Psychologische Aggressionstheorien und aggressives Verhalten von Heimkindern im Alter von 6-12 Jahren am Beispiel einer Wohngruppe in Berlin Kreuzberg


Magisterarbeit, 2002

79 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Erster Teil:

2. Zum Verständnis des Begriff „Aggression“
2.1. Schwierigkeiten bei der genauen Definition von Aggression
2.2. Definitionen und Klassifikation von Aggression
2.3. Aggressionsmotivationen und Erscheinungsformen von Aggression
2.3.1. Ärger-Aggression
2.3.2. Instrumentelle-Aggression
2.3.3. Spontane Aggression

3. Theorien zur Entstehung von Aggression
3.1. Psychoanalyse: Aggression als Ausdruck eines Triebes
3.2. Verhaltensforschung: Aggression als Instinkt
3.3. Frustrations-Aggressions-Hypothesen
3.3.1. Die Frustrations-Antriebs-Hypothesen
3.4. Paradigma der lernpsychologischen Aggressionstheorien
3.4.1. Imitationslernen (Lernen am Modell)
3.4.1.1. Unterschiedliche Modelle
3.4.2. Lernen am Effekt (Erfolg und Misserfolg)
3.4.3. Klassisches Konditionieren bzw. Signallernen
3.4.4. Kognitives Lernen
3.5. Ausblick

Zweiter Teil:

4. Kinder (Nicht-Heimkinder) und Aggressionen
4.1. Voraussetzungen und Risikofaktoren für aggressives Verhalten bei Kindern (Nicht-Heimkindern
4.1.1. Erbanlagen
4.1.2. Familiäre Einflüsse und nahe Umgebung
4.2. Modelle zur Entwicklung aggressiven Verhaltens von Kindern
4.3. Entwicklung von aggressiven Verhaltensweisen in den unterschiedlichen Lebensjahren von Kindern
4.3.1. Phase der Aggressivitätsetablierung und –differenzierung
4.3.1.1. Aggressivitätsentwicklung bei Mädchen und Jungen zwischen etwa sechs Jahren und der Pubertät
4.3.1.2. Beurteilung der Aggressivitätsentwicklung bei Kindern

5. Heimkinder und Aggression
5.1. Das Jugendaufbauwerk und das Angebot
5.2. Die „Familien aktivierende Wohngruppe“ des JAW
5.3. Kinderheim Adalbertstraße und die Heimbedingungen
5.4. Gründe für die Einweisung der Kinder in die „Familien aktivierende Wohngruppe“
5.5. Besondere Verhaltenscharakteristika von Heimkindern (allgemein) in Bezug zu auftretenden Aggressionen
5.6. Methodische Vorbemerkungen
5.7. Verhalten der Kinder nach der Aufnahme und nach der Eingewöhnungszeit
5.8. Beobachtungen von Aggressionen bei den 6-12jährigen Heimkindern in der Adalbertstraße
5.8.1. Aggressionen untereinander
5.8.2. Gruppengröße und aggressives Verhalten
5.8.3. Geschlechterverhältnisse und aggressives Verhalten
5.8.4. Alter und aggressives Verhalten
5.8.5. Geschwisterverhältnisse und aggressives Verhalten
5.8.6. Schulische Situation und aggressives Verhalten
5.8.7. Beziehung der Kinder zum Erziehungspersonal (Lehrern, Hausarbeitshilfe) und aggressives Verhalten
5.9. Zusammenfassung
5.10. Gründe für aggressive Verhaltensweisen bei den Heimkindern in der Adalbertstraße

6. Der Vergleich aggressiver Verhaltensweisen bei Heimkindern und bei Familienkindern
6.1. Erscheinungsweisen aggressiven Verhaltens
6.2. Motivationen aggressiven Verhaltens
6.3. Beurteilung der aufgestellten Hypothesen
6.3.1. Sind Heimkinder die aggressiveren Kinder?
6.3.2. Gibt es Unterschiede in den kindlichen Aggressionsmotivationen

7. Heimaufenthalt und aggressives Verhalten

8. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Warum sind Kinder aggressiv? Woher kommt dieses Verhalten? Und sind Kinder, die nicht zu Hause aufwachsen auf eine andere Art aggressiv als diejenigen, die in einer wohlbehüteten Umgebung mit Mutter und Vater leben?

Man könnte die Liste der Fragen, welche um das Wort Aggression entstehen, vielfältig erweitern. Die Literatur gibt diesbezüglich ein großes Spektrum an Wissenswertem wieder, um diese Fragen zu beantworten. Dennoch ist es der Allgemeinheit wie Eltern, Erziehern und Lehrern, die sich täglich mit ähnlichen Fragen beschäftigen, nicht immer möglich, sich angemessen zu verhalten und Aggressionen aufzufangen, um sie in die richtigen Bahnen zu lenken.

Während eines sechsmonatigem Praktikums in einem Kreuzberger Kinderheim sammelte ich vielfältige Eindrücke bezüglich der Hilflosigkeit von Eltern, Erziehern, Lehrern sowie Kindern, die mit aggressivem Verhalten auffällig wurden. Die Kinder scheinen in diesem Gefüge die größten Probleme mit ihrem Verhalten zu haben, zudem werden sie mit Begriffen wie „verhaltensgestört“ oder „verhaltensauffällig“ von ihrer Umwelt betitelt, was ihnen die Auseinandersetzung mit ihrem Verhalten nicht einfacher macht.

Woran also liegt es, daß Kinder aggressiv verhaltensauffällig werden? Spielt es hierbei eine Rolle, ob es sich um Heimkinder oder Familienkinder handelt?

So könnte man meinen, daß gerade Heimkinder, die meist aus unvollständigen Familien kommen, eher aggressiv sind und andere mögliche soziale Verhaltenskompetenzen nicht besitzen bzw. nicht erlernt haben.

Schwerpunkt dieser Arbeit soll es sein zu untersuchen, ob Heimkinder die aggressiveren Kinder sind. Die Beobachtungen aus dem Kinderheim dienen hierbei als Grundlage zur Beurteilung dieser Frage.

Die Zielgruppe der Einrichtung sind Kinder und ihre Eltern bzw. Familien, deren derzeitige Situation und Problemlage eine ausreichende Erziehung und Versorgung der Kinder nicht gewährleistet. Das heißt u.a., daß die Kinder meist aus sogenannten zerrütteten Lebensverhältnissen kommen. Dies kann z.B. in dem Vorhandensein einer Suchtproblematik eines oder beider Elternteile bestehen, die zu Gewalttätigkeiten gegenüber dem Kind führt oder zur Gewaltausübung gegenüber dem Partner. In vielen Fällen sind die Kinder bereits selbst aggressiv und gewalttätig anderen oder sich selbst gegenüber geworden. Meist sind es alleinerziehende Mütter, die die Hilfe der „Familien aktivierende Wohngruppe“ in Anspruch

nehmen, weil sie mit ihren Kindern „nicht mehr klar kommen“, sie verzweifelt sind oder keinen anderen Ausweg mehr sehen. Die Kinder sind überwiegend verhaltensauffällig, hyperaktiv, neurotisch, gewalttätig oder ähnliches (HANSEN, 1994). Sie sind definitiv aggressiv, aber es bleibt die Frage, ob sie aggressiver sind als Familienkinder. Und wenn sie das sind, in welcher Weise und ob der Heimaufenthalt hierzu einen Beitrag leistet.

Zunächst sollen zum Verständnis des Begriffs der Aggression Definitionen und Klassifikationen, sowie eine Anschauung zu den unterschiedlichen Erscheinungsformen und Aggressionsmotivationen folgen. Daraufhin werden die Theorien zur Entstehung von Aggression erläutert.

Der zweite Teil dieser Arbeit umfasst die speziellen Entstehungsbedingungen sowie die Entwicklung und den Verlauf von Aggression bei der Altersgruppe der 6-12 Jährigen. Es soll dabei ein Bezug zu den erörterten Theorien hergestellt werden.

Es wird dann aufgezeigt, welche Aggressionen im Kinderheim bei den Kindern beobachtet werden konnten. Des weiteren werden die speziellen Heimbedingungen hierzu erläutert.

Im folgenden wird ein Vergleich zwischen den beobachteten Heimkindern und dem Verhalten der Familienkinder in bezug zu aggressiven Verhaltensweisen geführt.

Erster Teil:

2. Zum Verständnis des Begriffs „Aggression“

2.1. Schwierigkeiten bei der genauen Definition von Aggression

Grundsätzlich ist es nicht möglich festzuhalten, welche Verhaltensweisen aggressiv sind, sondern nur, welche wir aggressiv nennen. Dies gilt auch für Definitionen aus dem wissenschaftlichen Bereich. Die Unterschiede im individuellen Begriffsverständnis sind vielfältig. Es ist möglich ein massives, intensives Verhalten als körperlichen oder verbalen Angriff wahrzunehmen. Es ist ebenso möglich, subtile Formen wie z.B. die Missachtung oder die mangelnde Hilfeleistung als aggressiv einzustufen. Des weiteren kann man davon ausgehen, daß eine affektive Erregung, wie Wut oder Ärger oder ein Handeln aus kühler Berechnung als aggressiv gelten kann. Es wird aber auch die Meinung vertreten, daß schon ein ungerechtes Verhalten als eine Aggression aufzufassen ist.

Wie man nach dieser Aufzählung feststellen kann, ist die individuelle Vorstellung von dem, was aggressiv ist, vieldeutig. Demnach muss man sagen, daß sich aus den verschiedenen Vorgehensweisen, aus der jeweiligen psychologischen Fachrichtung, bei der Abstraktion von individuellen Handlungen fast zwangsläufig unterschiedliche Sichtweisen und Schwerpunkte desselben Gegenstandes ergeben. Wie auch immer man definiert, eine Grenze zwischen aggressiven und nichtaggressiven Erscheinungen lässt sich nicht ziehen.

Um jedoch die Begrifflichkeit von Aggression für diese Arbeit zu klären wird im nächsten Kapitel eine wissenschaftliche Klassifikation und Definition vorgenommen werden.

2.2. Definitionen und Klassifikation von Aggression

Von triebtheoretisch orientierten Autoren wird oft ein weit gefasster Aggressionsbegriff vertreten. Dieser bezeichnet jede gerichtete, offensive Aktivität, die meist als nicht-wertend oder positiv wertend betrachtet wird. Dabei wird bei den Definitionen von dem lateinischen Ursprung des Wortes `agredi´, welches soviel bedeutet wie `herangehen´, ausgegangen. BACH & GOLDBERG definieren demnach, daß mit Aggression „jedes Verhalten gemeint ist, das im wesentlichen das Gegenteil von Passivität und Zurückhaltung darstellt.“ (1974, S. 14). Und HACKER erklärt: „Aggression ist jene dem Menschen innewohnende Disposition und Energie, die sich ursprünglich in Aktivität und später in den verschiedensten

individuellen und kollektiven, sozial gelernten und sozial vermittelten Formen von Selbstbehauptung bis zur Grausamkeit ausdrückt“ (1971, S. 80).

Alle Aktivitäten und Formen des `In-Angriff-Nehmens´ werden hier als Aggression verstanden (z.B. Arbeiten, selbstbewusstes Auftreten, Kreativität), obwohl diese Handlungen kaum mit Schädigen, Verletzen, In-Angst-Versetzen usw. in Verbindung zu bringen sind. Somit wird der weite Aggressionsbegriff in der wissenschaftlichen Psychologie kaum vertreten. NOLTING kommt zu dem Schluss, daß der Begriff Aggression in der weiten Fassung unbrauchbar und überdies überflüssig ist, denn er meint im Grunde daßelbe wie Aktivität (1997, S. 25). Denn insgesamt bleibt, bei den Vertretern dieses weit gefassten Aggressionsbegriffs unklar, welche bestimmten Phänomene erklärt werden sollen. In diesem Sinne werden alle weiteren Betrachtungen im Rahmen dieser Arbeit unter dem spezifischen Aggressionsbegriff im engeren Sinne betrachtet werden müssen.

Neben dieser Definition grenzt eine Vielzahl von Definitionen den Bedeutungsgehalt von Aggression stark ein. Dabei bilden die Schädigung und die Schmerzzufügung, im Sinne der Fremdaggression, einen wichtigen Aspekt für diesen Definitionstypus. In den Fällen, in denen sich die Schädigung und die Schmerzzufügung jedoch nicht vermeiden lässt (z.B. beim Zahnarzt) oder wo unglückliche Umstände und Ungeschick mit hineinspielen, ist die Intention (Absicht, Zielsetzung) ein weiteres Merkmal, welches in die Definition einbezogen werden muss.

Folgende Definitionen entsprechen dem Alltagsverständnis von dem, was unter dem Begriff Aggression verstanden wird:

„Aggression umfasst jene Verhaltensweisen, mit denen die direkte oder indirekte Schädigung eines Individuums, meist eines Artgenossen, intendiert wird“ (MERZ 1965, S. 571).

„Unter aggressiven Verhaltensweisen werden hier solche verstanden, die Individuen oder Sachen aktiv und zielgerichtet schädigen, sie schwächen oder in Angst versetzen“ (FÜRNTRATT 1974, S. 283).

Allerdings ergibt sich aus diesen Definitionen das Problem, daß die klare und zielgerichtete Absicht eines Menschen nur schwer zu erfassen ist. Gerade bei experimentellen Untersuchungen ist diese nicht eindeutig ersichtlich (NOLTING 1997). Wenn die Intention das maßgebende Merkmal ist, kann eine Handlung folglich nicht allein nach ihrer äußeren Erscheinungsform als Aggression eingestuft werden, denn auch hinter äußerlich sanften und unauffälligen Verhaltensweisen (z.B. jemanden übergehen, nicht zuhören, nicht antworten)

kann eine aggressive Intention stecken. SELG (1997) misst aus diesem Grund dem Merkmal der Gerichtetheit, einen Wert bei. So meint er, daß eine grundsätzlich vorausgesetzte Absicht den Gegenstand der Aggression eingrenzt. Die Gerichtetheit dagegen ermöglicht es, auch bei Tieren oder Kindern, ohne eine Intention oder Absicht anzunehmen, eine Interpretation des aggressiven Verhaltens vorzunehmen. Seine Begriffsbestimmung lautet:

„Als Aggression soll solches Verhalten bezeichnet werden, bei dem schädigende Reize gegen einen Organismus (oder ein Organismussurrogat) ausgeteilt werden. Dieses Verhalten muss als gerichtet interpretiert werden (vom Wissenschaftler, nicht vom Opfer und nicht vom Täter)“ (SELG u.a. 1997, S. 7).

Nun stellt sich weiterhin die Frage, wie Handlungsweisen einzuordnen sind, die nicht primär das Ziel in einer Schädigung zeigen, sondern eher ein Mittel zum Zweck, sogenannte instrumentelle Aggressionen sind.

Hierbei sind die Erzeugungen von unangenehmen Empfindungen beabsichtigt, weshalb diese Handlungsweisen auch als Aggressionen einzustufen sind. Im Alltag werden diese aggressiven Handlungen durch ihren positiven Zweck gerechtfertigt, wie z.B. bei Eltern, die meinen durch Prügel, ihre Kinder züchtigen zu können, frei nach der Vorstellung: Wer sein Kind liebt, der züchtigt es. Somit formuliert NOLTING (1997), daß wenn der `positive Zweck´ einer Handlung alle aggressiven Mittel billigt, würde man der Aggression keinen Stellenwert einräumen, sie wäre ganz normal. Aus diesem Grund, sollte man auch möglichst eng definieren:

„Aggression wird (hier) definiert als eine Handlung, mit der eine Person eine andere Person zu verletzen versucht oder zu verletzen droht, unabhängig davon, was letztlich das Ziel dieser Handlung ist“ (FELSON 1984, S. 107).

Nachdem schon die verschiedenen Definitionen zur Aggression eine Uneinheitlichkeit nahe legen, zeigt sich zusätzlich, daß die unterschiedlichen Verhaltensformen in denen sich Aggression äußern kann einerseits und die Vielfalt der unterschiedlichen Aggressionsmotivationen andererseits dazu beitragen, eine Einheitlichkeit des Phänomens Aggression unmöglich zu machen.

2.3. Aggressionsmotivationen und Erscheinungsformen der Aggression

Die Arten der Aggression lassen sich nach der Art der Motivation unterscheiden. In der Aggressionspsychologie werden hierbei wenigstens zwei Grundtypen unterschieden (BERKOWITZ 1962; FESHBACH 1964; DODGE 1991). Einerseits die affektiven Aggressionsformen, die auf einer emotionalen Reaktion (z.B. Ärger) beruhen, wobei aus der Schädigung und der Schmerzzufügung Befriedigung gewonnen wird. Hier liegt dem aggressiven Verhalten ein Aggressionsbedürfnis zugrunde. Demgegenüber stehen andererseits instrumentelle Aggressionsformen, die auf einen Nutzeffekt gerichtet sind (z.B. Durchsetzung, Gewinn). Die Schädigung und Schmerzzufügung ist hier ein Mittel zum Zweck, und die Befriedigung liegt in der Erreichung des Zwecks. Allerdings liegt dem aggressiven Verhalten ein nichtaggressives Bedürfnis zugrunde.

Folgend sollen die unterschiedlichen Aggressionsmotivationen genauer betrachtet werden.

2.3.1. Ärger-Aggression

Ärger-Aggressionen werden als affektive Aggressionsformen ausgedrückt.

Der Begriff Ärger-Aggression ist in Unmutsäußerung und Vergeltung zu unterteilen. Von der Unmutsäußerung spricht man, wenn es zu einem impulsiven und unkontrollierten Aggressionsausbruch kommt, der sich nicht deutlich auf die Schädigung eines anderen richtet und oftmals vom Provokateur hinterher bereut wird. Wesentlich bedeutsamer scheint die Vergeltung zu sein, da sie eine zielgerichtete Antwort auf Provokationen ist. Ihr Ziel ist es, dem Provakateur, ohne eigenen Nutzen, Schmerz und Schaden zuzufügen. Sie findet sogar darin ihre Befriedigung. Der Schmerz des Opfers wirkt geradezu als Anreiz, um eine emotionale Befriedigung zu suchen, die in der Wiederherstellung von Selbstwertgefühl und Gerechtigkeit gefunden werden kann. Denn der Provokateur hat eine Norm verletzt und muß dafür bestraft werden, damit die Gültigkeit der Normen bestätigt wird. Der Schmerz des Gegners ist bei der Ärger-Aggression unumgänglich, denn an ihn ist die innere emotionale Befriedigung gebunden.

2.3.2. Instrumentelle Aggression

Diese Aggressionen werden als instrumentelle Aggressionsformen ausgedrückt.

Weiterhin ist die instrumentelle Aggression primär von Durchsetzung und Gewinn, Beachtung und Anerkennung, Abwehr und Schutz bestimmt. Es werden auch hier zwei Arten unterschieden: Zum einen die Aggression zum Zweck der Abwehr, deren Ziele Schutz der eigenen Person, Schutz des Eigentums, wie auch die Abwendung einer Bedrohung oder Belästigung sind. Bei Erreichung des eigentliche Ziels wird die Aggression beendet. Dabei ist sie häufig mit heftigen Emotionen zwischen Angst und Ärger verbunden. Wird ein Ereignis als Provokation, Belästigung o.ä. empfunden, verläuft die Emotion in Richtung Ärger, Wut und Zorn. Wird ein Ereignis dagegen als Bedrohung wahrgenommen, tritt erwartungsgemäß die Emotion Angst ein.

Neben der Aggression zum Zweck der Abwehr steht die auf Durchsetzung, Gewinn, Beachtung und Anerkennung gezielte Aggression. Größtenteils strebt diese Erlangungsaggression materielle Vorteile und Machtgewinne an. Dennoch wird in beiden Varianten die instrumentelle Aggression nicht von aggressiven Gefühlen bestimmt. In vielen Fällen wird sie kühl und kalkuliert ausgeführt, vor allem dort, wo ein Gewinn zu erwarten ist.

Es scheint jedoch auch Aggressionsphänomene zu geben, die weder instrumentell noch ärgerlich sind, wie beispielsweise eine persönliche Neigung zu Gewalt oder gar zu Grausamkeiten (Kampflust, Sadismus). Diese Erscheinungen werden unter der Bezeichnung spontane Aggression zusammengefasst (NOLTING 1997).

2.3.3. Spontane Aggression

Der spontanen Aggression wird die Neigung zugeschrieben, ohne erkennbaren Zweck und Anlaß Streitereien und gewalttätige Kämpfe zu suchen, oder gar das aggressive Verhalten bis ins Grausame zu gestalten. Allerdings sind diese Erscheinungen bisher nur wenig erforscht. Man kann dennoch zunächst zwischen zwei Varianten unterscheiden, der Streit- und Kampflust einerseits und dem Sadismus andererseits.

Bei der Streit- und Kampflust bilden die Erhöhung des Selbstwertgefühls sowie die Selbststimulierung (Nervenkitzel bzw. Gewalt als Abenteuer) den typischen Motivationskern spontaner Aggression. Das Ausleben dieser Aggression kann auch die Erhöhung des Selbstwertgefühls durch das Erleben eigener Stärke und Macht bedeuten. Ein wesentlicher Grund für das Auftreteten der Spontan-Aggressivität ist, daß die betreffende Person frustrationbedingte Defizite zu kompensieren versucht und sich die Aggression hierbei als besonders erfolgreich erweist (NOLTING 1997).

Zur Bestimmung der Aggressionsmotivation sind unterschiedliche Aggressionsformen heranzuziehen, die vermuten lassen, welche Motivation hinter dem aggressiven Verhalten steckt.

2.3.4. Aggressionsformen

Auf der Verhaltensebene gibt es typische Erscheinungsformen, zu ihnen gehören körperliche, sprachliche und mimisch-gestische Aggressionsformen, hierzu finden sich in der Literatur eine große Vielfalt von Aggressionsformen (PETERMANN/ PETERMANN 1993; BJÖRKQVIST/ LAGERSPITZ/ KAUKIAINEN 1992, NOLTING 1997, MYSCHKER

1999). Des weiteren zeigt die Internationale Klassifikation psychischer Störungen, die sogenannte ICD-10 (DILLING et al. 1993), einen Katalog zur Differenzierung der unterschiedlichen Aggressionsformen auf.

Bezugnehmend auf oben genannte Literatur sollen einige wichtige Aggressionsformen genannt werden.

Zu den direkten physischen Aggressionen zählt man Verhaltensweisen wie jemanden stoßen, schlagen oder treten. Die Formen der direkten verbalen Aggressionen sind zum einen solche, die ihrem Inhalt nach aggressiv sind wie Verleumden, Hetzen, Drohen, Lächerlichmachen. Zum anderen sind es auch solche, die sich durch einen eigenen Wortschatz auszeichnen wie Fluchen, Beschimpfen (KIENER 1983). Aber auch paraverbale Merkmale wie der Tonfall oder die Stimmlage gehören im weiteren Sinne zur verbalen Aggression. Indirekte Aggression, z.B. über andere tratschen oder boshafte Gerüchte verbreiten sind als weitere Aggressionsformen anzusehen. Zum nichtverbalen Ausdruck von Aggressionen gehören die mimisch-gestischen Aggressionsformen. Sie drücken sich durch böse Blicke, Zähne fletschen, Zunge rausstrecken oder einen drohenden Zeigefinger erheben aus. Auch der Rückzug, wie vorzugeben, die andere Person nicht zu kennen, oder schmollen bieten eine Form von indirekter Aggression (NOLTING 1997).

Es wird anhand des Aufgezeigten deutlich, auf wie viele unterschiedliche Arten sich aggressives Verhalten im Alltag äußern kann. Bei der Bewertung des Verhaltens ist es wichtig, das beobachtbare Verhalten mit dem jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes zu vergleichen.

Aggressive Gefühle, Stimmungen usw. gibt es ebenfalls in verschiedenen Varianten. Als voraggressiv gelten solche Emotionen, die nicht oder kaum personenbezogen sind, beispielsweise schlechte Laune, gereizte Stimmung, Stresszustand oder Unmut. Aggressive Emotionen dagegen sind solche, die gegen Personen gerichtet sind, so z.B. Ärger, Groll, Zorn, Empörung aber auch Befriedigungsemotionen, wie Schadenfreude oder Genugtuung. Als emotionale Haltung wird die Verachtung als aggressiv bezeichnet. Die Antriebsemotionen Wut und Vergeltungsbedürfnisse sind als sehr aggressiv einzuschätzen. Als emotionale Haltung wird die Feindseligkeit und der Hass angesehen (NOLTING 1997). Insgesamt hat sich allerdings für die Formen von emotionalen Aggressionen keine Einteilung eingebürgert, denn sie ist viel schwieriger als beim sichtbaren Verhalten.

3. Theorien zur Entstehung von Aggression

In der Psychologie stehen sich heute zwei große Theoriegruppen gegenüber, die die Ursprünge der Aggression zum einen in den Instinkt- oder Triebtheorien sehen, wie sie ursprünglich von FREUD (1920, 1938) entwickelt wurden, und zum anderen in einem lerntheoretischen Ansatz, den BANDURA und WALTERS (1959, 1963) untersuchten. Zwischen ihnen steht eine dritte Perspektive und zwar die von DOLLARD, DOOB, MILLER, MOWRER und SEARS (1971) vorgestellte Frustrations-Aggressionstheorie.

3.1. Psychoanalyse: Aggression als Ausdruck eines Triebes

Für das Zustandekommen des aggressiven Verhaltens hat SIEGMUND FREUD (1920, 1938) unterschiedliche Auffassungen entwickelt. Als Psychoanalytiker war er zunächst eher daran interessiert, den Begriff der Aggression in Zusammenhang mit anderen seelischen Vorgängen und der Gesamtpersönlichkeit zu bringen.

In der von ihm entwickelten Triebtheorie hat er den Lebenstrieb, den er als Eros bezeichnet hat, dem Todestrieb Thantos gegenübergestellt. Die Aufgabe des Lebenstriebes liegt darin, die lebende Substanz zu erhalten und zu immer größeren Einheiten zusammenzufassen, während der Todestrieb das Ziel verfolgt, diese Einheiten aufzulösen und in den uranfänglichen anorganischen Zustand zurückzuführen. Die selbstzerstörerischen Tendenzen des Todestriebes, die als eine Form von Aggression gelten können, müssen über die Muskulatur des Körpers nach außen verlegt werden (Zerstörung oder Leiden anderer). Die Energie des Todestriebes, die nicht nach außen gelangt, bleibt gegen das eigene Selbst

gerichtet und tritt in Form des Gewissens gegen das eigene Ich auf. FREUD formuliert hierzu:

„Zurückhaltung von Aggression ist überhaupt ungesund, wirkt krankmachend“ (1938, S. 72). Der Aggressions- oder Destruktionstrieb ist aus Freudscher Sicht der abgelenkte Todestrieb des Menschen.

Jedoch hat FREUD (1933, S. 101) selbst seine Trieblehre einmal als „Mythologie“ bezeichnet. Seine Anregungen bezüglich der Aggressionserklärung sind, wie beschrieben, hier eher von geringer praktischer Verwertbarkeit, denn es ist nicht möglich, diese Annahmen einer empirischen Überprüfung zu unterziehen. Dennoch lassen sich diese triebtheoretischen Annahmen auch nicht widerlegen, denn, wenn der Aggressionsbegriff weit genug gefasst ist, dann lässt sich problemlos ein allgegenwärtiger Aggressionstrieb, in gebundener oder gemischter Form als z.B. auch konstruktive Aktivität, nachweisen (NOLTING, 1997)

3.2. Verhaltensforschung: Aggression als Instinkt

Neben der Psychoanalyse gibt es auch in der Ethologie, Vertreter der Triebtheorie. Anhänger dieser Disziplin gehen davon aus, daß es eine Evolution des Verhaltens gibt. Damit ist ihrer Meinung nach die Beobachtung von tierischem Verhalten auch für menschliches Verhalten aufschlussreich. Sie gehen von einem instinktiven Verhaltensmuster aus, das durch einen inneren Antrieb im Nervensystem, durch den das Verhalten regelmäßig auftritt, bestimmt wird. Ausgelöst wird das jeweilige Verhalten durch einen äußeren Schlüsselreiz. Nach Ansicht der Instinkttheoretiker fließt die Quelle des Antriebes im Nervensystem beständig weiter und produziert ein steigendes Antriebsniveau, weswegen die Triebenergie von Zeit zu Zeit abgeführt werden muss. Nach dieser sogenannten Dampfkesseltheorie, die auch intraspezifisch wirksam ist, müsste man davon ausgehen, daß in jedem Organismus eine eingebaute Zeitbombe tickt, die letztendlich zur Selbstausrottung der gesamten Art führen könnte. KONRAD LORENZ (1963) hält diesem Einwand das Prinzip der Beschwichtigung durch Demuts- oder Befriedigungsgebärden entgegen, wobei er hier Beispiele aus dem Tierreich anwendet und behauptet, daß auch der Mensch früher einmal Tötungshemmungen hatte. Allerdings haben die Erfindungen von Fernwaffen diese Hemmungsmechanismen außer Kraft gesetzt. Aus diesem Grund ist Aggression für LORENZ ein Instinkt, der unter natürlichen Bedingungen sinnvoll für das Überleben des einzelnen wie der Gattung ist.

KONRAD LORENZ (1963) und auch SIGMUND FREUD (1920, 1938) gehen demzufolge davon aus, daß es nur durch einen aggressiven Akt möglich ist, aggressive Impulse abzubauen, die sich natürlicherweise aufgestaut haben. Sie entwickelten die Vorstellung,

Aggression durch vergleichsweise harmlose Formen aggressiven Abreagierens, z.B. in sportlicher Betätigung und Wettkämpfen verschiedenster Art, abbauen zu können. Somit sollte verhindert werden, daß der angeborene Aggressionstrieb sich gegen das Individuum selbst richtet. Die Vorstellung von der `Selbstreinigung´ durch Aggression an einem anderen bezeichnet die sogenannte Katharsis-Hypothese. Untersuchungen zur Katharsis-Hypothese (GOLDSTEIN/ ARMS 1971; SIPES 1973) haben aber gezeigt, daß es nicht möglich ist, durch eine harmlose aggressive oder quasi-aggressive Aktivität, vorbeugend ein angenommenes Aggressionsreservoir abzusenken oder auf diese Weise akuten Ärger abzubauen. Es zeigen sich sogar gegensätzliche Effekte, bei denen aggressive Ersatzwege gar stimulierende Einflüsse auf die Aggression mit sich brachten oder Hemmungen abbauten (z.B. Fußballrandale).

Des weiteren lässt LORENZ (1963) bei seiner Triebtheorie einen wesentlichen Faktor unbetrachtet und zwar den der Herausbildung von Sprache und Erkenntnisfähigkeit, die es ermöglichen, über den Augenblick hinaus zu denken und zu planen. Die Betrachtung dieser Fähigkeiten geben den entscheidenden Unterschied zwischen tierischem und menschlichen Aggressionen wider. Die Forscher scheinen sich einig darüber zu sein, daß es nicht wissenschaftlich korrekt ist, Formen von Gewalt aus einem Trieb oder einer genetischen Vorprogrammierung (NOLTING 1997, S.67) zu erklären. Andere wissenschaftliche Überlegungen bezüglich des Ursprungs von Aggression befassen sich mit dem Gedanken, daß Frustrationen als Ursprung von Aggressionen gesehen werden können.

3.3. Frustrations-Aggressions-Hypothesen

DOLLARD, DOOB, MILLER, MOWRER und SEARS veröffentlichten 1939 ein Buch mit dem Titel „Frustration and Aggression“, indem sie erklärten, daß Aggression eine Reaktion auf negative, frustrierende Erfahrungen ist. Im speziellen besagen die Thesen der sogenannten Yale-Schule, daß (1) Aggression immer eine Folge von Frustration ist und (2) daß Frustration immer zu einer Form von Aggression führt. Dabei definierten sie den Begriff Frustration, orientiert am lateinischen Ursprung frustra = vergebens, als eine Reaktion auf störende, unangenehme Reize. Als Aggression gilt jede Verhaltenssequenz, die auf die Verletzung einer Person oder eines Ersatzobjekts abzielt. Die Yale-Psychologen entwickelten, eine rein reaktive Theorie der Aggression, die sie experimentell überprüften, dabei ging es ihnen um die eine spezielle Frustration, die sogenannte Hindernisfrustration. Hier ist jede Behinderung des Auftretens einer Zielreaktion, die nicht an angemessener Stelle in der entsprechenden

Verhaltenssequenz stattfinden kann, als Frustration zu bezeichnen. Im Experiment wurde diese Art von Frustration erzeugt, indem Versuchpersonen vor unlösbare, aber dennoch in einer oder mehreren Form/en lösbar erscheinende Aufgaben gestellt wurden (GEEN 1968). Im einzelnen haben sich ihre Annahmen jedoch nicht halten lassen, denn es spricht nichts dafür, daß das bloße Scheitern an einer Barriere oder ein Fehlschlag als durchschlagender Aggressionsfaktor gelten kann. Die Forschungsergebnisse wurden später erweitert. So gingen MILLER und SEARS 1941 davon aus, daß die Stärke der Aggressionsneigung von der Stärke der Frustration abhängt und daß die Aggression am stärksten gegen den Frustrierenden gerichtet ist. Allerdings kann es zu einer Aggressionshemmung kommen, wenn eine Strafe erwartet wird, wie etwa bei Erziehungsmaßnahmen der Eltern. In solchen Fällen kommt es häufig zu Selbstaggressionen oder die Aggressionshandlung bleibt aus, was bedeutet, daß nicht auf jede Frustration ein Aggression folgen muss. In der Erweiterung der Frustrations- Aggressions-Hypothese musste es demnach heißen, daß Frustrationen die Tendenz zu einer Reihe von verschiedenen Reaktionen hervorrufen, wobei eine davon die Tendenz zu irgendeiner Form von Aggression ist. Doch in der Relativierung stellte sich die Frage, welche Frustrationen wann zu Aggression und wann zu anderem Verhalten führen (MILLER u.a. 1941).

Es wurden vielfältige Ergänzungen und Überlegungen zu diesem Ansatz der Lösung zum Ursprung von Aggression gemacht (BERKOWITZ 1989; NOLTING 1997). So ist auch die folgende Frustrations-Antriebs-Hypothese aufgestellt worden.

3.3.1. Die Frustrations-Antriebs-Hypothese

Als Alternative zur ursprünglichen Frustrations-Aggressions-Hypothese haben BANDURA und WALTERS (1963) die Frustrations-Antriebs-Hypothese formuliert, um eine typische Frustrationsreaktion zu kennzeichnen, auf die aggressives Verhalten folgt. Die These besagt, daß Frustration zunächst ganz allgemein zur Aktivierung des Organismus führt, also auch zu einer Erhöhung von Erregung und Antrieb, dennoch sind verschiedene Verhaltensweisen zur Umsetzung möglich. Demnach haben die Emotionen (Angst, Ärger) neben einer Gefühlsseite auch eine Antriebsseite. Gemäß der Antriebs-Hypothese ist in manchen Situationen jedoch auch ein Antriebsverlust als Reaktion auf Frustration möglich. So kann z.B. eine Beleidigung auch Resignation auslösen.

Neben der Trieb- und Frustrationstheorie steht die Lerntheorie, die davon ausgeht, daß aggressives Verhalten überwiegend auf Lernvorgängen beruht.

3.4. Paradigma der lernpsychologischen Aggressionstheorien

Nach der lernpsychologischen Betrachtung werden Aggressionen wie alle anderen Verhaltensweisen erlernt. Die Erklärung, daß Aggressionen auch erlernt sind, hat einen festen Platz in der Psychologie. Lernen bedeutet im psychologischen Sinne, die relativ andauernde Veränderung von Verhalten und Erleben, insbesondere die Veränderung personaler Dispositionen aufgrund von Erfahrungen. Dabei sind sowohl unbewusste wie bewusste Lernvorgänge eingeschlossen. Des weiteren bezieht sich Lernen auf jede Altersstufe.

Man unterscheidet zwischen Lernformen, die das Verhalten verändern und solchen Lernformen, die das Denken verändern. Jede Lernmöglichkeit kann bei der Ausgestaltung aggressiven Verhaltens eine Rolle spielen. Es wird daher unterschieden in:

-Imitationslernen (Lernen am Modell)
-Operantes Konditionieren (Lernen am Effekt)
-Klassisches Konditionieren bzw. Signallernen
-Kognitives Lernen

Der Schwerpunkt bei den folgenden Erläuterungen wird sich auf die ersten zwei genannten Lernformen beziehen, da ihnen eine zentrale Bedeutung im Sozialisationsprozess zukommt, und diese Formen auch bei der Entwicklung von aggressiven Verhaltensweisen beim Kind von Bedeutung sind.

3.4.1. Imitationslernen (Lernen am Modell)

Mit Imitationslernen ist das Lernen durch Beobachtung und Nachahmung von Vorbildern gemeint. Dabei können der Neuerwerb und die Aktivierung als Lerneffekte unterschieden werden.

Mit Neuerwerb ist gemeint, daß durch die Beobachtung eines Modells neue Verhaltensweisen erlernt werden können, ohne daß der Beobachter während der Darbietung das Modellverhalten offensichtlich erkennt und als solches einschätzt. Es handelt sich um einen Entwicklungsprozess. Das Verhaltensrepertoire der beobachtenden Person ändert sich, oder es wird ein bereits bestehendes Potential aktiviert. Das heißt, daß allein durch die Beobachtung

aggressiver Vorbilder oder auch nur einzelner Sequenzen von aggressiver Gestik, Mimik, Sprache oder ähnlichem neuartige aggressive Reaktionen erworben werden können und bestehende möglicherweise negativ/positiv verändert werden können. Es scheint hier nicht von Bedeutung zu sein, ob das Modell als Person erscheint oder über ein Medium, wie z.B. das Fernsehen, vermittelt wird.

So stellte BANDURA (1979) fest, daß anhand eines Modells besonders gut und auch leichter gelernt wurde, wenn das Modell Macht und Prestige ausstrahlt. Dieses gilt jedoch auch, wenn eine gefühlsmäßige Bindung zwischen Lernenden und Modell besteht. Sobald der Beobachter am Modell ein Verhalten wahrnimmt, daß er selbst realisieren möchte, wird er eher geneigt sein, seinem Vorbild im Verhalten zu folgen. Auch wenn der Beobachter hinter dem demonstriertem Verhalten keinen Erfolg vermutet, ist die Wahrscheinlichkeit der Nachahmung erhöht. Eine stellvertretende Verstärkung tritt dann ein, wenn der Beobachter wahrnimmt, daß positive Konsequenzen für das Modell eintreten.

Die situative Wirkung von Modellen ist gerade innerhalb von Gruppen stark ausgeprägt aber auch nicht in der Familie zu unterschätzen, denn auf eine aggressive Äußerung des Kindes folgt oft eine (gekränkte) aggressive Gegenäußerung der Eltern. BERKOWITZ (1989) stellte dazu fest, daß jede Aggression die Wahrscheinlichkeit weiterer Aggression erhöht.

3.4.1.1. Unterschiedliche Modelle

a) Gruppe, Subkultur und Gesellschaft

In Gruppen gilt ähnliches, wie in der Familie. Kinder und Jugendliche, die sich einer Peergroup oder einer bestimmten Subkultur (wie z.B. Rockern, Punks etc.) anschließen, betrachten diese häufig als Familienersatz. So sind es oft frustrierte Kinder und Jugendliche, die in der Gruppe ein Zu Hause suchen und finden. Sie neigen gerade hier eher zu Gewalttätigkeiten als nicht frustrierte Gleichaltrige. Das Lernen am Modell bietet effektive und rasche Weitergabe, von gruppentypischen Verhaltensweisen bis hin zu bestimmten Kampftechniken oder Bestrafungsritualen (NOLTING 1997). Aggressive Hinweisreize unterstützen dabei das aggressive Verhalten anderer. So wird ein Anregungseffekt geschaffen, der es möglich macht, aggressive Verhaltensweisen weiterzugeben. Dabei ist zu beachten, daß das Nachahmen der vorgegebenen Modelle oft belohnt wird durch bestimmte bestätigende gruppeninterne Reaktionen. Damit tritt das erwünschte belohnende Verhalten auch öfter auf. Die Kinder und Jugendlichen agieren in einer für sie entsprechenden Norm, die meist weit davon entfernt ist, was `gesellschaftstypisch´ genannt werden kann.

b) Film und Fernsehen

Eine populäre Vorstellung bezüglich der Aggression besagt, daß aggressive Vorbilder aus Film und Fernsehen als ein maßgeblicher Faktor für die Aggressivität von Kindern und Jugendlichen verantwortlich sind. Betrachtet man die kurzfristigen Effekte von Gewaltdarstellungen im Fernsehen, trifft diese Annahme zu, d.h. es ist möglich, daß Kinder und Jugendliche unmittelbar an das anschaubare, aggressive Erlebnis im Fernsehen, in einer anschließenden Spielsituation Gewalt als stimmulierend wahrnehmen (WOOD, WONG, CACHERE 1991; MERTEN 1999). Dennoch ist die Wirkung der langfristigen Effekte, wie die Ausbildung aggressiver Einstellungen und Verhaltensgewohnheiten, demgegenüber nicht eindeutig erwiesen. Einige Untersuchungen diesbezüglich ergaben, daß es einen schwachen statistischen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Gewaltdarstellungen und der individuellen Aggressivität gab (KUNCZIK 1975; FREEDMAN 1984). Man kann davon ausgehen, daß die Aggressivität durch den Fernsehkonsum gefördert wird und daß Menschen mit einer Vorliebe für Aggression auch eher Filme mit dieser Art Schwerpunkt anschauen (ERON 1982). Allerdings sollte man einen dritten Faktor miteinbeziehen, den des ungünstigen familiären und sozialen Milieus. Es gibt noch weitere Faktoren, die als zusätzliche Bedingungen aggressives Verhalten bei den Fernsehkonsumenten begünstigen, wie beispielsweise besondere Eigenschaften des Beobachters (Empathiefähigkeit, Identifikationsfähigkeit etc.).

3.4.2. Lernen am Effekt (Erfolg und Mißerfolg)

Eine zweite grundlegende Lernart ist das Lernen am Effekt, in der Psychologie haben sich heute mehrere Bezeichnungen eingebürgert: Lernen am Erfolg, Lernen durch Bekräftigung (oder Verstärkerung), operante oder instrumentelle Konditionierung. NOLTING (1997) benutzt den Ausdruck „Lernen am Effekt“, der hier auch gebraucht werden soll. In dieser Erklärung werden die unterschiedlichsten Arten von Konsequenzen aus Erfolg und Mißerfolg umfaßt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Psychologische Aggressionstheorien und aggressives Verhalten von Heimkindern im Alter von 6-12 Jahren am Beispiel einer Wohngruppe in Berlin Kreuzberg
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
79
Katalognummer
V10188
ISBN (eBook)
9783638166928
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aggressionstheorien, Kinder, Kinderheim
Arbeit zitieren
Ramona Rieck (Autor), 2002, Psychologische Aggressionstheorien und aggressives Verhalten von Heimkindern im Alter von 6-12 Jahren am Beispiel einer Wohngruppe in Berlin Kreuzberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10188

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