Machiavelli, Der Fürst (Il Principe)


Hausarbeit, 2001
29 Seiten, Note: 1

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1. Einleitung

Ist Machiavelli ein Verkünder des Bösen oder der Begründer der Wissenschaft der Politik gewesen, in dieser Spannbreite befinden sich die Urteile über ihn. Während die einen eine Begründung für die tyrannische Machtusurpation in ihm sahen, war er für andere ein schonungsloser Offenbarer der Machenschaften der Fürsten. In dieser Arbeit soll das Werk „Il Principe“ von Machiavelli näher untersucht und in die Zeitgeschichte eingeordnet werden. Dabei sollen die Erfahrungen, die Machiavelli in seinem Leben gemacht hat, und sein Rückbezug auf die Antike ein Hauptgegenstand der Betrachtung sein.1

2. Hauptteil

2.1 Die Zeitgeschichte

Als Machiavelli am 2. Mai 1469 in Florenz geboren wurde, herrschten die Medicis in der Stadt. In Italien hatte sich im 15. Jahrhundert, aufgrund seiner Lage auf einer Halbinsel, ein System von Stadtstaaten entwickelt, die im politischen Gleichgewicht zueinander standen. Es gab fünf Machtzentren: Mailand, Venedig, Florenz, Neapel und den Kirchenstaat. Das entscheidende Ereignis dieser Zeit war die Invasion Karls VIII. von Frankreich in Italien.

Schon im 14. Jahrhundert zeichnete es sich ab, daß die beiden Universalmächte - Papst und Kaisertum - langsam daniedergingen. Das Papsttum erreichte den Höhepunkt der Korruption und das Streben nach weltlicher Macht in den Renaissancepäpsten, die ihr Pontifikat zur Zeit Machiavellis ausübten.

Das Papsttum verkörperte einen weltlichen italienischen Fürsten. Es kam zu Verschwörungen gegen das Papsttum, und Umstürze wurden geplant.2

2.2 Päpste

Sixtus IV. (1471 - 1484) hatte Rom und die Umgebung unter seine Kontrolle gebracht. Er selbst war durch Bestechung auf den Stuhl Petri gekommen. Seine große Geldeinnahme war die Simonie. Sein Nachfolger Innocenz VIII. (1484 - 1492) hatte das Hauptanliegen, sein Geldvermögen zu vergrößern. Er und sein Sohn gründeten eine Bank für weltliche Gnaden, von der man Vergebung für Verbrechen wie Mord und Totschlag gegen Geldzahlung bekam.

Unter Alexander VI. (1492 - 1503) und seinem Sohn Cesare Borgia gipfelte das ganze. Die Kirche wurde unter ihm ein Handelsunternehmen, dessen Philosophie die christliche Lehre war. Sie wurde dazu benutzt, die Kassen zu füllen. Für ihn war Geld Seligkeit.3

Sein Sohn Cesare war der eigentliche Herr Roms. Er hatte die Technik des Täuschens perfekt beherrscht, seine Gegner wurden gnadenlos ausgeschaltet, und er befahl, sie zu ermorden.

Cesare ließ sich in seinem Ansinnen durch keine menschliche Schwäche hemmen, und er verkörperte List, Heuchelei, Grausamkeit und Großzügigkeit, denn er handelte nur um seines Vorteils willen. „Bis sein Vorgänger an der Macht nicht unter der Erde war, galt ihm das eroberte Gebiet als nur halb in seinem Besitz“.4 Cesare wurde zum Beispiel der innersten Fragen Machiavellis.

Auch Julius II., er bestieg den Stuhl Petri 1503, lebte wie ein Renaissancefürst. Er war den Dingen des Lebens weitaus mehr zugetan als denen des Glaubens. So tauschte er Tiara und Zepter gegen Helm und Schwert und zog für den Kirchenstaat in den Krieg. Er selbst behauptete von sich, er würde eher auf die Tiara verzichten als auf den Kirchenstaat.

2.3 Die Medicis

Das Geschlecht der Medicis wurde in Florenz über Jahre hinweg immer bedeuten- der und reicher. Das Geldgeschäft regierte Florenz, und Cosimo (1389-1464) be- herrschte die Stadt, nicht durch Unterdrückung, sondern durch sein Geld. Er ließ den Florentinern den Schein der Freiheit, doch sein Wille war der ausschlaggebende. Er sammelte Bücher, und seine Bibliothek wurde die reichste des Abendlandes. In Florenz traten die Handschriften antiker Schriftsteller wieder zu Tage. In Cosimos Kreis vermischten sich Christentum und Platonismus. So verkörperte die Stadt Weltkultur, Bildung tritt zu Macht und Reichtum, und das Kennen der Antike wurde ein Muß für die Aristokratie. Der Humanismus hatte in Florenz seine Hauptstadt.

Das Ziel der Neugier galt wissenschaftlicher Erkenntnis, aus der man Erfahrungen sammelte. Die Abstraktion des Mittelalters wurde nicht weitergeführt, und der Mensch galt als ein Wunder, dessen Streben es war, die Dinge der Natur zu enträtseln. Der Mensch war groß, weil er lebte. Kriege wurden durch Aufkaufen geführt. Der Mensch erklärte sich zum höchsten Wesen ohne Gott, der seinem eigenen Willen folgte und sich der Fremdbestimmung entzog. So er wurde zum Individuum. Im Hause Lorenzos (1449-1492), dem Enkel Cosimos, trafen sich die Humanisten. Ziel der Medicis war es gewesen, unter dem Schein ihre Ziele zu erreichen. Lorenzo plünderte durch seine verschwenderische Lebensweise nicht nur die eigenen Kassen, sondern auch die der Florentiner. Einem Mordanschlag entkam er nur knapp, und den nachfolgenden Aufstand wußte er zu seinen Gunsten zu nutzen. In der Republik der Medicis wurde der Abstand von Gut und Böse bewußt und klar verwischt.

„Es wurde unter ihnen Mode, die Reichen in Florenz, Dinge, die man sonst nur ver- steckt tut, zu preisen, und es schadete nicht ihrer Würde, ohne den idealen Schein um die Ehrbarkeit, um die Familie, um die Liebe, um die Kirche, um die Tapferkeit zu leben.“5

2.4 Karl VIII. von Frankreich

1494 stand Karl VIII. vor den Toren von Florenz, und Savonarola war der einzige gewesen, der gegen die Medicis aufgerufen hatte. Er war ein Mönch und hatte in seiner Zelle im Kloster prophezeit, daß durch den Feldzug Karls großes Unheil über Italien kommen werde. Gott würde Italien strafen und zwar wegen dieses Borgia Papstes (Alexander VI.). Doch er rief nicht zu den Waffen. Die Medicis hatten bis dahin 60 Jahre in Florenz geherrscht, und sie hatten keinen Führer einer Opposition in die Stadt gelassen, entweder waren sie tot oder ins Exil vertrieben. Niemand war in Florenz, der zum Sturz dieser Familie hätte aufrufen können.

Piero (1472-1503), der Sohn Lorenzos, wollte sich mit den Franzosen verbünden, um seine Macht in Florenz zu erhalten. Doch diese rückten von ihm ab, und so endete die Herrschaft der Medicis nach 60 Jahren.

2.5 Savonarola

Nach dem Frieden Karls VIII. mit Florenz verließ dieser gegen eine Zahlung von 120.000 Gulden die Stadt, da die französischen Städte nicht bereit waren, den Krieg weiter zu finanzieren. Savonarola wurde nun der eigentliche Herrscher von Florenz, denn er hatte die Massen auf seiner Seite, und er predigte gegen die Fürsten.

Florenz sollte nach dem Ansinnen Savonarolas zur Musterrepublik für alle Welt werden.

Papst Alexander VI. wandte sich gegen Savonarola und exkommunizierte den Mönch. Dieses zeigte Wirkung, denn der Gehorsam gegenüber dem Papst war trotz all seiner Verfehlungen größer als der gegenüber Savonarola. Florenz wollte das fromme Leben des Mönchs, der auf Weltreform zielte, hinter sich lassen und sann auf Freiheit und Republik. Schließlich wurde der Mönch 1498 verbrannt. Machiavelli wird ihn später als einen Propheten ohne Waffen, der letztendlich des- wegen gescheitert ist, bezeichnen.6

2.6 Bedeutung der politischen Veränderungen zur Zeit Machiavellis

Die Verhältnisse in der Toskana hatten sich vom Tod Lorenzo Medicis und dem ersten Todesjahr Savonarolas innerhalb von fünf Jahren sehr geändert. Das Auf und Ab, Sieg und Niederlage ist für Machiavelli „das bewegte Schauspiel der poli- tischen Natur“.7

Das Problem der Zeit ist es gewesen, daß die christliche Einheit an der Schwelle stand, in Kirche und Nationalstaat zu zerfallen. Es gab weder im Geistlichen noch im Weltlichen einen Gemeinschaftsgeist mehr, und man handelte nicht mehr im Sinne einer Gemeinschaft. Persönliche Interessen wurden verfolgt, und die Ordnung des Gesamten wurde ohne Rücksicht zerstört.

1492 kam es zur Allianz zwischen Neapel und Florenz, um Mailand auszuplündern. Das hatte den Hilferuf Ludovico Sforzars zur Folge und endete mit der Invasion der Franzosen in Italien. Das Gleichgewicht der Städte hätte eine nationale Gesamtorganisation erreichen können, doch das wurde mit der Invasion zerschlagen. Diese Invasion von französischen, spanischen und deutschen Truppen war ein reines Machtspiel, denn es wurde kein armes und rückständiges Gebiet in das Gefüge anderer Staaten integriert, noch war es eine soziale Revolution, die ihm zugrundelag. Es war letztendlich das Ergebnis besseren Militärs und großer Macht.8 Diese Zerstörung der alten Ordnung war eine Tätigkeit ohne Sinn oder Vernunft.

Dazu gesellte sich das aufkommende Osmanische Reich und damit der Vormarsch der Türken. Die Generation Machiavellis war eine, die gewaltige politische Verände- rungen erfahren hatte. Das Gleichgewicht Italiens wurde durch die Invasion Frankreichs und Spaniens zerstört. Italien verlor seine ökonomische Vormachtstel- lung, und es begann der Aufstieg der Territorialstaaten. Es entstanden neue Waffentechniken, die den Burgen ihre Bedeutung raubten. Die Handelswege verlager- ten sich vom Mittelmeer zum Atlantik, und so verschoben sich die Vormachtstellun- gen italienischer und deutscher Städte nach Frankreich, Spanien, Niederlande und England. Dazu kam noch, daß die sozialen Spannungen in Florenz wuchsen. Die Ideen des christlichen Imperiums verloren mit dieser Entwicklung immer mehr an Bedeutung.

2.7 Das Menschenbild bei Machiavelli

Das Bild des Menschen ist bei Machiavelli ein negatives, seine Sichtweise ist eine pessimistische. „Der, der gut sein will, geht zugrunde unter den vielen, die schlecht sind“.9 „Jeder, der einen Staat ins Leben ruft oder Gesetze gibt, muß annehmen, daß alle Menschen schlecht sind“.10

Der Mensch ist für ihn ein feiger in der Masse, und als Einzelperson ist er nur auf seinen eigenen Vorteil fixiert.

Er ist nur in der Lage, Gutes zu tun, wenn er dazu gezwungen wird. Diesen Zwang übt der Staat aus, der Gesetze gibt, und dann ist es dem Menschen möglich, Gutes zu tun.

Hier berührt sich sein Menschenbild mit dem christlichen, der Auffassung des Menschen im Mittelalter und auch der Luthers. Der Mensch ist demnach von Natur aus böse, und er wird getrieben durch die Erbsünde.

Bei Luther kann der Mensch nur Gutes tun, wenn Gott ihn rechtfertigt. An die Stelle Gottes tritt bei Machiavelli der Staat. „Machiavelli stellt Schritt für Schritt die Men- schen als von der Natur böse hin, um dann diese Bosheit mit den Machtmitteln des Staates überwinden zu können“.11 Doch gibt es für Machiavelli den Gedanken der inneren Widerspiegelung der Taten in der Seele nicht, sie kann nicht unter dem Handeln des Menschen leiden und sich von Gott entfernen, ja gottlos werden. Das unterscheidet ihn hier von Luther.

Für Machiavelli gibt es eine Person des Erlösers - wie auch bei Luther - der mit seinem Handeln in der Lage ist, die Menschen in die Schranken zu weisen. Das Menschenbild Luthers hat seine Begründung letztendlich bei Gott, der den Menschen geschaffen hat und ihn erlöst. Bei Machiavelli bleibt die Begründung offen. Sein Menschenbild ist wohl gegründet in den Erfahrungen, die er in der Krisenzeit Italiens gemacht hat, sicherlich besonders in der Zeit, als er als Diplomat tätig gewesen ist. Er hat das Volk beobachtet, die machthungrigen Kleinfürsten mit dem Kleinkrieg aller gegen alle, die Condottieri, die um ihres Vorteils willen jedes

Unrecht taten, die kirchlichen Würdenträger und die Geschichte unter Berücksichtigung der römischen Antike.12

2.8 Abhängigkeit von Polybios.

Aus dem Studium der Antike - vor allem Polybios und Livius - formt Machiavelli seine Sichtweisen13. Auf die Abhängigkeit von Polybios soll hier näher eingegangen werden.

Polybios (um 200 -118 v. Chr.) schrieb eine Universalgeschichte. Sie befaßte sich mit dem Herrschaftsgewinn Roms zwischen den Jahren 220 - 168 v. Chr. Die Ge- schichte Roms zu schreiben beflügelte ihn dadurch, daß er erfahren wollte, wie es zum Aufstieg Roms als Beherrscherin fast des damaligen bekannten Erdkreises gekommen war. Das Studieren der Geschichte ist für ihn ein Nützliches, aus dem Schicksal anderer kann man Lehren für die Zukunft ziehen, denn die Geschichte ist konstant. Sein Werk ist ein Handbuch, das denen, die die Macht innehaben, dienlich sein kann, und für die kommenden Ereignisse die Möglichkeit der Vorhersage bietet.14 Wenn Männer von den richtigen Voraussetzungen ausgehen, die auf historischen Erfahrungen gegründet sind, können nach seinen Ausführungen schwierige Situationen gemeistert werden. Seine Bücher sind eine Lehrschrift für Politiker. Sein ganzes Werk ist mit seinen belehrenden Absichten durchzogen. Er beschreibt die Ursachen von Ereignissen, und das ist für ihn das Entscheidende. Der Zufall hat für ihn auch eine tragende Rolle, und er inszeniert das Spiel, die Nebenhandlung kann der Mensch aber kontrollieren.15 Die Religion läßt sich daraus rechtfertigen, daß die meisten Menschen so instabil sind, so daß sie die Religion nötig haben.

Weiterhin vertritt er die Theorie der Verfassungskreisläufe, also dem Gleichbleiben der Geschichte.

Die Bezugnahme Machiavellis auf Polybios ist deutlich. Auch für ihn ist die Ge- schichte konstant, und der Mensch verändert sich nicht. Deshalb betrachtet auch er die antike Geschichte und zieht aus ihr Lehren für die Zukunft. Auch er will mit sei- nem Werk belehren und Ratschläge für das Handeln geben. Dafür führt er viele Bei- spiele an, mit denen er demonstriert, wie man handeln soll und wie nicht. Auch er setzt wie Polybios den Zufall (das Schicksal), der nicht zu kalkulieren ist. Es bildet einen Unsicherheitsfaktor und ermöglicht nicht ein exakte Vorausplanung. Weiterhin nimmt auch die Religion für Machiavelli einen wichtigen Platz ein.

2.9 Gesetze

Machiavelli erweist sich gegenüber der Scholastik als ein praktischer Denker. Er hält sich nicht mit einer Beweisführung auf, noch macht er diese zum Hauptgegenstand seiner Betrachtung. Sein Ansatzpunkt des Denkens ist der Staat. Die Gesetze spielen dabei eine entscheidende Rolle. Sie rufen Furcht hervor, und diese Furcht bildet die Schranken für das menschliche Handeln.

Aber auch unter den Gesetzen ändert sich der Mensch nicht. Es würde ein Krieg aller gegen alle herrschen, wenn es nicht die Gesetze gäbe. Sie machen den Men- schen gut, aber nur solange, wie diese auch durchgesetzt werden. Fallen die Ge- setze weg, ergibt sich wieder ein Krieg aller gegen alle, und der Urzustand bräche wieder hervor. Da es immer Menschen geben wird, die sich gegen die Gesetze auflehnen, müssen die Menschen ständig beaufsichtigt werden. So kann man mit Cicero sagen, daß der Mensch Sklave der Gesetze ist, um frei zu sein.

Bei Thomas von Aquin haben die Gesetze einen vierfachen Sinn:

1. Sie sollen auffordern, Gutes zu tun.

2. Sie sollen den belohnen, der gute Taten vollbracht hat. (Diese zwei Sichtweisen fehlen bei Machiavelli, bei ihm zwingen die Gesetze den Menschen, gut zu handeln. Als Beispiel führt er hierfür die Römer an, die mit dem Dezimieren die größte Abschreckung und Furcht hervorgerufen haben.16 )

3. Sie sollen verbieten, Böses zu tun.

4. Sie sollen den bestrafen, der Böses tut.17

Nur die letzten beiden Punkte sind auch Machiavellis Auffassung von den Gesetzen. Eine positive Richtung, d.h. die Aufforderung Gutes zu tun, haben die Gesetze nicht. Er sieht nur die Verbotsseite der Gesetze und damit die Intention, Böses zu verhindern, denn die Furcht vor Strafe vergißt ein Mensch nie.18

Für Luther ist der Mensch ein Sünder; die Selbstsucht ist seine Triebfeder. Aber das Streben nach dem Guten ist ihm auch inne, es wird ihm durch Gott ermöglicht, dieses fehlt dem Menschen bei Machiavelli. Hier differiert das lutherische Menschenbild von dem des Machiavellis, da Luther auch daran glaubt, daß man den Menschen erziehen kann, und dieses heißt dann Veränderung.

2.10 Der Herrscher bei Machiavelli

„..daß der zum Diplomaten geboren und erzogene [Machiavelli] den Mut hatte, sich selbst und aller Welt zu gestehen, was bis jetzt die Diplomaten aller Zeiten nur in ihrem Handeln verraten haben“19

Wenn man das Werk „Il Principe“ von Machiavelli richtig verstehen will, muß man es mit der Intention des letzten Kapitel des Buches lesen. Er schreibt als glühender Patriot für die Einigung Italiens und die Vertreibung der fremden Mächte vom ita- lienischen Boden.

Machiavelli schreibt an die Adresse Lorenzo Medicis:

„Man lasse also diese Gelegenheit nicht vorübergehen, auf daß Italien nach so lan- ger Zeit seinen Retter erscheinen sehe. Ich finde keine Worte dafür, mit welcher Liebe er in all den Ländern aufgenommen würde, die unter fremder Bedrückung gelitten haben, mit welchem Rachedurst, welcher unwandelbaren Treue, welcher Ehrfurcht, welchen Tränen! Welche Tore würden sich ihm verschließen? Welches Volk würde ihm den Gehorsam versagen? Welcher Neid könnte sich gegen ihn re- gen? Welcher Italiener würde ihm die Ehrerbietung verweigern? Jeden ekelt die Herrschaft der Barbaren. So ergreife denn Euer erlauchtes Haus diese Aufgabe mit dem Mut der Hoffnung, damit das Vaterland unter seinen Fahnen geadelt werde.“20

Er sucht nach einem Herrscher, der dieses als Leitfigur durchsetzen könnte, denn er selbst leidet auch unter der Schmach, die die Katastrophe von 1494 in Italien her- beigeführt hatte und unter der Schwäche seiner Heimatstadt Florenz. Er verarbeitet seine Erfahrungen, die er mit der Macht gemacht hat, zu einem höchsten Ziel, der Befreiung Italiens. Das Handeln des Fürsten orientiert sich für ihn nur an der Not- wendigkeit, Politik ist von der Moral zu trennen. Der Krieg ist für den gerecht, der dazu gezwungen wurde, und die Waffen sind heilig, wenn sie die einzige Hoffnung sind.21 Dabei ruft Machiavelli nicht zur allgemeinen Morallosigkeit auf, für ihn ist aber die Moral ein Mittel, mit dem man einen Zweck erreichen will. Er wehrt sich gegen eine allgemeingültige und auf alle Lebenslagen angewandte Moral. Wenn es nötig ist, so kann der Fürst in seinem Handeln auf Moral verzichten; er muß es sogar, wenn die Lage es verlangt. Ziel des Fürsten ist es, seine Macht so lange es nur geht zu erhalten, Machterhaltung wird Handlungsmaxime, und genau dafür darf er alle Mittel, moralisch oder unmoralisch einsetzen. „Ein Mensch, der immer nur das Gute möchte, wird zwangsläufig zugrunde gehen inmitten von so vielen Menschen, die nicht gut sind.“22 Deshalb darf der Fürst auc h schlecht handeln. Bei der Handlungs- weise des Fürsten gibt es nun zwei Arten. Die eine sind die Gesetze, mit denen er handelt, die andere ist die Gewalt. Gewalt muß er dann anwenden, wenn Gesetze nicht mehr zum Ziel führen. Der Fürst muß sein Wort nicht halten, wenn es für ihn ein Nachteil ist. Die Verbundenheit zum Volk muß für den Fürsten aus der Furcht des Volkes vor ihm erbaut sein. Auch ist der Fürst dem Volke nicht rechenschaftspflichtig. Grausamkeiten, die einer Notwendigkeit zur Sicherung der Macht folgen, sind gut angewandt. Der Fürst sollte aber nicht dabei bleiben, wenn es möglich ist, soll er sein Verhalten zum Wohle der Untertanen ändern. „Ein rechter Gebrauch [..] ist der, wenn das Böse ein einziges Mal zur eigenen Sicherheit geschieht, dann aber aufhört und sich so viel wie möglich zum Nutzen der Untertanen verwandelt.“23 Hier zeigt sich, daß Machiavelli von seinem Fürsten nicht gänzlich ein unmoralisches Handeln verlangt, er verlangt es nur, wenn es zur Sicherung der Macht dient, danach soll aber der Fürst zurück zu moralischem Handelns kommen. Auch die Befreiung Italiens ist nicht mit Moral zu erreichen, denn auch Italien wurde durch unmoralisches Handeln unterworfen. „Wenn es das Heil des Vaterlandes betrifft, gibt es keine Bedenken. Für die Rettung des Vaterlandes muß man alle Mittel ergreifen.“24 Aber Machiavelli wendet sich mit seiner Schrift nicht an machtgierige Provinzpolitiker, sondern an große Staatsmän- ner. Dies zeigt sich in dem Anspruch, den er an den Fürsten stellt, der eine beson- dere virtù haben muß. Nur die großen Staatsmänner haben die Fähigkeit, Gefahren rechtzeitig wahrzunehmen und unmoralische Mittel richtig einzusetzen.25 Der neue Fürst hat den Anklang eines Übermenschen. Der principe nouva steht dem homo novus der Römer gegenüber. Der neue Fürst ist quasi eine alte Erscheinung, das zeigt sich auch an den Beispielen, die er anführt, und in der Abhängigkeit von Aristoteles.

2.11 Abhängigkeit des Bildes des „neuen Fürsten“ von Aristoteles

Bei Aristoteles findet sich, daß der Tyrann ein Neuling in der Herrschaft ist. Und das ist auch der Hauptpunkt der Betrachtung bei Machiavelli, wie nämlich ein Fürst, der an die Herrschaft gekommen ist, diese sichert und nicht wieder verliert.

„Heutzutage entstehen übrigens keine Königtümer mehr, sondern wo sich Monarchien bilden, sind es vielmehr Tyrannenherrschaften“.26 Zur Alleinherrschaft gelangt man aber nur durch List oder Gewalt. „Gelangt aber jemand zur Alleinherrschaft durch List oder Gewalt, so ist es ja eben offenbar eine Tyrannis.“27

Dem steht bei Machiavelli gegenüber: „Wer die Notwendigkeit erkennt in seiner neuen Herrschaft [...] sich entweder mit Gewalt oder mit List durchzusetzen..“28 Mit dem Punkte der List, mit dem ein neuer Herrscher seine Herrschaft erringt, gleicht Machiavelli Aristoteles.

„Von den beiden Ursachen nun ferner, die am meisten zur Auflehnung gegen die Tyrannenherrschaft führen, Haß und Verachtung...“29

„..daß entweder Haß oder Verachtung die Ursache des Untergangs der genannten Kaiser waren..“30 Diese Übereinstimmung ist als eine direkte Abhängigkeit von Aristoteles zu sehen.31 Nach Aristoteles erreicht ein Tyrann durch schlechte und verächtliche Handlungsweise Haß und Verachtung. Machiavelli führt hingegen aus, daß auch Taten, die gut waren, Haß und Verachtung hervorrufen. Er hat diese Tat- sache am Beispiel des Kaisers Pertinax beobachtet und entwickelt daraus den Rat, daß ein Fürst, der an der Herrschaft bleiben will, oft gezwungen ist, schlecht zu sein.

Auch in der Erhaltung der Herrschaft finden sich Übereinstimmungen:

Aristoteles: „Aus der Demokratie aber hat die Tyrannis, daß sie mit dem Vornehmen Krieg führt und sie heimlich und offen vernichtet und in die Verbannung treibt als Konkurrenten und Widersacher ihrer Herrschaft.“32

Machiavelli „..diejenigen zu beseitigen, die ihm schaden werden..“33

Aristoteles: „Aus der Oligarchie entnimmt sie [die Tyrannis],..daß sie zu der Volks- masse kein Vertrauen hat, weshalb sie ihr auch den Waffenbesitz verbietet.“34

Machiavelli nimmt diese empirische Darstellung des Aristoteles auf, da er aber Ratschläge geben möchte, kommt er zu einer anderen Schlußfolgerung. Er führt aus, daß einige Fürsten die Untertanen zum Zwecke der Sicherheit der Herrschaft entwaffnet haben. Ein neuer Fürst aber solle dieses nicht tun, er solle dieses nur veranlassen, wenn er das neue Gebiet in sein altes eingliedern will.35 Als Beispiel aus seiner Erfahrung gibt Machiavelli das Beispiel Cesare Borgias.

Auch in den methodischen Regeln, die Machiavelli gibt, finden sich Übereinstimmungen mit Aristoteles.

1. Das Maßhalten36
2. Der Tyrann soll die Hand nicht an Frauen der Untertanen legen.37
3. Der Tyrann soll Ehrfurcht erreichen. / Der Fürst soll Furcht erreichen.38
4. Der Herrscher muß zum Schein gewisse Tugenden haben, er braucht sie aber nicht zu besitzen.

Aristoteles:„..in allen übrigen Stücken aber muß er [der Tyrann]..handeln wie ein König, teils so zu handeln scheinen, indem er die Rolle eines solchen spielt..“39

Dem steht gegenüber: „ Ein Herrscher braucht also alle die vorgenannten Eigenschaften [Redlichkeit, Verläßlichkeit, Vertragstreue] nicht wirklich zu besitzen, wohl aber ist es nötig, daß er sie zu haben scheint.“40

Diese Heucheleiempfehlung zeigt eine deutliche Übereinstimmung mit Aristoteles. Beide Tyrannen, sowohl der des Aristoteles als auch der Machiavellis haben das Ziel, so lange wie möglich zu herrschen. Doch ist der Tyrann bei Aristoteles von Anfang an schlecht, nur die Heuchelei macht ihn erträglich. Bei Machiavelli ist der Fürst weder gut noch schlecht, so soll er beide Eigenschaften besitzen und je nach Notwendigkeit einsetzen. Denn der Fürst kann sich nicht auf die Menschen verlas- sen, täte er dieses, stünde er in Gefahr allein, da die Menschen schlecht sind und die Treue nicht halten, deshalb muß sie der Fürst auch nicht halten. Der Fürst kann schlecht handeln, weil auch die Menschen böse sind.41 Diese Empfehlung ist es, die dem Fürsten jedes schlechte Gewissen raubt. Moral zeichnet sich nicht aus; man lebt besser so, wie alle anderen auch leben. Man könnte es wie Sternberger mit dem Satz zusammenfassen: alles, das du erwartest, das dir die Leute tun werden, das tue ihnen auch, und womöglich zuvor.42 Der Fürst des Machiavellis unterscheidet sich vehement von der Theorie des Königs im Mittelalter. Dieser war nach der Königslehre in gewisser Weise Gott oder Christus ähnlich.

2.12 Die Imago Dei Lehre der Kirche im Mittelalter

Der Ausgangspunkt ist die unmittelbare Gottesherrschaft, die vor dem Sündenfall herrschte. Nachdem der Mensch gefallen war, gab Gott auf das Verlangen des Volkes ein ewig gültiges Königsgesetz (Dtr. 17, 14 -20).

Dem König oblag die Rechtsherstellung als heilige Aufgabe. Im Opfertod Jesu offenbarte sich der göttliche Wille, daß es keine direkte Weisung Gottes mehr an den König geben würde.

Die politische Heilslehre hat ihren Anfang in Römer 13,1: „Alle Macht kommt von Gott.“

Die Macht auf der Welt, die zu Tage tritt, ist von Gott gegeben, auch wenn sie miß- braucht wird. Dadurch, daß der König die Herrschaft besitzt, ist er imago Dei. Er soll im Ethischen Gottes Ebenbild sein, in dem er seine Herrschaft im Sinne Gottes ausübt. Diese Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Königs hat sich im christ- lichen Bereich entwickelt. Sie geht soweit, daß sie den Königen, den divi imperatores, eine immerwährende göttliche Inspiration zuspricht. Der Herrscher schafft mit der Macht Gottes, er erhält mit der Weisheit des Gottessohnes, und er führt mit der Güte des Heiligen Geistes. Seine Eigenschaften sind sapienta und bonitas. Sie machen ihn zum imago Dei. Das Königtum hat einen heilsgeschicht- lichen Auftrag. Das Königtum soll das göttliche Recht durchsetzen. Durch die Weihe hat das Königtum seinen sakralen Charakter.

Die Fürstenspiegel verlangen vom König: Rechtgläubigkeit, Kirchentreue, Friedens- wahrung, Sorge für die Wohlfahrt, soziale Gerechtigkeit und Ausgleich der sozialen Unterschiede.

Der Fürst Machiavellis kommt in diesem Vergleich eher dem Bild des Teufels nahe. Der christliche König des Mittelalters ist eine dogmatische Figur gewesen, Machiavellis Fürst ist eine empirische. Das ist der Hauptunterschied des Fürsten bei Machiavelli gegenüber dem Mittelalter. Er beschreibt, wie Francis Bacon sagt, wie die Menschen handeln und nicht, wie die Menschen handeln sollen. Nicht die Theo- rie ist Gegenstand seiner Betrachtung, sondern das reale Handeln der Herrscher, die sich zwar darauf beriefen, daß sie das irdische Ebenbild zum in Ewigkeit ge- salbten Christus seien, deren Handeln aber oft den Anschein des geraden Gegenteils hiervon erweckte. Das teleologische Ziel des Staates im Mittelalter wird bei Machiavelli durch das Ziel der Machtbehauptung ersetzt. Er wollte sicherlich auch die Tugenden, die in den Fürstenspiegeln beschrieben worden waren, diskre- ditieren,43 aber das taten die Herrschenden schon durch ihre Handlungsweise selbst, und diese ist es, das Machiavelli illusionslos beschreibt. Man muß allerdings bei der Betrachtung des Fürsten bei Machiavelli beachten, daß er als Patriot für die Einigung Italiens schreibt, und aus diesem Gesichtspunkt sind auch seine Empfeh- lungen zu sehen. Er erschließt aus dem Betrachten der Realität seine empfohlene Handlungsweise, mit der der Fürst dann wieder die Realität formt. Er macht aus dem Sein des Fürsten ein Sollen, denn die Erfahrungen Machiavellis mit der Politik bestimmen sein Denken. Er empfiehlt dem Fürsten, sowohl Löwe als auch Fuchs zu sein. Doch wird man Machiavelli meines Erachtens nicht gerecht, wenn man diese These zu einer allgemein gültigen für alle Zeit erhebt. Man muß es von der Seite seiner patriotischen Gesinnung sehen.

2.13 Virtù, Fortuna, Necessita, Occasione

Diese Begriffe nehmen bei Machiavelli in der Betrachtung des Fürsten eine besondere Stellung ein.

virtù [Übersetzung] : Tugend, Wirkungskraft

Sie ist eine dem Fürst eigene, geheimnisvolle Kraft und ist die Voraussetzung für große Taten. Auch ist sie ein starkes, ausdauerndes politisches Wollen, die den Willen und die Möglichkeit zum Herrschen erweckt. Sie verleiht Ehrgeiz, Machtwillen, Eifer und Mut. Sie herrscht im Bereich des Staates und ist Ursache zur Machtergreifung und Machterhaltung. Ein Mensch hat sie, oder er hat sie nicht. Wenn er sie nicht hat, ist er als Führer eines Staates nicht tauglich. Wenn er sie besitzt, dann hat er auch großen politischen Erfolg.

Der Begriff der virtù ist für den Politiker ein entscheidender. Dadurch unterscheidet sich der Staatsmann von einem machthungrigen Provinzpolitiker. Virtù macht den Fürsten zu einem vollkommenen Typ, der die Lage einzuschätzen weiß und im Sinne des Staates handelt. Und nur der, der die richtige virtù hat, soll Fürst werden, und auch nur der, der diese Fähigkeiten besitzt, hat all die Freiheiten, die Machiavelli ihm einräumt. Unter dem Betrachtungswinkel kann man sagen, daß der Beste, Weiseste und Fähigste herrschen soll, insoweit ist hier Machiavelli plato- nisch.44

Sternberg hält die Figur des Fürsten mit diesem Anspruch an seine virtù gar für eine Abstraktion, einen künstlichen Dämon und eine Konstruktion eines Idealtypus. Machiavelli seien bei der Schilderung seines Fürsten mit der richtigen virtù einfach die Pferde durchgegangen.45

Fortuna [Übersetzung] : Schicksal

Sie ist bei Machiavelli die Vorsehung, die retten oder verdammen kann. Sie wirkt auf den Menschen ein, und man kann sich ihr widersetzen, doch dieses bezieht sich wieder nur auf eine Hälfte des menschlichen Handelns.46 Fortuna ist auch die Ursache für alle unvorhergesehenen Ereignisse und hat in ihrer Gestalt als Schicksalsmacht viele Eigenschaften.

Er schließt in Kapitel XXV mit einer Empfehlung, wie mit Fortuna umzugehen sei: „..daß es besser sei, ungestüm als vorsichtig zu sein, denn Fortuna ist ein Weib, und wer es bezwingen will, muß es schlagen und stoßen: und man sieht, daß es sich leichter von diesen besiegen läßt, als von solchen, die kaltblütig zu Werke ge- hen. Darum ist es, wie ein Weib, auch den Jünglingen gewogen, weil diese weniger bedächtig sind und ihm dreister befehlen.“ Aber auch diese Stellungnahme Machiavellis macht das etwas diffuse Bild seiner Auffassung von Fortuna nicht deut- licher.

Necessita [Übersetzung] : Notwendigkeit

Sie ist dem Menschen übergeordnet, sie stellt den Zwang der Umstände dar. Sie kann dem Politiker nützlich sein, der es vermag, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und diese dann nutzt.

Occasione [Übersetzung]: Gelegenheit

Sie muß erkannt werden, was nur schwerlich möglich ist. Man muß die Chance, die sich einem bietet, nutzen, bevor sie wieder verfliegt. Die großen Herrscher Moses, Cyrus, Romulus und Theseus haben die Gelegenheit, in der sie aktiv geworden sind, dem Glück zu verdanken47. Durch ihre Tüchtigkeit erkannten diese Großen ihre Gelegenheit.

An diesen Begriffen ist ersichtlich, daß Machiavellis Staatstheorie noch nicht vollständig durchdacht und in sich schlüssig ist, da er hier eine Rechnung mit Unbekannten führt. Wie sich ein Herrscher verhalten und in Situationen reagieren soll hängt vom Schicksal ab, von der virtù des einzelnen Fürsten und von der Gelegenheit, die sich bieten muß. Das sind Tatbestände, über die man keine allgemeingültige Aussage machen kann, so auch Machiavelli nicht.

Dieses macht auch deutlich, daß er zu seinen Schlußfolgerungen durch das Sammeln von Material gekommen ist und es einer strengen und völlig logischen Durchkomposition noch ermangelt.

2.14 Politik

Politik ist für Machiavelli etwas Eigenständiges, sie ist bei ihm weder moralisch noch ist sie unmoralisch. Politik ist für ihn ein Kampf, dieses leitet er aus seiner Erfahrung ab und stellt es auch bei seiner Betrachtung der Geschichte fest, daß dieses Prinzip immer eine Gültigkeit besessen hat.48 Das machtpolitische Problem ist das erste Mal bei Thukydides behandelt worden, der seine Erfahrungen aus dem pelopone- sischen Krieg gemacht hat.49 Machiavelli behandelt dieses als zweiter am Beispiel seiner und an den Erfahrungen seiner Zeitgeschichte unter Bezugnahme auf die Antike.50 Sie beide sind Patrioten, und beide trennen Moral von der Macht, darin stimmen sie überein. Auch Machiavelli sieht sich wie Thukydides einer großen Machtkonstellation gegenüber.51 Machiavelli führt die Politik auf etwas zurück, das sich wiederholt. Er betrachtet Musterbeispiele, sammelt sie und gewinnt aus ihnen Ratschläge für die Praxis. Macht und damit die Politik ist für ihn an Genialität ge- bunden, er bezeichnet diese mit virtù. Eine anonyme Macht, die Macht der Schich- ten und Stände, sieht er nicht. Oberhalb dieser Macht gibt es für ihn nichts Höheres, weder Gott noch Kirche, weder die Idee des Guten noch die Humanität.52 Krieg ist zum Mittel der Außenpolitik geworden. Der Begriff des gerechten Kriegs geht in Italien dieser Zeit verloren, die Maxime ist das Erreichen außenpolitischer Zwecke. Dieses geschieht ohne Denken an Moral oder Unmoral hinsichtlich des Handelns. Staatliche Selbstbehauptung wird zum Primat der Politik.53

2.15 Staatsräson

Auch wenn Machiavelli in seiner Schrift den Begriff der Staatsräson nicht verwendet, schwingt er doch deutlich bei ihm mit.54 Mit Staatsräson ist gemeint, daß der Herr- scher Recht und Moral durchbrechen kann, wenn dieses im Interesse des Staates und gut für den Staat ist. Der Herrscher kann nämlich übergeordnete Werte nur dann vertreten, wenn der Staat stabil und handlungsfähig ist. Und genau dafür darf er Recht und Moral außer Kraft setzen. Aber das Denken über die Staatsräson ist keine Erfindung Machiavellis, schon in der Antike hat man sich mit der Frage be- schäftigt und auch im Neuen Testament, in Joh 11,49 f, kommt sie vor. Über den Tod Jesu sagt der Hohepriester: „Ihr versteht nichts: Ihr überlegt auch nicht, daß es besser ist, daß ein einziger Mann [Jesus] stirbt, als daß die ganze Nation zugrunde- geht.“

Auch bei Pontano findet sich, daß es der Nutzen verlangen kann, vom sittlichen Gebot abzuweichen. Da man so bei der Bedrohung eines Freundes handeln werde, kann man dieses auch für das Vaterland tun.

Das politische Handeln unterliegt den Umständen und sonst nichts. Der Staat ist im Mittelalter eine theologische und moralische Leitung des Menschen, bei Machiavelli ist er Zwang gegen die Destruktivität des Menschen.

2.16 Geschichte

In der Renaissance rückt die Betrachtung der Geschichte in den Vordergrund. Werke werden in italienischer Sprache verfaßt, mehr Menschen haben so die Möglichkeit, sich in ihrer Muttersprache damit zu befassen. Der Geist wird so an ein objektives geschichtliches Interesse herangeführt.55 Auch Machiavelli hat sein Werk in italienischer Sprache geschrieben. Seine geschichtliche Betrachtung zeigt eine Analyse der Welt von 1500. „Aus der Anschauung der gegenwärtigen Welt und aus dem Studium der antiken Geschichtsschreiber (vor allem Polybios und Livius) entwickelt er eine neue Sicht der Welt, einer neuen Welt der Profanität.“56 Seine Darstellung der Gegenwart ist eine illusionslose. Sein Ziel ist es, durch die Betrachtung der Zeitgeschichte und die der Antike, die Resignation der Zeit zu überwinden, indem er aus beiden Zeitepochen Schlußfolgerungen zieht, und er sieht in der derzeitigen Lage Italiens sogar einen Ansporn für einen Aufbruch. Auch das Volk Israel mußte erst in Ägypten größte Erniedrigungen erleiden, ehe es von

Moses dort herausgeführt wurde. In seinen Studien der Geschichte blickt er weg von der christlichen hin zu der der römischen Republik. Für ihn hat die Geschichte keine transzendentale Bedeutung. Der Mensch unterliegt allerdings in der Geschichte keinem Wandel, und auch die Geschichte selbst bleibt konstant. Geschichte verläuft für ihn von großer Ordnung zur Unordnung und dann wieder zur Ordnung. Mit der Theorie des ewigen Kreislaufs der Geschichte schließt er an Aristoteles, Polybios und Cicero an.57 Mit den Aussagen von dem Verlauf der Staatsformen58 und dem zyklischen Verlauf von Geschichte bezieht sich Machiavelli auf Polybios.59 Die Ausführungen von Immoralität ergeben sich für Machiavelli primär aus der Geschichte. Er erfand sie nicht selbst, vielmehr legte er offen dar, was er durch seine Studien erfahren und durch seine Praxis erlebt und gesehen hatte.“60 Machiavellis Betrachtung der Geschichte ist eine weltlich historische, und er läßt die metaphysisch theologische Sichtweise des Mittelalters hinter sich. Aber er bleibt in der Verherrlichung der Antike nicht stehen, er zieht wie gesagt Schlüsse aus ihr. Machiavellis Geschichtsauffassung ist eine der Wiederkehr im Gegensatz zur christlichen, die vom Anfang zum Ende - von Alpha zu Omega - verläuft.

2.17 Religion

Für Machiavelli trägt die Kirche die Schuld für den Niedergang Italiens, Ruchlosig- keit und Verdorbenheit sind eine Folge des Verhaltens der Päpste. „Wer sich der Grundlagen der christlichen Religion klar wird und sieht, wie sehr die derzeitigen Sitten davon abweichen, wird zur Überzeugung kommen, daß der Untergang oder die Bestrafung nahe ist.“61 Er wirft dem Christentum vor, daß es ganz vom ur- sprünglichen Weg abgekommen sei, und Laster und Frevel an der Tagesordnung stehen. Das Christentum mit dem Verhalten der Renaissance-Päpste habe seine Glaubwürdigkeit verloren. Reinhardt stellt hier richtig die Frage, wie viele Päpste der Stuhl Petri noch hätte vertragen können, die von der Art der Päpste der Zeit Machiavellis waren.62 Doch lehnt Machiavelli Religion nicht grundsätzlich ab, für ihn ist sie sogar für einen Staat unersetzlich, denn Gottesfurcht ist unerläßlich.63 Sie kann zwar durch die Furcht vor dem Fürsten zeitweise ersetzt werden, aber eben nur zeitweise. Denn das Leben des Fürsten ist endlich, stirbt der Fürst, so bricht der Staat zusammen. Die Religion ist bei Machiavelli ein Instrument der Erziehung, und Religion und Kultus setzt er gleich. Da nicht alle Bürger eines Staates die Gesetze begreifen, nimmt der kluge Staatsmann die Religion zur Hilfe.64 Die Religion ist ein Instrument des Herrschenden, sie ist Dienerin des Staates. Sie ist Mittel zum Zweck, nicht mehr.65 „Die Häupter eines Freistaates oder eines Königreichs müssen daher die Grundlagen der Religion, zu der sich ihre Völker bekennen, bewahren; dann wird es ihnen leicht sein, ihren Staat in Gottesfurcht und damit gut und ein- trächtig zu erhalten. Sie müssen alles, was für die Religion spricht, unterstützen und fördern, auch wenn sie es für falsch halten. Sie müssen dies um so mehr tun, je klüger sie sind und je klarer sie natürliche Dinge durchschauen.“66 Für ihn ist es aber nicht wichtig, welche Religion ausgeübt wird. Wenn der Staat ein religiöser ist, hält er zusammen. Der Verfall der Frömmigkeit interessiert Machiavelli nur aus der Sichtweise des Staates, denn der Verfall stellt für ihn eine Gefahr für den Staat dar. Die Religion des Altertums war eine weltliche, so bejahte sie die existierende Welt. Auch in der Renaissance rückt das Irdische wieder in den Vor- dergrund ohne eine Beziehung zum Jenseits. Am Christentum wird vor allem kriti- siert, daß es sich auf das Jenseits ausrichtet, Entsagung und Askese predigt und so die Welt schwach mache. Transzendentalität ist für die Welt etwas Nutzloses.

3. Interpretation

3.1 Machiavelli und seine Erfahrungen

Schon früh wurde Machiavelli vom Geist der Humanisten angesteckt, die am Hofe Lorenzo Medicis verkehrten. Mit antiklerikalen Gedanken kam er früh in Berührung, da der Vater sie mit ins Haus brachte. Machiavellis Interesse an der Antike war nicht nur auf die Literatur beschränkt, er befaßte sich mit den Tatsachen, den Daten und Ereignissen der römischen Geschichte. Nach der Vertreibung der Medicis war er vom 30. bis zum 43. Lebensjahr Sekretär der Zweiten Staatskanzlei in der Republik. Diese Zeit und vor allem seine diplomatischen Gesandtschaften im Dienste der Re- publik Florenz sind die wohl prägendsten für ihn gewesen. Er wurde zum großen Patrioten. Er erlebte die Theokratie des Savonarola, und den Verlust seiner Herrschaft wird von ihm als die eines unbewaffneten Propheten charakterisiert.67 Eindrücke sammelte er vor allem während seiner Gesandtschaft an den Französischen Hof und der zu Cesare Borgia. Cesare hinterließ den bleibendsten Eindruck auf ihn. An ihm sah er, wie man mit List, Brutalität und Verrat politische Macht gewinnt, und wie man sie erhält, wenn man alle Mittel, die es gibt, auch einsetzt. „Er [Machiavelli] hat aber während dieser Zeit [die er bei Cesare als Gesandter verbracht hat] wie nie zuvor und wie nie danach, die Hand auf das klopfende Herz der Macht gelegt.“68 Hier am Beispiel Cesares stellten sich ihm seine innersten Fragen nach den Verhältnissen der Macht:

- Wie ergreift man sie?
- Wie behält man sie?
- Wann und warum verliert man sie?
- Wie vergrößert man sie?
- Wie muß sich ein Fürst verhalten, wenn er durch Verbrechen an die Macht kommt?
- Wie sind die militärischen Pflichten des Fürsten?
- Muß der Fürst sein Wort halten?
- Ist es besser, grausam oder mild zu herrschen?

Er sieht die Stärken Cesares und dem gegenüber die Schwäche Florenz´.69 Auch hat die Technik des Täuschens, die Cesare vorbildlich beherrscht hat, großen Ein- druck auf Machiavelli gemacht. Genau ein Mann mit so einer virtù kann es schaf- fen, sein Ziel, das er hatte - nämlich die Einigung und Befreiung Italiens - herbeizu- führen. An ihm zeigt er auch, wie man Macht wieder verlieren kann. Brutalität im Handeln hat es schon vor Machiavelli gegeben, er ist es, der es offen ausspricht. So ist er weder der Urheber des Machiavellismus, so wie Paul Ehrlich nicht der Erfinder der Syphilis ist.

Auch das Zusammenkommen mit dem französischen Hof, an dem ihm Charakterlosigkeit und Kriecherei begegnet ist, hat er in sich aufgenommen. Denn Karl VIII. war ein mächtiger Mann, das hat auch seine Italienpolitik deutlich gemacht, und zudem strebte er noch an, Kaiser der Christenheit zu werden.

Im Krieg der Stadt Florenz gegen Pisa wurde er zum Kommissar erhoben und mußte erfahren, wie schädlich launische Söldner sind.70 1506 wurde auf sein Betreiben eine Bürgermiliz eingerichtet. Ihm wurde die Aushebung und die Ausbildung der Truppe übertragen. Diese ergriff schon bei ihrem ersten Einsatz 1512 gegen die Spanier die Flucht. Das Ende der florentinischen Republik war gekommen, die Medicis erhielten ihre Herrschaft in der Stadt zurück, und Machiavelli wurde entlassen. Er durfte den Regierungspalazzo nicht mehr betreten. Er zog sich auf sein Landgut zurück und fing an, die beiden Werke „Il Principe“ und „Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio“ zu schreiben. Seine Aufgabe sah er darin, vom Staat zu reden. Er schrieb an Francesco Vettori: “..daß ich weder von Seide noch Wollweberei, weder von Gewinn noch Verlust zu reden weiß; ich muß vom Staate reden.“

„Indem ich mich Euch, erlauchter Herr, nun mit einem Beweise meiner Dienstfertig- keit zu nahen wünsche, fand ich unter meinem Besitz nichts, was mir lieber wäre, oder was ich höher schätzte als die Kenntnis der Handlungen großer Männer, die ich durch lange Erfahrungen in der Gegenwart wie durch emsiges Lesen der Alten erworben habe.“71

Wie wankelmütig die Macht ist, hatte Machiavelli am eigenen Leib erfahren. Er bekam zu spüren, wie schnell man Macht erhält und auch wieder verliert. Er wurde sogar 1513 beschuldigt, an einer Verschwörung gegen die Medicis beteiligt gewesen zu sein. Nur die Intervention Kardinals Giulio de´ Medici befreite ihn von Folter und Inhaftierung.

1525 kehrte er nach langem Bemühen wieder in die Politik zurück auf den Ruf der Medicis. Er hatte die Zuständigkeit für den Bau der Stadtmauer erhalten. 1527 wurden die Medicis aus Florenz wieder vertrieben und Machiavelli seiner Ämter enthoben. Mit diesem Ende der Herrschaft der Medicis war auch Machiavellis politisches Ende gekommen. Er starb im selben Jahr in der Stadt.

3.1.1 Erfahrungen

Machiavelli hat kein geschlossenes Lehrsystem entworfen. Sein Werk ist eine Zu- sammenstellung von Maximen, Beobachtungen und Erfahrungen, die er zu Papier bringt. Das Feld seiner Erfahrungen sind Italien, Frankreich, Deutschland und die Schweiz, vor allen Dingen aber Italien, das in der Zeit Machiavellis der Spielball fremder Mächte geworden ist. Sein Bild, das er wiedergibt, ist aus der Krise der Zeit entstanden. Er hat durch die Katastrophe von 1494 und deren Folgen erfahren müssen, daß Moral ein machtloses Mittel ist, an die sich die Herrscher auch nicht halten. Dies gilt auch für das Papsttum, das in dieser Zeit ein korruptes und macht- gieriges war. Hier sei noch einmal Papst Alexander VI. und Papst Julius II. er- wähnt. Machiavellis Denken ist nicht mehr ein abstraktes wie im Mittelalter, er wird zum Techniker der Macht mit den Empfehlungen für die Praxis. Er ist derjenige, der den Verfall der Moral offen ausspricht. Er vertritt, die Umstände, unter denen poli- tisch gehandelt wird, immer als solche anzunehmen, daß man von derartigen politi- schen Kräften umgeben ist, die ohne moralische Rücksicht handeln.72 Mit der Inva- sion von 1494 kann man nicht mehr von Moral sprechen; sie wird in diesem Zu- sammenhang hier zum Faktor des Herrschenden.

Er ist sicher nicht der erste, der politisches und moralisches Handeln getrennt hat, aber er ist der, der es als erster offen formuliert. Es sind die Ideen der Zeit, die er in seinem Werk „Il Principe“ wiedergibt.73 Machiavelli sucht in seinem Forschen nach Regeln für politisches Handeln, die einen Erfolg als Zielsetzung haben. Er ist ein glühender Patriot und ihn schmerzt die Fremdbeherrschung in Italien und die Schwäche Florenz´. Sein Interesse gilt der Macht und den Strukturen, und er ver- sucht, diese aufzuzeigen. Auch der Vormarsch der Türken, die als Macht wie aus dem Nichts auf die Bühne des Weltgeschehens traten, zeigt, daß man mit Moral nicht siegen kann. Die, die nicht auf Integrität achten, erlangen in der Regel die Herrschaft über die, die sündenfrei bleiben. Auch die Schlechtigkeiten der Kirche haben bleibende Eindrücke bei ihm hinterlassen. Doch ist seine Auffassung von Religion eine utilitaristische, ganz auf den Staat bezogene. Aber der Staat braucht für seine Existenz eine funktionierende Religion, die nicht von den Oberen als puren Eigennutz betrieben wird. Denn der einzelne soll gewissenhaft seine Religion be- treiben, und das kann er auch nur dann, wenn die Religion einen ehrlichen Anschein hat.

Mit seinem empirischen Denkstil löst er sich vom Mittelalter, in dem Empirie keine Rolle gespielt hat.

Er ist in dem Land dieser ruchlosen Gewalt der erste Techniker der Macht.74 Ein Mann mit besonderer virtù soll in Krisenzeiten die Herrschaft im diktatorischen Stil übernehmen, um ein Land aus der Krise zu führen. Dabei denkt er in erster Linie an Italien. In diesem Land, das nicht nur durch fremde Herrschaft Spielball anderer geworden war, herrschte ein Kleinkrieg jeder gegen jeden. Söldnerführer kämpften für jeden, der sie bezahlte, allein aus eigenem Nutzen. Sie begingen Verbrechen meist wegen ihres eigenen Vorteils.

„Und in der Tat ließe sich der theoretische Gehalt seiner Schriften im wesentlichen auf ein Brevier von Erfahrungsweisheiten und daraus abgeleiteten, mit historischen Parabeln versehenen Verhaltensanweisungen für einzelne durchdachte politische und militärische Fälle reduzieren.“75 Ruhm und Größe zeigt er an der antiken Geschichte der Römer und Spartaner, Unbeständigkeit der Masse, Hybris der Großen und die Verrohung der Sitten an der Gegenwartsgeschichte.76 Sein Denken wird geleitet durch:

1. Die Welt ist dieselbe, und die Natur des Menschen ist konstant. „Wenn ich den Lauf der Welt bedenke, so finde ich, daß die Welt stets die gleiche war.“77 Dieses entnimmt er der antiken Geschichte (Polybios), und das erlaubt ihm, aus der Vergangenheit Rätschläge für die Zukunft zu geben.

2. „..daß, da die Zeiten sich ändern, die Menschen aber an ihrer Art festhalten.“78 Die aufklärerische Meinung über den Menschen, daß er die Fähigkeit besitzt, sich zu vervollkommnen, ist ihm fremd. Weiterhin glaubt er nicht an die Vernunft des Menschen. Allerdings ist der Fürst sehr wohl in der Lage, seine Vernunft einzu- setzen und nach ihr zu handeln. Hier nimmt Machiavelli eine Unterscheidung zwischen der allgemeinen Masse der Menschen und des Fürsten vor.

3. Die Menschen sind für ihn wankelmütig, egoistisch, undankbar und schlecht. „Von den Menschen läßt sich nur Schlechtes erwarten, wenn sie nicht zum Guten gezwungen sind.“79

„Ja, wir Italiener sind vorzugsweise irreligiös und böse“80

Dieses pessimistische Menschenbild entnimmt er den Menschen seiner Zeitepoche, die sich in einer Krise befindet.81

Die Erfahrung der Völker aus seiner Betrachtung bringt ihn zu seinen Schlußfol- gerungen, daß Täuschung, List, Verrat, Meineid, Bestechung, Vertragsbruch und Gewalttat oft die letzten Mittel für den Erfolg sind.82 Er demaskiert die Verhaltensre- geln der Zeit durch seine realistische Schreibweise. „Er faßt die vorhandenen Kräfte immer als lebendig aktive, stellt die Alternativen richtig und sucht weder sich noch andere zu täuschen.“83

Florenz ist in Italien eine Polis der neuen Zeit geworden, getragen vom Bürgertum und der Signoria. Die gute christliche Regierung, wie sie in den Fürstenspiegeln dargestellt wird oder zumindest ihr Schein, wird verdrängt durch den Gedanken der effektiven Staatslenkung. Sie folgt wiederum der Maxime, der Zweck heiligt die Mit- tel. Machiavelli sucht Kausal- und Zweckmuster von Herrschaft am Beispiel antiker Literatur.

Der Mensch macht in der Renaissance die Erfahrung, daß er selbst das Zentrum der Erkenntnis ist. Er emanzipiert sich aus der Eingebundenheit in die Ordnung des Mittelalters. Die politische Theorie emanzipiert sich bei Machiavelli vom theolo- gischen Zweck.

3.2 Begründungen Machiavellis

Die antike Philosophie begegnet dem Menschen in der Renaissance, und sie ist für ihn nicht mehr Häresie, sondern wird fast zum Dogma.84 Auch bei Machiavelli er- reichen die Aussagen, die er aus der Antike nimmt, Dogmencharakter. Seine Ausührungen werden immer wieder mit Beispielen aus der Antike angereichtert, ohne daß diese dann einer Begründung unterzogen werden. Für ihn ist es ausreichend, daß der Leser seine Beispiele nachvollziehen kann. Er hat kein Bestreben, Dinge der Vergangenheit zu beweisen, sondern schlägt gleich den Bogen zur Zukunft. Aus der Geschichte folgert er Grundsätze, aus ihr sind Einsichten und Erkenntnisse zu gewinnen. Die Geschichte ist eine Lehre, aus der man Handlungsweisen für die Zukunft ableiten kann. Aber das muß als Beweis genügen. Er bezieht sich auf Polybios, Aristoteles und Livius, ihre Aussagen haben für ihn Autorität.

Aber auch die Aussagen über den Menschen werden keinem Beweis unterzogen. Der Mensch ist für ihn schlecht, und das vertritt er als Axiom.

Er untersucht die Realität des politischen Lebens und gewinnt seine Aussagen aus Prämissen, die er aber nicht deutlich begründet.85

Auch die These, daß der Fürst sein Wort nicht zu halten braucht, weil die Menschen schlecht sind, müßte Machiavelli in seiner Richtigkeit beweisen, tut dieses aber nicht.86 Eine Rechtfertigung der politischen Bewertung der Religion ist bei ihm nicht zu finden. Er erhebt seine Regel aus Einzelfällen zur Theorie, so bei Cesare Borgia und Savonarola. Für ihn ist es ausreichend, wenn der Leser seine Intention, Kri- terien für einen stabilen Staat aufzustellen versteht und nachvollziehen kann.

Auch die von ihm vorgetragene Zeitgeschichte muß für den Leser die Begründung in sich selbst haben. Letztendlich legt er diese auch nur dar, ohne eine deutliche Erklärung.

4. Abschlußbetrachtung

Wenn man Machiavellis Werk „Il Principe“ liest, muß man darauf bedacht sein, es nicht aus seinem geschichtlichen Kontext zu entnehmen, und auch das Werk sollte man im inneren Zusammenhang betrachten. Machiavelli war, was er sicher selbst bestritten hätte, ein Kind seiner Zeit, einer Zeit, in der sich große Umbrüche vollzogen haben. Er schreibt als italienischer Patriot mit einem Ziel, Italien von der Fremdherrschaft zu befreien. Und genau dieses muß man sich immer vor Augen halten, wenn man dieses Werk liest. Er hat nicht beschrieben, wie die Menschen sein sollen, sondern wie die Menschen sind. Er hat demaskierend ausgesprochen, was die Handlungsmotive der Herrscher sind, und nicht, was sie sein sollen. Doch macht er aus dem „Sein“ ein „Sollen“, und genau diese Formulierungen sind es, die ihm den schlechten Ruf eingebracht haben. Doch mag es nicht besser sein, möchte man hier einwenden, wenn man glaubt, daß die Idee des Guten doch hinter allem steht? Machiavelli hätte sicher darauf geantwortet, der Schein des Guten nach Außen genügt, dann sind die Menschen beruhigt, doch das Gute muß nicht wirklich hinter dem Fürsten stehen. Indem man die Aussagen aus ihrem Kontext genommen hat, haben sie einen absoluten Charakter erhalten. Doch schreibt Machiavelli nicht für irgendwelche machtgierigen Provinzpolitiker. Er hat einen Anspruch an Politiker, sie müssen die richtige virtù haben. Wenn sie sie haben, dann haben sie alle Frei- heiten. Doch hier fängt es an, gefährlich zu werden, wenn man vom Befreier Italiens zum allgemeinen übergeht. Wer entscheidet, ob ein Politiker die richtige virtù hat, wer entzieht ihm die Freiheiten, wenn er nicht mehr im Sinne des Staates handelt? Bei dieser Überlegung spielt natürlich die Erfahrung mit dem Faschismus im 20. Jahrhundert eine große Rolle.

„1. Es gibt nicht nur eine grundlegende, sondern auch ein fortlaufende Offenbarung, und zwar nicht nur auf dem Boden der Kirche, sondern auch im Staats- und Volksleben. Eine solche Offenbarung ist die politische Bewegung des Nationalsozialismus. Ihr Träger ist Adolf Hitler.

2. Die Kirche hat die Pflicht, sich dieser Bewegung , die den Ausbruch einer neuen politischen und religiösen Epoche unseres Volkes bedeutet, restlos zur Verfügung zu stellen, und ihre Verkündigung muß darauf ausgerichtet sein.“87

Dieses ist ein Aussage der Deutschen Christen über den Nationalsozialismus und die Person Adolf Hitlers. Wenn man ihnen die Frage gestellt hätte, ober Hitler ein Führer mit besonderer virtù sei, hätte sie diesem wohl aus innigster Überzeugung zugestimmt. Daß dieses nicht der Fall gewesen ist, hat das Jahr 1945 mit dem Ende des 2. Weltkrieges deutlich gezeigt. Hierin drückt sich aus, daß es sehr gefährlich sein kann, einen Menschen mit besonderer virtù solche Freiheiten einzuräumen, wie Machiavelli dieses tut. Denn wer kann über die virtù eines anderen so entscheiden?

Aber die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts haben die negative Sichtweise des Menschen, die Machiavelli vertritt, eher bestätigt als widerlegt. Wenn nämlich positive staatliche Schranken fallen, die dazu dienen, andere Menschen vor Übergriffen zu schützen, entsteht Fürchterliches. Das hat man an den Verbrechen im Dritten Reich gesehen, wo Menschen zu Dingen fähig gewesen sind, die man sich nicht hätte vorstellen können.

Machiavelli trennt die Politik von der Moral. Er ist aber meines Erachtens nicht der, der dieses „erfindet“, sondern nur der, der das übliche Handeln beschreibt. Und er beschreibt es noch unter der Sichtweise der bestimmten Situation, in der sich Italien im Anfang des 16. Jahrhunderts befand. Aber solange der Verlust von Macht eine Schmach und der Machterhalt die Triebfeder allen Handelns ist, ist Machiavelli aktuell. Machiavelli ist sicher nicht der Urheber des Machiavellismus gewesen, denn hier verkennt man, daß Machiavelli gerade kein geschlossenes Lehrsystem entworfen hat, und daß er mit einer bestimmten Intention für seine Zeit und unter den Erfahrungen, die er in seinem Leben gemacht hat, schreibt.

5. Literaturverzeichnis Texte:

Machiavelli, Niccolò, Der Fürst, übersetzt von Friedrich von Oppeln-Bronikowski, Frankfurt 1990

ders., Discorsi: Gedanken über Politik und Staatsführung, übersetzt von Rudolf Zorn, Stuttgart 1978

Aquin, Thomas von, Über die Herrschaft der Fürsten, übersetzt von Ulrich Matz, Stuttgart 1981

Aristoteles, Politik, übersetzt von Olof Gigon, München 71996

Polybios, Geschichte, übersetzt von Hans Drexler, Gesamtausgabe in 2 Bänden, Stuttgart Bd.1 1961, Bd.2 1963

Die Bibel, nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart 1984

Lexika:

Langenscheidts Millennium-Wörterbuch Italienisch, Berlin u.a. 2000

Sekundärliteratur:

Berges, Wilhelm, Die Fürstenspiegel des hohen und späten Mittelalters, Stuttgart 1952 Burckhardt, Jacob, Die Kultur der Renaissance in Italien, Essen 1996 Erdmann, Johann Eduard, Grundriß der Geschichte der Philosophie, Eschborn 41992 Flasch, Kurt, Das philosophische Denken im Mittelalter von Augustin zu Machiavelli, Stuttgart 1986

Grant, Michael, Klassiker der antiken Geschichtsschreibung, München 1981

Huovinen, Lauri, Das Bild vom Menschen im politischen Denken Niccolò Machiavellis, Helsinki 1951

Kantorowics, Ernst, Die zwei Körper des Königs, übersetzt von Walther Theimer, München 1990

Klein, Jürgen, Denkstrukturen der Renaissance, Essen 1984

Krebs, Albert, Dreikönig im Kirchenkampf, in: Evangelisch-Lutherische Dreikönigskirche, Frankfurt 1981, S. 151 - 177

Lutz, Heinrich, Ragione di stato und die christliche Staatsethik im 16. Jahrhundert, Münster 1961

Marcu, Valeriu, Machiavelli, die Schule der Macht, München 1994

Mittermaier, Karl, Machiavelli: Moral und Politik zu Beginn der Neuzeit, Gernsbach 1990

Münkler, Herfried, Machiavelli, die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz

Paulsen, Thomas, Machiavelli und die Idee der Staatsräson, Neubiberg 1996

Reinhardt, Karl, Thukydides und Machiavelli, in: Vermächtnis der Antike, Göttingen 1989 S. 184 - 214

Schmitt, Eberhard, Machiavelli, in: Klassiker des politischen Denkens, Bd.1, S. 158-221 München 1968

Sternberger, Rolf, Drei Wurzeln der Politik, Frankfurt 1984

Störig, Hans Joachim, Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Stuttgart 171999

Voegelin, Eric, Die spielerische Grausamkeit der Humanisten: Studien zu Niccolò

Machiavelli und Thomas Morus, aus dem Englischen von Dieter Herz, München 1995

Fußnoten

[...]


1 In einigen Punkten habe ich auch auf die Discorsi zurückgegriffen.

2 Burckhardt, die Kultur der Renaissance in Italien, S. 105

3 Marcu, Machiavelli, S. 135

4 Marcu, aaO S. 135

5 Marcu, aaO S. 52

6 Principe Kap. VI

7 Marcu, aaO S. 112

8 so Voegelin, die spielerische Grausamkeit der Humanisten, S. 36

9 Principe Kap. XV

10 Discorsi I,3

11 Huovinen, das Bild vom Menschen im politischen Denken Machiavellis, S. 19

12 Mittermaier, Machiavelli: Moral und Politik zu Beginn der Neuzeit, S. 269

13 Flasch, Kurt, Das philosophische Denken im Mittelalter von Augustin zu Machiavelli, S. 575

14 Polybios, Historien, 9. Buch, 2,5

15 Polybios, 2.Buch 3,5; 11,5,8; 29,12,2

16 Discorsi III, 49

17 Thomas von Aquin, Von der Herrschaft der Fürsten, I,15

18 Principe Kap. XVIII

19 Erdmann, Grundriß der Geschichte der Philosophie, S. 380

20 Principe Kap. XXVI

21 Liviuszitat in Principe Kap. XXVI

22 Principe Kap. XI

23 Principe Kap. VIII

24 Diskorsi I, 27

25 Hier schließt Machiavelli an Autoren der Antike an, an Aristoteles, Thukydides und Polybios. Vgl Mittermaier aaO S. 399

26 Aristoteles, Politik 1313a 3-5

27 Aristoteles, aaO, 1313a 9

28 Pricipe Kap. VII

29 Aristoteles, aaO 1312b 17-21

30 Principe Kap. XIX

31 Sternberger, Rolf, Drei Wurzeln der Politik, 1984, S.176

32 Aristoteles, aaO 1311a 15-22

33 Principe Kap. VII,

34 Aristoteles, aaO 1311a 8-14

35 Principe Kap. XX

36 Aristoteles, aaO 1314b 28-36 - Principe Kap. XV

37 Aristoteles, aaO 1314b 23-25 - Principe Kap. VIII

38 Aristoteles, aaO 1314b 18-20 - Principe Kap XVII

39 Aristoteles, aaO 1314a 38- b 18

40 Principe Kap. XVIII

41 Principe Kap. XVIII

42 Sternberger, aaO Seite 218

43 Sternberger, aaO S. 230

44 Klein, Denkstrukturen der Renaissance, S. 87

45 Sternberger aaO S. 222

46 Principe Kap XXV

47 Principe Kap VI

48 so Mittermaier aaO S. 296

49 Werk: Geschichte des Peloponnesischen Krieges

50 Machiavelli ist allerdings unabhängig von Thukydides

51 bei Thukydides sind es die Spartaner, die mit Athen 431-404 erbitterten Krieg führten, in dem die Spartaner obsiegten, bei Machiavelli sind es die Franzosen nach der Katastrophe von 1494, die Spanier, die auf italienischenm Gebiet neue Waffentechniken ausprobieren und der Deutsche Kaiser.

52 so Reinhard, aaO Vermächtnis der Antike, S. 188

53 Paulsen, Machiavelli und die Idee der Staatsräson, S. 9

54 so Paulsen, aaO S. 10

55 Burckhardt, aaO, S. 243

56 Flasch, aaO S. 575

57 Mittermaier, aaO S. 275

58 Discorsi I, 2

59 besonders auf das 6. Buch der Historien

60 Mittermaier, aaO S. 296

61 Discorsi I,12

62 Reinhardt, aaO S. 110

63 Discorsi I, 11

64 Principe Kap. XXI

65 utilitaritische Auffassung von Religion, Principe Kap. XVIII

66 Discorsi I, 12

67 Daher haben alle bewaffneten Propheten den Sieg davongetragen, die unbewaffneten sind zugrunde gegangen. Principe Kap. VI

68 Marcu, aaO S. 163

69 Principe Kap. VII

70 Das führt er in Principe Kap. XII aus, ein Fürst soll sich nicht auf Söldner verlassen, denn im Krieg laufen sie davon, da sie ihr Leben nicht für den geringen Sold opfern wollen. Doch die Tugenden seiner Burgermiliz, die er dem Fürsten empfielt, hat er am eigenen Leib erfahren, sie haben die Flucht ergriffen.

71 Principe, Vorwort

72 Flasch, aaO S. 584

73 so Voegelin, aaO S. 31

74 Marcu, aaO S. 104

75 Schmitt, aaO S. 205

76 vgl Schmitt, Machiavelli, S. 206

77 Discorsi II, Vorrede

78 Principe Kap. XXV

79 Principe Kap. XXIII

80 Discorsi I, 50

81 Huovinen aaO. S. 21

82 vgl. Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie, S. 331

83 Burckhardt, aaO S. 86

84 Burckhardt, aaO S. 500

85 Schmitt, aaO S. 208

86 Principe Kap. XV, XVII, XVIII

87 Krebs, Albert, Dreikönig im Kirchenkampf, S. 160

29 von 29 Seiten

Details

Titel
Machiavelli, Der Fürst (Il Principe)
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Seminar: Erfahrung und Wissenschaft in der Renaissance
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
29
Katalognummer
V102943
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Machiavelli, Fürst, Principe), Seminar, Erfahrung, Wissenschaft, Renaissance
Arbeit zitieren
Achim Schneider (Autor), 2001, Machiavelli, Der Fürst (Il Principe), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102943

Kommentare

  • Gast am 11.12.2001

    s.

    nicht schlecht,aber vielleicht ein wenig sehrrrrrrrrrr lang,oder?

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