Schlink, Bernhard - Der Vorleser


Referat / Aufsatz (Schule), 1999
9 Seiten, Note: 3

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“[K]lassische Kindsmißbraucherin” - so bezeichnet eine amerikanische Leserin von

Bernhard Schlinks Roman “Der Vorleser” in einem Artikel der “Süddeutschen Zeitung” (Z. 30f.) vom 24./25. April 1999 Hanna, die Hauptprotagonistin. In der Tat wird eine Liebesbeziehung, wie Hanna Schmitz sie führt, in der Gesellschaft abgewertet, geradezu als anormal angesehen: Die zu Beginn des Buches 36jährige Hanna hat ein Verhältnis mit dem 21 Jahre jüngeren Michael Berg.

“Ungesund” nennt dies eine andere Leserin (Z. 28). Doch gegen solche Kommentare entgegnet Schlink nur, dass das Verhältnis zwischen den beiden nur eine “Metapher für das Verhältnis der Nachgeborenen zur Tätergeneration” (Z. 48f) ist. Dieses Statement ist nicht auf Anhieb zu verstehen, steht doch eine Liebesbeziehung im Mittelpunkt des Romans. Doch “Der Vorleser” ist nicht nur als Entwicklungsroman oder Doppelbiographie zu sehen - er stellt auch eine Art Essay über die Schwierigkeiten der Nachgeborenen dar, wie diese mit den Verbrechen der nationalsozialischtischen Zeit umgehen sollten. Denn im Verlauf der Handlung erfährt man von Hannas früheren Aktivitäten in der NS-Zeit, und es kommt zu einem Gerichtsprozess, in dem sie für diese verurteilt werden soll. Als Michael davon erfährt, kann er dies zuerst gar nicht glauben. Seine früher geliebte Hanna als Verbrecherin? Somit beginnt er sich mit der Thematik der NS-Zeit zu beschäftigen, um Hanna verurteilen, aber auch verstehen zu können.

Alles beginnt damit, dass der 15jährige Michael an Gelbsucht erkrankt. Auf dem Nachhauseweg von der Schule muss er sich übergeben, und eine Frau, Hanna, kommt ihm zu Hilfe. “Fast grob” (S. 6) nimmt sie sich seiner an, tröstet ihn aber auch und bringt ihn nach Hause. Als Michael wieder gesund ist, drängt seine Mutter ihn, sich bei der Frau zu bedanken, die ihm geholfen hat. So geht er also zu Hannas Wohnung. Wieder zu Hause muss er ständig an diese Frau denken, da er sie beim Umziehen beobachtet hatte und dabei ihren Körper mit seinen weiblichen Reizen gesehen hatte. Besonders gefesselt ist er allerdings von ihrer Haltung und der Art, wie sie sich bewegt. Da sie ihm nicht mehr aus dem Kopf geht, besucht er sie eine Woche später nochmals und wird von ihr verführt. Dies ist der Anfang einer Liebesbeziehung, der Michael in den folgenden Wochen und Monaten total verfällt. Zu Beginn war allein körperliche Befriedigung die Basis dieses Verhältnisses, erst nach und nach verbessert sich auch die Kommunikation zwischen den beiden. Doch gleich “das erste richtige Gespräch, das [sie] miteinander hatten [...]” (S. 36), entwickelte sich zu einem Streit. Da Michael am liebsten die ganze Zeit mit Hanna zusammen wäre, schwänzt er oft die Schule; sie jedoch reagiert darauf sehr zornig und meint, er solle nicht wiederkommen, wenn er seine Arbeiten nicht erledigt habe (vgl. S. 36). Michael gibt daraufhin sofort klein bei, ordnet sich Hannas Dominanz unter und entschuldigt sich bei ihr.

Mit der Zeit entsteht ein gewisses Ritual bei ihren Treffen: Anfangs besteht es nur aus Duschen und sich Lieben, später muss er ihr immer aus Romanen vorlesen, wobei Hanna “eine aufmerksame Zuhörerin” (S. 43) ist. Überdies zeichnet sich immer stärker ab, wie abhängig Michael von Hanna ist, da er sich ihr bei jedem Streit unterordnet, auch wenn er denkt, im Recht zu sein (vgl. S. 48f./ S. 54f.). Besonders auffällig wird dies bei einem Streit an seinem Geburtstag, als er plötzlich “[...] wieder die Angst [bekam] sie zu verlieren und [sich] erniedrigte und entschuldigte [...]”, in einer Art, die bereits an Unterwürfigkeit grenzt. Doch Michael war dennoch glücklich in dieser Beziehung, Hanna gab ihm “Sicherheit” (S. 41) und er entwickelte sich in vielen Punkten weiter, so wird er selbstständiger, “verantwortungsbewußter und vertrauenswürdiger ” (S. 58).

Somit ist es auch ein großer Schock für ihn, als Hanna von einem Tag auf den nächsten die Stadt verlässt. Am Tag zuvor hatte er sie im Schwimmbad ignoriert, weil er mit seinen Schulfreunden dort war, die nichts von seiner Beziehung wussten. Jahrelang bleibt Michael der Überzeugung, dass sie wegen diesem Verrat gegangen war.

Sieben Jahre später studiert Michael bereits Jura und hat sich zu einer Seminar- Gruppe gemeldet, die einen NS-Prozess beobachten soll und sich die “Aufarbeitung der Vergangenheit!” (S. 86) zur Aufgabe macht. Während er seinen Blick über die Leute im Gerichtssaal schweifen lässt, entdeckt er Hanna auf der Anklagebank. Michael ist nicht darauf gefasst, Hanna ausgerechnet hier wiederzusehen. Umso mehr “erschrak [er, als er] merkte, [...] Hannas Haft als natürlich und richtig [zu empfinden]” (S. 93). Doch der Grund dafür ist nicht die Anklage, sondern dass er “[...] sie weit weg von [sich] haben [will]” (S. 93). Schnell wird er in den Bann des Prozesses gezogen und so geht er, im Gegensatz zu den anderen Studenten, täglich zu den Verhandlungen. In dieser Zeit ist “[s]ein Gefühl wie betäubt”, was er manchmal auch provoziert: Er beginnt, Hanna sich bei dem, was sie getan hatte, vorzustellen, sich in die damalige Situation hineinzuversetzen.

Zunehmend beschäftigt er sich mit in der folgenden Zeit mit der Thematik des Prozesses. Der Problembereich Täter/Opfer spukt beispielsweise in seinem Kopf herum, genau wie die Frage, was “[...] [s]eine Generation der Nachlebenden eigentlich mit den Informationen über die Furchtbarkeiten der Vernichtung der Juden anfangen[?]” (S. 99) soll. Sollte es Sinn des Prozesses sein, dass “einige wenige verurteilt und bestraft” (S. 100) werden und “die nachfolgenden Generationen [,] in Entsetzen, Scham und Schulden verstummen würden [...]” (S. 100)?

In der zweiten Verhandlungswoche beginnt die Lesung der Anklageschrift. Hanna und vier mit ihr angeklagte Frauen waren Aufseherinnen in einem Außenlager von Auschwitz gewesen. Monatlich gab es dort Selektionen, bei denen 60 Frauen nach Auschwitz zurückgeschickt wurden, um dort getötet zu werden. Darüberhinaus werden die Angeklagten beschuldigt, in den letzten Tagen des Krieges, bei der Verlagerung des Konzentrationlagers, die inhaftierten Frauen in eine Kirche gesperrt und bei einer Bombardierung hilflos dort eingesperrt gelassen zu haben, wodurch fast alle Häftlinge verbrannten.

Den ganzen Prozess lang wirkt Hanna unbeholfen, widerspricht ihren früheren Aussagen, obwohl sie sehr darauf bedacht ist, alles richtig zu machen (vgl. S. 105). Zudem erzählt eine Mitangeklagte, dass Hanna immer “Lieblinge” im KZ hatte, was Hanna gegenüber dem Gericht in ein noch schlechteres Licht rückt. Eine Überlebende erklärt diesen Begriff “Liebling” genauer: Es war “immer eine von den jungen, schwachen und zarten [...]” (S. 112), der sie das Leben im KZ so angenehm wie möglich machte. Die Aufgabe dieser Mädchen war es, Hanna abends vorzulesen. Dies war die einzige Situation, in der Hanna sich umdrehte und Michael ansah, der ja genau wie diese Mädchen einst “ihr Vorleser” war.

Als weiterer Anklagepunkt wird Hanna vorgeworfen, einen Bericht über die Geschehnisse an dem Tag des Kirchenbrandes geschrieben zu haben, dessen Inhalt sie jedoch dauernd widerspricht. Hanna hört auf zu widerlegen, dass der Bericht von ihr stamme, als das Gericht einen Schriftenvergleich machen will.

Michael beschäftigt sich rund um die Uhr mit dem Prozess und denkt viel über Hannas Schuld nach. Durch diese Überlegungen enthüllt sich ihm ein lang verschwiegenes Geheimnis: “Hanna konnte nicht lesen und schreiben.” (S. 126). Nun erklärt sich für ihn vieles: Warum sie sich hatte vorlesen lassen, weswegen sich ihre jetzige Aussage mit dem früheren Protokoll widersprach, das sie nicht gelesen haben konnte, und auch ihr Verhalten, als das Gericht einen Schriftvergleich machen wollte. Der Leser, der von Beginn der Verhandlungen an einen schlechten Eindruck von Hanna hat, bekommt mit einem Mal Mitleid mit ihr. Hanna, die Täterin, stellt sich nun als beinahe unschuldiges Opfer dar, war sie doch ihr Leben lang davor geflüchtet, als Analphabetin erkannt zu werden. Zwar war sie Aufseherin in einem Konzentrationslager gewesen, doch eigentlich war sie nur eine Mitläuferin. Der Leser ist schockiert festzustellen, dass er sofort dazu bereit wäre, ihr zu verzeihen, alles zu entschuldigen oder zumindest die Schwere ihrer Schuld geringzuhalten.

Da Michael nun über Hannas Beweggründe aufgeklärt ist, überlegt er, ob es seine Aufgabe ist, Hanna zu helfen. Doch würde er ihr wirklich einen Gefallen damit tun,

“[...] zum Vorsitzenden Richter [zu] gehen und ihm [zu] sagen, daß Hanna Analphabetin war.” (S. 132)? Um diese Frage beantworten zu können, sucht er Rat bei seinen Kommilitonen und seinem Vater, ohne das Problem direkt beim Namen zu nennen; doch auch sie können ihm nicht weiterhelfen.

Als die Verhandlungen für zwei Wochen pausieren, kann Michael seine Gedanken immer noch nicht auf etwas anderes lenken. Es fällt ihm zu schwer, Hannas Taten zu verstehen, auch wenn er ihre Lebenslüge nun entlarvt hat. Sie hatte nichts desto trotz ein schweres Verbrechen begangen, wofür sie verurteilt werden mußte. Immer wieder erscheinen ihm Bilder von Hanna. Einerseits bestehen sie aus schönen Erinnerungen an ihre gemeinsamen Zeit, andererseits sieht er sie in der Rolle einer KZ-Aufseherin, “Lagerstraßen entlanggehen[d] und in Häftlingsbaracken treten[d] und Bauarbeiten überwachen[d].” (S. 141). Um mit diesen zwiespältigen Bildern von ihr klarzukommen, “beschließt [Michael] wegzufahren”. Er will an einem authentischen Ort nachforschen um die Möglichkeit zu bekommen, die damalige Situation “nacherleben” und “[...] die Klischees mit der Wirklichkeit austreiben.” (S.146) zu können.

Deshalb macht er sich per Anhalter auf den Weg zum KZ Struthof-Natzweiler im Elsaß und wird von einem älteren Mann mitgenommen. Informiert über Michaels Ziel erzählt dieser ihm von “ [...] eine[r] Photographie von Erschießungen von Juden in Rußland [...]”. Dies weckt jedoch Michaels Mißtrauen und seine Empörung: “[...]auf einem Sims in der Wand [,] sitzt ein Offizier[...]. Er kuckt ein bißchen verdrießlich. [...]Er hat aber auch etwas Zufriedenes, sogar Vergnügtes im Gesicht, vielleicht weil immerhin das Tagwerk geschieht [...]. Er haßt die Juden nicht... [...]” (S. 146) Als Michael nun fragt “Waren sie das?”(S. 146), wird der Fahrer bleich - “Raus!” (S. 146). Michael hat auch ihn entlarvt.

Jahre später fährt Michael ein zweites Mal zum Struthof. Er erinnert sich an seinen “ damaligen vergeblichen Versuch, [sich] ein volles Lager [...] und das Leiden konkret vorzustellen. [Er] versuchte es wirklich[...]” (S. 149). “Aber es war vergeblich, und [er] hatte das Gefühl kläglichen, beschämenden Versagens.” (S. 149). Auf dem Nachhauseweg scheut er sich zudem, durch die Gegend zu wandern und so zu tun, als ob nichts gewesen wäre. “Aber die Scheu verdankte sich nicht einer echten Empfindung, sondern Überlegungen, wie man sich nach dem Besuch eines Konzentrationslagers zu fühlen habe.” (S. 149f.). Somit sind Michaels Bemühungen, sich die Vergangenheit und ihre Grausamkeit zu vergegenwärtigen, gründlich mißlungen, sie münden in die Erfahrung einer “ große[n] Leere” (S. 150). Er befindet sich nun erst recht in einer emotionalen Krise, da ihm “die fremde Welt der Konzentrartionslager [...] dadurch nicht nähergerückt” (S. 152) ist. Die “fremden Eindrücke vom Struthof gesellten sich den wenigen Bildern von Auschwitz [...] und erstarrten mit ihnen.” (S. 152)

Da Michael der einzige ist, der von Hannas Analphabetismus weiß, manifestiert sich bei ihm das Gefühl, ihr helfen zu müssen immer stärker. Doch letztendlich bringt er es doch nicht übers Herz, dieses sorgsam gehütete Geheimnis gegen Hannas Willen zur Sprache zu bringen. So erhält sie von allen Angeklagten die höchste Strafe und muss lebenslänglich ins Gefängnis.

In all den Jahren besucht Michael sie nie, um endlich “[...] von Hanna frei [zu] sein.” (S. 165), was ihm aber nicht gelingt. Er heiratet und wird in dieser Ehe auch Vater, doch nach fünf Jahren lässt er sich scheiden. Hanna geht ihm immer noch nicht aus dem Kopf und so fängt er an, ihr wieder vorzulesen, auf Kassetten, die er ihr schickt. (vgl. Kap.5 ab S. 174). Hanna kämpft derweilen gegen ihren Analphabetismus an und lernt lesen und schreiben, worauf Michael mit “Freude und Jubel” (S. 178) reagiert.

Nach achtzehn Jahren wird Hanna begnadigt. Da Michael ihre einzige Kontaktperson ist und sich ihr verpflichtet fühlt, kümmert er sich um eine neue Wohnung und um Arbeit für sie, und besucht sie kurz vor ihrer Entlassung doch noch. Doch er erkennt Hanna kaum wieder, da sie stark gealtert ist und im Gegensatz zu früher keinen gepflegten Eindruck mehr macht.

Als Michael am Tag ihrer Entlassung kommt um sie abzuholen, erfährt er, dass Hanna sich erhängt hat. Die Gefängnisleiterin zeigt dem schockierten Michael Hannas Zelle, die noch unverändert ist. Dort entdeckt er zu seiner Verwunderung Literatur über den zweiten Weltkrieg, über Konzentrationslager und Bücher von Überlebenden. Sie hatte “[...] die Bücher [...] mit Bedacht bestellt.” (S. 194), und sobald sie es gelernt hatte, las sie diese. Überdies hatte Hanna “eine Art Testament” (S. 195) hinterlassen, indem sie Michael beauftragte, ihr verbliebenes Geld der Tochter zu geben, “[...] die gemeinsam mit ihrer Mutter den Brand in der Kirche überlebt hat.” (S. 196)

Hannas Testament macht sie beim Leser wieder beliebt, da es etwas wie Reue und Einsehen zeigt. Man bekommt auch das Gefühl ihr spätestens jetzt, nach ihrem Tod, verzeihen zu müssen, da sie im Gefängnis mit Hilfe der Bücher versuchte, sich ihrer Schuld bewusst zu werden und mit ihr fertig zu werden. Vielleicht hat sie letzteres nicht geschafft und sich deshalb umgebracht.

Aber Michael erfüllt Hanna ihren letzten Wunsch und fliegt nach New York, um der Tochter das Geld zu überbringen. Auf ihre Frage hin “[w]arum ich?” (S. 201), versucht er, ihr den Sinn von Hannas Auftrag zu erklären. “Die Jahre der Haft sollten [...] einen Sinn geben und sie wollte mit ihrer Sinngebung anerkannt werden.” (S. 201). Hanna wollte auch sich selbst gegenüber Gerechtigkeit. Überdies spricht Michael auch zum ersten Mal offen über seine Beziehung mit Hanna und darüber, dass Hanna Analphabetin war. Er will damit erreichen, dass die Tochter “seiner” Hanna diese letzte Anerkennung gibt, die ihr bestimmt sehr wichtig gewesen wäre.

Der Roman “Der Vorleser” ist wirklich beeindruckend. Er ist sehr direkt geschrieben und auch so ausgeschmückt, dass man als Leser keine Probleme hat, sich in den Ich- Erzähler hineinzuversetzen. Man fühlt mit Michael mit, wird aber auch dazu angeregt selbst nachzudenken, sowohl über die Liebesbeziehung von ihm und Hanna, als auch über die nazionalsozialistische Zeit.

Wer war schuldig, mitschuldig, Täter oder Opfer?

Wie sollen wir uns als Nachkommen der Täter-Generation fühlen?

Durch Michael zeigt sich eine Möglichkeit, diese Fragen zu beantworten. Mit dem Versuch sich in die Vergangenheit zurückzuversetzen will er zuerst verstehen, um danach be- und verurteilen zu können.

Doch in meinen Augen ist Michael dennoch der große Verlierer in diesem Roman. Zeit seines Lebens kommt er nicht von Hanna, seiner ersten “Liebe” los, obwohl er es ständig versucht. Sogar seine Ehe und weitere Beziehungen scheitern daran, dass er alle Frauen mit Hanna vergleicht. Trotzdem schafft er es auch nie, wirklich zu ihr zu stehen. Dies läßt sich beispielsweise daran erkennen, dass er auf keine der Kassetten, die er ihr schickt, auch nur ein einziges persönliches Wort spricht.

Michaels letzter Versuch, mit seiner und Hannas Lebensgeschichte fertigzuwerden, ist dieses Buch, “Der Vorleser”. Doch ob die Geschichte des Michael Berg auch die Geschichte des Bernhard Schlink ist, läßt sich nicht feststellen. Auf die Frage hin, ob es in seinem Leben eine Hanna gab, weicht Schlink nur aus, “dazu könne er nun wirklich nichts sagen, das sei ihm zu persönlich.” (Zitat aus ganz zu Beginn erwähnter Ausgabe der Süddeutschen Zeitung).

Erstaunlich an dem Roman “Der Vorleser” ist seine Vielschichtigkeit. Schlink fasst viele verschiedene Problembereiche in nur ein Buch zusammen- ohne es dabei künstlich dramatisiert oder übertrieben wirken zu lassen. Man könnte diese Problembereiche in zwei Großgruppen trennen: Zum einen die Beziehung zwischen Hanna und Michael, schwierig auf Grund des Altersunterschieds und Hannas Dominanz, zum anderen das ganz allgemeine Problem, wie Nachgeborene der NS- Zeit mit dem belastenden Erbe dieser Zeit fertig werden sollen und wie die Täter sich zu entschuldigen versuchen. Ganz auffällig wird ein solcher Entschuldigungsversuch im “Vorleser” dargestellt, als ein alter Mann Michael von einer Photographie einer Judenerschießung erzählt (vgl. Punkt III. 2.). Vergleichbar zu dieser Szene ist ein Gedicht von Johannes Bobrowski mit dem erstaunlichen Namen “Bericht”.

Bericht Bajla Gelblung,

entflohen in Warschau einem Transport aus dem Ghetto,

das Mädchen bewaffnet, die Partisanin wurde ergriffen

in Brest-Litowsk

trug einen Militärmantel (polnisch), wurde verhört von deutschen Offizieren, es gibt

ein Foto die Offiziere sind junge Leute tadellos uniformiert, mit tadellosen Gesichtern,

ihre Haltung ist einwandfrei.

Im ersten Teil (V 1-11) wird in einem telegrammartigen Stil über ein polnisches Mädchen berichtet, das anfangs flüchtet, dann aber von deutschen Soldaten aufgegriffen wird. Hier steht keine persönliche Meinung oder Stellungnahme, die Einschätzung der Szene wird dem Leser überlassen. Doch die letzten sechs Zeilen berichten von einem Foto, auf dem die Szene zu sehen ist, als das Mädchen verhört wird. Hier sind im Gegensatz zum vorangegangenen Teil Wertungen wie “tadellos” (V 13) oder “einwandfrei” (V 16) eingebaut. Auch hier versteckt sich also jemand hinter einem Foto, ganz genau wie der alte Mann, der Michael von einer “Photographie” erzählt. Diese Szene im “Vorleser” und im “Bericht” thematisieren also einen Entschuldigungsversuch der Täter-Generation, der darin besteht, sich hinter einem Foto zu verstecken.

9 von 9 Seiten

Details

Titel
Schlink, Bernhard - Der Vorleser
Note
3
Autor
Jahr
1999
Seiten
9
Katalognummer
V103707
Dateigröße
343 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
leichte Themaverfehlung
Schlagworte
Schlink; Vorleser
Arbeit zitieren
Katrin Engel (Autor), 1999, Schlink, Bernhard - Der Vorleser, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103707

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