Analyse der Duschszene aus Alfred Hitchcocks Film "Psycho"


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

7 Seiten, Note: 2


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Analyse der Duschszene aus Alfred Hitchcocks Film "Psycho"

Marion hat gerade das Zimmer verlassen und sich von Norman verabschiedet. Norman steht nun allein im Büro. Beim Verlassen des Büros schließt er die Tür, die zum Wohnzimmer führt, hinter sich und entzieht dem Zuschauer so für kurze Zeit die Sicht. Nachdem Norman in den zunächst leeren Bildausschnitt des Wohnzimmers tritt, durchquert er den Raum und geht, begleitet von einem Schwenk bis zur Wand, an der er schließlich stehen bleibt. Er steht nun frontal zur Kamera und ist beidseitig von Vögeln umgeben. Durch das von links einfallende Licht und die scheinbar angriffsbereiten ausgestopften Vögel an der Wand wirkt das Bild gespenstisch. Plötzlich hört er ein Geräusch aus Marions Zimmer, das direkt nebenan liegt. Zunächst wandert sein Blick nach rechts, dann der Kopf und schließlich dreht sich der ganze Körper nach rechts. Da das Geräusch aus dem Off kommt richtet sich die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf den Raum außerhalb der rechten Bildgrenze. Das Ziel seines Blickes erklärt sich in der folgenden Nah-Einstellung, die über Normans Schulter hinweg ein Gemälde mit der Darstellung eines Frauenraubes bzw. einer Vergewaltigung zeigt ( dies ist für den Zuschauer jedoch nur sehr schwer zu erkennen, aufgrund der schlechten Beleuchtung im Zimmer). Norman nimmt das Bild von der Wand und beugt sich zu einem in die Wand gebohrtem Loch vor, das von einer großflächig ausgefransten Tapete umgeben ist. Durch einen Perspektivenwechsel sieht man Norman nun in Großaufnahme, wie er in der Profilansicht durch das Loch sieht. Normans Kopf hebt sich von dem hellen Hintergrund ab und verschmilzt mit dem Schatten an der Wand zu einer dunklen Einheit. Diese wird von der folgenden Großaufnahme des Auges, bei der gebündeltes Licht durch das Loch auf sein Auge fällt, unterbrochen. Nun nimmt die Kamera einen voyeuristischen Charakter an und lässt den Zuschauer durch Normans Augen durch das Loch gucken. Umgeben von den Lochrändern sieht der Zuschauer nun Marion, die sich entkleidet. Der Zuschauer wird jedoch nicht zufrieden gestellt, da kurz vor dem Höhepunkt (bei dem Marion nackt gezeigt werden würde) wieder auf das Auge „geschaltet“ wird. Als der Zuschauer dann wieder „selbst“ durch das Loch sieht hat Marion bereits ihren Morgenmantel an. Nun wird die begrenzte Sicht Normans deutlich: Marion verschwindet aus seinem Blickfeld.

In erneuter Profilansicht hängt Normen das Bild zurück an seinen Platz. Dabei wird er von der Eule, die hinter ihm an der Wand hängt „anvisiert“. Obwohl die Gedanken Normans nur zu erahnen sind, erkennt man durch die ruckartigen Kopfbewegungen (zum Haus) und seiner Mimik, seine Wut. Schnellen Schrittes verlässt er schließlich das Motel. Dabei bleibt er vor dem Motel noch mal stehen und blickt rauf zum Haus. Zielstrebigen Schrittes geht er hoch zum Haus, betritt es und macht an der Treppe (die nach oben führt, wo unter anderem das Zimmer der Mutter ist) halt. Er blickt nach oben, sinkt nach kurzer Zeit den Blick und nimmt die Hand vom Geländer. Mit hängenden Schultern und den Händen in den Hosentaschen vergraben geht er an der Treppe vorbei, zur Küche, wo er sich in gebückter Haltung an den Tisch setzt.

Die Kamera greift Normans Erregung auf, indem sie die Dynamik seiner Bewegungen fortsetzt. Die Widersprüchlichkeit zwischen der Absicht und der Tat zeigt sich in der Gegenüberstellung zwischen Norman und dem ihn überragenden Haus, auf dem Weg dorthin. Die Einstellung, in der Norman vor der Treppe steht, zeigt ihn zwar in Normalsicht, jedoch von der großen breiten Treppe überragt. Ohne ihre Position zu ändern verfolgt die Kamera Norman bei seinem Rückzug durch den langen Flur zur Küche. Vom Flur aus filmt die Kamera nun den gekrümmt am Tisch sitzenden Norman. Diese Szene soll Norman dem Zuschauer näher bringen. Die betonte Unriefe Normans (trotz seines Alters) weckt das Mitgefühl für Norman.

Durch einen Schnitt kehrt der Zuschauer dann zurück zur Haupthandlung, und damit in Marions Zimmer. Marion ist gerade dabei, den wegen des Autokaufs fehlenden Betrag zu errechnen. Das beweist erneut die Absicht Marions zurück zufahren und sich der Verantwortung zu stellen ( im Gespräch mit Norman sprach sie schon von einem Fehler der ihr untergekommen sei, und den sie versuchen müsse rückgängig zu machen). Schließlich zerreist sie die Rechnung, wirft sie in die Toilette und spült sie runter. Dabei sieht der Zuschauer die Schnipsel die Toilette runterspülen. Marion schließt noch die Tür des Badezimmers, legt ihren Mantel ab und steigt in die Badewanne.

Die nun folgende „eigentliche“ Duschszene dauert ca.2min. Sie „besteht“ aus 71 bis 78 Einstellungen (Es gibt keine offiziell bestätigte Zahl), die jeweils ein bis zwei Sekunden dauern.

Als erstes sieht der Zuschauer Marion in einer Nah-Aufnahme. Sie stellt die Dusche an. Durch einen Perspektivenwechsel sieht der Zuschauer für einen kurzen Augenblick aus extremer Untersicht das aus dem Duschkopf herab prasselnde Wasser. Nach einem harten Schnitt sieht man wieder Marion in einer Nah-Aufnahme. Diese steht immer noch unter der Dusche und seift sich ein.“ Für Marion ging es in der Dusche nicht nur darum, sich den Schmutz und Schweiß eines harten Tages abzuwaschen.( ) Marion hatte sich entschlossen, nach Phoenix zurückzukehren, die Sache ins Reine zu bringen und sich den Konsequenzen zu stellen. Als sie in die Dusche stieg, war es ungefähr so, als stiege sie ins Wasser der Taufe. Die herabprasselnden Tropfen befreiten ihre Gedanken, reinigten ihre Seele von allem Bösen. Sie war weder wie eine Jungfrau, sie hatte ihren inneren Frieden wieder gefunden. Wenn ich das dem Publikum vermitteln konnte, würde es den Mord um so entsetzlicher und abstoßender machen.“ (aus „Psycho, hinter den Kulissen von Hitchcocks Kultthriller“ von Janet Leigh und Christoper Nickens)

Die Kamera beobachtet nun von der Wand aus. Sie zeigt Marion erneut in einer Nah- Aufnahme. Marion ist rechts im Bild, steht frontal zur Kamera und die Leere neben Marion (das Bild zeigt zu etwa 2/3 den Duschvorhang ) lässt den Zuschauer bereits etwas Schreckliches ahnen, es weckt ein ungutes Gefühl bei ihm. Plötzlich geht die Badezimmertür auf und eine schattenhafte Gestalt, die man nicht erkennen kann tritt ein. Marion bemerkt davon nichts. Während die Person immer näher an den Duschvorhang heran tritt, fährt die Kamera langsam auf die Person zu, so dass Marion aus dem Bild verschwindet. Die Umrisse der Person werden klarer als sie unmittelbar vor dem Duschvorhang steht und die Kamera sie in einer Nah-Aufnahme zeigt. Plötzlich wird der Duschvorhang aufgerissen und jemand steht mir erhobenem Messer vor Marion. Obwohl jetzt kein „Schleier“ mehr vor der Person hängt ist sie immer noch nicht erkennbar. Die Umrisse sind jetzt klar und deutlich und die Frisur (die typische Frisur einer alten Dame) lässt den Zuschauer glauben, die eingetretene Person zu kennen: Es ist die Mutter von Norman Bates. Man sieht jedoch nie, während der ganzen Duschszene nicht, das Gesicht der Person. Trotzdem glaubt man zu wissen, wer der Mörder ist: Normans Mutter. Und genau dies war Hitchcock Intention. Den Zuschauer auf eine falsche Fährte zu locken. Genau so ist es mit dem Geld. Eigentlich geht es gar nicht um den Geld-Raub.

Als nächstes folgen eine Groß-Aufnahme von Marions Kopf und eine Detail- Aufnahme von ihrem weit aufgerissenem Mund. Von diesem Zeitpunkt an sieht der Zuschauer den/ die Mörder/in immer im Wechsel: Die Groß-Aufnahmen von Marion, die ihre Augen geschlossen ,ihren Mund weit aufgerissen hat und ihren Kopf immer hin und her wirft, die Nah-Aufnahmen des Mörders, der immervwider auf brutalste Weise sein Messer nach unten „sausen“ lässt. Durch die rasante Schnittfolge nimmt der Zuschauer den zeitweiligen Perspektivenwechsel nicht wirklich wahr. So zeigt die Kamera das Geschehen auch von oben, aus der Aufsicht (Vogelperspektive). Da wird deutlich, wie Marion noch verzweifelt versucht sich zu schützen, indem sie den Arm, in dessen Hand das Messer gehalten wird, versucht von sich fernzuhalten. Dabei dreht sie den Kopf weg und hat die Augen geschlossen, so als könnte sie sich auf diese Art und Weise schützen. Zeitweilig zeigt man den Mörder auc h aus einer leichten Untersicht, wie er mit dem Messer zusticht. So will man die Unterlegenheit Marions klarmachen und auch dem Zuschauer, der in diesem Moment das Geschehen aus Marions Sicht beobachtet, Angst einjagen. In einer weiteren Einstellung aus der Aufsicht (Vogelperspektive), sieht man wie Marion sich immer noch gegen den Angreifer wehrt, indem sie den Arm versucht von sich fernzuhalten. Dieses Mal hat sie ihre andere Hand schützend auf die gegenüberliegende Schulter gelegt. Dies nützt ihr jedoch nicht viel, da der Mörder eindeutig der Stärkere ist. Dann sieht man wieder Marion in Groß-Aufnahme. Ihr Gesicht ist etwas verschwommen, durch das Wasser aus der Dusche, welches natürlich weiter läuft. Durch einen erneuten harten Schnitt sieht man für kurze Zeit wieder den Mörder, der mit erhobenem Messer in einer Nah-Aufnahme gezeigt wird. Von da an wechseln die Einstellungen ein paar mal, das heißt das Opfer und der Täter werden abwechselnd gezeigt, um den Kampf zwischen beiden zu verdeutlichen. Dabei wirkt das Wasser vor dem Gesicht des Mörders wie ein Schleier, der versucht das Gesicht des Mörders zu verstecken. Nach diesem kurzen hin und her zeigt man den Bauch von Marion in einer Groß-Aufnahme. Das Messer ist direkt davor und das Bild zeigt genau den Moment vor dem Zustoßen des Messer. An der Messerspitze ist auch schon Blut zu erkennen. Als der Mörder ein zweites Mal zusticht, sieht der Zuschauer dies aus einer leichten Aufsicht (Vogelperspektive). Aus dieser „Position“ sieht er genau, wie das Messer vor dem Bauch ist, d.h. er sieht nicht wirklich wie das Messer zusticht. Er sieht nur einen Teil von Marions Rücken und den Arm des Mörders im rechten unteren Teil. Nach einer weitern Groß-Aufnahme von Marions Kopf, sieht der Zuschauer eine Groß-Aufnahme des Tatgegenstandes. Obwohl der Zuschauer das Messer vorher schon gesehen hat, wirkt es in dieser Einstellung noch schrecklicher. Es ist schon leicht mit Blut verschmiert und sieht so erhoben in der Luft, wenn man es in voller Größe sieht, noch erschreckender aus. Das jagt dem Zuschauer Angst ein. Unter anderem war es deshalb auch nicht nötig das Zustechen des Messers zu zeigen (was damals sowieso verboten gewesen wäre). Als letzten Akt der Verteidigung wird Marion in einer weiteren Nah- Aufnahme gezeigt, in der sie noch wilder den Kopf von der einen zur anderen Seite dreht laut schreit und wild mit den Armen umherfuchtelt. In der nächsten Einstellung wird deutlich, dass Marion bereits „getroffen“ und auch schon geschlagen ist. Man sieht Marions Füße (aus der Aufsicht/ Vogelperspektive), die in einem Gemisch aus Wasser und Blut (ihrem eigenen Blut) umhertorkeln, und verzweifelt nach einem Ausweg, einem Entkommen suchen. In den folgenden Einstellungen werden konturenlose, helle Bilder gezeigt, die neben dem im Bildvordergrund gezeigten Wasserstrahl für eingeschränkte Sichtverhältnisse sorgen, und somit die Figuren nie wirklich erkennbar zeigen. Nach einer Américane-Aufnahme aus der Aufsicht, die Marion von hinten zeigt, wie das Messer auf ihren Rücken zurast, sind Marions Finger in einer Groß-Aufnahme zu sehen. In der nächsten Einstellung wird dem Zuschauer der fliehende Täter gezeigt, der eilig den Raum verlässt. Spätestens jetzt hält jeder Zuschauer Normans Mutter für den bzw. die Mörderin. Durch das Kleid was sie trägt und die grauen, hochgesteckten Haare kann man die Person eindeutig als ältere Frau, also Normans Mutter, identifizieren. In der darauf folgenden Einstellung sieht man Marion Hand langsam die Kacheln hinuntergleiten. Verzweifelt versucht sie sich an den Kacheln festzuhalten, was ihr aber natürlich nicht gelingt. So sieht man schließlich Marion die Wand langsam hinuntergleiten, wobei die Kamera sie begleitet. Als sie die Hand nach vorne streckt um sich am Duschvorhang festzuhalten, reagiert die Kamera mit einer leichten Rückwärtsfahrt. Die ausgestreckte Hand wirkt wie ein Appell an die Zuschauer, deren Hilfe Marion sucht. Das Publikum jedoch fährt erschrocken und beängstigt zurück. In einer Groß-Aufnahme sieht man wie Marion ihre Hand um den Duschvorhang schlingt. Durch einen plötzlichen Perspektivenwechsel sieht man Marion nun von oben, wie sie versucht sich mit letzter Kraft, gestützt durch den Duschvorhang, aufzurichten. Der Versuch scheitert jedoch, was in der Nah-Aufnahme der Duschstange gezeigt wird. Der Duschvorhang reißt ab und Marion fällt zu Boden. Sie war an der gekachelten Wand heruntergerutscht und über den Wannenrand gefallen. Der untere Teil von Marions leblosem Körper liegt noch in der Badewanne, während der obere Teil aus der Badewanne heraushängt und ihr Kopf auf dem Boden liegt. Der Körper der aus der Badewanne herausragt, ist nicht zu sehen. Marions Arm verdeckt ihn mit dem Duschvorhang, den sie in der Hand hält. Der Sturz mit dem Duschvorhang zeigt Marions vergeblichen Überlebenswillen. Die Szene endet mit der gleichen Einstellungen mit der sie begonnen hat: mit der Groß-Aufnahme der Duschkopfunterseite. Dies zeigt ihre verantwortliche Position in der Szene.

Nach dem Bild des Duschkopfes verfolgt die Kamera mit einem Schwenk über Marions Beine den Lauf des blutig gefärbten Wassers bis zum Abfluss. Die zunehmende Lautstärke des Wasserrauschens bringt die Unaufhaltsamkeit der Bewegung zum Ausdruck. Durch zoomen und einer leichten Blende fokussiert die Kamera das Abflussloch, und zeigt den Wasserstrudel schließlich in einer Groß-Aufnahme, um es herauszustellen.

Es folgt eine Überblendung auf das geöffnete, jedoch starre Auge Marions. Die Kamera wird allmählich leicht gekippt, sie dreht sich also weiter. Die Kamera zoomt nun rückwärts, also von Marion weg. So wird aus der Groß-Aufnahme des Auges eine Groß-Aufnahme des gesamten Kopfes. Das platt gedrückte Gesicht Marions ist zu sehen. Obwohl die Kamera immer weiter von Marionweg fährt bleibt der Blickkontakt zwischen ihr und dem Zuschauer nach wie vor erhalten. Der Zuschauer wird weiterhin direkt von den vorwurfsvoll blickenden Augen Marions angeguckt. Eine Träne in Marions Augenwinkel verstärkt diese Wirkung, die beim Zuschauer gewisse Schuldgefühle hervorruft. Nach einem Zwischenschnitt auf die Dusche, zeigt die Kamera erneut die bereits gezeigte Aufnahme Marions. Diesmal schwenkt sie jedoch an ihr vorbei über die weiße Türfläche hinweg in den anliegenden Raum. Dann fährt die Kamera auf den Nachtisch neben dem Bett und verweist damit auf die Zeitung, in der Marion das gestohlene Geld eingewickelt hat. Nach einer kurzen Pause macht die Kamera einen Schwenk zum weit geöffneten Fenster. Durch dieses ist das Haus zu sehen aus dem Normans Schreie zu hören sind: “Blut! Oh mein Gott, Mutter! Wo kommt denn das ganze Blut her? Mutter!“. Die Kamera sieht weiter aus dem Fenster und der Zuschauer sieht Norman aus dem Haus laufen.

Die schnelle Schnittfolge in der Duschszene war eigentlich untypisch für Hitchcock. Doch in dieser Szene war sie notwendig. Davon hing es ab, ob der Zuschauer Angst bekam oder nicht. Schnitt ist dabei besonders passend, da der Schnitt ja quasi für das immer wieder zustoßende Messer steht. Die Schnitte erwecken den Eindruck eines alles zerfetzenden Messers, als ob es auf die Leinwand/den Fernsehbildschirm einsticht und den Film zerreißt. „Diese Bilder des „Zerschneidens“ tauchen auch schon vorher im Film auf. Direkt am Anfang, im Vorspann: der Titelentwurf von Saul Bass zerreißt und zerschneidet die Namen im Vorspann. Doch auch mitten im Film tauchen immer wieder Andeutungen des Zerschneidens auf: der Telegrafenmast, der Marions Auto im bildlichen Sinne zerschneidet; Sensen und Rechen, die im Eisenwarenladen drohend über Köpfen hängen; und das deutlichste Bild, das des erhobenen Messers in der Dusche.“ (aus „Alfred Hitchcock“ von Donald Spoto) Doch nicht nur die schnelle Schnittfolge der Szene war entscheidend, auch die schrille Musik der Streicher trägt einen großen Teil zur Wirkung bei. „Zunächst war diese nicht geplant. In der Szene sollten lediglich die Schreie Marions und das Geräusch laufenden Wassers zu hören sein. Schließlich entschied man sich aber doch für eine Untermalung mit Musik.“ (aus „Alfred Hitchcock“ von Donald Spoto) Sie setzt ein als der Duschvorhang aufgerissen wird. Durch das plötzlich einsetzende, schnelle Geigenstakkato herrscht eine alptraumhafte Atmosphäre. Als Marion den Angreifer wahrnimmt, gibt sie einen entsetzten Schrei von sich, der vorher bereits mit dem Kreischen der Geigen realisiert wurde. Der Schrecken des Mordes wird dem Zuschauer auf der Ton-Ebene durch vogelähnliche Geigenlaute, Marions Schreie und den Geräuschen des immer wieder zustoßendes Messers „mitgeteilt“. Die Musik setzt erst ein als Norman zum ersten Mal zusticht und hält während Normans mörderischem Wahn und Marions Todesangst an. Gegen Ende des Mordes, wechseln die Geigen dann in tiefere Tonebenen. Damit wird das Ableben Marions musikalisch umgesetzt. Sie verstummt, nachdem Marion zusammengesackt ist. Nachdem Geräusch eines dumpfen Knalls (wie sie auf den Boden fällt) wird der Zuschauer in die Stille der Szene hineingezogen und hört dann schließlich gebannt das Geräusch des Wassers. Erst durch die Musik ist die Szene vollkommen.

Es war auch nicht nötig den ganzen Körper nackt zu zeigen. Was die Spannung ausmacht sind einfach die in schneller Reihenfolge gezeigten Bilder einzelner Körperteile, wie dem Arm, dem Bauch, den Schultern bis zum Brustansatz und dem Rücken.

Nach einem erneuten Perspektivenwechsel sieht der Zuscha uer nun Norman zur Tür herein stürzen und eilig das Zimmer durchqueren. Währendessen findet auf der Tonebene ein ständiger Wechsel zwischen dem Rauschen des Wassers, schrillen Geigenstakkatos und tiefen Tönen statt. Er wirft einen Blick ins Badezimmer (ohne es zu betreten!) und fährt nach kurzem Erstaunen wieder rum, hält sich vor Ekel die Hand vor den Mund und presst sich an die Wand, wobei ein Bild herunter fällt. In dem Moment, als er die Leiche sieht setzt die Musik aus und das Wasserrauschen ist wieder zu hören. Im ersten Moment steht er völlig regungslos an der Wand. Nachdem er sich wieder einigermaßen gefasst hat, geht er zum weit offen stehenden Fenster und schließt dieses. Immer noch nicht ganz beisammen setzt er sich erst einmal hin. Seine immer no ch anhaltende Geschocktheit, wird durch „Zittern“ des Unterkiefers kenntlich gemacht. Er blickt zur Tür, die immer noch offen steht, geht zu ihr und schließt sie. Nachdem er das Licht im Zimmer gelöscht hat, bleibt er noch kurz im Dunkeln stehen, ehe er das Zimmer verlässt. Nervös läuft er vor dem Zimmer auf und ab und überlegt was zu tun ist. Kurzerhand geht er ins Büro. Der Zuschauer sieht dem Geschehen nur von Außen zu, sieht aber wohl, durch die Fenster, dass drinnen die Lichter gelöscht werden. Nach kurzer Zeit kommt Norman mit einem Wischmopp und einem Eimer wieder raus. Er betritt Zimmer Nr.1, schließt die Tür hinter sich und begibt sich langsam in Richtung Badezimmer. Nach einem kurzen Blick auf die Leiche betritt er schließlich das Bad. So recht kann Norman seinen Blick offenbar nicht von der Leiche lösen, da er immer wieder auf sie zurück blicken muss. Dabei stellt er den Eimer und den Wischmopp ab und stellt erst einmal das Wasser der Dusche ab. Vorsichtig nimmt er Marion den Duschvorhang aus der Hand. Man könnte fast meinen er ginge so behutsam mit ihr um, um sie nicht zu wecken. Dabei schläft sie ja gar nicht, sie ist Tod. Er nimmt jedenfalls den Duschvorhang und breitet ihn im Zimmer auf dem Boden aus. Auch hierbei wirft er immer einen Blick zurück auf die tote Marion, fast so als habe er Angst, sie könne aufstehen und ihm etwas tun. Vorsichtig packt er die tote Frau an den Handgelenken und zieht sie auf den ausgebreiteten Duschvorhang. In der darauf folgenden Einstellung werden Normans blutverschmierte Hände in einer Groß-Aufnahme gezeigt. Sie zeigen Normans Schuldigkeit, indem sie als Symbol der Tat gelten. Bereits zuvor wurde seine Schuldigkeit gezeigt. Als Norman verstört das Zimmer Nr.1 verlässt, nachdem er die Leiche entdeckt hatte, wischt er sich vor dem Zimmer geistesabwesend die linke Hand an seinem Hemd ab, obwohl er nicht mit der Leiche in Berührung geraten war. So zeigt Norman unterbewusst, dass er sich vor seiner eigenen Tat ekelt, die Schuld loswerden will. Er geht zum Waschbecken um sich die Hände zu waschen. Dabei achtet er wohl darauf den Wasserhahn nicht auch noch mit Blut zu verschmieren, indem er das Wasser mit dem Handrücken anstellt. Nachdem er das Blut von seinen Händen gewaschen hat, säubert er sofort das Waschbecken, das, durch das mit Blut verunreinigte Wasser schmutzig ist. Nachdem er sich seine Hände an seiner Kleidung abgetrocknet hat, wohl darauf bedacht kein Handtuch schmutzig zu machen, fängt er schließlich an das ganze Badezimmer hektisch zu putzen. Er dreht den Wasserhahn in der Badewanne an, nimmt den Wischmopp und säubert die Badewanne und die Kacheln von den Blutspritzern. Nachdem er das Wasser wieder abgestellt hat, nimmt er sich ein Handtuch, mit dem er alles trocken wischt. Danach wendet er sich dem Fußboden zu, auf dem ebenfalls Blut ist. Diesen wischt er auch mit dem Handtuch trocken, wobei er peinlichst genau darauf achtet, dass nichts mehr von der Tat, also kein Blut, zu sehen ist. Er wischt immer noch einmal drüber, um ganz sicher zu gehen. Schließlich wir ft er das Handtuch in den Eimer, stellt den Wischmopp hinein, steigt vorsichtig, mit dem Eimer in der Hand über die Leiche und verlässt das Zimmer. Dabei wird deutlich, dass er immer noch eine gewissen Respekt vor Marion hat. Er kommt der Leiche (fast) nie zu nahe. Dies zeigte sich ja auch schon zuvor, als er der Leiche den Duschvorhang „entzieht“. Er achtet immer genau darauf, sie nicht zu berühren. Das eine mal wird er praktisch gezwungen, da er die Leiche nicht anders auf den Duschvorhang bekommen hätte.

Draußen steht noch immer Marions Wagen, in den Norman nun einsteigt und ihn vor dem Zimmer Marions positioniert. Er geht zurück ins Zimmer, „packt“ die Leiche ein, indem er diese im Duschvorhang einwickelt, trägt sie hinaus und legt sie behutsam in den Kofferraum. Beim Schließen des Kofferraumes bleibt Normans Blick auf der Leiche. Dann kehrt er zurück ins Zimmer, schließt die Tür hinter sich, macht das Licht an und fängt an Marions Sachen, die wenigen, die sie ausgepackt hatte, zusammenzusuchen und sie zurück in den Koffer zu packen. Dabei sieht er überall ganz genau nach: er packt den Mantel in den Koffer, sieht in den Schubladen nach, hebt im Badezimmer die Schuhe auf, nimmt den Morgenmantel, sieht noch mal im Spiegelschrank nach. Auf dem Weg zum Badezimmer hängt er das Bild, was er hinunter geworfen hatte, als er sich geschockt an die Wand presste, wieder auf. Die Bilder, die an der Wand hängen, zeigen Vögel. Das zeigt erneut Normans Leidenschaft. Die Vögel tauchen überall im Motel im auf. Am deutlichsten sieht der Zuschauer das im Wohnzimmer neben dem Büro, das mit ausgestopften Vögeln voll ist. Schnell packt er alles in den Koffer, macht diesen zu, geht hastig zur Tür, wirft noch einen prüfenden Blick durchs Zimmer und verlässt diese schließlich wieder. Nun sieht man Norman vor der Tür der Zimmer Nr.1. Erschrocken stellt er den Koffer und den Eimer ab, als ein Auto vorbeifährt. Der Zuschauer sieht es zwar nicht, doch er sieht das Scheinwerferlicht, was auf Norman fällt und hört die Motorengeräusche des Wagens. Steif vor Schreck folgt Normans Blick dem vorbeifahrenden Auto. Als die Gefahr vorüber ist kann Norman wieder aufatmen. Sichtlich erleichtert blickt er noch einmal um sich, ehe er den Koffer und den Eimer wieder in die Hand nimmt und diese zur Leiche in den Kofferraum tut. Er wirft einen letzten Blick ins Zimmer und entdeckt dabei die Zeitung auf dem Nachttisch, die er zuvor übersehen hatte. Der Zuschauer hatte das jedoch nicht. Dank des kommentierenden Charakters der Kamera sah der Zuschauer die Zeitung in Groß-Aufnahme. Damit verwies die Kamera eindeutig auf einen Beweis, den Norman ja zunächst übersehen hatte. Dies hätte schlimme Folgen für Norman haben können(!). Er wirft die Zeitung, ohne zu bemerken, dass sich darin Geld befindet, in den Kofferraum. Beim Weg zur Fahrertür blickt Norman immer wieder nervös um sich. Schließlich steigt er in den Wagen und fährt los. Die Kamera verfolgt ihn dabei heimlich. Langsam fährt sie dem Wagen hinterher und zeigt dabei den Kofferraum. Zum einen wird damit auf die Leiche im Kofferraum verwiesen, zum anderen zeigt es ebn diese Verfolgung, da die Kamera eher aus dem Verborgenen filmt, das heißt von unten, sie gibt sich Norman nicht wirklich zu erkennen. Auch als Norman am Sumpf ankommt, filmt die Kamera erst von weiter weg, so als täte sie es heimlich, und wolle nicht entdeckt werden. Dies verdeutlicht, dass es sich um eine kriminelle Handlung handelt, etwas illegales.

Norman steigt aus, nachdem er den Wagen so nah wie möglich an den Sumpf herangefahren hat und schiebt ihn hinein. Er entfernt sich, um das Geschehen vom sicheren Ufer aus zu betrachten. Dabei isst er und blickt immer wieder nervös um sich. Die Kamera zeigt im Wechsel Norman und das sinkende Auto. Wieder eine Gegenüberstellung, wie in der Duschszene. Der „Kampf“ wäre nicht so spannend, würde das Auto nicht plötzlich aufhören zu sinken. Zunächst scheint alles entschieden: Das Auto geht definitiv unter, so denkt der Zuschauer. Doch kurz setzt sich Marion zur Wehr, indem das Auto für einen Moment zu sinken aufhört. Das macht Norman noch nervöser. Verzweifelt faltet er die Hände, kaut immer schneller und blickt nervös um sich. Schließlich sinkt das Auto jedoch weiter und geht auch unter. Dabei beginnt Norman zu lächeln. Erst hebt sich nur leicht ein Mundwinkel, das sich jedoch immer mehr zu einem Lächeln steigert, bis er schließlich zufrieden und erleichtert lächelt. Nachdem der Zuschauer gesehen hat, wie das Auto versunken ist, zeigt sie noch mal Norman und zum Schluss der Szene den dunklen Sumpf.

In diesem Teil nach dem Mord zeigt sich die Schizophrenie Normans. Erst ist er total verunsichert, nervös und weiß nicht was zu tun ist, dann versenkt er gewissenhaft die Leiche im Sumpf und lächelt geradezu gehässig und freudig über seinen „Sieg“. Richtig klar wird dem Zuschauer dies jedoch nicht, da er immer noch zu Norman hält. Er wünscht sich, dass Norman nicht verdächtigt wird und er die Taten seiner kranken „Mutter“ vertuschen kann. Fürs erste gelingt ihm das auch.

6 von 7 Seiten

Details

Titel
Analyse der Duschszene aus Alfred Hitchcocks Film "Psycho"
Note
2
Autor
Jahr
2001
Seiten
7
Katalognummer
V104102
Dateigröße
344 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Duschszene, Alfred, Hitchcocks, Film, Psycho
Arbeit zitieren
Sabine Brück (Autor), 2001, Analyse der Duschszene aus Alfred Hitchcocks Film "Psycho", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104102

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