Ist der Mensch erziehbar?


Seminararbeit, 2000

27 Seiten, Note: 1


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Inhaltsverzeichnis

1. Motiv des Themas

2. Erblichkeitsforschung

3. Zwillingsforschung
3.1. Zwillingsforschung ist populär
3.2. „Paradigmatische Gefangenschaft“
3.3. Kritik an den Zwillingsstudien

4. Streit in der Intelligenzforschung

5. Intelligenz und „Rasse“?

6. Experimente zu abstraktem Denken
6.1. Feldforschung
6.2. Versuchspersonen
6.3. Erhebungszeitraum und Ort
6.4. Methode
6.5. Ergebnisse
6.6. Auswertung

7. Der Pygmalion-Effekt

8. Hochbegabung oder Höchstleistung?

9. Weitere Bedingungen für den Erwerb von Fähigkeiten

10. Wie sehr ist ein Kind erziehbar?
10.1. Behaviorismus: Reflexe
10.2. Piaget: Assimilation und Akkomodation
10.3. Wygotski: Kultur-historisch bedingte Entwicklung
10.4. Bruner: Konstruktion und Instruktionen
10.5. Holzkamp: Potenzen und Gründe des Subjekts

11. Förderung oder Unterstützung?

12. Transaktion mit der Umwelt

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1. Motiv des Themas

Ist der Mensch überhaupt erziehbar und wenn ja, welche „Spielräume für Veränderung durch Erziehung“ (Weidenmann und Krapp, S. 125) gibt es? Durch welche Faktoren wird das Verhalten und die Eigenschaften des Menschen bestimmt?

Mehrere psychologische Disziplinen versuchen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Eine dieser Disziplinen ist die Erblichkeitsforschung, die zu ermitteln versucht, in wel- chen Anteilen die menschlichen Eigenschaften durch die Gene und die Umwelt bedingt sind. Obwohl die Erblichkeitsforschung historisch später als die Pädagogische Psycho- logie entstanden ist, so geht sie jedoch methodisch der Pädagogischen Psychologie vor- aus, weil die Beantwortung der Frage, wie die Erziehung des Menschen vor sich geht, logisch voraussetzt, dass der Mensch beeinflussbar ist. Die Antworten, die in der Erb- lichkeitsforschung gefunden werden, variieren stark: „Die Positionen reichen von der Annahme einer fast beliebigen Beeinflussbarkeit (...) bis zur Behauptung einer kaum beeinflussbaren Determination der Persönlichkeit durch genetische Anlagen“ (Weiden- mann und Krapp, S. 126).

Eine andere Möglichkeit, die Erziehbarkeit des Menschen zu ermitteln, ist die Entwick- lungspsychologie, bei der die Entwicklung des Kindes über die verschiedenen Entwick- lungsstufen hinweg beobachtet wird. Haben Belehrungsversuche überhaupt einen Sinn? Inwieweit steuert das Kind seine Entwicklung selbst?

Die Erziehungspraxis gibt eine weitere Antwort auf die Frage, ob ein Mensch beein- flussbar ist. Die Entwicklung des Kindes scheint stark von der Umwelt abzuhängen, weil man festgestellt hat, dass bestimmte Erziehungsweisen Nebenwirkungen haben und vielleicht sogar in ihr Gegenteil umschlagen.

2. Erblichkeitsforschung

Die Erblichkeitsforschung ermittelt, zu welchen Anteilen die menschlichen Eigenschaf- ten genetisch und umweltmäßig bedingt sind.

Der Gegenstand der Erblichkeitsforschung sind nicht Individuen, sondern Populationen, also die Gesamtheit der Lebewesen einer Art in einem bestimmten Gebiet, z.B. die Be- völkerung der BRD. Eines der untersuchten Eigenschaften ist die Intelligenz. Die Erb- lichkeit einer Eigenschaft lässt sich nicht messen, wohl aber die Erblichkeit der Varianz einer Eigenschaft.

Die phänotypische Varianz ist die Summe von genotypischer Varianz und umweltbe- dingter Varianz.

Die Erblichkeit wird folgendermaßen berechnet:

Heritabilität (Erblichkeit) = Genotypische Varianz : Phänotypische Varianz.

Trotz komplizierter Berechnungen des genetischen Anteils an der Intelligenz schwan- ken die Ergebnisse zwischen 50 - 80 %.

3. Zwillingsforschung

3.1. Zwillingsforschung ist populär

Von den Vertretern der Erblichkeitsthese der Intelligenz werden immer wieder gerne die Ergebnisse der Zwillingsforschung angeführt. Die Zwillingsforschung trägt zur Erb- lichkeitsforschung bei. Nach der Erblichkeitsforschung sind die durch Anlage bedingten Unterschiede um so größer, je gleicher die Umwelt für die Individuen ist. Umgekehrt gilt, dass je geringer die durch Anlage bedingte Unterschiedlichkeit ist, um so verschie- dener auch die Umwelt ist. Der Anlageeinfluss zeigt sich nach der Meinung der Erb- lichkeitsforscher anhand eineiniger, also gleich veranlagter Zwillinge, die in verschie- dener Umgebung aufwachsen, während sich der Umwelteinfluss an unterschiedlich ver- anlagten Adoptivkindern, die in der gleichen Umgebung aufwachsen, zeigt.

Die Zwillingsforschung ist wegen ihrer Anschaulichkeit eines jener wissenschaftlichen Gebiete, die auch in der Öffentlichkeit rege Anteilnahme finden: unter Zwillingspaaren kann sich jeder etwas vorstellen, unter Quantenmechanik nicht. Dementsprechend er- schien laut Auskunft einer Seminarteilnehmerin in der Zeitschrift Geo eine Reihe über eineiige Zwillinge, die nach ihrer Geburt voneinander getrennt wurden und in unter-

schiedlichen Gegenden unter verschiedenen Bedingungen aufgewachsen sind. Auch in der Bunten und im Stern findet man Berichte über solche Zwillingspaare.

So erschien 1999 im Stern eine Reportage über die eineiigen Zwillinge Simone Kauf- mann und Silke Nitschke:

Simone Kaufmann [hatte] beim Jugendamt Mühlhausen in Thüringen ihre Akte eingesehen. (...) Was ihr (...) keine Ruhe mehr ließ: Neben ihrem Geburtsdatum stand noch ein zweiter Mädchenname. Die Erklärung des Jugendamtes: Silke und Simone waren kurz nach der Geburt von ihren leiblichen Eltern getrennt und einzeln zwangsadoptiert worden. Eine in der DDR damals durchaus übli- che Praxis, wenn Vater und Mutter mit dem Nachwuchs überfordert waren o- der eine ordentliche Erziehung nicht garantieren konnten. (Witzel)

Nach 26 Jahren der Trennung begegnen sich die Zwillinge wieder und stellen erstaunt Gemeinsamkeiten fest:

Nun, seit sie sich wiederhaben, fallen ihnen immer mehr verbindende Details ein: Beide hatten sich im Kindergarten den Finger in einer Schlafpritsche ein- geklemmt, beide den gleichen Kuschelhasen mit Plastikgesicht geknuddelt. Sie finden beide den Pro-Sieben-Moderator Andreas Türck süß und die Musik von Pur gut, hatten beide zur selben Zeit Probleme mit der Schilddrüse und waren dem ersten Freund jahrelang treu. Und am Tag, als Silke Johanna zur Welt brachte, lernte Simone in Djerba ihre große Liebe kennen. Unterschiede? 'Ich denke schon, dass ich ein bisschen verrückter bin', sagt Simone. 'Ja, ja, Schwester, das kann durchaus sein', lacht Silke. (Witzel)

Forscher aus Boston (USA), die eine Studie über „genetische und umweltbedingte Ein- flüsse auf Stoffwechselumsatz und Körperkomposition“ durchführen, untersuchten zehn Tage lang die Zwillingsschwestern und stellten ihnen Fragen, führten mit ihnen IQ- Tests durch und entnahmen ihnen Blutproben.

3.2. „Paradigmatische Gefangenschaft“

Die Zwillingsforschung ist aber nicht unumstritten und kam durch Cyril Lodowic Burt besonders in Verruf. Der britische Wissenschaftler, der bis 1963 Lehrstuhlinhaber des Instituts für Psychologie des University College in London war, hatte durch psychologi- sche Tests mit eineiigen Zwillingspaaren, die getrennt in unterschiedlichen Verhältnis- sen aufgewachsen waren, in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts ermittelt, dass in rei- cheren Schichten der britischen Bevölkerung der Intelligenzquotient messbar höher als

in der Mittelschicht und in der armen Bevölkerung lag. Dabei ermittelte er die wahr- scheinlich größte Korrelation von IQ-Werten (.86), die jemals bei Zwillingsstudien eru- iert wurde. Das hätte bedeutet, dass die Intelligenz besonders stark durch die Anlagen bedingt wäre.

Burt veröffentlichte seine Ergebnisse unter mehr als 20 Pseudonymen, u.a. „Margaret Howard“ und „Joan Conway“ im British Journal of Statistical Psychology. Die Aussa- gen Burts wurden jahrzehntelang von niemandem bezweifelt und fanden als eine Grun- derkenntnis moderner Psychologie Eingang in alle Lehrbücher. So schrieb Jensen über- schwänglich: „Wahrscheinlich hat Sir Cyril Burt als der hervorragendste Exponent der Anwendung dieser Methoden auf das Studium der Intelligenz zu gelten, dessen we- sentliche Schriften zu diesem Thema eine Pflichtlektüre für alle sind, die sich mit indi- viduellen Unterschieden beschäftigen“ (Jensen, S. 70 f.) Auch Lurija bezog sich auf Burt (Lurija, S. 93). Queen Elizabeth ernannte Burt zum „Sir“.

Ein paar Jahre nach dem Tode Burts verglich Leon Kamin, Psychologieprofessor in Princeton (USA) die Daten der Untersuchungen Burts und stellte dabei fest, dass in al- len Tabellen die gleichen Zahlenwerte auftauchten, was sehr stark auf Manipulation hindeutete. Man ging der Sache nach und versuchte, Burts ehemalige Mitarbeiterinnen und seine Testpersonen ausfindig zu machen - vergeblich. Alles dies wies auf Datenfäl- schungen Burts hin (vgl. Ronzheimer; Umstätter).

Wie ist nun Burts Handlungsweise, Daten zu fälschen, erklärbar? Nach der Auffassung des Wissenschaftsforschers Gerhard Fröhlich war Burt in „paradigmatischer Gefangen- schaft“: „Ein wissenschaftliches Paradigma, das den Forscher gefangen hält - in diesem Fall die These von der genetischen Vererbbarkeit der Intelligenz - soll mit aller Gewalt bewiesen werden. Und wenn die Fakten nicht danach sind, werden sie geschönt“ (Ronzheimer).

Diese Einschätzung der Motive Burts hört sich so an, als ob Burt durchaus zur Ansicht gekommen war, dass Intelligenz nicht vererbbar sei, es aber doch nicht so ganz wahr haben wollte. Fälschte Burt tatsächlich seine Daten, weil er meinte, dass sich seine Da- ten nicht auf einem rechtschaffenen Weg erhalten lassen? Doch wir wissen nicht, was Burt wirklich wusste, weil er seine wahren Gedanken durch zahlreiche Lügen verdun-

kelte. Vielleicht hat Burt auch nur die Daten gefälscht, weil er zu schnellem Ruhm kommen oder die gesellschaftlichen Verhältnisse stützen wollte. Insofern ist der Hin- weis auf die Datenfälschungen von Burt kein Argument gegen die Vererbbarkeit von Intelligenz.

Er ist auch deshalb kein gutes Argument, weil die Vertreter der Gegenseite, die Ver- fechter einer Theorie der umweltbedingten Intelligenz, ebenfalls versuchten, ihre Theo- rie durch gefälschte Daten zu stützen (Weiss 1993b, S. 197).

Der Verweis auf die gefälschten Daten Burts ist auch kein Argument gegen die Zwil- lingsforschung an sich, weil von keinem anderen Zwillingsforscher bisher bekannt wur- de, dass er seine Daten gefälscht hat. Wer also der Zwillingsforschung kritisch gegenü- bersteht, muss andere Argumente liefern. Die Frage ist nämlich, was die Korrelationen bei den IQ-Werten in unterschiedlicher Umgebung aufwachsender eineiiger Zwillinge bedeuten.

3.3. Kritik an den Zwillingsstudien

Ist die Wahrnehmung der Zwillingsforscher derart selektiv, so dass sie die Gemeinsam- keiten zwischen den eineiigen Zwillingen besonders stark betonen, die Unterschiede aber ignorieren? So eine Kritik müsste jedoch erst einmal belegt werden.

Einen viel entscheidenderes Argument gegen die Zwillingsforschung ist bei Weiden- mann und Krapp zu finden:

In den meisten Untersuchungen getrennt aufgewachsener eineiiger Zwillinge wird darauf hingewiesen, dass nur selten größere Umweltunterschiede vorlagen (...) Von den 44 eineiigen Zwillingen etwa, die Shields (1962) untersucht hat, wuchsen 30 in verschiedenen Zweigen derselben Familie auf. (...) Wenn aber auch getrennt aufwachsende eineiige Zwillinge in sehr ähnlichen Umwelten aufwachsen, sind relativ hohe Korrelations- bzw. Heritabilitätskoeffezienten für diese Population nicht weiter erstaunlich. (Weidenmann und Krapp, S. 131)

Zudem ist es fraglich, ob eineiige Zwillinge wirklich über das gleiche Genmaterial verfügen (Vierecke).

Es ist auch nicht auszuschließen, dass Übereinstimmungen im Verhalten, im Aussehen und anderen Eigenschaften zufällig sind. Sollte etwa die Vorliebe für einen Moderator von Pro7 genetisch bedingt sein?

Zum Beispiel stellte sich bei einem eineiigen Zwillingspaar heraus, dass ihre Ehefrauen den gleichen Namen tragen. Die Sprache ist aber ein künstliches Produkt der Menschen; die Bezeichnungen und Namen haben keine Gemeinsamkeiten mit dem Bezeichneten. Weil die Namensgebung zufällig ist, würde es keinen evolutionären Vorteil für einen Menschen bringen, sich nur mit jenen Menschen zu verbünden, die einen ganz bestimmten Namen tragen. Zum Beispiel haben nicht alle Menschen, die den Namen „John“ tragen, alle Eigenschaften gemeinsam. Es setzen sich aber in der Evolution nur die Eigenschaften durch, die für die Organismen einer Art von Vorteil sind.

26 von 27 Seiten

Details

Titel
Ist der Mensch erziehbar?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Proseminar
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
27
Katalognummer
V101292
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mensch, Proseminar
Arbeit zitieren
Markus Hieber (Autor), 2000, Ist der Mensch erziehbar?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101292

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