Die Thematisierung des Todes im Nibelungenlied

Vorausdeutungen von Tod, Bedeutung von Blut (bluot), Trauer, Totenklage und Treue


Hausarbeit, 2015

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorausdeutungen von Ereignissen mit Todesfolge
2.1 Die Vorausdeutung als Prolog der Geschichte
2.2 Strukturierender und leitthematischer Effekt der Vorausdeutung
2.3 Vorausdeutungen durch die Figuren

3 bluot als „Asthetisierung des Mordens und des Todes“?
3.1 Blutmetaphorik als rhetorisches Stilmittel
3.2 Magische Eigenschaften von Blut

4 Trauer, Totenklage und Treue uber den Tod hinaus
4.1 Besonderheit der Trauer Kriemhilds im Nibelungenlied
4.2 Sicherung von Siegfrieds Seelenheil

5 Fazitund Au s b l i ck

6 Literaturverzeichnis

An h a n g

1 Einleitung

Im mittelhochdeutschen Heldenepos „Das Nibelungenlied“ ist das Thema „Tod“ allgegenwartig. Die sich mehr und mehr verflechtenden Handlungen der Figuren fuhren zu einem tragischen Ende fast aller in Aventiure 1 und 2 eingefuhrten Personen. Deshalb ist der Tod indirektes, abstraktes Hauptthema des Nibelungenliedes - das Motiv der Rache musste diesem eigentlich untergeordnet werden. Weniger sollen deshalb die Figuren betrachtet oder die Schuldfrage der todlichen Ereignisse bzw. die Ausloser hierfur geklart werden als vielmehr der Tod an sich bzw. der Umgang mit diesem.

Fur diese Hausarbeit wurde die Reclam-Ausgabe nach der Handschrift B als Primartext verwendet, weshalb die Versangaben fur die Zitation den dortigen Nummerierungen der Verse entsprechen.

Die beigefugte Tabelle im Anhang gibt einen chronologischen Uberblick uber alle Themenschwerpunkte in Verbindung mit dem Tod im Nibelungenlied, die Hausarbeit hingegen greift hiervon lediglich die wichtigsten Stellen auf und fuhrt diese anhand von Beispielen und Belegen der Fachliteratur weiter aus. So sind die zentral berucksichtigten Themen dieser Arbeit im Anhang farblich markiert und jede einzelne Stelle aus dem Nibelungenlied mit diesen Themen unter Berucksichtigung der Versangaben aufgefuhrt.

Die Vorgehensweise zur Fertigstellung dieser Hausarbeit erfolgte in drei Schritten: Der Primartext wurde zuerst unter der gleichzeitigen Berucksichtigung des Themas „Tod“ gelesen, wodurch die zuvor erwahnte Tabelle entstand. Im Anschluss wurden besondere Auffalligkeiten zu dieser Thematik zusammengefasst und farblich kenntlich gemacht - ausgenommen hiervon sind die Vorausdeutungen, da diese den groftten Themenschwerpunkt im Zusammenhang mit Leid und Tod darstellen. Nach dieser Sammlung erfolgte die Verschriftlichung unter der Berucksichtigung der Fachliteratur, die zu den gefundenen Auffalligkeiten weitere Auskunfte liefert.

Die Hausarbeit beginnt mit der auffalligsten Thematik: den Vorausdeutungen in Bezug auf den Tod der Figuren. Der zweite Teil beschaftigt sich mit der Bedeutung von bluot und der letzte Teil behandelt im Besonderen die Totenklage sowie die den Tod uberdauernde Treue, die im Nibelungenlied u.a. in der Sorge um das Seelenheil des ermordeten Siegfried besteht.

2 Vorausdeutungen von Ereignissen mit Todesfolge

Als „wichtigste[s] Gestaltungsmittel des Nibelungenliedes “ bezeichnet Ursula Schulze die „Vorausdeutungen, die auf Auswirkungen und Ereignisse in der naheren und ferneren Zukunft hinweisen.“1 Diese dienen der zeitlichen und inhaltlichen Verknupfung von Ereignissen sowie dem Setzen „deutende[r] Signale [.].“2 Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass das Nibelungenlied ein „z.T. formelhaftes Reservoir kannte, [.] daruber hinaus [jedoch] eigene, nibelungentypische Vorausdeutungen gepragt und das Stilmittel in einem Ausmaft eingesetzt und funktionalisiert hat, wie es in keiner alteren Dichtung und in keinem Werk der hofischen Epoche begegnet.“3

Im Anhang dieser Hausarbeit lassen sich unter dem Themenbereich „Vorausdeutung durch den Erzahler“ sowie „Vorausdeutung durch die Figuren selbst“ Belege fur die Verwendung von Vorausdeutungen finden. Auch wenn Ursula Schulze Burghart Wachinger anfuhrt, der 97 Vorausdeutungen anspricht (neben solchen, bei denen die Figuren selbst noch das Wissen uber die Zukunft besitzen)4, so ist zu konstatieren, dass die 81 Belege, die dieser Hausarbeit beigefugt sind, sich auf die antizipierten Wendungen beziehen, in denen ausschlieftlich Leid und Tod dominieren. Leid und Tod sind kennzeichnend fur den gesamten Verlauf im Nibelungenlied, tauchen immer wieder bei positiven Erwartungen und Situationen auf, bewirken dadurch einen Stimmungsumbruch und machen so „die Determination zum Untergang bewusst“ [.], wodurch ein dunkler und pessimistischer Grundton das ganze Werk durchzieht.5 Nach Schulze bietet die Aufbereitung der alten m&ren dem (mittelalterlichen) Horer die Moglichkeit, „dass der immanente Gehalt der Geschichte, das Fortschreiten zum Untergang und die Endlichkeit des menschlichen Daseins nicht nur faktisch vorgefuhrt, sondern permanent kommentierend bewusst gemacht werden.“6

Nine R. Miedema betont hingegen, dass die Vorausdeutungen die „Rezipienten dazu anregen, antizipierend aktiv zu werden und ruckblickend, Zusammenhang [...] herzustellen' [,..]“7 Zudem kann der Rezipient solche Vorausdeutungen ohne die Hilfe des Erzahlers kaum verstehen.8 Auch wird die Vorausdeutung (bei Miedema „Prolepse“) als spannungssteigerndes Mittel verstanden, das zugleich die Prasenz und Autoritat eines auktorialen Erzahlers hervorhebt.9

Im Folgenden werden exemplarisch Vorausdeutungen angefuhrt, die wichtige Charakteristika und Kernereignisse des Nibelungenliedes betreffen.

2.1 Die Vorausdeutung als Prolog der Geschichte

„Durch das Mittel der Vorausdeutung wird in der ersten Aventiure, die selbst noch keine Handlung in Gang bringt, die gesamte Geschichte skizziert.“10 Bereits die ursprungliche Anfangsstrophe weist auf das todbringende Schicksal der Figuren hin, dass durch die „schone Kriemhild“ (1,2) herbeigefuhrt wird: dar umbe muosen degene vil verliesen den lip. (2,4) Auch der Tod der Konige Gunther, Gernot und Giselher wird eingangs erwahnt und als Ausloser der gesamten Katastrophe wird der Streit ihrer Schwester Kriemhild mit Brunhild angefuhrt: si sturben sitj&merliche von zweier edelen frouwen nit (6,4). „Dadurch, dass angegeben wird, die Helden wurden j&merliche sterben [...], deutet sich an, dass die Sympathie mit der Kriemhild- Figur, die der Erzahler anfanglich zeigt, nicht von Dauer sein wird.“11

In Vers 11-13 sowie im Endvers 17 der ersten Aventiure wird zugleich Siegfrieds Tod anhand Kriemhilds Falkentraum durch die Deutung der Mutter, Konigin Ute, angedeutet. Der Endvers 17 kundigt zugleich „Kriemhilds Rache fur den Mord an ihrem Geliebten und de[n] Tod vieler, den die Ermordung des einen nach sich zieht“12 an:

[...] wie sere si das rach

an ir n&hsten magen, die in sluogen sint!

durch sin eines sterben starp vil maneger muoter kint. (17,2-4)

2.2 Strukturierender und leitthematischer Effekt der Vorausdeutung

Der Hinweis auf das kommende Leid durchzieht die gesamte Geschichte und strukturiert diese. Besonders erfolgt er in Augenblicken freudiger Erwartung wie z.B. in Siegfrieds aufflammender Fernliebe zu Kriemhild: von der er sit vil vreuden und ouch arbeit gewan (44,4).13 Auch nach dem ersten Zusammentreffen mit Kriemhild, bei dem die gegenseitige Zuneigung eigentlich auf eine positive Zukunft schlieften lassen konnte, schlieftt die 5. Aventiure: dar umbe sit der kuene lac vil jemmerliche tot (324,4). Auch bei der Reise Kriemhilds und Siegfrieds von Xanten nach Worms wird nicht eine gluckliche Zeit, sondern das genaue Gegenteil prophezeit:

do reit mit sinen vriunden Sifrit der degen und ouch diu kuneginne, dar si heten vreuden wan. sit wart es in allen ze grozem leide getan. (776,2-4)

Mit Blick auf den gemeinsamen Sohn Siegfrieds und Kriemhilds findet zudem noch eine Verstarkung statt:

von ir hovereise im erstuont michel ser:

sin vater unt siri muoter gesach daz kindel nimmer mer. (777,3 f.)14

Nach der Totung Siegfrieds in Aventiure 16 wird direkt zu Beginn der Aventiure 17 der Tod vieler angekundigt: ja muosen sin engelten vil guote wigande sint (999,4). Im Anschluss folgt der Hinweis auf Kriemhilds lebenslange Trauer, der jedoch unmittelbar mit dem Hinweis auf ihre Rache verknupft ist (1102,4).15 Auch im zweiten Teil des Nibelungenliedes wird durch neu eingefuhrte Figuren an anderen Orten Freude und Leid gegenubergestellt: Als Etzel seine Gaste erwartet bemerkt der Nibelungenlied -Dichter: sit wart von in dem kunege vil michel wunne benomen (1502,4).16 Beim freudigen Besuch der Burgunden in Bechelaren „schlieG>t sich die Antizipation der todbringenden Zukunft beim Abschied an [...]: ich w&n, ir herze in sagete diu krefteclichen leit (1708,3).“17 Es geht den Vorausdeutungen darum, die Aussicht auf eine gute Wunde durch pessimistische Einschube von Beginn an auszuschlieften und die Blicke von Beginn an auf die grofte Tragodie im ersten und zweiten Teil zu lenken.

2.3 Vorausdeutungen durch die Figuren

Das furchterregende Ende des Nibelungenliedes wird nicht ausschlieftlich durch den auktorialen Erzahler vorweggenommen, „sondern auch auf die Ebene der Prophezeiungen durch die Figuren selbst verlagert. Dass diese den Prophezeiungen topisch wenig Beachtung schenken, verstarkt das Wissen, das den Erzahler und die textexternen Rezipienten zu Verbundeten macht.“18 Abschiedsszenen sind hierbei stetig der Anlass, um Vorahnungen von Figuren zum Ausdruck zu bringen.19

So konnen bereits innere Unruhe und vage Warnungen der Figuren - wie bei Sieglinde, der Mutter Siegfrieds - als vorausdeutende Paradigmen verstanden werden. Beim Abschied bzw. vor Siegfrieds Aufbruch nach Worms (3. Aventiure) schreibt der Dichter uber Sieglinde:

[■■■]

si begunde truren um ir liebez kint.

das vorhte si verliesen von Gunthers man. diu edele kuneginne vil sere weinen began. (58,2-4)

Bevor sich Siegfried und Kriemhild vor der bevorstehenden Wildjagt in der 16. Aventiure verabschieden, werden gleich zu Beginn (914) Erzahlvorausdeutungen im Zusammenhang des insbesondere durch Hagens und Brunhilds gefassten Mordplanes in der 15. Aventiure vorangestellt, die das baldige Eintreffen der Katastrophe des ersten Teils der Geschichte andeuten.20 Nach Ursula Schulze rahmen zwei Erzahlaussagen den Abschied ein:

done dorfte Kriemhilde nimmer leider gesin (915,4) und sine gesach in leider dar nach nimmer mer gesunt (922,4) - dazwischen steht der vergebliche Versuch Kriemhilds, Siegfried zuruckzuhalten, indem Sie Traume anfuhrt, die als Vorzeichen verstanden werden und zwar zu Beginn und zum Ende ihres Bemuhens (918-919, 921).21

„Die massierte Ankundigung der Katastrophe des zweiten Nibelungenlied - Teils ist zweiphasig gestaltet, sie erfolgt zunachst im Zusammenhang mit der Einladung, die die Boten in Worms uberbringen (24. Aventiure), und dann beim Aufbruch der Burgunden ins Hunnenland (25. Aventiure).“22 Wahrend die Konige Gunther, Giselher und Gernot eher ahnungslos erscheinen, wird Hagen aufgrund seines Weitblicks als Feigling verkannt und zuruckgewiesen. Stimmt er der Reise spater zu, so geschieht dies, weil er „geradezu den Beweis der Richtigkeit antreten [will] (1464, 4) . “23 Zu Beginn der 25. Aventiure „[findet eine] zweite Phase der Antizipation [statt], beim Abschied, ahnt die Konigin Ute das Unheil auf Grund eines Traumes. Sie hat alle Vogel des Landes tot am Boden liegen gesehen (1509,3 f.) und versucht, die Abreisenden aufzuhalten.“24 Die letzte Erwahnung einer (hellsichtigen) Vorausdeutung durch Figuren bildet die Begegnung der Burgunden mit den merwip (Meerfrauen): Diese sagen den Burgunden den Untergang voraus (1536-1539), lediglich der Kaplan soll uberleben (1571-1582), was Hagen spater auch durch den missgluckten Versuch, diesen in der Donau zu ertranken, bestatigt sieht und hierin sein Schicksal akzeptiert (1577-1579).

3 bluot als „Asthetisierung des Mordens und des Todes“?

Besonders haufig tritt im Nibelungenlied die bildhafte Darstellung ausstromenden Blutes auf, das uberwiegend mit Krieg, aber immer in Verbindung mit dem Tode steht. Das Blut kann sowohl wortlich, aber auch metaphorisch verstanden werden: „Das Trinken des Blutes in der Saalbrandnacht setzt gerade umgekehrt eine alte Kampfmetapher, die an anderer Stelle auch im Nibelungenlied vorkommt (hie schenket Hagene daz aller wirsiste tranc, [1978,4] [.]), in direktes Handeln um. bluot ist ein Leitwort in den Kampf- und Todesszenen.“25 Besonders in diesen zuvor angesprochenen Kampfen im Schlussteil des Nibelungenliedes kann nach Otfrid Ehrismann durch die Verwendung dieser Blutmetaphorik von einer „Asthetisierung des Mordens und des Todes“ gesprochen werden.26 Wahrend Ehrismann die Blutmetaphorik durchgehend als asthetisch interpretiert, beschrankt Schulze den asthetischen Aspekt lediglich auf die Erfrischungsszene der Krieger wahrend des Saalbrandes in den Versen 2111­2114: „[...] der Dichter visualisiert die Vorgange in zeichenhafter Grausamkeit, wobei ein historiographisches Muster von Kriegsdarstellungen aufgenommen und der noch heute gelaufige Topos des Blutvergieftens erzahlerisch materialisiert wird. Eine Verharmlosung, wie sie Otfrid Ehrismann aus Str. 2075 (daz bluot allenthalben durch diu locher vloz unt da zen rigelsteinen von den toten man.) herausliest [...] sehe ich [...] nicht.“27

3.1 Blutmetaphorik als rhetorisches Stilmittel

Auffallend ist, dass der Nibelungenlied -Dichter bereits in der 4. Aventiure die

Blutmetaphorik im Wechsel bzw. Sprung einsetzt, sodass man schon fast von einem Refrain sprechen konnte28:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei obiger Darstellung fallen neben dem belegten Stilmittel eines refrainartigen Wechsels zwei weitere Besonderheiten in Verbindung mit der Blutmetaphorik auf: Zuerst ist das Substantiv bluot hervorzuheben, das jeweils einmal in den aufeinanderfolgenden Versen 199 (im Dativ) und 201 (im Akkusativ) auftritt und von den adjektivischen Formen bluotigiu (197) und bluotigen (203) umarmt bzw. umklammert wird (vgl. Pfeilverbindungen). Betrachtet man nun die durch den Zwischenvers 200 getrennten Verse 199 und 201, lasst sich ein Chiasmus anhand Vers 199,3 (bluote) und 201,3 (bluot) belegen.

3.2 Magische Eigenschaften von Blut

Im Kampfe bedeutet der Tod des einen Leben fur den anderen. Das Blut eines Toten kann hierbei wundersame Wirkkrafte beinhalten oder entfalten. Die bekanntesten Stellen des Nibelungenliedes sind die Verse 98 (Hagens Bericht uber Siegfried an Konig Gunther) und 899 (Kriemhild offenbart Hagen unabsichtlich die einzige wunde Stelle Siegfrieds), da in der Rezeptionsgeschichte diese Stellen immer wieder aufgegriffen werden - die Thematik des Drachenkampfes wird zudem von vielen Vertretern als die zentralste Stelle des Nibelungenliedes angesehen29:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Erst durch den Tode Fafnirs gelangt Siegfried an die Quelle der Unbesiegbarkeit: das Blut des Drachens, in dem sich der Prinz von Xanten badet. Siegfried erhalt hierdurch fast am gesamten Korper (die Stelle zwischen seinen Schulterblattern ausgenommen) einen Hornpanzer, der ihn im Kampfe unbesiegbar - nicht jedoch unsterblich - werden lasst.30

Neben dieser bekanntesten Stelle existieren zwei weitere in Bezug auf Blut und dessen Wirkkraft nach dem Tode einer Person, aus der dieses flieftt: Das Blut des ermordeten Siegfrieds dient Kriemhild in der 17. Aventiure als Mittel der Tateruberfuhrung (1040-1043), was an bekannte mittelalterliche Blutwunder aus dem Sakralbereich erinnert: „[Im Mittelalter] wandelt sich immer die Hostie in Fleisch [...] oder der Wein in Blut, oder die Hostie, entehrt und geschandet, tropft Blut aus.“31 Die Schandung wird im Nibelungenlied am Leib Siegfrieds durch den hinterhaltigen Mord an der Quelle begangen. Siegfried erscheint in der Heldendichtung ahnlich wie ein Heiliger in mittelalterlichen Legenden: stark, makel- und tadellos ersetzen hier jedoch das Frommigkeitsideal des Heiligen, machen sein Blut aber ebenso sakral wie man dies aus Heiligenlegenden oder aus obiger Beschreibung der Hostienschandung kennt. Seine Ermordung ist gleich der Schandung des Sakralen (der Hostie), weshalb sein Korper auch noch nach dem Tode wie der eines Heiligen sakrale Wirkkrafte besitzt. Die Szene am Grabe Siegfrieds erinnert an das mittelalterliche Ordal, das bezweckte, „in Ermangelung von Tat- oder Zeugenbeweisen die Schuld oder Unschuld des Angeklagten aufzuzeigen. Wo menschliches Wissen versagte, wandte man sich an die Allwissenheit Gottes und erwartete von ihr, dass sie die Schuldfrage klaren wurde.“32 Der Beschuldigte bekam hierfur zuvor die konsekrierte Hostie gereicht und musste nach deren Verzehr eine Prufung bestehen, deren Ausgang als Zeichen seiner Unschuld oder, bei Nicht-Bestehen, Schuld galt.33 Vergleichen konnte man Siegfrieds Blut, mit dem sich Hagen bei der Ermordung beschmutzt, mit der heiligen Hostie, die nach mittelalterlicher Vorstellung einen Tater uberfuhrt, da in ihr die Gottheit wahrhaft anwesend ist und gleichzeitig auch wirkkraftig richten kann. Siegfrieds Seele ist somit auch in seinem Blut vorhanden und wirkt nach dem Tode als Anklager: Die Wunden bluten in Vers 1041-1042 sobald Hagen vor seinem aufgebahrten Leichnam steht. Fur Kriemhild ist der Tater somit uberfuhrt und sie schwort am Grabe ihres Mannes allen Mitverschworern Rache.

Die zweite unbekanntere Stelle, die die wundertatige Kraft des Blutes Verstorbener markiert, findet sich in der 36. Aventiure: Nachdem Kriemhild im Saal, in dem sich die verbliebenen Burgunden verschanzt haben, Feuer legen lasst, es immer heifer wird und die Figuren immer kraftloser werden, gehen diese dazu uber, ihren Durst durch das Trinken des Blutes der bereits verstorbenen Ritter zu loschen (2111-2114). Zum einen steht das Blut hier fur den Tod (gefallene Recken), zum anderen wird es als guter Wein beschrieben: Mir ist noch vil selten geschenket bezzer win. (2113,3)

[...]


1 SCHULZE 2008, S. 120.

2 Vgl. ebd., S. 120.

3 Ebd., S. 121.

4 Vgl. ebd., S. 121.

5 Vgl. ebd., S. 121.

6 Ebd., S. 131.

7 MIEDEMA 2011, S. 54, zitiert nach Stech 1993, S. 63.

8 Ebd., S. 54.

9 Ebd., S. 54.

10 SCHULZE 2008, S. 123.

11 MIEDEMA 2011, S. 54.

12 SCHULZE 2008, S. 122.

13 Vgl. SCHULZE 2008, S. 128.

14 Vgl. ebd., S. 129.

15 Vgl. ebd., S. 129.

16 Vgl. ebd., S. 130.

17 Ebd., S. 130.

18 MIEDEMA 2011, S. 56, zitiert nach Wachinger 1960, S. 49 f.

19 Vgl. SCHULZE 2008, S.124.

20 Vgl. ebd., S. 125.

21 Vgl. ebd., S. 125.

22 SCHULZE 2008, S. 126.

23 Vgl. ebd., S. 127.

24 Vgl. ebd., S. 127.

25 Ebd, S. 249.

26 EHRISMANN, S. 180-183.

27 SCHULZE 2008, S. 251.

28 In der vorliegenden Literatur wurden keine Deutungen diesbezuglich gefunden, sodass dieser Abschnitt auf eigene Analysen des Primartextes beruht.

29 http://www.nibelungenlied-gesellschaft.de/03_beitrag/eichfelder/eichf_fs1.html gefunden am 22.07.2015.

30 Vgl. ebd.

31 BROWE 2011, S. 251.

32 BROWE 2011, S. 240.

33 Vgl. ebd., S. 240-241.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Thematisierung des Todes im Nibelungenlied
Untertitel
Vorausdeutungen von Tod, Bedeutung von Blut (bluot), Trauer, Totenklage und Treue
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Fakultät für Geisteswissenschaften/Germanistik)
Veranstaltung
Der Tod im Spiegel mittelhochdeutscher Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
28
Katalognummer
V1036960
ISBN (eBook)
9783346450326
ISBN (Buch)
9783346450333
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde mit der Note 1,0 bewertet. Besonders sind die durch den Urheber dieser Hausarbeit gefunden Bedeutungen von "bluot" (Blut) sowie ein bisher in der Literatur nicht erwähnter Blut-Hymnus zu betonen, den die Dozentin selbst bisher nicht kannte.
Schlagworte
Mediävistik, Mittelhochdeutsch, Germanistik, Deutsch, Nibelungenlied, Mediaevistik, Althochdeutsch, Literatur, Mittelalter, Heldenepos, Heldendichtung
Arbeit zitieren
David Constantin Heyden (Autor:in), 2015, Die Thematisierung des Todes im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1036960

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