Essstörungen. Wie können sie solide diagnostiziert werden?


Hausarbeit, 2018

21 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Formen von Essstörungen
2.1.1 Anorexia nervosa und atypische Anorexia nervosa
2.1.2 Bulimia nervosa und atypische Bulimia nervosa
2.1.3 Binge-Eating-Störung
2.1.4 Essattacken und Erbrechen bei anderen psychischen Störungen
2.1.5 Sonstige Essstörungen
2.2 Ursachen für Essstörungen
2.2.1 Gesellschaftliche Faktoren
2.2.2 Diäten
2.2.3 Individuelle Risikofaktoren
2.2.4 Lernerfahrungen
2.2.5 Familiäre Faktoren
2.2.6 Belastende und traumatische Erlebnisse

3 Diagnostik

4 Diskussion

5 Methoden

6 Ergebnisse

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zusammenfassung

ln dieser Projektarbeit wird das Thema Essstörungen und deren Diagnostik ausführlich betrachtet. Für eine solide Diagnostik dieser Störungsbilder sind eine ausführliche Anamnese der Betroffenen, gute Kenntnisse über diese Erkrankungen sowie mögliche Ursachen der Entstehung von enormer Bedeutung. Daher wird hier besonders auf die Ursachen und die gesellschaftlichen Probleme eingegangen, um die Brisanz, aber auch die besondere Herausforderung der Diagnostik von Essstörungen zu verdeutlichen. Es wird der gesellschaftliche Umgang mit dem momentan vorherrschenden Bild der Frau und dem Schönheitsideal diskutiert, da dies aus meiner Sicht einer der Hauptgründe für Essstörungen ist, von denen überwiegend junge Mädchen und Frauen betroffen sind.

1 Einleitung

Um Essstörungen richtig diagnostizieren zu können, ist es enorm wichtig, sich im Vorfeld mit der Entstehung, den bestehenden verschiedenen Formen der Erkrankung sowie den Ursachen und Symptomen intensiv auseinanderzusetzen. Zimbardo schreibt bereits hierzu 1995, dass die Zahl der Essstörungen und besonders die Syndrome „Anorexia nervosa“1 und „Bulimia nervosa“2 enorm ansteigen. Hierzu steht in seinem Buch, dass die Essstörungen nur die Spitze des Eisberges sind und sich vielmehr tieferliegende emotionale Konflikte hinter dem Essverhalten verbergen. Aus diesem Grund sei bei diesen Krankheitsbildern immer eine medizinische, aber auch psychologische Betreuung von sehr großer Bedeutung.

Holling und Schlack (2018) bezogen sich im Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz auf die Ergebnisse der „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS-Basiserhebung, Welle 1 2003-2006), welche vom Robert-Koch Institut im Auftrag des Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung, Bundesministerium für Bildung und Forschung durchgeführt wurde. Hier wurden Krankheiten, Unfallverletzungen, gesundheitliche Lage, Befinden, Lebensqualität, Inanspruchnahme medizinischer Leistungen bei Kindern und Jugendlichen von der Geburt bis zum 18 Lebensjahr untersucht. Laut dieser Studie zeigen bereits 21,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von 11-17 Jahren Symptome von Essstörungen. Bei den Mädchen liegt der Anteil bei 28,9%. Sie sind daher hochsignifikant häufiger betroffen als Jungen. Bei den männlichen Heranwachsenden liegt der prozentuale Anteil bei 15,2 Prozent.

Laut ICD-10 (2010) treten diese Syndrome überwiegend im Jugendalter auf. Am häufigsten sind heranwachsende Mädchen und junge Frauen von dieser Störung betroffen. Heranwachsende Jungen, junge Männer sowie ältere Frauen sind weniger anfällig für Essstörungen. Mögliche Ursachen sind noch wenig erforscht, jedoch sind soziokulturelle und biologische Faktoren und Vulnerabilität der Persönlichkeit mit ausschlaggebend für eine mögliche Erkrankung.

Dies verdeutlicht die Brisanz von Essstörungen, die in verschiedensten Formen und Ausprägungen auftreten können. In den nachfolgenden Ausführungen wird ein Überblick über die Krankheitsbilder und vor allem den sehr vielfältigen möglichen Ursachen gegeben. Es wird angestrebt, besonders den gesellschaftlichen Kontext näher zu betrachten. Da dieser, meiner Auffassung nach, der Hauptverursacher dieses gesundheitlichen Risikos ist, an dem immer mehr, vor allem junge Mädchen und Frauen, erkranken. Anhand der Informationen soll verdeutlicht werden, wie schwer die Diagnostik der verschiedenen Formen von Essstörungen ist. Welchen enormen Problemen mögliche Behandlungen unterliegen, da das Verständnis für diese Krankheit von dem gesellschaftlich vorherrschenden Schönheitsideal und dem Schlankheitswahn überstrahlt wird, wird in dieser Arbeit deutlich. Es wird hier nicht näher auf mögliche Therapieansätze eingegangen, jedoch verdeutlicht dies die Diskussion zu dem Thema.

Die vielfältigsten Ursachen für die Entstehung dieser Störungsbilder verhindern sehr oft, dass die Betroffenen u.a. in der Lage sind, ihre Erkrankung zu erkennen. Selbst wenn eine Eigenerkenntnis vorliegt, suchen die Betroffenen erst Hilfe, wenn der Leidensdruck ins Unermessliche gestiegen ist. Sie wollen sich vielfach nicht selbst entblößen und somit offenbaren, dass sie es nicht schaffen dem Schönheitsideal zu entsprechen (Boskind-White & White, 1991).

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Formen von Essstörungen

Es wird in verschiedene Formen von Essstörungen unterschieden. Im ICD-10 (2010) wurde in die Klassifikationen Anorexia nervosa, atypische Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, atypische Bulimia nervosa, Essattacken bei anderen psychischen Störungen, Erbrechen bei anderen psychischen Störungen, sonstige Essstörungen und in nicht näher bezeichnete Essstörungen untergliedert. Schweigerund Sipos (2018) führen zusätzlich u.a. noch die Binge-Ea- ting-Störung nach der DSM3 Klassifizierung auf, an der laut ihrer Aussage ebenfalls bis zu 5% Frauen erkranken sollen. Nachfolgend werden die unterschiedlichen Störungsbilder näher erläutert, um mögliche Diagnosetechniken zu eruieren und im Anschluss über deren Vor- und Nachteile diskutieren zu können.

2.1.1 Anorexia nervosa und atypischeAnorexia nervosa

Diese Störungen zeichnen sich vor allem durch Hungern und exzessiver sportlicher Betätigung aus. Besonderheit dieser Krankheit ist die Tatsache, dass sehr viele an Magersucht Erkrankte an den Folgen des Hungerns versterben. Obwohl der Missbrauch von Abführmitteln, Erbrechen oder die Zuführung anderer Medikamente bei der ursprünglichen klassischen Magersucht nicht stattfindet, darf diese Störung keinesfalls unterschätzt werden (Gerlinghoff & Backmund, 2000).

Ein weiteres Merkmal bei Frauen ist die Amenorrhö4 und bei allen Betroffenen das geringe Körpergewicht, welches sich durch die ständige Abnahme zu einem lebensbedrohlichen Untergewicht (wie bereits erwähnt) entwickeln kann. Die eigene Wahrnehmungsverzerrung ihres Körpers und die große Angst vor Gewichtszunahme verhindern, dass diese Personen ihre gefährliche Gewichtsabnahme selbst erkennen und gegensteuern können. Zudem besteht ein übertriebener Einfluss des Gewichtes auf die Selbstbewertung, welches wiederum die Verleugnung der Krankheit begünstigt.

Die atypische Anorexia nervosa unterscheidet sich von derAnorexia nervosa lediglich durch das Fehlen der Amenorrhö und dem Vorhandensein von Normalgewicht. Alle anderen Kriterien sind in gleichem Maße vorhanden. Diese Kategorie wird nicht für anorexieähnliche Essstörungen verwendet, die auf andere körperliche Krankheiten zurückzuführen sind (ICD- 10,2010).

2.1.2 Bulimia nervosa und atypische Bulimia nervosa

Im Gegensatz zur Anorexie kommt es bei der Bulimie zu Essanfällen mit gegensteuernden Maßnahmen wie z.B. Erbrechen. Diese Störung wird auch häufig als „Ess-Brech-Sucht“ bezeichnet. Überdurchschnittliche sportliche Betätigung, der Gebrauch von Abführmitteln oder Hungern kennzeichnen ebenfalls dieses Krankheitsbild (Reich & Kröger, 2015). Die Patienten beschäftigen sich ununterbrochen mit Essen und unterliegen einer unwiderstehlichen Gier nach Nahrungsmitteln. Sie erliegen dann Essattacken, wobei enorme Mengen an Nahrungsmitteln in sehr kurzer Zeit konsumiert werden und im Nachgang durch Erbrechen oder Abführmittel wieder abgeführt werden. Sie versuchen auf diese und durch zwischenzeitliche Hungerperioden der Gewichtszunahme entgegenzuwirken. Oftmals werden zur Gewichtsregulierung Appetitzügler oder auch Schilddrüsenmedikamente verwendet (ICD-10, 2010).

Laut der ICD-10 (2010) kennzeichnet die atypische Bulimia nervosa Patienten, bei denen nicht alle Symptome der Bulimie auftreten. Diese sind meist normal- oder übergewichtig. Jedoch zeigen sie ebenfalls die typischen Essanfälle mit anschließendem Erbrechen. Bulimie mit Normalgewicht wird oft als Bezeichnung für die atypische Bulimia nervosa verwendet.

2.1.3 Binge-Eating-Störung

Gerlinghoff und Backmund (2000) charakterisieren als Symptome dieses Krankheitsbildes durch die wiederholten Episoden von Heißhungerattacken. Diese treten gemeinsam mit anderen Symptomen auf. Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl, wesentlich schnelleres essen als normal, das Zuführen großer Nahrungsmengen, obwohl kein Hungergefühl vorhanden ist oder auch essen aus Deprimiertheit zählen zu den häufigsten zusätzlichen Symthomen der Binge-Eating-Störung. Unter diesen Heißhungerattacken, die mindestens an zwei Tagen in der Woche auftreten, leiden die Betroffenen sehr. Sie entwickeln vermehrt Ekel- und Schuldgefühle bezüglich des Essens. Ebenso wie die Bulimie findet diese Essstörung im Verborgenen statt und die Betroffenen suchen sich aus Scham meist erst Hilfe von außen, wenn der Leidensdruck ins Unermessliche ansteigt.

2.1.4 Essattacken und Erbrechen bei anderen psychischen Störungen

Wiederholtes Erbrechen, außer wenn es selbstinduziert ist, kann auch bei anderen Krankheitsbildern wie z.B. bei Dissoziativen oder Hypochondrischen Störungen auftreten. In der Schwangerschaft können emotionale Faktoren ebenfalls zu Essattacken und Brechanfällen führen (ICD-10, 2010). Andere mögliche körperliche oder psychische Ursachen müssen immer im Einzelfall überprüft werden, da diese nicht auszuschließen sind.

Übermäßiges Essen kann als Reaktion auf außergewöhnliche Ereignisse erfolgen. So können Unfälle, Trauerfälle oder emotional belastende Ereignisse der Auslöser für Essattacken sein. Auch längere medikamentöse Behandlungen mit Antidepressiva oder mit schmerzlindernden Medikamenten kann gestörtes Essverhalten hervorrufen. Affektive Symptome mit geringem Schweregrad sind ebenfalls mögliche Auslöser für Essstörungen. Angst, Ruhelosigkeit, aber auch Gereiztheit versuchen betroffene Personen u.a. teilweise mit Essen zu kompensieren bzw. zu unterdrücken (ICD-10, 2010).

2.1.5 Sonstige Essstörungen

Zu den sonstigen Essstörungen zählt u.a. der psychologische Appetitverlust und die nichtorganische Pica bei Erwachsenen (ICD 10,2010). Psychologischer Appetitverlust kann enormen Gewichtsverlust zur Folge haben, was bspw. auf Magersucht schließen lassen könnte. Anders verhält es sich mit nichtorganischer Pica bei Erwachsenen. Bei dieser Störung nehmen die Betroffenen nicht für die Ernährung geeignete Stoffe zu sich. Häufig wird von den Patienten regelmäßig über einen längeren Zeitraum Papier oder Sand gegessen.

Reich und Kröger (2015) zählen zu sonstigen Essstörungen auch das Nachtesser-Syndrom. Die von dieser Störung betroffenen Menschen leiden nach dem Abendessen und in den Nachstunden an Essattacken und nehmen in diesem Zeitraum große Mengen Essen zu sich. Da diese Sucht ebenfalls einen enormen Leidensdruck sowie körperliche Beeinträchtigungen wie Übergewicht hervorrufen kann, besteht auch hier Behandlungsbedarf.

Ob Orthorexie, was ein Verlangen nach gesunder Nehrung bedeutet, zu den Essstörungen zählt, sind sich Reich und Kröger (2015) nicht sicher. Sie bezeichnen diese Einstellung zum Essen ebenfalls als Störung, da sich diese Menschen durch ihre übertriebene Angst etwas Falsches oder Ungesundes zu essen, deutlich einschränken. Sie molarisieren und ideo- logisieren das krankhafte Verlangen nach gesunden Lebensmitteln, entwickeln dadurch teilweise ein ungesundes Ernährungsverhalten, welches zu Mangelerscheinungen und zu negativen gesundheitlichen Schäden führen kann. Typischerweise fehlt diesen Personen die nötige Krankheitseinsicht, was eine Behandlung der Symptome erschwert.

2.2 Ursachen für Essstörungen

Verschiedenste Ursachen können die Auslöserfür Essstörungen sein. Hierzu gibt es die unterschiedlichsten Erklärungsmodelle. Legenbauer und Vocks unterteilen 2005 die Ursachen in gesellschaftliche Faktoren, Diäten, individuelle Risikofaktoren, Lernerfahrungen und familiäre Faktoren ein. Diese Einteilungen finden sich in dieser oder in ähnlicher Form in den verschiedensten Werken und Studien zu diesem Thema wieder. Zur besseren Unterscheidung werden die o.g. Faktoren genauer erläutert.

2.2.1 Gesellschaftliche Faktoren

Zu den aus meiner Sicht bedeutsamsten gesellschaftlichen Faktoren gehört das Bild der Frau. In den Zeitschriften und im Fernsehen wird die ideale Frau als schlank und attraktiv dargestellt. Die Frauen posieren in den Magazinen sehr schlank und figurbetont modisch gekleidet. Laut wissenschaftlichen Untersuchungen wird die extreme Schlankheit in den westlichen Industrienationen sehr geschätzt (Boskind-White & White, 1991). Betrachtet man die Fernsehshows wie „das Supermodel“ oder auch Modells der heutigen Zeit, hat sich meiner Überzeugung nach, das extreme Schlankheitsideal noch weiter verschärft.

Das andere Extrem, so Langsdroff (2005) ist die männlich orientierte Gesellschaft. In dieser patriarchalisch, also von den Normen und Werten der Männer geprägten Gesellschaft hat die Weiblichkeit einen fraglichen Stellenwert. Sie wird oft als schwach, schutzbedürftig und psychisch minderwertig dargestellt. Frauen, die sich in dieser Gesellschaft behaupten wollen, sind gezwungen, ihre Weiblichkeit zu verbergen und maskuliner aufzutreten. Um diesen männlichen Idealen zu entsprechen, bemühen sich diese Frauen durch extreme Schlankheit dieweiblichen Körperformen zu unterdrücken sowie den Kleidungsstil anzupassen.

Zeeck (2008) sieht es als eine der Ursachen von Essstörungen die Bedeutung des Essens in der menschlichen Gesellschaft an. Essen gilt als Grundbedürfnis, ohne das wir nicht überleben könnten. Aus diesem Grund entwickelten sich kulturabhängig die verschiedensten Rituale rund ums Essen. Häufig ist es Sitte sowie eine Form von Gastfreundschaft seine Gäste umfangreich zu bewirten. Diese wird durch die Gäste erwidert, indem sie das Essen nicht ablehnen. Bei Festlichkeiten ist ausgiebiges Essen oftmals ein wesentlicher Bestandteil und die Familie trifft sich regelmäßig beim gemeinsamen Essen zum familiären Informationsaustausch. Diese Rituale bilden in unserem sozialen Alltag einen festen Bestandteil. Je nach Kultur kann dies zu einer übermäßigen Nahrungszufuhr führen, Gewichtszunahme auslösen, die jedoch dann nicht mehr dem gesellschaftlichen Bild einer schönen Frau entspricht.

2.2.2 Diäten

Diäten gelten als häufiger Risikofaktor für gestörtes Essverhalten. Oftmals sind Diäten der Beginn und Auslöser von Essstörungen. Laut Legenbauer und Vocks (2005) wurde in verschiedenen Studien bewiesen, dass Diäten das natürliche Hunger- und Sättigungsgefühl nachteilig verändern. Durch kalorienarme Kost in geringen Mengen und längeren Nicht-EssenZeiten gerät das Gleichgewicht für eine ausgewogene Ernährung ins Wanken. Dem Körper werden über längere Zeit bestimmte Nährstoffe und Vitamine vorenthalten, welches sich nach kurzer Zeit durch Heißhunger zeigt. Zusätzlich führt der ernährungsbedingte Mangel zu „seelischem Hunger“, da die Personen sich auch Süßes und Speisen verbieten, die mit positiven Gefühlen assoziiert werden. Dieser Mangel löst zudem noch psychischen Stress aus, der nach einer gewissen Zeit sehr häufig mit übermäßigem ungesunden fetten und süßem Essen gestillt wird.

Dies ist der Einstieg in einen Teufelskreis, der von immer neuen Diäten mit Rückfällen sowie Gewichtszunahme geprägt ist. Als Folge tritt ein sogenannter „Jo-Jo-Effekt“ fast regelmäßig auf. Nach der Gewichtsabnahme und Beendigung oder Unterbrechung der Diät wird wieder normal gegessen. Der Körper speichert die wieder in ausreichender Menge zugeführten Nahrungsmittel und lagert die Nährstoffe vorsorglich als Reserve für mögliche zukünftige Hungerperioden ein. Das hat erneute Gewichtszunahme zur Folge. Dabei erhöht sich das Gewicht nach jeder Diät weiter und man wiegt als Folge mehr als vor der Diät. Wird dieser Kreislauf nicht durchbrochen, kann man an krankhaftem Übergewicht oder Essstörungen chronisch erkranken.

Die betroffenen Personen befinden sich im Zwiespalt mit der gewünschten Idealfigur, dem Appetit aufs Essen und gleichzeitig der Angst vor dem Zunehmen. Daraus kann sich eine dauerhafte Unzufriedenheit mit dem Körper, sowie auch eine Abwertung des Selbstwertgefühls hervorrufen (Legenbauer & Vocks, 2005).

2.2.3 Individuelle Risikofaktoren

Mit individuellen Risikofaktoren sind nicht nur die Eigenschaften nach dem Fünf-Faktoren-Mo- dell Big Five gemeint. Dieses Modell unterscheidet verschiedene Persönlichkeitsmerkmale, die bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt sind. Personen mit einer hohen Ausprägung zum Neurotizismus könnten auf Grund ihrer Unsicherheit und der Neigung sich schnell Sorgen zu machen stärker gefährdet sein als andere Personen.

Ausschlaggebend sind nach Auffassung von Reich und Kröger (2015) u.a. gestörte Selbstwertgefühle, die zu einer Unzufriedenheit mit dem Körper führen kann, da sich die Betroffenen sehr stark an den Schönheitsidealen der Medien orientieren. Möglicher vorhandener Perfektionismus löst zusätzlich innere Spannungen aus, weil das Schönheitsideal mit den durchgeführten Versuchen abzunehmen nicht erreicht wurde. Dies bietet den Nährboden für den Beginn von Essstörungen.

Jedoch dürfen auch die Pubertät und Adoleszenz als mögliche Ursache nicht außer Acht gelassen werden. Es kommt in dem Alter zwischen 12 und 20 Jahren zu gravierenden körperlichen, sozialen und seelischen Veränderungen. Die können den Heranwachsenden große Probleme bereiten. In diesem Lebensabschnitt leiden viele Kinder und Jugendliche unter einer Körperunsicherheit (Reich & Kröger, 2015).

2.2.4 Lernerfahrungen

Viele Betroffene berichten, dass sie bereits in den Herkunftsfamilien mit den Schlankheitsund Gesundheitsidealen konfrontiert wurden. Sie haben nach Meinung von Legenbauer und Vocks (2005) bereits in der Kindheit gelernt, dass die äußere Erscheinung von sehr großer Bedeutung ist. Persönliches Befinden und die Belange der Kinder sind eher zweitrangig. Paradox istjedoch, dass in diesen Familien häufig Essen nicht bedürfnisorientiertzu sich genommen wird, sondern eher als Ablenkung, Belohnung oder zur Entspannung erfolgt. In diesem Zwiespalt fühlen sich die Kinder dann oft allein gelassen, übernehmen jedoch oftmals diese Essgewohnheiten und beginnen zeitig mit Diäten, die den Einstieg in die Essstörungen begünstigen.

2.2.5 Familiäre Faktoren

Gerlinghoff und Backmund (2000) vertreten die Auffassung, dass überwiegend Essstörungen bei Personen mit sogenannten normalen Elternhäusern auftreten. Die Familien der betroffenen Kinder und Jugendlichen seien ganz normale Mittelstandsfamilien, die auf Einhaltung von Normen, Pflichterfüllung und Anstand u.a. sehr großen Wert legen. Sie seien bestrebt gesellschaftlich nicht aufzufallen und legen großen Wert auf Bildung, Leistung sowie Pflichterfüllung. Oftmals sind diese Familienbilder durch klare Hierarchien geprägt. Die Eltern arbeiten hart, um das Wohlergehen und die Entwicklung der Kinder abzusichern und erwarten deshalb von diesen guten Leistungen und ein für die Gesellschaft angemessenes Verhalten. Die Familien sind häufig von Kontrolle und Konfliktvermeidung geprägt.

Oftmals, so Gerlinghoff und Backmund (2000), bleiben die Gefühle und Bedürfnisse dieser Kinder und Jugendlichen unberücksichtigt. Sie fühlen sich meist einsam oder unverstanden. Durch diesen Druck können sich vielfach Essstörungen entwickeln, da diese Heranwachsenden auch zu einer hohen Selbstdisziplin, Selbstkontrolle und dem Unterdrücken von Gefühlen erzogen werden. Es ist nicht selten, dass dieser Druck sowie Probleme wie bspw. Kummer oderAngst mit Essen kompensiert werden.

[...]


1 Anorexia nervosa (Anorexie / Magersucht) ist charakterisiert durch selbstherbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust

2 Bulimia nervosa (Bulimie) ist charakterisiert durch wiederholte Anfälle von Heißhunger (Essattacken) und übertriebener Gewichtskontrolle

3 DSM Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders = diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen wird in den USA verwendet

4 Amenorrhö bezeichnet das Ausbleiben der Menstruation

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Essstörungen. Wie können sie solide diagnostiziert werden?
Hochschule
Private Fachhochschule Göttingen
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
21
Katalognummer
V1010712
ISBN (eBook)
9783346400826
ISBN (Buch)
9783346400833
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Essstörungen, Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Binge-Eating-Störung, Essattacken und Erbrechen
Arbeit zitieren
Andrea Anders (Autor:in), 2018, Essstörungen. Wie können sie solide diagnostiziert werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1010712

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