Die Kindsmorddebatte in der Literatur des Sturm und Drang. Friedrich Schillers "Die Kindsmörderin" im Vergleich zu Gottfried August Bürgers "Des Pfarrers Tochter von Taubenhain"


Hausarbeit, 2020

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse von Friedrich Schillers Gedicht Die Kindsmörderin

3. Analyse von Gottfried August Bürgers Ballade Des Pfarrers Tochter von Taubenhain

4. Vergleich

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema und gleichzeitig das Motiv des Kindsmords spielt in der Literatur bis heute eine große Rolle. Seit der Antike bis hin zur Neuzeit1 wird dieses Thema immer wieder aufgegriffen. Die größte Rolle spielte der Kindsmord jedoch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und da vorwiegend in der Zeit des Sturm und Drang.2 Das antike Drama Medea von Euripedes, das 431 v.Chr. entstanden ist, stellt den Ausgangspunkt der Literaturgeschichte dar und führte dazu, dass sich viele Autoren dem Motiv der Kindsmörderin widmeten.

In der Zeit des Sturm und Drang nahmen sich viele bekannte Dichter vermehrt dem Thema an und verfassten Texte, die bis heute eine hohen Stellenwert in der Literatur einnehmen. So gilt Wagners Kindermörderin als „eines der formal und inhaltlich aufschlussreichsten Dramen der Epoche“3 und auch die Ballade Des Pfarrers Tochter von Taubenhain von Gottfried August Bürger aus dem Jahre 1782 „hat sich im allgemeinen literarischen Gedächtnis halbwegs behauptet“4. Zurückzuführen ist die breite literarische Resonanz des Themas darauf, dass man sich im Zeitalter der Aufklärung befand. Es wurde allgemein viel über die Beweggründe der Kindsmörderinnen diskutiert und die Frage danach gestellt, ob die Todesstrafe, die das Strafrecht der Carolina von Kaiser Karl aus dem Jahr 1532 vorsah, noch angemessen sei5.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit Friedrich Schillers Die Kindsmörderin aus dem Jahre 1782 und der Ballade Des Pfarrers Tochter von Taubenhain von Gottfried August Bürger aus demselben Jahr. Der Fokus der Analyse liegt auf dem Gedicht von Friedrich Schiller. Die Ballade von Gottfried August Bürger soll vergleichend analysiert werden, um feststellen zu können, was das Besondere an Schillers eigenem Beitrag zum Thema der Zeit ist. Die Analyse wird sich auf die Form, die stilistischen Mitteln, die Motive und thematischen Einheiten sowie auf die Wirkungsziele des Gedichts konzentrieren.

2. Analyse von Friedrich Schillers Gedicht Die Kindsmörderin

Das Gedicht „Die Kindsmörderin“ von Friedrich Schiller erschien erstmals in seiner Anthologie, die im Jahre 1782 veröffentlicht wurde. Entstanden ist das Gedicht vermutlich gegen Ende des Jahres 1781.6 Im Jahr 1781 publizierte Gotthold Friedrich Stäudlin das Werk Schwäbischer Musenalmanach, in dem sich eine Sammlung an Gedichten, unter anderem Die Entzückung an Laura von Friedrich Schiller, befinden. In dem Werk veröffentlicht Stäudlin auch sein Gedicht Seltha, die Kindermörderin. Aus diesem Grund kann Friedrich Schillers Gedicht Die Kindsmörderin als direkte Antwort auf dieses und seine Anthologie als Gegenpublikation verstanden werden.7 Doch nicht nur Stäudlin hat ein Gedicht zum Thema Kindsmord verfasst, auch andere Autoren wie Wagner, Schink, Bürger und viele weitere haben sich mit dem Thema befasst.8 Das ist darauf zurückzuführen, dass es sich beim Thema Kindsmord um ein sehr „zeitgenössisches Thema“9 handelte, welches die „literarisch-intellektuelle Öffentlichkeit des 18.Jahrhunderts erschütterte und beschäftigte.“10 Den Höhepunkt dieser allgegenwärtigen Diskussion stellte die sogenannte Mannheimer Preisfrage von 1780 dar, in der die BürgerInnen danach gefragt wurden, wie man „dem drängenden gesellschaftlichen Problem vorehelicher Sexualität mit Kindesfolge und Kindsmord am besten begegnen könne.“11

Im Folgenden soll Schillers Gedicht näher betrachtet und analysiert werden. Der Titel „Die Kindsmörderin“ referiert auf die Protagonistin des Gedichts namens Louise. Da sie kurz vor ihrer eigenen Hinrichtung steht, schildert sie ihre eigenen Gedanken und Gefühle in einem ausführlichen Monolog.12 Es finden sich einige gemeinsame Elemente in Schillers Gedicht Die Kindsmörderin und Seltha von Stäudlin, jedoch ist das von Schiller fast doppelt so lang wie das von Stäudlin. So handelt es sich bei beiden Werken um ein Rollengedicht und auch die „Anklage gegen den treulosen Verführer“13 findet sich in beiden Gedichten wieder.

In diesem Rollengedicht nimmt das lyrische Ich die Rolle der Protagonistin Louise ein.14 Durch „die Perspektive der Täterin“15 soll bei den LeserInnen des Gedichts eine Unmittelbarkeit erzielt werden. Diese erhalten einen direkten Zugang zu ihren Gedanken und Emotionen, wodurch es leichter fällt sie zu verstehen und womöglich ihre Handlungen und dessen Beweggründe dafür nachvollziehen zu können. Gerade das erste Wort des Gedichtes, welches im Imperativ steht, macht dies deutlich. Die Protagonistin Louise verwendet den Imperativ „Horch“16, mit dem sie sich selbst adressiert. Sie weist sich selber an die Geräusche ihrer Umgebung wahrzunehmen, um sich womöglich auf das vorzubereiten, was ihr bevorsteht. Ähnlich wirkt es auf die LeserInnen, die damit zur besonderen Aufmerksamkeit auf die folgenden Worte aufgerufen werden.

Louise wird für die Tötung ihres Kindes mit dem Tod bestraft. In Schillers Gedicht wird jedoch nicht die Tat, sondern die Täterin in den Vordergrund gestellt, da es Schillers Intention war die „psychische und physische Not der individuellen Täterin“17 in den Vordergrund zu stellen. Louise sieht keinen anderen Ausweg als ihr Kind zu töten. Sie versucht ihr Handeln zu verteidigen, ist sich aber bewusst den „falschen Mann“18 gewählt zu haben, indem sie sagt: „Weh! vom Arm des falschen Manns umwunden[.]“19 Nun fürchtet sie sich um die soziale Ächtung, die ihr Kind würde erfahren müssen, wenn es am Leben bliebe und entscheidet sich dafür „dem Kind diese Diffamierung zu ersparen“20, indem sie es umbringt.

Schiller hat sich dafür entschieden Louises Weg zur Hinrichtung in 15 Strophen zu beschreiben. Georg-Michael Schulz untergliedert diese in seiner Interpretation zu Schillers Die Kindsmörderin nach verschiedenen thematischen und perspektivischen Gesichtspunkten.21

Die erste Strophe bezeichnet Schulz als „Expedition“22 des Gedichts, in der die Protagonistin Louise sich von ihrem Leben auf der Welt verabschiedet. Sie verteilt zwar „Abschiedsküsse“23 an die Welt, doch ihre Tränen weisen darauf hin, dass ihr der Abschied von der Welt schwerfällt. Aus diesem Grund blickt Louise in den Strophen zwei und drei in ihre Vergangenheit, was durch den Wechsel in das Präteritum ab dem Ende der ersten Strophe verdeutlicht wird.24 Sie spricht von der „Sonne“, ihren „Träume[n]“ und dem „Licht“, die vergleichend für ihr bisheriges Leben auf der Erde stehen. Im Kontrast dazu steht ihre bevorstehende Hinrichtung, die durch „ein schwarzes Totenband“25 signalisiert wird. Dies weist darauf hin, dass Schiller in seinem Gedicht bewusst von den Motiven des Lebens und des Todes Gebrauch macht und diese gegenüberstellt.26 In den Zeilen 25 bis 28 wendet sich Louise an die Gesellschaft, genauer gesagt an die weibliche Gemeinschaft. Sie möchte, dass ihr eigenes Schicksal als „warnendes Beispiel dien[t]“27 für die noch Unschuldigen.28 Am Ende dieser Strophe nennt die Protagonistin ihren eigenen Namen. Dies weist darauf hin, dass das Gedicht um Individualisierung bemüht ist, entgegen des anonymen Titels „Die Kindsmörderin“.

Die Strophen fünf bis sieben stellen einen sehr wichtigen Bestandteil des gesamten Gedichtes dar, weil dort der Verführer und Vater des getöteten Kindes im Mittelpunkt steht.29 Ebenso wie die Protagonistin, hat auch ihr Verführer einen Namen, der in der sechsten Strophe genannt wird. Sie wendet sich direkt an ihren ehemaligen Geliebten Joseph, den sie dafür verurteilt sie betrogen zu haben.

Und des Glockenturms dumpfes Heulen

Schlage schröcklichmahnend an dein Ohr –

Wenn von eines Mädchens weichem Munde

Dir der Liebe sanft Gelispel quillt,

Bohr es plötzlich eine Höllenwunde

In der Wollust Rosenbild!30

Die Rezipienten bekommen einen deutlichen Einblick in die Gefühlswelt von Louise. Sie ist verletzt, wofür sie ihrem verflossenen Liebhaber die Schuld gibt. Sie nennt ihn einen „Verräter“31 und widmet ihm „Worte des Hasses“.32 Die Protagonistin verheimlicht ihre Gefühle gegenüber dem Kindsvater Joseph nicht, wodurch die LeserInnen einen ersten Hinweis darauf bekommen, warum Louise sich dafür entschieden hat ihr eigenes Kind zu töten.

Dies verdeutlicht sich zunehmend in den folgenden Strophen, die sich dem Kind widmen. Louise erinnert sich zunächst an ihr süßes Kind, für das sie als Mutter Liebe empfindet.33 Diese Mutterliebe wandelt sich jedoch schnell in pure Verzweiflung, als sie erkennt wie sehr ihr geliebtes Kind dem Vater gleicht und sie dadurch schmerzlich an ihn erinnert.34 Durch den Anblick ihres Kindes wurde sie immer daran erinnert, wie sehr sie Joseph geliebt hat und was sie verloren hat. Sie kann in Gegenwart ihres Kindes ihre Schmerzen nicht vergessen, wodurch sie keinen anderen Ausweg sieht als sich von ihrem Leid zu erlösen, indem sie ihr Kind ermordet. Beat Weber beschreibt es in ihrem Buch „Die Kindsmörderin im deutschen Schrifttum von 1770-1795“ treffend als „[w]as sonst Mutterglück bedeutet, wird zum Todespfeil. Die frustrierte Liebe wird zur Hölle, der Meineid des Treulosen zum Würger.“35 Die folgenden Strophen widmen sich sowohl erneut dem Verführer und dem Kind, jedoch wirkt es als hätte Louise bereits mit ihrem Leben und dem, was passiert ist, abgeschlossen. Sie sieht keinen Sinn darin, im Hinblick auf ihren nahenden Tot, wütend auf den Vater ihres Kindes zu sein, weshalb sie sich eher versöhnlich ihm gegenüber zeigt.36 Dies lässt sich vor allem in Vers 106 erkennen, indem sie sagt: „Dir verzeiht die Sünderin.“37 Während der erste Teil, der sich um Joseph dreht, in der Vergangenheit geschrieben ist, ist die Handlung im letzten Teil des Gedichts bereits in die Gegenwart zurückgekehrt. In der letzten Strophe des Gedichts wendet sich die Kindsmörderin noch einmal an ihre „Schwestern“38 und warnt sie vor der Gefahr, die durch Männer und Liebe entstehen kann. Sie wünscht sich, dass andere Frauen nicht dasselbe Schicksal erleiden müssen wie sie selbst. In einem „lyrische[n] Monolog“39 schildert Louise ihren bevorstehenden Tod und deutet an, dass selbst der Henker von ihrem Schicksal betroffen ist. Sie möchte ihm seine Aufgabe erleichtern, indem sie ihn bittet ihr Gesicht mit einer Binde zu verhüllen.40

[...]


1 Vgl. Helmut Schmiedt: Das extreme Ich. Schillers Gedicht „Die Kindsmörderin“. In: Der Deutschunterricht. Hannover: Friedrich Verlag GmbH 2004, S.8-22, hier S.8.

2 Vgl. Georg-Michael Schulz: Lust an kühnen Bildern [zu Schillers Die Kindsmörderin]. In: Interpretationen. Gedichte von Friedrich Schiller. Hg. v. Norbert Oellers. Stuttgart 1996, S.15-26, hier S.15.

3 Vgl. Helmut Schmiedt: Das extreme Ich. Schillers Gedicht „Die Kindsmörderin“, Hannover 2004, S.8

4 Vgl. ebd., S.8.

5 Vgl. Georg-Michael Schulz: Lust an kühnen Bildern, Stuttgart 1996, S.15

6 Vgl. Matthias Luserke-Jaqui: Die Kindsmörderin (1782). In: Schiller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hg. von Matthias Luserke-Jaqui, Stuttgart [u.a.]: Metzler Verlag 2005, S.255-256, hier: S.255.

7 Vgl. Georg-Michael Schulz: Lust an kühnen Bildern, Stuttgart 1996, S.16.

8 Vgl. Matthias Luserke-Jaqui: Die Kindsmörderin (1782). Stuttgart [u.a.] 2005, S.255.

9 Vgl. ebd., S.255.

10 Ebd., S.255.

11 Luserke-Jaqui, Matthias: Die Kindsmörderin. In: Handbuch Sturm und Drang. Hg. von Matthias Luserke-Jaqui, Berlin [u.a.]: De Gruyter 2017, S.338-340, hier: S.338f.

12 Vgl. Georg-Michael Schulz: Lust an kühnen Bildern, Stuttgart 1996, S.17.

13 Vgl. ebd., S.16.

14 Vgl. Luserke-Jacqui, Matthias: Die Kindsmörderin (1782), Stuttgart 2005, S.255.

15 Schmiedt, Helmut: Das extreme Ich. Schillers Gedicht „Die Kindsmörderin“, Hannover 2004, S.10.

16 Schiller, Friedrich: Die Kindsmörderin, München 1987, S.52-56.

17 Georg-Michael Schulz: Lust an kühnen Bildern, Stuttgart 1996, S.15.

18 Luserke-Jacqui, Matthias: Die Kindsmörderin (1782), Stuttgart 2005, S.255.

19 Schiller, Friedrich: Die Kindsmörderin, München 1987, S.52-56.

20 Luserke-Jacqui, Matthias: Die Kindsmörderin (1782), Stuttgart 2005, S.256.

21 Vgl. Georg-Michael Schulz: Lust an kühnen Bildern, Stuttgart 1996, S.17.

22 Ebd., S.18.

23 Friedrich Schiller: Die Kindsmörderin, München 1987, S.52-56.

24 Vgl. Georg-Michael Schulz: Lust an kühnen Bildern, Stuttgart 1996, S.18.

25 Friedrich Schiller: Die Kindsmörderin, München 1987, S.52-56.

26 Vgl. Helmut Schmiedt: Das extreme Ich. Schillers Gedicht „Die Kindsmörderin“, Hannover 2004, S.14.

27 Peters, Kirsten: Der Kindsmord als schöne Kunst betrachtet. Eine motivgeschichtliche Untersuchung der Literatur des 18. Jahrhunderts, Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann 2001, S.153.

28 Friedrich Schiller: Die Kindsmörderin, München 1987, S.52-56.

29 Vgl. Georg-Michael Schulz: Lust an kühnen Bildern, Stuttgart 1996, S.18.

30 Friedrich Schiller: Die Kindsmörderin, München 1987, S.52-56.

31 Ebd., S.52-56.

32 Helmut Schmiedt: Das extreme Ich. Schillers Gedicht „Die Kindsmörderin“, Hannover 2004, S.15.

33 Vgl. Beat Weber: Die Kindsmörderin im deutschen Schrifttum von 1770-1795, Bonn: Bouvier Verlag 1974, S.70.

34 Vgl. ebd., S.70.

35 Ebd., S.70.

36 Vgl. Georg-Michael Schulz: Lust an kühnen Bildern, Stuttgart 1996, S.18.

37 Friedrich Schiller: Die Kindsmörderin, München, 1987, S.52-56.

38 Ebd., S.52-56.

39 Kirsten Peters: Der Kindsmord als schöne Kunst betrachtet, Würzburg 2001, S.155.

40 Vgl. ebd., S.155.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Kindsmorddebatte in der Literatur des Sturm und Drang. Friedrich Schillers "Die Kindsmörderin" im Vergleich zu Gottfried August Bürgers "Des Pfarrers Tochter von Taubenhain"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V1030572
ISBN (eBook)
9783346441966
ISBN (Buch)
9783346441973
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kindsmorddebatte, literatur, sturm, drang, friedrich, schillers, kindsmörderin, vergleich, gottfried, august, bürgers, pfarrers, tochter, taubenhain
Arbeit zitieren
Lena Wolter (Autor:in), 2020, Die Kindsmorddebatte in der Literatur des Sturm und Drang. Friedrich Schillers "Die Kindsmörderin" im Vergleich zu Gottfried August Bürgers "Des Pfarrers Tochter von Taubenhain", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030572

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