Eine neue Lesbarkeit. Die Ebstorfer Weltkarte durch den Blickwinkel der Schlange


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Reproduktion der Ebstorfer Weltkarte

3. Eine Karte mit noch vielen offenen Fragen S
3.1 Gervasius von Tilbury
3.2 Die Etymologiae Isidors von Sevilla
3.3 Der Physiologus
3.4 Der Streit um die rezipierten Quellen und dessen Autorenschaft S

4. Die Bild-Text-Hermeneutik scriptura undpictura

5. Besonderheiten mittelalterlicher Weltkarten und ihre vielschichtigen Funktionen

6. Eine kurze Orientierung

7. Die Schlange anhand von Metadaten: ein erster Annährungsversuch S

8. Die Picturale und Scripturale - geografische Lage der Schlangen auf der Ebstorfer Weltkarte
8.1 Die Scripturale - geografische Lokalisation der Schlange
8.2 Die Insel Reichenau
8.3 Ibiza und die Schlangen

9. Eine eherne Schlange?

10. Die allegorische Schlange des Physiologus S
10.1 Die Viper
10.2 Das Kapitel: Von der Schlange

11. Diskussion und Fazit

12. Anhänge

13. Quellen/Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mittels mittelalterlicher europäischer kartografischer Quellen eröffnet der Mediävistik in vielerlei Hinsicht - basierend auf der Systematik aus pictura und scriptura - mannigfaltige wissenschaftliche Untersuchungsmethoden und Perspektiven mit der Intention, sich eine Vorstellung von der damaligen Sichtweise über die bekannte Welt erarbeiten zu können. Zudem erlaubt eine solche Systematik dem Rezipienten beim Betrachten der Karten multifunktionale Lesarten, die den Blick auf die damalige Welt im Lichte ihrer pluralistischen Daseinsform ermöglicht. Denn der Gebrauchswert heutiger Weltkarten steht in keiner Relation zu den mittelalterlichen Karten. In ihnen kumulieren beispielsweise tradiertes antikes Wissen, Mythologien, biblische Legenden, weltliche Herrschaftsrepräsentationen, eingebettet in eine allumfassende christlich­ontologische Weltsicht, deren Urheberschaft allein Gott als Weltenschöpfer in der Tradition eines Demiurgen zuzuschreiben gewesen ist.

In Ermangelung dessen wird die Ebstorfer Weltkarte für die vorliegende Arbeit als Untersuchungsgegenstand herangezogen. Die Karte selbst ist nicht nur von ihren Ausmaßen her die bekannteste und größte mittelalterliche Weltkarte, sondern auch aufgrund ihrer hohen Informationsdichte häufig Gegenstand wissenschaftlicher Publikationen. In letzter Zeit zeugen neuere Editionen von der Faszination, die den Karten anzuhaften scheint. Die Gründe hierfür mögen vielschichtig sein. Zweifellos stehen sie für eine Zeit, in der die Welt im Sinne von Max Weber noch nicht vollkommen entzaubert gewesen ist. Denn die auf den Karten abgebildeten Obskuritäten beziehungsweise Bestiarien stehen häufig im Mittelpunkt der Veröffentlichungen. Diese Arbeit wird daran anknüpfen und sich mit der Frage auseinandersetzen, welche Bedeutung der Schlange auf der Ebstorfer Weltkarte zugesprochen werden kann. Denn Tiere im Allgemeinen haben für die Theologie damals eine nicht unwesentliche Rolle gespielt bei der Frage nach der christlichen Naturdeutung der Welt.

Auf den ersten Blick nimmt die Schlange auf dem Kartenbild und der sie umgegebenen Kartenlegende in verdächtiger Weise eine sehr markante Stellung ein, die dazu einlädt, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Denn was für die Karte im Großen gilt, lässt sich nach der hier vertretenen Auffassung gewissermaßen im Kleinen auch auf die Schlange selbst projizieren.

Um die Fragestellung zu beantworten, werden in dieser Arbeit verschiedene Herangehensweisen verfolgt. Zum einen wird ein kurzer Bezug auf die vielfältigen Darstellungen der Schlangen auf der Karte genommen. Hierbei spielen sowohl die geografische Lokalisierung als auch eine mögliche Betrachtung der Schlange im Kontext zur christlichen Ikonografie eine Rolle. In einem weiteren Schritt werden zwei Schriften herangezogen, die höchstwahrscheinlich als Quellenfundus für die Anfertigung der Karte gedient haben, um mögliche Antworten auf die Fragestellung erhalten zu können. Die Herangehensweise innerhalb der Arbeit wird durch die Systematik aus pictura und scriptura begründet, die als vorteilhafte Methodik erachtet wird.

2. Die Reproduktion der Ebstorfer Weltkarte

Es ist einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass die Stiftsdame Charlotte von Lasperg im Jahr 1830 die auf Stangen aufgerollte, durch Feuchtigkeit und Nagetiere beschädigte Karte in einem „feuchten Gemach“ des Klosters Ebstorf nahe Lüneburg gefunden hat.1 Einem wohl noch glücklicheren Zufall ist der Umstand zu verdanken, dass trotz der vollkommenen Zerstörung der Ebstorfer Weltkarte bei einem Fliegerangriff auf Hannover im Jahr 1943 die Reichsdruckerei den Auftrag für eine im Lichtdruckverfahren erstellte fotografische Reproduktion der Pergamentböden an den Philologen Ernst Sommerbrodt im Jahr 1891 erteilt hat.2 Nach neun Monaten Kolorierungs- und Restaurierungsarbeiten an der Originalkarte ist somit die erste Ausgabe in Form eines Bildatlanten im Verhältnis 1:8 entstanden.3 Basierend auf dieser Arbeit, entwickelte der Kunstmaler Rudolf Wieneke in den 1950er Jahren ein Gerbdruckverfahren, mit dessen Hilfe Zeichnungen auf Pergament vervielfältigt werden konnten. Es entstanden vier Reproduktionen, von denen sich eine heute im Kloster Ebstorf selbst und eine im nahgelegenen Museum befinden.4 Die spätere Digitalisierung erfolgte 2007 unter der Leitung des Altgermanisten Hartmut Kugler und wurde über das Internet einem breiten Publikum zugänglich gemacht.5

Dieser kurze Exkurs der Reproduktionsgeschichte der Karte ist für diese Hausarbeit nicht unwesentlich. Denn während der Restaurationsarbeiten Sommerbrodts gingen ganze Textpassagen verloren. Auch fehlerhafte Nachzeichnungen konnten nicht vermieden werden.6

Bei dieser Arbeit ist daher stets berücksichtigt worden, dass die Analyse ausschließlich auf einer Reproduktion beruht und mögliche Abweichungen zum Original durchaus gegeben sein können, die für die Fragestellung von Bedeutung sein könnten.

3. Eine Karte mit noch vielen offenen Fragen

Trotz der vielen Publikationen und wissenschaftlichen Studien zur Ebstorfer Weltkarte tauchen weiterhin Fragen auf, auf die die Wissenschaft bis heute keine endgültige Antwort hat. Erschwerend kommt hinzu, dass die Fragen eine Kausalverkettung von Problemen aufwerfen, die vor allem die Autorenschaft, die Datierung und die möglichen Quellenfundi betreffen. Konkret sollen zwei Punkte beleuchtet werden, wobei die Frage der Quellenfundi für die Arbeit von hoher Bedeutung ist.

3.1 Gervasius von Tilbury

Die Wissenschaft spricht sich mehrheitlich für den um 1165 in England geborenen Gervasius von Tilbury als Urheber aus. Der ehemalige Richter im Dienste des Königs von Sizilien wurde im Jahre 1209 Zeuge von der Kaiserkrönung Ottos IV. von Braunschweig. Dieser erhob Gervasius von Tilbury nach seiner Ernennung zum Marschall von Arelat.7 Nach der Absetzung Ottos IV. im Jahr 1214 verlor Gervasius sein Amt und widmete sich im weiteren Verlauf seines Lebens der entgeltlichen Erstellung einer Weltchronik für den in seiner niedersächsischen Heimat Harzburg zurückgezogen lebenden früheren Kaisers. Die Weltchronik erhielt den Titel Otia Imperalia, die Kaiserliche Mußestunde.8 Inhaltlich zeichnet sich das Werk unter anderem durch die besondere Kenntnis in Bezug auf die engen verwandtschaftlichen Beziehungen der Welfen, Staufen und dem englischen Königshaus aus. Berücksichtigt man zudem Gervasius‘ Biografie und die Widmung im Werk für Otto IV., spricht vieles für die Autorenschaft Gervasius.9 Hinzu kommt, dass sich die Bistümer in der Otia Imperalia und ihre dort beschriebenen geografischen Lagen ziemlich deckungsgleich auf der Ebstorfer Weltkarte wiederfinden.10 Ferner sprechen archivarische Dokumente aus dem Jahr 1234, die eine namentliche Erwähnung eines Probstes Gervasius von Tilbury dokumentieren, für seine Autorenschaft. Auch die Tatsache, dass Gervasius von Tilbury zu Lebzeiten ein vielgereister Mönch gewesen ist, lässt sich als Indiz für den Entstehungsort Ebstorf und seinen weltkundigen Probst bringen.11

Die kritischen Stimmen, die sich gegen die Autorenschaft Gervasius‘ richten, begründen dies unter anderen mit auf der Karte „fehlerhaften“ Ortsbezeichnungen. Bei einer vergleichenden Fehleranalyse ist festgestellt worden, dass die heutige Stadt Kiew auf der Ebstorfer Weltkarte als Kiwen c. bezeichnet wird. Hingegen trägt die Stadt in der Otia Imperalia von Gervasius die Bezeichnung civitas Chyo. Das ist ein Indiz dafür, dass bei der Herstellung der Karte das Werk nicht als Quelle gedient haben könnte.12 Darüber hinaus existiert eine Eintragung über einen Probst von Ebstorf namens Gervasius aus dem frühen 13. Jahrhundert, der sich allerdings zu der Zeit in der Provence aufgehalten haben soll. Aus den divergierenden Aufenthaltsorten wird der Schluss gezogen, dass es sich bei Probst Gervasius von Ebstorf nicht um Gervasius von Tilbury handeln könnte.13

Es gibt noch weitere Argumente, die gegen eine Autorenschaft Gervasius‘ sprechen. Dieser kurze Exkurs zeigt aber bereits anschaulich beide bis heute umstrittenen Positionen auf.

3.2 Die Etymologiae Isidors von Sevilla

Unstreitig indes lässt sich eine Quelle auf der Ebstorfer Weltkarte herauslesen, deren Autorenschaft auf den am 06.04.636 verstobenen Bischof von Sevilla, Isidor von Sevilla, zurückgeht. Dieser verfasste zu Lebzeiten eine Weltchronik, welches sich zu einem Standardwerk des klerikalen und nichtklerikalen Studiums entwickelte und dessen Wirkungsmacht als Informationsquelle weit bis ins 16. Jahrhundert anhielt.14 Die Etymologie Isidors verfolgte das Ziel, die natürliche und die von Menschen erschaffene Welt in ihrer Gänze zu thematisieren. Das Spektrum reichte dabei von der Anthropologie über die Naturkunde mit ihren Bestandteilen Kosmologie, Zoologie und Geografie bis zur materiellen Kultur und Technik.15 Die Bedeutung Isidors für die inhaltliche Gestaltung der Ebstorfer Weltkarte lässt sich sogar durch einige Sätze auf der Karte selbst darlegen. Darin heißt es: „Isidor sagt in seinen Etymologien im Abschnitt über die Flüsse (...) [dass sie] in Armenien entspringen“.16 Für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit von größerem Interesse ist unterdessen die zweite namentliche Erwähnung auf der äußeren Kartenlegende: „Wer mehr wissen will über Säugetiere, Vögel, Fische ..., der lese Isidor. “17 Dieser Hinweis lässt darauf schließen, dass aus der Etymologiae Isidors die Bücher 11, 12 und 14 als Vorlage und Quellenfundus während der Herstellung gedient haben. Besonders das zwölfte Buch in Verbindung mit dem elften steht dabei in einem besonderen Fokus.18 Die Bedeutung der beiden Bücher ergibt sich außerdem daraus, dass fasst die ganze äußere rechte Kartenlegende den thematischen Schwerpunkt auf die Zoologie richtet und hierbei die Schlange mit all ihren zugeschriebenen Eigenschaften am stärksten vertreten ist.

3.3 Der Physiologus

Von besonderer Bedeutung ist ein weiteres literarisches Werk, welches im Zusammenhang mit der Ebstorfer Weltkarte bislang kaum Beachtung gefunden hat, insbesondere im Kontext der Frage vermeintlich rezipierter Quellen. Es handelt sich hierbei um den Physiologus. Nach Ansicht vieler Autoren handelt es sich dabei um eines der wirkungsmächtigsten Werke des frühen Christentums. Die ersten Abfassungen der Schrift lassen sich auf das 2. oder 3. Jahrhundert datieren. Ein Wesensmerkmal des Werkes besteht in der Eigenschaft eines Gebrauchstextes, der im Laufe der Zeit viele inhaltliche Ergänzungen und Veränderungen erfuhr.19 Doch die ausschlaggebendste Funktion, die mit dem Physiologus einhergeht, besteht in dem Versuch, die Natur und die Tierwelt im Sinne einer allumfassenden christlichen Allegorie zu deuten. Genau an diesem Punkt korrespondiert unweigerlich die allegorische Intention des Physiologus mit der der Ebstorfer Weltkarte.

Wenn die Ebstorfer Weltkarte wie erläutert aus Sicht der eschatologischen Geschichtsschreibung und den entsprechenden religiösen Dogmen zu deuten ist, zeigen sich hierbei unweigerlich Parallelen zum Physiologus. Berücksichtigt man dabei die Bedeutung16 17 18 19 dieser Schrift, lässt sich vermuten, dass auch der Physiologus als Quellenkorpus für die Anfertigung der Karte gedient hat.

Für den Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit und der hierfür erforderlichen Deutung beziehungsweise Interpretation der Schlange unter dem Gesichtspunkt der christlichen Allegorie ist der Physiologus als unverzichtbare Quelle zu bezeichnen. Selbstredend bedarf es dafür zunächst der Klärung weiterer Fragen, um eine fundierte Aussage treffen zu können. Dazu wird beispielsweise mittels einer fundiert-vergleichenden inhaltlichen Analyse nach Schnittmengen (beziehungsweise Abweichungen) von Etymologiae Isidors und Physiologus gesucht - unabhängig von der weiteren Problematik, die die vielen Abschriften des Physiologus mutmaßlich für die Herstellung der Karte verwendet worden ist.

3.4 Der Streit um die rezipierten Quellen und dessen Autorenschaft

Inwieweit die Urheberschaft auf Gervarius von Tilbury zurückzuführen ist, ist für die Arbeit unerheblich. Denn wie aufgezeigt gab es unabhängig von Gervarius von Tilbury weitere literarische Werke, die für die inhaltliche Gestaltung der Weltkarte von besonderer Bedeutung waren. Die Liste der rezipierten Werke könnte hierbei um weitere Autorennamen, etwa Honorius Augustodunensis mit seiner imagio mundi als zweithäufigstem rezipiertem Werk, ergänzt werden. Allerdings scheinen diese für die Fragestellung der Arbeit weniger dienlich zu sein, sodass ausschließlich der Physiologus und die Etymologiae Isidors stellvertretend für die anderen Werke genannt werden. In der Gesamtbetrachtung bleibt somit festzuhalten, dass die Ebstorfer Weltkarte aus verschiedenen Quellen besteht und die Frage nach der Urheberschaft für diese Arbeit zweitrangig erscheint, da es sich vielmehr um eine Frage der inhaltlichen Gewichtung handeln müsste.

4. Die Bild-Text-Hermeneutik scriptura und pictura

Die ausschließliche Fokussierung auf die genannten literarischen Quellen und den damit einhergehenden Eintragungen auf der Karte selbst sind nur als ein Baustein zu begreifen, der zur Lesbarkeit der Karte wie auch zur Fragestellung beitragen. Für die Aufschlüsslung bedarf es darüber hinaus eines Verständnisses, über die erwähnte Systematik des wechselseitigen Spiels der scriptura und pictura. Beide Begrifflichkeiten stammen aus dem Verständnis einer mittelalterlichen Geschichtsbeschreibung, beruhend auf drei Termini: personae, loca und tempora. Die scriptura und pictura sind dem Terminus loca zuzuordnen und ein wesentliches funktionales Kernelement mittelalterlich-abendländischer Weltkarten, welche die Intention verfolgt haben, die Welt als eine discriptio orbis zu vermitteln.20 Dahinter verbirgt sich die These, dass im Sinne eines synallagmatischen Verhältnisses beide Medien - Text und Bildzeichen - komplementär zueinander stehen sowie sich interaktiv gegenseitig ergänzen und befruchten. Dabei fließen die Informationen des Textes in die bildliche Ebene ein und rückwirkend die bildliche Darstellung in die schriftliche. Erst im Zuge einer solchen Gesamtbetrachtung, eines solchen Wechselspiels, konnte dem Rezipienten seinerzeit der informative Gehalt des betrachtenden Kartenausschnitts in einer Art topografischen Rhetorik im Sinne der discriptio orbis offenbart werden.

Am Beispiel der eingezeichneten TO-Schemata im oberen rechten Rand der Ebstorfer Weltkarte lässt sich dies anschaulich demonstrieren. Betrachtet man ausschließlich sie, bedarf es vermutlich nicht des Lesens des dazugehörigen Textes, da der Deutungsinhalt, die T-förmige Dreiteilung der Kontinente, eine Synthese mit den bildlichen Schemata bildet. Diese Betrachtung mag zwar nicht auf alle Kartenabschnitte zutreffen, doch lassen sich auf der Ebstorfer Weltkarte vermehrt Abschnitte identifizieren, bei denen dies möglich ist.

Auch am Beispiel der zentralen Darstellung Jerusalems zeigt sich die Hermeneutik zwischen Bild und Text eindeutig - ob bedingt durch die zentrale Position Jerusalems als Mittelpunkt beziehungsweise allegorischer Nabel der Welt, als die bildlich größte aller eingezeichneten weltlichen Städte oder anhand des dazugehörigen Textes, in dem es heißt: „Diese weltberühmte Stadt überragt als die Erste aller Städte die ganze Welt, weil hier die Rettung des Menschengeschlechts ... [erfolgt].“21 Dadurch bedingen sich beide Medien gegenseitig, indem sie komplementär zueinander in Verbindung stehen.

Zu guter Letzt betrachte man den Ausschnitt des Sündenfalls: Unter Berücksichtigung des kulturellen wie religiösen Kontextes bedarf es bis heute nur eines kurzen Blickes, um die Darstellung zu verstehen. Der dazugehörige Text integriert sich auch hier symbolisch in die Darstellung, während die bildliche Darstellung in den Text einfließt.

5. Besonderheiten mittelalterlicher Weltkarten und ihre vielschichtigen Funktionen

Nachdem auf der funktionalen Ebenen das besondere Verhältnis zwischen scriptura und pictura beschrieben worden ist, erfolgt zur besseren Orientierung nun eine Beschreibung des Kartenbildes. Unter Berücksichtigung der heutigen Kenntnisse über die Welt mag die reich bebilderte Ebstorfer Weltkarte zunächst dilettantisch wirken, wenn es um die realtopografische Orientierung geht. Doch die damaligen mappa mundi verfolgten nicht die Intention einer wirklichkeitsgetreuen Abbildung der Welt an sich, sondern einer Welt im Sinne einer eschatologischen Geschichtsschreibung in Anlehnung an die Vision Daniels und der vier Irdischen Reichen. Sie waren der Versuch, das gesammelte Wissen der Menschheit über sich und die Natur zu sammeln.22 Das Primat der körperlich-materiellen Welt, die Natur, und die allumfassende irdische Welt (die terra) hatten sich somit dem mundus der allegorisch­christlich-ontologischen Weltsicht unterzuordnen.23 Dieser Blick auf die Welt wird anhand der Darstellungsebene auf der Ebstorfer Weltkarte vortrefflich deutlich. Durch die Lossagung von möglichst genauen perspektivischen Wiedergaben von Raum und Raumtiefe - basierend auf den Prinzipien der antiken naturphilosophischen Optik - hatte sich die Geografie dem zu vermittelnden Inhalt auf der darstellerischen Ebene vollständig unterzuordnen. Das mag irritieren; doch im Zuge der eschatologischen Geschichtsschreibung hat sich dieser Transformationsprozess als durchaus vorteilhaft verglichen mit den antiken Weltkarten erwiesen, die nach geometrisch-mathematisch Prinzipien hergestellt worden sind. Denn dieser Schritt ermöglicht es, die vielschichtigen räumlichen, zeitlichen und inhaltlichen Ebenen auf der Ebstorfer Weltkarte simultan abzubilden.24 Sie steht somit sinnbildlich für eine mediale Projektionsfläche der christlich-dualistischen Weltsicht. Die Geschichte der Menschheit seit dem Sündenfall hingegen ist als befangen anzusehen, die Aufeinanderfolge der irdischen Staaten, beginnend mit dem Weltenreich Nebukadnezars, dem silbernen Weltenreich Alexander des Großen, dem Römischen Reich und dem Werden des Gottesreiches, das sich stetig durchsetzt, um am Ende des Tages zu triumphieren, aus.25 Unter diesem Gesichtspunkt, wird im Folgenden das Kartenbild von außen nach innen beschrieben.

6. Eine kurze Orientierung

Über die Kugelgestalt der Welt waren sich die damaligen Geleerten einig. Sie bildeten die Ökumene, die damals bewohnte Welt, kreisförmig ab (O). Der äußere Rand war weiterhin durch das Weltenmeer, die Zwölf Winde und einige ferne Inseln gekennzeichnet. Eine Besonderheit galt jedoch in Bezug auf die ikonografische Darstellung von Jesus Christus im Kontext des heilsgeschichtlichen Narrativs. So ist anders als auf der Hereford-Karte deutlich zu erkennen, dass die äußeren Extremitäten des Leib Christis mit dem Erdkreis eine Art ganzheitliche Grenze der Ökumene bilden (Welt-Leib-Isomorphie).26 Dahinter verbirgt sich vermutlich der Gedanke, dass die Welt im Leib Christi, dem Sohn Gottes, aufgeht und dabei der Mikrokosmos Mensch den Makrokosmos der Welt und Gott eine innere Einheit bilden.27 Zudem ist die Karte habituell geostet, wobei der Kopf von Jesus den östlichsten Punkt markiert und neben der Darstellung des Paradieses als der Anbeginn der heilsgeschichtlichen und menschlichen Zeitrechnung verstanden werden kann.

[...]


1 Hans-Martin Koch, Sie sind dann mal weg, Landeszeitung für die Lüneburger Heide, LZonline, 12.04.2018, >> https://www.landeszeitung.de/kultur/kultur-lokal/34103-sie-ist-dann-mal-weg/ << [Stand: 28.02.2021].

2 BirgitHahn-Woernle, Die Ebstorfer Weltkarte, 3. Auflage, Kloster Ebstorf, 2008, S. 9.

3 Hartmut Kugler, Die Ebstorfer Weltkarte. Die größte Karte des Mittelalters, Hartmut Kugler (Hrsg.), 1. Band, Darmstadt 2020, S. 4.

4 Lena Thiele, Ebstorfer Weltkarte: Ein Wimmelbild aus dem Mittelalter, Hamburger Abendblatt vom 08.01.2019. >> https://www.abendblatt.de/region/article216158139/Ebstorfer-Weltkarte-Ein-Wimmelbild-aus-dem- Mittelalter.html << [Stand: 28.02.2021].

5 Weitere Informationen zur Reproduktion der Karte: Michael Zick, Die schöne Ebstorferin, in: Bild der Wissenschaft, Ausgabe 11, Leinfelden-Echterdingen 2007 >> https://www.wissenschaft.de/gesellschaft- psychologie/die-schoene-ebstorferin/ << [Stand: 28.02.2021].

6 ebd.

7 vgl. Armin Wolf, Die Ebstorfer Weltkarte: Schöpfungsbild und Herrschaftszeichen, in: Cartografica Helvetica, Fachzeitschrift für Kartengeschichte, Heft Nr. 3, Zürich 1991, 32, hier S. 28 >> https://www.e- periodica. ch/cntmng?pid=chl-001:1991:3::121 << [Stand: 28.02.2021].

8 vgl. ebd. S. 28 f.

9 vgl. Armin Wolf, Ikonologie der Ebstorfer Weltkarte und politische Situation des Jahres 1239. Zum Weltbild des Gervasius von Tilbury am welfischen Hofe, in: Ein Weltbild vor Columbus. Die Ebstorfer Weltkarte, Hartmut Kugler (Hrsg.), Weinheim 1991, 116, hier S. 100 ff.

10 Die Weltchronik ergibt sich aus Inhalt und Aufbau des Werkes, siehe dazu die Beschreibung in: Bayrische Akademie der Wissenschaften, Otia Imperialia (Kaiserliche Mußestunden), München 18.05.2020. >> https://www.geschichtsquellen.de/werk/2467 << [Stand: 03.03.2021].

11 vgl. Armin Wolf, Ikonologie der Ebstorfer Weltkarte und politische Situation des Jahres 1239. Zum Weltbild des Gervasius von Tilbury am welfischen Hofe, in: Ein Weltbild vor Columbus. Die Ebstorfer Weltkarte, Hartmut Kugler (Hrsg.), Weinheim 1991, 116, hier. S. 103 f.

12 vgl. Klaus Janter, Kloster Ebstorf und die Weltkarte, in: Ein Weltbild vor Columbus. Die Ebstorfer Weltkarte, Hartmut Kugler (Hrsg.), Weinheim 1991, 53, hier S. 47.

13 vgl. ebd. S. 44.

14 vgl. Carmen Cardelle de Hartmann, Die Rezeption der Etymologien des Isidor von Sevilla, Vortrag im Audimax der Theologischen Fakultät Fulda vom 15.12.2012, Fulda 2012, 15, hier 3. >> https://kidoks.bsz- bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/68/file/CardelledeHartmann.pdf << [Stand: 03.03.2021].

15 vgl. ebd., 3.

16 zit. L 13_017 (Layer) >> https://warnke.web.leuphana.de/hyperimage/EbsKart/index.html#L13 017/ << [Stand: 03.03.2021].

17 ebd. L34_016 (Layer) >> https://warnke.web.leuphana.de/hyperimage/EbsKart/index.html#L13 017/ << [Stand: 03.03.2021].

18 Zu den einzelnen Titeln der Bücher siehe: Thorsten Fögen, Die Etymologiae des Isidor von Sevilla als Fachtext, in: Beiträge zur Geschichte der Sprachwissenschaften, 22.06.2018, Heft Nr. 28, Durham 2018, 31, hier S. 2 f. >> https://dro.dur.ac.uk/25268/1/25268.pdf?DDD3+tgpv94+d700tmt = << [Stand: 03.03.2021].

19 Horst Schneider, Einführung in den Physiologus, in: Christus in Natura. Quellen, Hermeneutik und Rezeption des griechischen Physiologus, Zbynëk Kindschi Garsky /Rainer Hirsch-Luipold (Hrsg.), Studies of the Bible and its Reception, Vol. 11, Berlin, Boston 2019, 13, hier S. 5.

20 vgl. Herma Kliege, Weltbild und Darstellungspraxis hochmittelalterlichen Weltkarten, Münster 1991, S. 42.

21 Zit. L18_024 (Layer) >> https://warnke.web.leuphana.de/hyperimage/EbsKart/index.html#L18 024/ << [Stand: 12.03.2021].

22 Frank Meier, Die Ebstorfer Weltkarte als Aufgabe für die Geschichtsdidaktik, Onlinebibliothek OPUS Augsburg, S.32- 39, hier S. 35. >> https://opus.bibliothek.uni- augsburg.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/815/file/Meier Ebstorfer Weltkarte.pdf << [ Stand: 03.03.2021].

23 Vgl. Anna- Dorothee- Von den Bricken, Fines terrae: die Enden der Erde und der vierte Kontinent auf mittelalterlichen Weltkarten, Hannover 1992, S. 12.

24 Julia-Mia Stirnemann, Über Projektionen: Weltkarten und Weltanschauungen, von der Rekonstruktion zur Dekonstruktion, von der Konvention zur Alternative, Zürich 2018, S.58f.

25 Hans Reyer, Systeme weltgeschichtlicher Betrachtung, in Goetz, W. (Hrsg.), Propyläen Weltgeschichte 1. Das Erwachen der Menschheit, Berlin 1931, S. 9f.

26 Martin Warnke, Et munduns, hoc est homo, Von einer sehr alten, nun wieder virtuellen Welt, in: Kulturinformatik, Schriften 1997-2007, Martin Warnke (Hrsg.), 65, hier S. 50. >> https://pub- data.leuphana.de/frontdoor/deliver/index/docId/566/file/Kulturinformatik.pdf << [Stand: 14.03.2021].

27 Armin Wolf, Ikonologie der Ebstorfer Weltkarte und politische Situation des Jahres 1239. Zum Weltbild des Gervasius von Tilbury am welfischen Hofe, in: Ein Weltbild vor Columbus. Die Ebstorfer Weltkarte, Hartmut Kugler (Hrsg.) in Zusammenarbeit mit Eckard Michael, Weinheim 1991, 116, hier S. 110.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Eine neue Lesbarkeit. Die Ebstorfer Weltkarte durch den Blickwinkel der Schlange
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichtswissenschaften, Philosophie und Theologie Abteilung Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
Mastermodul
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
32
Katalognummer
V1033174
ISBN (eBook)
9783346441560
ISBN (Buch)
9783346441577
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Durch das kreative Zusammendenken theologischer, philologischer und ästhetischer Inhalte bereicherte Herr Roman unsere Diskussion dieses komplexen Themenfeldes mit einer originellen Idee und differenzierten Argumenten. Die Hausarbeit habe ich nur mit der Höchstnote bewerten können. Gerade mit der Beharrlichkeit, durch die er abstrakte Beobachtungen in ein tragfähiges Untersuchungskonzept umsetzte, wie auch die Versiertheit, mit der er gediegen diese diversen Befunde in eine kohärente Gesamtdarstellung zu bringen wusste, haben mich beeindruckt."
Schlagworte
Herrschaftszeichen, Weltkarten, Symbolik, Politik, Theologie, Schlange, Isidor von Sevilla, Ebstorfer Weltkarte
Arbeit zitieren
Stefan Roman (Autor:in), 2021, Eine neue Lesbarkeit. Die Ebstorfer Weltkarte durch den Blickwinkel der Schlange, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1033174

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