrische Kreise eingeteilt. Das Zentrum bzw. den Organisationskern bilden die Bewegungseliten. Diese setzten sich vor allem aus Intellektuellen zusammen, die Ziele, Ideen sowie Strategien vorgeben und Aktionen planen. Der Kreis der BasisaktivistInnen macht den Großteil der rechten Szene aus. Sie sind für den Erfolg von Aktionen und Veranstaltungen elementar, haben aber kaum Möglichkeiten politischen Einfluss auszuüben. Die Unterstützer-Ebene besteht hauptsächlich aus kleineren Zusammenschlüssen, die zwar eine gemeinsame Gesinnung teilen, sonst aber eher locker organisiert sind. Vermehrt junge Menschen identifizieren sich mit diesen Gruppen über das Internet und zeigen ihren Zuspruch eher auf der symbolischen Ebene. Im äußersten Kreis befinden sie die SympathisantInnen der Bewegung, die zwar kaum oder gar nicht an Aktionen teilnehmen, aber dennoch einen wichtigen Beitrag leisten. Sie wählen beispielsweise einschlägige Parteien oder stehen in der Öffentlichkeit für die Überzeugungen der Bewegung ein (vgl. Gessenharter 2010). Nach dem Modell der Bewegungsforschung beabsichtigt jede Bewegung, möglichst viele SympathisantInnen zu gewinnen und parallel Personen aus den außen gelegenen Kreisen weiter nach innen zu holen (vgl. Rucht 1994). Für die Gewinnung weiterer Mitglieder streben die Neuen Rechten in die gesellschaftliche Mitte und befassen sich dafür auch mit Themen wie Kapitalismuskritik und Umweltschutz, die von der Alten Rechten nicht berücksichtigt wurden (vgl. Fuchs/Middelhoff 2019).

Die europäische Identitäre Bewegung (IB) und die amerikanische Alt-Right sind beispielhaft für diese neurechten sozialen Bewegungen. Die Alt-Right (Alternative Right) ist eine ursprünglich onlinebasierte Bewegung, die besonders im Zuge der US-Wahlen 2016 Bekanntheit erlangte, indem sie Donald Trump mit ihrer aggressiven Online-Strategie unterstützten (vgl. ZEIT ONLINE 2017a). Der Begriff Alt-Right wurde hauptsächlich vom weißen Suprematisten5 Richard Spencer geprägt und kann als „informelles Netzwerk aus VertreterInnen von Ethnonationalismus, Demokratiefeindlichkeit, Antifeminismus und Rassismus“ bezeichnet werden (Strick 2018: 113). Eine scharfe Trennung zu den Ideologien und AnhängerInnen des Rechtspopulismus oder Neofaschismus lässt sich nicht ziehen, was sogar zu einer besonderen Eigenschaft der alternativen Rechten geworden ist (vgl. Strick 2018). Die amerikanische Alternative Right ist vielmehr ein weit gefasster Begriff, der eine Vielzahl von radikalen oder nichtkonservativen rechten und rechtsextremen Traditionen umfasst (Hope not Hate 2017). Im Zentrum stehen die Zurückweisung der menschlichen Gleichwertigkeit und gleichzeitig die Betonung der Identität der weißen Rasse. Trotz der Vielfalt der Gruppen, die sich unter dem Begriff der Alt-Right sammeln, lassen sich zwei Hauptgruppen herausstellen: Ein harter Kern der Alt-Right und die Alt-Light, die sich aus gemäßigteren Gruppen zusammensetzt. Das Selbstverständnis der Bewegung liegt darin, ein Gegenstück zu den etablierten Mainstream Medien darzustellen, während tatsächlich vermehrt mit Halbwahrheiten, Fehlinformationen, Verschwörungstheorien und politischer Hetze agiert wird (vgl. Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft). Genauso wie die Alt-Right sieht sich auch die Identitäre Bewegung in einem stetigen Kampf mit der etablierten Politik- und Medienlandschaft. Anfang der 2000er Jahre entwickelt sich die selbsternannte Bewegung aus dem französischen Bloc Identitaire (BI), der sich wiederum ideologisch an die Nouvelle Droite (französische Ursprungsbewegung der Neuen Rechten) anlehnt. Inzwischen gibt es in ganz Europa Ableger der IB – z.B. in Deutschland, Österreich, der Schweiz, aber auch in Schweden und Tschechien (vgl. Fuchs/Middelhoff 2019: 89-90). In Deutschland beschränkt sich die Bewegung lange Zeit auf den virtuellen Raum, zieht jedoch seit einigen Jahren mit öffentlichen Aktionen die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Beispielsweise stürmten AktivistInnen der IB im Jahr 2016 das Brandenburger Tor, um ein Banner mit der Aufschrift „Sichere Grenzen, sichere Zukunft“ herabzulassen oder charterten im Sommer 2017 ein Schiff, um Nichtregierungsorganisationen an der Rettung von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer zu hindern (vgl. ebd.: 91). Die IB zeichnet sich vor allem durch die Merkmale Jugendlichkeit, Aktionismus, Popkultur und die Corporate Identity aus, durch die sie sich von anderen rechtsradikalen Gruppen abgrenzen (vgl. Koc 2019). Ihr ideologisches Weltbild formiert sich um das von Alain de Benoist – Kopf der Nouvelle Droite – geprägte Konzept des Ethnopluralismus. Mit dieser Theorie soll die Spielart des klassisch-biologischen Rassismus neu und weniger angreifbar begründet werden (vgl. Fuchs/Middelhoff 2019: 89). Eine eingehendere Definition des Konzepts wird im nächsten Kapitel vorgenommen. Über diese Vorstellung hinaus fordert die IB den Erhalt ethnokultureller Identität sowie die Remigration von illegal Eingereisten, um den – weiter unten thematisierten – Großen Austausch zu verhindern (Identitäre Bewegung Deutschland 2020). Engen Kontakt pflegen die Identitären nachweislich auch zu Pegida, zur Deutschen Burschenschaft, der Pro-Bewegung6 sowie einzelner Bürgerwehren, aber auch zur AfD (vgl. Bruns/Glösel/Strobl 2016: 83-85). Seit 2016 wird die IB vom Verfassungsschutz beobachtet, der sie zuletzt als rechtsextremistische Bewegung einstufte, da ihre fremden- und demokratiefeindliche Ideologie gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung Deutschlands verstößt (vgl. Stempfle 2019).

2.1.3 Rechte Internetkultur

Für den Zusammenhalt innerhalb der rechten Gruppen sowie auch untereinander ist das Internet - insbesondere die soziale Medien – von wachsender Bedeutung. Es steigert sowohl die lokale als auch die internationale Vernetzung der Mitglieder (vgl. Gessenharter 2010). RechtsextremistInnen haben das Potential des Internets für die Verbreitung ihrer Narrative bereits erkannt, als die Technologie noch in der Entwicklung war. Seitdem haben sie ihre mediale Strategie weiter elaboriert und professionalisiert (vgl. Amadeu Antonio Stiftung 2020). Wie bereits dargelegt wurde, bleibt es aber nicht nur bei reinen Online-Aktivitäten. Die verschwimmende Grenze zwischen Online- und Offline-Kultur wird besonders deutlich durch Ereignisse wie den Protesten in Charlottesville 2017 oder den in Deutschland regelmäßig stattfindenden Pegida Demonstrationen, die ursprünglich in einer Facebookgruppe geplant wurden.

Das Internet ist mittlerweile zum wichtigsten Instrument von RechtsextremistInnen geworden, um rechtsgerichtete Propaganda, Narrative und Verschwörungstheorien zu verbreiten und den politischen Diskurs zu beeinflussen (vgl. Schmitt/Ernst/Frischlich/Rieger 2017). Dazu passt sich die Neue Rechte an die bereits bestehenden jugendlichen Subkulturen an. Rechtsextreme Inhalte werden unter einem popkulturellen und humoristischen Deckmantel verbreitet, wie beispielsweise Memes aus der Gaming- und Filmwelt, Emoticons oder Symbole (siehe Abb. 1-3) (vgl. Valjent et al. 2013).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: White Power Symbol

Quelle: https://www.splcenter.org/ hatewatch/2018/09/18/ok-sign-white-power-symbol-or-just-right-wing-troll

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: NPCs (Non-Player-Characters)

Quelle: http://freerepublic.com/ focus/fnews/3698476/posts?q=1&;page=21

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Rote und blaue Pille aus dem Film Matrix

Quelle: https://www.belltower.news/ rechte-cyberkultur-red-pill-und-blue-pill-was-ist-das-83975/

Im Folgenden sollen die wesentlichen Theorien der Neuen Rechten kurz erläutert werden.

Ethnopluralismus

Der Ethnopluralismus ist das wohl bekannteste Theoriekonzept der Neuen Rechten. Der Begriff setzt sich aus dem griechischen „ethnos“ (Volk) und dem lateinischen „pluralis“ (Mehrzahl) zusammen und propagiert eine „Völkervielfalt“. Was sich erst mal positiv anhört, ist eigentlich nur ein Versuch, Rassismus neu verpackt zu legitimieren. EthnopluralistInnen sind davon überzeugt, dass alle Völker eine kulturelle Identität besitzen, die vor fremden Einflüssen beschützt werden muss. Je homogener eine Nation ist, desto besser und stärker ist sie auch. Der Ethnopluralismus stützt sich darauf, dass es aufgrund kultureller, geografischer, religiöser oder anderer Einflussfaktoren grundlegende Unterschiede zwischen Ethnien gibt. Eine Hegemonie der eigenen Ethnie wird dabei nicht ausdrücklich propagiert (vgl. Belltower 2008).

Der Bevölkerungsaustausch

The Great Replacement (Der große Austausch) ist eine neurechte Verschwörungstheorie, nach der auch der Attentäter von Christchurch sein Manifest benannte (vgl. ZEIT ONLINE 2019a). Hauptsächlich ist damit der vermeintlich geheime Plan gemeint, nach dem die weiße Mehrheitsbevölkerungen gegen muslimische oder nicht-weiße Einwanderer ausgetauscht werden soll. Nach Ansicht der Neuen Rechten stünden dahinter etwa „die Globalisten“, „die Eliten“, „die Wirtschaft“, „die Juden“, „Multikulturalismus“ oder auch Institutionen wie die Europäische Union oder die Vereinten Nationen. Mit der Behauptung des Identitäts- und Kulturverlusts der europäischen Staaten aufgrund von Einwanderung knüpft die Theorie direkt an den Ethnopluralismus an. Im deutschen Kontext wurde der Begriff beziehungsweise die Theorie anfangs von Protagonisten der Identitären Bewegung wie Martin Sellner und Martin Lichtmesz bekannt gemacht (vgl. Belltower 2017). AfD Fraktionschef Alexander Gauland warnte auf einem Parteitag der AfD 2018 ebenfalls vor einem Bevölkerungsaustausch (vgl. Sternberg 2018). Zuweilen werden auch die Themen Homosexualität, Hedonismus und Abtreibung in die Debatte einbezogen, da sie Teil der Strategie seien, den großen Austausch bewusst herbeizuführen (vgl. Botsch 2014).

Red Pilling

Der häufig von der Neuen Rechten gebrauchte Ausdruck Red Pilling (jemandem die rote Pille verabreichen) beruht auf einem berühmten Zitat des Films The Matrix (siehe Abb. 3).

„You take the blue pill—the story ends, you wake up in your bed and believe whatever you want to believe. You take the red pill—you stay in Wonderland, and I show you how deep the rabbit hole goes. Remember: all I'm offering is the truth. Nothing more.“ (Lana/Lilly Wachowski 1999: 00:29:05-00:29:19).

[...]


1 Memes sind Internetphänomene: meist Bilder, aber auch Videos oder Texte und Tondateien, die im Netz weit verbreitet sind. Dabei handelt es sich um ein Kommunikationsmittel, mit dem Nutzer auf Aussagen anderer User reagieren können. Memes sind meistens humoristisch gehalten, in diesem Kontext aber oft mit anti-semitischen, rassistischen und allgemeinen Hassbotschaften belegt.

2 Internet-Trolle organisieren Shitstorms gegen ihre Gegner und fluten die sozialen Netzwerke mittels Fake-Accounts mit beleidigenden Bildern oder Hashtags, um eine Diskursverschiebung nach rechts voranzutreiben (https://www.tagesschau.de/faktenfinder/inland/manipulation-wahlkampf-101.html).

3 Man spricht von Hate Speech, zu Deutsch Hassrede, wenn Menschen im Internet abgewertet, angegriffen oder wenn gegen sie zu Hass oder Gewalt aufgerufen wird. Hate Speech beinhaltet oft rassistische, antisemitische oder sexistische Kommentare.

4 Cyber-Angriffe sind von außen initiierte, gezielte Angriffe auf Rechnernetzwerke, die für eine spezifische Infrastruktur wichtig sind. Ein Beispiel im Zusammenhang mit Rechtsextremismus ist, dass im März 2016 Drucker überall in den USA anfingen, fremdgesteuert Neonazi-Flyer auszudrucken.

5 Weißer Suprematismus bedeutet in diesem Kontext, die rassistische Ideologie der weißen Vorherrschaft zu unterstützen.

6 Die Pro-Bewegung war ein Zusammenschluss aus Parteien, Wählervereinigungen und Vereinen in Deutschland, die als rechtsextrem und verfassungsfeindlich einordnet wurden. Eine zentrale Organisation war die Kleinstpartei pro NRW, welche mittlerweile in einen Verein konvertiert wurde.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Online-Radikalismus. Die Bedeutung sozialer Medien für die Radikalisierung durch Rechtsextremisten
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
52
Katalognummer
V1007919
ISBN (eBook)
9783346395962
ISBN (Buch)
9783346395979
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechtextremismus, Rechtsterrorismus, Extremismus, Radikalisierung, Rechtsradikalismus, Soziale Medien, Online-Radikalismus, Rechte im Internet, Identitäre Bewegung, Alt Right
Arbeit zitieren
Rahel Kramer (Autor:in), 2020, Online-Radikalismus. Die Bedeutung sozialer Medien für die Radikalisierung durch Rechtsextremisten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1007919

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