Goethe, Johann Wolfgang von - Iphigenie auf Tauris - Der Hauptantagonismus


Hausarbeit, 2001

9 Seiten


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INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. DER KONFLIKT IPHIGENIE-THOAS AUF DER HANDLUNGSEBENE

3. DIE DIFFERENTEN GÖTTERBILDER DER BEIDEN HAUPTANTAGONISTEN
3.1. DAS GÖTTERBILD THOAS
3.2. DAS GÖTTERBILD IPHIGENIES

4. DIE DISKREPANZEN IN DEN UNTERSCHIEDLICHEN INTERPRETATION DES GÖTTLICHEN WILLENS

5. DIE BEWAHRHEITUNGEN DER UNTERSCHIEDLICHEN INTERPRETATIONEN IM HINBLICK AUF DEN WEITEREN HANDLUNGSVERLAUF

6. SCHLUß

7. BIBLIOGRAPHIE

1.Einleitung

In Goethes Iphigenie auf Tauris, manifestiert sich im dritten Auftritt des ersten Aufzugs der Hauptantagonismus zwischen der sich, gezwungenermaßen, auf der Insel Tauris befindlichen Tochter des Agamemnon Iphigenie und Thoas, dem König der Skythen.

Der an dieser Stelle des Dramas auftretende Konflikt der beiden Antagonisten, die sich in dieser Szene zum ersten Mal begegnen, lässt sich hierbei im Speziellen auf zwei Ebenen reduzieren. Zum Einen die der Handlungsebene, zum anderen die der verschiedenen Götterbilder, deren Kontradiktion und deren Bedeutung im Bezug auf das gesammte Drama im Einzelnen noch zu klären sein wird.

2. Der Konflikt Iphigenie-Thoas auf der Handlungsebene

Der Wunsch des Skythenkönigs Thoas Iphigenie, die auf Tauris als Tempelpriesterin tätig ist, “Als Braut in meine Wohnung einzuführen” (V.250)1 stellt im Wesentlichen die Rahmenhandlung des sich abzeichnenden Konflikts zwischen Iphigenie und Thoas dar.

Dieser, gerade von einem Rachefeldzug gegen die Mörder seines Sohnes heimgekehrt, erhofft durch diese Heirat sein um die Nachfolge des Throns besorgtes Volk zu besänftigen. Doch Iphigenie versucht den Antrag des Königs zu Beginn des Dialogs durch den Vorwand “Der Unbekannten bietest du zu viel, / O König, an.” (V.251) abzuwehren, obgleich der wahre Grund für die Ablehnung der Heirat durch Iphigenie vielmehr in der Hoffnung auf eine baldige Rückkehr ihrerseits liegt, welche durch eine Einwilligung verbaut wäre. Desweiteren würde, wenn sie auf Thoas Werbung einginge “[...] ihre eigene Autonomie, ihr Kantisches Recht gegen sich selbst, und damit ihre Humanität verletzt”2.

Allerdings ist Thoas nicht bereit den Willen Iphigenies zu akzeptieren und drängt im Folgenden auf die Auflösung der von Iphigenie bislang geheimgehaltenen Abkunft, welche sie zunächst zwar noch zu verbergen sucht um Thoas “[...]Entsetzen[...]” und “[...]Schauer[...]” (V.269ff.) zu ersparen, letztendlich aber doch aufgrund der vehementen Forderung Thoas (“Sprich offen! [...]” (V.299)) ihre Abkunft aus dem fluchbelasteten Tantalidengeschlecht preisgibt, um dadurch nicht zuletzt Thoas von einer Heirat abzuhalten. Schließlich akzeptiert Thoas gezwungenermaßen Iphigenies Entscheidung und die Szene endet mit dem Entschlußdes Königs die bislang ausgesetzten Menschenopfer für die Göttin Diana wieder einzuführen.

3. Die differenten Götterbilder der beiden Hauptantagonisten

Jeder der beiden Antagonisten versucht innerhalb dieses Konflikts seine Position als übereinstimmend mit dem Willen der Göttin Diana zu interpretieren und die Interpretation des Gegenüber als ungererechtfertigt darzustellen.

3.1. Das Götterbild Thoas

Thoas sieht sich durch die andauernde Anwesenheit Iphigenies auf Tauris in seinem Götterbild und in der richtigen Interpretation des Gegebenen bestätigt und stellt fest, daßsein Wille Iphigenie zu heiraten durchaus durch den Willen Dianas legitimiert sei: “Die Göttin übergab dich meinen Händen; / Wie du ihr heilig warst, so warst du’s mir” (V. 290ff.).

So entgegnet er auch Iphigenie, die Diana um ein Zeichen bittet “[...]wenn ich [Iphigenie] bleiben sollte.” (V.447), daß: “Das Zeichen ist, daßdu noch hier verweilst”(V.448). Somit sieht er bereits das Fehlen eines Zeichens der Göttin als ein Zeichen an, welches er wiederum für sein Anliegen interpretiert.

Durch diese Art der Auslegung des göttlichen Willens fällt ihm der Entschlußdurchaus leicht Iphigenie ein im Hinblick auf den Schlußdes Dramas relevantes Versprechen zu geben, indem er sagt: “Wenn du nach Hause Rückkehr hoffen kannst, / So sprech‘ ich dich von aller Fordrung los.” (V.293ff.). Allerdings rechnet Thoas aufgrund seiner Interpretation des göttlichen Willens keineswegs damit, daßes ein Zeichen für die Rückkehr geben könne. Vielmehr rechnet er mit einem Zeichen der Götter, welches seine Auslegung noch bekräftigt: “Doch ist der Weg auf ewig dir versperrt / Und ist dein Stamm vertrieben oder durch / Ein ungeheures Unheil ausgelöscht, / So bist du mein durch mehr als ein Gesetz.” (V. 295ff.).

Durch die Wiedereinführung der Menschenopfer an Diana am Ende der Szene manifestiert Thoas sein Götterbild, welches dem tradierten Bild der griechischen Götter entspricht und die Diana seiner Ansicht nach schon viel zu lange durch die Intervention Iphigenies entbehren mußte: “Doch mir verzeih‘ Diane, daßich ihr, / Bisher mit Unrecht und mit innerm Vorwurf, / Die alten Opfer vorenthalten habe.”(V.506ff.).

3.2. Das Götterbild Iphigenies

Im Gegensatz zu Thoas, der sich in seiner Interpretation der Ereignisse vor allem am Gegebenen und an dem Vergangenen orientiert, legt Iphigenie eine völlig andere Auslegung des göttlichen Willens an den Tag.

So sieht sich Iphigenie, motiviert durch ihre Rettung vom Opferaltar in Aulis, nun als Untergebene der Göttin: “Hat nicht die Göttin, die mich rettete, / Allein das Recht auf mein geweihtes Leben?” (V.438ff.), der sie allein verpflichtet ist.

Diese erste Rettung vor dem Tode interpretiert Iphigenie als Zeichen für eine bevorstehende zweite Rettung. Gegenüber dem ersten Gebet Iphigenies an Diana (“So gib mich auch den Meinen endlich wieder / Und rette mich, die du vom Tod errettet, / Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode!” (V. 51ff.)) sieht Iphigenie einer bevorstehenden Rettung mit mehr Gewissheit entgegen: “[...]sie bewahrt mich einem Vater, / [...] vielleicht / Zur schönsten Freude seines Alters hier / Vielleicht ist mir die frohe Rückkehr nah; [...]” (V.443ff.)

Diese Sicht der Dinge kann Thoas allerdings nicht akzeptieren und spielt Iphigenies Hoffnung auf eine baldige Rettung von Tauris herunter, indem er das Herzmotiv aufgreift, welches er als unvernünftig (“[...] was dein Herz dich heißt, / und höre nicht die Stimme der Vernunft”) und als Hort des Triebes (“[...]und gib / Dich hin dem Triebe, der dich zügellos [...] dahin oder dorthin reißt.” (V.466)) ansieht. Somit stellt das Herz für Thoas keine relevante Instanz zur Interpretation des göttlichen Willens dar, denn für ihn ist lediglich die Tradition als Instanz zur Interpretation von Bedeutung.

Darüberhinaus nimmt Iphigenie in Bezug auf die Wiedereinführung der Menschenopfer eine andere Position ein, die im engen Zusammenhang mit ihrer eigenen Erfahrung und dem sich daraus für sie ergebenen Götterbild steht. Denn auch Iphigenie sollte einst Diana geopfert werden, allerdings war “Ihr (Diana) [...] mein Dienst willkommner als mein Tod.” (V.527).

Vor diesem eigenen Erfahrungshorizont Iphigenies ergibt sich die Diskrepanz der Götterbilder der beiden Antagonisten, indem Iphigenie die Götter als human und gnadenvoll ansieht und dadurch das tradierte Götterbild, der Götter als willkürliche Wesen, nicht mehr vertritt.

4. Die Diskrepanzen in den unterschiedlichen Interpretation des göttlichen Willens

Obgleich sich Thoas zur Deutung der Zeichen Dianas auf die Vergangenheit als entscheidende Instanz beruft, verstrickt sich dieser in einem Widerspruch der Vergangenheit gegenüber der Zukunft als entscheidendem Kriterium.

Denn durch das Versprechen Thoas Iphigenie im Falle eines Zeichens der Göttin freies Geleit zu gewähren3, akzeptiert er die zukünftigen Ereignisse als relevant für seine eigene Entscheidung und manifestiert in gewisser Weise seine Fehlinterpretation des göttlichen Willens.

Aber auch in Iphigenies Interpretation lassen sich Widersprüche finden: So interpretiert sie die erste Rettung durch Diana auf eine in der Zukunft eintretende zweite Rettung von Tauris, schließt aber gleichzeitig durch die Erzählung der Tantalusmythe, in der sie ja schließlich auch geopfert werden soll, “[...] die Gegenwart an die Tradition an und rückt sich selbst in den Herrschaftsbereich der Vergangenheit ein.”4.

Darüberhinaus aktualisiert Iphigenie in der Erzählung ihrer eigenen Errettung vor dem Opfertod in Aulis genau jenes Götterbild, welches sie eigentlich selbst zu hinterfragen hätte und welches Thoas zu eigen ist, und widerspricht damit ihrer eigenen Deutung des göttlichen Willens.

5. Die Bewahrheitungen der unterschiedlichen Interpretationen im Hinblick auf den weiteren Handlungsverlauf

Im Gegensatz zum Rückhalt der Tradition, welche Thoas auf seine Deutung des Willens der Göttin Diana anwenden kann, stützt sich Iphigenie lediglich auf die bloße Interpretation der göttlichen Rettung vom Opferaltar in Aulis.

Dennoch zeichnet sich vor allem durch das Erscheinen des von Rachegeistern geplagten Orests, des Bruders Iphigenies, eine Lösung des Konflikts und eine Wegnahme des Tantalidenfluchs durch das veränderte Götterbild Iphigenies ab, die nicht mehr bereit ist, die tradierten Vorstellungen zu tragen. Dieses Götterbild ist es letztendlich auch, das Iphigenie und den Gefährten Orests das Verlassen von Tauris ermöglicht.

Somit kann man sagen, dass der letztendlichen Rettung von Tauris zwar nicht das direkte Eingreifen Dianas zu Grunde liegt, wohl aber eine Abkehr der Tradition seitens Iphigenies, die ohne die vorangegangene Rettung aus Aulis nicht möglich geworden wäre. Und schließlich ist es auch Thoas, der sich am Ende des Dramas seine Fehlinterpretation anhand der Tradition eingestehen muß, und durch den in die Zukunft gerichteten Wunsch “Lebt wohl!” (V.2174) die Instanz der Zukunft zweifellos anerkennt.

6. Schluß

Gegen Ende dieser ersten Begegnung zwischen Iphigenie und Thoas sind somit die für den weiteren Dramenverlauf entscheidenden Antagonismen hinreichend manifestiert. Insbesondere das auf die Zukunft gerichtete und den traditionellen Vorstellungen widersprechende Götterbild Iphigenies spielt hinsichtlich der Wegnahme des Fluchs des Tantalidengeschlechts die entscheidende Rolle. Dadurch scheitert Thoas zwangsläufig gegen Ende des Dramas mit seiner hier noch dargestellten Interpretation des Gegebenen vor dem Hintergrund vergangener Ereignisse, da sich sein Bild der Götter durch die im weiteren Handlungsverlauf eintretenden Ereignisse nicht mehr bestätigen kann.

7. Bibliographie

Adorno, Theodor W.: Zum Klassizismus von Goethes “Iphigenie”. In: Ders.: Noten zur Literatur. Frankfurt a.M.: Suhrkamp (1974), S.495-514

Deiters, Franz-Josef: Goethes “Iphigenie auf Tauris” als Drama der Grenzüberschreitung oder: Die Aneignung des Mythos. In: Jahrbuch des Freien deutschen Hochstifts 1999. Tübingen: Niemeyer (1999), S.14-51

Goethe, Johann Wolfgang: Iphigenie auf Tauris. Ein Schauspiel. Ditzingen: Reclam (1987)

[...]


1 Zitiert wird im folgenden nach: Goethe, Johann Wolfgang : Iphigenie auf Tauris. Ein Schauspiel. Ditzingen : Reclam (1987)

2 Adorno, Theodor W.: Zum Klassizismus von Goethes “Iphigenie”. In: Ders.: Noten zur Literatur. Frankfurt a.M.: Suhrkamp (1974), S.495-514; S.508

3 Siehe 3.1

4 Aus: Deiters, Franz-Josef: Goethes “Iphigenie auf Tauris” als Drama der Grenzüberschreitung oder: Die Aneignung des Mythos. In: Jahrbuch des Freien deutschen Hochstifts 1999. Tübingen: Niemeyer (1999), S.14-51; S.21

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Details

Titel
Goethe, Johann Wolfgang von - Iphigenie auf Tauris - Der Hauptantagonismus
Autor
Jahr
2001
Seiten
9
Katalognummer
V103101
Dateigröße
346 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Johann, Wolfgang, Iphigenie, Tauris, Hauptantagonismus
Arbeit zitieren
Stumm Miro (Autor), 2001, Goethe, Johann Wolfgang von - Iphigenie auf Tauris - Der Hauptantagonismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103101

Kommentare

  • Gast am 22.11.2001

    ZU Iphigenie.

    Sehr detailgenau !
    Unbeding zu empfehlen !

  • Gast am 25.3.2004

    Aufpassen.

    Thoas führt das Menschenopfer nicht wieder ein, weil es seinem Götterbild entspricht, sondern weil sein Volk sich davon gerne unterhalten lässt und dadurch seine Position als König gefestigt wird. Schliesslich war er ja in all den Schlachten auch ohne dieses Ritual erfolgreich.
    Der Typ schnallt eh nicht wirklich was da oben abgeht, vielmehr verlässt er sich in den göttlichen Angelegenheiten auf Iphigenie.

    Viel wichtiger für das Verständniss des Werks ist der Vergleich der Götterbilder Iphigenies und Orests.
    mfg Michael

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