Eine soziolinguistische Analyse über den Gebrauch von Tú / Usted bei den Studenten der Universität von Bilbao


Hausarbeit, 2001

16 Seiten, Note: 2+


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1. Einleitung

Thema dieser Arbeit ist die Analyse der Wahl der entsprechenden Pronominalform der zweiten Person Singular unter besonderer Berücksichtigung des Bereiches der Soziolinguistik. Sie ist vor allem angelehnt an einer Studie von David Aguado (vgl. Aguado, 1981, 165-184). Das Hauptanliegen dieser Arbeit ist es, die Verwendungen der verschiedenen Formen der zweiten Person Singular (Tú - nicht förmliche Form und Usted - förmliche Form) bei den Studenten der Universität von Bilbao soziolinguistisch zu registrieren und zu analysieren. Diese Analyse wird in ihrer Vorgehensweise immer in Relation zu den individuellen Attributen (wie zum Beispiel Geschlecht, Alter oder Status) der entsprechenden Interaktionspartner durchgeführt. Die Arbeit basiert im wesentlichen auf einem Fragebogen, diversen Daten und verschiedenen Tabellen, auf die immer wieder Bezug genommen wird. Der Fragebogen sowie alle relevanten Daten und Tabellen befinden sich im Anhang dieser Arbeit.

Zu Beginn wird ein wissenschaftliches Konzept von Brown und Gilman diskutiert, welches bereits wichtige und sehr interessante Erkenntnisse geliefert hat, wenn es um den Gebrauch von Pronominalformen unter besonderer Berücksichtigung der soziolinguistischen Komponente geht (vgl. Brown und Gilman, 1973, 252-282). Im Hauptteil werden dann die Hypothesen, die Aguado seiner Studie zugrunde legt ausführlich und kritisch diskutiert und analysiert und immer wieder Verknüpfungen zur Arbeit von Brown und Gilman aufgezeigt.

Eine Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse und einige kritische Anmerkungen schließen die Arbeit ab.

2. Theoretischer Rahmen

2.1. Die Arbeit von Brown und Gilman

Wenn es um den Gebrauch von Pronominalformen unter besonderer Berücksichtigung der soziolinguistischen Komponente geht, haben vor allem Roger Brown und A. Gilman eine sehr interessante Forschungsreihe gestartet (vgl. Brown und Gilman, 1973, 252-282). Hierbei geht es um die Kovariation zwischen dem benutzten Pronomen und den Charakteristika beziehungsweise Beziehungen zwischen dem Sender und dem Empfänger. Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit beruht auf dem Gebrauch der semantischen Formen in Abhängigkeit der verfügbaren lexikalischen Formen einer jeden Sprache, um sich an eine einzelne Person zu wenden. Brown und Gilman unterscheiden dabei in die vertraute, bekannte Form (la familiar) und in die höfliche Form (la cort é s). Der Kern ihrer Arbeit dreht sich um ein zweidimensionales System: um die ‚semantische Macht’ und um die ‚semantische Solidarität’. Die Studie ergab nämlich, dass die Wahl der Pronominalform immer durch zwei zueinander in Beziehung stehenden Dimensionen geleitet ist. Und zwar durch die Dimension der ‚Macht’ und durch die Dimension der ‚Solidarität’. Brown und Gilman sprechen in diesem Zusammenhang von semantischen Dimensionen, damit niemand dazu geneigt ist, die Begrifflichkeiten ‚Macht’ und ‚Solidarität’ falsch zu interpretieren. Der Term Semantik bezieht sich hierbei auf die Kovariation zwischen dem gebrauchten Pronomen und dem existierenden objektiven Verhältnis zwischen dem Sender und dem Empfänger. Brown und Gilman betrachten die ‚Macht’ als die vertikale Achse der sozialen Beziehungen:

„ One person may be said to have power over another in the degree that he is able to control the behaviour of the other. Power is a relationship between at least two persons, and it is non-reciprocal in the sense that both cannot have power in the same area of behaviour. The power semantic is similarly non- reciprocal; the superior says 1 T and receives V. ” (Brown and Gilman, 1973, 259).

Demnach sagen die beiden Sprachwissenschaftler, dass eine Person über eine andere Person ‚Macht’ besitzt, in dem Maße, dass sie fähig ist, das Verhalten der anderen Person zu kontrollieren. ‚Macht’ sei eine Beziehung zwischen mindestens zwei Per- sonen, wobei nicht beide Personen eine gleichstarke ‚Macht’ ausüben können. Daraus folgt, dass die semantische Dimension ‚Macht’ nicht reziprok ist, und dass demnach der Höherstehende T sagt, aber mit V angesprochen wird. Die ‚Solidarität’ ist die horizontale Achse der sozialen Beziehungen und sie ist im Gegensatz zur Dimension der ‚Macht’ reziprok oder symmetrisch.

2.2. Methodologische Präzisionen

In der Studie von David Aguado, die im folgenden Objekt der Analyse ist, müssen einige Eingrenzungen (methodologische Präzisionen) vorgenommen werden, damit deutlich wird, dass lediglich eine kleine Gruppe von Personen Gegenstand von Aguado’s Ausarbeitungen sind.

2.2.1. Ausgewählte Gruppe

Die ausgewählte Gruppe reduziert sich auf die universitäre, studentische Gemein- schaft von Bilbao, fast ausschließlich aus der Provinz Vizcaya. Allerdings handelt es sich hierbei um eine Gruppe, die nicht als soziolinguistisch homogen angesehen werden kann.

2.2.2. Das Alter

Das Alter der Befragten bewegt sich zwischen 18 und 24 Jahren. Studenten, die ihr 25. Lebensjahr vollendet hatten, wurden ausgeschlossen, um eventuell verzerrende Faktoren zu vermeiden.

2.2.3. Die Umfrage

Aguado hat eine eigene Umfrage (siehe Anhang) ausgearbeitet, damit seine Hypo- thesen objektiv überprüft werden können. Er war der Meinung, dass seine Beobach- tungen freier von subjektiven Wertschätzungen seien, als wenn er sich auf fremde Umfragen beziehen würde. An der von ihm durchgeführten Umfrage nahmen 52 Schüler von dem Primer Curso de la Unidad de Ciencias de la Información, 43 Schüler von dem Tercero de Filolog í a Hispánica und 12 Schüler von dem Quinto Curso de Filolog í a Hispánica teil. Ebenso waren beide Geschlechter mit einge- schlossen. Mit dieser Auswahl der Schüler von dem ersten, dritten und fünften Kurs, versucht Aguado festzustellen, ob die Jahre des Aufenthaltes an der Universität die Wahl von T/V allmählich beeinflussen (vgl. Aguado, 1981, 169 f.).

3. Arbeitshypothesen

Im folgenden werden die Hypothesen, die David Aguado in seiner Studie aufgestellt hat, beschrieben und des weiteren die daraus abgeleiteten Resultate diskutiert und analysiert (vgl. Aguado, 1981, 165-184).

3.1. Hypothese A

Als erste Hypothese seiner Arbeit benennt Aguado folgende Aussage: Der Gebrauch von T/V ist mit dem Faktor des sozioberuflichen Status des Empfängers verbunden.

3.1.1. Methode der Auswertung

Um diese Hypothese objektiv überprüfbar machen zu können, bediente sich Aguado der Frage 3.1. des Fragebogens (siehe Anhang). Diese Frage wählt eine Reihe von Berufen aus, die allesamt auf drei verschiedenen Niveauebenen einer Statusskala anzusiedeln sind. Die Niveaustufe eins umfasst den Universitätslehrer, den Schriftsteller und den Arzt. Auf der zweiten befindet sich der Bankangestellte und die Fakultätssekretärin und die dritte Niveaustufe beinhaltet den Kellner und die Verkäuferin. Die einzige in diesem Falle zugelassene Variable, ist die des ‚Status’. Das Alter bleibt in allen Fällen konstant, nämlich immer so etwa um die 25 Jahre. Außerdem wurde keine Unterscheidung zwischen den Geschlechtern getroffen.

3.1.2. Resultate

3.1.2.1. Steigt der sozioberufliche Status, so steigt die Verwendung von V

Die erhaltenen Daten (vgl. Tabelle 1) belegen, dass es eine klare Tendenz im Gebrauch von T/V gibt. Es wird eher T ausgewählt für diejenigen Empfänger, die sich auf einem tieferliegenden Niveau der Statusskala befinden. Im Gegensatz dazu erhöht sich die Verwendung von V, wenn der sozioberufliche Status des Empfängers steigt. Im Grunde genommen ist diese Beobachtung Aguados nichts Außergewöhnliches. Beim genauen Interpretieren der Zahlen, kommt man aber dennoch zu einer interessanten Entdeckung. Zum einen ist es die Behandlung des 25-jährigen Universitätslehrer und zum anderen die Behandlung der Fakultätssekretärin, die von besonderem Interesse sind. Im Falle des Universitätslehrer erreicht T eine Quote von 78,84 % und 50 % im ersten beziehungsweise im fünften Kurs. Im Falle der Fakultätssekretärin erreicht T eine Quote von 88,46 %, 79,06 % und 83,33 % im ersten, dritten beziehungsweise fünften Kurs. Erstaunlicherweise zeigen hier die globalen Daten eine eher nicht erwartete Tatsache. Die Häufigkeit des Gebrauchs von T für einen Universitätslehrer ist eigentlich wesentlich stärker, als es seinem Status entsprechen sollte, denn sie ist vergleichbar mit der eines Bankangestellten. Ein ähnliches Phänomen tritt im Falle der Fakultätssekretärin zum Vorschein, bei der eine Quote von 83,61 % für den Gebrauch von T festgestellt wird. Mit diesem Wert übertrifft sie sogar diejenigen, die sich eigentlich auf der dritten Niveauebene der Statusskala befinden.

3.1.2.2. Ergebnisse bezogen auf die verschiedenen Kurse (Jahre der Universitätszugehörigkeit)

Bei der kontinuierlichen Auswertung von Aguado’s Daten, stößt man auf eine weitere interessante und interpretationswürdige Tatsache. Wenn man nämlich die Häufigkeit der Verwendungen von T/V im ersten, dritten und fünften Kurs gegenüberstellt, macht man eine zusätzliche kuriose Entdeckung. Es ist fast immer der erste Kurs, bei dem der Gebrauch von T am höchsten ist. Im dritten Kurs fällt dann diese Quote und manchmal sogar völlig rapide wie im Falle des Universitätslehrers (vgl. Tabelle 1). Betrachtet man nun aber die Quoten des fünften Kurses, so stellt man fest, dass sich die Daten wieder denjenigen Daten annähern, die sich im ersten Kurs herauskristallisiert haben.

Es tritt also eine überaus hohe Verwendung von T im ersten Kurs für einen Universitätslehrer auf. Die Erklärung für diese doch eher merkwürdig erscheinende Tatsache sucht Aguado in den bestehenden Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern in den Zentren der Enseñanza Media. Dies kann auch gleich als ein Kritikpunkt seiner Studie angesehen werden, denn er geht nicht weiter auf diese Erklärung ein. Er lässt die Aussage im Raum stehen, ohne sie anhand irgendwelcher Ausführungen zu belegen.

3.1.2.3. Der Statusfaktor verliert in Relation zu dem Faktor ‚Alter’ an Bedeutung

Ein weiteres Objekt der Interesse war für Aguado herauszufinden, was passiert, wenn der Altersfaktor verändert wird. Sprich, wenn der Empfänger einer älteren Generation als der Sender angehört (vgl. Tabelle 2, Frage 3.2. des Fragebogens). Konkret gesprochen, befinden sich die Empfänger bei dieser Auswertung so um die 40 Jahre.

Im sozioberuflichen Kontext sind sie auf den Niveauebenen eins oder drei der Statusskala anzusiedeln. Wobei sich in diesem Fall auf der Niveauebene eins der Lehrer und der Pfarrer befindet, wohingegen auf der Niveauebene drei der Friseur, der Hausmeister und die Putzfrau aufgeführt sind. Vergleicht man nun die ausgewerteten Daten der Tabelle 1 mit denen der Tabelle 2, kommt man zu einem ganz offensichtlichen Ergebnis. Die Quoten für V in der zweiten Auswertung (hier ist der Empfänger älter) steigen enorm an. Daraus folgend nimmt logischerweise die Quote für T, in Relation zur ersten Tabelle betrachtet, extrem ab. Genau an diesem Punkt gelangt Aguado zu einer weiteren entscheidenden Erkenntnis. Nämlich zu dieser, dass der Faktor ‚Status’ in Relation zu dem Faktor ‚Alter’ an Bedeutung verliert. Um dieses Phänomen zu erklären, verweist Aguado in seiner Studie auf das Vorhandensein von psychologischer Distanz. Dass der Statusfaktor in Relation zu dem Faktor ‚Alter’ an Bedeutung verliert, sei weniger auf den Faktor ‚Respekt’ oder ‚soziale Distanz’ zurückzuführen, sondern es hätte vielmehr etwas mit der psychologischen Distanz zu tun, die der Faktor ‚Alter’ in sich trägt. Auch hier kann man als objektiver Leser seiner Studie wieder Kritikpunkte ansetzen. Eindeutig belegen kann Aguado seine Erkenntnis nämlich nicht, und die Ergebnisse können sicherlich auch zu einem bedeutenden Teil auf den Faktoren ‚Respekt’ und ‚sozialer Distanz’ beruhen. Hier müsste die Studie etwas mehr ins Detail gehen, um solche Aussagen pauschalisieren zu können.

3.2. Hypothese B

Aus den eben diskutierten und analysierten Resultaten leitet David Aguado seine zweite Hypothese ab: der Gebrauch von T/V ist unmittelbar mit dem Faktor ‚Alter’ des Empfängers verbunden.

3.2.1. Methode der Auswertung

Um diese Hypothese ebenfalls wieder objektiv überprüfbar machen zu können, bezieht sich Aguado auch hier wieder auf die Frage 3 des Fragebogens (siehe Anhang). Im Gegensatz zu seiner ersten Hypothese ist hier allerdings das Alter der variable Faktor. Der Status wird konstant gehalten und das Geschlecht wird nicht berücksichtigt. Es ist in diesem Falle nicht relevant. Wie bereits gesehen, erkennt man beim Vergleichen der ersten beiden Tabellen, dass in der zweiten Tabelle (in Relation zur ersten Tabelle) die Häufigkeit des Gebrauchs von V wesentlich höher ist. Dies basierte augenscheinlich auf dem höheren Alter des Empfängers und wie es Aguado nannte, auf dem Vorhandensein einer gewissen psychologischen Distanz. Um diese Tatsache jetzt genauer beleuchten zu können, hat man eine dritte Auswertung angefertigt (vgl. Tabelle 3), die auf der Basis der Frage 2 des Fragebogens erstellt wurde.

3.2.2. Resultate

3.2.2.1. Der Sender wählt die für ihn angemessenste Variante

Betrachtet man sich die Daten der ersten drei Tabellen (siehe Anhang), kommt man zu klar erkennbaren Ergebnissen. Man kann aus diesen Daten sichtbar ableiten, dass sowohl der Faktor ‚Alter’ als auch der Faktor ‚Status’ die Wahl der Pronominalform entscheidend beeinflussen. Der Sender wählt hierbei die von seiner Rolle aus gesehen angemessenste Variante aus. Aguado sagt, dass sich dieser Auswahlvorgang fast immer im Unterbewusstsein des Senders abspielt. Allerdings können hierbei auch Schwierigkeiten auftreten, wenn zum Beispiel der Schüler wesentlich ält er als der Lehrer ist. Aguado drückt dieses Problem wie folgt aus:

„ La relevancia del factor ‘ edad ’ , por encima de la del ‘ estatus ’ , fue la que nos llevóa excluir de nuestra encuesta a los alumnos que sobrepasaban la edad de 18-24 años, porque la elección de las formas pronominales T/V es fácil cuando la situación social emisor / receptor estáclaramente definida, en cambio, cuando un alumno tiene p. e. 40 años y el profesor 25, no sólo es conflictiva para el alumno la elección de T/V en el trato que debe dar al profesor, sino que el mismo profesor duda, a veces, qu é‘ rol ’ o estatus debe asumir para no parecer irrespetuoso o introducir diferenciaciones inadecuadas: el ‘ rol ’ de profesor que le corresponde por su estatus, o el rol de persona menor, propio de su edad. ” ( Aguado, 1981, 174).

Aguado hat nun unter Zuhilfenahme der Auswertungen der ersten drei Tabellen versucht, das Aktionsfeld und die ‚operative Macht’ (vgl. hierzu auch die unter 2.1. geführte Diskussion) der beiden Faktoren ‚Status’ und ‚Alter’ zu präzisieren.

3.2.2.2. Auswirkungen der Faktoren ‚Alter’ und ‚Status’

Die Auswertung der Daten der Tabelle 2 belegt, dass der Faktor ‚Status’ nicht zu dem Gebrauch von T führt. Dies ist damit erklärbar, weil der Faktor ‚Alter’ (das in diesem Falle höher beim Empfänger ist) den Gebrauch von V bewirkt. Es ist hier allerdings anzumerken, dass es dennoch eine Ausnahme gibt. Und zwar bildet die Ausnahme hier der Friseur, der höhere Quoten bei T erhält.

Schaut man auf die Auswertung der Daten der Tabelle 1, kommt man zu der Erkenntnis, dass der Faktor ‚Alter’ (das in diesem Falle beim Empfänger niedriger ist) eher den Gebrauch von T bewirkt. Interessant dabei ist, dass dieses Faktum auch auf der Niveauebene eins sichtbar ist, in der der Faktor ‚Status’ eigentlich eher auf die Verwendung von V hinweisen sollte. Besonders eindrucksvoll belegen dies die gewonnenen Daten bei dem Universitätslehrer und dem Schriftsteller. Möchte man diese beiden Beobachtungen erklären, so kann man auf die Ausführungen von Brown und Gilman zurückgreifen (vgl. Brown und Gilman, 1973, 252-282). Sie besagen nämlich, dass die ‚Solidarität’ reziprok oder symmetrisch ist (vgl.Weinermann, 1976, 48). Das ist auch der Grund, warum man die ‚Solidarität’ als psychosoziale Dimension betrachtet, als die horizontale Achse der sozialen Beziehungen begreifen muss. Wohingegen die ‚Macht’ als psychosoziale Dimension gesehen, die vertikale Achse der sozialen Beziehungen darstellt.

3.2.2.3. Die Wahl zwischen T beziehungsweise V

Ist die soziale Situation klar definiert, so fällt dementsprechend auch die Wahl der Pronominalform T/V einfach und spontan aus. Herrscht allerdings eine soziale oder psychologische Zweideut igkeit vor, tun sich beim Sender vermehrt Zweifel über die Wahl zwischen T/V auf. Die Daten der Auswertung der Tabelle 3 geben in dieser Hinsicht noch eine weitere Auskunft. Wenn man den Faktor ‚Alter’ für sich alleine betrachtet, bewirkt er, dass die Befragten dazu neigen, bei steigendem Alter des Empfängers von T zu V überzugehen, obwohl der Faktor ‚Status’ nicht festgelegt ist. Zu diesem Sachverhalt äußerte sich auch Weinermann:

„ [...] cuando existe conflicto entre las posiciones ocupadas a lo largo de dos dimensiones jerárquicas: ocupación y edad [ … ] en situaciones ambiguas [ … ] la decisión final depende, en gran medida, de las caracter í sticas idiosincrásicas de los interlocutores. ” ( Weinermann, 1976, 31-33).

3.2.2.4. Der Schritt von V zu T

Aus den unter 3.2.2.3. gewonnenen Erkenntnissen, kann man nun folgenden Schluss ziehen: Der Schritt von V zu T fällt wesentlich leichter, wenn V durch den Faktor ‚Status’ motiviert ist und nicht durch den Faktor ‚Alter’. Jedoch ist dieser Schritt von V zu T - in anderen Worten ausgedrückt - der Schritt von der vertikalen Achse der ‚Macht’ V zur horizontalen Achse der ‚Solidarität’ T durch eine Abstufung von Schwierigkeitsgraden bestimmt. Diese Schwierigkeitsgrade können sowohl aus Hierarchiegründen bedingt sein, als auch durch psychologische Ähnlichkeiten beziehungsweise Nicht-Ähnlichkeiten bewirkt werden.

3.2.2.5. Die verschiedenen Schwierigkeitsgrade

Im folgenden werden nun diese eben angedeuteten Schwierigkeitsgrade anhand von vier verschiedenen Situationen näher diskutiert. Die in Tabelle 4 dargestellte Auswertung bezieht sich auf die Frage 4 des Fragebogens (siehe Anhang).

Situation 1: Der Empfänger gehört einer älteren Generation an und befindet sich auf dem gleichen oder auf einem niedrigeren sozialen Niveau als der Sender Situation 2: Der Empfänger gehört einer älteren Generation an und befindet sich auf einem höheren sozialen Niveau als der Sender

Situation 3: Der Empfänger gehört der gleichen Generation an und befindet sich auf dem gleichen oder auf einem niedrigeren sozialen Niveau als der Sender Situation 4: Der Empfänger gehört der gleichen Generation an und befindet sich auf einem höheren sozialen Niveau als der Sender

Beim Betrachten der Daten der Tabelle 4 kommt man zu einer ersten Erkenntnis, die in dieser Art zu erwarten war. Der höchste Schwierigkeitsgrad um den Schritt von V zu T zu vollziehen, befindet sich in der zweiten Situation, in der beide Faktoren, nämlich ‚Status’ und ‚Alter’, den Gebrauch von V vorziehen. Dies überrascht nicht sonderlich, denn der Empfänger gehört einer älteren Generation und einem höheren sozialen Niveau als der Sender an.

Der Schwierigkeitsgrad um den Schritt von V zu T zu vollziehen, ist in der ersten Situation ebenfalls sehr groß. Auffallend hierbei ist, dass der Empfänger zwar älter als der Sender ist, sich aber auf dem gleichen oder aber sogar auf einem niedrigeren sozialen Niveau befindet. Dies ist dadurch bedingt, weil der Faktor ‚Alter’ hauptsächlich dafür ausschlaggebend ist, dass der Schritt von V zu T erschwert ist. Jedoch verringert sich die Quote in dem Maße (vgl. Tabelle 4), in dem der Faktor ‚Status’ nicht mehr den Gebrauch von V vorsieht.

Vergleicht man letztendlich die Auswertungen der dritten Situation mit den Auswertungen der vierten Situation, stellt man fest, dass beide Situationen fast uneingeschränkt miteinander vergleichbar sind. In beiden Situationen gehören der Empfänger und der Sender der gleichen Generation an, befinden sich aber jeweils auf unterschiedlichen sozialen Niveauebenen.

Die Schlussfolgerung aus dieser Analyse der verschiedenen Schwierigkeitsgrade, um von einer Situation A (gegeben durch den Gebrauch von V) zu einer Situation B (gekennzeichnet durch den Gebrauch von T) zu kommen, scheint offensichtlich: Der Faktor ‚Status’ hat ein geringeres Aktionsfeld und einen geringeren Einfluss auf die Wahl der entsprechenden Pronominalform der zweiten Person Singular als der Faktor ‚Alter’.

Uneingeschränkt kann man diese Erkenntnis Aguados aber sicherlich nicht stehen lassen. Sie mag zwar in seiner Studie, in dem von ihm ausgewählten Personenkreis zutreffen, aber diese Erkenntnis kann nie den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. In anderen Kulturen und anderen Situationen lassen sich mit Sicherheit auch Phänomene entdecken, die sich nicht mit den Erkenntnissen Aguados decken.

3.3. Hypothese C

Die dritte von David Aguado aufgestellte Hypothese lautet wie folgt: der Gebrauch von T/V ist lediglich minimal mit dem Faktor ‚Geschlecht’ des Empfängers verbunden.

3.3.1. Methode der Auswertung

Um auch diese Hypothese wieder objektiv überprüfbar machen zu können, bediente sich Aguado den Fragen 2 und 3 des Fragebogens. Die Daten zur Frage 2 sind in der Tabelle 3 ersichtlich und die Daten zur Frage 3 können von der Tabelle 5 entnommen werden (siehe Anhang). In diesem Falle hielt Aguado die Faktoren ‚Status’ und ‚Alter’ konstant, während er als Variable den Faktor ‚Geschlecht’ heranzog.

3.3.2. Resultate

Wertet man die gewonnenen Daten aus, gelangt man auch hier wieder zu einer augenscheinlich eindeutigen Erkenntnis. Die Unterschiede der Verwendung von T beziehungsweise von V, die durch den Faktor ‚Geschlecht’ motiviert sind, sind minimal, praktisch nicht vorhanden.

Aber auch in diesem Fall muss einschränkend erwähnt werden, dass dieses Ergebnis nicht von genereller, allgemeiner Gültigkeit sein kann, wie schon bereits unter 3.2.2.5. festgestellt wurde.

4. Wahl der Varianten T/V in Funktion der Verwandtschaft

4.1. Methode der Auswertung

In diesem Teil seiner Studie war für Aguado von besonderem Interesse, wie die Wahl zwischen T beziehungsweise V ausfällt, wenn verwandtschaftliche Beziehungen zwischen dem Sender und dem Empfänger bestehen. Hierbei geht er von der Frage 1.1. des Fragebogens aus. Die daraus erhaltenen Ergebnisse sind in der Tabelle 6 dargestellt (siehe Anhang).

4.2. Resultate

Auch in diesem Teil der Studie gelangt man zu einem Ergebnis, welches nicht sonderlich überrascht. Es wird nämlich ein überaus hohes Auftreten für die Verwendung von T registriert, sei der Empfänger der Vater, die Mutter oder die Großeltern. Das hohe Vorkommen von T kann hier in allen drei Fällen (Vater, Mutter, Großeltern) mit der Terminologie von Brown und Gilman in Verbindung gebracht werden (vgl. Brown und Gilman, 1973, 252-282). Speziell kann dieses Phänomen mit dem von Brown und Gilman geprägten Term ‚Solidarität’ erklärt werden. Die semantische Dimension der ‚Solidarität’ ist nämlich reziprok oder symmetrisch, das heißt, dass in diesem speziellen Fall der Sender und auch der Empfänger - je nachdem wer gerade welche Rolle einnimmt - T sagt und auch mit T angesprochen wird.

Die ‚Solidarität’ wird hier durch die Verwandtschaftsbeziehungen verursacht. Diese durch die Verwandtschaft hervorgerufene ‚Solidarität’ bewirkt, dass die vertikale Hierarchie, die eigentlich durch den Faktor ‚Alter’ verlangt wird, aufgehoben wird. Interessant hierbei sind allerdings die einzelnen Daten bezüglich dem Vater, der Mutter und den Großeltern. Es lässt sich feststellen, dass die höchste Quote von T die Mutter erhält (100 %). Es folgt der Vater (99,22 %) und an dritter Stelle liegen die Großeltern mit 84,74 %. Diese Beobachtung kann auf Überbleibsel von vererbten linguistischen Gewohnheiten von früheren Generationen zurückgeführt werden, die eher dazu tendierten V anstatt T zu verwenden. Aguado verweist in seiner Studie aber auch noch auf eine andere mögliche Erklärung dieser Ergebnisse (vgl. Aguado, 1981, 182): Laut Aguado dürfte man auch nicht den Grad und die Bedeutung der psychologischen Distanz vergessen, der für die Mutter nahe null, für den Vater minimal und für die Großeltern beträchtlich sein würde. Zu diesem Punkt machte sich auch schon Weinermann Gedanken und äußerte sich folgendermaßen:

„ Podemos recordar hoy que, alrededor de 35 años atrás algunos de nuestros primos mayores acostumbraban tratar a sus padres de usted y a ser tratados por ellos de vos. Cuando algunos años más tarde estos primos se hicieron padres, trataban a sus hijos y eran tratados por ellos de vos. Curiosamente estos niños no sólo trataban de ese modo a sus padres, sino tambi é n a sus abuelos, a quienes mis primos continuaban tratando de usted. ” (Weinermann, 1976, 5).

5. Fazit

Diese Arbeit in Anlehnung an David Aguados Studie zum Gebrauch der Pronominalform der zweiten Person Singular zeigt, dass die Wahl der entsprechenden Pronominalform nicht nur linguistischen Gründen (wie zum Beispiel Singular, Plural oder Distanz zwischen Sender und Empfänger) obliegt.

Sie belegt vielmehr, dass sie eben auch von miteinander verknüpften extralinguistischen Dimensionen in Verbindung mit der Struktur des sozialen Systems abhängig ist.

Etwas konkreter und mit Bezug auf die Arbeit von Brown und Gilman (vgl. Brown und Gilman, 1973, 252-282) ausgedrückt: Die Wahl zwischen T/V für die zweite Person Singular steht in enger Verbindung mit dem, was in der Terminologie von Brown und Gilman als der Grad der ‚Macht’ und der ‚Solidarität’ bezüglich beider Teilnehmer an der verbalen Interaktion benannt wird. Ihrer Arbeit entgeht nämlich, dass die Dimension der ‚Macht’ und die Dimension der ‚Solidarität’ die beiden fundamentalen Dimensionen für die Analyse des sozialen Lebens seien.

Der Respekt und die Distanz (sowohl sozial, als auch psychologisch) bewirken eher den Gebrauch von V. Im Gegensatz dazu, sind es die Attribute, welche die ‚Solidarität’ erzeugen, die zu einem zunehmenden Gebrauch von T führen. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass die jüngeren Generationen einen stärkeren Gebrauch von T machen als ältere Generationen. Jüngere Generationen sind Bestandteil einer fortschrittlicheren Mentalität und finden offensichtlich mehr Gefallen an der reziproken Achse der ‚Solidarität’ als an der nicht-reziproken Achse der ‚Macht’.

Wie bereits schon an früheren Stellen erwähnt, müssen allerdings auch einige kritische Bemerkungen bezüglich der Studie Aguados angebracht werden.

Die gesamten gewonnenen Daten entstammen allesamt auf Basis von Umfragen. Deshalb mangelt es ihnen an der Miteinbeziehung anderer soziolinguistischer Komponenten wie zum Beispiel dem Kontext, dem Thema oder auch den subjektiven Gemütszuständen der Interaktionspartner.

Zwar sind die Ergebnisse einerseits sehr interessant und wissenschaftlich wertvoll, aber andererseits besitzen sie lediglich einen zur Orientierung dienenden Charakter. Sie können keinesfalls den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Des weiteren wird das Problem in dieser Arbeit nicht in seiner ganzen Weite und Komplexität behandelt. Die Arbeit beschränkt sich vielmehr auf die Analyse der produzierten linguistischen Einheit durch einen Sender auf Basis der von Aguado erstellten Umfrage.

Die verwendete Pronominalform in der Interaktion zwischen einem Sender und dem Empfänger wurde nicht registriert.

Dies wäre mit Sicherheit ein Ansatzpunkt, der für zukünftige Arbeiten von großem Interesse sein könnte und zusätzliche Erkenntnisse bringen würde.

[...]


1 T=tú; V=usted

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Eine soziolinguistische Analyse über den Gebrauch von Tú / Usted bei den Studenten der Universität von Bilbao
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Geschriebene versus Gesprochene Sprache
Note
2+
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V104047
ISBN (Buch)
9783656498865
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eine, Analyse, Gebrauch, Usted, Studenten, Universität, Bilbao, Geschriebene, Gesprochene, Sprache
Arbeit zitieren
Tobias Meixner (Autor), 2001, Eine soziolinguistische Analyse über den Gebrauch von Tú / Usted bei den Studenten der Universität von Bilbao, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104047

Kommentare

  • Gast am 28.10.2001

    Sehr gut.

    Echt klasse Hausarbeit!
    Hat mir sehr gut weitergeholfen!
    Weiter so!!!!

  • Gast am 21.6.2005

    Fragebogen.

    Wollte nur nachfragen, wo man gegebenenfalls den Fragenbogen einsehen kann, der ja im Anhang sein sollte.
    Ansonsten tolle Arbeit.

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