Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Wie veränderte sich das Vorgehen des Reichsbanners?


Hausarbeit, 2020

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

1. Einleitung - Gründung des Reichsbanners

In seiner alljährlichen Weihnachtsansprache richtete sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Jahr 2019 an die deutsche Bevölkerung. Der deutsche Bundespräsident hat an Bürgerinnen und Bürgern appelliert, ihre Verantwortung für die Demokratie wahrzunehmen. Er fügte hinzu: „Was die Demokratie braucht, sind selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger - mit Zuversicht und Tatkraft, mit Vernunft, Anstand und Solidarität."1

Frank-Walter Steinmeier erinnert damit daran, dass in einer Demokratie zu leben nie eine Selbstverständlichkeit war, was die deutsche Geschichte sehr anschaulich darstellt. Gekennzeichnet waren die Anfangsjahre der Weimarer Republik von links- und rechtsradikalen Aufstandsversuchen. Nicht selten kam es bei politischen Versammlungen zu Übergriffen, wovon insbesondere die demokratischen Parteien betroffen waren. Auf der anderen Seite gab es das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Eine Organisation, die die Republik und die damit verbundene Demokratie schützen und wahren wollte. Doch wie wurde versucht die Demokratie zu wahren und wie ging man gegen Antidemokraten und Nationalsozialisten vor? Wie veränderte sich das Vorgehen des Reichsbanners über die Weimarer Zeit?

Das Reichsbanner wurde als eine parteiübergreifende Organisation am 22. Februar 1924 in Magdeburg gegründet und von Mitgliedern der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und der Deutschen Zentrumspartei unterstützt.2 Sie diente nicht nur einer Partei wie der Sozialdemokrat Otto Hörsing ein Jahr nach Gründung in seiner Jubiläumsrede vermerkte: „[...] Unser Bund dient nicht einer politischen Partei, sondern er dient dem republikanische-demokratischen Gedanken, der gemeinsames Gut aller republikanischen Parteien ist." 3 Diese Aussage wird von zahlreichen Plakaten des Reichsbanners unterstrichen, da diese Plakate für die drei republikanisch­demokratisch gesinnten Parteien warben. Im Jahr 1924 veröffentlich das Reichsbanner ein Wahlplakat mit der Aufschrift: „Kant 1795: Die bürgerliche Verfassung in jedem Staat soll republikanisch sein darum wähle Sozialdemokraten oder Demokraten oder Zentrum!"4 Wahlplakate wie diese zeigen sehr deutlich auf, dass das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold für die Republik war und nicht nur für eine einzelne Partei. Das Bündnis erlebte einen schnellen und vor allem starken Aufschwung. Exakt ein Jahr nach der Gründung des Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold teilte der Verband nach eigenen Angaben mit, dass die Mitgliederzahl auf 2,75 Millionen gestiegen sei.5 Wenn man diese Mitgliederzahl näher beäugt wird deutlich, dass das Reichsbanner neben den Gewerkschaften schon nach einen Jahr die stärkste politische Massenorganisation der Weimarer Republik wurde.

1. Entwicklung des Reichsbanners

1.1 Anfänge und Ziele des Reichsbanners

„Die Mitgliedschaft zum Reichsbanner „Schwarz-Rot-Gold" verpflichtet zur Treue gegen die Weimarer Verfassung und damit auch zur Treue gegen Volk und Vaterland. Das heißt: das Reichsbanner will Stärkung der Staatsgesinnung [...]".6 Der Bürgermeister Dr. Carl Petersen machte schon im Jahr 1925 in einer Broschüre des Reichsbanners deutlich, was es bedeuten würde, ein Mitglied des Reichsbanners zu sein. Es wurde damit schon zu Beginn aufgezeigt, über welche politische Einstellung ein potenzielles Mitglied des Reichsbanner Schwarz-Rot­Gold verfügen sollte. Bereits wenige Monate nach der Gründung des Reichsbanners Schwarz­Rot-Gold fasste der damalige Reichspräsident Friedrich Ebert das Ziel und den Leitgedanken des Bündnisses in wenigen Sätzen zusammen. Am 1. August 1924 gab der deutsche Sozialdemokrat Ebert folgendes in einer Festschrift zur Reichsverfassungsfeier mit der Überschrift „EINHEIT, FEIHEIT UND VATERLAND!" zu verstehen: „Das sind die Leitsterne der Verfassung von Weimar. Diese drei Worte mögen auch dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold Richtschnur und Ziel sein in seiner Arbeit zur Förderung des Staatsgedankens und zur Festigung der Deutschen Republik!"7 Dieses Ziel bzw. diesen Gedanken trugen sie nicht nur mit zahlreichen Worten und Sätzen an das deutsche Volk sondern verbildlichten ebenfalls, für was jedes einzelne Mitglied des Reichsbanners steht und eintritt. So konnte man beispielsweise auf der ersten Seite einer Broschüre des Reichsbanners zum Mitteldeutschen Republikanischen Tag am 3. und 4. Juli 1926 in Leipzig einen Mann erkennen, der die deutsche Fahne mit den Farben Schwarz-Rot-Gold hisst. Der aufgezeichnete Mann steht dabei stramm und wird von Säulen gestemmt. Was hier jedoch klar und deutlich hervorsticht, sind die in Stein eingemeißelten Worte „Verfassung" und „Republik" die den Mann tragen.8 Es wird damit deutlich, dass der Verband auch mit Verbildlichungen der Ziele an das deutsche Volk in der jungen Demokratie trat. Mit Abbildungen wie dieser bekam jeder Bürger der Weimarer Republik vermittelt was die politische Einstellung eines Reichsbannermitglieds ist und in welche Richtung das Reichsbanner mit Deutschland fortschreiten will. Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold diente ebenfalls dazu Parteiversammlungen der demokratischen Parteien, die auch mit Demokraten besetzt waren, vor Unterbrechungen und Störungen durch rechte Verbände zu verteidigen. Sie unterstützten ebenfalls republikanische Kandidaten bei ihren Wahlkämpfen. Anders als die SA der NSDAP war das Reichsbanner zunächst größtenteils gegen Einschüchterungen, Gewalt und Krieg. Im selben Jahr der Gründung des Reichsbanners wurde eine Festschrift zur Reichsverfassungsfeier veröffentlicht. In dieser Festschrift taucht folgendes auf: „Die Vorbedingung einer Wiedergesundung der Weltlage ist und bleibt Friede. [...] Friede ist, wie es Kant schon zu lehren bemüht war, zu einer Wissenschaft ersten Ranges geworden. Da gilt es zunächst, die Welt herauszulösen aus dem Bann der alten imperialistischen, militärischen Vorstellung und sie hinüberzuführen in eine neue auf Weltproduktion und Weltfinanz, unter Wahrung der Menschenrechte, also auf sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Freiheit beruhender Weltordnung."9 Dies wurde im Auftrag des Reichsbanner herausgegeben was verdeutlicht, dass es durchaus zahlreiche Demokraten im Reichsbanner gab, die nichts mit Gewalt und Krieg zu tun haben wollten. Jedoch gab es auch Stimmen im Verband die darauf hinwiesen, dass auf Aktionen der Nationalsozialisten auch Reaktionen des Reichsbanners folgen würden. So kam es am 11. August 1924 dazu, dass der Schriftführer im Bundesvorstand Horst Baerensprung folgende Stellungnahme bezieht: „Das Reichsbanner lehnt jede illegale Bewaffnung ausdrücklich ab. Sollten jedoch die Hakenkreuzler und ähnliche Herrschaften es versuchen, mit Gewalt die Verfassung von Weimar zu stürzen, [...], dann werden wir ... den republikanischen Staat zu schützen wissen, und dann werden wir denen, die uns mit dem Maschinengeschützen angreifen, nicht mit dem Weihwedel entgegentreten."10 Es bleibt hierbei offen was der damalige Polizeipräsident der Polizeidirektion in Braunschweig genau meint und somit ist ebenfalls viel Raum für Interpretationen bzw. Spekulation. Jedoch kommt beim Lesen dieser Zeilen nicht das Gefühl auf, dass der demokratische Wehrverband eine gewaltfreie Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten versichern würde. Es liegt nahe, dass Horst Baerensprung hier ein klares Signal an die anderen militärischen Verbände senden will. Es soll vermittelt werden, dass die Mitglieder des Reichsbanners auch auf Angriffe reagieren können und keine wehrlose Zielscheibe von rechter Gewalt sind. Wenn man nun auf den weiteren Verlauf der Geschichte blickt, wird deutlich, dass die Auseinandersetzungen zwischen den „Hakenkreuzler" und den verteidigungsbereiten Demokraten nicht respektvoller oder gewaltfrei wurden.

2.2 Beginn von Konflikten und Gewalt

Zahlreiche Menschen - darunter politisch rechtsstehende Politiker - beäugten die Entwicklung des Reichsbanners und waren mit dieser Formierung höchst unzufrieden.11 Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold sprach sich stets gegen den Nationalsozialismus aus. Sie stellten auch offenkundig dar, dass man gegen den nationalsozialistischen Politiker Adolf Hitler sei. Nicht selten kam es vor, dass die republikschützende Organisation negativ formulierende Schriften über den Nationalsozialismus oder Adolf Hitler publizierte. Im Jahr 1929 veröffentlichte das Reichsbanner eine „Aufklärungsschrift" mit dem Titel: „Das wahre Gesicht des Nationalsozialismus". Besonders der Anfang und das Ende des Vorworts von Otto Hörsing macht deutlich, wie verfeindet die beiden Seiten sind. Die 32-seitige Schrift beginnt mit: „Nationalsozialismus ist Volksseuche." und endet mit: „Frei Heil!".12 Formulierungen wie diese zeigen auf, dass der Wehrverband mit der Zeit eine härtere verbale Artikulationsform wählte und diese auch offenkundig an das deutsche Volk vermittelte. Seit Beginn der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 und dem Aufstieg der Nationalsozialisten stiegen die Gewaltausschreitungen in der jungen Republik. Da sich Mitglieder des Reichsbanners an Wahlkämpfen partizipierten und nicht für Antidemokraten bzw. nicht für die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) aufliefen, wurden diese Mitglieder zu Feinden der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) erklärt. Die paramilitärische Kampforganisation der NSDAP traten den Mitgliedern des Reichsbanners aggressiv gegenüber und kennzeichneten im Jahr 1931 das Reichsbanner in Preußen als „Hauptangriffsziel". Vertreter des Reichsbanners wurden sowohl in Großstädte als auch in zahlreichen kleinere Städten von SA-Männern attackiert. Um das Ausmaß der Angriffe auf die Männer vom Reichsbanner zu illustrieren zeigen Zahlen, dass die Demokraten häufiger von SA-Männern angegriffen wurden als es bei den Kommunisten der Fall war. Die Angriffe auf die Kommunisten in der gesamten Republik lagen bei 43,8 Prozent. Die Verteidiger der Republik wurden häufiger zu Opfern faschistischer Gewalt, denn hier lagen die Angriffe bei 55,2 Prozent. 13 Mehrmals kam es zu körperlichen Auseinandersetzungen zwischen Mitglieder des Reichsbanners und Angehörigen der Kampforganisation der NSDAP. Im Jahr 1932 kam es in Celle zu einem bildlich festgehaltenen Straßenkampf zwischen Angehörigen der Sturmabteilung und Mitglieder des Reichsbanners.14 Bilder wie diese zeigen, dass es zu körperlichen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Seiten kam. Straßenschlachten, die stattgefunden haben, waren nicht folgenlos für die beteiligten Wehrverbandsmitglieder. Nach Straße nkämpfen, die zwischen SA-Männern und Mitglieder des Reichsbanners ausgetragen wurden, kam es auch zu Kopfverletzungen. Auf einem Bild, welches 1932 aufgenommen wurde, ist der damalige Führer des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold Karl Höltermann mit zwei anderen Reichsbannermitgliedern zu sehen. Die zwei Männer aus Osthofen stehen vor dem Sozialdemokraten mit bandagierten Kopfverletzungen, die sich die zwei Mitglieder bei einer körperlichen Auseinandersetzung mit Männern der Sturmabteilung zuzogen.15 Anhand dieser beiden Bilder, lässt sich die Aussage treffen, dass es durchaus zu Straßenkämpfen zwischen den beiden verfeindeten Seiten gab. Es lässt sich ebenfalls sagen, dass es keine leichten Auseinandersetzungen waren, denn anhand der badagierten Kopfverletzungen der beiden Männer des Reichsbanners lässt sich vermuten, dass es harte Kämpfe zwischen den beiden Fraktionen gab. Zahlen der dabei verunglückten Mitglieder des Reichsbanners können bestätigen, dass es bei Zusammenstößen auch zu Todesfällen kam. Im Februar 1933 meldete die Schutzorganisation 64 Tote Mitglieder. Davon kamen 42 Männer beim Zusammentreffen der gegnerischen Sturmabteilung ums Leben.16 Anhand dessen, dass es zu Toten bei Zusammenstößen kam, ist davon auszugehen, dass die Gewaltausschreitungen ein hohes Maß an Brutalität annahmen. Es erwies sich, dass Mitglieder des Reichsbanners auch aufgrund von Provokationen der gegnerischen Seiten als Angreifer auftraten, obwohl die Schutzorganisation mit hoher Intensität an seine Mitglieder reklamierte den Provokationen stand zu halten und diesen nicht mit Gewalt entgegenzutreten.17 Es ist aber ebenfalls zu erkennen, dass selbst Führungspersonen des Reichsbanners klarlegten, dass ein konfrontationsloses Existieren beider Seiten bei gleichbleibenden provokatorischen Vorgehen der nationalistischen Seite, auf Dauer nicht mehr möglich sei. Der Bundesvorsitzende des Reichsbanners Otto Hörsing schrieb Ende März 1931 einen Brief an seinen Parteikollegen Carl Severing mit folgenden Inhalt: „[...] in vielen Orten wurde bereits der Entschluß gefaßt, falls nicht binnen kürzester Frist Abhilfe geschaffen wird, zur Selbsthilfe zu greifen, da unsere Kameraden sich nicht länger als Freiwild der Faschisten zu betrachten gewillt sind. Wir haben bisher stets mit Erfolg mäßigend und beruhigend auf unsere Kameraden eingewirkt ,.."18 Es ist eine deutliche Veränderung des Handelns zu erkennen da sich zeigt, dass es republikschützenden Mitglieder des Reichsbanners gab, die von Verteidigern der Demokratie auch zu Angreifern der republikfeindlichen Nationalsozialisten wurden. Aus Verteidigung wurde Angriff und dies war nie die Intention bzw. der Grundgedanke des Reichsbanners. Im Jahr 1926 veröffentlichte das Reichsbanner eine Broschüre zum Mitteldeutschen Republikanischen Tag am 3. Und 4. Juli in Leipzig. Dabei heißt es: „Zum Schutze der Republik, zur Einhaltung ihrer Freiheiten wurde das Reichsbanner gegründet."19 Das Ziel war es unter anderem die Republik und die damit verbundene Demokratie zu wahren, doch die Vorgehensweise des Reichsbanners veränderte sich. Es kam neben Verteidigungsmaßnahmen auch zu Angriffen die dem Schutze der Republik nicht diente. Es kam nicht selten zu zahlreichen provokativen Bezeichnungen wie „Reichsbanane" oder „Reichsbanditen", jedoch waren Bezeichnungen wie diese nicht republikschädigend.20 Es etablierte sich ein radikaleres Vorgehen gegen Nationalsozialisten und die Brutalität der Auseinandersetzung nahmen zu. Ein Ende von Gewalt und Konflikten ist in der Endphase der Republik nicht in Sicht. Es entstand jedoch ein Zusammenschluss antifaschistischer Gruppierungen, die „Eiserne Front".

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Details

Titel
Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Wie veränderte sich das Vorgehen des Reichsbanners?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V1022498
ISBN (eBook)
9783346418678
ISBN (Buch)
9783346418685
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reichsbanner, schwarz-rot-gold, vorgehen, reichsbanners
Arbeit zitieren
Marwan Mohammed Ali (Autor:in), 2020, Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Wie veränderte sich das Vorgehen des Reichsbanners?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1022498

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