Die Problematik der Leihmutterschaft. Inwiefern stellt das Konzept der Leihmutterschaft ein moralisches Problem dar?


Hausarbeit, 2017

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Systemische Kritikpunkte einer Leihmutterschaft
2.1 Aus Sicht der Leihmutter
2.1 Aus Sicht der auftraggebenden Eltern

3 Ethische Problematik
3.1 Die Instrumentalisierung der Leihmutter
3.2 Die Würde des Kindes

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Instinkt der Fortpflanzung ist in nahezu jedem Menschen verankert, weshalb die Familiengründung zu den Meilensteinen einer Lebensplanung zählt. Für die meisten Paare ist das Kinderkriegen ein großer Wunsch und für viele Frauen das Mutter Werden ein elementares Bedürfnis. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind zählt zu den intensivsten Bindungen in zwischenmenschlicher Form und kann durch nichts Vergleichbares ersetzt werden, weshalb der Wunsch danach psychisch sehr vereinnahmend werden kann. Vielen Frauen und Männern sind die biologischen Grundlagen dafür nicht gegeben und der Kinderwunsch entwickelt sich zu einem ungestillten Bedürfnis für die betroffenen Paare. Eine vermeintliche Lösung für dieses Dilemma bietet die Leihmutterschaft. Hierbei gibt es unterschiedliche Formen, in denen die Elternkonstellation sowie die Verwendung von Ei- und Samenzelle verschieden sein kann. Im Grunde entsteht eine s.g. geteilte Mutterschaft, aus sozialen und biologischen Eltern bestehend. Die kinderlosen Paare beauftragen eine Leihmutter, die durch eine Implantation der Samen- und Eizellen des Auftragspaares ein Kind austrägt. Bei diesem Verfahren gibt es verschiedene Varianten, sodass eine Leihmutter gleichzeitig auch die genetische Mutter sein kann oder auch keinerlei Verwandtschaft mit dem Kind besteht. Für diese „Dienstleistung“ wird die Leihmutter natürlich entsprechend von den auftraggebenden Eltern bezahlt, was häufig die Motivation der Leihmütter darstellt, über ihren Körper bestimmen zu lassen. Nicht nur die ärztlichen Untersuchungen, auch die Essgewohnheiten, der Lebensstil und die körperlichen Veränderungen müssen stets mit den sozialen Eltern sowie demn zuständigen Ärzten abgesprochen werden. Die Leihmutter stellt ihren Körper buchstäblich wie eine Brutmaschine zur Verfügung und gibt das ausgetragene Kind am Ende des Auftrages ab, wie eine reife Frucht, die nun von anderen geerntet wird. Dieser bildhafte Vergleich deutet bereits auf die Problematik rund um das Thema der Leihmutterschaft hin, welches über den Vorwurf der Instrumentalisierung hinaus häufig auch als ethisch, psychologisch und rechtlich verwerflich betrachtet wird.

Die folgende Arbeit soll einen Überblick über die Debatte um das Thema Leihmutterschaft geben, in der vor allem die Kritikpunkte und die ethische Problematik aus den verschiedenen Perspektiven dargeboten wird. Hierzu soll zunächst die systemischen Kritikpunkte erläutert und speziell aus Sicht der Leihmutter und der auftraggebenden Eltern betrachtet werden. Die Würde der beteiligten Parteien wird ebenfalls thematisiert, woran die ethische Problematik erkennbar werden soll. Letztlich dient diese Arbeit als Überblick, der zeigt, inwiefern eine Leihmutterschaft ein moralisches Problem darstellt. Grundlage dazu ist vor allem ein Text von Barbara Bleisch, die die Personenkonstellation in der Leihmutterschaft aufgeschlüsselt und kommentiert hat sowie einen Einblick in die Vielfältigkeit dessen gibt. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt bei den Personen, die in Leihmutterschaftsverhältnissen beteiligt sind, und fokussiert daher die moralischen und ethischen Fragen des Konzeptes. Der juristische Bezug wird demnach nicht schwerpunktmäßig behandelt.

2 Systemische Kritikpunkte einer Leihmutterschaft

Das Konzept der Leihmutterschaft wird überall auf der Welt verschieden bewertet und ist daher in einigen Ländern ein gängiges Verfahren, in anderen wiederum gesetzlich verboten. In den USA, Großbritannien und den Niederlande ist Leihmutterschaft beispielsweise legal, in Deutschland jedoch illegal.1 Offensichtlich gibt es also unterschiedliche Standpunkte und Rechtfertigungen für die Thematik, die sich auch in vielen Beiträgen unterschiedlicher Art finden lassen. So werden häufig Begriffe wie „Menschenhandel“2 und „Ware Kind“ im Zusammenhang mit Leihmutterschaft gebraucht. Doch warum wird das Verfahren mit diesen negativ geprägten Begriffen in Zusammenhang gebracht? Und an welchen Stellen ist die geteilte Elternschaft moralisch anstößig?

Recherchiert man im Internet zum Thema „Leihmutterschaft in Deutschland“, gelangt man direkt auf die Website einer deutschen Agentur, die Leihmutterschaft in der Ukraine weltweit anbietet3. Es gibt also Grauzonen, durch die auch in den Ländern, in denen Leihmutterschaft verboten ist, eben diese genutzt werden kann. Auf der besagten Website kann man unter dem Reiter „Dienstleistungen“ zwischen verschiedenen Programmen wählen. Diese Programme reichen vom „Success Paket“ für 9.900€ bis zum „All-Inklusive VIP Paket“ für 49.900€. Darin inbegriffen sind sämtliche Leistungen der Leihmutter, wie auch die ärztlichen Untersuchungen und je nach Höhe des Preises können auch mehrere Versuche der Befruchtung abgedeckt sein, falls dies nötig ist. Im Falle der Kündigung des Vertrags seitens der Bestelleltern oder auch einem „negativen Ergebnis“ ist eine Geld-Zurück-Garantie eingeräumt. An dieser Stelle kommt eine entscheidende moralisch fragwürdige Frage auf. Wenn die Bestelleltern den Vertrag mit der Firma, also auch mit der Leihmutter kündigen, bekommen sie zwar ihr Geld zurück, jedoch wächst das Kind deshalb trotzdem noch im Körper der Leihmutter – und es ist nicht einmal ihr eigenes. Was passiert also in solch einem Fall mit Mutter und Kind?

Es gibt zwei Optionen. Erstens: Eine Abtreibung wird nach Kündigung des Vertrags durchgeführt, sofern dies noch möglich ist. Zweitens: Das Kind wird ausgetragen und zur Adoption freigegeben. Das Kind wird behandelt, als wäre es eine gewöhnliche Sache, keineswegs wie ein besonderes, ersehntes Familienmitglied, dessen Abwesenheit ein ungestilltes Bedürfnis für die Wunscheltern darstellt.

Der Kinderwunsch, der bei vielen Paaren so stark sein soll, dass sie eine Leihmutter engagieren, verliert an Bedeutung und an Priorität in der Lebensplanung. Durch eine Leihmutterschaft kann auch der Zeitpunkt, wann das Paar ein Kind bekommt, frei gewählt werden. Also muss sich auch nicht mehr zwischen Karriere und Familie entschieden werden – die gesundheitlichen Risiken einer Schwangerschaft in höherem Alter spielen hier keine Rolle mehr. Es bedarf keiner großartigen Planung, das Kind kann willkürlich gekauft werden. Selbst bei mangelnden finanziellen Mitteln kann ein Kredit aufgenommen werden, der während des fortwährenden Lebens des Kindes abgezahlt wird. Und bei diesen Überlegungen spielt die Würde der Leihmutter die kleinste Rolle.

2.1 Aus Sicht der Leihmutter

Dass eine Frau während ihrer Schwangerschaft Gefühle zu dem Baby aufbaut, ist gewiss kein Geheimnis. Die dabei entstehende Bindung zwischen Mutter und Kind ist nicht antizipierbar und kann auch nicht einfach beendet werden, wie ein Vertrag gekündigt werden kann. Es ist ein Teil der Frau, der in diesem Moment gelöscht wird und dieser ist wohl kaum durch eine Zahlung zu entschädigen.

Verliert die Leihmutter das Kind aus natürlichen Gründen, ist im Vertrag ebenfalls geregelt, dass die Bestelleltern keine weiteren Kosten tragen und die Agentur eine neue Leihmutter engagiert. Es geht in dem Moment nicht mehr um das Individuum des entstehenden Kindes, auch nicht um die leidende Mutter, die das Kind verloren hat. Es geht um die zahlenden Kunden, um das Geschäft, das aufrecht erhalten werden muss. Der Kinderwunsch an sich verliert an Emotionalität, denn auch die Bestelleltern sind zunächst finanziell an einer Absicherung interessiert. Das ersehnte Kind scheint in den Hintergrund zu rücken, denn auf gewisse Weise sind sie doch eher indirekt betroffen. Die direkten Folgen trägt die Leihmutter, die ein fremdes Baby verloren hat und in diesem Fall keinen Vertrag durch eine Unterschrift abschließen kann.

Aus welchem Grund nehmen die Leihmütter an diesem eigentlich seriös wirkenden Projekt teil, wenn sie doch scheinbar so viele negative Folgen davontragen?

Diese Frage stellt tatsächlich einen sehr wichtigen Punkt in der Debatte um die moralische Rechtfertigung von Leihmutterschaft dar. Es gibt sicher jene, die aus Überzeugung und eigenem Willen einem kinderlosen Paar einen großen Wunsch erfüllen wollen. In größerer Zahl gibt es aber auch solche Frauen, die aus finanzieller Not und Ausweglosigkeit heraus den „Job“ der Leihmutter annehmen. Sicher ist es auch denkbar, dass die Leihmutter emotional Abstand gewinnt und den Auftrag des Kinderkriegens tatsächlich als Job betrachtet. Den eigenen Körper als Einnahmequelle anzusehen, ist jedem selbst überlassen und kann der Frau nicht abgestritten werden. In diesem Fall würde keine Ausbeutung der Leihmutter durch die Bestelleltern und die Firma dahinter stattfinden und der Vorgang wäre legitim. Ob dieser emotionale Abstand jedoch realistisch ist und die körperlichen Veränderungen wirklich keinerlei negative Auswirkungen auf die Frau haben, ist eher fraglich.

Die Gründe der Leihmutter, dem Programm Leihmutterschaft beizutreten sowie ihre gesellschaftliche Position ist also in der Diskussion um die moralische Vertretbarkeit dessen sehr bedeutend.

2.1 Aus Sicht der auftraggebenden Eltern

Das auftraggebende Paar spielt also insofern eine Rolle, als dass deren Blick auf die Leihmutter entscheidend zu ihrer moralischen Situation beiträgt. Barbara Bleisch sagt in ihrem Text, dass „[...] das Engagieren einer Leihmutter dann illegitim ist, wenn mit dieser Handlung zum Ausdruck gebracht wird, dass die Leihmutter auf ihre Funktion als Gebärmutter reduziert wird und entsprechend als Person einen Preis erhält.“ 4

Im Falle der Leihmutterschaft, wie sie auf der genannten Internetseite angeboten wird, ist jedoch ein Preis und damit ein Wert für diese Person festgelegt. Sie wird vom Bestellpaar auf ihre bloße Funktion als Gebärmutter reduziert und für ihre naturgegebene Gebärfähigkeit bezahlt. Sie wird engagiert und dafür bezahlt, einen Teil von sich zu verkaufen. Hier wird nicht nur die Mutter als Dienstleister und die Schwangerschaft als Dienstleistung, sondern auch das Kind als Produkt gesehen, das für Geld von den Auftraggebern erstanden wird. Dies stellt nicht nur gegenüber der Leihmutter einen elementaren Kritikpunkt dar, sondern auch gegenüber dem Neugeborenen, welches so noch vor seiner Geburt gewertet wird. Legitim wäre eine Leihmutterschaft nach Bleisch dann, wenn die Leihmutter von den auftraggebenden Eltern als Person und Individuum mit all ihren menschlichen Bedürfnissen und Empfindungen wahrgenommen und behandelt würde. Das würde implizieren, dass die während der Schwangerschaft entstehende Bindung zum Kind zugelassen wird und die Leihmutter ein Teil der Familie ist. Da dies jedoch gegen die meisten Wunschvorstellungen der Eltern verstößt, nicht zuletzt aufgrund der Angst, die Leihmutter könnte eine engere Bindung zum Kind haben, als die sozialen Eltern, entsteht an dieser Stelle ein weiterer Konflikt.

Aus Sicht der Bestelleltern scheint eine Leihmutterschaft eine einfache und lediglich finanziell belastende Möglichkeit zu sein, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Sie wählen auf einer übersichtlichen Website ihren Konditionen entsprechend das Paket aus, welches ihren Bedürfnissen gleich kommt, bezahlen einen Betrag und erhalten einige Monate später das gewünschte Kind. Der Verlauf der Schwangerschaft unterliegt ihrer Beobachtung und ärztlicher Kontrolle, weshalb eine direkte Anpassung der Lebensbedingungen an eine Schwangerschaft nicht notwendig ist. Das Kinderkriegen verläuft tatsächlich planmäßig und je nach gewähltem Paket ist das Ergebnis mehr oder weniger garantiert.

Eine Leihmutterschaft bringt die Notwendigkeit mit sich, über die Leihmutter hinaus die betroffenen Parteien und deren Positionen zu betrachten. Das Konzept beinhaltet viele Aspekte, die aus ethischer Sicht problematisch und moralisch anstößig sind. Diese ethische Problematik der Leihmutterschaft wird im folgenden Kapitel dargestellt.

3 Ethische Problematik

In einem Vertrag zur Leihmutterschaft ist ausdrücklich der Erhalt eines gesunden Kindes garantiert.5 Eine Bedingung ist, dass die Leihmutter sich zur Pränataldiagnostik6 bereit erklärt und die Bestelleltern bei auftretenden Risiken eine Abtreibung verlangen können, ohne dass eine Zustimmung der Leihmutter notwendig ist. Sie spielt die Hauptrolle im gesamten Prozess und hat jedoch keinerlei Mitspracherecht. Das Honorar wird ihr sogar gekürzt, sollte es zu einem Schwangerschaftsabbruch kommen. Obwohl es nicht einmal ihre Zellen sind, die abgestoßen werden und sie sich womöglich der Schwangerschaft entsprechend korrekt verhalten hat, sind die Bestelleltern vertraglich abgesichert – die Leihmutter nicht. Die Bestelleltern müssen sich nicht mehr an weiteren Arztkosten beteiligen und bekommen, je nach gewähltem Paket, einen nächsten Versuch. Möchte die Leihmutter das Kind jedoch behalten, steht ihr keinerlei Vergütung und Unterstützung zu, ihr Vertrag ist somit gekündigt und sie trägt ein Kind aus, das genetisch nicht einmal mit ihr verwandt ist. Die Frau mit dem „fremden“ Kind im Bauch ist auf sich selbst gestellt, als wäre ein Mietvertrag gekündigt worden und alle Parteien gehen ihre eigenen Wege.

Dass diese Fakten für Mutter und Kind emotionale Konsequenzen haben müssen, ist wohl offensichtlich. Die Leihmutter wird in diesem Vertrag auf ihre Funktion als Gebärmutter reduziert und das Kind als Produkt einer in Vorkasse bezahlten Dienstleistung. Aus ethischer Sicht findet eine Menschenwürde verletzende Instrumentalisierung der Leihmutter und eine Verletzung der Würde des Kindes statt, was eine moralische Bedenklichkeit des gesamten Verfahrens impliziert.

[...]


1 S. Heinrich, C. (2010): Abgenabelt – und weg. Studie zu Leihmutterschaft.

2 Vgl. Bubrowski, H. (2014): Kind auf Bestellung. Diskussion um Leihmütter.

3 www.leihmutter-schaft.de

4 Barbara Bleisch: Leihmutterschaft als persönliche Beziehung (S. 17)

5 S. Vertragsunterlagen in: www.leihmutter-schaft.de

6 Pränataldiagnostik bezeichnet die vorgeburtliche Untersuchungen an schwangeren Frauen und deren ungeborenen Kindern.

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Details

Titel
Die Problematik der Leihmutterschaft. Inwiefern stellt das Konzept der Leihmutterschaft ein moralisches Problem dar?
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V1030323
ISBN (eBook)
9783346433213
ISBN (Buch)
9783346433220
Sprache
Deutsch
Schlagworte
problematik, leihmutterschaft, inwiefern, konzept, problem
Arbeit zitieren
Jenny Braun (Autor:in), 2017, Die Problematik der Leihmutterschaft. Inwiefern stellt das Konzept der Leihmutterschaft ein moralisches Problem dar?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030323

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