Die Auseinandersetzung mit dem Tod in Ingeborg Bachmanns Nachlassgedichten und Max Frischs Tagebuch 1946–1949


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Bachmanns Gedichtband Ich weiß keine bessere Welt
2.1 Bachmann-Mythos und Editionssituation des Nachlasses
2.2 Bachmanns Todes-Poetik: Chiffrierung, Negativität und Schweigen

3. Bachmanns Todesbilder im Vergleich zu Max Frisch
3.1 Frischs Tagebuch und die Aufgabe des Dichters nach dem Krieg
3.1.1 Nachkriegsautoren – Böll, Borchert, Celan und Ausländer im Spiegel
3.2 Bedeutung des Todes im Werk Bachmanns und Frischs
3.2.1 Heideggers Todesbegriff
3.3 „Fragment als einziges Gesicht, das mit Anstand zu tragen ist“

4. Zusammenfassende Beobachtungen

Literaturverzeichnis

Siglen

TB1 Max Frisch: Tagebuch 1946–1949. Frankfurt a. M. 1950.

TB2 Max Frisch: Tagebuch 1966–1971. Frankfurt a. M. 1972.

NG Ingeborg Bachmann: Ich weiß keine bessere Welt. Unveröffentlichte Gedichte. Hg. von Isolde Moser, Heinz Bachmann, Christian Moser. München 2000.

1. Einführung

Ingeborg Bachmann und Max Frisch verfassen in den 1960er Jahren Werke, die in einer Zeit des Nachkriegsdeutschlands, der Schweiz und einer gespaltenen Welt entstehen und tief von den Ereignissen des zweiten Weltkriegs geprägt sind. In seinen Tagebüchern verarbeitet Frisch seine direkten Beobachtungen, die er von dieser Welt durch Observieren, Bereisen und Leben anstellt. Bachmanns tut es ihm in ihrer Lyrik gleich.

In dieser Arbeit möchte ich zwei Textkonvolute jener beider Autoren betrachten, die Anfang der 1960er Jahre verfasst wurden, auch wenn Bachmanns Gedichtband erst im Nachlass herausgegeben wurde. Das Tagebuch 1946 – 1949 von Max Frisch und Bachmanns Gedichtband Ich weiß keine bessere Welt entstanden etwa im Rahmen einer gleichen historischen Situation.1 Noch dazu kreuzten sich die Wege der beiden Schriftsteller bis zu diesem Zeitpunkt auf ganz persönlicher Ebene. So ist es kein Wunder, dass die beiden von ähnlichen Themen bewegt werden, teilen sie doch das gleiche Umfeld, die Konfrontation mit denselben historischen Begebenheiten und daraus resultierende Fragen. Der Gedichtband beginnt mit folgender erster Strophe:

Ich habe die Gedichte verloren sie allein nicht, aber zuerst [...] dann den Schlaf, dann den Tag dazu dann das alles dazu, was am Tag war und was in der Nacht, dann als nichts mehr noch verloren, weiterverloren bis weniger als nichts und ich nicht mehr und schon gar nichts war. (NG, S. 13)

Bachmann benennt damit alles, was verloren ist, was eigentlich nicht mehr da ist und doch scheint es über dieses Nichts hinaus immer noch etwas zu geben. Auch Frisch stellt in seinem Tagebuch, das unmittelbar an das Kriegsende anknüpft, Beobachtungen an, die über eine zerstörte Welt und das Nichts hinausgehen. Er schreibt:

Das Bewusstsein unserer Sterblichkeit ist ein köstliches Geschenk, nicht die Sterblichkeit allein, die wir mit den Molchen teilen, sondern unser Bewusstsein davon; das macht unser Dasein erst menschlich, macht es zum Abenteuer... (TB1, S. 308)

Der Topos ‘Mensch und Tod‘ war und ist ein großes Thema der Philosophie, Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft, Theologie, Medizin, Kunsthistorik und anderer Disziplinen.2 Die Betrachtungsweisen der Fächer unterscheiden sich, wie auch die Eindrücke der Individuen. Bachmann und Frisch sollen aus einem literaturwissenschaftlichen Blickwinkel heraus in ihren Auffassungen vom Tod betrachtet werden. Dabei sollen jedoch keineswegs theologische oder philosophische Ansätze ausgespart werden. So ist die Philosophie eines Heideggers grundlegend für das Denken über den Tod im 20. Jahrhundert, zumal sie den Promotionsgegenstand Bachmanns bildete. Germanistisch-historische Einschnitte wie Hofmannsthals Chandos -Brief übten ebenso Einfluss auf die Literatur der Nachkriegszeit aus wie die Schrecken des zweiten Weltkrieges und die Frage nach der Religion.

2. Bachmanns Gedichtband Ich weiß keine bessere Welt

Auf die Veröffentlichung des Nachlassbandes Ich weiß keine bessere Welt der Gedichte Ingeborg Bachmanns (München 2000) reagierte Peter Hamm in der ZEIT mit harschen Worten:

Was wir vor uns haben ist ein Konvolut aus Gestammel und Geheul, aus Hilfe- und Racherufen, Wahn- und Todesfantasien, kurz: der ungereinigte Lebensschlamm, der zwar von jeher den Urgrund der Poesie bildet, von dem Ingeborg Bachmann sich aber in den Jahren 1962-1964 – also im unmittelbaren Bann ihrer schlimmsten Lebenskatastrophe, die mit dem Ende ihrer Beziehung zu Max Frisch über sie hereingebrochen war – nie soweit lösen konnte, dass sie dabei zu jener Distanz gefunden hätte, ohne welche die Arbeit am Gedicht nicht glücken kann.3

Seine Aussage beinhaltet nicht nur vieles, das zu hinterfragen sich lohnte, sondern legt schon die Verbindungslinien, die ich in dieser Arbeit selbst ziehen möchte, aus. Einerseits spricht er das Verhältnis zu Max Frisch an, welches hier dezidiert nicht in seiner persönlichen Beziehung untersucht werden soll, sondern auf poetologischer Ebene, die das Programm der beiden als Schriftsteller vergleicht. Hamm lässt in seiner Darstellung ein asynchrones Verhältnis anlauten, das Bachmann als ohnmächtige und passive Akteurin darstellt, der lediglich eine geringfügige Teilhabe am Geschehen zugestanden wird. Durch die Reduzierung auf den Beziehungsbruch mit Max Frisch unterwandern Vermutungen, die versuchen, Max Fischs Einfluss auf Bachmann zu deuten, die Analysen von ihrem Werk und behindern, wie Monika Albrecht es ausdrückt „als irritierendes Moment das Zustandekommen tragfähiger Analysen“.4 Viel eher lohnt es sich zu hinterfragen, was dieses Ende, aus dem sie offenbar schreibt, weiter bedeutet. Die Zeit in Wien, wo sie 1946 zum Weiterstudium hinzog und ihre ersten Veröffentlichungen in Tageszeitungen und später im Kreis der Gruppe 47 hervorbrachte, war zum Zeitpunkt, als Ingeborg Bachmann ihre Gedichte aus Ich weiß keine bessere Welt verfasste, beendet. Beziehungen zu einstigen engen Vertrauten und Inspirationsquellen wie Aichinger, Celan und Frisch waren ebenfalls abgebrochen. Dass sich Bachmann in einer ‘Lebenskrise‘ befand, soll jedoch nicht von außen auf sie projiziert werden, um ihr Werk zu einem anderen zu machen.

Könnte nicht auch ein Ende der Sprache geschrieben werden und wie verhalten sich Tod und Sprache überhaupt zueinander? Konkrete Untersuchungen dazu stellt Elmar Locher für die Schriftstellerin Bachmann an.5 Auch er hält gegen Hamm, indem er den „Lebensschlamm“ verteidigt, der sich doch nur in Sprache niederschlagen könne. Was meint Hamm mit dem „poetischen Urgrund“ anderes als die Beziehung zwischen Signifikanten und poetischen Signifikaten?

Auch biographisch hat Ingeborg Bachmann es mit schonungslosen Kritikern zu tun – eine aus ihrem unmittelbaren Umfeld stammende ehemalige Freundin ist Ilse Aichinger. Auf die Interview-Frage an jene, ob sie sich nach dem Tod sehne, bringt sie Bachmanns Poetik ins Spiel und verreißt diese:

Tod schon, aber ohne Sterben. Nun schreibt ja zum Beispiel Ingeborg Bachmann von „Todesarten“. Der Titel ist falsch wie das meiste, was sie geschrieben hat. Denn es gibt keine Todesarten, es gibt nur Sterbensarten.6

Damit rekurriert sie auf das von Ingeborg Bachmann angelegte Todesarten -Projekt, das jene vor ihrem tragischen Tod nicht mehr fertigstellen konnte. Bevor er als solcher verwendet wird, soll der Todesarten -Begriff näher definiert und in das Werk Bachmanns eingeordnet werden. Sie selbst hatte ihn ursprünglich als Titel für ihren Franza -Roman angedacht, jedoch wieder verworfen, sodass er nunmehr seit 19677 nur noch als Bezeichnung eines geplanten Romanzyklus verwendet wird. Der 1971 erschienene Roman Malina wird oftmals als dessen Ouvertüre gesehen und in der Forschung am intensivsten behandelt, da er ihr einzig abgeschlossenes Werk dieses Zyklus bleiben sollte. Der Fall Franza (1979) oder Requiem für Fanny Goldmann (1979) wurden wie die hier behandelten Gedichte erst mit dem Nachlass herausgegeben. Ich konzentriere mich bewusst auf die Nachgelassenen Gedichte, da ihnen meiner Auffassung nach noch nicht genügend Aufmerksamkeit zukam und sie für die Entwicklung der Todesbilder Bachmanns von großer Bedeutung sind. Ob die Gedichte aus dem Nachlassband zu diesem Projekt gezählt werden können oder dessen Vorstufe bilden, ist nach wie vor umstritten. Elmar Locher entzieht sich ganz klar einer Zuweisung zum Todesarten -Zyklus oder einem eigenständigen Werk.8 Ziel der in dieser Arbeit angestellten Analysen könnte mitunter eine genauere Beantwortung der Frage und somit die Verortung in dieser Diskussion sein.

Ilse Aichinger kritisiert die Finalität des Todes bei Bachmann und proklamiert selbst 1977: „Schreiben ist sterben lernen“9. Absurd scheint der Vorwurf des „spektakulären“ frühen Todes von Bachmann im Gegensatz zu Aichingers Ideal eines friedlichen, ruhigen Todes. Bachmanns tragischer Tod kann als Unglück, das großes Aufsehen erregte, gesehen werden, das sicherlich zur Konstruktion eines Mythos beitrug, doch ein Vorwurf wiegt schwer. Bis heute scheint ihr Tod ein Sujet von öffentlichem Interesse zu sein. So schreibt auch die Frankfurter Rundschau noch 2019 in einem Interview mit Kulturdezernentin Ina Hartwig:

Ein qualvoller Tod, es war ein für die Patientin Ingeborg Bachmann schreckliches Sterben. Ja, und zugleich ist das Sterben von Ingeborg Bachmann zu einem Mythos geworden. Man hatte das Bild eines Flammentodes vor Augen, auch ich hatte diese Vorstellung, dass sie im Feuer gestorben sei. Wie sich jedoch herausgestellt hat, entspricht das nicht den Tatsachen. Ihr Nachthemd war versengt worden, vermutlich ausgelöst durch eine Zigarette, sie hatte großflächige Verbrennungen. [...] Das Drama war, dass die Ärzte nicht über ihre Tablettensucht Bescheid wussten.10

Doch weg vom eigenen Tod hin zur literarischen Verarbeitung – wie konstruierte Bachmann ihre Vorstellung über und vom Tod in ihrer Lyrik, Epik und allgemein, ihrer Poetik?

2.1 Bachmann-Mythos und Editionssituation des Nachlasses

War Ingeborg Bachmann nicht gefangen in dem Bild, das andere sich und andere aus ihr gemacht haben?

Heinrich Böll Mit der Herausgabe der Nachgelassenen Gedichte im Jahr 2000 hat das Bild von Ingeborg Bachmann eine Verschiebung oder, wenn nicht, meiner Auffassung nach, sogar eine Intensivierung erfahren. Von Zeitgenossen und Kritikern wird sie nun als „Schmerzensfrau“11 verstanden. Bis zur Herausgabe der Nachgelassenen Gedichte kam ihr Bild an das hergestellte Ideal der poeta absolutus heran. Nun scheint das Negative das Bindeglied zwischen ihrem Werk und Leben zu bilden. Dröscher-Teille weist ihr die Aufgabe zu, „das Negative – gegen alle (gesellschaftlichen) Widerstände – zur Darstellung zu bringen“.12 Doch nicht alles wurde nach Bachmanns Tod von ihren Nachlassverwaltern herausgegeben. 1978 erfolgte von jenen die Entscheidung, einen Teil des Bachmann’schen Nachlasses zu sperren. Damit wurde eine Forschungsdiskussion um das Zurückhalten von Material und die Mythos-Bildung um Ingeborg Bachmann ausgelöst. Das schlagkräftige Argument der Erben um Diskretion, um die Autorin in keiner Weise zu diskreditieren, wog schwer, da Bachmann selbst zu Lebzeiten ihr „Recht auf das Private, das Geheimnis“13 vehement einforderte. Berechtigt erschienen trotzdem die Einwände der Literaturforscher, die das Zurückhalten als willkürlich und ebenso schädlich kritisierten. Führt nicht das gezielte Aussparen gerade erst zu einer Mythenbildung, da Teile selbst erschlossen werden müssen und auf ‘Spurensuche‘ gegangen wird? Aus diesem Grund forderte ein großer Teil der Forschung14 eine Gesamtausgabe der Werke aus dem Nachlass, was mit der Salzburger Bachmann Edition nun angegangen wird.15

Interessant im späteren Vergleich mit Max Frisch scheint unter anderem der Punkt der Fremdherausgabe zu sein. Bachmanns Nachgelassene Gedichte sind nicht in ihrem Wissen um die Herausgabe fertig bearbeitet worden, wohingegen Frisch seine Tagebücher, zumindest nach den Gesprächen mit Peter Suhrkamp, selbstständig zur Herausgabe aufbereiten konnte. In einem Brief an Hans Paeschke schrieb Bachmann dezidiert, dass sie die Gedichte nicht zur Veröffentlichung vorgesehen habe.16 Die Zufälligkeit der Herausgabe der Nachgelassenen Gedichte soll durch ein Zitat der Nachlassverwalter verdeutlicht werden:

Bei Durchsicht des Nachlasses, auf der Suche nach ein paar bestimmten Blättern, fielen uns die unveröffentlichten, gesperrten Gedichte unserer Schwester in die Hand. Das Wiederlesen nach fast drei Jahrzehnten war für uns faszinierend, berührend und so beeindruckend, dass der Gedanke aufkam, diese Texte nicht länger unter Verschluss zu halten.17

2.2 Bachmanns Todes-Poetik: Chiffrierung, Negativität und Schweigen

Die Forschungslage zu Ingeborg Bachmann ist reich, was nicht nur mit dem sich um sie rankenden Mythos und ihren ehrenvollen Auszeichnungen wie dem Georg-Büchner-Preis zu erklären ist. Immer wieder wird und wurde versucht, sie und ihre Poetik zu begreifen. Dabei rangieren die Herangehensweisen vom Blick der Musikwissenschaftler über zahlreiche Germanisten hin zu Philosophen. Mandy Dröscher-Teille untersucht Bachmann im Zusammenhang mit anderen Autorinnen unter dem Aspekt der Negativität und nennt Bachmanns Programm die „Poetik der Chiffrierung“.18 Susanne Kogler hebt den Aspekt des Schweigens, das die Dialektik von Leben und Tod in sich aufnimmt, in ihrem Aufsatz hervor.19 Gemein ist vielen Untersuchungen der Blick auf das Todes -Motiv. Es scheint in Bachmanns Werken herauszustechen oder zumindest fortwährend mitzuschwingen. Nicht überall steht es so im Mittelpunkt wie etwa in ihrem Roman Malina, der den bekannten Satz „Es war Mord“ ins kollektive Gedächtnis brachte und zur Diskussion anregte. Die Nachgelassenen Gedichte lassen sehr wohl die Beschäftigung mit dem Tod hervortreten und oftmals sogar zum Hauptthema werden.

Eine erste Gedichtanalyse soll den Dialog eröffnen.

Immerzu in den Worten sein, ob man will oder nicht, Immer am Leben sein, voller Worte ums Leben, als wären die Worte am Leben, als wäre das Leben am Wort. So anders ists, glaubt mir. Zwischen ein Wort und ein Ding Da dringst du nur selbst ein, wie bei einem Kranken liegst du bei beiden da keins je ans andre sich drängt du kostest einen Klang und einen Körper, und kostest beide aus. Es schmeckt nach Tod. Doch Tod und Leben, ob es beides gibt, wer weiß, da soviel Totes Fernes, in mir ist mich soviel Totes, mich Tote auch schon mitgenommen haben.

Eine Freundin, die mich früher kannte, ein Scherben, aus dem ich dir zutrank (NG, S. 126)

Bachmanns Gedicht setzt sich aus typographisch abgehobenen Strophen und einer beinahe symmetrischen Achse zusammen. In ihrer Länge unterscheiden sich die Strophen, trotzdem scheint klar, dass „Es schmeckt nach Tod“ sowohl ein Resümee des oben Gesagten wie eine Subsummierung des unter ihm stehenden bildet. Der Tod bestimmt das Gefüge. Dieses Gedicht betrachtet das Zusammenwirken von Schrift – Sprache – Tod, sodass es in einer Interpretation helfen kann, die verschiedenen Bilder Bachmanns zu begreifen. Die letzte Strophe endet ohne Interpunktionszeichen, wie ein jäher Abbruch, der kein Ende findet. Locher beschreibt es als „in der Schwebe lassend, ob damit ein Ende gesetzt ist oder ob es potentiell noch weiterführen könnte“.20

Der Eröffnungssatz bestimmt ein Verhältnis zwischen Leben und Wort auf eine zweifache Lesart. Einmal scheint es, die Worte im Irrealis des Konjunktivs, als wären die Worte selbst das Leben, und dann, als wäre das Leben selbst das Wort. Die andere Lesart baut auf einem Näheverhältnis zwischen Wort und Leben auf, also auf einer Gleichzeitigkeit und keiner Voraussetzung des Wortes oder des Lebens vor dem jeweils anderen. Unabhängig von der individuellen Interpretation, wird dieses Bedingungsgefüge in der zweiten Strophe durch „So anders ists“ wieder aufgehoben. Ein „Du“ dringt in das Gefüge von „Ich“ und Wort ein. Die vierte Strophe lässt in ihrer Frage nach der Existenz von Tod und Leben deren Verschränkung stehen. Leben und Tod gibt es zusammen, aber nicht einzeln.

„Es schmeckt nach Tod“. Dieser Satz lässt erkennen, was sich durch den Gedichtband zieht. Das rein sprachlich dargestellte Leiden wird von körperlicher Wahrnehmung abgelöst, die im Tod gipfelt. In ihrer [Rede an die Ärzteschaft] sagt Bachmann dazu: „Ich darf Ihnen versichern, dass wir keine Begriffe haben, wir haben die Krankheit.“21

Begriffe und Krankheit/Tod stehen bei Bachmann in einem besonderen Verhältnis. Nicht umsonst spricht Dröscher-Teille von einer Poetik der Chiffrierung, bei der der Schmerz gezielt offengelegt und im gleichen Schritt verrätselt wird, sodass er sich als Geheimnis einer genauen Interpretation nur entziehen kann.22 Implizit wird hier auf einen Geheimnis -Begriff der Moderne Bezug genommen, wie ihn etwa Hugo v. Hofmannsthal entwickelte. Bachmanns Lyrik verkehrt diesen jedoch ins Negative, indem sie den Tod, den Schmerz, die Gewalt und das Morden zur Chiffre erhebt.

Er [der Schmerz] kann weder von den fragmentierten textinternen Subjekten noch von den textexternen Leser/inne/n begrifflich erfasst werden, sondern ist lediglich durch konstellativ angeordnete Erinnerungsbilder partiell greifbar und bildet ein durchgestrichenes Zentrum, dem sich die Texte Bachmanns in essayistischen Reflexionsbewegungen anzunähern versuchen.23

Erstmalig wird hier der Fragmentcharakter angesprochen, dies jedoch nicht auf textueller Ebene wie es im Weiteren bei Max Frisch von großer Bedeutung sein wird. Dass Fragmentierung auf allen Ebenen bei beiden Autoren eingesetzt wird, deutet auf ein Muster ihrer Zeit hin. Stellt es wohl ein Mittel zum Umgang mit den Schrecken der Zeit dar? Eingeworfen werden soll hier schon eine Passage von Frischs Tagebuch, in der es heißt: „Das Fragment als einziges Gesicht, das mit Anstand zu tragen ist” (TB2, S. 109). Auch Frisch wird auf das Fragmentarische zugreifen. In den Nachgelassenen Gedichten lässt sich das Muster eines fragmentierten lyrischen Ichs deutlich als solches erkennen. Betrachten wir Paul Celans Sprachgitter24 für einen Moment, finden wir hier genau jenes Muster angelegt, in welches Bachmanns lyrische Ichs sich einfinden. Die Welt des fragmentierten Subjekts ist die Abbildung des Negativen. Doch es bleibt nicht bei einer Abbildung – dies soll im weiteren Verlauf mit Max Frisch kontrastiert werden – sondern steigert sich vielmehr zu einem regelrechten Einschreiben des Negativen in das Subjekt durch Sprachgitter.

[...]


1 Im Folgenden werden Ingeborg Bachmanns Nachlassgedichte Ich weiß keine bessere Welt die Sigle NG tragen, Max Frischs Tagebuch 1946 – 1949 die Sigle TB1.

2 Vgl. dazu: Bartels, Margarete: Mensch und Tod, Totentanzsammlung der Universität Düsseldorf aus fünf Jahrhunderten (Katalog) Düsseldorf 1976.; Rehm, Walther: Der Todesgedanke in der deutschen Dichtung vom Mittelalter bis zur Romantik, 2. Aufl. Tübingen 1967.

3 DIE ZEIT, Nr. 41, Oktober 2000.

4 Albrecht, Monika: „Die andere Seite“. Zur Bedeutung von Werk und Person Max Frischs in Ingeborg Bachmanns Todesarten. (Epistemata / Reihe Literaturwissenschaft, Bd. 63) Würzburg 1989.

5 Locher, Elmar: Schreiben/Schrift – Sterben/Tod: eine Konstellation bei Ingeborg Bachmann. In: Berbig, Roland / Faber, Richard / Müller-Busch, H. Christof (Hrsg.): Krankheit, Sterben und Tod im Leben und Schreiben europäischer Schriftsteller. Bd. 2: Das 20. Und 21. Jahrhundert. Würzburg 2017, S. 133–157.

6 Ilse Aichinger: „Ich halte meine Existenz für völlig unnötig“. Gespräch mit Julia Kospach. In: I.A.: Unglaubwürdige Reisen. Frankfurt am Main 2005, S. 181–187, hier: S. 181f.

7 Sigrid Weigel belegt dies durch ein Zitat aus dem Brief Bachmanns an den Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld vom 26.06.1967, Vgl. Weigel, Sigrid: Ingeborg Bachmann. Wien 1999, S. 510f.

8 Locher, Elmar: Schreiben/Schrift – Sterben/Tod: eine Konstellation bei Ingeborg Bachmann, S. 140.

9 Ilse Aichinger: Es muss gar nichts bleiben. Interviews 1952–2005. Wien 2011, S. 165.

10 Frankfurter Rundschau, 10.01.2019. (https://www.fr.de/kultur/literatur/sich-etwas-zusammen-gebraut-11108980.html, zuletzt aufgerufen: 01.10.2020)

11 Langer, Renate: Schmerzensfrau und Immaculata. Bruchlinien im Bachmann-Bild. In: Mythos Bachmann, S. 54–71, bes.: S. 54f.

12 Dröscher-Teille, Mandy: Autorinnen der Negativität. Essayistische Poetik der Schmerzen bei Ingeborg Bachmann – Marlene Streeruwitz – Elfriede Jelinek. Paderborn 2018, S. 80.

13 Ingeborg Bachmann: Das Tremendum – Sylvia Plath: ‘Die Glasglocke‘. Entwurf [entst. 1968]. In: Werke. Bd. 4, S. 358–360, hier: S. 358.

14 Stellvertretend sollen Göttsche und Albrecht genannt werden, Vgl.: Albrecht, Monika / Göttsche, Dirk: Editionsgeschichte und Nachlaß. In: Bachmann-Handbuch, S. 42–45, bes.: S. 45.

15 Höller, Hans / Fußl, Irene (Hrsg.): Ingeborg Bachmann. Werke und Briefe. Salzburger Bachmann Edition. Unter Mitarbeit v. Silvia Bengesser und Martin Huber. Ein Editionsprojekt am Literaturarchiv Salzburg. Mit Unterstützung des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek. München, Berlin u. Zürich, 2017–.

16 Vgl. Ingeborg Bachmann an Hans Paeschke [17.08.1965]. Zitiert nach: Larcati u. Schiffermüller, Einleitung, S. 13, Fn. 20: „Aber ich kann mich schon die längste Zeit nicht dazu entschliessen, sie herauszugeben.“

17 Moser, Isolde / Bachmann, Heinz: Vorwort. In: Nachgelassene Gedichte, S. 5–6, hier: S. 5.

18 Vgl. Dröscher-Teille, Mandy: Autorinnen der Negativität.

19 Kogler, Susanne: „Wie Orpheus spiel ich auf den Saiten des Lebens...“. Zur Dialektik von Leben und Tod bei Ingeborg Bachmann. In: Dies. / Dorschel, Andreas (Hrsg.): Die Saite des Schweigens. Ingeborg Bachmann und die Musik. Wien 2006.

20 Locher, Elmar: Schreiben/Schrift – Sterben/Tod: eine Konstellation bei Ingeborg Bachmann, S. 145.

21 Ingeborg Bachmann, [Rede an die Ärzteschaft] [entst. Verm. Zwischen 1963 und 1966]. In: „Male oscuro“: Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit. Traumnotate, Briefe, Brief-und Redeentwürfe. Salzburg 2017, S. 82–92, hier: S. 91.

22 Dröscher-Teille, Mandy: Autorinnen der Negativität, S. 75.

23 Ebd., S. 75.

24 Paul Celan: Sprachgitter 1955. In: Ders.: Gesammelte Werke in 5 Bde. Hg. von Beda Allemann und Stefan Reichert unter Mitw. von Rolf Bücher. Bd. 1: Gedichte I. Frankfurt am Main: 1986, S. 167.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Auseinandersetzung mit dem Tod in Ingeborg Bachmanns Nachlassgedichten und Max Frischs Tagebuch 1946–1949
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
29
Katalognummer
V1031494
ISBN (eBook)
9783346435729
ISBN (Buch)
9783346435736
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bachmann Frisch Tod Lyrik Prosa Tagebuch
Arbeit zitieren
Paula Odenheimer (Autor:in), 2020, Die Auseinandersetzung mit dem Tod in Ingeborg Bachmanns Nachlassgedichten und Max Frischs Tagebuch 1946–1949, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1031494

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