Aspekte und Effekte der Ironie in der Alltagskommunikation


Hausarbeit, 2001

22 Seiten


Gratis online lesen

Aspekte und Effekte der Ironie in der Alltagskommunikation

0. Einführung

Die Ironie wird aus historischen Gründen dem Bereich der Rhetorik zugeordnet und gilt hier vornehmlich als Stilmittel, um in öffentlichen Auseinandersetzungen den gegnerischen Standpunkt blosszustellen, anzugreifen oder lächerlich zu machen. Die Frühgeschichte der Begriffe eiron und eironeia sowie deren etymologische Ableitung ist unklar und unbestimmt. Es wird vermutet, dass es sich beim eiron um ein derbes Schimpfwort handelt, das die Person des Ironikers mit “Lügnern, Rabulisten, Rechtsverdrehern, durchtriebenen, abgefeimten glatten Gesellen“1 in Verbindung bringt.

Seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. beschäftigen sich Philosophen, Rhetoriker und Sprachforscher mit dem Phänomen der Ironie. Der römische Rhetor Quintilian behandelt im achten und neunten Buch seiner “Institutio oratoria“ die Ironie als Spezialfall einer Form, die als Tropus und als Gedankenfigur vorkommen kann. Für ihn gehört Ironie zur Allegorie, die man am Ton, an der Person oder am Wesen der Sache erkennt. Cicero führte den Begriff der Ironie als dissimulatio in die lateinische Sprache ein, der vor allem als terminus technicus der Rhetorik diente. Dissimulatio heisst soviel wie “Verstellung“ oder “unkenntlich machen“. Diese Zuordnungen der Ironie weisen ein wichtiges Merkmal auf: Beide besagen, dass die Intention des Sprechers von dem verschieden ist, was er wirklich sagt, und dass der Hörer das Gegenteil von dem versteht, was ausgesprochen wird. Die Ironie wird demzufolge als eine Art transparente Verstellung beschrieben, die durch Gesten, Mimik, Kontext, Intonation etc. demaskiert wird. In den Lehrbüchern der Rhetorik findet sich auch die Bestimmung der Ironie als spöttische Redeweise, bei der das Gegenteil des Gemeinten ausgedrückt wird. Diese Gegenteils- Definition behauptet sich in der Tropen- und Figurenlehre von der Antike bis zur Gegenwart. Cicero erweitert die Gegenteils-Definition und unterscheidet sie von dem Typ Ironie, bei dem nicht das genaue Gegenteil vom Gemeinten gesagt wird, sondern lediglich etwas anderes.2

Ziel dieser Arbeit ist, die schillernde Beschaffenheit der Ironie zum Ausdruck zu bringen. Dabei sollen auch Probleme aufgezeigt werden, welche bei kategoriellen Einordnungs- und Definitionsversuchen des Ironie-Begriffs auftreten.

Terminologische Schwierigkeiten von Ironie-Ansätzen

1.1. Problematik der Gegenteils-Definition

Die Gegenteils-Definition erweist sich als zu eng, weil sie längst nicht alle Formen von Ironie umfasst. Das genaue Gegenteil des Gemeinten trifft nur dort zu, wo sich die Ironie implizit auf ein Wort oder einen Ausdruck bezieht. So in:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Häufig sind das Fälle von konventionalisierter Ironie, wie in b). Diese sogenannten “ironischen Formeln“ zeichnen sich durch eine Stabilität der Form und der Bedeutung aus. Solche feststehenden Wendungen sind uns in einem ironischen Kontext so geläufig, dass wir sie normalerweise automatisch als ironisch einstufen. Diese Fälle stellen allerdings lediglich einen Bruchteil der Äusserungen dar, die ironisch vollzogen werden.3 Bei den meisten ironischen Äusserungen kann man nämlich kein genaues Gegenteil ausmachen. So in:

c). Dieser Pullover gefällt mir ganz besonders.

d). Gehts noch langsamer?

Um diese Äusserungen ironisch zu interpretieren, genügt eine Theorie von semantischer Opposition nicht. Bei Aussage c). wird durch keinerlei sprachliche Merkmale signalisiert, dass hier eine ironische Interpretation angebracht wäre. Man kann die Äusserung nur dann als ironisch auffassen, wenn Kontext, Situation und die wirkliche Einstellung des Sprechers bekannt sind. Auch rhetorische Fragen, wie d)., lassen sich nicht durch die Gegenteils-Definition erklären. Im Unterschied zu c). wird hier die Ironie nicht dadurch ausgelöst, dass Wahr- oder Falscheit, das Zutreffen oder Nicht-Zutreffen des Sachverhaltes im Zentrum stehen, sondern durch einen Verstoss gegen die Glückensbedingungen eines Sprechaktes. Normalerweise wird dann eine Frage gestellt, wenn man eine bestimmte Information benötigt. Durch die Formulierung einer rhetorischen Frage ist der Sprecher unaufrichtig, da er um eine Information bittet, die er nach dem Wissen des Hörers gar nicht haben will, denn die Antwort ist schon bekannt. Der Sprecher verstösst also gegen die Aufrichtigkeitsbedingung für den illokutionären Akt der Frage.4

Es hat sich daher eine modifizierte Form der obigen Definition verbreitet, die Ironie als “Etwas-Anderes-Sagen“ beschreibt. Lapp (1992: 39) warnt aber davor, dass diese Definition wiederum zu weit gefasst sei, da sie alle Fälle von uneigentlichen oder indirekten Sprechens miteinbezieht. Eine solche Charakterisierung trifft nämlich auch auf rhetorische Figuren wie Metapher, Litotes, Metonymie oder Allegorie zu; ferner auf Andeutungen und Äusserungen, die im Scherz vollzogen werden; auf Heuchelei und auf die Lüge. Jene Definition ist also viel zu vage, es fehlt die spezifische Differenz, die die Ironie von diesen anderen Formen nicht-wörtlichen Sprechens unterscheidet.

1.2. Ironie als Sprachwissenschaftliches Problem

Nicht nur die Rhetorik tut sich schwer mit einer Definition für Ironie, die Ironie sträubt sich auch hartnäckig gegen die sprachwissenschaftlichen Definitionsund Klassifikationsversuche. Die Bemühungen, das Ironie-Phänomen mit Hilfe traditioneller grammatik- und semantik-orientierter Linguistik festzumachen, scheiterten.5 Wie wir schon bei Aussage c). sahen, genügen rein sprachliche Merkmale nicht, damit Ironie für den Hörer erkennbar wird. Kontext, Sprechereinstellung und gemeinsame Wissensbestände sind häufig notwendig, um eine Äusserung als ironisch einzustufen.

Die Ironie tritt nicht nur im mündlichen, sondern auch im schriftlichen Sprachgebrauch auf. Letztere Ironie-Art wird im Allgemeinen eher als ein Forschungsgebiet der Literaturwissenschaft angesehen. So spielte die Ironie beispielsweise bei den Romantikern eine zentrale Rolle.6 Sie wurde als fortwährendes Hin- und Herspringen zwischen Bejahung und Verneinung, zwischen Aus-sich-heraustreten und selbstkritischer Nabelschau, zwischen Enthusiasmus und Skeptizismus beschrieben. Friedrich Schlegel7 machte den ironischen Kontrasteffekt auf dem Verhältnis von Illusion und Realität fest, von Subjektivem und Objektivem und dem Verhältnis des Selbst zur Welt. Nach dieser Anschauung verfängt man sich bei der Diskussion um Ironie in einem endlosen Spiel des ironischen Scheins, welches die Definitionsversuche der Ironie anzustecken droht. Jede ironische Theorie muss sich, laut Schlegel, ironischer Mittel bedienen. In diesem Sinne kann man sich der Ironie weder entziehen, noch ist es möglich, sie zu unterlaufen. Dies erkennt man auch daran, dass es für die Ironie beispielsweise keinen begrifflichen Gegenspieler gibt.

Auf diesen philosophisch-literaturwissenschaftlichen Aspekt werde ich nicht weiter eingehen. Wichtig bei diesem kurzen Exkurs scheint mir aber, dass die Ironie als übergreifendes Element in der Sprache, in Weltanschauungen oder als literarische Kunstform8 vorkommt und somit nicht nur als sprachwissenschaftliches, sondern eben als interdisziplinäres Phänomen zu betrachten ist. Auch Kohvakka (1997: 239-241) meint, dass die Ironieforschung nicht disziplinär zugeordnet werden kann. Sie trete als Grenzgänger zwischen Literatur und Philosophie auf. Sie betont jedoch auch, dass sowohl verbale, wie auch literarische oder philosophische Ironie einen sprachlichen Grund habe. Deshalb könne man zwar die sprachlichen Grundlagen der Ironie linguistisch untersuchen, die aussersprachlichen, mit der Situation, mit dem Sprecher usw. zusammenhängende Faktoren aber nicht im Rahmen der Linguistik hinreichend erklären.

Aus diesem Grund werde ich auch nicht auf die zahlreichen sprachwissenschaftlichen Ansätze zur Ironie eingehen,9 sondern versuchen, verschiedene Ironie-Komponenten aufzuzeigen. Damit sind strukturelle Eigenschaften gemeint, die für die Funktionen von Ironie massgebend sind. Ich beschränke mich dabei auf die mündliche Kommunikation, insbesondere auf die Alltagskommunikation, die als wichtiges Anwendungsgebiet der Ironie oft ausser Acht gelassen wurde.10 Die ausgewählten, charakteristischen Wesenszüge von Ironie lassen sich (teilweise) dann im dritten Teil der Arbeit anhand meiner eigenen Untersuchungen nachvollziehen und illustrieren.

2. Wesen der Ironie

2.1. Indirektheit

Die Grundstruktur der Ironie ist indirekt. Damit ist gemeint, dass die Ironie nicht direkt vom Sprecher zum Hörer gelangt, sondern erst über eine 2. Ebene verstanden wird. Der Hörer ist also gezwungen, einen Dekodier-Aufwand zu betreiben, um die wirkliche Bedeutung der Aussage von der wörtlichen zu abstrahieren. Dies erinnert an die bereits erwähnte Definition von Ironie, dass jemand etwas anderes sagt, als er meint. Obwohl sie zurecht als zu weitläufig zurückgewiesen wurde, beschreibt sie das elementare Kriterium, aus dem sich alle weiteren Eigenschaften von mündlicher Ironie ergeben.

Die indirekte Beschaffenheit der Ironie bedeutet aber gleichzeitig nicht, dass die Ironie zur Gruppe der indirekten Sprechakte gehört. Deshalb kann man auch nicht von “ironischen Sprechakten“ reden, wie man es v.a. in den siebziger Jahren zu tun pflegte.11 Indirekte Sprechakte liegen dann vor, wenn eine andere Illokution als die durch Indikatoren angezeigte stattfindet, oder wenn eine zusätzliche Illokution vorliegt.12 Nun trifft man aber häufig Fälle von Ironie an, bei denen sich die Illokution der als ironisch interpretierten Äusserung überhaupt nicht ändert. So in:

e). Leg mal das Jahrhundertwerk beiseite!13

In e). bleibt der Akt unter einer ironischen Interpretation eine Aufforderung. Der illokutionäre Akt wird also nicht uminterpretiert. Somit liegen in diesem Fall die Bedingungen eines indirekten Sprechaktes nicht vor.

Lapp (1992: 42) weist richtigerweise auf dieses Problem hin. Er spricht davon, dass es keine Äusserung gibt, die per se ironisch ist. Jede Äusserung kann ironisch gemacht oder auch aufgefasst werden. Insofern ist Ironie selbst keine sprachliche Form, sondern nur ein Aspekt sprachlicher Handlungen. Wenn man einen indirekten Sprechakt benutzt, wie in:

f). Können Sie mir sagen, wie spät es ist?

dann würde das niemand ironisch auffassen. Ausser natürlich, wenn man sich den passenden Kontext dazu denkt. Zum Beispiel, wenn das Gegenüber sich in langwierigen Ausführungen verstrickt, die man eigentlich gar nicht wissen möchte. Dann könnte der Hörer durch die Äusserung f). den penetranten Sprecher nicht nur zum Schweigen bringen, sondern ihm auch indirekt und ironisierend mitteilen, dass das Interesse am eben Ausgeführten eher minimal war. Die Ironie wird somit nicht sprachlich ausgedrückt, sondern aus der Beziehung dieser Sprechhandlung zu der wirklichen Einstellung des Sprechers und der Situation erschlossen. Dies zeigt sich auch daran, dass man der Ironie im alltäglichen Sprachgebrauch verschiedene Attribute zuschreibt. Ironie kann milde, fein, liebevoll, aber auch böse, grimmig, scharf oder bitter14 sein. Man spricht auch oft vom “ironischen Ton“ oder bemerkt, dass bei dem Gesagten Ironie “mitschwingt“.

2.2. Ironiesignale

Der Sprecher kann Indizien liefern, sogenannte Ironiesignale, um die Ironie in einer Äusserung für den Hörer erkennbar zu machen. Diese fungieren als “Störfaktoren”15, die eine wörtliche Interpretation des Gesagten verunmöglichen, aber gleichzeitig dem Hörer die Entscheidung erleichtern, ob eine ironische oder eine ernsthafte Äusserung vorliegt. Ironiesignale können paralinguistischer Art sein, wie Tonhöhe, Lautstärke, Sprechrhythmus etc.; extraverbaler Art, wie mimische und gestische Modulationen. Sie kommen ebenfalls auf sprachlicher Ebene vor, wie beispielsweise in gewagten Metaphern oder in überlangen Sätzen. So in:

f). Vielen herzlichen Dank für dieses ä usserst lebhafte und aufschlussreiche Gespr ä ch.

[Wenn der Angesprochene überhaupt nicht auf den Sprecher reagiert oder eingeht.]

Der Pathos, die übertriebene Dankbarkeit und die ungewöhnliche Adjektiv-Wahl ermöglichen uns in diesem Zusammenhang, f). als ironisch zu interpretieren. Grundsätzlich weist die Suche nach Ironiesignalen zwei Probleme auf. Erstens ergaben Analysen möglicher Ironiesignale, dass praktisch alles Ironie signalisieren kann. Dies bedeutet, dass man unmöglich festmachen kann, welches sprachliche oder nicht-sprachliche Mittel nicht als Marker für ironische Äusserungen gilt; die sprachlichen und aussersprachlichen Möglichkeiten sind hier geradezu unbegrenzt. Zweitens geniesst Äusserung f). eher einen Sonderstatus, da Ironie häufig weniger offensichtlich eingesetzt wird.16 Lapp (1992: 30) betont richtigerweise, dass der Charme einer ironischen Äusserung gerade darin liege, sich nicht allzu deutlich kenntlich zu machen. Im 2. Beispiel meiner Aufzeichnungen17 war eine ironische Äusserung so subtil, dass eine Mitangesprochene die Ironie nicht erkannte. In diesem Zusammenhang könnte man postulieren, dass die Ironiesignale meistens dann ganz offensichtlich werden, wenn die situationelle Stützung schwächer ist.

Das Konzept der Ironiesignale ist insofern nicht ganz zu verwerfen, weil es darauf hindeutet, dass bei der Ironie eine Äusserung als ironisch markiert wird. Das Markieren könnte in diesem Sinne als eine Art Metakommunikation verstanden werden. Es eröffnet sich ein ähnlicher Bedeutungsraum, wie schon bei der Indirektheit festgestellt wurde: Die Ironie wird immer erst auf einer höheren Ebene erschlossen.

2.3. Kontext- und Situationsabhängigkeit / Hintergrundwissen

Wie schon erwähnt, spielt der Kontext eine zentrale Rolle bei der Interpretation von ironischen Äusserungen. Eine Äusserung, die von ihrem kontextuellen Umfeld isoliert betrachtet wird, kann, ausser beim Spezialfall der konventionalisierten Ironie, fast nicht als ironisch eingestuft werden. Eine solche Situationsabhängigkeit der Ironie hat auch Searle in seinem sprechakttheoretischen Ansatz erkannt:

[Der Mechanismus der Ironie funktioniert so], dass die Äusserung wörtlich genommen ganz offensichtlich nicht zur Situation passt. Weil sie so offensichtlich nicht passt, muss der Hörer sie so reinterpretieren, dass sie passt, und die natürlichste Methode besteht darin, sie so zu interpretieren, dass sie gerade das Gegenteil von dem bedeutet, was sie wörtlich besagt. (Searle zitiert in Lapp, 1992: 89)

Damit der erwähnte Mechanismus jedoch zustande kommt, muss der Hörer über ein Hintergrundwissen verfügen, welches ihm ermöglicht, die Inkongruenz zur Situation festzustellen. Dieses Wissen setzt sich nicht nur aus komplexen Wissensbeständen über die Situation zusammen, sondern der Hörer muss zusätzlich auch die Einstellung des Sprechers kennen, also auch über sein Wissen verfügen. Man kann in diesem Zusammenhang postulieren, dass Hörer und Sprecher bei der Ironie davon ausgehen, dass sie über gemeinsame Wissensbestände verfügen, und dass der Sprecher bei seiner Äusserung genau von dieser Verfügbarkeit ausgegangen ist. Somit ist die Grundlage für das Verstehen der Ironie geschaffen. Demnach verweisen ironische Äusserungen immer auf gemeinsame Wissensbestände, denn nur so kann der Hörer zur Bedeutungsgenerierung auf die relevanten Wissensbestände zurückgreifen. Die Ironie wird folglich nur dann eingesetzt, wenn der Sprecher sicher ist, dass der adressierte Hörer mit ihm das notwendige Wissen teilt.18

2.4. Verstoss gegen Konversationsmaximen

Für die Pragmatik ist das Verhältnis der sprachlichen Äusserungen zu ihrem situativen und kommunikativen Kontext zentral und daher erweist sich eine solche Forschungsgrundlage auch für die Ironie-Diskussion als fruchtbar. Ausserdem liegt der pragmatische Schwerpunkt auf der mündlichen Kommunikation, womit sich vor allem der dritte Teil dieser Arbeit befasst.

Insbesondere Grices Theorie der Implikatur und sein System der Konversationsmaximen19 stellen eine Reihe von Richtlinien auf, welche aufzeigen, wie die Menschen Sprache benutzen. Dabei geht er von der Annahme aus, dass man beim Kommunizieren ein gemeinsames Ziel verfolgt: Die Gesprächspartner sind stets um einen effizienten Sprachgebrauch bemüht. Folglich liegt jeder Kommunikation das Kooperationsprinzip zu Grunde. Grice glaubt, dass es von allen Gesprächspartnern befolgt wird.

Das Kooperationsprinzip besagt: Gestalte deinen Beitrag zur Konversation so, dass sie dem anerkannten Zweck und der akzeptierten Ausrichtung des Gesprächs, an dem du teilnimmst, dient.

Dieses allgemeine Kooperationsprinzip wird durch ein System von vier spezielleren Konversationsmaximen konkretisiert, die selbst wiederum verschiedene Untermaximen enthalten:

Maximen der Quantität

(i) Gestalte deinen Beitrag so informativ wie erforderlich.
(ii) Gestalte deinen Beitrag nicht informativer als nötig.

Maximen der Qualität

(i) Sage nichts, was du für falsch hältst.
(ii) Sage nichts, wofür dir hinreichende Evidenz fehlt.

Maxime der Relation

Sage nur Relevantes

Maximen der Modalität

(i) Vermeide Unklarheit.
(ii) Vermeide Mehrdeutigkeit.
(iii) Vermeide Weitschweifigkeit.
(iv) Vermeide Ungeordnetheit.

Grice räumt ein, dass es im alltäglichen Sprachgebrauch immer wieder zu Verletzungen der einzelnen Maxime kommt. Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben: Ein Sprecher kann nicht mehr bereit sein, das Gespräch fortzuführen, er kann seinen Gesprächspartner täuschen wollen, oder ihm etwas nahe legen, ohne es auszusprechen etc. Grice geht deshalb davon aus, dass selbst wenn drastische Verletzungen der Konversationsmaximen vorliegen, diese dennoch auf der (Meta)Ebene des Kooperationsprinzips befolgt werden. Somit wird jede Äusserung grundsätzlich als kooperativ empfunden. Die Intention des Sprechers kann aufgrund jener Annahme vom Hörer erschlossen werden. Dieses Umdeutungsverfahren nennt Grice konversationelle Implikatur.

Grice geht davon aus, dass bei ironischen Äusserungen eine Verletzung der Maxime der Qualität involviert ist. Die Verletzung muss aber relativ offensichtlich sein, damit der Hörer den Verstoss erkennt und durch die konversationelle Implikatur die beabsichtigte Äusserung erschliessen kann. Der Vorteil, die ironische Interpretation einer Äusserung als Implikatur zu betrachten, liegt darin, dass sich dadurch die kontext-sensitive Komponente der Ironie miteinbeziehen lässt. Grice beschränkt die Ironie allerdings lediglich auf die Verletzung der Maxime der Qualität, was dem tatsächlichen Umfang der alltagssprachlichen Ironie nicht gerecht wird. Damit werden u.a. Ironie-Fälle nicht erfasst, bei denen die Frage nach der Wahrhaftigkeit der betreffenden Äusserung überhaupt keine Rolle spielt. So in ironischen Untertreibungen:

g). Nicht gerade das schönste Wetter heute.

[Wenn es wie aus Kübeln giesst]

Äusserung g). wäre eher ein Verstoss gegen die Untermaxime (i) der Maximen der Modalität (Vermeide Unklarheit), oder auch ein Verstoss gegen die Maxime der Relation. Ironie müsste konsistenterweise auch als Verletzung anderer Maximen erklärt werden.

2.5. Wertung

Sperber/Wilson (1981: 301) gehen davon aus, dass die Ironie dazu dient, eine Einstellung des Sprechers erkennbar zu machen. Der Hörer muss dabei zweierlei realisieren:

1. Der Sprecher will seine Einstellung zum Gegenstand der Äusserung übermitteln
2. Der Sprecher will die Einstellung zur Ä usserung selbst übermitteln

Sperber/Wilson teilen in ihrem Ansatz dem Sprecher also eine Art Kommentierfunktion zu. Sie glauben, dass der Adressierte die ironische Äusserung nur dann richtig verstehen kann, wenn er annimmt, dass der Sprecher mit seiner Äusserung eine(n) Glauben/Einstellung (engl. “belief“) zum Ausdruck bringen will.

Lapp (1992: 81) nimmt diesen Aspekt auf, nennt aber die Stellungnahme des Sprechers zu seiner Äusserung “impliziten Kommentar“20. Jener sei in den meisten Fällen mit einer Wertung verbunden. Da der Sprecher bei einer ironischen Äusserung gerade das Nicht-Gemeinte äussert, anstatt direkt seine Meinung zu sagen, lenkt er die Aufmerksamkeit sowohl auf das Geäusserte, wie auch auf seine Gründe, das Gemeinte nicht zu äussern. Durch die Grundstruktur des “Anders-sagen-als-meinen“ rückt Ironie immer gerade den nicht-gemeinten Standpunkt in den Mittelpunkt, drückt aber zugleich auch seine “negative Bewertung“21 aus. “Negativ“ soll hier nicht die Funktion von “ablehnend“ einnehmen, sondern ausdrücken, dass sich der Sprecher von seiner implizierten aber nicht ausgedrückten Äusserung distanzieren kann.

Ironie wird oft in sozialen Aushandlungsprozessen eingesetzt, weil sie ein attraktives Mittel ist, indirekt zu werten. In jedem sozialen Umfeld entstehen Spannungen durch divergierende Meinungen, aktuelle Vorfälle, etc., welche zu einer Belastung des Klimas führen. Die Ironie bietet mit ihrer indirekten Wertung kommunikative und soziale Vorteile, indem sie dem Adressaten die Möglichkeit offen lässt, auf das Aushandlungs-Angebot nicht zu reagieren, oder ebenso indirekt den eigenen Standpunkt anzudeuten. Für den Sprecher liegt der Vorteil in der Möglichkeit, die Äusserung als “so nicht gemeint“ zurückzuziehen und zu entschärfen. Da verschiedene Möglichkeiten des Rückzugs bestehen, bleibt auf beiden Seiten das Gesicht gewahrt, obwohl die unterschiedlichen Meinungen indirekt zur Sprache kamen. Hartung (1998: 147) spricht in diesem Zusammenhang zu Recht davon, dass “die ironische Ausdrucksweise für negative Bewertungen enorme, auf keine andere Weise erreichbare kommunikative und soziale Vorteile bietet.“

Ironie führt nicht nur zum Konsens, sie kann einen Dissens auch ungemein verschärfen. Um die ironische Äusserung des Gegenübers zu verstehen, wird der Rezipient gezwungen, vorübergehend dessen Perspektive einzunehmen, die in direktem Zusammenhang mit seiner eigenen, im Konflikt vertretenen Meinung steht. Dieser mentale Vorgang kann zu einer Zuspitzung der Emotionen führen, wenn es sich um eine gravierende Auseinandersetzung handelt, die unter Umständen mit einer längeren Konfliktgeschichte verbunden ist. Ausserdem kann eine ironische Distanzierungshaltung beim Rezipienten das Gefühl hervorrufen, sein Gegenüber “stehe emotional über der Sache“, sei nicht so stark involviert und könne die Sache deshalb “von aussen“ betrachten. Damit wird der Standpunkt des Hörers pointiert diskreditiert, seine Position wird als unhaltbar hingestellt und offen abgelehnt. Dabei nimmt die Ironie, wie wir es schon von der Rhetorik her kennen, die Form des Lächerlich-machens oder Spottens an. Zusammenfassend kann man behaupten, dass Ironie ein bereits vorhandenes Agressions-Potenzial enorm verstärkt, während sie bei geringfügigeren Quereleien eher abschwächend wirkt.

2.6. Humor / Komik

Hartung (1996) bemerkte bei seinen Untersuchungen, dass Ironie oft in der Scherzkommunikation22 eingesetzt wird, weil jene mit ihrer Herabsetzung der Ernsthaftigkeit und ihrem Effekt der Erheiterung eine angenehmere und weniger offensive Plattform der Konfliktaustragung bietet. Bereits in antiken Quellen wurde die Ironie mit Humor in Verbindung gebracht. Die Ironie wurde damals als eine Form des Scherzens und des Spottens beschrieben. Allerdings war für die Philosophen der Antike der Humor (wie auch die Ironie) oft negativ besetzt.23 Cicero beschreibt die “mögliche Wirkung von Ironie als witzig“24 und für Quintilian ist sie “von Scherz und Spott nicht zu trennen“.25 Diese humoristischen Komponenten wurden bei den Untersuchungen von Ironie oft unterschlagen.

Die Gemeinsamkeit von Ironie und Humor liegt darin, dass sie einerseits über eine ähnlich doppeldeutige Grundstruktur verfügen und andererseits eine komische Wirkung hervorrufen, welche die Rezipienten oftmals erheitert und zum Lachen bringt. Hier sei noch kurz angeführt, dass Lachen nicht nur als Reaktion von witzigen Äusserungen zu betrachten ist, sondern ein viel umfangreicheres Funktionsspektrum besitzt.26 Mir fiel bei meinen Untersuchungen auf, dass oftmals gelacht wurde, wenn es sich um eine gelungene Formulierung handelte, die nicht unbedingt witzig war. Laut der Humorforschung liegt der komischen Wirkung im Allgemeinen eine Inkongruenz zu Grunde, die sich möglichst überraschend löst - entscheidend für die Rezeption ist auch hier der soziale und kommunikative Kontext. Hartung (1996: 115) führt aus, dass die komische Wirkung nämlich umso grösser ausfalle, “je negativer das ‘Witzopfer‘ besetzt ist und je stärker sich der Rezipient mit dem ‘Witzsieger‘ identifiziert.“ Diese Struktur lässt sich auch auf die Ironie anwenden und erklärt ihre potenziell komische Wirkung.

Das “Anders-Sagen“ erzeugt bei der Ironie eine Spannung zwischen dem Gesagten und Gemeinten. Im Gegensatz zu den indirekten Sprechakten ersetzt nicht einfach die uneigentliche Bedeutung die wörtliche. In vielen Fällen kann man nicht einmal genau angeben, worum es sich bei der ironischen Bedeutung handelt, oder wo die Ironie genau festzumachen ist. Dieser Unklarheit begegnet der Hörer vorerst damit, dass er beide Pole der Doppeldeutigkeit aufnimmt und sich eine Bedeutungshypothese zurechtlegt. In einem weiteren Schritt erkennt der Hörer die Inkongruenz zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten. Diese überraschende Resolution der Inkongruenz wird als ein Vorgang bezeichnet, der eine komische Wirkung hervorruft.27 Diesem Aspekt von Ironie könnte man durchaus eine ästhetischen Sprachfunktion zuschreiben.

2.7. Lust an Ästhetik

Die Ironie übernimmt nicht nur eine wichtige Funktion bei sozialem Spannungsabbau oder bei einer Dissensverschärfung, sondern kann der alltäglichen Kommunikation eine unterhaltsame Note verleihen. Phantasie und Kreativität sind grundsätzlich wichtige Bestandteile der Sprache und werden oft in der Alltagskommunikation eingesetzt. Diesen Aspekt verfolgt Schwitalla (1994), der v.a. auf die grosse Rolle von gemeinsamer Phantasiegestaltung hinwies. Dabei stellte er eine Lösung von Wahrheits- und Realitätsnormen, sowie eine Lockerung der Ernsthaftigkeit fest. Auch ironische Äusserungen können zu virtuosen und geistreichen Dialogen beitragen. Das “Anders- Gesagte“ verlangt normalerweise einen erhöhten Dekodier-Aufwand des Hörers. Jener wird aber durch das ästhetische Vergnügen entschädigt, welches ihm die ironische Äusserung durch ihre besondere semantische Dichte bereitet:

[Die Ironie] öffnet ein kompliziertes Geflecht aus sich überlagernden und verschlungenen Bedeutungen, die man als Bedeutungsraum bezeichnen kann, der an den Rändern nie endgültig begrenzbar im Unendlichen ausläuft. Genau darin liegt die besondere Wirkung von Ironie, ihre ästhetische Qualität. (Hartung, 1996: 142)

Oftmals steigt der Rezipient in diesen “Bedeutungsraum“ ein und weicht in seiner Erwiderung ebenfalls von den konventionellen Erwartungen ab. Bei solchen verbalen Schlagabtauschen lassen sich Parallelen zur Rhetorik aufweisen. Jedoch, im Unterschied zur Ironie-Funktion in der Rhetorik, wo es darum ging, den Gegner blosszustellen, werden in diesem Fall nicht polarisierende Ziele verfolgt, sondern lediglich geistige “Turnübungen“ durchgeführt. Es mag vielleicht polemisch klingen, dass Ironie zu intellektuellen Höheflügen ankurbelt, aber es scheint, zumindest wenn wir auf die Rhetorik der Antike zurückgreifen, dass die Ironie von grosser sprachlicher Virtuosität zeugt. Genau in dieser Möglichkeit, sich in sprachlichen Finessen zu verstricken, so wie gewagten Metaphern, überlangen Sätzen, Wahnvorstellungen, pointierten Übertreibungen etc.28 liegt meiner Meinung nach die sprachliche Ästhetik der Ironie.

Offenbar bereitet eine solche Ästhetik ein lustvolles Vergnügen, so dass sogar soziale Probleme instrumentalisiert werden, um die Unterhaltsamkeit des Gesprächs zu steigern. Hartung (1998: 146) weist richtigerweise darauf hin, dass es sich in solchen Fällen um Inszenierungen handelt:

Die schmerzhafte Konfliktbewältigung bereitet so grosse Lust, dass in privater Kommunikation Konflikte oft nur gespielt und ohne ernsthaften Hintergrund inszeniert werden, um gemeinsam an ihrer Bearbeitung Spass zu haben. (meine Hervorhebung)

Meiner Meinung nach ist die Inszenierung ein wichtiger Aspekt der Ironie. Damit kommen wir auf einen bereits erwähnte Aspekt zurück - denjenigen der Metakommunikation.29 Die Ironie wird nicht nur durch den Rezipienten auf einer höheren Ebene erschossen, sondern sie geht in diesem Fall einen Schritt weiter: Dadurch, dass es sich um eine (zwischen den Gesprächsteilnehmern ausgemachte) Inszenierung, um ein So-tun-als-ob handelt, befinden wir uns bereits auf einer höheren Stufe. Von einer solchen verweisen die ironischen Äusserungen auf eine weitere Ebene, sozusagen auf ein Spiel im (Schau)Spiel. In diesem Sinne kann die Ironie eine Form annehmen, bei der sowohl für die sprachliche als auch für die inhaltliche Gestaltung allein die ästhetischen Maxime leitend sind, denen, im Gegensatz zu sonstigen Verhältnissen, alle anderen Funktionen untergeordnet sind.

3. Beispiele von Ironieverwendung

3.1. Angaben zur Aufzeichnung der Beispiele

Die folgenden transkribierten Gesprächssequenzen stammen aus alltäglichen Begegnungen (mit Freunden) oder Telefongesprächen, die in einer Zeitspanne von 2 Tagen aufgenommen wurden. Die kurze Einführung vor der Transkription gibt jeweils den Kontext des Gesprächs an, die Transkriptionszeichen sind unter Punkt 5. aufgeführt.

3.2. Beispiel 1: “Telefongespräch“

Karens Freundin Sabine hat vor kurzem ihren Auslandaufenthalt angetreten. Der folgende Gespächsausschnitt stammt aus einem Telefongespräch, welches sie mit ihr führte:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten30

Diese Sequenz ist ziemlich am Anfang des Gesprächs, nach der Begrüssung, situiert. Nach einer kurzen Pause fragt Karen Sabine, ob sie schon Bekanntschaften geschlossen habe. Sabine zögert deutlich bei der Antwort. Interessanterweise ist ihre nächste Erwiderung (6: ja mega) auf eine Frage, die in eine ähnliche Richtung wie die vorherige ging, plötzlich klar und deutlich. Der Superlativ mega steht im Kontrast zu ihrer letzten Antwort, die eher vage und skeptisch klang. Wie sich im Nachhinein herausstellt, entspricht das mega einem gar nicht. Insofern erfüllt ihre Aussage zwei wichtige Kriterien für eine ironsiche Wirkung: Opposition (zur vorherigen Antwort einer ähnlichen Frage) und Übertreibung.

In 5 wird ersichtlich, dass der ironische Gebrauch von mega nicht verstanden wurde. Dies liegt einerseits daran, dass die situationelle Stützung des Ironiesignals “Übertreibung“ zu schwach war und andererseits, dass Sabine auf den Wissensbestand “niemand ruft mich an“ zurückgegriffen hat, der uns nicht gemeinsam war. Deswegen muss sie in 6 (jed ä tag isch d ä teebee voll ä und ich chumm ä fasch n ü mm zur t ü r ine vor luuter f ä nposcht) deutlich nachdoppeln, damit die Ironie erkennbar wird. Das vorherige, zu subtile Ironiesignal der Übertreibung, führt sie nun so stark aus, dass ihre Äusserung eine komische Wirkung erlangt, indem sie sich auf beinahe slap-stick-artige Weise mit einer Berühmtheit vergleicht, die vor luuter f ä nposcht die Türe kaum mehr öffnen kann.

Die ironische Bezeichnung f ä nposcht hat eine weitere Funktion, denn normalerweise wird mit solchen Briefen eine Bewunderung oder eine Verehrung ausgedrückt. Im Zusammenhang von Sabines Situation kann dies durchaus als ein indirekter Angriff auf ihre Freunde verstanden werden, zu denen auch ihre Gesprächspartnerin am Telefon zählt. Offenbar hat sie den Eindruck, dass sie ihnen nicht wichtig oder gut genug erscheint, dass sie ihr schreiben würden. In diesem Sinne beinhaltet die durchaus witzige Ironie eine negative Wertung, indem sie ihre Freunde wegen ihrer Funkstille indirekt kritisiert.

Äusserung 7 (oh je d ä zuestand haltet sich n ö d ewig aa) nimmt Bezug auf die geäusserte Kritik, ohne aber näher darauf einzugehen. Hier ist der Vorteil der ironischen Äusserung gut erkennbar, denn Sabine kann sicher sein, dass ihre Kritik bei der Rezipientin angekommen ist, ohne dass sie sie direkt konfrontieren musste. Die Hörerin fühlt sich zwar leicht angegriffen, muss sich aber nicht, wie in diesem Fall ersichtlich, rechtfertigen oder auf die Kritik einlassen und kann so ihr Gesicht wahren. Eine Eskalation wird dadurch erfolgreich vermieden.

3.3. Beispiel 2: “Zentralbibliothek 1“

Vor der Zentralbibliothek treffen Nadja und Karen Karens beste Freundin Moni an. Sie kommt gerade mit einem eher unattraktiv aussehendem Buch zur Tür hinaus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieses Beispiel ist insofern interessant, da es den Aspekt der unterschiedlichen Beziehungsdauer und somit auch die verschiedenen Wissensbestände beleuchtet. Eine längere Bekanntschaft hat einen entscheidenden Einfluss auf den Verlauf einer Interaktion, da jene eine genauere Einschätzung des Anderen ermöglicht und einen grösseren Spielraum für scherzhafte Aktivitäten eröffnet. Die Intensität der Beziehungen zwischen den drei Gesprächsteilnehmerinnen ist verschieden: Nadja und Moni kennen sich flüchtig, während sich Karen und Moni sehr lange kennen und einen regen Kommunikationsaustausch betreiben.

Diese unterschiedliche Voraussetzung ist Grund dafür, weshalb die Ironie nicht von allen dreien verstanden wird.

Die Ironie wird bereits in 1 initiiert, indem ein unattraktiv aussehendes Buch als interessant bezeichnet wird. Moni erkennt sogleich die Unangemessenheit zwischen der ironischen Äusserung interessant und ihrem Kontext “hässlicher Buchumschlag mit kompliziertem Titel” und quittiert, dass sie solche Bücher mit Vorliebe sammelt. Bei Nadjas folgender Frage 3 (muesch ä n arbet schriibe) wird nicht klar, ob sie die vorangegangene Ironie zur Kenntnis genommen hat und nun den Themenbereich wechselt, oder, ob die Ironie von ihr unbemerkt blieb. Das scheint auch Moni unklar zu sein: Zuerst beantwortet sie die Frage mit mhm leider, fügt aber sogleich den ironischen Kommentar aber d ä prof h ä t mer dasmal tats ä chlich b ü echer zum l ä s ä aageh an. Für Nadja, die diese Äusserung nicht ironisch interpretieren kann, ist dies ein Verstoss gegen die Maxime der Relation. Sie ist ferner nicht in der Lage, Monis Intention, nämlich die indirekte Kritik an ihrem Professor, zu erschliessen Zurück bleibt nur ein fragendes hmm.

Karen hingegen, interpretiert Monis ironischen Kommentar richtig. Dadurch, dass es zwischen Moni und Karen eine längere Interaktionsgeschichte gibt, weiss Karen, worauf Moni anspielt und somit ist es ihr möglich, den relevanten Wissensbestand heranzuziehen. Das Ironiesignal, das nachdrückliche tats ä chlich, ist für Nadja in dieser Situation einerseits zu schwach und andererseits verfügt sie nicht über den Wissensbestand von Monis Erfahrung beim Arbeiten schreiben.

3.4. Beispiel 3: “Zentralbibliothek 2”

Moni will sich in der Zentralbibliothek ein permanentes Kästchen reservieren lassen. Sie fragt am Informationsschalter eine ca. 40 jährige Frau, wie sie das anstellen soll. Sie weiss nämlich, dass es dafür ziemlich viel Ausdauer braucht und, dass sich die Aktion vor allem durch frühzeitiges Aufstehen auszeichnet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Moni ist gewissermassen “vorbelastet“ als sie um die Information bittet, denn sie weiss bereits, dass das Kästchenverfahren in der Zentralbibliothek dem Darwinistischen Modell “The survival of the fittest“ entspricht. Da dies nicht ihren Wertvorstellungen entspricht, ist bei ihr bereits ein gewisses Agressions- Potenzial vorhanden. Dies findet seinen Ausdruck in ihrem nachdrücklichen eso in 3, welches die Antwort 2 (da m ü nd sie sich … bi mir uf d ‘ wartelischte iitr ä ge laa) als zu einfach und banal entlarvt. Indem Moni die Antwort 2 mit ihrem eso aufgreift, wertet sie das Gesagte nicht nur indirekt kritisch, sondern stellt die Äusserung des Gegenübers bloss. In diesem Sinne könnte man sagen, dass im nachdrücklichen eso Ironie mitschwingt.

Die Frau hat diese ironische Kritik richtig erkannt und versucht Moni in 4 die Vorgehensweise zu erklären (d ‘ ch ä schtli sind sehr beliebt), räumt aber schlichtend ein, dass es etwas mehr Ausdauer braucht (meischtens h ä ts am foif ab achti ä kei meh). Interessanterweise quittiert Moni die einlenkende Antwort mit einer witzigen, ironischen Inszenierung, in welcher sie die Absurdität des Systems aufzeigt. Indem sie sich schon fast mit einer 100m-Läuferin vergleicht, welche ä n sprint anelegge muss, um zu einem Kästchenschlüssel zu kommen, äussert sie sich kritisch, ohne aber die Frau am Informationsschalter direkt anzugreifen. Ausserdem scheint die Assoziation so gelungen zu sein, dass die Frau belustigt direkt auf die Inszenierung in 6 Bezug nimmt und die fiktive 100m-Lauf-Situation zuspitzt (verg ä ssed si n ö d dunne d ä balascht abzwerfe). Dieses beinahe absurde Szenario scheint eine solche Lust zu bereiten, dass beide Gesprächsteilnehmerinnen den verbalen Schlagabtausch noch etwas weiter führen.

Meiner Meinung nach zeigt dieses Beispiel gut, wie durch das ironische Sprachmittel Spannungen entladen und Aggressions-Potenziale vermindert werden. Im Endeffekt war dieses Gespräch sicher auf beiden Seiten befriedigend. Moni konnte ihre Kritik anbringen und wurde, weil diese indirekt und witzig formuliert war, nicht einfach abgewiesen. Die Frau, hingegen, konnte die Kritik wegstecken und sogar darauf eingehen, weil die negativen Wertungen in gelungener Ironie verpackt waren. Insofern war die Ironie konstruktiv für den Gesprächsverlauf.

4. Fazit

Es ist erstaunlich, wie selten Ironie von den Rezipienten falsch interpretiert wird. Vor allem, wenn man bedenkt, wie viele Formen die Ironie annehmen kann und wie viele verschiedene Funktionen sie in der Kommunikation ausübt. Ziel dieser Ausführung war aufzuzeigen, durch welche Grundlagen sich die Ironie auszeichnet und wie diese den Gesprächsverlauf beeinflussen. Auf eine griffige Formulierung, was unter Ironie zu verstehen ist, wurde verzichtet, da es dem Ironie-Phänomen immanent zu sein scheint, dass es sich gerade nicht in eine Kategorie einordnen lässt. Vielleicht hat dies damit zu tun, dass uns die Ironie, wie auch unter dem Aspekt der Ästhetik erwähnt, einen Bedeutungsraum eröffnet, der sich eben nicht mit einigen Schlagwörtern eingrenzen lässt.

Deshalb scheint mir ein interdisziplinärer Ansatz eine Notwendigkeit zu sein, um sich an den Facetten-Reichtum der Ironie heranzutasten. In einem grösseren Rahmen ist die Ironie nicht nur von Situation, Wissensbeständen und sprachlichen Grundlagen abhängig, sondern kann als ein kulturelles Phänomen betrachtet werden. Man könnte sagen, dass sich in der Ironie gewisse Aspekte unserer Kultur wiederspiegeln. In gewissen Ländern ist die Ironie beinahe traditionell institutioniert, in anderen spielt sie sich eher hinter den Kulissen ab.

Die Ironie ist eine schillernde Figur, die sich nie ganz festmachen lässt. Insofern war die Bezeichnung in der Antike, dass sie wahrscheinlich gar nicht so unpassend.

5. Transkriptionszeichen

: Dehnung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bibliografie:

Attardo, S.: Linguistic Theories of Humor. Berlin 1994.

Böhler, M.: Die verborgene Tendenz des Witzes. Deutsche. Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Band 55:3. 1981, S. 351-378.

Cicero, M. T.: De Oratore. Hrsg. u. übers. v. Harald Merklin. Stuttgart 1976.

Groeben, N. & Scheele, B.: Produktion und Rezeption von Ironie. Pragmalingustische Beschreibung und psycholinguistische Erklärungshypothesen. Band 1. Tübingen 1984.

Hartung, M.: Ironische Äusserungen in privater Scherzkommunikation. In: Kotthoff, H. (Hrsg.): Scherzkommunikation. Beiträge aus der empirischen Gesprächsforschung. Opladen 1996, S. 109-143.

Hartung, M.: Ironische Äusserungen im Freundeskreis. In: Brock, A. & Hartung, M. (Hrsg.): Neuere Entwicklung in der Gesprächsforschung. Tübingen 1998. S. 127-151.

Kohvakka, H.: Ironie und Text: Zur Ergründung von Ironie auf der Ebene des sprachlichen Textes. Frankfurt a. M. 1997.

Kotthoff, H. (Hrsg.): Scherzkommunikation. Beiträge aus der empirischen Gesprächsforschung. Opladen 1996.

Lapp, E.: Linguistik der Ironie. Tübingen 1992.

Plett, H. F: Ironie als stilrhetorisches Paradigma. In: Ars Semeiotica 4/1, 1982. S. 75-89.

Quintilianus, M. F.: Institutionis Oratoriae. Hrsg. u. übers. v. Helmuth Rahn. Darmstadt 1975.

Schwitalla, J: Poetisches in der Alltagskommunikation. In: Halwachs, D. (Hrsg.): Sprache, Onomatopöie, Rhetorik, Namen, Idiomatik, Grammatik. Graz 1994, S. 227-243.

Searle, J. R.: Speech Acts. An Essay in the Philosophy of Language. Cambridge 1969.

Sperber, D. & Wilson, D.: Irony and the Use-Mention Distinction. Oxford 1981.

Stempel, W.-D.: Ironie als Sprechhandlung. In: Preisendanz, W. & Warning, R. (Hrsg.): Das Komische. München 1976, S. 205-235.

1 Lapp (1992: 18)

2 Cicero, De orat. II, 269: “[…] ea dissimulatio, quam Graeci eironeia vocant […] Urbana etiam dissimulatio est cum alia dicuntur sentias […] cum genere orationis severe ludas, cum aliter sentias ac loquare.”

3 Auch Stempel (1976: 226) weist darauf hin, dass es sich bei den konventionalisierten Formen der Ironie eher um “Sonderfälle” handelt.

4 Searle (1969: 66)

5 Vgl. u.a. Groeben / Scheele (1984), Lapp (1992), Kohvakka (1997)

6 Lapp (1992: 27) bezeichnet die romantische Ironie als ein Vorläufer moderner Verfremdungstechniken.

7 In: Athenäum, 3. Band, Heft 2. 1800

8 Besonders in England entstand im 18. Jhd. eine satirische Literaturform, z.B. von Autoren wie Swift, bei der die Romanstruktur als Vehikel der Ironie dient.

9 Lapp (1992) geht im 1. Teil seiner Arbeit sehr ausführlich auf die verschiedenen Ansätze zur Ironie ein.

10 Vgl. Plett (1982)

11 Vgl. Lapp (1992: 42)

12 Z.B. Wenn eine Behauptung von einem Sprecher als Aufforderung intendiert wird und vom Hörer als solche erschlossen wird.

13 Beispiel aus Lapp (1992: 96)

14 Diese agressiven Ausprägungen von Ironie würden wir entweder als Sarkasmus bezeichnen (vgl. griech. sarx, sarcos: das Fleisch; sarkastisch: “zerfleischend”), wenn der Sprecher sich oder andere verletzen oder angreifen will, oder als Zynismus, wenn der Sprecher eine skeptische und affektive Distanzierungshaltung einnimmt.

15 Begriff in Groeben/Scheele (1984: 61)

16 Siehe auch 1.1. zur konventionalisierten Ironie

17 Siehe 3.3.

18 Zu diesem Schluss kommt auch Hartung (1998: 140)

19 Das Gricesche Modell wurde von Lapp (1992: 64) übernommen

20 Der Begriff des “impliziten Kommentars” verdeutlicht den für die Ironie charakteristischen Effekt, der Gesprächssituation einen grossen Teil Information hinzuzufügen (ohne ihn explizit aussprechen zu müssen), um so Sprecher- und Hörerverständnis in Kongruenz zu bringen.

21 Vgl. Hartung (1998: 142)

22 Kotthoff (1996) verwendet die Termini Spass, Humor und Scherzkommunkation gleichermassen als Oberbegriffe für den Phänomenbereich des Nicht-Ernstes in der mündlichen Kommunkation.

23 Für eine Übersicht über die Humorforschung vgl. Attardo (1994)

24 De Orat., II: 261

25 Inst. Orat., VI: 68

26 Vgl. u.a. Attardo (1994), Böhler (1981)

27 Vgl. Hartung (1996: 118)

28 Vgl. 2.2.

29 Vgl. 2.1. / 2.2.

30 TB = Telefonbeantworter

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Aspekte und Effekte der Ironie in der Alltagskommunikation
Autor
Jahr
2001
Seiten
22
Katalognummer
V101530
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aspekte, Effekte, Ironie, Alltagskommunikation
Arbeit zitieren
Karen Ballmer (Autor), 2001, Aspekte und Effekte der Ironie in der Alltagskommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101530

Kommentare

  • Gast am 12.9.2001

    intelligente arbeit.

    übersichtliche arbeit zum thema ironie. scharfsinnige beispiele. hat mir sehr geholfen. danke!

  • Gast am 16.6.2002

    hilfreich.

    Ein sehr schönes Thema, sehr schwierig, wie ich meine. Aber gute Umsetzung. Hat mir bei der Klärung des Begriffes "Romantische Ironie" geholfen.

Im eBook lesen
Titel: Aspekte und Effekte der Ironie in der Alltagskommunikation



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden