Dürrenmatt, Friedrich - Der Verdacht


Referat / Aufsatz (Schule), 1999

19 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

I. Vorwort

II. Analyse der Bedeutung der Begriffe „Einsamkeit, Beziehungslosigkeit, Interesselosigkeit, Gefühllosigkeit und Isolation“.
1. Einsamkeit und Isolation
a) Ich-Erzähler hat kein Interesse an der Gesellschaft und lebt somit fast ohne soziale Kontakte
b) Tisserand, der einsam ist und sich in sein Innerstes isoliert
2. Beziehungslosigkeit
a) einerseits Hass zu Véronique, anderseits zeigt er immer noch Gefühle für sie
b) Fabeln und deren Bezug auf den Ich-Erzähler und Tisserand
3. Interesselosigkeit
a) Ich-Erzähler hat keine Hobbys und ist suizidgefährdet
b) Egoismus der Gesellschaft
4. Gefühllosigkeit
a) Anstiftung zum Mord
b) keine Trauer über Tisserands Tod oder Trost für Buvet

III. Der Held des Romans im Bezug auf die Moderne

IV. Nachwort

V. Literaturverzeichnis

I. Vorwort

Der Autor des Romans „Ausweitung der Kampfzone“, Michel Houellebecq, wurde 1958 in Réunion, einem ehemaligen französischen Kolonialgebiet geboren. Seine Mutter, eine ehemalige Ärztin, schob ihren Sohn mit sechs Jahren zu seinen Großeltern nach Paris ab, um sich selbst zu verwirklichen, was er auch jetzt stark bemängelt. Heute lebt er immer noch in der Hauptstadt. Als 1974 seine Großmutter verstarb, begann er sich für Poesie zu interessieren.

1980 machte er eine Ausbildung zum Agrartechniker. Im gleichen Jahr heiratete er und ein Jahr später wurde sein Sohn Etienne geboren. Houellebecq lies sich kurze Zeit darauf wieder scheiden. Er studierte EDV und ab 1991 war er EDV-Fachmann für die französische National- versammlung.

Ebenfalls ist bekannt, dass der heutige Schriftsteller an Depressionen litt und in der Psychiatrie behandelt wurde.

Als Schriftsteller wurde er für seinen 1998 erschienenen Roman „Elementarteilchen“ mit dem „Prix Novembre“ ausgezeichnet. Aber auch sein Debütroman „Ausweitung der Kampfzone“, den ich in der folgenden Arbeit analysieren möchte, wurde mit dem „Gran Prix national des lettres“ sowie mit dem „Prix Flore“ geehrt1. In Deutschland (aber auch in Frankreich) äußerte sich die Presse positiv bis skeptisch über das Buch, da Houellebecq viele Tabus bricht und sein Held ein doch sehr eingeschränktes Gesellschaftsbild hat. So schreibt zum Beispiel die Facts „Sätze wie Messerstiche“, was sicher auf die kalte und doch einprägende Nüchternheit des Ich-Erzählers und deren Meinung über die Menschheit zurückzuführen ist. Wohl auch aus diesem Grund wird Houellebecq als „Revolutionär der Kälte“ (TAZ) beschrieben2.

Inhaltlich beschreibt der Roman einen dreißigjährigen Mann, der in Paris in einem EDV-Dienstleistungsbetrieb arbeitet. Der Ich-Erzähler ist beruflich sehr erfolgreich und verdient überdurchschnittlich. Allerdings hat er Probleme mit Frauen, Sexualität und seinem eigenen Selbst- bewusstsein, so dass er unter Depressionen leidet. Der Held beschreibt während des ganzen Buches seine Einstellungen und Ansichten gegen- über der Gesellschaft, Freundschaft und Partnerschaft sowie Sexualität. Diese sind meist sehr negativ, da der Ich-Erzähler der Meinung ist, dass es nur ein einziges Menschenprinzip gibt: Die gesellschaftlich attraktive und begehrenswerte Person, deren Leben äußerst erfolgreich verläuft und die alles erreichen kann. Die andere Art von Mensch ist hässlich und nicht anziehend, so dass die Gesellschaft sie nicht akzeptieren will. Der Held sieht sich als letztere genannte Person an, was ihn wiederum zu seinen Depressionen treibt. Einsamkeit, Beziehungslosigkeit, Interesse- losigkeit, Gefühllosigkeit und Isolation stellen daher für Michel Houellebecqs namenlosen Ich-Erzähler eine zentrale Rolle in seiner Analyse über sich selbst und andere dar, da das die Probleme der gesellschaftlich weniger angesehenen Leute sind. Nun möchte ich überprüfen inwiefern diese Begriffe eine Rolle im Roman „Ausweitung der Kampfzone“ spielen und ob der Held des Buches den typischen Helden des Zeitalters der Moderne zeigt.

II. Analyse der Bedeutung der Begriffe „Einsamkeit, Beziehungslosigkeit, Interesselosigkeit, Gefühllosigkeit und Isolation“.

1.Einsamkeit und Isolation

a) Ich-Erzähler hat kaum Interesse an der Gesellschaft und lebt somit fast ohne soziale Kontakte

Der Ich-Erzähler ist ein Mann anfang Dreißig, der als Programmierer in einer EDV-Dienstleistung in Paris arbeitet. Beruflich geht es ihm überdurchschnittlich gut, er verdient netto das Zweieinhalbfache des Mindestlohnes, aber privat pflegt er nicht sehr viele soziale Kontakte. Die einzigen beiden Personen, mit denen der Erzähler außerberuflich zu tun hat, sind der Arbeitskollege Raphaël Tisserand und sein ehemaliger Studienkollege und jetztiger katholischer Pfarrer der Problemgemeinde Vitry, Jean-Pierre Buvet. Der Erzähler ist nicht sehr an der Gesellschaft interessiert und denkt, dass der Leser ebenso wenig an seiner Umwelt interessiert ist wie er, da er in einem fiktiven Gespräch den Leser, und damit stellvertretend die Gesellschaft, fragt, wie er seine Freizeit verbringt. Der Erzähler fragt sich, ob sich der Leser „Vielleicht (...) den Menschen widmen“ 3 solle, aber er verneint sogleich mit der Begründung, dass ihn „im Grunde (...) die Mitmenschen (...) kaum [interessieren]“4 . Er schließt mit dieser Antwort von sich selbst auf den Leser.

Den Ich-Erzähler „widert [die Gesellschaft], in der [er] leb[t] [regel- recht] an“ 5. Er weiß auch nicht mehr wie er sich gegenüber den wenigen Frauen, die sich von ihm angezogen fühlen, benehmen soll. Der einzige Ausweg scheint ihm dann, sich zu übergeben6. Er fühlt sich durch solche Situationen überfordert und isoliert sich dadurch von der Gesellschaft. Buvet, einer seiner wenigen Freunde, scheint zu erkennen, dass der Ich- Erzähler in einer Krise steckt, da er „viel zu sehr allein [ist]“ 7. Der Pfarrer versucht ihm zu helfen, indem er seinem Freund zeigt, dass er sich für seine Probleme interessiert8. Buvet probiert den Ich-Erzähler zum Glauben zu bringen, der seinem Leben wieder einen Sinn und Fröhlichkeit geben soll. Dieser ist zwar nicht derselben Ansicht, gibt sich aber geschlagen und willigt der Meinung Buvets ein, um ihn nicht zu verlieren9, was den Anschein gibt, dass der Ich-Erzähler auf Grund von Meinungsverschiedenheiten schon oft Freunde verloren hat. Durch die Ansichten des Ich-Erzählers über die Gesellschaft lässt sich schließen, dass er sich von seiner Umwelt verschließt und isoliert. So „verkehr[t] [er] in der Regel [am Wochenende] mit niemandem“ 10. In seiner Freizeit „kultivier[t] [er] eine kleine Depression“ 11 oder der Erzähler schreibt Fabeln. Der Höhepunkt seiner Isolation ist, als er sich vom Psychiater auf Grund seiner Depressionen beurlauben lässt. So bricht der größte Teil seiner sozialen Kontakte ab, nämlich der zu den Arbeitskollegen. Ab diesem Zeitpunkt trifft er, abgesehen vom Psychiater, keinen Menschen12. Der Ich-Erzähler isoliert sich so extrem von der Gesellschaft, dass er nur noch im Dunkeln einkaufen geht13. Der Ich-Erzähler vereinsamt also gewollt, was wiederum zur Isolation führt.

a) Tisserand, der sich einsam fühlt und sein Innerstes isoliert

Raphaël Tisserand, 28 Jahre alt, ist ein Arbeitskollege des Ich- Erzählers, der mit ihm Geschäftsreisen in die Provinz antreten muss. Er ist beruflich ebenfalls gutverdienend14. Sein Problem besteht in seinem Äußeren. Der Ich-Erzähler beschreibt ihn mit dem Aussehen einer „Büffelkröte - (...) de[m] genaue[n] Gegenteil von Schönheit“15 . Tisserand fühlt sich alleine, weil er keine Freundin hat. Da der nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, hatte er bis jetzt noch nicht die Gelegenheit eine Beziehung mit einer Frau zu führen, geschweige denn mit einer zu schlafen. Tisserand ist des- wegen sehr frustriert, aber er versucht immer wieder mit einer Frau zu flirten, worauf die Mädchen meist mit regelrechtem Ekel16 reagieren, was den Informatiker mit jedem Mal mehr enttäuscht und verletzt. Tisserand geht es nicht unbedingt um den Sex, da er „genug Geld [hat], um [sich] einmal die Woche eine [Prostituierte] zu leisten“17 . Sein Wunsch ist es, dass eine Frau aus freiem Willen mit ihm schläft und auch Gefühle für ihn empfindet18. Er „ möchte es lieber noch versuchen“19 eine Beziehung zu führen, bevor er zu einer Prostituierten geht.

Tisserand ist nicht wie der Ich-Erzähler, der sich ja bewusst dazu entscheidet, den Kontakt mit seiner Umwelt abzubrechen, unfreiwillig einsam und isoliert. Dem Großteil seiner Mitmenschen erzählt er allerdings auch nicht seine Probleme und Zweifel an sich selbst. Der Ich-Erzähler scheint der einzige zu sein, dem er sich anvertraut. Trotzdem muss Tisserand dem Ich-Erzähler anfangs seine Probleme verschwiegen haben, denn der Erzähler kannte ihn bereits von einigen Gesprächen beim Arbeitsplatz, wo Tisserand „[m]eistens [von] Weibergeschichten erzählt“20 haben muss. Also versucht Tisserand seine Mitmenschen im Glauben zu lassen, dass auch er ein angeregtes Liebesleben führe. Somit isoliert er seine inneren Gefühle und kann nie vollkommen aus sich herausgehen. Der Informatiker kann auch keine hübschen Männer ertragen, da er sich unter ihnen minderwertig fühlt. So ging es Tisserand mit dem Arbeitskollegen Thomassen, der eigentlich „freundlich, liebenswürdig [und] zuvor- kommend“21 war. Zugleich war er allerdings „auffallend schön“22 , was Tisserands Selbstwertgefühl zunichte machte.

Auf diese Weise wird Tisserand immer frustrierter und einsamer. Er zerbricht schließlich an der Vorstellung, nie eine Beziehung zu führen.

2. Beziehungslosigkeit

a) Einerseits Hass gegenüber Véronique, anderseits zeigt er immer noch Gefühle für sie

Der Ich-Erzähler hatte vor zwei Jahren eine Beziehung mit einem Mädchen namens Véronique. Die Partnerschaft zerbrach auf ihren Willen, da der Ich-Erzähler versuchte, sich umzubringen und Véronique der Ansicht war, dass der Suizidversuch egoistisch ihr gegenüber war23. Sie interpretiert die Handlung so, dass der Ich-Erzähler „alles täte, um ihr zusätzliche Sorgen zu machen, wo sie doch schon genug zu tun habe mit ihren Schwierigkeiten bei der Arbeit“24 . Der Erzähler reagiert über- mäßig aggressiv auf Véroniques Äußerungen. Er ist auch sehr frustriert über die Tatsache, dass seine Partnerin ihn nach dem gescheiterten Suizidversuch nicht im Krankenhaus besucht hat. Der Ich-Erzähler erklärt zwar, das alles sei „Schnee von gestern“25 , aber er scheint doch noch sehr an den Reaktionen Véroniques zu leiden. Er erklärt, dass die „Liebe [zu ihr] reine Verschwendung“26 war und kritisiert sie auch als „niederträchtige[s] Flittchen“27 . Weiter bemängelt er an ihr „Engherzig keit, Egoismus, arrogante Dummheit, keinerlei moralisches Empfinden [sowie] chronische Liebesunfähigkeit“28 . Daraus lässt sich erkennen, dass der Ich-Erzähler sehr negative Empfindungen für seine Ex-Freundin hat, die fast schon vom Hass geprägt sind.

Trotz all der Kritik gegenüber Véronique kommt der namenlose Ich- Erzähler wieder ins Schwärmen über seine ehemalige Freundin, als er mit Tisserand in der Disco ein junges Mädchen, dem Véronique extrem ähnlich sieht, erblickt. Er stellt plötzlich fest, dass „zwei Jahre Trennung nichts [an den Gefühlen für Véronique] ausgelöscht [hat]“29 . Er beschreibt den Körper des Mädchens sehr anmutig, liebevoll und attraktiv. Als Tisserand den Ich-Erzähler fragt, ob er versuchen wolle, ein Verhältnis mit dem Mädchen anzufangen, reagiert er mit Übelkeit (er muss sich übergeben) und gleichzeitiger Erregung (er masturbiert), woraus sich interpretieren lässt, dass er sich einerseits noch stark zu Véronique hingezogen fühlt und anderseits eine extreme Abneigung zu ihr hat.

Der Ich-Erzähler kann schlecht mit der ehemaligen Beziehung mit Véronique umgehen und hat seit der Trennung auch keine neue Partnerschaft knüpfen können. Er weiß selber nicht in welchem konkreten Verhältnis er mit seiner ehemaligen Freundin steht, was ihn wiederum beziehungslos macht.

b) Fabeln und deren Bezug auf den Ich-Erzähler und Tisserand

In seiner Freizeit schreibt der Ich-Erzähler Fabeln. Nun möchte ich die erste Fabel30 Ich-Erzähler und Tisserand analysieren.

Die Fabel handelt von einer Kuh, die das ganze Jahr ihren monotonen Tagesablauf ausführt, d.h. hauptsächlich Fressen. Zu bestimmten Jahreszeiten hat sie das Verlangen nach einer Befruchtung, doch anstatt dass sie der Stier begattet, kommt der Viehzüchter und es folgt eine künstliche Besamung. Das Fohlen hingegen darf die Lust natürlich ausleben während die Kuh ihr Schicksal ertragen muss.

Die Fabel kann man folgendermaßen interpretieren: Der Viehzüchter ist Gott, der jedem Menschen sein sexuelles Schicksal vorbestimmt. Wenn man nun Glück hat wird man als Fohlen, also als attraktiver Mensch, geboren und hat somit die Freiheit, seine Lust nach Belieben auszuleben. Als Kuh hingegen unterliegt man dem Schicksal, sexuell immer unbefriedigt zu bleiben.

Der Ich-Erzähler ist schlecht in eine der beiden Kategorien einzuordnen, da er sehr wohl Beziehungen hatte, die aber nur von kurzer Dauer waren31. Allerdings schienen diese Partnerschaften eher unbefriedigend für ihn zu sein, was ihn eher zu der Seite der Kühe stellt. Der Ich- Erzähler scheint sein Schicksal als sexuell weniger ausgelasteten Menschen zu akzeptieren, da er sich kaum darüber beklagt.

Tisserand dagegen gehört zwar ebenfalls zur Kategorie der Kuh, will und kann diese aber nicht annehmen und versucht dagegen zu kämpfen. Er versucht immer wieder, sich Frauen anzunähern, worin er allerdings beständig abgewiesen wird.

Der Ich-Erzähler und Tisserand haben also, glaubt man der Richtigkeit der Fabel, beide vom Schicksal aus keine Chance auf eine befriedigende Beziehung oder ein angeregtes Sexualleben, was sie beziehungslos macht.

Die Kuh und das Fohlen stehen stellverstretend für die Menschheit, wobei die Personen entweder attraktiv, begehrenswert und anziehend sind (Fohlen) oder hässlich, reizlos und uninteressant (Kuh) wirken.

3. Interesselosigkeit

a) Ich-Erzähler hat keine Hobbys

Der Ich-Erzähler hat kaum noch Zeitvertreibe. Er verbarrikadiert sich im Laufe des Buches zunehmend in seiner Wohnung und ist kaum an Freizeitgestaltung interessiert. So vermisst er auch nicht unbedingt sein verlorenes Auto, da er „an den Wochenenden (...) kaum noch ins Grüne [fährt]“32 . In seinen Ferien zieht er ebenfalls organisierte Reisen vor33, obwohl es dort - meiner Ansicht nach - kaum viel spannendes oder aufregendes zu erleben gibt. Allerdings erwähnt er im Verlauf des Buches nie wieder eine solche Absicht. Der Ich-Erzähler hat kein Interesse mehr für seine Umwelt, geschweige denn für sich selbst. Ausnahmen sind Besuche in Kneipen mit Tisserand oder ein Ausgang ins Restaurant mit Buvet. Da sich die Hauptperson nicht der Welt öffnet, kann er nicht erkennen, dass sie nicht so schlecht ist, wie er immer denkt34. Somit wird indirekt aus der Interesselosigkeit eine Depression, da dem Leben kein Sinn mehr gegeben wird. Der Held wird so depressiv, dass er bereits Suizidgedanken hat. So hofft er nachts am Autobus- bahnhof Part-Dieu von herumstreunenden Obdachlosen umgebracht zu werden. Er ist sich darüber bewusst, dass die Herumtreiber keinen Skrupel davor haben „ihre Messer [zu zücken]“35 und trotzdem hebt er mit vollem Bewusstsein sein komplettes Kontoguthaben ab und
schlendert über den Busbahnhof. Allerdings gibt er gegen Morgen sein „Vorhaben auf“36 , was wohl den Suizidversucht mit beinhaltet.. Die Folgerung ist also, dass der Held aus Interesselosigkeit nicht mehr weiß, was er mit seinem Leben anstellen soll und keinen Sinn mehr in ihm erkennt.

b) Egoismus der Gesellschaft

Nicht nur der Held des Romans interessiert sich wenig für sein Umfeld, auch viele seiner Mitmenschen zeugen von einem hohes Potential an Egoismus. Die Gesellschaft, die im Buch gezeigt wird, wird sehr oberflächlich charakterisiert. Das erkennt man sehr stark am Verhalten der Mitmenschen, als der Ich-Erzähler bei seiner Geschäftsreise in Rouen eine Herzbeutelerkrankung erleidet. Da er nicht mobil ist, also kein Auto zu Verfügung hat, war er auf die Hilfe eines junges Pärchens angewiesen, das im Auto an der roten Ampel stand, um überhaupt zu erfahren wo das Krankenhaus sei. Da der Held schon geschwächt war, sah man ihm seinen körperlich heruntergekommenen Zustand an. Die Frau erklärte dem Erzähler „leicht gereizt“37 wie er den Weg zum Hospital finde. Die Hauptperson „appelliert stumm an ihr Mitleid“38, als ob ihn das Pärchen nicht vielleicht ins Krankenhaus fahren könne, aber in dem Moment, als die Ampel auf Grün schlägt, rasen die Personen einfach davon, ohne sich um den Ich-Erzähler zu kümmern.

Sogar einen Taxifahrer (der Erzähler schaffte es, sich ein Taxi zu organisieren) interessierte es nur, dass der Held ihm „den Rücksitz nicht schmutzig mache“39 und nicht, wie sein gesundheitlicher Zustand ist. Es ist also nicht nur der Ich-Erzähler, der kein Interesse an seinen Mitmenschen zeigt; es ist ein gesellschaftliches Problem.

4.Gefühllosigkeit

a) Anstiftung zum Mord

Der Ich-Erzähler reagiert teilweise sehr gefühllos, was sich daran zeigt, dass er es fertig bringt, Tisserand zum Morden anzustiften. Dies geschieht folgendermaßen: Heiligabend verbringen Tisserand und der Ich-Erzähler in einer Diskothek. Zwei Tage davor, also am 22. Dezember, kauft sich der Ich-Erzähler ein Filetmesser und beginnt Umrisse seines Plan zu schmieden40. Am gleichen Abend vereinbart er mit Tisserand, an Heiligabend in die Disko zu gehen (mit der Absicht, Frauen kennen- zulernen), was dann auch geschieht. Nachdem Tisserand wieder von den Mädchen abgewiesen wird, redet der Ich-Erzähler seinem Freund ein, dass er sich an den Frauen rächen soll und „das besitzen, was am kostbarsten an ihnen ist“41 - ihr Leben. Der Ich-Erzähler hat auch bereits jemand fixiert, nämlich das Mädchen, dem seine ehemalige Freundin Véronique so ähnlich sieht, sowie deren Freund. Tisserand, der schon „krank vor Sehnsucht“42 nach einer Frau ist, willigt schließlich ein. Das Pärchen fährt zum Strand, wo dann schließlich auch der Mord stattfinden soll. Im Endeffekt schafft es Tisserand aus moralischen Gründen nicht, die Liebenden zu töten; außerdem sieht er keinen Sinn in einem Mord, da ihm dies auch nicht helfen kann43.

Der Held wurde daraufhin „ein wenig traurig“44 , was wiederum seine Gefühllosigkeit zeigt. Der Erzähler hat keinerlei Gewissensbisse, dass er zwei unschuldige Menschen hätte töten wollen, da er „empört von ihrer Zärtlichkeit und ihrem Glück“45 ist.

b) Keinerlei Trauer über Tisserands Tod oder Trost für Buvet

Nach dem gescheiterten Mordversuch (vgl. 4.a)) von Tisserand beschließt dieser, zurück nach Paris zu fahren. Da die Nacht sehr neblig ist und Tisserand mit hoher Geschwindigkeit fährt, prallt er mit einem ins Schleudern gekommenen Lastwagen zusammen und stirbt einige Zeit später an der Unfallstelle46.

Der Ich-Erzähler reagiert auf die Nachricht von Tisserands Tod fast teilnahmslos und verliert über den Vorfall wenige Worte. Er zeigt sich vollkommen emotionslos, da er keinerlei Trauer zeigt. Er bemerkt nur, dass sein Arbeitskollege wenigstens „bis zum Schluss gekämpft [hat]“47 und „trotz der aufeinanderfolgenden Niederlagen (...) [bei den Frauen immer] die Liebe gesucht [hat]“48 .

Einige Zeit nach Tisserands Tod meldet sich sein ehemaliger Studien- kollege Jean-Pierre Buvet bei ihm und bittet um ein Gespräch bei sich daheim. Der Pfarrer wirkt wie ausgewechselt. Am Anfang schien er voller Elan und konnte sich auf seinen Glauben stützen, aber nun wirkt er ausgelaugt und ist angetrunken49. Niemand in seiner Gemeinde Vitry interessiert sich für die Kirche und als Buvet versucht, den Leuten nahe zu kommen, wird er abgewiesen. Eine seiner wenigen Kirchenbesucher (eine alte Dame) stirbt im Krankenhaus durch Euthanasie50, wie ihm die Schwester Patricia beichtet (er recherchierte über die Todesursache der Frau, da sie nur Knochenbrüche hatte, auf Grund derer man üblicherweise nicht stirbt). Während sich der Pfarrer bei dem Ich- Erzähler ausspricht „versucht(...) [der Held] ein teilnahmsvolles Gesicht zu machen“51 , was für seine Gefühllosigkeit gegenüber seinem Freund spricht. Der Priester fährt fort, dass er Patricia einen Monat lang täglich sah. Das Mädchen weiß nichts von einer Keuschheit der Priester und obwohl Buvet eine Sünde begeht, indem er wohl sexuellen Kontakt zu ihr hatte, meint er, dass Jesus bei ihm ist und fühlt sich in keinster Weise schuldig52. Währenddessen stellt der Erzähler fest, dass ein Auto, das eben in Werbung gezeigt wird, sehr wohnlich wirkt, woraus sich schließen lässt, dass er in keinster Weise an Buvets Problemen interessiert ist. Der Priester ist inzwischen völlig aufgelöst und berichtet weiter, dass das Mädchen einen neuen Freund hat und dass sie sich nicht mehr sehen werden53. Außerdem ist sie noch jung und möchte sich sexuell ausleben. Buvet kann nicht fassen, dass er Patricia so wenig bedeutet hat, während er sich sicher in sie verliebt hat.

Der Ich-Erzähler ist weiter unberührt und er schließt für sich, dass er „nichts für ihn tun [kann]54 und fährt heim. Der Held versucht nicht, wie damals Buvet für ihn, eine Stütze für den Priester zu sein, der nicht weiß wie er sich nun Patricia und seinem Glauben gegenüber verhalten soll. Er verliert, wie bei Tisserands Tod, keine weiteren Worte über den Vorfall und es ist ihm vollkommen gleich, was aus Buvet wird.

III. Der Held des Romans im Bezug auf die Moderne

Der Held stellt zunächst, egal in welcher Epoche, die Hauptfigur eines Romans, einer Erzählung oder eines Dramas dar. Allerdings verbindet man mit einem Held vor dem 20. Jahrhundert einen Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten55, der sich durch besondere Anlagen wie „ Kraft, Mut, Tapferkeit, Einfallsreichtum oder durch die Intensität seiner Gefühle [und] die Unbedingtheit seines Handelns“56 auszeichnet und somit nicht dem durchschnittlichen Menschen entspricht .

Während der Moderne hat sich das Bild des Heldens stark gewandelt: Der Held wird zum Durchschnittsmenschen, der mit sich und seiner Umwelt zu kämpfen hat, was dem Ich-Erzähler des Romans „Ausweitung der Kampfzone“ zuspricht. Auch der Held hat Probleme mit Freunden und Sexualität. Er sieht sich sehr kritisch und gesteht sich auch zu, dass er „nicht besonders schön oder charmant“57 ist, obwohl er - wenigstens an seinem Äußeren - etwas ändern könnte. Die Hauptperson, die ein überdurchschnittliches Monatseinkommen zur Verfügung hat, könnte sich zum Beispiel schick kleiden, einen modischen Haarschnitt schneiden lassen oder den Kosmetiker aufsuchen um sein Auftreten attraktiver zu gestalten. Aber genau der Charakterzug, dass er in dieser Lage nicht agiert, zeigt den typischen Helden der Moderne.

Der Held beeindruckt auch nicht über eine besondere gesellschaftliche Stellung. Er ist auch nicht beruflich zufrieden oder erfüllt. Er sieht „über- haupt keinen Sinn“58 in seinem Beruf als Informatiker und im Grunde genommen findet er die komplette Informatik „zum Kotzen“59 . Un- zufrieden mit seiner Karriere, ist er ein Held ohne einem „Streben nach

Höherem“60 , wie es dem Helden der Moderne entspricht. Der Protagonist hat auch nicht den Willen zur Umschulung, obwohl er in einem anderen Arbeitsbereich vielleicht aufgeblüht wäre.

Der Ich-Erzähler trägt allgemein viele Probleme in seinem Leben, wie ein unbefriedigtes Sexualleben61, seine Arbeit erfüllt ihn überhaupt nicht62 und er hat keinen Bezug zur Gesellschaft63. Als Fazit lässt sich daraus folgern, dass der heutige Protagonist seine äußeren Umstände zu ertragen hat; die eigentliche Kunst des Helden des 20. Jahrhunderts ist das „Leben auszuhalten“64 .

IV. Nachwort

Die Hauptfigur des Romans „Ausweitung der Kampfzone“ von Michel Houellebecq zeigt erstaunlich viele Parallelen zum namenlosen Ich- Erzähler. Vergleicht man Houellebecqs Lebenslauf mit dem des Protagonisten des Buches, so stellt man viele vergleichbare Züge, wie zum Beispiel die gleichartigen Ausbildungen als Programmierer in einem EDV-Dienstleistungsbetrieb (Erzähler) beziehungsweise EDV-Fachmann für die französische Nationalversammlung (Houellebecq), fest. Beide haben ein Studium hinter sich. Auffällig ist ebenfalls, dass der Held sowie Michel Houellebecq an Depressionen leiden und Aufenthalte in der Psychiatrie hinter sich haben65. Aber auch scheinbare Kleinigkeiten, wie dass Houellebecq „soweit er zurückdenken kann (...) mit Vorliebe Versandhauskataloge [liest]“66 bietet Vergleichsmöglichkeiten mit dem Ich-Erzähler, der auch interessiert einen Versandhauskatalog durchblättert67.

Durch diese Parallelen zwischen dem Autor und seinem Protagonisten kann man erfassen, dass sich Houellebecq stark mit ihm identifizieren kann und vielleicht sogar einen Teil seines Lebens in diesem Roman verarbeitet hat. Der Ich-Erzähler hat allerdings schon den Wettkampf um Ansehen in der Gesellschaft aufgegeben, während Houellebecq sagt: „Du musst begehrenswert sein. Du musst am Wettkampf teilhaben. Wenn du aufhörst existierst du nicht mehr.“68

V. Literaturverzeichnis

- Die Zeit 16/1999

- Die Zeit 35/1999

- Houellebecq, Michel: Ausweitung der Kampfzone, Rowohlt Taschenbuch Verlag

- http://www.stud.fernuni-hagen.de/q2287056/kritik/rez_10.htm (17.05.2001)

- http://www.autor-info.net/autoreninformationen_h/michel- houellebecq.html (17.05.2001)

- http://www.juni-worse.ill.de/literature/houellbecq/.html (15.05.2001)

- http://www.single-dasein.de/kohorten/michel_houellebecq.htm (17.05.2001)

- http://www.wu- wien.ac.at/usr/techno/hbrauman/dokumente/m_houellebecq.html (15.05.2001)

- Microsoft Encarta Enzyklopädie 2000

- Stadler, Hermann (Hrsg.): Texte und Methoden 11, Lehr- und Arbeitsbuch Deutsch

[...]


1 Biographische Angaben aus: Houellebecq, M. Ausweitung der Kampfzone (abgekürzt AdK), sowie www.autor-info.net/autoreninformationen_h/michel-houellebecq.html und www.juni-worse.ill.de/literature/houellbecq/.html

2 Zitate aus: www.stud.fernuni-hagen.de/q2287056/kritik/rez10.htm

3 AdK, Seite 14

4 AdK, Seite 14

5 AdK, Seite 90

6 AdK, Seite 51; Verhalten gegenüber Catherine Lechardoy, die sich kurzzeitig von dem Erzähler angezogen fühlte

7 AdK, Seite 35

8 vgl. AdK, Seite 35

9 vgl. AdK, Seite 36

10 AdK, Seite 34

11 AdK, Seite 34

12 vgl. AdK, Seite 151

13 vgl. AdK, Seite 151

14 vgl. AdK, Seite 67

15 AdK, Seite 60

16 vgl. AdK, Seite 121

17 AdK, Seite 108

18 vgl. AdK, Seite 108

19 AdK, Seite 108

20 AdK, Seite 58

21 AdK, Seite 69

22 AdK, Seite 69

23 AdK, Seite 113

24 AdK, Seite 113

25 AdK, Seite 113

26 AdK, Seite 112

27 AdK, Seite 112

28 AdK, Seite 112

29 AdK, Seite 122

30 AdK, Seite 12 f.

31 vgl. AdK, Seite 17

32 AdK, Seite 10

33 vgl. AdK, Seite 10

34 vgl. z. B.: AdK, Seite 90

35 AdK, Seite 144

36 AdK, Seite 144

37 AdK, Seite 81

38 AdK, Seite 81

39 AdK, Seite 81

40 vgl. AdK, Seite 40

41 AdK, Seite 127

42 Die Zeit 16/1999

43 vgl. AdK, Seite 130

44 AdK, Seite 130

45 Die Zeit 16/1999

46 Ich kann mir allerdings gut vorstellen, dass Tisserand mit Absicht gegen den LKW gefahren ist, sich also selbst umgebracht hat, weil er keinen Ausweg aus seiner Frustration mit Frauen sah.

47 AdK, Seite 131

48 AdK, Seite 131

49 vgl. AdK, Seite 151

50 „Sterbehilfe für unheilbar Kranke oder Schwerstverletzte“ (Microsoft Encarta Enzyklopädie 2000)

51 AdK, Seite 153

52 vgl. AdK, Seite 154

53 vgl. AdK, Seite 154

54 AdK, Seite 154

55 vgl. Stadler, Hermann (Hrsg.): Texte und Methoden 11 Lehr- und Arbeitsbuch Deutsch, Seite 237 (abgekürzt: Texte und Methoden 11)

56 Texte und Methoden 11, Seite 237

57 AdK, Seite 17

58 AdK, Seite 90

59 AdK, Seite 90

60 Texte und Methoden 11, Seite 237

61 vgl. AdK, Seite 17

62 vgl. AdK, Seite 90

63 vgl. AdK, Seite 147

64 Texte und Methoden 11, Seite 239

65 alle Angaben AdK bzw. http://www.autor-info.net/autoreninformationen_h/michel-houellebecq.html

66 Die Zeit 35/1999

67 AdK, Seite 135

68 http://www.wu.wien.ac.at/usr/techno/hbrauman/dokumente/m_houellebecq.html

19 von 19 Seiten

Details

Titel
Dürrenmatt, Friedrich - Der Verdacht
Note
2
Autor
Jahr
1999
Seiten
19
Katalognummer
V104328
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dürrenmatt, Friedrich, Verdacht
Arbeit zitieren
Stephanie Wagner (Autor), 1999, Dürrenmatt, Friedrich - Der Verdacht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104328

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