Die Theorien des differentiellen Lernens und ihr Bezug zur Jugendkriminalität


Hausarbeit, 2001
10 Seiten, Note: sehr gut

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Die Theorien des differentiellen Lernens und ihr Bezug zur Jugendkriminalität

Einleitung

Da ich oft danach gefragt werde, möchte ich kurz erläutern, warum ich dieses Thema gewählt habe.

Innerhalb einer Aktion mit der Video-AG drehten wir einen Film in Kooperation mit dem Landeskriminalamt. Während dieser Zeit beschäftigte mich die Frage, warum Jugendliche kriminell werden und warum sie in Gruppen kriminell werden. Ich setzte mich mit der Kriminalitätsstatistik des Landeskriminalamtes auseinander. Auch im Gespräch mit den Kriminalbeamten tauchte die Frage nach dem „Warum“ immer wieder auf. Ich lernte dann in dieser Zeit einen ehemaligen Pädagogikstudenten kennen, der mit mir über dieses Thema diskutierte. Daraus resultierend suchte ich nach Literatur, die sich mit dem Thema „abweichendes Verhalten“ beschäftigte. Aus dieser Literatur musste ich nun selektieren, womit ich mich beschäftigen wollte und die folgenden Theorien schienen mir am besten geeignet.

Die Theorien des differentiellen Lernens basieren auf allgemeinen Lerntheorien und wenden diese unter spezifischen Bedingungen auf abweichendes Verhalten an. Zunächst einmal möchte ich an dieser Stelle erklären, dass ich den Begriff des „abweichenden Verhaltens“ in dieser Arbeit als „Kriminalität“ definiere. Abweichendes Verhalten ist „ein Verhalten von Personen oder Gruppen, das nicht den für Interaktions-Beziehungen in einer Gesellschaft oder in einer ihrer Teilstrukturen (Lebensbereiche, Organisationen, Institutionen) gültigen regeln, Normen, Vorschriften oder Verhaltenserwartungen entspricht“(Hartfiel, 4). In dieser Arbeit handelt es sich dabei ausschließlich um kriminelles Verhalten.

Basis der Theorien des differentiellen Lernens ist, dass abweichendes sowie konformes Verhalten erlernt wird. „Lernen“ bedeutet in diesen Theorien einen Prozess, der in einer Interaktion und Kommunikationsbeziehung mit einem anderen Mitglied der Gesellschaft stattfindet und in dessen Folge Handlungsprozesse aus dieser Interaktion übernommen oder abgelehnt werden. Grundsätzlich möchte ich nur auf die „Theorie der differentiellen Assoziation“ und auf die „Theorie der differentiellen Verstärkung“ eingehen, da ich sonst den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. In der Erklärung und Erläuterung der

Theorien werde ich mit der ältesten beginnen. Sie nennt sich die „Theorie der differentiellen Assoziation“ und ihr Autor heißt E.H. Sutherland.

Die Theorie der differentiellen Assoziation

Diese Theorie wurde 1939 erstmals von Sutherland formuliert und später von seinem Schüler und Mitarbeiter Cressey weitergeführt. Sie wird auch „Theorie der differentiellen Kontakte“ oder „Theorie der differentiellen Lernstrukturen“ genannt. Sutherland versuchte mit dieser Theorie die Verteilung von Kriminalitätsraten zu erklären und den Ablauf des Erlernens von abweichendem Verhalten darzustellen. In diesem Zusammenhang bedeutet differentielle Assoziation die Kontakte mit abweichenden und nicht abweichenden Verhaltensmustern, sogenannten „patterns“. Denn nur durch diesen Kontakt können diese Verhaltensmuster auch übernommen werden, wobei hier nicht allein die persönlichen Kontakte gemeint sind, sondern auch andersartige Kontakte mit abweichendem bzw. konformem Verhalten, wie z.B. ein Kinofilm etc., wobei Sutherland den persönlichen Kontakten die meiste Bedeutung beimisst. Die zentrale Aussage, die Sutherland vornimmt, die aber noch weiter ausgeführt werden muss, lautet: „daß eine Person dann delinquent wird, wenn Gesetzesverletzungen begünstigende Einstellungen gegenüber den Einstellungen, die Gesetzesverletzungen negativ bewerten, überwiegen.“(Lamnek, S.188)

Die Lebensgeschichte jedes Individuums ist besonders wichtig für das abweichende Verhalten ebenso wie die aktuellen Umstände in der Situation des abweichenden Verhaltens. Es geht also bei der Entscheidung, ob abweichendes Verhalten begangen wird nicht darum, ob die Situation günstig ist, sondern vielmehr darum, ob sie von der Person als günstig eingeschätzt wird. Zu dem Begriff der Lebensgeschichte gehören Bestandteile wie die Lebensverhältnisse, Merkmale der Persönlichkeit und die Zahl der erlernten Verhaltensweisen und deren Beherrschung. Diese nun genannten Faktoren sind individuelle Faktoren, die zwar auch durch die Gesellschaft beeinflusst werden, aber doch bei jedem anders sein können. Doch sie alleine genügen nicht um das auftreten von Devianz zu erklären.

Die Vorgänge und Ursachen für abweichendes Verhalten wurden von Sutherland in neun Thesen formuliert, die ich an dieser Stelle darstellen und evtl. erklären möchte. (vgl. Sutherland 1968, S.394ff.)*

- „Kriminelles Verhalten ist erlerntes Verhalten“, d.h. dieses Verhalten hat man nicht von Geburt an, sondern es wird durch Übung erlernt.

- „Kriminelles Verhalten wird in Interaktion mit anderen Personen in einem Kommunikationsprozeß gelernt.“

Ich denke dieser Punkt muss nicht weiter erklärt werden.

- „Kriminelles Verhalten wird hauptsächlich in intimen persönlichen Gruppen gelernt.“ Sutherland misst dagegen den Massenmedien wenig Bedeutung bei, was das Erlernen von abweichendem Verhalten angeht.

- „Das Erlernen krimineller Verhaltensweisen schließt das Lernen

a) der Techniken zur Ausführung des Verbrechens, die manchmal sehr kompliziert, manchmal sehr einfach sind,
b) die spezifische Richtung von Motiven, Trieben, Rationalisierungen und Attitüden ein.“

- „Die spezifische Richtung von Motiven und Trieben wird gelernt, in dem Gesetze positiv oder negativ definiert werden.“

Das bedeutet, dass Sutherland eine konkurrierende Definition der Situation voraussetzt, und das der Betroffene sich in einer Konfliktsituation von positiver und negativer Definition eines Gesetzes befindet.

- „Eine Person wird delinquent infolge des Überwiegens der die Verletzung begünstigenden Einstellungen über jene, die Gesetzesverletzungen negativ beurteilen.“ Das besagt, dass Delinquenz in einem Falle eintritt, in dem Milieubedingungen bestehen, die überwiegend die Gesetze ablehnen, anstatt sie zu befürworten. An dieser Stelle lässt sich Kritik üben, was die praktische Anwendung bzw. den Bezug zur Kriminalität angeht. Delinquenz nur auf das quantitative Überwiegen von Bedingungen zu reduzieren ist etwas problematisch. Denn es ist wohl in der Praxis schwer möglich ein solches Überwiegen zu ermitteln.

- „Differentielle Kontakte variieren nach Häufigkeit, Dauer, Priorität und Intensität.“ Die hier besagten differentiellen Kontakte sind Kontakte mit abweichendem und konformem Verhalten. Der Begriff Priorität sollte klar sein. Er meint, dass Kontakte in der frühkindlichen Sozialisation Priorität gegenüber anderen haben können etc. Mit Intensität ist gemeint, mit welchen Emotionen man einen Kontakt verbindet. Ein Kontakt mit abweichendem Verhalten innerhalb der Familie ist beispielsweise viel „intensiver“, als ein Kontakt mit einem fremden Kriminellen. Wie das Verhältnis von den hier genannten Faktoren aussehen muss, beschreibt Sutherland nicht weiter; er behauptet allerdings, man könne es in einer mathematischen Formel darstellen, was aber sehr schwer sei.

- „ Der Prozeß, in dem kriminelles Verhalten durch Kontakte mit kriminellen und antikriminellen Verhaltensmuster gelernt wird, umfaßt alle Mechanismen, die bei jedem anderen Lernprozeß auch beteiligt sind“ Hier verdeutlicht Sutherland, dass abweichendes Verhalten nicht durch einen besonderen oder andersartigen Prozess erlernt wird.

- „Obwohl kriminelles Verhalten ein Ausdruck genereller Bedürfnisse und Werte ist, wird es nicht durch diese generellen Bedürfnisse und Werte erklärt, da nicht- kriminelles Verhalten Ausdruck eben derselben Bedürfnisse und Werte ist“ So unterscheidet das Streben nach Reichtum einen Dieb von einem Bänker nicht, aber es erklärt keinesfalls das abweichende Verhalten des Diebes.

Sutherland stellte dennoch selber fest, dass differentielle Kontakte keine hinreichende Bedingung für das Auftreten abweichenden Verhaltens sind. Die differentiellen Kontakte seien aber in dem Sinne notwendige Bedingung, dass ein Auftreten kriminellen Verhaltens nicht ohne Kontakt mit kriminellen Verhaltensmustern stattfinden könne. Donald H. Cressey hat noch ein paar Einwände gegen Sutherlands Arbeit gehabt, die aber größtenteils auf Missverständnissen in der Interpretation der Begrifflichkeiten beruhte, Sutherland selber machte sich jedoch desweiteren Gedanken, ob er Persönlichkeitsmerkmale in seine Theorie mit aufnehmen sollte. Allerdings hielt er Persönlichkeitsvariablen in dieser Theorie eher für unbekannte Bedingungen. Mit der Vernachlässigung der Persönlichkeitsmerkmale kam dann natürlich die Vernachlässigung von individuellen Reiz-Reaktions-Mechanismen. Das bedeutet, dass nicht jeder auf ein Umfeld gleich reagiert und dann dementsprechend kriminell oder nicht kriminell wird. Zwar könnte man die Wahrnehmung und Interpretation eines Umfeldes auch auf schon vorher gelernte Wahrnehmungsprozesse zurückführen, was jedoch unsinnig wäre. Hier verhält es sich wie bei der Frage nach Intensität und Priorität der Kontakte. Sutherland wurde vorgeworfen , dass seine Theorie diesen Prozess des Erlernens von kriminellem Verhalten zu sehr vereinfache und nicht genau genug darstelle.

Darstellungsformen von Sutherlands Theorie

Aufgrund dieser Kritik versuchte man Darstellungsformen für diese Theorie zu finden, um sie vereinfacht beziehungsweise zusammengefasst darzustellen.

Aus der Quelle “Theorien abweichenden Verhaltens“ von Siegfried Lamnek stelle ich jetzt hier eine Zusammenfassung der Theorie vor. Eine Darstellung in Hypothesenform. Diese Darstellung habe ich der oben genannten Quelle entnommen, dessen Autor, Siegfried Lamnek, diese wiederum aus Springer 1973, S.14 entnahm.

„(1) Wenn eine Person Mitglied einer Gesellschaft ist, die aus verschiedenen sozialen Gruppen besteht, die kriminelle und antikriminelle Verhaltensmuster halten und
(2) wenn eine Person zu beiden Systemen von Verhaltensmustern Zugang hat, sie diese durch Interaktion jeweils mit Gruppenmitgliedern erlernt und
(3) wenn in Situationen die erlernten Verhaltensmuster, Einstellungen, Motive und Rationalisierungen der kriminellen Gruppe gegenüber denen der Gruppe, die antikriminelle Verhaltensmuster etc. vermittelt hat, überwiegen,

(0) dann wird diese Person kriminelle Verhaltensmuster zeigen“ (Springer 1973, S.14, aus Lamnek S.194).

Die Theorie der differentiellen Verstärkung

Die Autoren dieser Theorie heißen Burgess und Akers und sie entwickelten diese Theorie als Überarbeitung der Theorie Sutherlands, der Theorie der differentiellen Assoziation. Sie glaubten nach der empirischen Überprüfung der Sutherlandschen Theorie, diese sei unzureichend und zum Teil auch widersprüchlich. Die Autoren halten die Anwendung der Inhalte der Lerntheorie auf die Assoziationstheorie für hypothetisch und sind der Meinung, dass sich auch Identifikationsprozesse lerntheoretisch erklären lassen. Sie wollen die Assoziationstheorie nun im Rahmen der Lerntheorie darstellen um aufzuzeigen, wie sie sich ableitet. Im groben wollen sie die Vorzüge der Lerntheorie für die Erklärung kriminellen Verhaltens aufzeigen. Zum Verständnis dieser Theorie werden Kenntnisse der Lerntheorie vorausgesetzt. Burgess und Akers bauen ihre Theorie auf den Grundlagen der Verhaltenstheorie auf. Dabei geht es hauptsächlich um das Verhältnis von Reiz- Reaktionsmechanismen.

Ich möchte aber an dieser Stelle die Kenntnis dieser Grundlagen voraussetzen, da diese nicht Gegenstand meiner Arbeit sind.

Burgess und Akers bauen ihre Theorie auf mehreren Fragen auf. Grundsätzlich geht es darum, wie ein Individuum kriminelles Verhalten erlernt, wie dieses Verhalten verstärkt wird. Die beiden Autoren halten eine Kombination der Assoziationstheorie mit der Lerntheorie, im Hinblick auf die Erklärung von deviantem Verhalten für erfolgreich. Grundlegend erachten die Autoren die Wirkung von Assoziationen im Falle des Fehlens von Verstärkung für unzureichend, um kriminelles Verhalten zu erklären. Im folgenden komme ich zur Erläuterung der Thesen.

Im Gegensatz zu Sutherlands Meinung, dass das Lernen kriminellen Verhaltens durch Assoziationen keine anderen Lernmechanismen beinhaltet als andere Lernprozesse auch, sagen die beiden Autoren, dass kriminelles Verhalten durch operante Konditionierung erlernt wird.

Das meint, dass eine Person schon immer in irgendeiner Weise reagiert hat, aber aufgrund der Reaktionen auf sein Verhalten (z.B. Verstärker) die Häufigkeit ändert. Desweiteren stellen sie die These auf, dass in Ergänzung zu Sutherland kriminelles Verhalten nicht nur in der sozialen Interaktion mit einem Kommunikationspartner gelernt wird, sondern dass es auch außerhalb solcher Interaktionsprozesse verstärkt werden kann. Besonders schreiben Burgess und Akers, dass kriminelles Verhalten in Gruppen zwar erlernt wird, aber nur in solchen Gruppen, die Hauptverstärkungsquellen des Individuums sind bzw. in Bezug auf die Verstärkung bei dem Individuum Priorität haben. Die Aussendung von Verstärkern bestimmt darüber, ob Regeln und Normen von einem Individuum positiv oder negativ definiert werden, was zur Folge hat, ob sie befolgt werden oder nicht.

Nicht viel anders als Sutherland, der Delinquenz als Summe einer überwiegend negativen Beurteilung von Gesetzen sieht, sagen Burgess und Akers, dass kriminelles Verhalten eine Ausführung von Normen ist, die positiv verstärkt wurden und die im höheren Maße verstärkt wurden, als die Normen nichtkriminellen Verhaltens. Der Betrag, die Häufigkeit und die Wahrscheinlichkeit einer Verstärkung bestimmen die Stärke des kriminellen Verhaltens.

Jugendkriminalität

„Jugendkriminalität, das Verhalten (Tun oder Unterlassen) Jugendlicher (d.h. der 14- 17jährigen), das gegen ein Strafgesetz der Ges. verstößt“(Hartfiel 1976, S.324). Im Land Nordrhein-Westfalen lag die Zahl der bekannt gewordenen Straftaten Jugendlicher im Jahre 1998 bei 1 331 777. Davon konnten 663 579 geklärt werden. Der Schwerpunkt im Deliktsbereich lag in dem Bereich des Diebstahls, mit 55,8%. Ein kleiner, aber wichtiger Teil ist die Gewaltkriminalität mit 3,2%. Die Zahl der Gewaltdelikte war bis zum Jahre 1998 kontinuierlich gestiegen. Die Tatverdächtigenzahlen sind ab dem Jahr 1994 bis zum Jahr 1998 stark angestiegen und die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen liegt überhalb der tatverdächtigen Heranwachsenden.

Das soll ein kurzer Überblick über die Zahlen der Jugendkriminalität sein, wobei zu ergänzen ist, dass in die Statistik der Tatverdächtigen jede Person eingeht, die angezeigt wird, eine Straftat begangen zu haben. Ob dies nun tatsächlich der Fall ist, wird in diese Statistik nicht mit aufgenommen.

Bezug der Theorien zur Jugendkriminalität

Die Theorien, die ich hier vorgestellt habe, beziehen sich hauptsächlich auf die Erklärung von Kriminalität. Von diesem Punkt ist es sicher nicht schwierig auf die Jugendkriminalität zu kommen, da die Theorien ihren Schwerpunkt auf das Erlernen von kriminellem Verhalten setzen.

Es hat sich für mich als kompliziert herausgestellt, diese Theorien an Statistiken zu belegen und ich bin in diesem Punkt auch auf ein Ende meines Wissens bzw. meiner Befähigung gestoßen, was den Umgang mit Theorien und empirischen Arbeiten angeht. Zunächst möchte ich auf eine Statistik eingehen, die ich in einer Längsschnittstudie von Uwe Engel und Klaus Hurrelmann entdeckt habe. Der Titel heißt, „Was Jugendliche wagen“. Hier habe ich eine Statistik gefunden, die eine Hypothese der Autoren Burgess und Akers unterstützt. Ich möchte kurz noch einmal die Hypothese darstellen.

Auch Sutherland hat sich dazu geäußert und zwar geht es darum, dass kriminelles Verhalten in Gruppen gelernt wird, beziehungsweise verstärkt wird. In dieser Statistik erklären die Jugendlichen, welche Kriterien der sozialen Akzeptanz in ihrem Freundeskreis sehr wichtig sind. Anpassung und Soziabilität stellen einen Teil der wichtigsten Antworten dar.

Anpassung bedeutet, dass die Jugendlichen ihre eigene Person zurückstellen und sich so gut wie möglich der Gruppe anpassen. Unter Soziabilität fallen Begriffe wie Unternehmungsgeist und Alles-Mitmachen.

Die hier aufgeführten Punkte können Verstärker sein, die einem Individuum von einer Gruppe entgegengebracht werden können. Das Streben nach Akzeptanz in einer sozialen Gruppe stellt einen wichtigen Verstärker dar, was die Entscheidung zu kriminellem Verhalten angeht. (Die Statistik ist in dem Buch auf Seite 87 zu finden.) In der Jugendkriminalitätsstatistik von 1998 erstellt vom Landeskriminalamt befindet sich eine Aufschlüsselung der Tatverdächtigenzahlen nach Alter (S.12). Diese Statistik zeigt, dass die Tatverdächtigungen mit wachsendem Alter zunehmen, was dafür spricht, dass kriminelles Verhalten erlernt wird. Sicherlich spielen da noch viele andere Faktoren mit, aber es widerspricht beispielsweise einer Theorie, die ein kriminelles Verhalten durch Vorhandensein einer Veranlagung erklärt. Dann müssten die Zahlen der Tatverdächtigen näher beieinander liegen, da Jugendliche ähnlich viele Straftaten begehen müssten wie Personen ab 21 Jahren.

Um die Theorien wirklich sicher zu belegen habe ich keine Materialien gefunden. Ich habe leider auch keine Statistiken zu Milieubedingungen in Bezug auf Jugendkriminalität gefunden, so wie ich es geplant hatte.

Bewertung der Theorien

Ich bin natürlich fachlich nicht in der Lage diese Theorien zu bewerten und zu vergleichen, da mir eine umfassende Kenntnis der Thematik fehlt. Allerdings möchte ich meine Eindrücke und meine Erfahrungen gerne formulieren.

Die Theorie der differentiellen Assoziation ist meiner Meinung nach sehr gut nachvollziehbar. Dass kriminelles Verhalten durch die Assoziation mit devianten und konformen Verhaltensweisen führt, ist nicht genug. Nicht der Kontakt mit den Verhaltensweisen führt zur Entstehung von kriminellem Verhalten, sondern das Überwiegen von kriminellen Verhaltensmustern.

Sutherland meint in seiner Theorie, dass kriminelles Verhalten ohne einen Kontakt mit kriminellem Verhalten nie entstehen könnte. Damit beschränkt die Theorie sich aber auf eine bestimmte Art von Tätern, bzw. sie lässt einige außen vor. Beispielsweise sogenannte „White-Collar“-Verbrecher, das sind Industriekriminelle, fallen, genau wie die Triebtäter, aus diesem Raster heraus. Sutherland wollte Persönlichkeitsmerkmale in seine Theorie mit einbringen, entschied sich ja dann doch dagegen. Mit Begriffen wie „Persönlichkeit“ könne die Entstehung von kriminellem Verhalten auch nur mangelhaft erklärt werden. Die Problematik, die ich bei der Weiterentwicklung seitens Burgess und Akers als besser gelöst betrachte, ist Sutherlands Vernachlässigung von individuellen Reiz-Reaktions-Mechanismen. Von zwei Personen, die in der selben Stadt bzw. im selben Milieu aufwachsen, kann der eine kriminell werden und der andere nicht. Sutherland wurde ebenfalls mehrfach vorgeworfen, dass seine Theorie zu abstrakt dargestellt sei, diesem Problem wurde, wie erwähnt, bereits durch Fremddarstellungen abgeholfen.

Ein weiteres Problem ist meiner Ansicht nach die schlechte Operationalisierung, d.h. die Anwendbarkeit auf die Sozialforschung und auch auf die Präventionsarbeit. Die Theorie, die Sutherland ausarbeitete und die nachher weiterentwickelt wurde, ist sicherlich in vielen Punkten richtig, allerdings hilft sie nicht bei der Bekämpfung bzw. bei der Prävention von kriminellem Verhalten. Die theoretische Erklärung von Verhalten und die tatsächliche Konfrontation bzw. die praktische Umsetzung sind zwei verschiedene Dinge. Darüber hinaus kann meiner Meinung nach keine Theorie für sich in Anspruch nehmen, kriminelles Verhalten zu erklären oder den Entstehungsvorgang vollständig beleuchtet zu haben.

Abschließend möchte ich auch für mich selber ein Fazit ziehen, inwiefern diese Arbeit mich in der anfangs gestellten Frage nach einer Erklärung der Jugendkriminalität weitergebracht hat.

Ich kann jetzt sagen, dass ich einen Einblick in die komplizierten Zusammenhänge solcher Theorien bekommen habe. Mir ist klar geworden, dass man das Spektrum an Ursachen gar nicht in eine Theorie fassen kann. Es ist also wohl bis heute noch nicht gelungen zu erklären, warum Menschen kriminell werden.

Durch solche Theorien werden Möglichkeiten eingegrenzt und es werden Denkanstöße gegeben, doch eine wirklich und einzige Antwort geben sie vielleicht nicht. Für mich ist nach dieser Arbeit die Frage nach den Gründen für Kriminalität noch nicht geklärt, aber ich bin angeregt worden mich mit diesem Thema weiter zu beschäftigen.

[...]


* Die Zitate von Sutherland stammen aus der Quelle „Theorien abweichenden Verhaltens“ von Siegfried Lamnek S. 189 ff.

9 von 10 Seiten

Details

Titel
Die Theorien des differentiellen Lernens und ihr Bezug zur Jugendkriminalität
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
10
Katalognummer
V101711
Dateigröße
345 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorien, Lernens, Bezug, Jugendkriminalität
Arbeit zitieren
Rasmus Oertel (Autor), 2001, Die Theorien des differentiellen Lernens und ihr Bezug zur Jugendkriminalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101711

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