Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität unter den Vorzeichen der Globalisierung


Seminararbeit, 1999

21 Seiten


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Inhalt:

1. Einleitung

2. Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität: Empirische Befunde

3. Moralentwicklung und ihre Implikationen
3.1 Moralentwicklung und Institution
3.2 Moralentwicklung und institutioneller Wandel
3.2.1 Institutioneller Wandel und geschlechtsspezifische Probleme

4. Interdisziplinäre Lösungsvorschläge

5. Ausblick

1. Einleitung

Die Gesellschaft, in der die Menschen um die Jahrtausendwende leben, sucht noch ihren Namen. Während Luhmann von der "Funktional Differenzierten Gesellschaft" ausgeht[1], das Individuum als quasi außerhalb der Gesellschaft stehend betrachtet, und welche ihrerseits ein undurchsichtiges, sich weitgehend autonom organisierendes Kommunikationssystem darstellt, spricht Habermas von einer "Postnationalen Konstellation"[2], in der die Individuen (wieder) die Chance erlangen, sich politisch zu mobilisieren im Sinne der Citoyennité. Ulrich Beck versteht das "Lamento über den Werteverfall"[3] als Unvermögen der Generation der Älteren, die Reaktion der Heranwachsenden auf das bestehende, institutionalisierte, vermachtete nationalstaatliche System, sowie auf den "Marktfundamentalismus"[4], nachzuvollziehen, die sich - mit hochpolitischen Konsequenzen - der Politik (wie sie bisher gemacht wurde) zu entziehen. In diesen Tagen findet der Rücktransport des aufgearbeiteten Atommülls aus Frankreich nach Gorleben statt; Menschen zeigen zu Tausenden ihren Widerstand. Vor dieser Realität von Werteverfall zu sprechen, wäre wohl kaum plausibel.

Gleichwie man dem Strukturwandel gegenübersteht - ob optimistisch oder mit Grauen vor der Zukunft: Niemand kann die sozialen Folgen der Globalisierung, die zwar viele Gewinner, jedoch noch mehr Verlierer hervorbringt, leugnen. Prozesse wie Globalisierung, Entnationalisierung, etc., bedeuten zunächst, und besonders für junge, heranwachsende Menschen, eine gewisse Unübersichtlichkeit, den Wegfall gewohnter Sicherheiten. Globalisierung verlangt hohe Mobilität, Entnationalisierung bedeutet, daß sich Identitätsstrukturen wandeln: kollektive Identitäten verflüssigen sich, Feind- und Freundbilder, wie sie z.B. der Kalte Krieg zuließ, werden relativiert.

Vor diesem Hintergrund scheint das Phänomen der Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität nachvollziehbar: Der Verlust der kollektiven Nationalidentität, die "Ferne der Politik", die Unsicherheit der jeweils eigenen Zukunft weckt die Sehnsucht nach geordneten Strukturen. Jugendliche finden Sicherheit in den Identitäten von kleineren Gruppen und Gruppierungen, womöglich treibt sie der Mobilitätsdruck, und die mit ihr zusammenhängende Unsicherheit in den Drogenkonsum, in die Krimninalität. Eltern sind ihrerseits, jedoch auch mit Blick auf ihre Kinder vor solche Probleme gestellt - und oftmals ratlos.

Die Aufgabe von Experten, die sich mit diesen Symptomen beschäftigen, wie es Mediziner, Juristen, Pädagogen, Psychologen und Polizisten sind, wird es sein, adäquat zu reagieren. Vor dem Hintergrund anwachsender Probleme, wie sie oben angedeutet sind und dem Rationalisierungsdruck durch staatliche Institutionen, wird eindeutig eine interdisziplinäre Herangehensweise gefordert[5], um den Schwierigkeiten in ihrer Multidimensionalität zu begegnen.

2. Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität: empirische Befunde 1999

Die Polizeiliche Kriminalstatistik, die das Bundeskriminalamt (BKA) zum Berichtsjahr 1999 im Internet veröffentlicht[6], läßt augenscheinlich aufatmen: der Anteil tatverdächtiger Kinder ist von 1998 zu 1999 um 1,4 % gesunken, der Anteil tatverdächtiger Jugendlicher im gleichen Zeitraum um 1,9%. Der besorgniserregende allgemeine Aufwärtstrend seit 1993 konnte sich somit nicht fortsetzen. (siehe Abbildung 1 im Anhang)

Bemerkenswert, jedoch nicht weniger besorgniserregend ist jedoch die Qualität der Delikte. Der Vergleich der Berichtsjahre 1998 und 1999 zeigt zwar einen Rückgang der Delikte wie Diebstahl, schwerer Diebstahl und Raub. Betrugsdelikte nahmen jedoch bei Jugendlichen um 2,5% zu, Rauschgiftdelikte um 7,9%.

Dramatischer ist jedoch der Trend mit Blick auf diejenigen Delikte, die allgemein mit Gewalt zusammenhängen: Sachbeschädigung und Körperverletzung.

Die Zunahme tatverdächtiger deutscher Jugendlicher im Deliktsbereich Körperverletzung beträgt im Vergleich 1998 - 1999 8,5%, im Deliktsbereich Sachbeschädigung 4,1%.

Ein noch höherer Anstieg verzeichnete sich in der Betrachtung der Entwicklung tatverdächtiger deutscher Kinder. Im Deliktsbereich Sachbeschädigung besteht ein Anstieg um 4,8%, im Deliktsbereich Körperverletzung um 15,6. Ähnlich stark ist der Anstieg bei nichtdeutschen Kindern, weniger jedoch bei den nichtdeutschen Jugendlichen. (siehe Abbildung 2 und 3 im Anhang)

3. Moral und Kriminalität

3.1 Moralentwicklung und ihre Implikationen

Sowohl die Soziologie, als auch die Kriminologie greifen auf Theoriebestände der Entwicklungspsychologie zurück. Die "Stufen des Moralischen Bewußtseins" nach Kohlberg[7] bilden einen wichtigen Baustein in der Betrachtung der Entwicklung von Moralbegriffen in der Kindheit und der Adoleszenz. Habermas implementiert die Theorie in seine "Theorie Kommunikativen Handelns"[8] bzw. entwickelt an der Kohlbergschen Moralkonzeption die Rekonstruktion einer kritischen Gesellschaftstheorie[9]. Die Lernliteratur der deutschen Polizei baut teilweise auch auf diese Konzeption auf[10].

Kohlberg wollte für die Moralentwicklung - ähnlich wie J. Piaget es bei der Kognitiven Entwicklung versucht hat - eine Entwicklungslogik nachweisen. Moral entwickele sich demnach in irreversiblen, diskreten Stufen, wobei die nächsthöhere die vorhergehende einschließt, assimiliert und aufhebt und mit ihr ein höheres Niveau bildet.

Moralentwicklung nach Kohlberg findet in drei Stadien (Niveaus) statt, die sich jeweils in zwei Stufen einteilen.[11] Hier interessieren unter der Fragestellung nach Jugendkriminalität und Kinderdelinquenz besonders die Dimension "Die Gründe, das Rechte zu tun", sowie die "Soziale Perspektive der Stufe".

Kohlberg geht hierbei von einem entwicklungslogischen Bildungsprozess aus[12], die Stufen unterscheiden sich mit Blick auf den Moralbegriff am Grad der Universalisierung un der Abstraktion. Das erste, präkonventionelle, Niveau (I) teilt sich in die Stufen (1) punishment - obiedience und (2) instrumental hedonism; in der ersten Stufe werden Handlungen konkret dem äußeren Erscheinungsbild der Akteure zugerechnet, die eigene Perspektive wird mit der des Gegenüber verwechselt. Diese Stufe ist gekennzeichnet durch Egozentrismus; Regeln werden befolgt, da ihre Übertretung mit Strafe bedroht ist. Mit der zweiten Stufe reift das Bewußtsein über konkurrierende Bedürfnisse der Personen in der unmittelbaren Umwelt. Gerechtigkeit ist relativ, wird pragmatisch angewandt. Das konventionelle Niveau, besonders der Übergang zum darauffolgenden ist für die Betrachtung des Themas besonders interessant; es bezeichnet den Lebensabschnitt, von dem etwa ein Kind in die Schule kommt. Kohlberg nennt es das "konventionelle Niveau" (II), weil das Kind nunmehr lernt, als Träger verschiedener Rollen in verschiedenen Kontexten bestimmte Funktionen zu erfüllen. Es orientiert sich an heteronomen Moralstandpunkten innerhalb primärer Gruppen, an konkreten "goldenen Regeln", ist sich bestimmten Erwartungen, die aus seiner Umwelt an es herangetragen werden, bewußt; diese dritte Stufe nennt Kohlberg "the good-boy-orientation" (3). In der nächsten Stufe "law-and- order-orientation" (4) erweitert sich der moralische Horizont auf sekundäre Gruppen, auf das Normensystem, etwa wie die einer kulturellen Gemeinschaft oder des Nationalstaates, durch welche Rollen und Normen festgelegt werden. Im höchsten Niveau (III), dem postkonventionellen, erreicht der Heranwachsende / der Jungerwachsene mit der fünften Stufe, der "social-contractual-legality-orientation", (5) das Bewußtsein von Werten und Rechten, die Bindungen und Verträgen womöglich vorgeordnet sind. Es ist eine konfliktreiche Stufe, da möglicherweise Legalität und Moralität miteinander in Konkurrenz stehen. Während letzten Stufe nach Kohlberg13

(6) der "ethical-principled-orientation" folgt das Individuum selbstgewählten ethischen Prinzipien. Es handelt aus dem Glauben an universalgültige moralische Prinzipien, fühlt ihnen gegenüber eine persönliche Verpflichtung, und sieht dieses Recht in jeder anderen Person. Normen leiten sich im allgemeinen von Prinzipien her. Im Konfliktfalle gilt dem Prinzip die Präferenz.

Die letzte Stufe ist nach Kohlberg empirisch selten anzutreffen.

Unter den Prämissen einer solchen - von ihren Grundlagen her offensichtlich noch aktuellen - Theorie verbietet sich eine einseitige, etwa ausschließlich juristisch Betrachtung des Ausgangsproblems.

Die Frage stellt sich, ob das System, die Institutionen in ihrer bestehenden Struktur in der Lage sind, adäquat auf die Krisen seiner Heranwachsenden zu reagieren.

[...]


[1] LUHMANN, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main : Suhrkamp Verlag 1997

[2] HABERMAS, Jürgen: Die postnationale Konstellation. Politische Essays. 1. Aufl. Frankfurt am Main : Suhrkamp 1998, 91, ff

[3] BECK, Ulrich: Wider das Lamento über den Werteverfall. In: Ders (Hrsg.): Kinder der Freiheit. 4. Aufl. Frankfurt am Main : Suhrkamp 1998, S. 9, ff

[4] ebenda, S. 24

[5] siehe in: Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig - Holstein (Hrsg.): Konzepte zur Kriminalitätsverhütung. Prävention von Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität. Kiel 1999, S. 141, ff

[6] siehe www.bka.de/pks/pks1999/inhalt1.htm am 26.03.2000

[7] KOHLBERG, Lawrence: Die Psychologie der Moralentwicklung. 1.Auflage. Frankfurt am Main : Suhrkamp 1995, S. 128,ff

[8] HABERMAS, Jürgen: Theorie des Kommunikativen Handelns. Band 2. Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft. Frankfurt am Main : Suhrkamp 1999, S. 260

[9] ders.: Moralentwicklung und Ich - Identität. In: Zur Rekonstruktion des Historischen

Materialismus. 6. Aufl. Frankfurt am Main : Suhrkamp 1995

[10] BURGHARDT, Waldemar; HAMACHER, Hans-Werner (Hrsg.): Lehr - und Studienbriefe Kriminologie. Nr.12 Jugendkriminalität / von Stefan Kerner. Hilden/Rhld. : Verlag deutsche Polizeiliteratur 1996, S. 64, ff

[11] siehe Anlage

[12] wobei z.B. HABERMAS behauptet, dass diese Beweislast von Kohlberg nicht eingelöst sei; seine eigene Herleitung einer Entwicklungslogik in den Bildungsprozessen von Moralentwicklung und Ich - Identität bleibt jedoch m.E. auch undurchsichtig und sogar fehlerhaft. Siehe: Moralentwicklung und Ich - Identität. In: Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus. 6. Aufl. Frankfurt am Main : Suhrkamp 1995, S. 76, sowie Schema 4 auf Seite 83: die Zuordnung des Schemas der kognitiven Entwicklung (Piaget) zur Moralentwicklung folgt nicht den Zuordnungen der vorhergehenden Schemata.

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Details

Titel
Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität unter den Vorzeichen der Globalisierung
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Veranstaltung
Jugendkriminalität
Autor
Jahr
1999
Seiten
21
Katalognummer
V102146
ISBN (eBook)
9783640005352
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit Erfolg bestanden. Die 99´er Studie des BKA über Jugendkriminalität gibt zu denken (siehe Arbeit). Ich versuche, unter entwicklungspsychologischen und soziologischen Gesichtspunkten der Ursache des durch die Statistik beschriebenen Trends zu begegnen, sowie, einen Erklärungsversuch zu vagen, der begründetermaßen optimistisch ist.
Schlagworte
Kinderdelinquenz, Jugendkriminalität, Vorzeichen, Globalisierung, Jugendkriminalität
Arbeit zitieren
Hannes Barske (Autor:in), 1999, Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität unter den Vorzeichen der Globalisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102146

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