Reformbewegungen im Städtebau von der Gründerzeit bis zum Zweiten Weltkrieg (mit Berücksichtigung der "Gartenstadtbewegung")


Seminararbeit, 2000

23 Seiten


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Inhaltsverzeichnis:

1. Die Einleitung

2. Gründerzeitliche Entwicklung
2.1 Ursachen für die adtentwicklung
2.2 Die Architektur in der Gründerzeit
2.3 Mietskasernenbau und Planung
2.4. Gründe für den Mietskasernenbau
2.5. Die raßenplanung in der Gründerzeit
2.6. Villensiedlungen
2.7. Werkskolonien

3. Reformbewegungen im ädtebau bis zum Zweiten Weltkrieg
3.1. Gartenstadtmodell von E. Howard
3.2. Gartenstadtbewegung in Deutschland
3.3 Genossenschaftlicher Wohnungsbau in Deutschland
3.4 Charta von Athen

4. hluss

1. Einleitung

Betrachtet man die Stadtentwicklung in der deutschen Geschichte etwas näher, stößt man seit dem Mittelalter auf eine Abfolge von Aufs und Abs. Der erste große Aufschwung in der Städtelandschaft lässt sich dabei im Mittelalter erkennen. Sind es etwa im Jahre 1150 "zwischen Brügge und Wien, Schleswig und Genf"1 etwa 200 Städte, trifft man in diesem Gebiet hundert Jahre später schon auf etwa 1500, im Hochmittelalter sogar auf 5000 Städte. Allerdings sind nicht alle mittelalterlichen Städte zugleich auch Neugründungen. Viele Städte hatten ihre Ursprünge in kleinen Siedlungen, die sich um eine Burg oder eine Abtei gebildet hatten und auf eine lange Vergangenheit zurück blicken konnten2.

Im 15. Jahrhundert fand die mittelalterliche Stadtentwicklung einen jähen Rückgang. Gründe hierfür waren schwerwiegende Seuchen, Kriege und Agrarkrisen, die Deutschland heimsuchten und ein Schwinden der Bevölkerung mit sich brachten. Nur vereinzelt gründeten sich in Deutschland zu dieser Zeit neue Städte. Einige waren religiös motiviert, wie die "Exulantenstädte", die von protestantischen Flüchtlingen aus dem Ausland in Deutschland erbaut wurden. In der Renaissance findet man in Deutschland jedoch auch prächtige Fürstenstädte, die sich das Versailles Ludwigs XIV. zum Vorbild nahmen3.

Einen weiteren Aufschwung konnte die deutsche Stadt erst wieder um 1870 mit Einsetzen der Industrialisierung verzeichnen. Erst zu dieser Zeit kann man in Deutschland auch von einer wirklichen Verstädterung der Bevölkerung sprechen.

Diese Arbeit wird sich im Folgenden mit den Bewegungen im Städtebau zu jener Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg beschäftigen. Dabei werden vor allem die Stadtentwicklungen in Berlin und im Ruhrgebiet in hohem Maße eine Rolle spielen. Zudem wird zu klären sein, weshalb sich eine Gartenstadtbewegung gründete, was ihre Ziele waren und wie stark sie auf die deutsche Stadt Einfluss nahm.

2. Gründerzeitliche Stadtentwicklung

In der Epoche der Gründerzeit, unter welcher man gemeinhin die Zeit zwischen 1871 bis 1873 versteht, war in allen Bereichen ein Aufschwung zu bemerken. Nach der langen Zeit, in der Deutschland in seinem Status als Agrarstaat verharrt hatte, ermöglichte der rasende Fortschritt in Wirtschaft, Medizin und Technik für Deutschland eine grundlegende Umorientierung. Aus der Agrargesellschaft wurde eine Industriegesellschaft mit all ihren Folgen, und dies bedeutete auch eine grundlegende Veränderung für die deutschen Städte, die an diesen Reformbewegungen teil haben wollten.

2.1.Ursachen für die Stadtentwicklung

Seit der Erfindung der Dampfmaschine, des mechanischen Webstuhls und neuer Transportsysteme (Eisenbahn) erfolgte eine technische Neuentdeckung nach der anderen, derer positiver Beeinflussung der Wirtschaft sich auch der Agrarstaat Deutschland nicht mehr verschließen konnte4. Technische Innovationen wurden sowohl zunehmend zur Gewinnung billiger und neuer Rohstoffe wie z.B. Steinkohle genutzt, als auch in traditionellen Bereichen wie in der Landwirtschaft und zur Entwicklung bisheriger Industriebetriebe5.

An Kapital mangelte es den Unternehmern zu dieser Zeit nicht, wenn sie sich der industriellen Revolution anschließen wollten. Rund 5 Milliarden Franc (4 Milliarden Mark) erhielt Deutschland nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 als französische Kriegsentschädigung6. Dies war zudem eine Motivation für viele Jungunternehmer neue gewerbliche und industrielle Unternehmen und Aktiengesellschaften zu gründen. Dem wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland stand daher eigentlich nichts mehr im Wege. Den Fabrikanten fehlte es jedoch zunehmend an Arbeitskräften für ihre Unternehmen in den Großstädten, da um ca. 1871 noch etwa 63,9 % der Reichsbevölkerung in Gemeinden am Land, also in Gemeinden mit unter 2000 Einwohnern wohnten7. Die Situation in den ländlichen Gebieten wurde für die Bevölkerung jedoch immer unerträglicher, was einen Umzug in die Industriestädte immer attraktiver werden ließ. Der medizinische Fortschritt, die Verbesserung der Lebensmittelversorgung und das Ende der Feudalherrschaft ließ zwar die durchschnittliche Lebenserwartung von 35 Jahre auf 50 Jahre empor schnellen und somit die Bevölkerung rapide vergrößern. Mit der Zeit konnten die ländlichen Gemeinden ihre stark anwachsende

Einwohnerschaft aber nicht mehr ernähren, was dazu führte, dass ehemalige Bauern mit ihren Familien in großer Zahl in die Städte strömten, um dort nach Arbeit in den Fabriken zu suchen8. Besondere Anziehungspunkte waren dabei die neuen Montanreviere, wie das Ruhrgebiet, aber auch Städte, die wirtschaftlich bedeutende Verkehrsknotenpunkte im neuen Eisenbahnnetz darstellten, wie z.B. Frankfurt, Berlin und Hamburg9. Diese Gebiete wurden jedoch unausweichlich mit dem Problem der immer gravierender werdenden Wohnungsnot konfrontiert. Schon 1890 findet man in vielen deutschen Großstädten eine drei mal so große Bevölkerung wie noch 1870 vor10. Noch 1866 hatte man sich in der Berliner Vossischen Zeitung nur vorsichtig mit dem Wohnungsmangel beschäftigt und eher den Prestigegewinn einer bevorstehenden Vergrößerung Berlins in den Vordergrund gestellt: "Berlin wird Weltstadt11 ! Die Bedeutung einer Hauptstadt steigt mit der Ausdehnung des Staates in geometrischer Proportion; auch wenn wir bescheiden genug sind, nicht mit London rivalisieren zu wollen, so können wir doch, nachdem wir schon Wien und St. Petersburg überflügelt haben, wohl daran denken, Paris noch einzuholen. Dass dies nicht ohne Einfluss auf die Wohnungsverhältnisse bleiben kann, liegt auf der Hand"12. Bereits 1870 musste man sich dann allerdings eingestehen, dass eine Wohnungsbaureform in Berlin unausweichlich war13.

Von diesem Zeitpunkt an erfuhr die Bauwirtschaft in Deutschland einen Höhepunkt. Anfangs hatte man noch die Möglichkeit die Stadt dichter zu besiedeln, das bedeutete eine größere Anzahl an Einwohnern auf gleichbleibender Fläche. Dies erreichte z.B. die Stadt Berlin vor allem dadurch, dass sie auf bisher unbebauten Flächen Häuser errichtete oder vorhandene Gebäude durch größere und daher effektivere ersetzte. Mit zunehmender Urbanisierung (zwischen 1871 und 1910 stieg die Bevölkerung in den Gemeinden über 100000 Einwohner um das Siebenfache)14 reichte jedoch der Platz in der Stadt nicht mehr aus und die Städte waren gezwungen ihr Gebiet zu erweitern. Dazu mussten jedoch erst einmal vorhandene mittelalterliche Befestigungsanlagen entfernt werden, die die Fläche der Stadt bisher eingegrenzt hatten. Oftmals genügte es aber schon Wallanlagen in Promenaden umzuwandeln oder durch Ringstraßen, wie den Wilhelminischen Ring in Berlin, zu ersetzen. Da jedoch der Strom der Einwanderer nicht abriss, sahen sich die Städte bald gezwungen ihre alten Stadtgrenzen hinaus in das städtische Umland zu verschieben. Das war unproblematisch, solange das Umland Feldmark der Stadt war, also zum städtischen Gemeindebezirk gehörte. Schwierig wurde es aber, wenn dies nicht der Fall war und die Städte das Umland erst eingemeinden mussten15. So erfolgte innerhalb der kurzen Zeit von fünf Jahren, nachdem der alte Stadtkern Berlin Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Kreuzberg, Tiergarten und Wedding zu 88,7% überbaut war, eine sprunghafte Ausdehnung Berlins in seine Nachbargemeinden. Berlin vergrößerte seine Fläche von 6586 ha auf 87810 ha, also mehr als das 13-fache16 (Fig. 1).

Fig.1 Die kommunale Entwicklung Berlins seit 1915

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: HOFMEISTER 1985, S. 233.

Durch den Anstieg der Bevölkerung und der Vergrößerung der Wohnfläche wurde es zunehmend unvermeidlich die Infrastruktur in den Städten zu verbessern. Die städtische Hygiene z.B. konnte aufgrund der Größe der Städte nicht mehr weiter ignoriert werden. Daher wurde ab dem Jahr 1875 mit dem Bau einer Kanalisation begonnen. Auch die Gewährleistung einer Wasserversorgung aller Stadtbewohner war inzwischen unverzichtbar geworden. Mit dem Aufkommen der ersten Automobile und öffentlichen Verkehrsmittel begann man zudem in den meisten Großstädten ein Straßennetz zu planen und aufzubauen17.

Neben der rapiden Entwicklung von Wohnungsbau und Industrie war in der Gründerzeit in Berlin auch eine Hochkonjunktur im Bau öffentlicher Gebäude zu beobachten. Vor allem der Staat und seine Herrscher nutzten laut Schinz die aufwendige Errichtung solcher Baudenkmäler zur ihrer Selbstdarstellung: "Diese Prinzipien lagen allen öffentlichen Bauwerken, vor allem aber den zahlreichen durch das Herrscherhaus geförderten Kirchenbauten, zugrunde. In diese Reihe gehört der Dom, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche, die Kaiserin-Augusta-Gedächtniskirche, die Gnadenkirche im Invalidenpark, die Garnisonkirche am Südstern"18. Aber auch eine Vielzahl kaiserlicher Denkmäler, Bahnhöfe, Regierungs- und Gerichtsgebäude entstanden zu dieser Zahl19.

2.2. Die Architektur in der Gründerzeit

In den vielen neuen Gebäuden, die während der Gründerzeit entstanden, kann man jedoch keine einheitliche Architektur beobachten. M.S. Cullen beschreibt dies so: "Einen Gründerzeitstil gibt es nicht, ja gerade die Stillosigkeit ist typisch für diese Zeit. Die Wiener Ringstraße zeigt dies deutlich. In der etwa 30-jährigen Gründerzeit der Donaumonarchie von etwa 1860-1890 baute man in der Ringstraße eine gotische Kirche, die Votivkirche, und ein gotisches Rathaus, ein klassizistisches Parlamentsgebäude, zwei Museen im Neo-Renaissancestil sowie ein Universitätsgebäude mit deutlichen Anklängen an den französischen Barock"20. Allerdings sind gewisse Gemeinsamkeiten zwischen den neuen Gebäuden zu entdecken, die sie als Gebäude der Gründerzeit kennzeichnet. Sowohl der Berliner Reichstag, die Semper-Oper in Dresden als auch der Frankfurter Hauptbahnhof mit in ihren rundbögigen Fenstern und ihrer horizontalen Gliederung folgen dem Vorbild der norditalienischen Renaissance21.

Nur der Jugendstil, der allerdings schon 1910 sein Ende fand, brach mit den zur Gründerzeit üblichen historischen Stilzitaten aus Gotik und Barock und verwendete eine neuartige Ornamentik. Vor allem fließende und geschwungene Pflanzenmotive, die einen Gegenpol zu der naturverleugnenden Stadt bilden sollten, wurden als Ornamente zur Fassadengestaltung verwendet22. Der Jugendstil ist jedoch auch ein Wegebereiter der Moderne. Zum Ersten Mal finden Materialien wie Stahl, Glas und Eisen ihren Weg in die Architektur23.

2.3. Mietskasernenbau und Planung

Für die vom Land kommenden zahlreichen Arbeitern und ihren Familien mussten die Großstädte Wohnquartiere bereit stellen, die schnell und billig zu bauen waren. Während der Gründerzeit war es das Ziel der Baugesellschaften, vor allem möglichst viele Leute auf einen engen Raum zu bekommen, da die Fläche in den Städten sehr beschränkt war. Daher begann man mit dem kostengünstigen Bau von Mehrfamilien-Mietshäusern (Mietskasernen), die dicht zu Wohnblocks aneinandergereiht wurden und mit vielen kleinen kargen Wohnungen ausgestattet waren. Hauptsächlich in Berlin, wo am Wilhelminischen Ring zahlreiche Mietskasernen entstanden, waren die Zustände in den kleinen Arbeiterwohnungen verheerend. Die Belichtung und Durchlüftung war aufgrund der engen kleinen Innenhöfe eher dürftig, zudem ließen der hohe Lärmpegel und die mäßige sanitäre Ausstattung (erst ab 1875 wurde eine Kanalisation, ab 1885 Wasserspülklosetts gebaut) die Mieter an ihre physischen und psychischen Grenzen geraten24. Zusätzlich wurden die Bewohner durch hohe Mieten belastet, die sich durch die ständige Flut von Wohnungsinteressenten vom Land ergaben. Daher waren die meisten Familien gezwungen Untermieter und Schlafgänger in ihren Wohnungen aufzunehmen. Eine Volkszählung in Berlin von 1861 brachte bedenkliche Zustände zutage. “Damals lebten 48326 Menschen, ein Zehntel der damaligen Berliner Einwohner, in Kellerwohnungen. Von 105811 Berliner Wohnungen insgesamt hatten 51909 nur ein heizbares Zimmer. Weit über ein Fünftel der Berliner Bevölkerung teilte ein heizbares Zimmer mit mindestens 5 Personen"25. Die Wohnungsreformer zu der Zeit schrien sowohl laut auf über die moralischen Verderbnisse, die das enge Zusammenleben von vielen Menschen verschiedenen Geschlechts mit sich brachten, als auch über die gesundheitlichen Gefährdungen, denen die Mietskasernenbewohner ausgeliefert waren26.

2.4. Gründe für den Mietskasernenbau

Allerdings schien die dicht gedrängte Mietskasernenbauweise die beste Möglichkeit zu sein,die in Massen einströmenden Arbeitssuchenden in den Großstädten unterzubringen. Zudem gab es noch weitere Faktoren, die den Mehrfamilien-Mietshausbau z.B. in Berlin begünstigten. Zum Einen suchte Berlin einen Weg,den Mangel an Platz, der in der Stadt vorherrschte, zu umgehen. Denn bevor das Umland eingemeindet werden konnte, musste man Grundstücke, die in privater Hand waren, erwerben. Zunächst einmal beschloss man jedoch das kleine Stadtgebiet erst einmal vollständig auszunutzen. Weitere Stadterweiterungen wurden zu jener Zeit von privaten Terraingesellschaften durchgeführt, die die Gebiete erst kauften und dann in baufertige Flächen umwandelten. Danach wurden die Grundstücke an die mit den Terraingesellschaften verbundenen Baugesellschaften übergeben. Auf diesen Flächen entstanden daraufhin Straßen und Mietshäuser. Diese von den Banken unterstützte Bau- und Bodenspekulation war mit hohen Investitionskosten und einem erheblichen Risiko, fehlinvestiert zu haben, verbunden27.

Zudem förderten die in Deutschland geltenden unzureichenden Bestimmungen wie die Baupolizeiordnungen, die auf dem Allgemeinen Landrecht von 1794 basierten, die Stadterweiterung Berlins durch Mietskasernen. Diese Bestimmungen legten den Aufriss fest, also Gebäudeabstand, -höhe, -nutzung und dergleichen. Die von den staatlichen Polizeibehörden erlassenen Ordnungen schränkten die Baufreiheit der Bodeneigentümer in nur vier wesentlichen Punkten ein, die sich nur auf die Konstruktionssicherheit der Gebäude, auf die öffentliche Sicherheit der Straßen, auf das Verbot der Verunstaltung des Stadtbildes und die Feuersicherheit der Mietskasernen bezogen28. So wurde z.B. festgesetzt, dass die Mindestgröße der umbauten Innenhöfe 5,30m mal 5,30m groß sein musste, also der Größe eines aufgespannten Feuerwehrsprungtuches entsprechen mussten29. Daher wurde oftmals, um die Flächen so effektiv wie möglich auszunutzen, an die Vorderbauten noch zusätzlich Seitenflügel und Quergebäude angebracht, die die kleinen Innenhöfe eng umschlossen30. Weitere Gründe für den Bau von Mietskasernen ergaben sich allerdings auch aus der vorherrschenden Wohntradition in Großstädten. Da die oberen Schichten in den Industriestädten meist auch in herrschaftlichen und großbürgerlichen Wohnungen lebten, zogen die Arbeiterfamilien, von diesem Vorbild beeinflusst, auch nur zu gerne in die Mehrfamilien- Mietshäuser31.

Eine große Rolle spielte zusätzlich der gering ausgebaute öffentliche Nahverkehr, der es unmöglich machte, Arbeitsstätte und Wohnstätte der zugezogenen Menschen allzu weit voneinander zu entfernen. Dieses Problem machte es erforderlich Wohnplätze in der Nähe der Arbeitsstellen zu schaffen, was oftmals zu einer Durchmischung der Wohn- und Gewerbefunktionen wie im Wilhelminischen Wohn- und Gewerbegürtel in Berlin führte32.

2.5. Die Straßenplanung in der Gründerzeit

Während der Gründerzeit konnte man in den Industriestädten durchaus eine Planung der topographischen Entwicklung beobachten. Zwar darf man diese Konzeptionsversuche nicht mit der heutigen Stadtplanung vergleichen. Allerdings kann man zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine Strategie in den deutschen Städten erkennen, die man in Großbritannien zu der Zeit stark vermisste. So entwickelte der Baurat James Hobrecht 1862 in Berlin zusammen mit den Kommunalbehörden und dem Polizeipräsidium einen Generalbebauungsplan, der sich vor allem mit dem Straßengrundriss der Industriestadt beschäftigte33. Sein großes Vorbild hierbei war der Präfekt des Departement Seine von Paris, Haussmann, der moderne, verkehrsorientierte Straßenbaumaßnahmen durchführte. Von ihm übernahm Hobrecht die Idee von Diagonalstraßenverbindungen, die vor allem wichtige öffentliche Gebäude und Plätze miteinander verbanden, die Anlage breiter Boulevards sowie sternförmiger Straßenkreuzungen (Sternplätze)34 (Fig. 2).

Fig. 2 Ausschnitt aus dem Berliner Bebauungsplan von 1862 (Hobrecht Plan)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: HEINEBERG 1989, S. 76.

Zusammen mit den Berliner Bauordnungen, wie der Baupolizeiordnung, schuf der Generalbebauungsplan von Hobrecht die besten Voraussetzungen für die Entwicklung hin zum noch heute sichtbaren Mietskasernenbau.

2.6. Villensiedlungen

Für die gehobeneren Schichten der Gesellschaft wurden während der Gründerzeit in Berlin natürlich auch neue Gebäude errichtet, die sich in ihrer Größe und in ihrem Stil wesentlich von den Mietskasernen unterschieden. Bei diesen Großvillen (für eine Familie) oder auch bei den Mietvillen (Mehrfamilienhäuser) war es typisch, dass sie nicht in der Nähe der Industrienanlagen und engen Verhältnisse Alt-Berlins oder des Wilhelminischen Ringes zu finden waren, sondern außerhalb Berlins, wie z.B. in Lichterfelde oder Tegel, an den ab 1868 entstandenen Haltestellen des Vorort-Bahnverkehrs oder an den Straßen, um dennoch schnell in die Innenstadt gelangen zu können. Zudem entstanden Villensiedlungen auch teilweise an den um Berlin gelegenen Gewässern, was der Erholung der höheren Einkommensschichten diente35 (Fig.3).

Fig.3 Die Lage von Wilhelminischem Ring und Villenkolonien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: HOFMEISTER 1985, S. 254.

2.7. Werkskolonien

Doch nicht nur die Stadt Berlin erfuhr während der Mitte des 19. Jahrhunderts eine weitreichende Entwicklung aufgrund des rasanten Fortschritts in Technik und Forschung, auch die Städte im Ruhrgebiet veränderten ihr Stadtbild in der Industrialisierung grundlegend. Viele Dorfbewohner fühlten sich zu der Zeit angezogen von den vielen Zechen und Fabriken, in denen Ressourcen durch die Erfindung neuer Maschinen schneller und in größeren Massen gefördert und verarbeitet werden konnten. Unter diesen enormen Einwohnerzahlen und dem stetig wachsenden Gewerbe wandelte sich im Ruhrgebiet im Gegensatz zu Berlin jedoch nicht nur eine Stadt, sondern es entwickelten sich sogar ganze Städtelandschaften36. Zur Unterbringung der Arbeitssuchenden und ihrer Familie entstanden in dem rohstoffreichen Gebiet etwa ab 1844 Werkskolonien, die von den jeweiligen Werken wie dem Bergbau (Zechenkolonien) oder auch anderen Industriezweigen wie den Hüttenwerken finanziert wurden. Für die Arbeiter schien die Aussicht auf eine Arbeit mit verbundener Wohnstätte ein verlockender Grund zu sein ihre Dörfer zu verlassen. Allerdings waren die Mietverträge auch stets mit den Arbeitsverträgen verbunden, was zwar einen ständigen Wechsel der Betriebsangehörigen verhinderte und auch auswärtige Arbeiter reizte, aber auch eine Abhängigkeit der Belegschaft von ihrem Werk begünstigte37. Zudem erschienen diese Kolonien zwar als eine soziale Fürsorge des Unternehmers für seine Arbeiter, die enge Verbundenheit zwischen Wohnung und Arbeitsstelle entwickelte allerdings eine sehr einseitige Sozialstruktur, die keinen Kontakt zu Menschen anderer Berufe oder Schichten ermöglichte38. Herausragend ist jedoch für die Mietshäuser im Ruhrgebiet, dass sie im Gegensatz zu den Wohnungen in den anderen Industriestädten Deutschlands mit Ställen und Hausgärten ausgestattet wurden, was die Anpassung der ehemaligen Landbewohner an das städtische Leben ermöglichte39. Oftmals konnte man so während der Industrialisierung Werkskolonien mit Gärten entdecken, die sich wie selbstverständlich neben den modernen Industrienanlagen ansiedelten (Fig. 4).

Die Unterschiede, die in der Gestalt der Werkskolonien zu erkennen sind, lassen darauf schließen, dass sich die Kolonien in gewissen Zeitabständen zu anderen Baustils hinentwickelt haben. Zu Anfangs nahm man insbesondere die englische Arbeiterwohnung zum Vorbild und errichtete ein- bis anderthalbgeschossige langgestreckte Reihenhäuser von 100-200 m Länge wie in der Kolonie Am Holzgraben in Dortmund-Scharnhorst, die im Volksmund auch D-Züge genannt wurden40 Ab ca. 1850 bis ca. 1870 entschieden sich die Werke für gereihte Einzelhäuser für zwei bis vier Familien . Es entstanden in der Zeit kleine Kolonien mit Häusern aus Backstein,

Fig. 4 Koloniehäuser im Schatten der Gutehoffnungshütte (Oberhausen)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: SCHULTE-DERNE 1998, S. 23.

die der Tradition der Landhäuser nachfolgten. Man ordnete dabei die Gebäude streng linear an und bevorzugte für die Form meist geometrische Strukturen. In der Bauperiode ab 1871 errichtete man aufgrund der starken Wohnungsnachfrage größere Siedlungen, die kleiner Abstände zueinander hatten und höhere Stockwerkzahlen (in der Regel zweigeschossig) aufwiesen41. In der

3. Konjunkturphase von ca. 1890-1900 war man mit der bisherigen Gestaltung der Kolonien nicht mehr zufrieden und entschied sich daher für eine Mischung von Form und Farbe der Gebäude, so dass “durch den Wechsel von bisweilen 15 verschiedenen Grundriss- und Aufrisstypen” ein “wechselvolles Straßenbild"42 entstand. Nach 1900 bis ca. 1905/06 stieg die Wohnungsnachfrage so rapid, dass die neuen Koloniehäuser nur noch mit 2½- bis 3½ Geschossen gebaut wurden43. Ab 1905 dann entstand vor allem bei Krupp ein Widerstand gegen die oftmals zu eintönigen Werkskolonien und man errichtete fast gartenstadtähnliche Zechenkolonien mit “gestalterisch absprechenden wechselwirksamen Straßenbildern und Platzanlagen"44. Diese Bauweise wurde bis ca. 1926 fortgesetzt, ab dann baute man zunehmend 3- bis 4- geschossige Mehrfamilienhäuser mit kleineren Wohneinheiten. Ab etwa 1920 wechselte der Wohnungsbau im Ruhrgebiet über zu genossenschaftlichen oder gemeinnützigen staatlichen Einrichtungen45.

3. Reformbewegungen im Städtebau bis zum Zweiten Weltkrieg

Mietskasernen und Werkskolonien schienen während der Gründerzeit in den Industriestädten die besten Mittel zu sein die rasant wachsende Zahl von Arbeitsuchenden vom Lande billig und schnell mit Wohnstätten zu versorgen. Mit der Zeit wurde man sich jedoch bewusst, dass Reformen in den Städten nötig waren, um soziale, hygienische und menschliche Mißstände, die sich zunehmend als Begleiterscheinungen der neuen Wohnform erkennbar machten, auszumerzen. Ebenezer Howard, der sich mit dem durch die Bevölkerungsexplosion in den englischen Großstädten einsetzenden Chaos beschäftigte, formulierte dies so: "Der Städtebau - als ein auf Denken und Planmäßigkeit beruhendes Unternehmen - ist eine vergessene Kunst, wenigstens in unserem Land, und diese Kunst muß nicht nur neu belebt, sondern auch von höheren Idealen getragen werden, als man sich bisher träumen ließ"46. Howard entwickelte daher ein neuartige moderne Stadtform, die auch in dem von unwirtlichem Mietshausbau geplagten Deutschland bald Anklang fand.

3.1. Gartenstadtmodell von E. Howard

Nachdem sich der Brite Ebenzer Howard jahrelang mit den Folgen des ungegliederten Städtewachstums Mietwucher, Armut, Bodenwertsteigerung, hygienische Probleme auseinander gesetzt hatte, forderte er ein neues Stadtmodell, welches auf den sozialreformerischen Ideen verschiedener Autoren basierte47. Er entwickelte dabei ein Konzept, das er "Garden Cities" (Gartenstädte) nannte. In seinem Gartenstadtmodell geht er von einer Zentralstadt aus, um die sich in einem gewissen Abstand mehrere kreisförmige Gartenstädte gruppieren sollten. Sollte ein Überschreiten der maximalen Einwohnerzahl von 250 000 Einwohner in der Zentralstadt drohen, sollten die Wohnungssuchenden in die Gartenstädte ausgelagert werden, für die eine ungefähre Einwohnergrenze von 32000 Einwohner festgesetzt worden war. Zwischen der zentralen

Großstadt und ihren Gartenstädten sollte sich laut Howard ein Grüngürtel befinden, der mit unbebauten Flächen, landwirtschaftlich genutzten Gebieten, Gärten und Parks ausgestattet werden sollte, um den Familien in der Großstadt und in den Gartenstädten ein freundliches lebenswertes Umfeld zu bieten und sie zudem mit selbst hergestellten landwirtschaftlichen Produkten versorgen zu können. Zusätzlich sollte eine möglichst geringe Dichte in den Gartenstädten (12 Häuser pro acre, d.h. 0,4 ha) und ein guter Anschluß zur Zentralstadt durch Eisenbahnverbindungen und zu den Nachbarstädten durch tangential verlaufende Eisenbahnschienen und Radialstraßen einen komfortablen Wohnstil gewährleisten48 (Fig. 5).

Die Gartenstadt an sich sollte eine eigene an den Eisenbahnschienen befindliche Industrie vorweisen können, um ihren Einwohnern zwar einerseits Arbeitsplätze aber auch andererseits ruhig gelegene Wohnungen bieten zu können49. Geringe Monatsmieten und Zinsbelastungen, die durch das Festschreiben des Bodenpreises gefördert wurden, sollten die Leute zusätzlich in die Gartenstädte locken50. Aber auch mit eigenen Einrichtungen für Kultur und Bildung wie z.B. Schulen, Museen und Theatern sollte die Gartenstadt nicht sparen, damit sie sich eine gewisse Unabhängigkeit von der Großstadt erhalten könnte51 (Fig. 6).

Fig. 5 Räumliche Anordnung Fig. 6 Nachbarschaftssegment und der Gartenstädte und Zentrum einer Gartenstadt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: HEINEBERG 1989, S. 79.

Eine weitere räumliche Ausdehnung als die geplante sollte die Gartenstadt jedoch nicht erfahren. Als Alternative waren, nach Howard, Tochtergründungen der Gartenstadt denkbar, die allerdings von weiteren Grüngürteln voneinander getrennt sein sollten. Als wesentliche Idee Ebenzer Howards kann ebenfalls die Finanzierung der Gartenstadt verstanden werden. Die komplette Gartenstadt sollte in den Besitz von Genossenschaften und der Öffentlichkeit übergehen, wobei "Überschüsse aus den -Bodenrenten der Schaffung und Instandsetzung der Infrastruktur (Straßen, Schulen etc.) dienen sollten"52.

Ebenezer Howard faßte 1898 seine Überlegungen in einem Buch mit dem endgültigen Titel "Garden Cities of Tomorrow" zusammen, welches es schaffte seine Idee des Gartenstadtmodells in der ganzen Welt zu verbreiten53. Darin verbalisierte er auch eine kurze persönliche Definition der Gartenstadt: "Eine Gartenstadt ist eine Stadt, die für gesundes Leben und für Arbeit geplant ist; groß genug, um ein volles gesellschaftliches Leben zu ermöglichen, aber nicht größer; umgeben von einem Gürtel offenen (landwirtschaftlich genutzten) Landes; die Böden des gesamten Stadtgebietes befinden sich in öffentlicher Hand oder werden von einer Gesellschaft für die Gemeinschaft der Einwohner verwaltet"54. Zwar sind nicht alle von Howards Ideen vollständig neu, schon einige vor ihn hatten ähnliche Überlegungen formuliert, seine Darstellung des "Gartenstadtmodells" begeisterte und überzeugte allerdings viele im Städtebau tätige Zeitgenossen55.

Im Jahr 1903 wurde dann in der Nähe von London mit der Organisation und Vorbereitung der ersten Gartenstadt bei Letchworth begonnen. Bei den primären Planungsversuchen stellte sich jedoch heraus, dass man den Angaben und Diagrammen Howards nicht einfach folgen konnte wie erwartet. Man einigte sich daher auf gewisse Einschränkungen des Gartenstadtmodells. Da örtliche Gegebenheiten mit berücksichtigt werden mussten, errichtete man eine quer durch das Gebiet führende Bahnlinie und behielt eine größere Grünfläche als von Howard vorgeschrieben bei. Zwar konnte die von Howard vorgesehene Gartenstadtdichte eingehalten werden,

Letchworth entwickelte sich allerdings nur sehr langsam und stetig, so dass die erste Gartenstadt 20000 Einwohner erst 1950 aufweisen konnte56.

In der Folgezeit versuchte jedoch niemand dem Vorbild Letchworth zu folgen. Howard war so enttäuscht darüber, dass er mit einer kleinen Gruppe von Anhänger im Jahr 1919 den Bau der 35 km von London entfernten Gartenstadt Welwyn zu organisieren begann. Man strengte sich an, mit Welwyn dem Ideal des Gartenstadtmodells näher zu kommen als mit Letchworth, doch es konnten wiederum nur manche der Gestaltungsprinzipien eingehalten werden57. Nach Fertigstellung der Gartenstadt Welwyn kam es zu keiner weiteren Umsetzung des Garden- City-Konzepts. Die Idee des Gartenstadtmodells von Ebenezer Howard war viel zu idealistisch, zu umfangreich und zu theoretisch gewesen, als das es wirklich nach seiner Vorstellung verwirklicht hätte werden können. Posener versuchte das grundsätzliche Scheitern des Gartenstadtmodells näher zu erläutern:

"Sie hat es nicht geschaffen. HOWARDS Hoffnung, daß einige Beispiele eine Kettenreaktion auslösen würden, welche die Struktur Englands und, wer weiß, der Welt verändern würde - a Peaceful Path to Real Reform, wie der Untertitel seines Buches sagt - hat sich nicht erfüllt. Die Frage, warum, ist vielleicht nicht müßig; aber ihre Antwort könnte nur nach einer tiefen und eingehenden Analyse der Geschichte dieses Jahrhunderts gegeben werden. Es mag etwas damit zu tun haben, daß HOWARD den Landmagneten zu groß gezeichnet hat. Vertreter des Gartenstadtgedankens werden sagen, daß die Menschen partout nicht einsehen wollen, wo für sie das gute Land liegt. Gegner der Gartenstadtbewegung werden genau das gleiche sagen. Sie unterscheiden sich voneinander erst, daß sie es einsehen müssen, da es keine echte Alternative gebe, und daß sie es mithin einsehen werden, während der andere meint, sie würden es nie einsehen, der Gedanke selbst sei falsch"58.

Ebenezer Howard starb bereits 1928 in seiner Gartenstadt Welwyn. Vor allem in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckte man seine Idee des Gartenstadtprinzips neu und errichtete gartenstadtähnliche Wohnsiedlungen, allerdings ohne Gartenstadtkonzeption59.

3.2. Gartenstadtbewegung in Deutschland

Es dauerte nicht lange bis Ebenezer Howards Gedanke der Gartenstadt auch in Deutschland Gehör fand. Dort hatten sich zwar auch schon unabhängig von Howard verschiedene Zeitgenossen wie Theodor Fritsch mit ähnlichen Städtereformen in deutschen Industriestädten beschäftigt, dieser setzte allerdings zudem großen Wert auf ideologische Faktoren, was die deutsche Gartenstadtbewegung im Besonderen prägen sollte60.

Nachdem in Deutschland die Stimmen nach Wohnungs- und Sozialreformen immer lauter wurden, schlossen sich im Jahr 1902 Anhänger zu der Deutschen Gartenstadtgesellschaft zusammen, deren Zielsetzung im §1 ihrer Satzung festgehalten wurde: "Das Ziel der Gartenstadtgesellschaft ist die Gewinnung breiter Volkskreise für den Gedanken der Errichtung von Gartenstädten auf der Grundlage des Gemeineigentums am Stadt- und Landboden, sowie die Förderung aller Maßnahmen, die diesem Ziele dienen"61.

Nach der Gründung wurde die Gartenstadtgesellschaft sehr aktiv und überlegte sich schon bald Möglichkeiten zur konkreten Umsetzung ihrer Ideen. So versuchte man vor allem an die im Jahr 1905 erfolgreich gegründeten gartenstadtbeeinflussten Werkskolonien im Ruhrgebiet wie die Wohnsiedlung Margarethenhöhe in Essen oder die Zechenkolonie Teutoburgia in Herne anzuschließen62. Die erste aussichtsreiche Gartenstadtgründung der Gesellschaft erfolgte 1906 in Dresden. Ab diesem Zeitpunkt bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde eine Vielzahl an Gartenstädten realisiert, die allerdings nie vollständig den Vorstellungen Ebenezer Howards entsprachen63. Ausschließlich entstanden unter der Gartenstadtgesellschaft Villensiedlungen und gartenumgebende Kleinhausansiedlungen am Stadtrand, die mit dem Gartenstadtmodell Ebenezer Howards lediglich wenig gemein hatten. Vor allem wiesen die meisten gartenstadtähnlichen Siedlungen in den Stadtrandzonen weder eine eigene Selbstverwaltung und eigene Versorgungszentren noch städtisches Leben auf, was Howard für sein Modell immer gefordert hatte. Das beste Beispiel dieser Umorientierung ist die Siedlung Frohnau im Norden Westberlins, die 1908 als durchgrünter Villenvorort für gehobenere Gesellschaftsschichten gebaut wurde64.

Einige wichtige Gestaltungsmerkmale von Howards Gartenstadtmodell lieferten jedoch für die ausschließlich mit Mietskasernen bebauten deutschen Industriestädte entscheidende Anstöße zur Veränderung. Hervorzuheben sind dabei vornehmlich Offenheit und Durchgrünung der Städte,

Planmäßigkeit der Wohnsiedlungen und die räumliche Separation wichtiger Funktionen wie Wohnen, Sich-Erholen und Arbeiten65.

3.3 Genossenschaftlicher Wohnungsbau in Deutschland

Nach dem Ersten Weltkrieg wandelte sich der Städtebau zunehmend in der Form, dass sich das Genossenschaftswesen immer mehr zu Wohnungsbaugenossenschaften hin veränderte. Diese gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaften kümmerten sich allerdings nicht um den Eigenheimbau, sondern förderten dagegen den traditionellen Bau von Mietshäusern in ganz Deutschland. Es ging dabei jedoch nicht eine Umkehr zum Mietskasernenbau vonstatten. Lediglich wurde in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts das Errichten sogenannter Blockrandbebauung gefördert. Dabei wurden die durch Straßen begrenzte Baublöcke mit großen Innenhöfen ausgestattet. Ab 1925 ging man dazu über gemeinnützige Wohnsiedlungen mit Einfamilienreihenhäusern oder Mehrfamilienhäuser zu errichten, an denen jeweils kleine Gartenanlagen angeschlossen wurden, wie etwa in der sogenannten Hufeisensiedlung in Berlin- Britz66.

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen verzichtete man endlich auf die veralteten und unzureichenden Straßenfluchtlinienpläne und Baupolizeiordnungen, die während der Gründerzeit die Bebauung in so großen Industriestädten wie Berlin geregelt hatten und ging über zu moderneren effizienteren Plänen wie dem preußische Wohnungsbaugesetz von 1918, das sowohl die Trennung von Gewerbe- und Wohngebieten als auch das Verbot der Angliederung störender Industrie an bestimmten Gemeindeteilen vorschrieb. Damit wurde der erste Grundstein zur modernen Bauleitplanung gelegt67.

3.4 Charta von Athen

1933 fand in Athen ein internationaler Städtbaukongreß statt, zu dessen Gelegenheit sich berühmte Architekten wie Le Corbusier trafen, um über ein neues Konzept der Stadt nachzudenken. Dabei entstand ein Manifest mit einem wegweisenden Thesenkatalog, der in etwa 95 Leitsätze zum Städtebau gegliedert war. Von den vier Fassungen, die damals entstanden, hat Le Corbusier 1941 eine herausgegeben. Zum Einen soll sich diese Charta mit der Trennung der vier Funktionen Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Verkehr, die schon Ebenezer Howard in seinem Gartenstadtmodell gefordert hatte, beschäftigt haben, was jedoch von Einigen bezweifelt wird68. Zum Anderen machten die Städtebauer unter anderem auch folgende Aussagen über die Stadtentwicklung:

1. Stadtentwicklung hängt von ökonomischen Faktoren ab.
2. Bisherige Wohnungen führten zur Ausbeutung Wohnungssuchender, wurden parteiisch verteilt und verfügten über geringe Freifläche.
3. Städte nahmen durch die Interessen mancher Privatpersonen chaotischen Charakter an.
4. starke Mobilität der Arbeitsbevölkerung wurde durch Funktionstrennung erzeugt u.s.w.

Sie hängten an diesen Thesenkatalog jedoch auch zahlreiche Vorschläge zur zukünftigen Entwicklung der Stadt an:

1. Die Stadt muß individuelle Freiheit für jeden gewährleisten.
2. Die Wohnung soll das Zentrum der Stadt werden.
3. Der Arbeitsplatz darf nur eine geringe Distanz zur Arbeitsstelle aufweisen.
4. Bodenspekulation soll vermieden werden u.s.w.

Diese Aussagen kann man in ähnlicher Form schon in Ebenezer Howards Buch von 1889 nachlesen69.

Vor allem wurden jedoch die von den Städtebauern entworfenen zweifelhaften Ideen der großräumigen Funktionstrennung nach Kriegsende aufgegriffen, was häufig zu einer starren Einteilung von Funktion und Fläche geführt hat und die Kritiker der Charta dazu geführt hat, ihr die Schuld an der "Zerstörung der städtischen Umwelt70 " zu geben71.

Allerdings findet man Spuren dieser Forderung nach Trennung der vier Funktionen auch in dem Bundesbaugesetz der Bundesrepublik Deutschland von 1960 wieder72.

4.Schluss

Die Epoche der Gründerzeit war ein Phänomen. Noch nie in der Geschichte waren in so kurzer Zeit so zahlreiche technische und medizinische Fortschritte zu beobachten gewesen wie Ende des

19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Städte wie Berlin entwickelten sich rasch zu industriellen Großstädten mit Infrastruktur, die zudem noch eine Vielzahl an außergewöhnlichen Baudenkmälern vorweisen können. Kleine Manufakturen im Ruhrgebiet wandelten sich während der industriellen Revolution zu Zechenanlagen mit enormen Ausmaßen wie sie nie zuvor in Deutschland zu sehen gewesen waren.

Aber der rapide Wachstum in Deutschlands Städten zeigte auch bald negative Auswüchse: Dicht gedrängte, dunkle Mietskasernen z.B. in Berlin, in denen die Bewohner mit hygienischer, räumlicher und gesundheitlicher Not zu kämpfen hatten, wie außerdem sterile Werkskolonien im Ruhrgebiet, in denen die Bergarbeiter mit ihren Familien zu Abhängigen ihrer Arbeitgeber wurden.

Ein Wandel zu freundlichem, unabhängigen und offenen Wohnen in durchgrünter Umgebung bot zwar die Idee des Gartenstadtmodells von Ebenezer Howard. Doch bei dem Versuch der praktischen Umsetzung seines Modells, wurden die Städtebauer schnell in ihre Grenzen gewiesen, was bewies, dass das Gartenstadtmodell zu idealistisch war, um realisiert zu werden. Allerdings, und die Charta von Athen bestätigte dies, waren die Ideen vom familienfreundlichen Wohnen im Grünen ein Wegebereiter für die in der Gegenwart bevorzugte Art zu Leben. Ein gutes Beispiel hierfür wären die Plusenergiehäuser in Freiburg oder die Netzgekoppelten Solarsiedlungen in Essen. Moderne Projekte, die sich um ökologisches Bauen, Wohnen und Leben mit recyclebaren Baumaterialien bemühen.

Allerdings, und dies ist ein interessanter Punkt, wird es auch immer beliebter, aufgrund der zentralen Lage, in die renovierten Mietskasernen im Berliner Wilhelminischen Ring, zu ziehen. Dort zählen ja auch noch 40% der aller Gebäude zu den industriezeitlichen Mietshäusern73. Aber auch im Ruhrgebiet entwickelten sich ehemalige Werkskolonien durch Modernisierung zu attraktiven Wohngebieten, wie in der seit 1988 erneuerten Siedlung Teutoburgia zu sehen ist74. An diesen Beispielen kann man erkennen wie divergent die Art des Wohnens inzwischen in Deutschland geworden ist.

Literaturverzeichnis

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Bewegung um 1866 -. - In : Von Licht, Luft und Ordnung in der Stadt der Gründerzeit. -

(Städtebaureform 1865-1900, Teil 1). RODRIGUEZ-LORES, J./G. FEHL (Hrsg.) (1985), Hamburg S. 101-153.

- FELDMEIER/GIGL/KLEBER/MUSSELMANN/RATTELSDORFER ( 1993):

Abiturtraining - Grundkurs Geschichte.-4. aktualisierte Aufl., Freising

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Berlin. Beiträge zur Geographie eines Großstadtraumes. Festschrift zum 45. Deutschen Geographentag in Berlin vom 30.9.1985 bis 2.10.1985. HOFMEISTER, B./ H.-J. PACHUR/C. PAPE/G. REINDKE (Hrsg.) (1985), Berlin S. 223-243.

Internetadressen:

- http://www.teutoburgia.de

- http://www.isl.uni-karlsruhe.de

- http://www.broehan-museum.de/jugendstil.htm

- http://www.schwarzaufweiss.de/Prag/wasistjugendstil.htm

[...]


1 Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG 2001, "Berlin".

2 vgl. ebd.

3 vgl. HEINEBERG 1989, S. 66ff.

4 vgl. LESER 1997, S. 345.

5 vgl. REINBORN 1996, S. 21.

6 vgl. FELDMEIER/GIGL/KLEBER/MUSSELMANN/RATTELSDORFER 1993, S. 51.

7 vgl. KRABBE 1989, S. 71.

8 Vgl. REINBORN 1996, S. 22.

9 Vgl. HEINBERG 1989, S. 74.

10 Vgl. ebd.

11 Berlin wird 1866 Hauptstadt des Norddeutschen Bundes.

12 FEHL 1985, S. 101.

13 Vgl. ebd.

14 Vgl. KRABBE 1989, S. 69.

15 Vgl. KRABBE 1989, S. 78.

16 Vgl. HOFMEISTER 1985, S. 263.

17 Vgl. HEINEBERG 1989, S. 74.

18 HOFMEISTER 1985, S. 252.

19 Vgl. HEINEBERG 1989, S. 74.

20 HEINEBERG 1989, S. 74.

21 Vgl. ebd.

22 Vgl. http://www.broehan-museum.de/jugendstil.htm

23 vgl. http://www.schwarzaufweiss.de/Prag/wasistjugendstil.htm

24 vgl. HEINEBERG 1989, S. 76f.

25 HARTMANN 1976, S. 13.

26 Vgl. KRABBE 1989, S. 91.

27 vgl. ebd. S. 82f.

28 vgl. ebd. S. 83f.

29 vgl. HEINEBERG 1989, S. 76.

30 vgl. ebd. S. 76.

31 vgl. HEINEBERG 1989, S. 75.

32 vgl. ebd. S. 75ff.

33 vgl. KRABBE 1989, S. 84.

34 vgl. HEINEBERG 1989, S. 75.

35 vgl. HEINEBERG 1989, S. 77.

36 vgl. FELDMEIER/GIGL/KLEBER/MUSSELMANN/RATTELSDORFER 1993, S. 44.

37 vgl. HEINEBERG 1989, S. 77.

38 vgl. LESER 1997, S. 1014.

39 vgl. HEINEBERG 1989, S. 77

40 vgl. ebd. S. 78.

41 vgl. HEINEBERG 1989, S. 78.

42 HEINEBERG 1989, S. 78.

43 vgl. ebd. S. 78.

44 ebd. S. 78.

45 vgl.HEINEBERG 1989, S. 78.

46 REINBORN 1996, S. 46.

47 vgl. REINBORN1996, S. 46.

48 vgl. HEINBERG 1989, S. 78.

49 vgl. ebd. S. 78.

50 vgl. REINBORN 1996, S. 48.

51 vgl. HEINEBERG 1989, S. 78.

52 HEINEBERG 1989, S. 79.

53 vgl. REINBORN 1996, S. 47.

54 REINBORN 1996, S. 48.

55 vgl. ebd. S. 47.

56 vgl. ebd. S. 49ff.

57 vgl. REINBORN 1996, S. 53.

58 REINBORN 1996, S. 54.

59 vgl. ebd. S. 54.

60 vgl. REINBORN 1996, S. 69.

61 DEUTSCHE GATRENSTADTBEWEGUNG 1902 und 1907, S. 102.

62 vgl. HEINEBERG 1989, S. 79.

63 vgl. REINBORN 1996, S. 71.

64 vgl. HEINEBERG 1989, S. 79.

65 vgl. ebd. S. 80.

66 vgl. HEINEBERG 1989, S. 80.

67 vgl. ebd. S. 80.

68 vgl. HEINEBERG 1989, S. 80.

69 vgl. REINBORN 1996, S. 138 f.

70 http://www.isl.uni-karlsruhe.de

71 vgl. HEINBERG 1989, S. 80.

72 vgl. ebd. S. 80.

73 vgl. WERNER 1985, S. 230.

74 vgl. http://www.teutoburgia.de

23 von 23 Seiten

Details

Titel
Reformbewegungen im Städtebau von der Gründerzeit bis zum Zweiten Weltkrieg (mit Berücksichtigung der "Gartenstadtbewegung")
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Proseminar Stadtgeographie
Autor
Jahr
2000
Seiten
23
Katalognummer
V103524
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reformbewegungen, Städtebau, Gründerzeit, Zweiten, Weltkrieg, Berücksichtigung, Gartenstadtbewegung, Proseminar, Stadtgeographie
Arbeit zitieren
Astrid Felsner (Autor), 2000, Reformbewegungen im Städtebau von der Gründerzeit bis zum Zweiten Weltkrieg (mit Berücksichtigung der "Gartenstadtbewegung"), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103524

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