Spracherwerb bei Schimpansen


Ausarbeitung, 2000

23 Seiten, Note: 1


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Inhaltsverzeichnis:

1. Warum Forschung mit Primaten?
1.1 Gemeinsamkeiten von Menschen und Menschenaffen
1.2 Haben Schimpansen ein Bewusstsein?

2. Entwicklung der Spracherwerbsforschung bei Primaten
2.1 Erste Forschungsansätze zum Erwerb der Lautsprache bei Schimpansen
2.2 Schimpansen-Experimente mit ASL
2.2.1 Gardners Versuche mit Washoe
2.2.2 Loulis
2.3 Das Jane-Goodall-Institut
2.4 Sarah
2.5 Nim
2.6 Das Lana-Projekt
2.7 Kanzi - neue Entdeckungen bei Bonobos

3. Sprachliche Kommunikation bei anderen Primatengattungen
3.1. Gorillas - Koko, das Sprachgenie
3.2. Orang-Utans
3.3. Grüne Meerkatzen

4. Kritikerstimmen

5. Weiterführende Gedanken

1. Warum Forschung mit Primaten?

Um eine Antwort auf die seit langem gestellte Frage zu finden, inwieweit die menschliche Sprac he auf einer evolutionären Entwicklung beruht oder aber eine reine „Erfindung“ des Menschen ist, eignen sich in erster Linie Experimente mit Primaten, da diese von ihrem Verhalten her dem des Menschen am meisten ähneln.

Auf der Suche nach einer Ursprache der Hominiden ist es am naheliegendsten, das Kommunikationssystem unserer nächsten Verwandten, den Schimpansen, zu untersuchen. Ferner wäre es wichtig herauszufinden, ob Schimpansen ihr kulturelles Gut - das heißt ihre Gebärden sowie ihren Gebrauch von Werkzeugen - an ihre Nachkommen weitergeben, in gleicher Weise wie Eltern ihren Kindern die Sprache vermitteln.1

Die im Folgenden vorgestellten Primatolgen, Evolutionsbiologen und Psychologen legen den Schwerpunkt ihrer Forschungsprojekte auf die Beantwortung zweier in der sprachwissenschaftlichen Forschung relevanter Fragen:

a) Sind Primaten in der Lage, sich durch Sprache untereinander zu verständigen?
b) Inwiefern vermögen sie, grammatische und syntaktische Beziehungen und Prinzipien zu erkennen sowie diese anzuwenden?2

1.1 Gemeinsamkeiten von Menschen und Menschenaffen

Die Tatsache, dass bei den vielfältigen physiologischen, anatomischen und ethologischen Übereinstimmungen zwischen Menschen und Pongiden bisher noch keine stichhaltigen Ansätze oder Vorstufen z ur Evolution der menschlichen Sprache gefunden worden sind, ist sowohl für Biologen als auch für Linguisten nicht nur unbefriedigend, sondern wirft auch die Frage nach neuen Forschungsansätzen auf.

Beobachtungen von Schimpansen-Gemeinschaften haben ergeben, dass diese Tiere sich untereinander sowohl durch Gesten als auch durch lautliche Äußerungen verständigen, wobei letztere aus Rufen (so genannte „pant-hoots“) sowie aus keuchenden Grunzlauten („pant-grunts“) bestehen und auf Gefahren hinweisen beziehungsweise Aggressionen oder Erregungen ausdrücken (Näheres hierzu siehe weiter unten in diesem Kapitel).3

Allein soziale Gesten betreffend, weisen Pongiden und Menschen zahlreiche Ähnlichkeiten auf. So stellte die amerikanische Primatologin Dian Fossey, die seit 1967 das Verhalten wildlebender Gorillas in den Bergwäldern Ruandas erforscht hatte, fest, dass diese Tiere in ähnlichen Situationen lächeln, wie es bei Menschen zu beobachten ist, dass sie sich ebenso zur Begrüßung küssen, umarmen oder auch die Hände reichen, zur Einschüchterung eines Rivalen die Faust ballen oder bei der Bitte um eine Gefälligkeit entgegenkommend die Hände ausstrecken.4

Um in der Spracherwerbsforschung bei primatologischen Experimenten die größten Erfolge zu erzielen, wurde das Erbgut mehrerer Primaten mit dem des Menschen verglichen. Je früher sich in der Stammesgeschichte die Ahnenreihen getrennt haben, desto geringer ist die genetische Übereinstimmung.

Molekularbiologische Versuche haben zu dem Ergebnis geführt, dass der Mensch mit dem Schimpansen (Pan troglodytes) näher verwandt ist als mit anderen Primaten- Spezies.

Durch DNA-Analysen wurden folgende Resultate erzielt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Übereinstimmungen der DNA des Menschen mit der DNA anderer Primatengruppen 5

Da 97,6 % des menschlichen Erbguts mit dem des Pan troglodytes übereinstimmt, ist diese Spezies offensichtlich für Forschungszwecke am geeignetsten.

Andererseits unterscheidet sich die Lautsprache von Primaten wie auch die anderer Tierarten, vom entwicklungspsychologischen Standpunkt aus betrachtet, entschieden von der des Menschen: Während tierische Laute sowie nicht-lautliche Äußerungen, die als sprachliches Ausdrucksmittel betrachtet werden können (wie der Bienentanz, Über- bzw. Unterlegenheitsgesten bei Hunden, Drohgebärden bei Affen oder Haaresträuben bei diversen Tierarten, um nur einige Beispiele zur Veranschaulichung zu nennen) vererbt werden und sich auch im Laufe der Entwicklung beim einzelnen Tier nicht verändern oder erweitern, muss der Mensch seine Sprache erst von seiner Umgebung erlernen, wobei der ontogenetische Spracherwerb als langjährige Entwicklung zu verfolgen ist.6

Wild lebende Anthropoiden verständigen sich nicht nur durch lautliche Äußerungen; sie nutzen hierfür vielmehr alle Sinne: Kommunikation über den Geruchssinn (z. B. durch Markierung ihres Territoriums mit Urin) und den Tastsinn (gegenseitiges Lausen, enges Beieinandersitzen oder -schlafen) sowie mittels visueller Kommunikation (Mimik, Gestik, Schwanzposition, um Emotionen auszudrücken).

Die lautliche Kommunikation beschränkt sich bei wild lebenden Pongiden auf japsende Huuh - und Grunzlaute, die in erster Linie ausgestoßen werden, um die Aufmerksamkeit der Artgenossen auf sich zu lenken, beziehungsweise um Gefühle auszudrücken.

Sowohl die taktilen, olfaktorischen, und visuellen als auch die vokalen Kommunikationsmittel sind bei nahezu allen Pan-Spezies angeboren, also instinktiv: Die Laute werden unbewusst erzeugt, da sie vom limbischen System gesteuert werden.7

Fanselow und Felix gehen sogar so weit, daßsie zwischen der menschlichen und tierischen Sprache (wobei sie keine Gattung - auch nicht die Primaten - ausnehmen) einen „qualitativen evolutionären Bruch“ sehen, da die Fähigkeit des Menschen zur Sprache auch intendierte Mitteilungen umfassen und sich auf Sachverhalte der Außenwelt beziehen kann.8

Auf die Frage, inwieweit sich die Theorie Fanselows und Felix‘ mittlerweile widerlegen lässt, werde ich im vierten sowie im fünften Teil dieser Arbeit näher eingehen.

1.2 Haben Schimpansen ein Bewusstsein?

Bislang vertraten Biologen und Verhaltensforscher überwiegend die These, Tiere hätten generell kein Bewusstsein und seien somit der Sprache nicht mächtig. Neueste sprachwissenschaftliche Studien widersprechen jedoch diesen mittlerweile überkommenen Theorien.9

Die erstmals von Wolfgang Köhler (siehe unter 2.) erkannte Fähigkeit von Schimpansen, sich im Spiegelbild zu erkennen, wurde später von Gordon G. Gallup in einem Experiment näher erforscht.

Gallup untersuchte die Fähigkeit von Schimpansen und Rhesusaffen zur spiegelbildlichen Identifikation, indem er alle Affen erst mit ihrem Spiegelbild vertraut machte10 und ihnen später unter Betäubung Farbe auf Wangen und Ohren strich. Die Ergebnisse waren eindeutig: Während die Rhesusaff en keine Reaktion auf die äußerliche Veränderung an ihrem Körper zeigten, richteten die Schimpansen beim Anblick ihres Spiegelbildes die Aufmerksamkeit auf sich selbst, indem sie die Farbflecken immer wieder berührten und auch an ihren Fingern rochen.11

Weitere Untersuchungen dieser Art wurden ebenfalls mit Gorillas und Orang-Utans unternommen.

Ergebnisse der Spiegelversuche:

Während Gorillas, Rhesusaffen sowie andere Pan-Spezies keine Reaktion auf ihr Spiegelbild zeigen, die auf ein Selbst-Bewusstsein der Tiere hinweisen, erkennen Schimpansen und Orang-Utans ihr Spiegelbild als Wiederspiegelung ihres Körpers und richten bei Veränderungen im Spiegelbild ihr Interesse auf sich selbst.

Erstaunlich an dem Resultat ist vor allem, dass die Orang -Utans bei diesen Versuchen besser abschnitten als Gorillas und Paviane, obwohl letztere zu den Schimpansen in näherer Verwandtschaft stehen als die Orang-Utans.12

2. Entwicklung der Spracherwerbsforschung bei Primaten

Bereits 1699 sezierte der britische Chirurg Edward Tyson einen jungen Schimpansen - den zu seiner Zeit ersten bekannten Pongiden Englands. Der Chirurg fand 47 Merkmale, die der Schimpanse mit dem Mensch gemeinsam aufwies, die Tyson jedoch bei keiner der von ihm zuvor sezierten Affenarten hatte entdecken können.13

Im Jahre 1747 stellte der französische Philosoph Julien Offray La Mettrie fest, dass Anthropoiden nicht in der Lage seien, sich die menschliche Sprache anzueignen, obgleich sie diese - wenn auch nur teilweise - verständen.

Der amerikanische Zoologe R. L. Garner führte 1896 Verhaltensstudien an wildlebenden Schimpansen und Gorillas im Wald von Gabun durch. Garner ebnete somit den Weg zur Verhaltensforschung durch stilles und ausdauerndes Beobachten.14

Den Auftakt in die Forschung des 20. Jahrhunderts unternahm der aus Deutschland stammende Psychologe Wolfgang Köhler, als er 1913 auf Teneriffa die AnthropoidenForschungsstation der Preu ßischen Akademie der Wissenschaften errichtete, wo er ethologische Studien an Pongiden durchführte.15

Anfang der zwanziger Jahre begann der amerikanische Verhaltensforscher Robert M. Yerkes Experimente zum Spracherwerb von Schimpansen. Im Jahre 1925 baute er erst in Orange Park, Florida, später auch in Atlanta, Georgia ein Schimpansen-Laboratorium auf.16 Dabei stellte sich heraus, dass diese Tiere zwar bis zu 200 Wörter in gesprochenem Englisch verstanden, nicht aber die menschliche Lautsprache imitieren konnten.

Ebenso wie La Mettrie war Yerkes fest davon überzeugt, dass Schimpansen durchaus die Fähigkeit besäßen, die Gebärdensprache zu erlernen, um auf diese Weise mit den Menschen kommunizieren zu können.

Aber auch Yerkes führte hierzu keine weiteren Versuche durch, um seine Gedanken in die Tat umzusetzen.17

2.1 Erste Forschungsansätze zum Erwerb der Lautsprache bei Schimpansen

Zu Beginn der dreißiger Jahre adoptierten Winthrop und Luella Kellogg ein Schimpansenbaby namens Gua. Sie zogen Gua wie ein Menschenkind auf und unterließen dabei jedes typische Verhalten, das gegenüber Haustieren üblich ist; so aßen sie mit ihr gemeinsam an einem Tisch, anstatt sie am Boden aus einem Napf fressen zu lassen und vermieden das Lehren von Kunststücken, wie es gewöhnlich mit Haustieren praktiziert wird.

Dieser Versuch führte mitunter zu recht erfreulichen Ergebnissen: Gua lernte, mit Messer und Gabel zu essen und auch andere Werkzeuge zu benutzen, konnte sich ohne fremde Hilfe die Zähne putzen, lernte malen und sogar Auto fahren - nur die Hoffnung des Forscherehepaars, Gua könnte eines Tages ebenfalls die menschliche Lautsprache erlernen, wurde nie erfüllt.

Seit dem Experiment der Kelloggs, dem Schimpansenkind Gua das Sprechen beizubringen, gingen die Wissenschaftler allesamt vom lautlichen Ausdruck aus, wenn es darum ging, einem Primaten die menschliche Sprache zu lehren.

Einen weiteren Versuch startete gegen Ende der vierziger Jahre der Psychologe Keith Hayes: Gemeinsam mit seiner Ehefrau Cathy zog er die neugeborene Schimpansin Viki auf.

Während eines Versuchsspiels, bei dem Viki verschiedene Fotografien von Tier - und Menschenporträts in die beiden Kategorien Mensch und Tier unterteilen sollte, legte sie ein Foto, auf dem sie selbst abgebildet war, wie selbstverständlich zu den Menschenporträts; Bilder ihrer Artgenossen wiederum - darunter sogar eines ihres Vaters - widerum ordnete sie der Kategorie Tier zu!

Doch obwohl Viki sich selbst als Mensch betrachtete, war sie der menschlichen Sprache nicht mächtig.18

Ihr Lernerfolg war praktisch gleich Null: Nach sechs Jahren konnte Viki lediglich vier Wörter („Mama“, „Papa“, „cup“ und „up“) aussprechen.19

Andererseits stellten die Kelloggs fest, dass sie sich vielmehr mit den Händen als mit der Stimme mitteilen konnte: Viki erfand zum Beispiel für alle Wörter eine bestimmte Geste.20

2.2 Schimpansen-Experimente mit ASL

Aufgrund dieses erneut fehlgeschlagenen Experiments, einem Pongiden die menschliche Lautsprache zu vermitteln, kamen Linguisten zu dem einheitlichen Ergebnis, dass der Mensch anderen Primaten in seiner Sprachfähigkeit einfach überlegen sei.

Nach intensiven Studien über Berichte von der Aufzucht junger Schimpansen durch den Menschen, gelang es endlich den Verhaltenspsychologen R. Allen und Beatrice T. Gardner der Universität Nevada in Reno, das Geheimnis zu lüften: Sie stellten fest, dass Schimpansen aufgrund ihrer dem Menschen vergleichbar ziemlich dünnen Zunge und ihres höher gelegenen Kehlkopfes, der ihnen die Aussprache von Vokalen extrem erschwert, die biologischen Voraussetzungen zum Erlernen der Lautsprache gar nicht gegeben sind.

Zudem gelten Schimpansen als „sehr stille Tiere“21, da sie eher versuchen, eine beobachtete Handlung, Mimik oder Gestik nachzuahmen als gehörte Laute zu imitieren.

Indem sie in ihrem Forschungsansatz davon ausgingen, dass sprachliche Fähigkeiten nicht unbedingt im stimmlichen Ausdruck liegen müssen - da die gesprochene Sprache nur eine der sprachlichen Ausdrucksmittel darstellt -, bahnten sich die Gardners einen bisher völlig neuen Weg in der Spracherwerbsforschung mit Menschenaffen.22

Die Gardners, denen die Priorität der Kommunikation durch Gebärden bei Schimpansen bekannt war, respektierten dieses Phänomen und suchten nach einer kommunikativen Form, die ohne lautliche Äußerungen auskam: die Gebärdensprache ASL.23

2.2.1 Gardners Versuche mit Washoe

Die wahrscheinlich im Dezember 1965 in Westafrika geborene Schimpansin (Pan troglodytes) Washoe wurde berühmt als „das erste sprechende nicht-menschliche Wesen“24.

Im Juni 1966 beschlossen die Gardners, das Schimpansen-Mädchen, das nach dem Tod seiner Mutter in der afrikanischen Wildnis eingefangen worden war, zu adoptieren und es wie ein gewöhnliches Menschenkind aufzuziehen. Neuartig an diesem Versuch war, dass Washoe nicht die Lautsprache sondern die amerikanische Gebärdensprache ASL (American Sign Language) lernen sollte.

Um die junge Schimpansin nicht zu irritieren und sie glauben zu lassen, ASL sei die einzig mögliche Form der Kommunikation, wurden alle Gespräche in Washoes Nähe in Ameslan geführt. Hierdurch sollte vermieden werden, Washoes Motivation im Erlernen der Gebärdensprache negativ zu beeinflussen.

Da ASL als gängigste Taubstummensprache weltweit anerkannt ist, konnten die Gardners die Entwicklung der Lernfähigkeit Washoes mit derjenigen taubstummer Kinder vergleichen; mittels dieser Lehrmethode konnten sie also ermitteln, in welchen Phasen des ontogenetischen Spracherwerbs der Mensch den Schimpansen überholt, um somit die einzigartigen Phänomene der menschlichen Sprache zu erforschen.

Auf diese Weise hofften sie zu herauszufinden, was an der menschlichen Sprachfähigkeit einzigartig ist, beziehungsweise ob sich diese überhaupt von der eines Schimpansen unterscheidet.25

Die Taubstummensprache Ameslan weist einige Gebärden auf, die den Gesten in der Kommunikation zwischen wildlebenden Schimpansen sehr ähnlich sind. So sind zum Beispiel die Gebärden für die Begriffe „Komm“ und „Gib“ zwischen Ameslan und der Kommunikation unter Schimpansen nahezu identisch. Washoe lernte diese Zeichen daher besonders schnell.26

Washoes erste Ameslan-Geste war nicht „Mama“ oder „Papa“ - wie es in der Regel bei Menschenkindern aufgrund der intimen Mutter- und Vaterbindung sowie seiner einfachen Aussprache wegen der Fall ist - sondern das Zeichen für „mehr“, welches sie anfangs jedes Mal anwandte, um einen Wunsch zu äußern (z. B. „mehr Essen“, „mehr Umarmungen“, etc.).27

Nach drei mühevollen Lehrjahren bei den Gardners verfügte Washoe immerhin über 132 Zeichen28, die sie nicht nur in ASL praktizieren sondern ebenso einer bestimmten Bedeutung zuordnen konnte. Diese Zeichen umfassten sowohl Subjekte als auch andere Wortarten und sogar abstrakte Begriffe, wie beispielsweise Formen, Farben, etc.

Zudem wusste Washoe die erlernten Begriffe sinnvoll miteinander zu kombinieren. Sie besaßsogar die Fähigkeit zur Bildung neuer Symbole; dies bewies sie mehrere Male, als sie Gegenstände oder Tiere sah, deren Bezeichung ihr bis zu jenem Zeitpunkt unbekannt waren und denen sie einen Namen gab, indem sie bereits erlernte Symbole miteinander kombinierte (wie zum Beispiel „water-bird“ für einen Schwan, „drink-fruit“ für eine Wassermelone, „listen-drink“ für ein sprudelndes Getränk, und Ähnliches ).29

Da diese Neuschöpfungen festen Eingang in Washoes Stammvokabular genommen haben, kann es sich keineswegs um eine rein willkürliche Kombination bekannter Begriffe handeln.30

Diese Reaktion war ein Beweis dafür, dass sie die erlernten Zeichen tatsächlich verstanden hatte. Ihr sprachlicher Entwicklungsstand entsprach demnach dem eines 9 bis 24 Monate alten Kleinkindes.31

Um herauszufinden, ob sich Schimpansen, die ASL erworben haben, auch untereinander und in Abwesenheit des Menschen weiterhin in der Gebärdensprache verständigen würden, adoptierten die Gardners vier weitere Schimpansen, die sie zuvor ebenfalls mit ASL vertraut gemacht hatten.

Das Ergebnis war erstaunlich: Die Affen kommunizierten nicht nur untereinander in ASL sondern erprobten die erworbenen Gesten ebenfalls an Tieren anderer Gattungen sowie an Gegenständen!32

Ferner untersuchten die Gardners Washoes Entwicklung im Prozess des Spracherwerbs unter dem Aspekt der Syntax:

Ist es möglich, dass Schimpansen über angeborene syntaktische Fähigkeiten verfügen, wie sie Roger Brown, Psychologe an der Harvard University durch Untersuchungen mit Kleinkindern herausgefunden hat?33

Erste Untersuchungen ergaben, dass Washoe die Zeichen nicht willkürlich aneinanderreihte: In fast 90 % der Fälle, in denen sie ein Verb gebrauchte, wiesen ihre Sätze die Folge Subjekt-Prädikat-Objekt auf.

Da die Schimpansin aber bald darauf die Gardners verließ, mussten diese ihre Studie zum Nachweis syntaktischer Fähigkeiten bei Washoe einstellen.

Somit hatte das Primatologenpaar aus Nevada im Laufe ihrer fünfjährigen Forschung mit Washoe lediglich semantische Fähigkeiten bei Schimpnasen als grundlegenden Beweis für ihre Theorien erbracht.34

1970 wurde Washoe in Begleitung der Primatologen Roger und Deborah Fouts an die University of Oklahoma gebracht, 10 Jahre darauf zogen sie gemeinsam nach Washington, wo das Forscher-Ehepaar 12 Jahre später an der Central Washington University das Chimpanzee & Human Communication Institute (CHCI) gründete.35

2.2.2 Loulis

Ein neuer Forschungsansatz war die Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob und wieweit Schimpansen bereit wären, die einmal erworbene Gebärdensprache auch an ihre Nachkommen weiterzugeben. Zu diesem Zweck wurde Was hoe das Schimpansenbaby Loulis zur Aufzucht und Pflege anvertraut.

Obwohl kein Mensch in Loulis‘ Gegenwart Gebärden in Ameslan verwendete, lernte Washoes Adoptivkind alle Zeichen von seinen Artgenossen:

18 Monate nach Beginn des Projektes benutzte Loulis über 20 Gebärden, die er sich bei den anderen Schimpansen abgeschaut oder die Washoe ihm gezeigt hatte. Loulis war folglich „der erste Nichtmensch, der von anderen Nichtmenschen eine menschliche Sprache lernte“36

Kritiker - wie der Semasiologe und Linguist George Mounin - hatten zuvor den Vorwurf erhoben, Washoes erworbene Gebärden seien kein grundlegender Beweis ihrer Sprachfähigkeit, da sie nicht fähig sei, diese ihren Artgenossen weiterzuvermitteln.37 Anhand der vorliegenden Ergebnisse aus der obigen Studie konnten diese Einwände erstmals widerlegt werden.

Darüber hinaus führte das Projekt Loulis zu neuen Erkenntnissen in der Spracherwerbsforschung mit Schimpansen:

Ist die Gebärdensprache einmal in eine Sprachgemeinschaft eingeführt und von dieser als Mittel zur Kommunikation akzeptiert worden, wird sie durch kulturelle Übertragung weiter bestehen bleiben und verwendet werden.38

Dass sich Schimpansen tatsächlich kulturell weiterentwickeln und dieser Entwicklungsprozess keines künstlichen Eingriffs durch den Menschen - wie im oben vorgestellten Experiment - bedarf, hat kürzlich der leipziger Anthropologe Christophe Boesch herausgefunden: Gemeinsam mit seinem Forschungsteam beobachtete er das Verhalten von Schimpansen in mehreren Regionen.

Einige Verhaltens weisen ließen sich lediglich bei einer der erforschten Schimpansengruppen beobachten: So nahmen manche Affen kleine Stöcke zu Hilfe, um nach Termiten zu fischen39, während sich Schimpansen in anderen Gebieten keiner Hilfsmittel bedienten.

Diese territorial bedingte Entwicklung, kann also nicht Ergebnis eines Anpassungsprozesses an äußerliche Umweltbedingungen sein und muss daher, so Boesch, erlernt und an die anderen Mitglieder der Gruppe weitervermittelt worden sein.40

2.3 Das Jane-Goodall-Institut

Die Entdeckung, dass Schimpansen sowohl zum Fischen von Termiten als auch in anderen Lebenslagen Werkzeuge gebrauchen, machte bereits die Britin Jane Goodall, als sie im Jahre 1960 begann, am Gombe in Afrika Studien zum Verhalten dieser Primaten-Spezies durchzuführen.

Auch Goodall und ihr Kollege Adriaan Kortlandt kamen im Laufe ihrer Feldforschungen zu der Erkenntnis, dass Schimpansen äußerst gebärdenreich miteinander kommunizieren.41

Durch langjähriges Zusammenarbeiten und -leben mit diesen Tieren erkannte sie, dass Schimpansen nicht nur in der Lage sind, Gefühle wie Freude und Trauer zu zeigen sondern auch abstrakte Symbole zu verstehen und diese mittels ASL auszudrücken.42

Die Forschungen im Gombe National Park werden noch heute durchgeführt und sind somit die längsten Feldstudien an einer Spezies in ihrem natürlichen Umfeld.

2.4 Sarah

Zu Beginn der siebziger Jahre begann der amerikanische Psychologieprofessor Dr. David Premack ein völlig neu geartetes Projekt mit dem Schimpansenmädchen Sarah. Sarah lernte Wörter mit Hilfe von Plastikplättchen, die Symbole darstellten. Diese Symbole wurden der Schimpansin vorgelegt und einem bestimmten Begriff zugeordnet, wobei weder Farbe noch Form der Plättchen optisch den entsprechenden Begriffen ähnelten.

Wollte Sarah einen Gegenstand - meist handelte es sich um Früchte - erwerben, musste sie das entsprechende Symbol vorzeigen. Sarah bewies die Fähigkeit zur Bildung grammatikalisch und syntaktisch korrekter Sätze; sie hatte also die grammatikalische Struktur der Sätze kognitiv erfasst.43

Nach einiger Zeit wurde das Experiment auf alle Wortarten erweitert; sieben Jahre später konnte Sarah aus 150 Symbolen einfach strukturierte Sätze - bestehend aus drei bis vier Wörtern - in grammatikalisch richtiger Anordnung bilden.

Wie zuvor Washoe, so konnte auch die Schimpansin Sarah Gegenstände benennen und beschreiben, die in jenem Moment für sie nicht sichtbar waren.44

Sarah erfüllte somit zwei wichtige Voraussetzungen zum Spracherwerb, die bisher nur beim Menschen beobachtet werden konnten:

- Sie war in der Lage, Symbole anzuwenden und zu verstehen, was eine der Wesensmerkmale der menschlichen Sprache darstellt;
- Sie war fähig, logische Operationen auszuführen, was eine der Grundvoraussetzungen für Intelligenz ist.45

Premack erweiterte daraufhin sein Experiment mittels künstlicher Symbolsysteme, indem er mehreren Schimpansen die Begriffe „gleich“ bzw. „unterschiedlich“, „analog“ und „proportional“ verständlich zu machen versuchte. In 80 % der Fälle konnten die Versuchstiere einen Lernerfolg erzielen.46

2.4 Nim

Dr. Herbert Terrace, Psychologe an der Columbia University, berücksichtigte die Möglichkeit, dass der Lernerfolg von Schimpansen vom Verhalten der menschlichen Bezugsperson - das heisst des Ausbilders und dessen Beziehung zum Versuchstier - abhängen könnte: Terrace benutzte Videobänder, um aufzuzeichnen und später nachvollziehen zu können, inwiefern der Schimpanse Nim sein Lernverhalten nach den vorher ausgeführten Gesten des Ausbilders richtete.

Es stellte sich heraus, dass nur 10 % des Verhaltens des Schimpansen als spontan betrachtet werden konnte.47

Terrace schlussfolgerte durch Auswertung seiner Experimente, dass Nim sich zu häufig nach den Erwartungen des Ausbilders richtete (vergleiche Teil 5 dieser Arbeit).48

2.6 Das Lana-Projekt

Das Primatologenpaar Sue Savage-Rumbaugh und Duane Rumbaugh entwickelte eine Sprache auf der Grundlage einer Computertastatur, wobei jede Taste mit einem Symbol versehen war. Wurde eine bestimmte Taste gedrückt, so leuchtete diese auf, und das entsprechende Symbol erschien gleichzeitig auf einem Bildschirm.

Der Vorteil dieser computerunterstützten Methode lag in der Möglichkeit, die Fortschritte des Spracherwerbs zu speichern und diese somit genauestens zurückzuverfolgen und zu analysieren.49

Wie bereits bei den Spracherwerbs -Experimenten mit der Schimpansin Washoe (vergleiche Kapitel 2.2.1) wurden auch im Lana-Projekt neue Lexigramm-Kompositionen konstatiert; die Versuchsschimpansin schuf Denotationen für Dinge, die sie nie zuvor gesehen hatte, wie beispielsweise „apple which is orange“ für eine Apfelsine oder „banana which is green“ für eine Gurke.50

2.7 Kanzi - neue Entdeckungen bei Bonobos

Bonobos (Pan paniscus) zählen zu der Gattung der Schimpansen; sie haben schwarzes Fell sowie ein schwarzes Gesicht und sind von geringerer Körpergröße; daher sind sie auch unter dem Namen „Zwergschimpansen“ bekannt.

Im Oktober 1980 wurde der Bonobo Kanzi in der Yerkes Field Station geboren; im Alter von sechs Monaten wurde er in das Language Research Center von Atlanta gebracht, wo er - gemeinsam mit seiner Mutter Matata - an einem Sprachlernprojekt teilnahm.51

Zwei Jahre lang versuchten seine Trainer erfolglos, in ihm das Interesse an einem Lexigramm-Keyboard zu wecken; Kanzi beobachtete jedoch lediglich die leuchtenden Symbole, die er immerzu einzufangen versuchte.52

Wenn Bonobos auch in ihren grundlegenden Verhaltenweisen den Schimpansen sehr ähneln, so weisen sie sich doch unter anderem durch ein komplexeres vokales Kommunikationssystem aus; allerdings waren sie in der Spracherwerbsforschung bis zu diesem Zeitpunkt nicht berücksichtigt worden, da ihre sprachlichen Fähigkeiten von den Primatologen und Verhaltensforschern stark unterschätzt worden war.53

Bald bemerkten die Trainer jedoch, dass der junge Bonobo in der Lage war, die Wörter, die er hörte, den jeweiligen Symbolen auf dem Keyboard zuzuordnen; dieses Phänomen war eine ganz neue Entdeckung in der Geschichte der Kommunikationsforschung bei Primaten: Die Tatsache, dass Kanzi einzig und allein durch ein bestimmtes gesprochenes Wort auf einen Gegenstand beziehungsweise auf ein Symbol zeigen konnte, machte ihn schl agartig berühmt und brachte die Primatologen auf die Idee, ihre Aufmerksamkeit in den Spracherwerbsprojekten zukünftig verstärkt auf die Gattung der Bonobos zu richten.54

In der Kommunikation zwischen Kanzi und seinen Trainern ging es nicht nur um das Essen sondern ebenfalls um Themen wie Spielen und Reisen.

Um zu einem stichhaltigen Ergebnis zu gelangen, führten die Trainer Experimente durch, in denen der Versuchsaffe einen Kopfhörer aufgesetzt bekam und zu jedem gehörten Begriff auf das entsprechende Objekt, Foto oder Lexigramm zeigen sollte. Kanzi bestand diese Tests mit hundertprozentigem Erfolg!55

Als der Bonobo vier Jahre alt war, kannte er bereits die Bedeutung von 80 Symbolen, die er zudem grammatikalisch korrekt anzuwenden verstand.56

Heute verfügt Kanzi über einen Passiv-Wortschatz von 500 Wörtern sowie über einen Aktiv-Wortschatz von über 200 Symbolen. Seine sprachlichen Fähigkeiten beziehen sich jedoch nicht nur auf einzelne Wörter: Er kann tausende syntaktisch neu formulierte Sätze verstehen, die komplexe Strukturen aufweisen und sich ebenso auf Objekte, die sich außerhalb seiner Sichtweite befinden, beziehen können.

Sein Verständnis von gesprochenen Wörtern ist somit vergleichbar mit dem eines zweieinhalbjährigen Kindes.

Kanzis kognitiven Fähigkeiten beschränkten sich im Übrigen nicht nur auf sein sprachliches Verständnis; ferner war er in der Lage, Stein-Werkzeuge selbstständig herzustellen und verschiedene andere Werkzeuge sinnvoll zu gebrauchen.57

3. Sprachliche Kommunikation bei anderen Primatengattungen

Experimente zum sprachlichen Kommunikationsverhalten sowie zur Spracherwerbsforschung wurden nicht nur mit Schimpansen und ihren nahen Verwandten, den Bonobos unternommen; in diesem Kapitel werden weitere Versuche mit Gorillas, Orang-Utans und Grünen Meerkatzen vorgestellt.

3.1 Gorillas - Koko, das Sprachgenie

Unter den ca. zwei Meter großen und bis zu 180 kg schweren Gorillas werden allein im akustischen Bereich 17 Kommunikationslaute differenziert.58

Der Frage, ob auch Gorillas fähig zum Erwerb der Gebärdensprache seien, ist die Primatologin Penny Patterson nachgegangen: Die ehemalige Psychologie-Studentin betreute das im Juli 1971 in einem Zoo in San Francisco geborene Gorillaweibchen Koko bereits, als es noch ein Baby war.

Wie zuvor die Gardners, so versuchte auch Patterson, Koko die amerikanische Gebärdensprache Ameslan zu lehren.

Heute verfügt Koko über ein Vokabular von über 1.000 ASL-Gebärden.59

Zudem weißsie sich emotional äußerst gut auszudrücken; ein weiterer Beweis ihres hervorragenden Sprachtalents liegt in ihrer ausgeprägten Neigung zum Lügen.60

3.2 Orang-Utans

Mag das Resultat eines für Kleinkinder entwickelten Intelligenztests, in dem ein Orang- Utan-Säugling einen IQ von 200 erreicht hat, auch als zweifelhaft angesehen werden - da der Orang-Utan den Menschkindern aufgrund ausgeprägterer Kontrolle über seine Bewegungsabläufe im Vorteil gewesen sein könnte -, so kann dennoch ohne weiteres als bewiesen betrachtet werden, dass diese Primatengattung über ein Bewusstsein verfügt (vergleiche Kapitel 1.2).

Da jedoch die aus Sumatra und Borneo stammenden Orang-Utans keine geselligen Tiere sondern vielmehr Einzelgänger sind, sind sie für Experimente zur Kommunikationsforschung weniger geeignet.61

3.3 Grüne Meerkatzen

Die Schimpansenforscherin Sue Savage-Rumbaugh fand heraus, dass Grüne Meerkatzen über die ausgeprägteste Tiersprache überhaupt verfügen. Im Vergleich zu anderen Primatengruppen ist ihre Lautsprache erlernt und nicht instinktiv.62

Dorothy Cheney und Robert Seyfarth untersuchten in einer Langzeitstudie die Fähigkeit lautlicher Kommunikation Grüner Meerkatzen, indem sie die Tiere im Amboseli- Nationalpark von Kenia beobachteten.

Die aus Afrika stammenden Altwelt- oder Schmalnasenaffen, die sich von den Schimpansen insbesondere durch ihren langen Schwanz und ihre zierliche Konstitution unterscheiden, sind ausgesprochen gesellige Tiere, die in kleinen Gruppen leben und über ein äußerst komplexes Kommunikationssystem verfügen.63

Neben diversen Grunzlauten verständigen sie sich bei aufkommenden Gefahren auch durch laute Rufe.

Mit Hilfe eines Klangspektografen (ein Instrument zur Messung von Schallfrequenzen und Tonhöhen eines bestimmten Lautes) analysierten Cheney und Seyfarth die Laute einer Gruppe Grüner Meerkatzen.

Das Ergebnis war frappant: Die für das menschliche Gehör nicht zu differenzierenden Rufe lassen sich in vier verschiedene Lautmuster einteilen, die bestimmten Situationen zugeordnet werden können:

1. zur Ankündigung von Luftfeinden (insbesondere Kampfadler)
2. beim Annähern eines schnellen Bodenfeindes (zum Beispiel Leoparden)
3. beim Sichten eines sich langsam nähernden Bodenfeindes (beispielsweise Schlangen)
4. zur Ankündigung anderer Feinde64

Bereits diese differenzierte Verständigung könnte als primitives Vokabular betrachtet werden.

Ein weiterer Versuch von Cheney und Seyfarth bestand in der Überprüfung der Fähigkeit Grüner Meerkatzen, diese Laute voneinander zu unterscheiden. Hierzu versteckte das Forscherteam ein Tonbandgerät mit den aufgenommenen Lauten und spielte diese einer anderen Gruppe der gleichen Spezies vor.

Tatsächlich verhielten sich die Tiere bei jedem der wahrgenommenen Rufe unterschiedlich, wobei ihre Reaktion auf einen bestimmten Laut jedoch immer gleichbleibend war.

Grüne Meerkatzen sind also in der Lage, die für den Menschen völlig gleich klingenden Rufe voneinander zu differenzieren.

Das Erzeugen dieser Alarmrufe sowie deren Erkennung sind den Tieren angeboren. Junge Grüne Meerkatzen müssen jedoch erst lernen, zwischen unbedeutenden und gefährlichen Objekten zu differenzieren; so geben die Jungtiere auch beim Herannahen friedlicher Tiere Alarmrufe von sich und interpretieren sogar fallendes Laub als „Luftfeind“.65

4. Kritikerstimmen

Ende der siebziger Jahre lösten Fernsehsendungen, in denen die Schimpansen Washoe und Nim ihr Können unter Beweis stellen sollten, hitzige Debatten aus über den Sinn bzw. Unsinn, einem Pongiden die menschliche Sprache zu lehren.

Sue Savage-Rumbaugh berichtete, dass die Schimpansen ihres Projekts über sprachliche Kenntnisse verfügen, die denen zweieinhalbjähriger Kinder entsprächen.

Noam Chomsky verurteilt alle Spracherwerbsprojekte mit Pongiden als irrational und vergleicht die Fähigkeit eines Affen zur sprachlichen Kommunikation mit der eines Menschen zum Fliegen.66

Der amerikanische Evolutionsbiologe Marian Stamp Dawkins zweifelt ebenfalls daran, dass der Schimpanse etwas Konkretes gelernt habe und geht vielmehr davon aus, dass es sich bei positiven Reaktionen lediglich um Zufälle handele.67

Ein stark vertretener Kritikpunkt verwies auf die Tatsache, dass die Schimpansen in den häufigsten Experimenten sehr oft für ihren Lernerfolg belohnt wurden: Dies führte zu der Kontroverse, in der es um die Frage ging, ob Schimpansen tatsächlich - also auch bei Ausbleiben einer Belohnung - die menschliche Lautsprache erwerben könnten.68

Steven Pinker, Kognitionswissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology, ist davon überzeugt, dass die Versuchstiere sich nicht über die wahre Bedeutung der verwendeten Symbole bewusst seien; statt dessen geben sie lediglich, so Pinker, eine antrainierte Reihenfolge von Symbolen wieder, um mit Leckerbissen belohnt zu werden.69

Nims Betreuer, Herbert Terrace kam bei Auswertung seiner Untersuchungen (vergleiche Kapitel 2.4) zu dem Ergebnis, dass Pongiden nicht in der Lage seien, sich bewusst der Sprache zu bedienen, sondern dass sie lediglich - in gleicher Weise wie pawlowsche Hunde - durch simple Konditionierung lernen, beim Gebrauch bestimmter Symbole eine Belohnung zu erhalten.70

Indem Terrace seine Ergebnisse aus dem Projekt Nim direkt an die Medien weitergab, anstatt sich vorab mit anderen Wissenschafltern, die sich mit diesem Thema befasst hatten, damit auseinanderzusetzen, löste er eine Flutwelle von Presseberichten aus; in diesen führten sämtliche Anhänger Chomskys - die ihre Auffassung von der Einzigartigkeit des Menschen zur sprachlichen Kommunikation hierin bestätigt fanden - neue Beweise an, die Nim als reinen Imitator entlarven sollten.71

Während die Medien darauf abzielten, Chomskys Ansicht, dass die menschliche Sprache in keinem Zusammenhang mit tierischer Kommunikation stehe, zu unterstützen, wurden in der wissenschaftlichen Literatur gegensätzliche Thesen aufgestellt:

Der Linguist Philip Liebermann verurteilte Terrace‘ Gleichstellung seines eigenen Projektes mit den ASL-Experimenten mit der Schimpansin Washoe; auch die Psychologen Thomas Van Cantfort und James Rimpau kritisierten am Projekt Nim, dass die ausgewerteten Daten verzerrt worden seien.72

Nim wuchs weder - wie seine Artgenossin Washoe - in einem natürlichen Umfeld auf, noch wurde er wie ein Kind erzogen; Herb Terrace‘ Projekt glich vielmehr den operanten Konditionierungsversuchen B. F. Skinners: Nim wurde zwei Stunden täglich in einer sechs Quadratmeter großen, fensterlosen Zelle von über 60 verschiedenen Trainern angewiesen, eine bestimmte Gebärde auszuführen, um ein Spielzeug oder einen Leckerbissen zu erhalten.

Die Möglichkeit - wie Washoe - durch Beobachtung zu lernen, war auf Grund dessen gar nicht gegeben.73

Hätte Washoe unter diesen Umständen die Gebärdensprache gelernt, wäre sie womöglich ebenso wenig fähig gewesen, sich mit ihren Artgenossen mittels ASL „über Malfarben, Kleider zum Kostümieren und Fotos in Zeitschriften [zu] unterhalten.“74

Der Ameslan-Experte und Verfasser des Dictionary of American Sign Language, William Stokoe beobachtete zahlreiche Filmaufzeichnungen, in denen sich die Versuchsaffen durch Gebärden ausdrückten.

Stokoe sieht diese Videos als eindeutige Belege dafür an75, dass Schimpansen durchaus die gleichen Fähigkeiten aufweisen, wie Menschen in ASL zu kommunizieren.

Zudem wurde in einer Vielzahl der vorgestellten Forschungsprojekte der Beweis erbracht, dass Terrace‘ These nicht zutrifft: Beispielsweise im Experiment mit Washoe haben die Gardners beobachten können, dass die Schimpansin sehr bald auch ohne Belohnung auskam, und - wie Kleinkinder - erst alle Gesten imitierte, später aber auch ohne Aufforderung Gebärden machte, die sich weder auf Nahrung bezogen noch allein mit der Aussicht auf eine Belohnung ausgeführt wurden.

Des weiteren ist ein wichtiger Aspekt zu beac hten, der bei den Spracherwerbsprojekten mit Schimpansen nicht unterschätzt werden sollte:

Der Gebrauch der Kommunikationsmedien, die in der vorliegenden Arbeit vorgestellt worden sind (ASL, Plastikplättchen, Computertastatur), sind für die Versuchsprimaten vergleichbar mit dem Erwerb einer Fremdsprache. Eine solche zu erlernen, ist auch für den Menschen aufwendiger als der Erwerb der Muttersprache.76

Mit Ausnahme des - mittlerweile sehr stark angezweifelten - Projektes mit dem Schimpansen Nim, führen alle Ergebnisse aus den Experimenten, die in den letzten Jahren mit Schimpansen, Bonobos, Orang-Utans und Gorillas durchgeführt worden sind, zu dem Ergebnis, dass die sprachliche Kompetenz der Versuchstiere dem Stand zweieinhalb- bis dreijähriger Kinder entsprechen.77

Der Linguist des College of William and Mary in Virginia, Dr. Talbot Taylor teilt die Ansicht Savage-Rumbaughs, dass aufgrund der beeindruckenden Fähigkeiten, die die Schimpansen in diesem Spracherwerbsprojekt bewiesen haben, eine neue Definition von Sprache erforderlich sei.78

5. Weiterführende Gedanken

Dank neuester Erkenntnisse aus der Spracherwerbsforschung mit Menschenaffen konnten innovative Methoden entwickelt werden, um Kindern, die unter einer verspäteten sprachlichen Fehlentwicklung in den ersten Lebensjahren gelitten haben, zu ermöglichen, dieses Defizit wieder aufzuholen.

Wenn auch - wie sich bei so genannten Kaspar-Hauser-Kindern zeigt - der ontogenetische Spracherwerb ohne das Aufwachsen in einer Sprachgemeinschaft nicht möglich ist, so kann dennoch von einer latenten Sprachbereitschaft ausgegangen werden, welche dem genetisch manifestiert en „Language Acquisition Device“ (LAD) zu Grunde liegt.79

„Die Annahme eines sprachspezifischen Genoms, das ausschließlich für sprachliche Universalien verantwortlich ist, widerspricht“, so Kreisel-Korz „allen bisherigen evolutionsbiologischen Erkenntnissen.“80

Wenn aber - wie aus den erläuterten Versuchen mit Pongiden anzunehmen ist - sprachspezifische Fähigkeiten bedingt sind durch evolutionsbiologische Faktoren, wie werden diese dann weitervererbt?

Aufschlussreich wäre eine Betrachtung zweier nicht miteinander zu vereinbarender Versuchsergebnisse:

Einerseits haben Experimente mit Schimpansen, die ASL gelernt haben und sinnvoll zu verwenden wissen, zu dem Ergebnis geführt, dass diese Tiere in der Tat fähig sowohl zum Erfassen als auch zur Vermittlung abstrakter Sachverhalte sind und ebenfalls Bezug zu Gegenständen beziehungsweise Personen nehmen können, wenn sich diese für sie auch außer Sichtweite befinden.

Andererseits aber zeigt sich am Beispiel der Schimpansin Viki, die am Versuch, die menschliche Lautsprache zu erwerben, gescheitert ist, dass sie nicht einmal in der Lage war, „Mama“ oder „Papa“ zu sagen, sobald ihre Pflegeeltern nicht anwesend waren.81 Fraglich ist demnach, ob Viki lediglich zu den weniger intelligenten Schimpansen zählt oder ob die Fähigkeit von Schimpansen, Wörter rein begrifflich zu verwenden, nur mittels Gebärdensprache gegeben ist.

Aus den Experimenten zur Kommunikation bei Pongiden wurde ersichtlich, dass sie logische Operationen zwar erfolgreich durchführen konnten - wie sich an Hand des Beispiels neuer Lexigramm-Kompositionen im Lana-Projekt (vgl. Kap. 2.6) oder in den Versuchen mit der Schimpansin Washoe (vgl. Kap. 2.2.1) zeigt -, nicht aber fähig zum Erwerb einer gesprochenen Sprache waren.

Beide Ergebnisse führen zu der Erkenntnis, dass logisches Denken nicht an eine verbale Sprache gebunden sein muss, sondern auch unabhängig von dieser bestehen kann.82

Weiterhin bleibt fraglich, warum sich - trotz ausreichender Intelligenz unter den Primatengattungen - im Verlauf der Evolution keine Kommunikationsform entwickelt hat, die dem des Menschen gleichkäme. Warum geben sich Menschenaffen mit den aktuellen primitiven Ausdrucksformen zufrieden, um sich untereinander zu verständigen, wenn sie auch zu Höherem in der Lage wären?

Literaturverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 vgl. Fouts, S. 293

2 Kreisel-Korz, S. 92

3 Linden, S. 20

4 Fossey, S. 1

5 Friday, A. / Ingram, D. S. (Hg.): Cambridge-Enzyklopädie Biologie. Organismen, Lebensräume, Evolution. Weinheim: VCH 1986 (Titel der Originalausgabe: The Cambridge-Encyclopedia of Life Sciences. Cambridge 1985); vgl. auch Kreisel-Korz, S. 31; Sommer / Ammann, S. 20

6 Révesz, Géza: Der Kampf um die sogenannte Tiersprache. In: Psychologische Rundschau 4, S. 82; vgl. auch Kreisel-Korz, S. 9

7 Die einzige Ausnahme sind die Grünen Meerkatzen, deren Lautsprache einem ontogenetischen Prozess unterliegt; vgl. 3.3 dieser Arbeit

8 Fanselow, G. / Felix, S. W.: Sprachtheorie. Eine Einführung in die Generative Grammatik. Bd. 1: Grundlagen und Zielsetzungen, Tübingen: Francke ³1993, S. 241-243; vgl. auch Kreisel-Korz, S. 9f.

9 Fossey, S. 2

10 Die Erkennung des eigenen Selbstbildnisses im Spiegel erfolgt jedoch erst nach ca. vier Tagen. Bis zu diesem Zeitpunkt halten die Affen das Spiegelbild für einen Artverwandten; vgl. hierzu Gould / Gould, S. 183

11 Kreisel-Korz, S. 47

12 Gould / Gould, S. 183

13 Das präparierte Skelett sowie eine reich illustrierte Beschreibung sind noch heute im Britischen Museum ausgestellt; vgl. Sommer / Ammann, S. 84

14 Sommer / Ammann, S. 85

15 ebd.

16 das Yerkes Primate Research Center besteht noch heute; der Schwerpunkt wurde aber in den fünfziger Jahren von der Verhaltensforschung auf biomedizinische Experimente verlegt; vgl. Fouts, S. 286f.

17 Fouts, S. 44

18 Linden, S. 54

19 Cathy Hayes veröffentlichte ihre Erfahrungen in: Hayes, Cathy: The Ape in Our House. Victor Gollancz Ltd. 1952

20 Fouts, S. 39f. Der Erfahrungsbericht der Kelloggs wurde veröffentlicht in: Kellogg, Winthrop N. und Luella A.: The Ape and The Child. Hafner Publishing Co. 1933

21 abgesehen von den sogenannten „Pant-hoots“ und „Pant-grunts“ (japsende Huuh - und Grunzlaute) , die jedoch - anders als sprachliche Laute des Menschen - vom limbischen System gesteuert und somit unkontrolliert erzeugt werden; vgl. Abschnitt 1.1

22 Fouts, S. 41f.

23 American Sign Language, amerikanische Taubstummensprache u. weltweit bekannteste Gebärdensprache, auch unter dem Begriff „Ameslan“ bekannt; vgl. Bußmann, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart: Alfred Kröner; 2., völlig neu bearb. Aufl. 1990, S. 264; vgl. auch: Fouts, S. 43

24 Fouts, S. 16

25 Linden, S. 24 - 27; Fouts, S. 16

26 ebd., S. 30

27 Linden, S. 14

28 nach Lindauer waren es genau 85 Zeichen; vgl. Lindauer, S. 242

29 Vgl. Kreizel-Korz, S. 97

30 Kreisel-Korz, S. 98; vergleichbare Forschungsergebnisse wurden auch im Lana-Projekt erzielt, vgl. 2.5

31 Dawkins, S. 72f.

32 Gardner / Gardner, S. 24

33 Linden, S. 45

34 Linden, S. 52f.

35 Central Washington University, Ellensburg, Washington 1996. http://www.cwu.edu/~cwuchci/washoebio.html

36 Fouts, S. 297

37 Linden, S. 170

38 Fouts, S. 292 - 297

39 Homepage des Jane-Godall-Instituts: http://www.janegoodall.org/jane/jane_bio_gombe.html

40 „Laserblitze knacken Moleküle“. In: Die Welt (13.04.2000), S. 37; Im Internet unter: http://www.infoseek.de/nachrichten/vermischtes/ASVIM-WL-91010939.html

41 Fouts, S. 43

42 Homepage des Jane-Godall-Instituts: http://www.janegoodall.org/ jane/jane_bio_gombe.html; vgl. auch Goodall, Jane. In: Fouts, S. 10

43 Dawkins, S. 73f.

44 Lindauer, S. 243 - 245; Gould / Gould, S. 214

45 Lindauer, S. 243

46 Gould, / Gould, S. 219

47 Dawkins, S. 76f.

48 ebd., S. 77f.

49 Gould, / Gould, S. 216

50 Kreisel-Korz, S. 98

51 ebd., S. 100

52 Homepage des Language Research Centers, Atlanta. http://www.gsu.edu/~wwwlrc/biographies/kanzi.html

53 Kreisel-Korz, S. 100f.

54 Ausgiebige Studien an Bonobos sind bedauerlicherweise mit großen Schwierigkeiten verbunden, da sich ihr Bestand in den letzten Jahren zunehmend verringert hat; Der Pan paniscus steht mittlerweile auf der Roten Liste bedrohter Tierarten (IUCN 1996).

55 Homepage des Language Research Centers, Atlanta. http://www.gsu.edu/~wwwlrc/biographies/kanzi.html

56 Gould, / Gould, S. 218

57 Homepage des Language Research Centers, Atlanta. http://www.gsu.edu/~wwwlrc/biographies/kanzi.html

58 Lindauer, S. 239

59 The Gorilla Foundation / Koko.org. http://www.koko.org/koko/koko/koko.hmtl; Reuse, Sandra: Affen haben ein Gedächtnis für Zahlen. In: Die Welt (07.01.2000), S. 33. Im Internet unter: http://www.diewelt.de/daten/2000/01/07/0107ws145855.htx

60 Linden, S. 171 - 173

61 ebd., S. 19

62 Diamond, J.: The third chimpanzee: The evolution and future of the human animal. New York: Harper Collins Publishers 1993, S. 143

63 Dawkins, S. 22 - 24

64 Bedeutung und Funktion dieses Lautes sind noch nicht eingehend erforscht; womöglich bezieht es sich auf Menschen oder ähnliche Jäger

65 Gould / Gould, S. 181

66 Johnson, a. a. O.

67 Dawkins, S. 81 - 83

68 ebd., S. 72

69 Johnson, a. a. O.

70 ebd., a. a. O.

71 Fouts, S. 332

72 ebd., S. 333

73 ebd., S. 329f.

74 ebd., S. 335

75 ebd., S. 334

76 Kreisel-Korz, S. 102

77 ebd., S. 93

78 Johnson, a. a. O.

79 vgl. Kreisel-Korz, S. 129

80 Kreisel-Korz, S. 116

81 Lindauer, Martin, a. a. O., S. 241

82 vgl. Kreisel-Korz, S. 119

23 von 23 Seiten

Details

Titel
Spracherwerb bei Schimpansen
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Über den Ursprung der Sprache
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
23
Katalognummer
V104141
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der vorliegenden Arbeit wird die Frage behandelt, ob Primaten über ein Bewusstsein verfügen und ob sie fähig sind, sich sprachlich zu verständigen.
Schlagworte
Primaten Bewusstsein Sprache Spracherwerb ASL
Arbeit zitieren
Elke Hoyer (Autor), 2000, Spracherwerb bei Schimpansen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104141

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