Der Schriftsteller Charles Baudelaire und die Moderne


Hausarbeit, 2001
19 Seiten

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Gliederung

1. Einleitung

2. Der Begriff „modern“ wie Baudelaire ihn vorfand
2.1. „Modern“ als Abgrenzung der Aktualität von der Vergangenheit
2.2. „Modern“ als Synonym für „neumodisch“

3. Baudelaires Wahrnehmung der modernen Gesellschaft
3.1. Die Moderne als „Katastrophe in Permanenz“
3.1.1. Missstände in der Gesellschaft
3.1.2. Endzeitstimmung / Pessimismus
3.1.3. Baudelaires Einstellung zum Fortschritt
3.2. Die Großstadt als Kulisse
3.2.1. Beschreibung der Großstadt und der Natur
3.2.2. Darstellung der Masse
3.2.3. Momentwahrnehmung

4. Arbeitsweisen Baudelaires
4.1. Angestrebte Leserreaktionen
4.1.1. Schockeffekt
4.1.2. Provokation
4.2. „Trouver du nouveau“
4.3. Entfernung vom Realismus
4.3.1. Baudelaires Auffassung von Fantasie
4.3.2. Einige typische Stilmittel
4.4. Melodie der Sprache

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Der französische Poet Charles Baudelaire wird gerne und immer wieder als „Dichter der Mo- dernität“ bzw. „Dichter des modernen Lebens“ dargestellt1. Außerdem wird hervorgehoben, dass er es sich zum Ziel gesetzt habe, „dem vielbenutzten und vieldeutigen Wort „modern“ einen neuen, unmissverständlichen Sinn zu geben [..., also] die „modernité“ als Auftrag an den Künstler ansah.“2 Gegenstand dieser Arbeit soll es nun sein zu untersuchen, ob bzw. wie und mit welchen Mitteln Baudelaire es geschafft hat, diesen an sich selbst gestellten Ansprüchen gerecht zu werden. Gleichzeitig wird so überprüft, ob es gerechtfertigt ist, den Künstler als „Dichter der Modernität“ zu bezeichnen bzw. was seine Modernität ausmacht.

Vor diesem Hintergrund wird erst kurz auf die Definition des Wortes „modern“ eingegangen, mit der Baudelaire sich in seiner Zeit konfrontiert sah, um so klar zu machen, in wieweit der Schriftsteller Neuerungen brachte. Aus eben diesem Grund wird auch immer wieder auf Unterschiede seiner Lyrik im Gegensatz zu der früherer Dichter eingegangen.

Im dritten Teil befasst sich die Arbeit mit der Art und Weise wie der Schriftsteller die Gesell- schaft seiner Zeit wahrnahm, was er daran kritisierte und wie er versuchte mit seinen Werken Einfluss zu nehmen. Baudelaire zeichnet sich als Dichter dadurch aus, dass er den Mut hat in den Zeiten des modernen Fortschritts auch den Mut findet auf Mängel und Verluste hinzuwei- sen. Im Abschnitt 4 dieser Arbeit wird untersucht mit welchen konkreten Mitteln Baudelaire Neuerungen gebracht hat und wie er versuchte die an sich selbst gestellten Aufgaben umzu- setzen.

Da so gut wie jede Arbeit und Niederschrift des Künstlers Relevantes ür diese Arbeit enthält musste die Themenauswahl beschränkt werden. Auch könnten die einzelnen Themenblöcke und Unterpunkte sicherlich noch vertieft werden doch würde dies den gesetzten Rahmen sprengen. So enthalten Baudelaires Verhältnis zum Christentum sowie zum Satanismus si- cherlich viele Aspekte, die zur Verdeutlichung der Modernität seiner Gedankengänge beitra- gen könnten, jedoch wurde dieses Themengebiet ausgeklammert da bereits im Teil 1 dieser Gemeinschaftsarbeit darauf eingegangen wird. Ebenso verhält es sich mit der Kunstkritik des französischen Schriftstellers und seiner neu gefundenen Definition von Schönheit (Siehe hier- zu Teil 3 der Gemeinschaftsarbeit). Diese Definition enthält in jedem Fall viele Aspekte, die auch für das Verständnis seiner Auffassung von Modernität wichtig wären. Außerdem wurde darauf verzichtet, jedes verarbeitete oder zitierte Gedicht innerhalb der Arbeit abzudrucken, einsehbar ist die relevante Lyrik im Einzelnen im Literaturverzeichnis bzw. im Anhang.

2. Der Begriff „modern“, wie Baudelaire in vorfand

Zur Zeit Baudelaires war der Begriff „modern“ in zwei unterschiedliche Richtungen festgelegt. Das machte es schwierig mit dem Wort umzugehen und es war nicht kein leichter Versuch diesem unklaren Begriff eine neue, klare gefasste Bedeutung zu geben.

2.1. „Modern“ als Abgrenzung der Aktualität von der Vergangenheit

Die erste Bedeutung des Wortes bestand schon seit mehr als 1500 Jahren, nämlich seit dem Ende der Antike. Diesem Sinne nach hob der Begriff „modern“ vor allem den Gegensatz zwischen dem neu entstehenden, also dem Modernen und dem Alten, dem Abzulösenden her- vor. Es war wichtig das Heute, Zeitgenössische gegenüber früheren, unvollkommeneren Zei- ten abzugrenzen. Diese waren vergangen und man wollte erkennbar machen, dass es dem mo- dernen Mensch gelungen war sich mit Hilfe des Fortschritts zum Positiven weiter zu entwi- ckeln. Es wurden allerdings auch gegenteilige Ansichten vertreten, so sprachen auch einige davon, dass die modernen Menschen sich zurück entwickelt hätten gegenüber besseren Zei- ten. Friedrich Nietzsche war beispielsweise der Meinung „Jetzt [sei] nur eine Art von Ernst in der modernen Seele übriggeblieben, er gilt den Nachrichten, welche die Zeitung oder der Telegraph bringt.“3

Im Zusammenhang dieser etwas vagen und weitläufigen Begriffsbestimmung wurde das Heute sehr weit gefasst. So zählte man zum Heute „alle und alles mindestens seit dem Ende des Mittelalters und dem Aufgang der neuen zeit, der modern ages, und wenn es überhaupt einen dem Heute näherliegenden Zeitraum meinte, dann war das Zeitgenössische im allergemeinsten Sinne gemeint.“ Was wichtig war, war hauptsächlich die Abgrenzung von „Modernem“ gegenüber Vergangenem, Überholtem.

2.2. „Modern“ als Synonym für neumodisch

Das andere existierende Verständnis des Begriffes „modern“, brachte ihn viel mehr mit Mode, also Wechselhaftigkeit und Vergänglichkeit in Verbindung. Anstatt Adjektive wie neumo- disch oder modisch zu benutzen verwandte man den Begriff „modern“ um zu betonen, dass das Altmodische von gestern und somit nicht mehr auf der Höhe der Zeit war.

In Verbindung mit dem Glauben dass Fortschritt Verbesserung bedeutet fanden beide Bedeutungsebenen eine gemeinsame Plattform. Beide betonten die Verbesserungsfähigkeit des Gegenwärtigen und glorifizierten somit die Zukunft als Entwicklung zum Besseren.

3. Baudelaires Wahrnehmung der modernen Gesellschaft

3.1. Die Moderne als „Katastrophe in Permanenz“

Baudelaire erfährt die Moderne als „ein langes Herumwirbeln der Menschheit in einem Teu- felskreis, das früher oder später in der Hölle enden wird, [...] als eine Katastrophe in Perma- nenz .“4 Er selbst fühlt sich als Opfer einer pervertierten Gesellschaft und bemerkt gleichzei- tig, dass er nur einer von sehr wenigen ist die Missstände innerhalb der Gesellschaft über- haupt bemerken. So macht er es sich zur Aufgabe, ohne selbst den Gewohnheiten seiner Zeit zu verfallen, auf diese Entwicklungen hinzuweisen. Da seine Mitmenschen nicht wie er unter dem aktuellen gesellschaftlichen Zustand leiden möchte er sie in seinen Gedichten auf das Böse und Schlechte („le Mal“) in ihrem Umfeld aufmerksam machen. Er selbst sieht sich nicht als völlig unbeeinflusst von seiner sozialen Umgebung, doch er hat den Schritt getan diesen schlechten Einfluss zu erkennen, und versucht nun seine Leser mit bestimmten Mittel (beschrieben in Punkt 4) zu sensibilisieren. Dabei hat er wenig Hoffnung auf Erfolg, da die meisten Menschen bereits zu sehr von den schlechten Seiten der Gesellschaft geprägt sind. Dennoch ist es ihm wichtig als moderner Dichter diese Aufgabe zu erfüllen und so spricht er in diesem Zusammenhang sogar von einer „Besessenheit“ dieses „Schicksal“ auf sich zu nehmen.5

3.1.1 MissstÄnde der Gesellschaft

Baudelaire beobachtet zahlreiche Missstände und Fehlentwicklungen in der ihn umgebenden Gesellschaft. Als „Symptome der modernen Zivilisation“ beschreibt er die Preisgabe des ei- genen Selbst und der Seele, den Verlust einer gewollten und dennoch nicht fassbaren Idealität und die Selbstablenkung durch Zerstreuung.6 Er bemerkt, dass die „Seelenkräfte“ der Men- schen, die sich voll und ganz dem Glaube an den Fortschritt verschrieben haben und die Kunst als solche gar nicht mehr gefühlsmäßig aufnehmen können oder wollen, ins Ungleich- gewicht geraten. Sie verlieren die Fähigkeit das Böse und Üble überhaupt noch wahrzuneh- men und damit auch das nötige Verständnis für die Poesie Baudelaires. Ihre Schwächen (Hohlheit, Indifferenz, Langeweile,...) machen ihnen die Aussagen Baudelaires und seine Beobachtungen zum gesellschaftlichen Übel unzugänglich und so bleibt er unverstanden. Ihn trifft das nicht sehr, und so spricht er sogar von einem „aristokratischen Vergnügen zu Missfallen“ und bezeichnet sein Hauptwerk, die Fleurs du Mal, als „Erzeugnis des Hasses“7. Von Leser und sozialem Umfeld missverstanden entspricht er dem Typus eines einsamen Dichters; er führt diesen Begriff jedoch noch weiter als seine Urheber die romantischen Poeten, indem er bewusst ein Spannungsverhältnis zwischen Leser und Werk aufbaut.

In den Schwächen seiner Mitmenschen, zu deren größten er wohl den „Ennui“, also die Lan- geweile zählt, sieht der Künstler eine selbst zerstörerische Kraft auf die er in seinen Texten hinzuweisen versucht. Er möchte mit immer größer Brutalität in seiner Wortwahl beim Leser durch Schockeffekte eine heilsame Wirkung zu erzielen. Er soll zur Vernunft zurückfinden. Trotz alledem meint der Dichter im selben Augenblick zu wissen, dass er viele „heuchlerische Leser“ gar nicht mehr zu erreichen vermag, da sie schon so viele von den negativen Einflüs- sen ihrer Umwelt in sich aufgenommen haben. Mit dieser Schwarzsicht appelliert er aber auch an diejenigen, die noch in der Lage sind seine Kunst zu verstehen und die ebenfalls unter dem aktuellen Weltzustand leiden, sich mit seinen Werken genau auseinander zu setzen.

Auch während des gegen Baudelaire angestrengten Prozesses zeigt sich dieses Unverständnis. So wird er nicht aufgrund seiner analystisch-kritischen Grundhaltung angeklagt, sondern we- gen „Beleidigung der religiösen und der öffentlichen Moral“ und aufgrund seines „groben, das Schamgefühl beleidigenden Realismus“8. Damit wird er nicht als ernstzunehmender poli- tischer Gegner gesehen sondern einfach als Schmierfink hingestellt. Gerade Baudelaire, der sehr viel Wert auf die Entdinglichung seiner Lyrik legt und versucht sich von seiner Fantasie leiten zu lassen wird auf grund eines übertriebenen Realismus angeklagt. (Näheres hierzu in Punkt 4.3.)

3.1.2. Endzeitstimmung /Pessimismus

Baudelaires Blick auf die Gesellschaft seiner Zeit ist geprägt von einem tief verwurzelten Pes- simismus. So lässt es sich leicht erklären, dass ihn immer wieder eine Endzeitstimmung über- kommt. Das Gefühl eines näherrückenden Weltendes thematisierten auch schon die romanti- schen Dichter. Bei ihnen war es jedoch hauptsächlich eine Stimmung, die vertrieben werden konnte wenn man sich beispielsweise an der Natur erfreute. Baudelaire geht dem gegenüber einen ganzen Schritt weiter. Auch er situiert seine Epoche in die Endzeit, malt sich jedoch auch gleichzeitig das Ende genau aus. Die Entwicklungen der Gesellschaft deutet er schon als erste Schritte in Richtung des Untergangs. Seiner Meinung nach ist Dichtung, die der aktuellen gesellschaftlichen Situation entsprechen will, nur dann nachzuvollziehen, wenn sie sich ihre Themen und Vokabeln im Geheimnishaften, Außergewöhnlichen und Dunklen sucht. Hier zeigt sich, wie viel Wert er darauf legt, das Übel in der Gesellschaft möglichst hart und schockierend dazustellen; gerade darum greift er dann auch auf apokalyptische Bilder und Assoziationen als Stilmittel zurück.

Seine Poesie soll die „Stätte [sein], wo die sich selbst entfremdende Seele noch dichten und der Trivialität des Fortschritts entrinnen kann, in den sich die Endzeit verkleidet.“9 Die Lyrik bietet dem Dichter sowie dem verstehenden Leser also die Möglichkeit wieder zu sich selbst zurück zu finden und die gesellschaftlichen Einflüsse wenigstens kurzzeitig zu überwinden. Sie soll einen möglichen Zufluchtsort für die Menschen bieten, die sich nicht von dem Übel in der Welt und dem über alles gesetzten Fortschrittsglauben korrumpieren lassen wollen.

Sein Pessimismus dem aktuellen Weltzustand gegenüber treibt den Poeten dazu im Tod eine Erlösung zu sehen. Seiner Meinung nach ist der Tod ein Endpunkt auf den es zuzusteuern gilt, er sieht ihn als Zufluchtsort vor einer unerträglich gewordenen Wirklichkeit. (Näheres in Punkt 4.2.)

Oft überkommen den Dichter Melancholie und Untergangsstimmung, aber er beginnt nie sich in Resignation zurückzuziehen, sondern glaubt an die Möglichkeiten die ihm seine Gedichte bieten. Auch dann, wenn in seinen Gedanken den letzte Zufluchtsort vor der unerträglich erscheinenden Realität oft nur noch der Tod bietet.

3.1.3 Baudelaires Einstellung zum Fortschritt

Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen stand Baudelaire dem Glauben an die Vorteile des Fortschritts skeptisch gegenüber. Er selbst hat den technischen Fortschritt definiert als „progressive Abnahme der Seele, progressive Herrschaft der Materie“10 und spricht immer wieder von einem selbsterfahrenen „Ekel am Wirklichen“.11 Dieser Ekel bezieht sich zwar nicht nur auf den Fortschritt an sich, sondern auf die ganze Gesellschaft mit ihren Fehlern und Fehlentwicklungen, zeigt jedoch deutlich dass der Autor der Fleurs du Mal sich mit einer Rea- lität konfrontiert sieht, die er mit Hilfe seiner dichterischen Arbeit verändern und durchbre- chen möchte. Außerdem sieht er den Fortschritt als etwas Absurdes an, „da der Mensch, wie es durch den täglichen Augenschein bewiesen wird, immer dem Menschen gleich bleiben, also immer im Zustand der Wildheit leben wird.“12 Bei allem technischen Fortschritt vermisst Baudelaire die Weiterentwicklung der Menschen, der Zivilisation. Er bemerkt das fast jeder seiner Zeitgenossen den Fortschritt anpreist ohne sich selber wirklich weiterzuentwickeln. Baudelaire bemerkt eine starke Spannung zwischen Kunst und Fortschritt und sieht die Ten- denz der Kunst, sich wie die Mode immer den neuesten Trends anzupassen. Dieser Rich- tungsentwicklung versucht er entgegen zu steuern in dem er die Verhaltensweisen der Men- schen seiner Zeit erst genau analysiert, um dann möglichst deutlich und schockierend auf die gesellschaftlichen Missstände und das Übel hinzuweißen. Wichtig bei der dichterischen Me- thode ist es, immer eine Distanz zur Banalität der Wirklichkeit zu wahren. So kann man dann, wenn man die in der Gesellschaft enthaltenen Reizstoffe poetisch wahrgenommen hat, versu- chen in ihnen enthaltenen unbekannte Seiten zu erkennen, um so die Dichtung in eigene, noch nicht da gewesene Richtungen zu lenken. Letztendlich taucht man so in eine Zone voller Ge- heimnisse und Neuigkeiten ein. Baudelaires Meinung nach gelingt es so letztendlich „moder- ne“ Poesie zu veröffentlichen, die unabhängig von aktuellen Trends die Menschen berührt und Geheimnisvolles hervorhebt.

3.2. Die Großstadt als Kulisse

Obwohl Baudelaire der technischen Weiterentwicklung und ihren Folgen sehr kritisch gegen- über stand, so erkannte er doch gleichzeitig den Zusammenhang zwischen Fortschrittlichkeit in der Kunst und in der Technik. Viele der Motive, die seine Gedichte bestimmen, hätte er nicht als neu beobachten, aufgreifen und analysieren können, wenn nicht auch seine gesell- schaftliche Umgebung eben durch diesen technischen Fortschritt geprägt worden wäre. Es ist festzustellen, dass „die Modernität an die Weltstädte gebunden [...war, und ] die technische und die künstlerische Fortschrittlichkeit, wenn auch einander spinnefeind oder ignorierend, sich in den gleichen Zentren“13 ansiedelten.

3.2.1. Beschreibung der Groß stadt und der Natur

Diese fortschrittliche Großstadt, die ihn umgab, nutze Baudelaire nun als Kulisse für seine Gedichte und füllte sie mit Themen des Alltags. Damit machte er bereits einen sehr modernen Schritt, mit dem er sich von der romantischen Lyrik entfernte, die fast ausschließlich die Herrlichkeit der Natur thematisierte.

Beim Autor der Fleurs du Mal gilt die Natur nicht mehr als der Inbegriff der Schönheit, und sie ist auch nicht von einer besonderen Aura umgeben sondern wird schlicht als Materie be- trachtet. Er geht sogar noch weiter und spricht sich für eine Ausschaltung der Natur14 aus, und das zu Gunsten einer rein künstlichen Welt. Die asphaltierten Metropolen sind für den Poeten zwar Orte des Bösen, aber dennoch kann er, um sich von dieser schrecklichen Realität zu ent- fernen, hier seiner Fantasie am besten freien Lauf lassen. Denn hier kann er die bösen Seiten erkennen und in seiner Dichtung auf sie hinweisen und sie verarbeiten. So schreibt er dazu: „La nature est laide et je préfère les monstres de ma fantaisie à la trivialité positive.“15 Baudelaire ist ein sehr guter Beobachter, was wohl auch dazu beigetragen hat, dass er sich in seinen Werken moderneren Themen widmen konnte. Zwar hat er sich beispielsweise mit dem Unglück der Arbeiterklasse, ein sehr aktuelles Thema in seiner Zeit, kaum beschäftigt, weißt allerdings in sehr vielen seiner Gedichte und Prosatexte auf die Not alter oder verwitweter Frauen hin, die in der Gesellschaft an den Rand gedrängt wurden. Er musste nicht nach neuen, möglichst aktuellen Themen suchen, sondern er fand sie durch genaue Beobachtung seiner Umgebung und schrieb so nieder was anderen gar nicht auffiel. So verweißt er häufig auf die- jenigen, die mit der Angst leben müssen bei der Schnelllebigkeit der Gesellschaft nicht mit- halten können, oder die einfach vom Lärm des Verkehrs und der Hektik der Stadt überfordert sind.16

Baudelaire thematisiert auch die schnelle Verwandlung der französischen Hauptstadt Paris zu seiner Zeit durch die Haussmanisation. Er lässt seinen Blick über die Trümmer des alten Pa- ris streifen, auf denen eine ganz neue Metropole zu entstehen scheint und hat immer wieder andere, meist allegorische Assoziationen. So bietet er keine realistische Beschreibung, son- dern vertauscht und vermischt oft gegensätzliche Dinge und zwei Bilder der gleichen Stadt scheinen sich übereinander zu legen. Auch wenn Baudelaires Gedichte die sich neu entwi- ckelnde Industrie noch kaum thematisierten, so hat er doch „einer Ästhetik der industriellen Moderne den Weg bereitet, indem er seine Lyrik nicht mehr auf den nostalgischen Naturbeg- riff der Romantik, sondern auf die zwiespältige Erfahrung der abstrakt gewordenen Welt gründete...“17

3.2.2. Darstellung der Masse

In der Kulisse des großstädischen Paris stellt Baudelaire auch immer wieder Beobachtungen zu den sich schiebenden und drängelnden Menschenmassen an. Er reflektiert das Verhältnis des Einzelnen zu den vielen Menschen in der anonymen Welt der Großstadt. Für ihn als beo- bachtenden Einzelgänger ist es wichtig eine gewisse Distanz gegenüber der großen Menge zu bewahren. Der Dichter steht der Menge als Außenstehender gegenüber, hält beispielsweise durch Ironisierung des Dargestellten immer den nötigen Abstand und setzt sich so mit seiner Umwelt auseinander. So wird es zum Schicksal des Poeten selbst in der Umgebung von so vielen Menschen einsam und alleine zu sein. Was ihm bleibt ist die Reflektion über das Be- trachtete und er kann seine Einsamkeit mit kreativem Schreiben ausfüllen. Genau darin sieht Charles Baudelaire auch die Aufgabe des Dichters. Er muss außen vorbleiben um zur Reflek- tion fähig zu sein und darf nicht mit der Masse verschmelzen. Als „flaneur“ soll er sich den Blick für die Individualität der Menschen bewahren und auch Einzelschicksale wahrnehmen.

Mit dem Vorsatz der Distanz-Wahrung zum Objekt seiner Dichtung setzt sich Baudelaire ganz eindeutig von den früheren Dichtern ab. Für sie war das völlige Eindringen und Eins- werden mit dem Dargestellten ein sehr hohes Ziel. Oft fehlten in ihren Gedichten kritische Töne und sie neigten dazu die ihre natürliche Umwelt zu glorifizieren. Wäre es Baudelaire nicht gelungen sich der Menge gegenüber zu distanzieren, so hätten sehr viele seiner Gedichte nicht entstehen können. Er möchte seine Fähigkeit zur Distanz auch gleichzeitig dazu nutzten in die Menge einzutauchen. Doch verschwindet er nicht und geht in der Anonymität unter, sondern lässt sich bewusst darauf ein um der Möglichkeit nachzugehen sich in andere Men- schen hinein zu versetzten.18

3.2.3. Momentwahrnehmung

Auch der bei Baudelaire sehr ausgeprägte Blick für das flüchtige Vorübergehende wäre nicht entstanden, wenn der Dichter es sich nicht selbst zur Aufgabe gemacht hätte beobachtenden Abstand zu seinen Themen zu halten. Es gelang ihn in seinen Gedichten immer wieder bestimmte Momente festzuhalten, die sonst in der Hektik der Zeit untergingen.

Besonders deutlich wird dies in seinem Gedicht „A une passante“, in dem es ihm gelingt in 14 Versen einen einzigen kurzen Blick zwischen zwei Menschen poetisch zu beschreiben. Die dargestellte Passantin wird vom lyrischen Ich besonders wahrgenommen, da sie mit ihrer eleganten Erscheinung und der aus der Trauer entspringenden Würde (Vers 2-3) im krassen Gegensatz zur lauten und aggressiven Umwelt steht ( beschrieben in Vers 1). Der vergängli- che Moment des kurzen Blickes wird nacheinander fasziniert und resigniert aufgenommen. So ist sich das Ich im Klaren, dass es solch einen Moment nie wieder erleben wird (Vers 12) und das die Schönheit des Augenblicks vergehen wird (Vers 9), ist aber gleichzeitig bewegt und betroffen. Schockartig wird es mit der Situation konfrontiert und lässt sich darauf ein, nur um sich bei weiterem Nachdenken darüber bewusst zu werden, dass es kein Wiedersehen geben wird (was auch durch Kursivdruck des Wortes „jamais“ in Vers 12 betont wird). Hier zeigt sich die Zwiespalt des Dichters, der sich wünscht mit seiner Lyrik in der hässlich gewordenen Welt das Schöne durch Erinnerung und Imagination wiederzugewinnen. Schönheit hat bei Baudelaire immer 2 Seiten: einmal das ewige Schöne, das in jeder Epoche als schön gilt und das vorübergehende Schöne, das beispielsweise abhängig ist von aktuellen modischen Trends. Dieses vergängliche Schöne setzt er mit dem Begriff Modernität gleich als er schreibt: „La modernité, c’est le transitoire, le fugitif, le contingent, la moitié de l’art, dont l’autre moitié est l’éternel et l’immuable.“19 Gleichzeitig betont er aber auch, dass die Kunst sich nicht nur der Mode anpassen, sondern auf Dauerhaftigkeit bedacht sein soll. Diese ist seiner Meinung nach zu erreichen wenn man sich der Vergänglichkeit der Gegenwart bewusst ist. Das durch Poesie aus dem Hässlichen gewonnene Schöne wird ewig schön sein.

4. Arbeitsweisen Baudelaires

Nicht nur in der Wahl der Themen für seine Gedichte, sondern auch mit Umgang mit der Sprache setzte Baudelaire neue Maßstäbe im Gegensatz zu der Poesie vorheriger Dichter. Er war bereit dazu Neues auszuprobieren und wollte nicht in vorgegebenen alt bewährten For- men verharren. Außerdem war er der Meinung, dass die Dichtung seiner Epoche neue Wege suchen musste, um den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen angemessen begegnen und ihrer Rolle gerecht werden zu können. Auch eben diese Rolle der Poesie umgrenzte er neu. Für ihn war es wichtig, dass ein Künstler bereit dazu war Lasten wie Einsamkeit oder Ignoranz auf sich zu nehmen, wenn es ihm dadurch gelinge die Menschen aufzurütteln und auf negative Entwicklungen hinzuweisen. Denn er begreift Kunst als „gestaltschaffende Ver- arbeitung des Zeitschicksals“20.

4.1. Angestrebte Leserreaktionen

4.1.1. Der Schockeffekt

Ein wichtiges Element in Baudelaires Werken, mit dem er immer wieder die Distanz zum Leser neu aufbaut, ist der Schockeffekt. Sehr bewusst legt der Künstler es darauf an, durch unerwartete Bilder und Assoziationen, durch die Wahl provokanter Vokabeln (beispielsweise aus dem Bereich der Hölle) und durch die Verschmelzung von Gegensatzpaaren, den Leser zu verwundern und zu schockieren. Deutlich wird dies beispielsweise in seinem Gedicht „Le Cygne“. Hier spricht er innerhalb eines Gedichtes gleichzeitig von der hochangesehenen, an- tiken Figur der Andromache und einem in der Großstadt verlorenen Schwan. Die beiden Pro- tagonisten werden austauschbar. Während die antike Figur in die modernen Zeiten gedacht wird („Andromache je pense à vous“) und sich so im selben Augenblick die Distanz zur Anti- ke aufhebt, sie das Heroische verliert, scheint der Schwan zu einer mystischen Figur zu wer- den. „Modern“ im Sinne des Künstlers bedeutet hier, „dass der alte Gegensatz Antike- Moderne sich auflöst, dass Antikes als Versatzstück, als Symbol, als Zitat einmontiert wird.“21

Im gleichen Gedicht wird in der Kulisse das mittelalterliche Paris mit dem neuen, hausmanni- sierten vermischt. So zum Beispiel in dem Vers: „...Neue Paläste, Baugerüste, Blöcke, alte Vorstädte, alles wird mir zur Allegorie...“, in dem der Künstler selbst betont wie alles eins zu werden scheint.

Die gezielte Wahl harter und schockierender Worte zeigt sich, um ein Beispiel von vielen aufzugreifen, im Épigraphe der 3. posthumen Auflage der Fleurs du Mal: (hier ausgewählt Strophe 2: Si tu n’as pas fait ta rhétorique / Chez Satan, le rusé doyen, / Jette! Tu n’y comprendrais rein, / Ou tu ne me croirais hystérique.22 ). Hier wird der Leser bereits geschockt, bevor er die eigentliche Lektüre des Gedichtbandes überhaupt begonnen hat. Baudelaire ist schließlich der Meinung in der Poesie sollten „gewisse Scheußlichkeiten, von denen es heißt, man müsse sie verschwiegen und vergessen, [...] zur Sprache gebracht werden, um sowohl die Sittlichkeit als auch das Bewusstsein der Mit- und Nachwelt zu befördern“23. Er macht diese Grundeinstellung zum Gesetz seiner Dichtung und legt es in seinen Schriften sehr darauf an zu schockieren und zu provozieren.

4.1.2. Provokation

Baudelaires Freude an der Provokation zeigt sich beispielsweise im Endgedicht des Zyklus „La Mort“ in den „Fleurs du Mal“. Im Gedicht „Le Voyage“ zeigt er wieder seine Unzufrie- denheit mit der Welt in der er lebt, in dem er eine Gruppe Reisender darstellt, die aufbricht weil sie ihr Leben und ihre Umgebung nicht mehr ertragen kann. Sie steuern mit ihrem Schiff auf ein vermeintlich wunderbares Land zu, was sich dann aber als einfaches Riff entpuppt. Schließlich bleibt ihnen ein letzter Weg zur Erlösung aus dem „Land“ das sie „langweilt“ (Vorletzte Strophe, Vers 2: Ce pays nous ennuie, ô Mort! Appareillons!): der baldige Tod. Die in den Versen enthaltene Absage an die ihn umgebenden, „modernen“ Zeiten, ist nicht nur Ausdruck seiner Weltverzweiflung sondern auch bewusste Provokation. So schreibt er in einen Brief an einen Freund: „Ich habe ein [...] langes Gedicht gemacht, bei dem die Natur und vor allem die Liebhaber des Fortschritts mit den Zähnen knirschen sollen.“24 Er möchte eine Distanz zum Leser aufbauen, fühlt sich völlig unverstanden und degradiert sein Publi- kum immer wieder. Zum Ende seiner Schaffensphase hin macht er nicht einmal mehr einen Unterschied zwischen den Angehörigen verschiedener Gesellschaftsschichten. Das neuentste- hende Paris sieht er als „Zentrum der bêtise universelle“ und hat nur noch Interesse daran, sich an seine Leser zu wenden, wenn er sie verhöhnen kann. In allem anderen sieht er keinen Sinn mehr.25

4.2. „Trouver du nouveau“

Das in 4.1.2. bereits erwähnte Gedicht „Le Voyage“ verdeutlicht auch noch eine andere von Baudelaires künstlerischen Absichten. Das poetische Ensemble ist als Klimax aufgebaut und endet in der letzten Strophe mit einer im Kursivdruck noch besonders hervorgehobenen Phrase, nämlich „trouver du nouveau “ (gesamte Strophe: Verse-nous ton poison qu’il nous réconfronte! / Nous voulons, tant ce feu nous brûle le cerveau, / plonger au fond du gouffre, Enfer ou Ciel, qu’importe? / au fond de l’Inconnu pour trouver du nouveau !) Auf der Flucht vor der zerstörerischen Kraft des Ennui hat man die Hoffnung in der Unbekanntheit des Todes Neues zu entdecken. Die ständige Langeweile des Alltags macht es notwendig nach Neuem zu suchen. Baudelaire entdeckt es immer wieder im Geheimnishaften; und was dem Men- schen wohl am geheimnishaftesten und unergründbarsten scheint ist der Tod. Zwar weiß nie- mand was er bringen mag aber er lockt, denn selbst das unbestimmbare, inhaltslose Leere ist besser als die Flachheit des Wirklichen.

Der Autor der Fleurs du Mal ist nicht auf der Suche nach ideologischen Neuerungen oder be- stimmten neuen Erkenntnissen, sondern einfach nach Neuem, das „in der Verzweiflung des Ennui, der bleiernden Langeweile [...] wegen seines Neuigkeitswertes das Einzig Erquicken- de“26 sein kann. Die moderne Kunst soll Experimente wagen und sich so durch Ausprobieren weiterentwickeln. Dabei wird kein bestimmtes Ziel anvisiert und man will auch nicht wie die Mode versuchen neue Trends im vorhinein zu erkennen, um darauf dann zu spekulieren. In seiner Kunst soll der Weg das Ziel sein und es steht keine hervorgehobene Leitidee über den Entwicklungen.27

4.3. Entfernung vom Realismus

4.3.1. Baudelaires Auffassung von Fantasie

„Die Fantasie zerlegt die ganze Schöpfung; nach Gesetzen, die im tiefsten Seeleninnern ent- springen, sammelt und gliedert sie die [so entstehenden] Teile und erzeugt daraus eine neue Welt.“28 In diesem Satz zeigt sich Baudelaires grundlegende Einschätzung der Fantasie. Für seine Poesie ist sie eine wichtige Vorraussetzung, denn aus ihr zieht er seine Kreativität. Er möchte in seinen Werken die Realität nicht einfach in Worten abbilden, sondern verwandelt sie vielmehr mit Hilfe seines kreativen Potentials in etwas Geheimnisvolles. Dazu zerlegt er gedanklich das real Greifbare erst einmal in unterschiedliche Teile. Wenn er diese dann unter Einbeziehung phantastischer Einflüsse neu zusammensetzt, entsteht eine „neue“ irreale, oft abnormale „Welt“. So gelingt es dem Poeten sich von der „Banalität des Wirklichen“ zu ent- fernen und mit dem Dargestellten zu schockieren. Außerdem möchte Baudelaire mit Hilfe seiner Kunst das Schreckliche zwar darstellen, es aber gleichzeitig durch die Entrealisierung zu etwas Schönem, Geheimnisvollen machen. Hier zeigt sich auch wie viel Wert der Künstler auf Subjektivität gelegt hat. Die Welt ist ihm fremd geworden und durch seine rein subjektive Wahrnehmung wird sie entdinglicht und so in der Fantasie neu gestaltet.

Aus diesen Gründen hat er auch gegen die in seiner Zeit aufkommende Fotographie protes- tiert. Mit ihrer Hilfe gelingt es zwar Momente festzuhalten, sie kann jedoch immer nur vor- dergründiges abbilden und kopieren. Wenn der Dichter in seiner Lyrik bestimmte flüchtige Momente festhält so gibt er ihnen immer noch eine tiefergehende Bedeutung. In einer Zeit, in der es nun möglich wird, Vorübergehendes bildlich festzuhalten, gewinnt die Kunst die ihre Darstellungskraft aus der gegenstandslosen Welt der Fantasie erhält, immer mehr an Bedeu- tung. Deshalb manifestiert sich in Baudelaires Ablehnung der Fotografie gegenüber, seine Überzeugung von der Wichtigkeit des Schaffens aus der kreativen Fantasie heraus. Aus eben dieser Grundeinstellung heraus lehnt er auch das Erstarken der Naturwissenschaften ab, denn er sieht in ihnen eine „Weltverengung“ und befürchtet einen „Verlust des Geheimnisses“29. Seine aus der kreativen Fantasie geschaffene, entdinglichte Kunst nennt er „Surnaturalismus“ und später wird man diesen Begriff noch weiter fassen und von „Surrealismus“ sprechen.

4.3.2. Einige typische Stilmittel

Diese grundsätzliche Entfernung des Künstlers vom Realismus zeigt sich auch in der Wahl der stilistischen Mittel. So ist es typisch für Baudelaire, dass seine Gedichte fast nie eine Ortsangabe enthalten und die in ihnen erwähnten Bilder somit übertragbar sind in andere, auch irreale Kontexte. Noch viel deutlicher drückt sich seiner Grundeinstellung allerdings im häufigen Gebrauch von Synästhesien aus. Indem er die menschlichen Sinne auf eine Weise verknüpft, die rein biologisch kaum möglich wäre, geraten konkrete Wahrnehmungen in den Bereich von fantasievollen Allegorien oder Assoziationen.

Als passendes Stilmittel zum Ausdrücken schwieriger Gefühlslagen und innerer Spannungen entdeckt Baudelaire für sich das Oxymoron. Er verwendet es sehr häufig in seiner Lyrik, was sich schon allein an der Wahl des Titels „Fleurs du Mal“ zeigt. Vor allem in der Romantik wurden Blumen immer mit etwas Schönen in Verbindung gebracht (so z.B. angenehmer Duft, Frühjahr...) und der Autor des Gedichtbandes stellt sie nun direkt auf eine Stufe mit dem Bö- sen.

4.4. Melodie der Sprache

Bei allen Absagen an die Poesie der romantischen Dichter ist ein altes Ziel bei Baudelaire noch vorhanden. Auch er möchte in seiner Lyrik den vollkommenen Vers und die perfekte Strophe erreichen. Jedoch setzt er seine Ansprüche höher an. Durch Steigerung der Gegensät- ze und unnachsichtige Härten möchte er der verbrauchten alten Poetik neue Klangfülle und Schwung verleihen. Außerdem orientiert er sich an der Idee Edgar Allen Poes, die zum Inhalt hat, dass der moderne Dichter versuchen soll die festgelegte Reihenfolge des dichterischen Schaffens um zu drehen. So soll er sich anfangs nicht mehr vom sinnvollen Inhaltes eines Gedichtes führen lassen, sondern soll die Funktion der Mitteilung von der der Klangfülle ab- koppeln. Geht man nun von der Form als Ursprung des Gedichtes aus, so wird man damit beginnen, vor allem auf den Klang der Worte und Vokale zu achten, diese dann nach Klang- feldern zu ordnen, um sie schließlich so zusammenzufügen, dass sie letztendlich einen Sinn ergeben. So entsteht Lyrik dann eher suggestiv, was wiederum ihre Geheimnishaftigkeit ver- stärkt. Theoretisch hat Baudelaire diese Idee für sich weiter gedacht als es ihm gelang sie praktisch in seiner Lyrik um zu setzen. In den Fleurs du Mal gelingt es ihm stellenweise durch Anhäufung von Reimen, durch klangvolle Zusammenstellung von Vokalen und durch vom Ton getragene Verse.

5. Fazit

Betrachtet man zusammenfassend den Inhalt dieser Arbeit so lässt sich feststellen, dass Bau- delaire mit seinen Schriften zahlreiche Neuerungen gebracht hat. Für ihn ist es vor allem wichtig in der Lyrik und auch in seinen theoretischen Werken zur Dichtung neue Wege zu gehen. Er möchte eine Kunst schaffen die der aktuellen Zeit und ihren Entwicklungen entspricht, bei ihnen mithält bzw. gegensteuern kann.

Seine Auffassung von „modern“ ist nicht nur auf der Abgrenzung gegenüber Vergangenem begründet und schon gar nicht auf zyklischem Wechsel wie in der Mode, sondern es gelingt ihm diesem Begriff einen neuen Inhalt zu geben.

Da er der Zustand der ihn ungebenden, modernen Gesellschaft für ihn unerträglich ist, sucht er in seinen Werken nach Möglichkeiten mit dieser Unzufriedenheit umzugehen. Als ihm die herkömmlichen dichterischen Methoden als der Zeit nicht mehr angemessen erschienen expe- rimentiert er mit anderen Darstellungsmethoden. So gelingt es ihm eine neue Art der Analyse seiner Epoche zu entwickeln. Er verwirft alte Schemen und gründet seine Reflektionen auf genaue Beobachtungen. Dabei entwickelt der Dichter einen präzisen Blick für flüchtige Mo- mente und einen Spürsinn für die Atmosphäre seiner Zeit. Hier zeigt sich, dass die Moderne mit ihrem Fortschritt und ihrer neuen Technik für ihn zwar schwer zu ertragen ist, zur glei- chen Zeit allerdings eine gewisse Faszination auf ihn ausübt, die sich in der fantasievollen Umgestaltung der „Banalität des Wirklichen“ zeigt, worin der die Aufgabe der Dichtung sieht.

Baudelaires Auslegungsweise des Wortes „modern“ steuert nicht auf ein bestimmtes, festge- legtes Ziel zu, sondern möchte einfach nur Weiterentwicklung durch experimentieren und ausprobieren. Zu erst einmal ist es ihm wichtig die Dichtung der Zeit anzupassen, um ange- messen auf sie reagieren zu können und um dann die weiteren Entwicklungen voranzutreiben. Vor allem weil sich der Künstler darüber im Klaren ist, dass Schönes das vorrübergehend der Modernität der Zeit entspricht vergänglich ist, möchte er mit seiner Lyrik etwas dauerhaft Schönes entwickeln. Auch wenn er zugibt, sich Einflüssen der Mode seiner Epoche sich nicht ganz entziehen zu können.

In seinen Werken wagt er Experimente, entfernt sich von herkömmlichen Methoden und wird so zu einem Wegbereiter späterer Kunstformen ( z.B. Surrealismus) und inspiriert viele seiner Nachfolger. Es scheint mir berechtigt ihn als einen „modernen“ Dichter zu bezeichnen.

6. Literaturverzeichnis

a) Monographien

Baudelaire, Charles, Curiosités esthétiques, Paris, 1971

Friedrich, Hugo, Die Struktur der modernen Lyrik, Hamburg, 1956

Noyer-Weidner, Alfred (Hrsg.), Baudelaire, Darmstadt, 1976

darin: Benjamin, Walter, Über einige Motive bei Baudelaire (1939 / 1969) Gautier, Théophile, Charles Baudelaire (1868 / 1906)

Nies, Fritz, Der Poet als Flaneur und der „zyklische Charakter der Petitis Poèmes en Prose (1964 / 1971)

Valéry, Paul, Situation de Baudelaire (1930)

Oehler, Dolf, Der Höllensturz der Alten Welt, Frankfurt, 1988

Pfeiffer, Jauss, Gaillard (Hrsg.), Art social und art industriel, München, 1987

darin: Groh, Dieter, Kompensationsmodell - Historismusbegriff - Flaneurtypus Jauss, Hans Robert, Einleitung

Jauss, Hans Robert, Spur und Aura. Bemerkungen zu Walter Benjamins Passagen-Werk Maag, Georg, Zum Rêve parisien

Rincé, Dominique, Baudelaire et la modernité poétique, Paris, 1984 Ross, Werner, Baudelaire und die Moderne, München 1993

b) Lyrik

Baudelaire, Charles, Ausgewählte Gedichte, zweisprachige Ausgabe, deutsch von: Wilhelm Hausenstein, München, 1946

Verarbeitete Gedichte aus diesem Band:

Au Lecteur, S. 6, La destruction S. 24, Correspondances, A une Malabaraise S. 38, Parfum exotique S.40, La vie antérieure S.40, Le beau navire S. 44, A une passante S. 56, La fontaine de sang S. 58, Les femmes damnées S. 58, Le coucher du soleil romantique s. 80, L’albatros S. 90, Les chats S.92, Les petites vieilles 1+3 S.104-107, Le gôut du néant S. 122, La mort des pauvres S. 124

Baudelaire, Charles, Les Fleurs du Mal, Paris, 1961

Verarbeitete Gedichte in diesem Werk:

Abel et Cain S. 144, Les Aveugles S. 102, Bohémiens en voyage S. 21, Brumes et Pluies S. 113, Le

Cygne S. 95, Épigraphe pour un livre condamné S. 117, Horreur sympatique S.83, Rêve parisien S. 113, Le mort joyeux S. 76, Le vin du solitaire S 125, Le voyage S. 155

7. Anhang

ZUR LYRIK BAUDELAIRES

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A une passante

Charles Baudelaire

La rue assourdissante autour de moi hurlait.

Longue, mince, en grand deuil, douleur majestueuse, Une femme passa, d’une main fastueuse Soulevant, balançant le feston et l’ourlet ; Agile et noble, avec sa jambe de statue.

Moi, je buvais, crispé comme un extravagant, Dans son œil livide où germe l’ouragan La douceur qui fascine et le plaisir qui tue.

Un éclair…puis la nuit ! - Fugitive beauté

Dont le regard m’a fait soudainement renaître Ne te verrai-je plus que dans l’éternité

Ailleurs, bien loin d’ici ! Trop tard ! Jamais peut-être ! Car j’ignore où tu fuis, tu ne sais où je vais, Toi que j’eusse aimée, ô toi qui le savais !

[...]


1 Beispielsweise Nies, Fritz, Der Poet als Flaneur u. der „zyklische“ Charakter der Petits Poèmes en Prose in: Noyer-Weidner, Alfred (Hrsg.), Baudelaire, S. 382

2 Ross, Werner, Baudelaire und die Moderne, München 1993, S. 115/116

3 Zit. nach: Ross, a.a.O.., S. 193 f

4 Dolf, Oehler, Der Höllensturz der Alten Welt, Frankfurt 1988, S. 282

5 Vgl. dazu Friedrich, Hugo: Die Struktur der modernen Lyrik, Hamburg, 1956, S. 27

6 Vgl. dazu Friedrich, a.a.O., S. 27

7 Friedrich, a.a.O., S.33

8 Dolf, Oehler, a.a.O., S. 273

9 Friedrich, a.a.O., S. 30/31

10 Zitiert nach Friedrich, a.a.O., S.31 11 Zitiert nach Friedrich, a.a.O., S.39

12 Zitiert nach Ross, a.a.O., S 135

13 Friedrich, a.a.O., S. 196

14 Jauß. Hans Robert, Einleitung , S.13 in: Pfeiffer Jauß, Gaillard (Hrsg.), Art social und art industriel, München 1987

15 Baudelaire, Charles, Curiosités esthétiques, Paris, 1971, S. 320

16 Entsprechende beispielhafte Lyrik angegeben im Literaturverzeichnis

17 Jauß. Hans Robert, Spur und Aura, S.31 in: Pfeiffer, Jauß,(Hrsg.), a.a.O.

18 Beschriebenes Gedicht „A une passante“ im Anhang abgedruckt

19 Baudelaire, a.a.O., S. 467

20 Friedrich, a.a.O., S. 25

21 Ross, a.a.O., S. 145

22 Zitiert nach Oehler, a.a.O., S. 283

23 Oehler, a.a.O., S. 276

24 Zit. Nach Ross, a.a.O., S. 134

25 Hierzu Oehler, a.a.O., S. 287

26 Ross, a.a.O., S. 133

27 Ross, a.a.O., S.195

28 Friedrich, a.a.O., S. 41

29 Friedrich, a.a.O., S. 42

18 von 19 Seiten

Details

Titel
Der Schriftsteller Charles Baudelaire und die Moderne
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V101275
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schriftsteller, Charles, Baudelaire, Moderne
Arbeit zitieren
Claudia Freilinger (Autor), 2001, Der Schriftsteller Charles Baudelaire und die Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101275

Kommentare

  • Gast am 12.11.2001

    frage.

    wie und wo kann ich weitere kommentare zu dieser arbeit einsehen?

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