Ausgangspunkt dieser Arbeit ist das Seminar „Arbeiten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie“, unter der Leitung von Frau Dr. phil. Helga Buchholz, in dem verschiedene Krankheitsbilder der Kinder- und Jugendpsychiatrie thematisiert werden, unter anderem auch die der Essstörungen. Aufgrund der vermehrten Diagnostizierung einer Essstörung gerade bei jungen Mädchen in den letzten beiden Jahrzehnten und der gegenwärtig öffentlich besonders durch die Medien in den Vordergrund gerückten Diskussion um deren mögliche Ursache, war es für mich interessant mich näher mit diesem Thema zu befassen.
Neben einer Diagnostizierung und Klassifikation der Essstörungen Anorexia nervosa und Bulimia nervosa in Anlehnung an das Diagnostische und Statistische Manual psychischer Störungen (kurz: DSM IV) und der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (kurz: ICD 10) im ersten Teil meiner Arbeit, möchte ich besonders auf die Körperwahrnehmung und -identität der Betroffenen eingehen im Hinblick auf mögliche Ursachen für eine Entwicklung einer Essstörung in Abgrenzung zu kontrollierendem Essverhalten im Rahmen einer Diät sowie in dieser Hinsicht auf die familiäre Situation der Betroffenen und auf die Rolle der heutigen Gesellschaft auf unser Essverhalten.
Dabei fällt die in den Medien und besonders der Werbung geführte Vermittlung eines schlanken, jungen Schönheitsideals auf der einen Seite auf, im Gegensatz zur in diesem Zusammenhang paradoxen Propagierung hochkalorischer Nahrungsmittel und Nahrungsüberangebot auf der anderen Seite. Dies begünstigt einen hohen Anstieg der Diäthäufigkeit bei gerade sehr jungen Mädchen und Jungen. Diäten als permanentes Kontrollieren der Nahrung kann aber wiederum zu problematischen Ernährungsformen führen. Unter diesem Gesichtspunkt möchte ich im dritten Teil dieser Seminararbeit in Anlehnung an eine Ausgabe der Landesstelle Jugendschutz Niedersachen die Möglichkeit zur Prävention von Essstörungen Themen für die vorbereitende Arbeit im schulischen und auch außerschulischen Bereich der Kinder- und Jugendarbeit diskutieren. Diesen Punkt sehe ich besonders im Rahmen meiner zukünftigen Tätigkeit im Bereich der Rehabilitation und Pädagogik bei Körperbehinderung (erste Fachrichtung) und Sprach-, Kommunikations- und Hörstörungen (zweite Fachrichtung) als besonders wichtig und interessant an.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Diagnostik und Klassifikation
1.1 Diagnostische Kriterien der Anorexie nervosa
1.2 Diagnostische Merkmale der Bulimia nervosa
1.3 Körperliche und medizinische Folgeerscheinungen der Anorexia nervosa und Bulimia nervosa
2. Ursachen für die Entsehung einer Anorexia nervosa und Bulimia nervosa
2.1 Gesellschaftliche Komponente
2.2 Familiäre Komponente
2.2.1 Die Bedeutung der Familie für die Entstehung einer Anorexia nervosa
2.2.2 Die Bedeutung der Familie für die Entstehung einer Bulimia nervosa
2.3 Körperwahrnehmung und –identität der Betroffenen
2.4 Zusammenfassung
3. Präventive Maßnahmen
4. Abschließende Stellungnahme
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit befasst sich mit der diagnostischen Einordnung sowie den vielfältigen Ursachen von Anorexia und Bulimia nervosa, um daraus abgeleitete pädagogische und präventive Ansätze für den schulischen Kontext zu entwickeln.
- Diagnostik von Essstörungen gemäß DSM IV und ICD 10
- Einfluss gesellschaftlicher Schönheitsideale auf das Essverhalten
- Analyse familiärer Interaktionsmuster und deren psychologische Bedeutung
- Körperwahrnehmung und Identitätsbildung bei Betroffenen
- Interventions- und Präventionsstrategien in der schulischen Jugendarbeit
Auszug aus dem Buch
2.3 Körperwahrnehmung und –identität der Betroffenen
Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, die eigene Wahrnehmung des Körpers, spielt für die Entstehung einer Essstörung eine entscheidende Rolle.
Hilde Bruch beschreibt das Konzept der Körperwahrnehmung anorektischer Frauen als das Gefühl der Betroffenen, „den Körper (...) besitzen (...) (und) unter Kontrolle (...) haben (zu wollen)“ (2001, 116). Diesen Aspekt, das „Gefühl von (absoluter) Kontrolle (...) über den Körper und seine(n) Bedürfnissen“ (2001, 31), betont auch Helga Buchholz. Sie spricht von einer „aktive(n) Maßnahme“ dieser Kinder sich meist während der Zeit der Pubertät von ihren Eltern abgrenzen zu wollen: „Eine Gewichtszunahme (würde) Autonomiegefühle zerstören und befürchtete Entfremdungsgefühle und Unsicherheit heraufbeschwören“ (2001, 32). Im Gegensatz zu der allgemeinen Annahme, anorektische Frauen wollen schlank und damit attraktiv sein, betont Helga Buchholz das Wissen der anorektischen Frauen um ihren „dürre(n), kachektische(n) Körper, der ihnen ein stabileres Identitätsgefühl gibt“ (2001, 32), „ihr Ideal (ist dabei) nicht das einer sexuell attraktiven Frau“ (2001, 31). Dabei erleben die betroffenen Frauen „ihr Symptomverhalten als ich – synton, für sie (besteht) kein Widerspruch zwischen Selbstbild und Selbsterleben, sie erleben sich authentisch“ (2001, 142).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung erläutert die Motivation der Autorin, sich im Rahmen eines Seminars zur Kinder- und Jugendpsychiatrie vertieft mit den Ursachen und der Prävention von Essstörungen auseinanderzusetzen.
1. Diagnostik und Klassifikation: Dieses Kapitel definiert Anorexia und Bulimia nervosa basierend auf DSM-IV und ICD-10 Kriterien und beleuchtet die gravierenden physischen Langzeitfolgen.
2. Ursachen für die Entsehung einer Anorexia nervosa und Bulimia nervosa: Die Arbeit untersucht hier die komplexe Interaktion zwischen gesellschaftlichem Druck durch Schlankheitsideale, familiären Kommunikationsmustern und der individuellen Identitätsbildung.
3. Präventive Maßnahmen: Hier werden schulische Interventionsmöglichkeiten diskutiert, die auf einer Kompetenzerweiterung junger Menschen und einer interdisziplinären Zusammenarbeit basieren.
4. Abschließende Stellungnahme: Die Autorin resümiert, dass Prävention zwar keine Essstörungen heilen kann, aber durch Stärkung des Körperbewusstseins und Aufklärung einen wertvollen Beitrag zur Gesundheitsförderung leistet.
Schlüsselwörter
Essstörungen, Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Körperwahrnehmung, Identität, Familie, Prävention, Schulische Gesundheitsförderung, Psychosomatik, Schlankheitskult, Sozialisationsinstanz, Jugendpsychiatrie, Magersucht, Bulimie, Diagnosekriterien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entstehungsbedingungen von Essstörungen wie Anorexia und Bulimia nervosa und diskutiert Möglichkeiten der Prävention im schulischen Bereich.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die klinische Diagnostik, psychosoziale Ursachen in der Familie und Gesellschaft sowie erprobte präventive Ansätze für Lehrkräfte und Jugendarbeiter.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Auslöser von Essstörungen zu schaffen, um daraus effektive Strategien für die präventive Arbeit mit Heranwachsenden abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse relevanter Fachliteratur, aktueller Studien sowie klassischer Klassifikationssysteme wie ICD 10 und DSM IV.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine diagnostische Einordnung, eine detaillierte Ursachenanalyse (gesellschaftlich/familiär) und eine Diskussion über schulische Interventionsmöglichkeiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Essstörungen, Körperidentität, Sozialisationsinstanz Familie, Schlankheitsideal und präventive Gesundheitsförderung.
Warum spielt das familiäre Umfeld bei der Entstehung eine so große Rolle?
Die Autorin hebt hervor, dass die Familie als primäre Sozialisationsinstanz durch spezifische Muster wie Konfliktvermeidung oder hohe Leistungserwartungen Autonomiekonflikte bei Jugendlichen verstärken kann.
Wie unterscheiden sich Anorexie und Bulimie in der Körperwahrnehmung?
Während anorektische Frauen ihren Körper oft zur Kontrolle und Identitätssicherung nutzen, dient der Körper bei Bulimikerinnen eher der Demonstration eines gesellschaftlich internalisierten Schönheitsideals, was oft in einen Kreislauf aus Kontrollverlust und Schuldgefühlen führt.
- Citation du texte
- Anika Schmidt (Auteur), 2002, Essstörungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10398