Sprechen ist Handeln: Die Sprechakttheorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

28 Seiten


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Inhalt

1. Einleitung

2. Grundlagen der Sprechakttheorie
2.1 Die Anfänge bei Wittgenstein und Austin
2.2 Die Weiterentwicklung durch Searle
2.3 Klassifikation von Sprechakten

3. Indirekte Sprechakte
3.1 Grices Konversationsmaximen
3.2 Funktionsweise indirekter Sprechakte

4. Exkurs: Metaphern

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

„Worin besteht die Beziehung von Wörtern zur Welt?“ (Searle, 1997: 11) - mit dieser Frage beginnt John R. Searles sprachphilosophischer Essay Sprechakte. Searle wirft darin die Frage nach der Bedeutung von Wörtern, genauer nach der Beziehung zwischen Wörtern und ihrer Bedeutung auf.

In der Praxis unterscheidet sich das Gemeinte oft vom Gesagten. Daher ist es aufschlussreich zu untersuchen, wie das Gemeinte mit der wörtlichen Bedeutung des Gesagten zusammenhängt. Worin unterscheidet sich z. B. eine Folge von Wörtern ohne Bedeutung von einer Folge von Wörtern mit Bedeutung (Searle, 1997: 11)?

Von Interesse in diesem Zusammenhang ist auch die Problematik des Verhältnisses zwischen Wörtern und ihrer Bedeutung bei nicht-wörtlichen Äußerungen, wie z. B. Metaphern oder indirekten Aufforderungen. Wie kann es sein, dass auch nicht-wörtliche Äußerungen verstanden werden?

Da die Sprechakttheorie ihren Ursprung in der Philosophie hat, ist sie im Bereich der Sprachphilosophie anzusiedeln. Sie beschäftigt sich weniger mit bestimmten Sprachen als mit allgemeinen Merkmalen von Sprache. Die Beispiele in dieser Arbeit dienen der Verdeutlichung von Phänomenen, die sprachenübergreifend sind.

Die Terminologie zu diesem Thema ist unterschiedlich, manche Autoren sprechen von Sprecher und Hörer, manche von Ä uß erer und Adressat. Ebenso werden in einigen Quellen die einzelnen Teilakte des Sprechakts als lokutionär, illokutionär und perlokutionär bezeichnet, während anderswo die Begriffe lokutiv, illokutiv und perlokutiv verwendet werden. In der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe Sprecher und Adressat sowie lokutionär, illokutionär und perlokutionär verwendet.

2. Grundlagen der Sprechakttheorie

2.1 Die Anfänge bei Wittgenstein und Austin

Noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts herrschte in philosophischen Kreisen die Meinung vor, „dass ein Satz, wenn er nicht wenigstens prinzipiell verifiziert werden kann (d. h. auf wahr bzw. falsch geprüft), streng gesprochen bedeutungslos sei“ (Levinson, 1994: 228).

Nach diesem Grundsatz des so genannten logischen Positivismus sollte somit ein großer Teil der alltäglichen Äußerungen bedeutungslos sein. Dieser Annahme widerspricht der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein, der ursprünglich Anhänger des logischen Positivimus war, in seinen Philosophischen Untersuchungen. Er stellt die These „Bedeutung ist Gebrauch“ auf, und ist der Meinung, dass man Äußerungen nur dann auslegen könne, wenn man auch die Aktivitäten oder Sprachspiele, in denen sie geäußert werden, betrachte. (Levinson, 1994: 228)

Der englische Philosoph John L. Austin greift 1962 diese Thematik auf (Bußmann, 1990: 726). Er nennt die Annahme, dass Sprache den ausschließlichen Zweck habe, über die Welt zu reden, den deskriptiven Fehl schluss (Grewendorf/Hamm/Sternefeld, 1994: 381).

Austin zeigt auf, dass es nicht nur konstative Ä uß erungen (auch Konstative genannt) gibt, die einen Sachverhalt feststellen, wie z. B.

(1) Die Kühlschranktür ist offen.

Daneben existieren auch solche Äußerungen, die zwar grammatisch die gleiche Form wie konstative Äußerungen haben, mit denen der Sprecher die Tatsachen aber genau genommen nicht feststellt, sondern sie mittels dieser Äußerung erst aktiv schafft (Grewendorf/Hamm/Sternefeld, 1994: 381). Ein Beispiel für performative Äußerungen ist

(2) Ich taufe dich auf den Namen MS Treibgut.

Wenn jemand einen Satz wie (2) äußert, stellt er nicht fest, dass er tauft, sondern er tauft. Nach der Äußerung dieses Satzes „ist die Welt wesentlich verändert“ (Levinson, 1994: 229), das Schiff trägt von nun an den Namen MS Treibgut.

Austin nennt diese Äußerungen, mit denen man eine Handlung vollzieht, performative Ä uß erungen oder Performative. Diese unterteilt er noch einmal in explizite und implizite Performative (Grewendorf/Hamm/ Sternefeld, 1994: 382). Explizit performative Äußerungen sind daran erkennbar, dass ein so genanntes performatives Verb verwendet wird. Performative Verben sind u. a. versprechen, warnen, taufen und befehlen. Sie geben explizit zu erkennen, welche Handlung mit der betreffenden Äußerung vollzogen wird (Grewendorf/Hamm/Sternefeld, 1994: 383). Als Beispiel eignet sich

(3) Ich verspreche dir, dass ich die Kühlschranktür nicht mehr offen lassen werde.

Implizite Performative beinhalten dagegen kein performatives Verb. Welche Handlung vollzogen wird, ergibt sich aus den Äußerungsumständen. Implizite Performative sind in explizite Performative mit entsprechendem performativen Verb umformbar. Auch hierfür ein Beispiel:

(4) Ich werde die Kühlschranktür nicht mehr offen lassen. (implizit)

(5) Ich verspreche dir, dass ich die Kühlschranktür nicht mehr offen lassen werde. (explizit)

Austin stellt fest, dass Performative sowohl scheitern als auch gelingen können (Levinson, 1994: 230). Das Versprechen in (4) und (5) würde unter bestimmten Bedingungen scheitern, z. B. wenn ich gar nicht vorhätte, die Kühlschranktür nicht mehr offen zu lassen, wenn niemand da wäre, an den das Versprechen gerichtet ist, oder wenn der Adressat des Versprechens kein Interesse daran hätte, dass ich die Kühlschranktür nicht mehr offen lasse. Ein solches Misslingen nennt Austin einen Unglücksfall.

Aus dieser Erkenntnis leitet Austin folgende Typologie von Bedingungen für das Glücken ab, die er Gelingensbedingungen nennt (Levinson, 1994: 230):

A. (i) Es muss ein übliches konventionelles Verfahren mit einem bestimmten konventionellen Ergebnis geben
(ii) Die betroffenen Personen und Umstände müssen angemessen sein, wie in dem Verfahren spezifiziert

B. Alle Beteiligten müssen das Verfahren (i) korrekt und (ii) vollständig durchführen

C. Oft müssen (i) die Personen die verlangten Gedanken, Gefühle und Intentionen hegen, die das Verfahren spezifiziert, und (ii) wenn ein besonderes Verhalten spezifiziert ist, müssen die relevanten Parteien sich danach richten

In einer Vorlesungsreihe, die erst nach seinem Tode unter dem Titel How to do things with wo rds (dt.: Zur Theorie der Sprechakte) veröffentlicht wurde, bemüht sich Austin um „eine systematische Darstellung dessen, was wir tun, wenn wir sprechen“ (Bußmann, 1990: 726). Er gelangt zu der Überzeugung, dass ein Sprecher mit jeder Äußerung mehrere Akte ausführt, die zusammen das ergeben, was er einen Sprechakt nennt.

Über einige gedankliche Zwischenstufen, auf die hier nicht im Einzelnen eingegangen wird, kommt Austin zu einer Aufteilung dieses Sprechakts in die folgenden drei Teilakte:

a) lokutionärer Akt (Lokution),
b) illokutionärer Akt (Illokution) und
c) perlokutionärer Akt (Perlokution) (Levinson, 1994: 236).

Die drei Akte a) bis c) werden mit jeder Äußerung simultan vollzogen. Zunächst muss man das, was man äußert, sagen. Dieses „Etwas-Sagen“ (Grewendorf/Hamm/Sternefeld, 1994: 386) kann schriftlich oder mündlich, beispielsweise in Form eines Satzes geschehen (Löbner, 2000: 6-8).

Austin nennt dies den lokutionären Akt, der sich wiederum aus phonetischem Akt (Äußerung von Sprachlauten), phatischem Akt (Äußerung von Worten in bestimmter grammatischer Struktur) und rhetischem Akt (etwas über etwas aussagen) zusammensetzt. (Bußmann, 1990: 727)

Der illokutionäre Akt besteht darin, dass der Sprecher mittels dieser Äuße- rung einen bestimmten Sprechakt-Typ vollzieht, z. B. etwas versprechen oder sich entschuldigen. Das Ergebnis des illokutionären Aktes ist, dass jede Äußerung eine bestimmte illokutionäre Rolle inne hat, die sich aus Äußerung und Äußerungssituation ergibt (Grewendorf/Hamm/Sternefeld, 1994: 387).

Eine Äußerung wie beispielsweise

(6) Auf Mallorca machen in der Nebensaison viele Kegelclubs Urlaub.

kann verschiedene illokutionäre Rollen haben. Welche das ist, hängt von den Äußerungsumständen ab.

Dem Mitglied eines Kegelclubs kann man Mallorca mittels dieser Äußerung als Urlaubsziel empfehlen, den Angestellten eines Reisebüros kann man mit dieser Äußerung über Mallorca informieren, und den Ruhe suchenden Urlauber kann man mit der Äußerung von (6) davor warnen, auf Mallorca in der Nebensaison Urlaub zu machen.

Der perlokutionäre Akt besteht schließlich darin, dass der Sprecher, indem er die Äußerung ausspricht und damit diesen Sprechakt vollzieht, eine bestimmte Wirkung auf den Adressaten ausübt, die sich aus den Äußerungsumständen ergibt und nicht konventionell festgelegt ist (Löbner, 2000: 6-8).

Typische perlokutionäre Akte sind: jemanden von etwas überzeugen, jemanden zu etwas überreden. Sie sind der kausale Effekt der Äußerung, d. h. die Gefühle oder Gedanken, die beim Adressaten ausgelöst werden. Der perlokutionäre Akt ist vollzogen, wenn die Äußerung beim Adressaten eine gewisse Wirkung hervorgerufen hat. Der Sprecher hat den Adressaten z. B. von etwas abgehalten, wenn der Adressat etwas Bestimmtes nicht tut, obwohl er es vorhatte. (Grewendorf/Hamm/Sternefeld, 1994: 388)

Illokutionäre Akte können im Gegensatz zu perlokutionären Akten kraft einer Sprachkonvention vollzogen werden. Bei der Betrachtung der folgenden Beispielsätze

(7) Hiermitüberrede ich dich, mir beim Umzug zu helfen.

(8) Hiermit bitte ich dich, mir beim Umzug zu helfen.

fällt auf, dass der perlokutionäre Akt jemanden zu etwas überreden mit der Äußerung von (7) noch nicht vollzogen ist. Nur mit der Äußerung des Satzes hat der Sprecher den Hörer nicht überredet. Indem der Sprecher jedoch (8) äußert, hat er den Adressaten hingegen darum gebeten, der illokutionäre Akt, jemanden um etwas bitten, ist mit der Äußerung des Satzes vollzogen.

2.2 Die Weiterentwicklung durch Searle

Der US-amerikanische Sprachwissenschaftler John R. Searle hat Austins Sprechakttheorie systematisiert und zum Teil gestrafft (Levinson, 1994: 238). Zunächst kritisiert er, dass in Austins rhetischem Akt bereits Bestandteile der illokutionären Rolle enthalten sind, sodass er 1968 eine neue Struktur des Sprechaktes präsentiert (Grewendorf/Hamm/ Sternefeld, 1994: 389):

a) Äuß erungsakt

Er besteht aus Austins phonetischem und phatischem Akt; sprachliche Elemente werden in bestimmter grammatischer Ordnung artikuliert.

b) propositionaler Akt

Er ist der verselbstständigte rhetische Akt und setzt sich zusammen aus Referenz (Bezugnahme auf Objekte der außersprachlichen Welt) und Prädikation (Zusprechen von Eigenschaften).

c) illokutionärer Akt

Er entspricht Austins illokutionärem Akt und zeigt die kommunikative Funktion des Sprechakts an.

d) perlokutionärer Akt

Er entspricht Austins perlokutionärem Akt und zeigt die intendierte Wirkung des Sprechakts an.

Searle stellt weiter fest, dass es „für jeden Typ eines illokutionären Akts [...] Bedingungen [gibt], die für den erfolgreichen und geglückten Vollzug des Akts notwendig sind“ (Searle, 1998: 64). Zu diesem Zweck stellte er eine Reihe von notwendigen und hinreichenden Bedingungen auf, die sich aus Austins Gelingensbedingungen bzw. deren Schwächen ergeben (Grewendorf/Hamm/Sternefeld, 1994: 390 f.):

a) normale Eingabe- und Ausgabebedingungen

Dies sind die Bedingungen für ein sinnvolles Sprechen und Verstehen; Sprecher und Adressat müssen z. B. die selbe Sprache sprechen.

b) Bedingungen des propositionalen Gehalts

Die Proposition (sachlicher Inhalt der Äußerung ohne illokutionäre Rolle) wird bezüglich der Besonderheit des jeweiligen illokutionären Aktes untersucht; ein Versprechen muss sich z. B. auf etwas Zukünftiges beziehen.

c) Einleitungsbedingungen

Sie beziehen sich auf die Grundvoraussetzungen für den jeweiligen Akt; der Sprecher kann z. B. nichts versprechen, auf das er keinen Einfluss hat. Außerdem muss der jeweilige Akt einen Sinn und Zweck haben; der Sprecher kann dem Adressaten z. B. nichts versprechen, auf das dieser keinen Wert legt.

d) Aufrichtigkeitsbedingung

Sie setzt voraus, dass der Sprecher die Gefühle oder Absichten, die die jeweilige Äußerung voraussetzt, tatsächlich hat. Der Sprecher kann z. B. nichts versprechen, das er gar nicht vorhat zu tun.

e) wesentliche Bedingung

Hier wird die Natur des jeweiligen illokutionären Aktes bestimmt; mit einem Versprechen verpflichtet sich der Sprecher z. B. zur Ausführung einer bestimmten Handlung.

f) bedeutungstheoretische Bedingung

Sie bezieht sich darauf, dass die jeweilige Äußerung den entspre- chenden illokutionären Akt auf Grund von Sprachkonventionen vollzieht.

In der folgenden Tabelle werden für eine Bitte und ein Versprechen einige dieser Bedingungen konkretisiert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Searle, 1998: 65)

2.3 Klassifikation von Sprechakten

Sowohl Austin als auch Searle arbeiten mit ihren Überlegungen zur Sprechakttheorie auf ein Ziel hin: eine Klassifikation von Sprechakten. Austins Vorschlag für eine solche Klassifikation sieht so aus, dass er die Sprechakte mittels illokutionärer Verben (Verben, die illokutionäre Akte bezeichnen) hinsichtlich ihrer illokutionären Rolle in fünf Klassen unterteilt (Grewendorf/Hamm/Sternefeld, 1994: 391).

Die erste Klasse bezeichnet die Verdiktiva. Mit Äußerungen dieser Art „entscheidet man über eine Werte oder Tatsachen betreffende Frage, über die sich nur schwer Gewissheit erlangen lässt“ (Grewendorf/Hamm/ Sternefeld, 1994: 391 f.), wie dies bei Gerichtsurteilen oder Schiedsrichter- entscheiden der Fall ist. Beispiele hierfür sind: einschätzen, schuldig sprechen.

Die Exerzitiva bilden die zweite Klasse. Mit ihrer Hilfe „übt man Macht, Rechte oder Einfluss aus“ (Grewendorf/Hamm/Sternefeld, 1994: 392). Im Gegensatz zur ersten Klasse drücken Exerzitiva nicht aus, wie etwas ist, sondern wie etwas sein sollte. Auch hierfür einige Beispiele: bitten, empfehlen.

Die dritte Klasse, die Kommissiva, dient dazu, den Sprecher auf bestimmte Handlungen festzulegen. Versprechen, garantieren sind Beispiele für kommissive Äußerungen.

Um Einstellungen und das Verhalten in der Gesellschaft dreht sich die vierte Klasse, die Konduktiva. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, seine Einstellungen zum Verhalten anderer oder dem eigenen Verhalten bzw. seine Reaktion darauf auszudrücken. Beispiele sind: gratulieren, sich entschuldigen.

Die fünfte Klasse beinhaltet die so genannten Expositiva, welche die Funktion der Äußerung innerhalb einer Unterhaltung festlegen. Typische expositive Akte sind einräumen, behaupten, antworten.

Searle ist mit dieser Klassifikation nicht einverstanden, weil sie seiner Meinung nach nicht illokutionäre Akte, sondern illokutionäre Verben unterteilt. Er führt an, dass zwei Verben mit unterschiedlicher Bedeutung den selben illokutionären Akt bezeichnen können. Verkünden und antworten seien demnach illokutionäre Verben, die nicht einen bestimmten illokutionären Akt bezeichnen, „sondern vielmehr die Art und Weise, auf die ein illokutionärer Akt vollzogen wird“. (Grewendorf/Hamm/Sternefeld, 1994: 392).

Da Searle davon ausgeht, dass illokutionäre Akte Bestandteile von Sprache im Allgemeinen sind, illokutionäre Verben hingegen Bestandteile einzelner Sprachen, sieht seine Klassifikation folgendermaßen aus (Grewendorf/Hamm/Sternefeld, 1994: 393):

Seine erste Klasse sind die Repräsentativa, wie z. B. behaupten, feststellen, beschreiben. Sie legen den Sprecher darauf fest, „dass etwas Bestimmtes der Fall ist“. (Grewendorf/Hamm/Sternefeld, 1994: 393 f.).

Die zweite Klasse beschreibt die Direktiva, wie z. B. befehlen, raten, erlau- ben. Mit ihrer Hilfe versucht der Sprecher, den Hörer dazu zu bringen, etwas zu tun.

Die dritte Klasse der Kommissiva beinhaltet illokutionäre Akte wie drohen, versprechen, ankündigen. Sie sollen den Sprecher zu einem Verhalten in der Zukunft verpflichten.

Die Expressiva der vierten Klasse drücken aus, welche psychische Einstellung der Sprecher zu einem Sachverhalt hat. Beispiele hierfür sind gratulieren, sich entschuldigen, danken.

Die fünfte und letzte Klasse bilden die Deklarativa. Sie hängt meist von der Existenz außersprachlicher Institutionen ab. Mit ihrer Hilfe sollen sofortige Veränderungen am derzeitigen Zustand bewirkt werden. Auch hierzu einige Beispiele: taufen, kündigen, heiraten.

3. Indirekte Sprechakte

Neben Äußerungen, mit denen wörtlich das gemeint wird, was gesagt wird, gibt auch solche, bei denen dies nicht so ist: die so genannten indirekten Sprechakte. Um zu erklären, wie diese funktionieren, reicht die Sprechakt- theorie alleine nicht aus, es müssen auch andere Kommunikations- bzw. Konversationstheorien, wie z. B. die von Grice, herangezogen werden.

3.1 Grices Konversationsmaximen

Der englische Philosoph Herbert Paul Grice entwickelt eine Theorie, die sich mit der Art und Weise befasst, wie Menschen die Sprache benutzen. Er geht davon aus, dass Kommunikation mit kooperativem Handeln gleichzusetzen ist, und dass es hauptsächlich darum geht, Verständigung zu erreichen (Linke/Nussbaumer/Portmann, 1991: 196).

Nach Grice gibt es eine Reihe von Anforderungen an effektive Kommunikation, die er in seinen Konversationsmaximen formuliert. Diese Maximen sollen „spezifizieren, was die Gesprächsteilnehmer tun müssen, um Gespräche maximal effizient, rational, kooperativ zu führen: sie sollen aufrichtig, relevant und klar sprechen und dabei hinreichende Informationen liefern“ (Levinson, 1994: 105).

Die vier Maximen und das ihnen zu Grunde liegende Kooperationsprinzip sehen folgendermaßen aus (Levinson, 1994: 104):

A. Das Kooperationsprinzip

Gestalte deinen Beitrag zur Konversation so, wie es die gegenwärtig akzeptierte Zweckbestimmung und Ausrichtung des Gesprächs, an dem du teilnimmst, erfordert

B. Die Qualitätsmaxime

Versuche deinen Beitrag wahr zu gestalten, genauer:

(i) sage nichts, was du für falsch hältst
(ii) sage nichts, wofür du keinen Beweis hast

C. Die Quantitätsmaxime

(i) Gestalte deinen Beitrag so informativ wie für die gegenwärtige Zweck- bestimmung des Gesprächs nötig
(ii) Gestalte deinen Beitrag nicht informativer als nötig

D. Die Relevanzmaxime

Sei relevant

E. Die Maxime der Art und Weise Sei klar, und genauer:

(i) vermeide Unklarheit
(ii) vermeide Mehrdeutigkeit
(iii) fasse dich kurz
(iv) sei methodisch

Bei einer Konversation gehen die Beteiligten davon aus, dass alle sich an diese Maximen halten. So ist es zu erklären, dass auch auf den ersten Blick irrelevante Äußerungen in eine relevante Beziehung zur Konversation gesetzt werden. Der oder die Adressaten einer Äußerung setzen voraus, dass der Sprecher kooperativ ist und einen relevanten Beitrag zum Gespräch liefert. Beispielhaft sei hier angeführt:

(9) Du siehst müde aus.

(10) Meine Nachbarn haben sich wieder die halbe Nacht gestritten.

In der Annahme, dass die Äußerung (10) für die Unterhaltung relevant ist, wird der Adressat versuchen, sie in Beziehung zu (9) setzen. Er wird wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass der Streit der Nachbarn des Sprechers der Grund für die Müdigkeit desselben ist. Auf ähnliche Weise funktionieren auch indirekte Sprechakte, was im folgenden erläutert werden soll.

3.2 Funktionsweise indirekter Sprechakte

Zur Bestimmung des illokutionären Aktes einer Äußerung ist es oft notwendig, die Äußerungssituation zu betrachten. Besonders bei implizit performativen Äußerungen (vgl. 2.1) ist der Kontext zur korrekten Interpretation der Äußerung wichtig, da hier - anders als bei explizit performativen Äußerungen - kein performatives Verb vorhanden ist, das die illokutionäre Rolle angibt.

Die Bestimmung des illokutionären Akts ist besonders bei indirekten Sprechakten schwierig, da hier teilweise sogar etwas anderes gesagt wird als gemeint ist, auf jeden Fall aber mehr gemeint ist als gesagt wird.

Man könnte sich eine Situation vorstellen, in der Sprecher und Adressat - beide Raucher - gemeinsam am Tisch sitzen und der Adressat sein Feuerzeug vor sich auf dem Tisch liegen hat. Der Sprecher möchte rauchen, steckt sich eine Zigarette in den Mund und fragt

(11) Hast du mal Feuer?

Die Frage (11) ist im alltäglichen Gebrauch normalerweise nicht so zu verstehen, dass der Sprecher nur wissen möchte, ob der Adressat Feuer hat. Vielmehr verbirgt sich hinter dieser Frage die Bitte oder die Aufforderung des Sprechers, ihm Feuer zu geben.

Betrachtet man die Einleitungsbedingung von Searle, kann man sagen, dass der Sprecher zunächst mithilfe der Frage in (11) prüfen will, ob die Einleitungsbedingung für eine Bitte um Feuer erfüllt sind, nämlich ob der Adressat im Besitz von Feuer ist.

Es ist inzwischen zu einer Konvention geworden, dass man die eigentliche Bitte nicht formulieren muss. Der Adressat wird die Frage normalerweise als Bitte verstehen. Searle formuliert es so: „Der Sprecher möchte den Hörer wissen lassen, dass ihm gegenüber eine Bitte geäußert worden ist, und er will den Hörer dies dadurch wissen lassen, dass er ihn seine Absicht erkennen lässt, ihn dies wissen zu lassen.“ (Searle, 1998: 51).

Dies ist ein typisches Beispiel dafür, dass ein illokutionärer Akt - hier eine Bitte - indirekt mittels eines anderen - hier einer Frage - vollzogen wird. Searle ist der Meinung, dass das Phänomen indirekte Sprechakte mithilfe eines theoretischen Apparates, bestehend aus gemeinsamen Hintergrund- informationen von Sprecher und Adressat, einer Sprechakttheorie sowie gewissen allgemeinen Prinzipien der Konversation, erklärt werden kann.

Die praktische Anwendung dieses Apparates auf das Beispiel (11) würde besagen, dass der Adressat folgende Schlussfolgerungen aus der Äußerung zieht (Searle, 1998: 66):

1. Annahmeüber das Gespräch

Der Sprecher hat mir eine Frage gestellt. Er fragt, ob ich Feuer besitze.

2. Prinzipien der konversationalen Kooperation

Ich kann davon ausgehen, dass der Sprecher im Rahmen des Gesprächs kooperativ ist. Seine Äußerung muss also einen Sinn haben.

3. Inhaltliches Hintergrundwissen

Es gibt augenscheinlich keinen Grund, dass der Sprecher theoretisch daran interessiert ist, ob ich im Besitz von Feuer bin.

4. Inhaltliches Hintergrundwissen

Der Sprecher weiß, dass ich Feuer habe, da es vor ihm auf dem Tisch liegt.

5. Folgerung aus 1. - 4.

Also denke ich, dass seine Äußerung nicht als Frage gemeint war und sie daher eine andere illokutionäre Rolle haben wird. Welche könnte das sein?

6. Sprechakttheorie

Eine Einleitungsbedingung für Bitten ist, dass der Adressat in der Lage sein muss, die vom Sprecher gewünschte Handlung zu vollziehen.

7. Folgerung aus 1. und 6.

Wenn ich die Frage mit ja beantworte, wäre damit die Einleitungsbedingung für eine Bitte um Feuer erfüllt. Wenn ich Feuer besitze, bedeutet das, dass ich ihm Feuer geben kann.

8. Inhaltliches Hintergrundwissen

Der Sprecher möchte rauchen. Dafür braucht er Feuer, um die Zigarette anzuzünden.

9. Folgerung aus 7. und 8.

Davon ausgehend, dass der Sprecher auf die Einleitungsbedingung für eine Bitte hindeutet, möchte er wohl, dass ich die Befolgungsbedingungen seiner Bitte erfülle.

10. Folgerung aus 5. und 9.

Ein anderer Zweck für seine Äußerung fällt mir nicht ein, also bittet er mich wahrscheinlich um Feuer.

Searle selbst bemerkt, dass der Hörer diese Überlegungen in einer normalen Unterhaltung nicht bewusst anstellt, sondern die Frage sofort als Bitte wahrnimmt (Searle, 1998: 67).

Searles Untersuchungen zu indirekten illokutionären Akten richten sich verstärkt auf die Direktiva (siehe 3.2). In der alltäglichen Konversation werden Imperativ-Äußerungen meist durch Direktiva ersetzt:

(12) Mach ‘ die Zigarette aus.

(13) Würde es dir etwas ausmachen, im Auto nicht zu rauchen?

Die Äußerung von (12) wäre - in einer normalen Konversation geäußert - unhöflich, wenn nicht beleidigend. Der Sprecher würde eher eine Formulierung wie (13) wählen, da dies zwar die selbe Illokution wie (12) hat, jedoch innerhalb der Grenzen der Höflichkeit liegt. Searle sieht Höflichkeit als das Leitmotiv für Indirektheit bei den Direktiva an (Searle, 1998: 57).

4. Exkurs: Metaphern

Indirekte Sprechakte sind nur ein Beispiel dafür, dass es möglich ist, eine Äußerung zu tätigen, die nicht wörtlich gemeint ist, und diese vom Adressaten trotzdem verstanden wird. Ein weiteres Beispiel für nicht-wörtlichen Sinn sind Metaphern.

Metaphern sind Äußerungen, die nicht wörtlich zu verstehen sind. Sie sind „sprachliche Bilder, die auf einer Ähnlichkeitsbeziehung zwischen zwei Gegenständen bzw. Begriffen beruhen, d. h. auf Grund gleicher oder ähnlicher Bedeutungsmerkmale findet eine Bezeichnungsübertragung statt“ (Bußmann, 1990: 484). Ein Beispiel für eine solche Bezeichnungsübertragung ist:

(14) Ich kann nicht mit ins Kino gehen - meine Bügelwäsche ruft.

Selbstverständlich kann Bügelwäsche nicht „rufen“, da das Verb „rufen“ laut Wörterbuch „laut, mit weit tragender Stimme aussprechen“ (Wahrig, 2001) bedeutet und sich auf Menschen und allenfalls noch auf Tiere bezieht.

In (14) wird dieser Begriff auf einen leblosen Gegenstand übertragen. Um die Äußerung zu verstehen, muss der Adressat sie interpretieren. Dafür muss er die Gebrauchsregeln der einzelnen Wörter und die zugehörige Syntax kennen, um zunächst die Bedeutung des Satzes zu erfassen. Erst danach kann er überlegen, was es konkret heißen könnte, wenn Bügelwäsche die Fähigkeit des Rufens zugesprochen wird. (Keller, 1995: 187)

Voraussetzung für die nicht-wörtliche Interpretation einer Metapher ist, dass die Wörter die gewöhnliche Bedeutung behalten. Würde der Adressat Satz (14) so interpretieren, dass er „rufen“ beispielsweise durch „muss gebügelt werden“ ersetzt, „so hätte er den Witz der Metapher gerade zunichte gemacht“ (Keller, 1995: 187).

Die Metapher lebt davon, dass man sich die Wäsche als lebendes Wesen vorstellen soll, das ruft. Schriebe man dem Verb „rufen“ von vornherein seine metaphorische Bedeutung zu, und nicht die wörtliche, müsste man die Äußerung wörtlich interpretieren, um zu der selben Deutung zu kommen.

5. Fazit

Die vorliegende Arbeit zeigt auf, dass wir beim Sprechen mehr tun, als Wörter oder Sätze äußern. Mit (fast) jeder Äußerung vollziehen wir gleichzeitig eine Handlung. In der alltäglichen Kommunikation sind wir uns dessen nicht bewusst, dennoch machen sich Sprecher und Adressat diese Tatsache zu Nutzen.

Austin und Searle liefern eine Theorie, die die einzelnen Prozesse der Sprechhandlung aufdeckt und systematisiert. Diese so genannte Sprech- akttheorie erlaubt einen Einblick in die Vielschichtigkeit der sprachlichen Kommunikation, unter anderem indem sie herausarbeitet, unter welchen Bedingungen Kommunikation erfolgreich ist und unter welchen nicht.

Es wird deutlich, dass es mehr als der alleinigen Kenntnis der Worte und der Syntax bedarf, um in der alltäglichen Kommunikation verstanden zu werden und zu verstehen. Die Fähigkeit zu interpretieren ist unerlässlich, zumal eine Äußerung meist mehr ausdrückt, als es bei einer wörtlichen nterpretation scheint.

Obwohl die Sprechakttheorie das Grundgerüst zur Untersuchung von Kommunikation darstellt, kann sie die komplexen Prozesse, die im Rahmen von Kommunikation ablaufen, nicht erschöpfend erklären. Insbesondere die Tatsache, dass die Sprechakttheorie sehr stark auf einzelne Sätze beschränkt ist, erschwert die Übertragung auf die alltägliche Konversation. Diese setzt sich meist aus längeren Äußerungen, die aus mehreren Sätzen bestehen, zusammen. Ein Redeschwall aus vielen Sätzen kann eine einzige Illokution oder Perlokution haben. Diese Tatsache findet in der Sprachakttheorie keine Beachtung.

Insbesondere die indirekten Sprechakte lassen sich erst im Zusammenspiel mit anderen Theorien, wie z. B. Grices Konversationsmaximen, erklären. Die Grundannahme, dass Kommunikation gleichzusetzen ist mit kooperativem Handeln, liefert eine Erklärung dafür, dass indirekte Sprechakte innerhalb der alltäglichen Konversation verstanden bzw. interpretiert werden können. Die Sprechakttheorie alleine könnte diese Erklärung nicht liefern, da sie sehr stark auf den Sprecher und seine Absichten fixiert ist, und dabei die Prozesse beim Adressaten vernachlässigt.

6. Literatur

Bußmann, Hadumod (1990): Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart: Kröner.

Grewendorf, Günter/Hamm, Fritz/Sternefeld, Wolfgang (1994): Sprachliches Wissen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Keller, Rudi (1995): Zeichentheorie. Tübingen; Basel: Francke.

Levinson, Stephen C. (1994): Pragmatik. Tübingen: Niemeyer.

Linke, Angelika/Nussbaumer, Markus/ Portmann, Paul R. (1991): Studienbuch Linguistik. Tübingen: Niemeyer.

Löbner, Sebastian (2000): „Einführung in die Pragmatik“. Manuskript, Düsseldorf, Seminar für Allgemeine Sprachwissenschaft.

Searle, John R. (1997): Sprechakte. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Searle, John R. (1998): Ausdruck und Bedeutung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Wahrig: „Deutsches Wörterbuch“. URL: http://www.wissen.de [Stand: 23. März 2001].

28 von 28 Seiten

Details

Titel
Sprechen ist Handeln: Die Sprechakttheorie
Autor
Jahr
2001
Seiten
28
Katalognummer
V104042
Dateigröße
381 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprechen, Handeln, Sprechakttheorie
Arbeit zitieren
Isis Keller (Autor), 2001, Sprechen ist Handeln: Die Sprechakttheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104042

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