Jugendarmut in Deutschland


Seminararbeit, 2000

10 Seiten, Note: 1


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Inhaltsverzeichnis:

1. Armutssituation von Haushalten mit Kindern und Jugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland

2. Allgemeine Armutsdefinitionen
2.1. Freiwillige Armut
2.2. Absolute Armut
2.3. Relative Armut

3. Eindimensionale Armutsdefinition in Deutschland
3.1. Relative Einkommensarmut
3.2. Politische Sichtweise der Armut
3.3. Verdeckte und hypothetische Armut

4. Entwicklung der Armutslage in Deutschland
4.1. Heterogenisierung der Armut
4.2. Infantilisierung der Armut
4.3. Betrachtung der Einkommensarmutszahlen 1990-1995
4.4. Betrachtung der Sozialhilfebezugszahlen 1991-1997

5. Mehrdimensionalität der Jugendarmut
5.1. Vier zentrale Lebensbereiche
5.2. Lösungsversuch Lebenslagenkonzept

6. Unzureichende gesellschaftliche Rahmenbedingungen und prekäre Lebenssituation der Familien als Hauptursachenfelder der Jugendarmut
6.1. Kinderreichtum und Scheidung bzw. Trennung der Eltern
6.2. Langzeitarbeitslosigkeit
6.3. „Staatlich verursachte Armut“ bei Flüchtlingsfamilien
6.4. Wohnungs- und wohnraumbezogene Lebenssituation
6.5. Problematik für Jugendliche

Armutssituation von Haushalten mit Kindern und Jugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland

Das Thema Armut beinhaltet weltweit ein enormes Forschungsgebiet und selbst der untergeordnete Bereich der Jugendarmut ist äußerst facettenreich und vielschichtig. Aus diesem Grund ist es unbedingt notwendig zu Beginn den Rahmen des zu bearbeitende Themas „Jugendarmut“ genau zu definieren und einzuschränken. Die Arbeit beschäftigt sich eingehend mit der Definition von Armut innerhalb Deutschlands und der speziellen Entwicklung der Jugendarmut anhand von Fakten und Zahlenbeispielen. Ausgehend von in Armutshaushalten lebenden Jugendlichen werden im weiteren die Mehrdimensionalität der Jugendarmut und mögliche Ursachenfelder erörtert. Anschließend geht es um Folgen und Konsequenzen für das Leben der Jugendlichen aus armutsbetroffenen Haushalten. Der letzte Teil der Arbeit besteht aus der Erläuterung staatlicher und gesellschaftlicher Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarmut in der Bundesrepublik als Sozialstaat.

Das Phänomen der Straßenkinder Deutschlands, die Ausbreitung der Jugendarmut innerhalb Europas und die Dritte-Welt-Thematik sind nicht Teil der Arbeit, da diese sich auf die Armutssituationen von Haushalten mit Kindern und Jugendlichen in der BRD spezialisiert.

Allgemeine Armutsdefinitionen

Der allgemeine Begriff „Armut“ wird sehr vieldeutig gebraucht, um ökonomische und soziale Randlagen zu beschreiben und kann somit auf ein enorm breites Bedeutungsspektrum angewandt werden. Deshalb ist es dringend notwendig ihn zu Beginn wissenschaftlicher Untersuchungen in den einzelnen gesellschaftlichen Bereichen stets neu zu definieren. Grundsätzlich unterscheidet man drei verschiedene Ansätze: Zum einen die freiwillige Armut, welche die eigene Entscheidung zum Verzicht auf einen bestimmten Lebensstandard aus Glaubens- und Überzeugungsgründen erklärt. Ein Beispiel dafür wäre das enthaltsame Leben der Anhänger des Franziskaner Ordens. Zum anderen die absolute Armut, auch Urarmut genannt, die vorliegt, „wenn die Existenz des Menschen physisch oder psychisch absolut bedroht ist, sei es durch Hunger, Obdachlosigkeit oder kriegerische Auseinandersetzung.“1 Bei der absoluten Armut handelt es sich immer um einen akuten Mangel an den Bedürfnissen zur unmittelbaren Selbsterhaltung des Körpers, wie zum Beispiel Nahrung, Kleidung oder Hygiene. Als dritte Variante gilt die relative Armut, welche eintritt, sobald Personen oder Personengruppen wie Familien nicht über ausreichende materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen, um auf der untersten Grenze des Akzeptablen zu leben. Diese Grenze wird als Existenzminimum, am allgemeinen Wohlstandsniveau der jeweiligen Gesellschaft gemessen, wobei zahlreiche Konflikte im Bezug auf das subjektive Armutsempfinden der Bevölkerung entstehen können.2

Eindimensionale Armutsdefinition in Deutschland

In Deutschland wird die Armutsgrenze durch einen eindimensionalen Ressourcenansatz am Faktor Einkommen festgelegt, wodurch das gängige Konzept der relativen Einkommensarmut zu Stande kommt. Diesem zufolge gelten Haushalte als arm, deren Haushaltsnettoeinkommen 50% oder weniger des Durchschnittseinkommens (Nettoäquivalenzeinkommen) vergleichbarer Haushalte beträgt. Um Armutsquoten für verschiedene Personengruppen zu ermitteln, wird den Haushalten die Annahme unterstellt, dass jedes Mitglied seinen Anteil am Haushaltseinkommen bekommt. Dabei soll sowohl das Alter der im Haushalt lebenden Personen, sowie die, durch eine gemeinsame Haushaltsführung, erzielten Einsparungseffekte berücksichtigt werden. Mit der häufig angewandten „älteren OECD-Skala“3 (Äquivalenzskala) werden die unterschiedlichen Einkommensanteile der einzelnen Personen im Haushalt berechnet. So erhält zum Beispiel der Haushaltsvorstand ein Gewicht von 1,0 , jedes weitere Haushaltsmitglied über 15 Jahre ein Gewicht von 0,7 sowie Kinder und Jugendliche unter 15 Jahre ein Gewicht von 0,5 . Das bedeutet, bei einem Paar-Haushalt mit zwei Jugendlichen im Alter von 13 und 16 Jahren wird das gemeinsame Haushaltseinkommen durch 2,9 (Summe von 1,0 + 0,7 + 0,7 + 0,5) geteilt, um es mit dem Einkommen beispielsweise eines Ein-Personen-Haushaltes zu vergleichen.4 5

Durch diese Art der Armutsdefinition und das daraus entwickelte Bundessozialhilfegesetz, welches eine rechtlich garantierte, staatliche Unterstützung ab einem bestimmten Einkommensgrenzwert gewährleistet, lässt sich politisch gesehen leicht behaupten, dass Armut in Deutschland nicht existent ist. Wobei völlig außer Acht gelassen wird, dass die von unserem Sozialstaat durch finanzielle Mittel bekämpfte Armut nicht mit einer bereits besiegten Armut gleichzusetzen ist, da dabei die Psyche und das subjektive Armutsempfinden der Betroffenen vernachlässigt wird. Ebenso ist der Teil der Bevölkerung, der aus Unwissenheit über bestehende Möglichkeiten oder aus Scham in sogenannter „verdeckter“ Armut lebt nicht zu unterschätzen. Außerdem gelten viele Bürger als „hypothetisch“ arm, da sie mit Eigeninitiative und Engagement selbst Alternativen zur Armutsbekämpfung ergreifen. Sei es der Verzicht auf Konsumgüter, eventuelle Zuwendungen Dritter oder eine zusätzliche Nebentätigkeit.6

Entwicklung der Armutslage in Deutschland

Die Tatsache, dass im reichen Deutschland viele Arme leben ist unumstritten und durch zahlreiche Untersuchungen belegt. Die Armut wird zunehmend heterogener, was heißt, dass das Bild der Armut nicht mehr nur von „traditionellen Armen“ geprägt wird, sondern mehr und mehr auch von „Normalhaushalten“. Ebenfalls nachgewiesen ist, dass die heutige Generation der Kinder und Jugendlichen die am stärksten betroffene Gruppe ist. Die in der Vergangenheit stark verbreitete Altersarmut ist weitgehend besiegt, wodurch die Rentenpolitik in der Armutsvermeidung zumindest zur Zeit erfolgreicher erscheint als die gegenwärtige Familienpolitik. Während früher hauptsächlich Senioren vom Armutsrisiko bedroht waren, trifft es nun immer mehr Kinder und Jugendliche, sodass man zu Recht von einer „Infantilisierung der Armut“7 spricht. Die absoluten Zahlen der in Armut lebenden Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren belaufen sich im Jahre 1997 bereits auf 2,8 Millionen8. Das sagt aus, dass damals bereits jedes fünfte Kind betroffen war oder noch ist, da sich die Situation bei gleichbleibend hoher Arbeitslosigkeit bis heute nicht gebessert haben dürfte. Die Problematik der Haushalte liegt darin, dass der zusätzliche Einkommensbedarf für Kinder und Jugendliche durch eingeschränkte Erwerbsmöglichkeiten, wie einen Mangel an Mobilität, häufig nicht gedeckt werden kann. Die engen finanziellen Spielräume dieser Haushalte führen dazu, dass die laufenden Ausgaben, wozu auch die Aufwendungen für Kinder gehören, einen sehr großen Teil des Haushaltsbudgets in Anspruch nehmen, was sich zu Lasten der Ersparnisbildung und somit gegen die Absicherung künftiger Risiken auswirkt.

Tabelle: Butterwegge S. 189 Kinder und Jugendliche in Einkommensarmut

Wie in Tabelle 1 ersichtlich wird, lebten im Jahre 1990 bereits 10,5% der Haushalte in Westdeutschland und 5,4% der Haushalte in Ostdeutschland unterhalb der 50%-Einkommensgrenze. Innerhalb der folgenden Jahre ist eine enorme Erhöhung der Einkommensarmut zu beobachten, sodass 1995 die Zahl der Haushalte im Westen Deutschlands bei 13,0% und bei 11,5% im Osten liegt. Der Anstieg in Ostdeutschland ist auf Grund umfassender Umbrüche in der Sozialstruktur der ehemaligen DDR deutlich höher, da diese insbesondere auch auf das Verarmungsrisiko von Kindern und Jugendlichen durchschlagen. So kommt es, dass der Osten in diesem Punkt mittlerweile den Westen eingeholt hat. Außerdem lässt sich erkennen, dass vor allem kinderreiche Familien, Alleinerziehende sowie ausländische Haushalte stark armutsgefährdet sind. Den größten Einfluss auf das Armutsrisiko hat offensichtlich die Familienform.9

Haushalte mit mehreren Kindern und Jugendlichen (oft ausländische Großfamilien), sowie Haushalte von Alleinerziehenden können sich signifikant mehr Dinge aus finanziellen Gründen nicht leisten, die eine große Mehrheit der Bundesbürger für notwendig erachtet, wie zum Beispiel in einer guten Wohngegend zu leben und sich ein Hobby zu finanzieren. Kinder sind nicht nur ein Kostenfaktor, sondern auch ein Armutsrisiko. Neben den relativen Armutsquoten sind die Sozialhilfebezugsquoten ein zweiter häufig genutzter Armutsindikator.

Tabelle: Butterwegge S.138 Sozialhilfequoten der bis 18jährigen Bevölkerung im Vergleich

Wie die Zahlen der Statistik belegen, hat die Sozialhilfebetroffenheit bei Kindern und Jugendlichen sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern im Zeitverlauf zugenommen. Die bis 18jährigen waren im Zeitraum der Untersuchung einem kontinuierlich ansteigendem und überdurchschnittlich hohem Sozialhilferisiko ausgesetzt.10 Generell ist die Sozialhilfedichte in den neuen Bundesländern geringer als in den alten. Das Sozialhilferisiko steigt jedoch im Laufe der Jahre im Osten dynamischer als im Westen, was auf eine Angleichung der ostdeutschen Sozialhilfedichte an das westliche Niveau hindeutet. Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Sozialhilfedichte im Zeitraum zwischen 1991und 1997 in der Gruppe der Kinder und Jugendlichen ein etwa doppelt so hohes Niveau erreicht hat wie im Bevölkerungsdurchschnitt.11 Darüber hinaus belegen Forschungsarbeiten, dass Haushalte mit Kindern und Jugendlichen im Durchschnitt nicht nur häufiger sondern auch länger Sozialhilfe beziehen als andere Gruppen.

Mehrdimensionalität der Jugendarmut

Es wäre falsch sich bei den Untersuchungen zum Thema Jugendarmut nur darauf zu beschränken, wie viele Jugendliche innerhalb ihrer Familie unterhalb der 50%- Einkommensgrenze leben oder Sozialhilfe beziehen. Armut ist mehrdimensional und sowohl als materielle wie auch als immaterielle Problemlage zu verstehen. Neben der Einkommenssituation der Familie muss zugleich die Lebenslage des Jugendlichen betrachtet werden. Im Hinblick darauf gliedert sich das Feld der Untersuchung in vier zentrale Lebensbereiche. Zum einen die materielle Versorgung, zum anderen der kulturelle sowie der soziale Bereich und nicht zuletzt der physische und psychische Zustand. Um eine erfolgreiche Armutsbekämpfung durchzuführen, müssen beide Formen der Unterstützung, finanzielle Mittel sowie Beratungsstellen und öffentliche Hilfseinrichtungen, in ausreichendem Maße vorhanden sein und eingesetzt werden. Ein Lösungsversuch besteht im Lebenslagenkonzept, welches fünf Bereiche abdeckt und ein Recht auf staatliche Unterstützung bei Unterversorgung von mindestens einem Haushaltsmitglied in mindestens zwei Bereichen garantiert. An erster Stelle steht das Haushaltsnettoeinkommen, mit der 50%-Einkommengrenze als Unterversorgungsschwelle, als nächster Indikator gilt der Erwerbsstatus im Zusammenhang mit der registrierten Arbeitslosigkeit. Darauf folgt der Bereich der allgemeinen und schulischen Bildung, wobei kein Bildungsabschluss als Unterversorgung betrachtet wird. Der vierte Indikator Wohnen beinhaltet zum einen die Wohnungsausstattung, die Bad und WC innerhalb einer Wohneinheit voraussetzt und zum anderen die Wohnraumversorgung mit mindestens einem Zimmer pro Haushaltsmitglied. Als letzter Bereich steht der Gesundheitszustand mit einer schweren Behinderung als Unterversorgungsschwelle. Obwohl unser Sozialstaat mit diesem Konzept in vielerlei Hinsicht auf die Bedürfnisse der Betroffenen eingeht, ist es zur Bestimmung und Bekämpfung von Jugendarmut nur sehr begrenzt aussagekräftig, da weder auf die kulturelle Armut, wie zum Beispiel fehlende Gelder für Ausflüge und Freizeitgestaltung, noch auf die emotionale Armut, wie zu wenig Zuneigung aus Zeitmangel, eingegangen wird. Schlussfolgernd lässt sich sagen, dass zunehmende Jugendarmut nicht allein durch eine Bereitstellung von finanziellen Hilfen für die Eltern oder Familien aufgefangen werden kann. Es gilt also Maßnahmen unterschiedlichster Art zur Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen der Jugendlichen zu ergreifen.

Besonders gefordert sind hierbei gesamtgesellschaftliche und staatliche Anstrengungen.12

Unzureichende gesellschaftliche Rahmenbedingungen und prekäre Lebenssituation der Familie als Hauptursachenfelder der Jugendarmut

Konkrete Gründe für die Entstehung und Entwicklung der Jugendarmut in Deutschland sind sehr schwer festzulegen, da man wie bereits erörtert von einer mehrdimensionalen Betrachtungsweise der Lebenslage der Jugendlichen ausgehen muss. Es lassen sich daher lediglich mögliche Ursachenfelder erwägen, welche der prekären Situation der betroffenen Haushaltstypen zu Grunde liegen und somit auch Armut und Armutsempfinden der Jugendlichen bedingen. Dazu gehören als die beiden Hauptpunkte einmal die häufig unzureichenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie zum Beispiel keine Integration und aktive Teilhabe am öffentlichen Leben aus finanziellen oder auch kulturellen Gründen. Ein weiteres Hauptfeld wäre die Lebenssituation der Familie mit all den materiellen und immateriellen Defiziten, seien es fehlende finanzielle Möglichkeiten, ein Mangel an Zeit und oftmals Zuneigung von Seiten der Eltern oder zwischenmenschliche Probleme innerhalb der Familie. Folgende Punkte gehören zu den derzeit angenommenen Hauptgründen für die stark zunehmende Jugendarmut, stellen aber nur einen groben Umriss der gesamten Ursachenforschung dar.

Wie bereits erwähnt, gehören Großfamilien (häufig ausländischer Nationalität) sowie Alleinerziehende zu den Risikogruppen im Bereich der Jugendarmut, da vor allem bei diesen Haushaltstypen eine Armutssituation oft von jahrelanger Dauer ist und selten ohne fremde Hilfe bewältigt werden kann. Neben Kinderreichtum ist auch die Scheidung bzw. Trennung der Eltern im Hinblick auf die finanziellen Folgen ein Armutsrisiko für diese Haushalte.

Ein anderer Faktor ist die zunehmende Langzeitarbeitslosigkeit. Wenn Eltern ihren Arbeitsplatz verlieren, bedeutet das zu Beginn nicht zwingend eine Verschlechterung der Lebenslage der Jugendlichen, da häufig die Bemühung entsteht, den Kindern die neue Armutssituation vorerst nicht spüren zu lassen.

Dauert die Arbeitslosigkeit jedoch länger an, werden die Kinder im Haushalt mit zu Betroffenen und es kann sehr schnell zur Sozialhilfebedürftigkeit der Familie und zu einem folgenreichen subjektiven Armutsempfinden der Jugendlichen kommen.13

Eine dritte Risikogruppe sind Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien. Durch eine Differenzierung zwischen Asylbewerbern und Asylberechtigten wird es in Deutschland nicht als politisches Ziel betrachtet, erstere in die deutsche Gesellschaft zu integrieren und finanziell zu unterstützen. Mit dem 1993 in Kraft getretenem Gesetz zur Neuregelung der Leistungen an Asylbewerber wird seitdem eine große Anzahl an Asylsuchenden, die nicht als anerkannte Flüchtlinge gelten, aus dem Bundessozialhilfegesetz ausgegrenzt. Dadurch wird für diese Familien das Existenzminimum deutlich niedriger definiert als für andere Ausländergruppen und deutsche Staatsbürger, sodass man von einer „Sozialhilfe zweiter Klasse“ spricht. Das in der Sozialhilfe formulierte geschützte Existenzminimum für Asylbewerber (bis zum 12. Monat des Asylverfahrens) und zur Ausreise verpflichteter Ausländer gilt außerdem nicht für Kinder und Jugendliche dieser Familien. Eine Anteilnahme am öffentlichen Leben bleibt den in materieller und meist auch in immaterieller Armut lebenden Jugendlichen verwehrt. Aus diesem Grund lässt sich bei dieser Personengruppe von sogenannter „staatlich verursachten Armut“ sprechen.14

Ein letzter Punkt beinhaltet die wohnungs- und wohnraumbezogenen Lebensbedingungen von Jugendlichen. Je mehr Kinder und Jugendliche in einem Haushalt leben, desto mehr verringert sich die Qualität der Wohnsituation. Das ist vor allem den überhöhten Mieten und dem Anspruchsniveau der Vermieter zuzuschreiben. So werden oftmals Paarhaushalte den Familien mit Kindern vorgezogen, sowie deutsche Wohnungsbewerber den ausländischen. Da Haushalte von Ausländern und Aussiedlern im Durchschnitt größer sind als die der Deutschen, sind sie in diesem Bereich besonders stark betroffen. Im Vergleich zu deutschen Familien müssen sie sich häufiger mit eine geringere Wohnungsgröße, schlechtere Wohnungsausstattung und dem Wohnen in „sozialen Brennpunkten“, wie Hochhaussiedlungen in Großstädten zurechtfinden. Hinzuzufügen ist jedoch, dass sich im Laufe der vergangenen Jahre der Unterschied zwischen deutschen und ausländischen Haushalten deutlich verringert hat.15

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass einer dieser vier Punkte in den meisten Fällen als Grundlage der jeweiligen Armutssituation vorliegt und den Jugendlichen als Mitglieder der armutsbetroffenen Haushalte sowohl eine vollständige Integration und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verwehrt, als auch eine belastende Lebenssituation in der Familie schafft. Welche Folgen und Konsequenzen das im Einzelnen haben kann und welche Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssen, wird im weitern Verlauf der Arbeit erläutert.

[...]


1 Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales der freien und Hansestadt Hamburg und Landessozialamt Hamburg (1993), S. 5

2 Fuchs-Heinritz, Werner (1995), Lexikon zur Soziologie, 3. Aufl., Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 62

3 OECD: Organisation for Economic Cooperation and Development, Paris

4 Zimmermann, Gunther E. (2000), Ansätze zur Operationalisierung von Armut, Relative Einkommensarmut. In: Butterwegge, Christoph (Hg.), Kinderarmut in Deutschland, Ursachen, Erscheinungsformen und Gegenmaßnahmen, Frankfurt/ Main: Campus Verlag, S. 73-75

5 http://www.awo.org/texte/armut/iss-z-1.html

6 Joos, Magdalena, Meyer, Wolfgang (1998), Die Entwicklung der relativen Einkommensarmut von Kindern in Deutschland 1990 bis 1995. In: Mansel, Jürgen, Neubauer, Georg, (Hg.), Armu t und soziale Ungleichheit im Jugendalter, Opladen: Leske + Budrich S.19-33

7 http://www.awo.org/awomag/ausgaben/1999_01/0199_21.html

8 Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), Datenreport, Bonn 1997, S.523f.

9 Lutz, Roland (2000), Straßenkinder: mediales Ereignis oder reales Phänomen?, Armut von Kindern und Jugendlichen, In: Butterwegge, Christoph (Hg.), Kinderarmut in Deutschland, Ursachen, Erscheinungsformen und Gegenmaßnahmen, Frankfurt/ Main: Campus Verlag, S.188- 189

10 Dabei muss das Jahr 1994 ausgeschlossen werden, in dem wegen einer Umstrukturierung der Sozialhilfestatistik durch die Ausgliederung von Asylbewerbern ein zwischenzeitlicher Rückgang der Empfängerzahlen und -quoten eingetreten ist.

11 Rentzsch, Doris (2000), Kinder in der Sozialhilfe, Die alterspezifische Sozialhilfeentwicklung in den 90er Jahren, In: Butterwegge, Christoph (Hg.), Kinderarmut in Deutschland, Ursachen, Erscheinungsformen und Gegenmaßnahmen, Frankfurt/ Main: Campus Verlag, S. 137-140

12 Zimmermann, Gunter E. (2000), Ansätze zur Operationalisierung von Armut, Armut und Unterversorgung in zentralen Lebensbereichen, In: Butterwegge, Christoph (Hg.), Kinderarmut in Deutschland, Ursachen, Erscheinungsformen und Gegenmaßnahmen, Frankfurt/ Main: Campus Verlag, S. 76-77

13 Schönig, Werner (2000), Langzeitarbeitslosigkeit und Kinderarmut, In: Butterwegge, Christoph (Hg.), Kinderarmut in Deutschland, Ursachen, Erscheinungsformen und Gegenmaßnahmen, Frankfurt/ Main: Campus Verlag, S. 197-219

14 Boos-Nünning, Ursula (2000), Armut von Kindern aus Zuwandererfamilien, Staatlich verursachte Armut: Kinder aus Flüchtlingsfamilien, In: Butterwegge, Christoph (Hg.), Kinderarmut in Deutschland, Ursachen, Erscheinungsformen und Gegenmaßnahmen, Frankfurt/ Main: Campus Verlag, S.156-158

15 Boos-Nünning, Ursula (2000), Armut von Kindern aus Zuwandererfamilien, Wohnen und Wohnumfeld von Kindern aus Zuwandererfamilien, Wohnungsgröße und Ausstattung, In: Butterwegge, Christoph (Hg.), Kinderarmut in Deutschland, Ursachen, Erscheinungsformen und Gegenmaßnahmen, Frankfurt/ Main: Campus Verlag, S. 158-167

10 von 10 Seiten

Details

Titel
Jugendarmut in Deutschland
Hochschule
Universität Regensburg
Veranstaltung
Proseminar Jugend heute: Verlauf und Probleme
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
10
Katalognummer
V103372
ISBN (eBook)
9783640017508
Dateigröße
346 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendarmut, Deutschland, Proseminar, Jugend, Verlauf, Probleme
Arbeit zitieren
Christiane Schmidt (Autor:in), 2000, Jugendarmut in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103372

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