Der menschliche Tod als sakramentale Christusbegegnung

Systematische Untersuchungen zum Entwurf der Endentscheidungshypothese im Denken und Werk von Ladislaus Boros


Diplomarbeit, 1994

101 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis der Diplomarbeit

Einführung:
Die Theologie und die Endentscheidungshypothese
1 Aktuelle Fragen zur Todesthematik
2 Der Tod in der Glaubenssprache
3 Tod in der Dialektik von Erleiden und Tun
4 Zur Gliederung der vorliegenden Arbeit

Erster Teil:
Ladislaus Boros - Etappen eines Lebensweges
1 Sehnsucht nach Geborgenheit
2 Felder des geistigen Wirkens und Denkens
2.1 Arbeitsfeld "Orientierung"
2.2 Diener des Wortes
2.3 Autor bedeutender geistlicher Werke
3 Boros' denkerische Bekanntschaften
4 Unruhe des Herzens - die letzten Jahre

Zweiter Teil:
"Mysterium mortis" - Darstellung der Werkes
1 Methodologische Überlegungen
1.1 Der "Moment des Todes" als metaphysisch-zeitloser Umbruch
1.1.1 Sterben und Tod
1.1.2 Das Problem der Zeitlichkeit
1.2 Alltägliches Dasein zum Tode
1.3 Zur philosophischen Freilegung der verschiedenen Todeshinweise
2 Philosophische Beweisführung
2.1 Argumente zur philosophischen Begründung der Endentscheidungshypothese
2.1.1 Analyse des Wollens
2.1.2 Analyse des Erkennens
2.1.3 Wahrnehmungs- und Erinnerungsanalyse
2.1.4 Analyse der Liebe
2.1.5 Die individualgeschichtliche Daseinsdialektik
2.1.6 Dichtung als ganzheitlicher Drang nach Weltnähe
2.1.7 Der kenotische Daseinsvollzug
2.2 Tod als Trennung der Seele vom Leib?
3 Theologische Auseinandersetzung
3.1 Konfrontationsversuche mit der Theologie
3.1.1 Endgültigkeit des durch den Tod erreichten Zustandes
3.1.2 Heil als personale Gemeinschaft mit Jesus Christus
3.1.3 Die Allgemeinheit der Erlösung
3.1.4 Probleme der Erbsündenlehre
3.1.5 Die Lehre über den Läuterungszustand
3.1.6 Christologische Gründe für die Endentscheidungshypothese
3.2 Zur Sakramentalität des Todes

Dritter Teil:
Kritische Auseinandersetzung
1 Karl Rahner: Ein Vertreter der Endentscheidungshypothese?
1.1 "Prolixitas mortis" im Ganzen des Lebens
1.2 Freiheit als das Vermögen des Endgültigen
1.3 Tod als das Endgültigwerden der menschlichen Freiheitsgeschichte
1.4 Das Allkosmisch-Werden der Geistseele
2 Gisbert Greshake: Die eine Geschichte Gottes und des Menschen
2.1 Bemerkungen zum geistesgeschichtlichen Hintergrund der Endentscheidungshypothese
2.1.1 Die Endentscheidungshypothese in ihrer problematischen Abhängigkeit zur Todesanalyse Heideggers
2.1.2 Das Janusgesicht des Todes in der Heiligen Schrift
2.2 Gnade als geschenkte Freiheit
2.3 "Nur wenn das Leben Sinn hat, hat auch der Tod Sinn"
2.4 Die Vollendung des einen und ganzen Menschen in der Totalität seiner Beziehungen

Schluß:

Zur Aktualität der Endentscheidungshypothese

Einführung:
Die Theologie und die Endentscheidungshypothese

1 Aktuelle Fragen zur Todesthematik

Zu den zentralen Aussagen einer christlichen Rede von Gott gehört die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Im Glauben an diese Auferstehung ist die Hoffnung eingeschlossen, daß alle Menschen jenseits der natürlichen Todesgrenze zur endgültigen Daseinserfüllung gelangen werden. Hingegen scheint unsere Erfahrung angesichts eines stummen und bewegungslosen Leichnams zu bestätigen, daß mit dem Tod das Leben zu Ende ist. Dementsprechend könnte man den Tod als ein ausschließlich biologisches Geschehen betrachten, das beim menschlichen Organismus als letztes Ergebnis des Alterungsprozesses genauso eintritt, wie bei jedem anderen Organismus auch. Schließlich wäre der Tod für die Erneuerung und Erhaltung der Mensch-heit notwendig, um deren Überalterung zu vermeiden. Gerade unter den Stich-worten "menschenwürdiges Sterben" und "Sterbehilfe" läßt sich der Wunsch nach einem "erfüllten Leben" zusammenfassen: Es sei die Aufgabe der Gesell-schaft und der Medizin, allen Menschen einen natürlichen Tod zu ermöglichen und zwar zu dem Zeitpunkt, an dem die biologische Lebenskraft und die humanen Lebensmöglichkeiten erschöpft sind. Leben und Tod haben hier - ab-gesehen davon, daß der Tod das Leben begrenzt - nichts miteinander zu tun.

Auf der anderen Seite läßt sich in unserer Zeit ein neu aufgebrochenes Interesse am Tod feststellen. Die Frage nach dem Schicksal des Menschen jenseits der Todesgrenze ist besonders durch die Berichte von Erlebnissen von Sterbenden angeregt worden, welche durch die moderne Medizin reanimiert, also ins Leben "zurückgeholt" werden konnten. Ein schon fast klassisches Werk auf diesem Gebiet sind die Ausführungen von Raymond A. Moody, einem Mediziner, der aufgrund zahlreicher Befragungen die häufig wiederkehrenden Elemente solcher Nah-Tod-Erlebnisse, die sich in Einzelheiten durchaus widersprechen, zu einem Grundmuster zusammengesetzt hat:

"Ein Mensch liegt im Sterben. Während seine körperliche Bedrängnis sich ihrem Höhepunkt nähert, hört er, wie der Arzt ihn für tot erklärt. Mit einem Mal nimmt er ein unangenehmes Geräusch wahr, ein durchdringendes Läuten oder Brummen und zugleich hat er das Gefühl. daß er sich sehr rasch durch einen langen, dunklen Tunnel bewegt. Danach befindet er sich plötzlich außerhalb seines Körpers, jedoch in derselben Umgebung wie zuvor. Als ob er ein Beobachter wäre, blickt er nun aus einiger Entfernung auf seinen eigenen Körper. In seinen Gefühlen zutiefst aufgewühlt, wohnt er von diesem seltsamen Beobachtungsposten aus den Wiederbelebungsversuchen bei.

Nach einiger Zeit fängt er sich und beginnt, sich immer mehr an seinen merkwürdigen Zustand zu gewöhnen. Wie er entdeckt, besitzt er noch immer einen 'Körper', der sich jedoch sowohl seiner Beschaffenheit als auch seinen Fähigkeiten nach wesentlich von dem physischen Körper, den er zurückgelassen hat, unterscheidet. Bald kommt es zu neuen Ereignissen. Andere Wesen nähern sich dem Sterbenden, um ihn zu begrüßen und ihm zu helfen. Er erblickt die Geistwesen bereits verstorbener Verwandter und Freunde, und ein Liebe und Wärme ausstrahlendes Wesen, wie er es noch nie gesehen hat, ein Lichtwesen, erscheint vor ihm. Dieses Wesen richtet - ohne Worte zu gebrauchen - eine Frage an ihn, die ihn dazu bewegen soll, sein Leben als Ganzes zu bewerten. Es hilft ihm dabei, indem es das Panorama der wichtigsten Stationen seines Lebens in einer blitzschnellen Rückschau an ihm vorbeiziehen läßt. Einmal scheint es dem Sterbenden, als ob er sich einer Art Schranke oder Grenze näherte, die offenbar die Scheidelinie zwischen dem irdischen und dem folgendem Leben darstellt. Doch wird ihm klar, daß er zur Erde zurückkehren muß, da der Zeitpunkt seines Todes noch nicht gekommen ist. Er sträubt sich dagegen, denn seine Erfahrungen mit dem jenseitigen Leben haben ihn so sehr gefangengenommen, daß er nun nicht mehr umkehren möchte. Er ist von überwältigenden Gefühlen der Freude, der Liebe und des Friedens erfüllt. Trotz seines inneren Widerstandes - und ohne zu wissen, wie - vereinigt er sich dennoch wieder mit seinem physischen Körper und lebt weiter."

Festzuhalten ist, daß es sich bei diesen Berichten nicht um Erfahrungen im Leben nach dem Tode handeln kann, sondern immer nur um Erfahrungen am äußersten Rand des Lebens, in der Nähe des Todes. Buchtitel wie "Leben nach dem Tod" sind unter dieser Hinsicht äußerst mißverständlich. Theologisch gesehen, meint Tod den definitiven Endpunkt des Lebens, von dem aus eine Rückkehr ins diesseitige Leben nicht mehr möglich ist.

Alte Vorstellungen von einer Seelenwanderung und einer Reinkarnation, die hauptsächlich in den östlichen Religionen beheimatet sind, spielen auch in Europa eine immer größere Rolle. Reinkarnation besagt, daß die Seele als das eigentliche Ich des Menschen nach dem Tod in einem anderen Leib eines Menschen oder auch eines Tieres wiedergeboren wird. Diese neue Existenz kann entweder als neue Chance des Menschen angesehen werden, sein letztes Ziel zu erreichen, oder aber auch als Lohn bzw. Strafe verstanden werden, je nachdem, ob einer im Leben mehr Gutes oder mehr Böses gewirkt hat. Mit dem christlichen Glauben ist die Reinkarnationslehre nicht zu vereinbaren, da sie die Leibhaftigkeit des Menschen sowie die Bedeutung des hier und jetzt zu gestaltenden Lebens abwertet. Menschliche Existenz ist geschichtliche Existenz und vollzieht sich in Freiheit.

2 Der Tod in der Glaubenssprache

Insofern der Tod als die "sicherste Erfahrung" der Menschheit ein unaus-weichliches Thema ist, hat sich gerade die Theologie als Begründung der Hoffnung auf das Reich Gottes mit dem Tod zu beschäftigen. Nach traditioneller Auffassung ist der Tod in ursprünglichem Zusammenhang mit der Sünde Adams zu sehen (vgl. Röm 5,12 sowie DH 371, 372, 1511). Damit ist der Tod, der ohne Ausnahme jeden Menschen trifft (DH 1512), nicht nur ein naturnotwendiges Ereignis, sondern vor allem eine Folgeerscheinung aus der menschlichen Zerrissenheit. Mit dem Tod als dem Ende des Pilgerstandes (DH 856-858, 1000) hört die Zeit der Entscheidungen auf. Das Leben ist einmalig und verendgültigt sich im Tod. Die Frage nach dem Schicksal zwischen Tod und allgemeiner Auferweckung am Jüngsten Tag wird in der traditionellen Lehre mit der Aussage von der Trennung der Seele vom Leib beantwortet. Da diese Vorstellung ein Fortleben der unsterblichen Seele voraussetzt, wird die Annahme eines Zwischenzustandes (Fegefeuer) notwendig. Erst am Jüngsten Tag werden auch die Leiber erweckt und mit ihren Seelen wieder vereinigt. Dieses in der traditionellen Theologie geläufige Modell wird heute besonders von Josef Ratzinger vertreten. In der gegenwärtigen katholischen Theologie wird die Redeweise vom Tod als die Trennung von Leib und Seele stark in Frage gestellt: Die "Annahme einer anthropologischen Diastase von Leib und Seele und entsprechend die Überzeugung einer eschatologischen Diastase von Unsterblichkeit der Seele (im Tod) und Auferstehung des Leibes (am Ende der Geschichte) erübrigt" sich, insofern "nur von der Auferstehung des einen und ganzen Menschen im Tod als allein angemessener Artikulation der christlichen Hoffnung die Rede ist." Unsterblichkeit der Seele und Auferstehung des Leibes werden hier also miteinander identifiziert; man spricht von der Auferstehung im Tod. Eine Zwischenzeit zwischen Tod und Auferstehung gibt es nicht; ein zeitliches Nacheinander jenseits der Todesgrenze wird also abgelehnt. Im Augenblick des Todes wird der ganze Mensch vollendet. Dieser kann im Tod seine Auferstehung und zugleich die Auferstehung aller Toten erleben, auch jener Toten künftiger Generationen. Man stellt sich im Gegensatz zum traditionellen Modell ein einziges Gericht vor, das sowohl individuell als auch universal ist. Diese anthropologisch gewendete Theologie des Todes versucht den hellenistischen Leib-Seele-Dualismus, der auch in einer abgeschwächten Form mehr Probleme schafft als löst, zu überwinden. Auf diese Problematik wird noch an späterer Stelle einzugehen sein. Hier sei nur darauf hingewiesen, daß der neue "Weltkatechismus" in keiner Weise das Anliegen dieses neueren Denkmodells berücksichtigt. Im Gegenteil: Es wird allein an der dualistischen Auffassung festgehalten, daß sich durch den Tod die Seele vom Leib trenne.

3 Tod in der Dialektik von Erleiden und Tun

Karl Rahner spricht in seinem Buch "Zur Theologie des Todes", das 1958 als Band der Quaestiones Disputatae erschien, von der "real-ontologischen Dialektik" des Todes: Tod ist einerseits ein Erleiden, andererseits eine personale Tat. "Der Tod muß also beides sein: das Ende des Menschen als Geistperson ist tätige Vollendung von innen, ein aktives Sich-zur-Vollendung-Bringen, aufwachsende, das Ergebnis des Lebens bewährende Auszeugung und totales Sich-in-Besitz-Nehmen der Person, ist Sich-selbst-gewirkt-Haben und Fülle der frei getätigten personalen Wirklichkeit. Und der Tod des Menschen als Ende des biologischen Lebens ist gleichzeitig in unauflösbarer und das Ganze des Menschen betreffender Weise Abbruch von außen, Zerstörung, Parzenschnitt, Widerfahrnis, das den Menschen unberechenbar von außen trifft, so daß sein 'eigener Tod' von innen durch die Tat der Person selbst gleichzeitig das Ereignis der radikalsten Entmächtigung des Menschen ist, Tat und Leiden in einem." Insofern der Tod als Tat verstanden wird, gibt sich der Mensch selber im Tod die Endgültigkeit, nicht Gott. Diesen Gedanken, den Karl Rahner in seinen späteren Schriften nicht weiterverfolgt hat, füllte bereits 1959 sein Schüler Ladislaus Boros mit seiner Hypothese von der Endentscheidung (optio finalis) im Tode:

"Im Tod eröffnet sich die Möglichkeit zum ersten vollpersonalen Akt des Menschen; somit ist er der seinsmäßig bevorzugte Ort des Bewußtwerdens, der Freiheit, der Gottesbegegnung und der Entscheidung über das ewige Schicksal."

In zahlreichen Veröffentlichungen bezieht sich Boros, der heute als der "geistvollste und kraftvollste Vertreter einer Endentscheidung im Tode" gilt, auf diese Hypothese. Boros griff bei der Entfaltung dieser Theorie auf die Arbeit von Pierre Glorieux zurück, die er "einen Markstein in der Erarbeitung der Endentscheidungshypothese" nennt. Neben Boros, der durch sein Werk "Mysterium mortis" (1962) bekannt wurde, und Glorieux haben mit jeweils unterschiedlichen Akzentuierungen auch Philosophen und Theologen wie Robert W. Gleason , Hans-Eduard Hengstenberg , Josef Pieper , Piet Schoonenberg , Roger Troisfontaines sowie Alois Winklhofer besagte Hypothese vorgelegt.

4 Zur Gliederung der vorliegenden Arbeit

Im Gegensatz zu den genannten Vertretern einer Endentscheidung im Tode hat Boros versucht, einen differenzierteren Entwurf vorzulegen, wobei er inhaltlich nach einer methodologischen Fundierung eine philosophische und eine theologische Begründung bietet. Der Gliederung von "Mysterium mortis" folgend will der zweite Teil dieser Arbeit die wichtigsten Aussagen zur Begründung der Endentscheidungshypothese darstellen und entfalten. Dabei dürfen auch die anderen Veröffentlichungen zu diesem Thema nicht unberücksichtigt bleiben. Es geht Boros nicht darum, eine vollständige Theologie des Todes zu entwerfen, vielmehr zentriert sich seine theologische Arbeit um die Endentscheidungshypothese. Vorher noch soll in einem ersten Teil versucht werden, das Leben und Denken Boros', das sehr tief von seinem meditativen Charakter bestimmt ist, zu skizzieren. Schließlich hatte seine Spiritualität, seine Gottesbeziehung, die durch zahlreiche Begegnungen mit Menschen geprägt war, einen nicht geringen Einfluß auf seine Arbeiten, die nicht so sehr auf die wissenschaftliche Erschließung eines theologischen Problems historischer oder philosophischer Herkunft ausgerichtet waren. Die Endentscheidungshypothese ist geradezu die Konsequenz, die Sinnspitze seines Denkens. Ein dritter Teil setzt sich mit dem Ansatz Boros' kritisch auseinander, indem vergleichend die Entwürfe Karl Rahners und Gisbert Greshakes herangezogen werden; beide distanzieren sich von der Annahme einer Endentscheidung im Tode, der eine zurückhaltend, der andere mit Entschiedenheit. Hier sei darauf hingewiesen, daß Greshake zu Unrecht Rahner als einen Vertreter der Endentscheidungshypothese bezeichnet. Nach Herbert Vorgrimler verbinde Greshake "in Naherwartung - Auferstehung - Unsterb-lichkeit (Freiburg i. Br. 1975) 121ff einfach Zitate aus Rahner mit solchen aus Boros." Karl Rahner habe "den Tod nie punktuell, sondern 'nur' noch als Abschluß des Werdens der Endgültigkeit durch das ganze Leben hindurch verstanden und sich dementsprechend auch gegen die unkontrollierte Zuschreibung der Hypothese an seine Autorschaft verwahrt." In einem abschließenden Teil soll untersucht werden, ob und inwieweit sich die Endentscheidungshypothese in der heutigen Diskussion mit all ihren Schwachstellen und Stärken als tragfähig erweist.

Erster Teil:
Ladislaus Boros - Etappen eines Lebensweges

1 Sehnsucht nach Geborgenheit

Am 2. Oktober 1927 wurde Ladislaus Boros in Budapest geboren. Sein Vater, ein arbeitseifriger und technisch begabter Mann, leitete ein kleines und wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen, so daß Ladislaus mit seinem um knapp drei Jahre älteren Bruder in materiellem Wohlstand aufwuchs. Die Mutter, die als verständnissuchende und gefühlsbetonte Frau charakterisiert wird, sorgte im Wesentlichen für die katholische Erziehung ihrer Kinder, obwohl sie selbst der lutherischen Kirche angehörte; der katholische Vater hat hingegen seinen Glauben nie zum Ausdruck gebracht. Nach der Scheidung der Eltern, einem schwerwiegenden Ereignis, das die Kindheit der beiden Brüder überschattete, wurde das Sorgerecht dem Vater zugesprochen. Als die beiden Söhne nun, ohne großen Erfolg zu haben, das städtische Gymnasium in Budapest verlassen mußten, übergab der Vater sie dem Jesuitenkolleg von Kalocsa in Südungarn zur Erziehung. Nach dem Weltkrieg, der die Schüler zu einer kurzzeitigen Studienunterbrechung zwang, legte Ladislaus Boros seine Maturaprüfung mit Auszeichnung ab. Kurze Zeit später trat er am 15. August 1945 ins Noviziat der Gesellschaft Jesu ein.

Die beiden Jahre des Noviziats in Budapest waren durch Hunger und Entbehrungen gekennzeichnet, nicht zuletzt deshalb, da sich die politischen Verhältnisse nach der russischen Okkupation des Landes radikal verändert hatten. Gerade in dieser Zeit vertiefte und festigte sich seine Gottesbeziehung, so daß Boros auf diese Weise eine zeitlebens andauernde Nähe zum Orden sowie zur Kirche gewann. Der Innsbrucker Dogmatiker Prof. Dr. George T. Vass, ebenfalls Ungar, erinnert sich an die gemeinsame Zeit mit Boros im Noviziat: "Das Werden der Person in Gemeinschaft, wie wir es im Kontakt mit Ladislaus erfahren haben, folgte keinen widerspruchslosen Richtlinien. In mancher Hinsicht war er für uns ein Rätsel. Er konnte sich ehrlich empören: ein Mensch, der als Rebell hätte geboren sein können, einer, der immer geneigt war, den Durchschnittsmenschen so herauszufordern, daß seine Worte den Keim des Anstoßes in sich trugen. Und dennoch konnte man ihn auch als Menschen des Friedens, der Versöhnung und des Beistandes erfahren." Nach dem Noviziat begann Boros seine philosophischen Studien in Szegedin, bis - mit der drohenden Auflösung des Ordens vor Augen - die Oberen ihren jüngeren Mitbrüdern zur Flucht ins Ausland rieten. Josef Stierli, der den Nachlaß von Ladislaus Boros verwaltet, berichtet, daß der Verlust der Heimat für den jungen Boros nach der Trennung der Eltern eine zweite, schwere Wunde war, die ihm zugefügt wurde: "Später hat er in seinen Personalbogen zu den Fragen nach Bürgerort und Staatsangehörigkeit zweimal das Wort 'heimatlos' - und nicht das harmlosere 'staatenlos' - eingetragen. Das war eine stille Klage seines Herzens." 1949 kam Boros nach Österreich, wo er mit seinen ungarischen Mitbrüdern ein Semester in Innsbruck verbrachte. Es folgten zwei weitere Studienjahre in Chieri bei Turin. Nach Abschluß des Philosophiestudiums schickte man ihn nach München, um bei Pater Walter Strittmatter in der Marianischen Kongregation der Gymnasiasten mitzuarbeiten. Hier verbesserte er seine spärlichen Deutschkenntnisse.

Zwischen 1954 und 1956 promovierte er an der Philosophischen Fakultät der Universität München bei seinem Doktorvater Prof. Dr. Aloys Wenzl mit der Dissertation "Das Problem der Zeitlichkeit bei Augustinus", die mit "summa cum laude" benotet wurde. Von München, wo er Romano Guardini kennen und schätzen lernte, kam Boros an die Theologenhochschule nach Enghien in Belgien. Hier wurde er am 28. Juli 1957, am Ende des dritten theologischen Studienjahres, zum Priester geweiht. Das letzte Studienjahr beendete Boros in Chantilly, nördlich von Paris. Seine Ausbildung schloß er 1958/59 in St. Beuno's, an der Westküste Englands, mit dem Tertiat, einem dritten Noviziats-jahr, das durch Einübung in die ignatianische Spiritualität geprägt war, ab.

2 Felder des geistigen Wirkens und Denkens

Für den jungen Priester und fähigen Theologen Boros begann nun eine neue Etappe seines Lebens: Er wirkte seit Ende 1959 in der Redaktion der in Zürich erscheinenden Jesuiten-Zeitschrift "Orientierung" mit. Zur gleichen Zeit betrieb er die Werbung für die Zeitschrift. Während Mario von Galli, der bis zu seinem Tode am 28. September 1987 Redaktionsmitglied bei der "Orientierung" war, als Konzilsberichterstatter in Rom weilte, arbeitete Boros stellvertretend als federführender Hauptredaktor. Durch seine Tätigkeit konnte die Auflagenhöhe in kurzer Zeit vervierfacht werden. In zahlreichen Beiträgen sprach er erstmalig Gedanken aus, die er später weiterentwickelt und zur Reife gebracht hat. Als zweiter wichtiger Punkt seines Schaffens entfaltete er sehr bald eine gewaltige Vortragstätigkeit, die ihn durch ganz Europa führte. Mit eleganter und treffsicherer Sprache verstand er es, zahllose Menschen zu faszinieren, zu erschüttern und zu bekehren. Auf der Grundlage dieser beiden Bereiche seines geistigen Wirkens reifte schließlich das dritte Betätigungsfeld heran: seine Bücher. In verhältnismäßig kurzer Zeit hat Ladislaus Boros über zwanzig größere Titel veröffentlicht - angefangen mit seinem wissenschaftlichen Hauptwerk "Mysterium mortis" (1962) bis hin zum letzten Buch "Aurelius Augustinus. Aufstieg zu Gott", das erst nach seinem Tod (1982) erschien. Was ihn bewegte, was er als erfolgreicher Redner in Vorträgen zur Sprache brachte, um es dann aus seinem christlichen Bewußtsein zu reflektieren, das ist in seine Veröffentlichungen und Bücher eingeflossen. Es sind also drei Felder, die das Wirken und Denken Boros' ausfüllen und in den folgenden Ausführungen dargestellt werden sollen.

2.1 Arbeitsfeld "Orientierung"

Mario von Galli, der bereits 1959 die Verantwortung für die zweimal monatlich erscheinende Zeitschrift "Orientierung" trug, erinnert sich an seine erste Begegnung mit Boros: "Ich hörte von Ladislaus das erste Mal, als wir in der Jesuitenzeitschrift 'Orientierung' ein paar Jahre vor dem Konzil in einer Krise standen. Der reinen Apologetik, dem 'Nur-Verteidigen', waren wir zwar entronnen, aber den geistigen Auseinandersetzungen, die sich abzeichneten, der geforderten Erneuerung und Erweiterung des christlichen Denkens standen wir etwas hilflos gegenüber. Es fehlten die Kräfte. Da kam eine Anfrage aus München: sie hatten dort einen jungen, hochintelligenten Mitbruder, Flüchtling aus Ungarn, noch nicht Priester. Man hatte versucht, ihn bei 'Radio Freies Europa' einzusetzen, aber diese Arbeit lag ihm nicht, hieß es. Bei den 'Stimmen der Zeit' wollte man ihn nicht anstellen, denn die hatten selbst innere Schwierigkeiten, so daß sie einen 'paradoxen' Charakter bei sich nicht einzubauen wagten. Also die Frage an uns: ob dieser junge Ungar bei der 'Orientierung' das finden könne, was er suche. Ich war begeistert. 'Endlich', dachte ich - und so kam er." Wer in den Jahrgängen der Zeitschrift von 1958 bis 1972 zu blättern beginnt, der wird auf nicht weniger als 79 Artikel aus der Feder Boros' stoßen, von denen sich einige über mehrere Ausgaben fortsetzen. Weitere Beiträge erschienen in der Internationalen Zeitschrift für Theologie "Concilium", in "Christ in der Gegenwart", "Wort und Wahrheit", in Kirchen-zeitungen und Pfarrblättern.

Seine Arbeit bei der Zeitschrift "Orientierung" beginnt Boros mit fünf Beiträgen, die er "Wege zu Christus" nennt. Er versteht diese nicht im Sinne der klassischen Gottesbeweise, sondern vielmehr als Ursymbole des menschlichen Daseins. Boros will aufzeigen, daß und wie diese Versuche an der Wirklichkeit Jesu Christi zum Scheitern kommen. Diese Methode des Scheiterns übernimmt Boros von Romano Guardini, der sich nicht - seiner Meinung nach - auf ein bestimmtes Denksystem festlegen wollte. Die Aussagen, die Boros über Guardini macht, lassen sich ohne weiteres auf ihn selbst übertragen: "Guardini hat fast nur 'Versuche' geschrieben. Er hat viel zuviel gewußt von den Grenzen menschlichen Denkens und von der Verwirrung der gegenwärtigen Zeit, um etwas, das seinerseits nur ein Tasten und Versuchen war, anders zu benennen als eben 'Versuch'. In dieser seiner Zurückhaltung drückte sich ein hohes Maß an Verantwortungsbewußtsein aus, aber auch der Geist des Entdeckers, der sich nicht durch ein vorschnelles Urteil die Sicht auf die mannigfaltige Wirklichkeit der Welt verbauen wollte." In ausgereifter Form findet sich dieser Beitrag in Boros' Buch "Der anwesende Gott. Wege zu einer existentiellen Begegnung" (Olten 1964) wieder.

Ganz im Sinne eines solchen Versuches versteht Boros die beiden Beiträge "Sacramentum mortis", die 1959 erschienen. Hier entwirft er zum ersten Mal seine Arbeitshypothese der Endentscheidung, die er zunächst philosophisch und anschließend theologisch zu begründen sucht. Boros ist keineswegs der "Erfinder" der Endentscheidungshypothese, er weiß sich vielmehr in einer Reihe von Philosophen und Theologen, die sich bereits vor ihm mit diesem Thema auseinandergesetzt haben. "Sacramentum mortis" gilt als Vorläufer seines Buches "Mysterium mortis", dessen Struktur sich im wesentlichen vom Frühwerk nicht unterscheidet. Josef Stierli bemerkt, daß das wissenschaftlich anspruchsvolle Buch das Todesthema von seinem Tabu befreit habe und ihm im zeitgenössischen Denken wieder den Platz gegeben habe, der ihm zukomme.

Insofern erst die Gegenwart Gottes in uns die Empfindung der Schönheit zu erzeugen vermag, kann von einer "Kunstbetrachtung als Erziehung zum Absoluten" die Rede sein. Mit diesen Beiträgen, die Ende 1959 veröffentlicht wurden, will Boros zeigen, daß sich das Dasein in der Kunstbetrachtung an eine Stelle stellt, "an der aus ihm das ewige Sein entspringt." Das Absolute tritt dem Dasein demnach in der Form der Anschaubarkeit entgegen. Boros betont abschließend, daß die durch die Kunstbetrachtung hervorgerufene Ergriffenheit des Daseins "eine unsagbare Vollendung und zugleich die höchste Bedrohung unseres Daseins" bedeute. Hier entwickelt Boros eine Grundlage, die er in "Mysterium mortis" auf den Tod beziehen wird: Der Tod sei sowohl absolute Vollendung als auch zugleich höchste Bedrohung des Daseins.

1960 erschien eine weitere Reihe unter dem Titel "Die Welt beginnt heute - Dimensionen unserer Weltinnewerdung" . Boros möchte den Frühling als die Neugestaltung unseres Kosmos und das Geheimnis der Auferstehung zu einer inneren Einheit führen. Wie sehr Boros von der Weltsicht Teilhard de Chardins fasziniert war, läßt sich an seinen Ausführungen zum Aufstieg des Universums ablesen: "Was zwischen ... der stöhnenden Welt und dem Universum der endgültigen Herrlichkeit liegt, ist eine Welt von stiller Wandlung. Das ganze Universum erklimmt langsam, fast unmerkbar die Stufen des Seins, die Stufen des Thrones Gottes. Die ganze Welt hebt sich hinauf zu Gott in einer einzigen Flut ewiger Hoffnung."

In einer letzten größeren Reihe, die er "Entwurf einer philosophischen Eschatologie" nannte, fragt Boros nach den philosophischen Aussagen, die sich "über einen Aufweis der 'Unsterblichkeit' der menschlichen Seele hinaus vom Zustand unserer ewigen Vollendung" anstellen lassen. Zusammen-fassend kommt er am Ende seiner Überlegungen zu folgendem Abschluß: "Aus der immanenten Dialektik der menschlichen Erkenntnis erahnen wir einen Zustand, in dem Gottes Sein selbst zu unserem eigenen Sein wird. Anhand der Dialektik der menschlichen Freiheit präzisierten wir, daß dieses Einswerden mit Gottes Sein ein ununterbrochenes und ewiges Hineinschreiten in Gott bedeutet. Die Struktur dieses Hineinschreitens in Gott erschlossen wir aus der Dialektik des Dranges nach Größe: wir vollziehen unsere Ewigkeit in einem ständig wachsenden Sichverlorengehen im überreichen Leben Gottes, wodurch wir erst vollends zum Geschöpf werden. Darin wird unsere Selbst- und Weltverfügung dermaßen gesteigert - und das ergab sich aus der Dialektik des Geltungsdranges -, daß wir fähig werden, unsere Leiblichkeit und die Natur selbst in einer von Gott geschenkten Schöpferkraft wirklich mitzuerschaffen. Schließlich ent-nahmen wir der Dialektik der Hingabestrebung, daß der Zustand unserer Gott-unmittelbarkeit den gesamten Weltbezug auf Gott hin durchsichtig machen wird."

Die hier genannten Beiträge aus den Jahren 1958 bis 1962 stellen das geistige Fundament dar, auf das Boros seine Endentscheidungshypothese aufbaut. Die zahlreichen anderen Artikel, die Boros für die Zeitschrift "Orientierung" schrieb, sind neben Buchbesprechungen und kritischen Reflexionen zu Filmen oder Ausstellungen auch Meditationen, die sich auf verschiedene liturgische Festzeiten und Themen beziehen. Eine Übersicht bietet das Literaturverzeichnis am Ende dieser Arbeit.

2.2 Diener des Wortes

Beim Einstellungsgespräch im Sommer 1957 bemerkte man, daß Boros ein wenig stotterte. Aus diesem Grunde wollte man ihn nicht für eine Vortragstätigkeit einsetzten. Doch sehr bald entwickelte er sich zu einem gewaltigen Redner, der durch stilistische Treffsicherheit seine Hörer in den Bann zu ziehen wußte. Auch legte sich der Sprechfehler bereits nach den ersten Sätzen seiner Reden, die ihn durch den gesamten deutschsprachigen Raum führten. Boros' Landsmann und Mitbruder George T. Vass berichtet in diesem Zusammenhang:

"Unsere Erinnerung an den sprachbehinderten L. Boros läßt sich ... nur schwer vereinen mit der Vorstellung des brillanten Vortragsredners - und jener Mensch Boros, den die Muttersprache aus dem relativ kleinen Land Ungarn zunächst eingrenzte, offenbarte eine wahre Sprachkreativität, die Tausende zu faszinieren vermochte. Als seine Landsleute konnten wir dies weder erahnen noch erklären. Aber er schaffte es! Vielleicht war seine Sprache das Mittel, das die Gedanken ankommen ließ. Ein englischer Philosoph charakterisierte sie als 'inkantatorisch': eine Sprache, die wie von selbst einen Weg zu den Herzen der Menschen findet und sie bewegt."

Boros hielt sich stets bei seinen Vorträgen an das mit gewissenhafter Genauigkeit ausgearbeitete schriftliche Manuskript. "Er sprach zu Einzelfragen, oft hielt er Zyklen mit drei bis sechs Themen, nicht selten ganze Studienkurse. Darüber hinaus leitete er geistliche Besinnungstage und wagte sich immer mehr auch an Predigten. Oft holte man ihn zu Vorträgen und Meditationen am Radio. Höhepunkte seiner Rednertätigkeit waren die Vorträge auf den Salzburger Hochschulwochen." Gerade durch die Begegnung und den Dialog mit seinen Hörern gewann er neue Impulse für das eigene Denken und Tun. Er lernte aus den vielfältigen existentiellen Erfahrungen seiner Hörerschaft; er war zugleich Gebender und Empfangender. "Sogenannte einfache Leute sind oft Menschen von besonderer Offenheit, ehrlicher Spontaneität und wohlwollender Kritik, die man annimmt. Ich verkehre darum besonders gerne mit ihnen. Ihr Verständnis und ihr Beistand haben mit oft sehr geholfen" , erklärte Boros. Auf religiösen Schulungskursen und Exerzitien gewann er das Vertrauen der Ratsuchenden, denen er geistliche und menschliche Hilfe leistete. 1965 wurde Boros Lehrbeauftragter für Religionsphilosophie an der Universität Innsbruck und 1972 Honorarprofessor an der Theologischen Fakultät. Im Rahmen des "Studium generale" hielt er dort - oftmals vor einem überfüllten Hörsaal - Vorlesungsreihen, die sich primär auf die aktuellen theologischen Fragen nach Schöpfung, Leiblichkeit, Krankheit, Leiden und Tod bezogen.

In einem offenen Wort an seine Freunde bemerkt Boros selbstkritisch zu seiner erfolgreichen Vortragstätigkeit: "Für mich waren diese Jahre eine sehr schwere Zeit. Ich hatte Erfolg, ja zu viel an Erfolg gehabt. Für mich war Erfolg eine richtige Katastrophe. Bald sind Bücher erschienen, die mir - so lese ich in verschiedenen Rezensionen - den Ruf eines der 'grössten Denker unseres Glaubens' einbrachten. Auch Vorträge wurden verlangt und dies in immer grösserem Mass. Für die Menschen galt ich bald als ein 'Heiliger', der ich - Gott weiss - sicherlich nicht war und nicht bin. Nun habe ich all das, und darin liegt vielleicht der grösste Fehler meiner Existenz, hingenommen und sogar Freude daran gehabt. Nach und nach musste ich mir die Frage stellen: Darf sich ein Mensch so darstellen?"

Für unsere Thematik von weiterem Interesse ist ein 1965 geschriebener Artikel , der sich mit den theologischen Erfahrungen einer Vortragsreise beschäftigt, die Boros im November 1964 und nochmals im März 1965 durch Deutschland führte. Boros hebt hervor, daß es vier Fragen gewesen seien, die ihm immer wieder gestellt wurden: An erster Stelle stand generell die Frage des Todes und damit verbunden die Erfahrung, daß der heutige Mensch keineswegs dieser Frage ausweichen will. Abhängig davon sah sich Boros an zweiter Stelle mit dem Wunsch nach einer ehrlich durchdachten Theologie der Leiblichkeit konfrontiert. Die Hörer wollten eine begründete Auskunft darüber erhalten, "wie (erstens) unser Leib aus der Evolution hervorging, wie er (zweitens) mit dem in Beziehung steht, was wir als Geist und Seele zu bezeichnen pflegen, und wie er (drittens) einer 'absoluten Umwandlung', daß heißt des Himmels fähig ist." An dritter Stelle wurde nach der Allgemeinheit der Erlösung gefragt: "Der heutige Mensch kann es offenbar nicht ertragen, daß irgendjemand von dem in Christus gebrachten Heil ausgeschlossen bleibt." Schließlich wurden auf seinen Vortragsreisen an vierter Stelle auch die Fragen der individuellen und allgemeinen Eschatologie ausgiebigst diskutiert.

2.3 Autor bedeutender geistlicher Werke

Wir wir bereits feststellten, ist ein großer Teil seiner Bücher aus Artikeln entwachsen, die er zum größten Teil bei "seiner" Zeitschrift "Orientierung" veröffentlicht hat. Eine andere Reihe von Büchern ist aus seiner Vortragstätigkeit hervorgegangen. Da Boros seine Reden stets schriftlich abzufassen pflegte, war der Schritt vom Manuskript bis zum überarbeiteten Buch nicht mehr weit. "Es war vor allem das eigene Fragen und das Drängen eines Denkprozesses, die Ladislaus Boros das erstmals in Artikeln und Vorträgen behandelte Thema wieder aufgreifen und in die Breite und Tiefe bis zur vollendeten Form des Buches weiterbearbeiten hiessen. Für Bücher, deren Thema auf Vorträge zurückgehen, gaben auch oft seine Hörer einen Anstoss zur Veröffentlichung, weil sie vom vernommenen Wort derart angerührt waren, dass sie nach dessen bleibender Form verlangten. Schliesslich spielte hier, besonders nach den ersten grossen Bucherfolgen, der Hunger der Verleger nach guten Manuskripten eine Rolle ..." Die meisten seiner Werke erschienen im Matthias-Grünewald- (Mainz) und im Walter-Verlag (Olten), weitere auch bei Herder (Freiburg i. Br.). Seine bekanntesten Bücher sollen im Anschluß genannt und mehr oder minder kurz skizziert werden.

"Mysterium mortis. Der Mensch in der letzten Entscheidung" erschien als erstes Buch von Ladislaus Boros 1962 im Walter-Verlag. Boros stand bereits seit einiger Zeit mit dem Walter-Verlag in Verbindung, da er als Teilhard-Kenner herangezogen wurde, um bei der umstrittenen Publizierung der deutschsprachigen Ausgabe der Werke von Teilhard de Chardin beratend mitzuwirken. Wer auf den ersten Seiten einer deutschen Teilhard-Ausgabe des besagten Verlages nachschaut, der wird den Namen Ladislaus Boros in der Liste jener Wissenschaftler finden, die eine Art Patronat für die deutsche Ausgabe übernommen haben. Boros hat sein erstes Werk, das uns im Weiteren beschäftigen wird, in drei Teile aufgegliedert: Der erste Teil (13-34) behandelt die methodologischen Voraussetzungen der Todesanalyse. Dabei geht Boros von Martin Heideggers Auffassung aus, daß sich bereits im lebendigen Dasein die Situation des Todes verwirklicht. In einem zweiten, philosophischen Abschnitt (37-93) werden, zum Teil in Anlehnung an Denker wie Maurice Blondel, Joseph Maréchal, Henri Bergson und Gabriel Marcel, sieben Daseinsvollzüge untersucht, wobei jedesmal auf den Tod als den bevorzugten Ort der ganzheitlichen Neusetzung geschlossen wird. Damit wird bewiesen, daß sich im Tod die Möglichkeit zum ersten vollpersonalen Akt des Menschen, nämlich zur freien Entscheidung über sein ewiges Schicksal, ergibt. Die so erarbeitete Endentscheidungshypothese wird anschließend in einem dritten Teil (97-177) mit theologischen Problemen konfrontiert. Boros versucht zu zeigen, daß mit Hilfe der Endentscheidungshypothese verschiedene Glaubenswahr-heiten erhellt werden können. Es handelt sich dabei im einzelnen um die Endgültigkeit des durch den Tod erreichten Zustandes, um die personale Gemeinschaft jedes Menschen mit Christus, um die Allgemeinheit der Erlösung, um Probleme der Erbsündenlehre, um den Läuterungszustand sowie um christologische Fragen. - Welche Reaktionen dieses Buch hervorrief, das schildert der Verleger Josef Rast mit prägnanten Worten: "Der Erfolg setzte unmittelbar ein. Auflage nach Auflage mußte gedruckt werden. Die ausländischen Verleger rissen sich um die Buchrechte. Die Presse sprach von einer Sensation. Boros hatte ein Tabu durchbrochen, nämlich das moderne, unchristliche des ratlos peinlichen Schweigens. Die Konfrontation mit dem Tod, der ja die Wirklichkeit des vergänglichen Lebens akzentuiert, wurde aber auch durch die Entwicklung des Zeitgeschehens und die allgemeine Gefährdung des Daseins unumgänglich. Die Fragen nach dem Sinn von Sterben und Tod kamen von nun an ins Gespräch, wurden Themen der Literatur und Kunst, vor allem aber der Forschung." 1993 wurde "Mysterium mortis" im Matthias-Grünewald-Verlag (Mainz) erneut aufgelegt - ein Hinweis darauf, daß die Frage nach dem Tod nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat.

1964 erschien das durch den "Orientierung"-Artikel "Wege zu Christus" vorbereitete Buch "Der anwesende Gott". Boros bemerkt, daß der "Weg" eine logisch und syllogistisch kaum aufschlüsselbare Wirklichkeit ist, also eigentlich kein Beweis darstellt. Wege zu Gott - im Sinne von existentiellen "Einübungen" - verlangen persönliches Nachvollziehen und können erst in einem solchen Nachvollzug verstanden werden. In zehn Abschnitten will Boros zeigen, daß das menschliche Sichabmühen und Scheitern für uns - hinter der konkreten Wirklichkeit Jesu Christi oder vielmehr durch sie hindurch - den Bereich des Göttlichen offenbaren wird. Den Terminus "Bereich des Göttlichen" übernimmt Boros übrigens von Teilhard de Chardin und seinem Buch "Le milieu divin" .

"Erlöstes Dasein" (1965) beschäftigt sich durch theologische Betrachtungen über Krankheit, Leid und Tod mit dem schwierigen Problem der Trostlosigkeit und Dunkelheit des menschlichen Lebens. Mit einfachen und anschaulichen Worten will Boros zeigen, daß allein die christliche Freude bzw. Christus Licht in die menschliche Finsternis zu bringen vermag. Selbst angesichts des Todes gebe es keinen Grund zur Verzweiflung, da jeder Mensch im Tod die Gelegenheit habe, sich Christus gegenüber "im Vollbesitz seiner Kräfte, in völliger Klarheit und in ganzheitlicher Freiheit zu entscheiden" .

Aus drei Rundfunkvorträgen wurde das Buch "Aus der Hoffnung leben" (1968) zusammengestellt. Boros versucht, "die menschliche Existenz als Hoffnung zu bestimmen und die Frage nach Gott von der Zukunftserwartung des Menschen her zu stellen." Einerseits muß der aus der Hoffnung lebende Christ überzeugt sein, "daß seine irdische Existenz in einem letzten Grunde unwichtig ist, daß auf dieses Leben ein ewig währender Zustand des Glücks und der Freude folgt." Andererseits "muß diese Hoffnung einbeschlossen bleiben im Kleinsein des Irdisch-Erreichbaren."

In einer Zeit als Boros sich bereits mit der Frage auseinandersetzte, den Orden zu verlassen, entstand in der Stille von Masescha in Liechtenstein die Schrift "Denken in der Begegnung" (1973). Boros möchte sich und den Lesern seiner Publikationen einen Rechenschaftsbericht vorlegen, der über seine denkerische Einstellung und seine geistigen Beziehungen Auskunft zu geben versucht. Im Vorwort schreibt Boros zu diesem Bemühen: "Zuerst begann ich mich zu befragen, welche Erfahrungen und Erlebnisse mich am nachhaltigsten beeinflußt haben. Dabei entdeckte ich - und dies wäre die zweite Grundströmung meines denkerischen Ursprungs -, wie viele Gedanken ich von anderen Menschen bewußt oder unbewußt übernommen habe. Notwendigerweise kam es dann dazu, daß ich auch über meine 'denkerische Bekanntschaften' berichten mußte." Boros beschreibt hier seine denkerischen Begegnungen mit Sokrates, Irenäus von Lyon, dessen griechischer Name Eirenaios er verwendet, Nietzsche, Erasmus von Rotterdam, Gregor von Nyssa, Thomas von Aquin, Dante Alighieri, Augustinus und Pierre Teilhard de Chardin.

Im Buch "Phasen des Lebens" (1975) möchte der Autor das Leben vom Tode her erhellen: Weil der Tod sich in der menschlichen Existenz immer wieder und auf immer verschiedene Art "verdichtet", entstehen zwischen den einzelnen Phasen des Lebens Krisen, die durch einen "Sprung" auf eine höhere Ebene überwunden werden sollen. Leben stellt sich als Einübung in den Tod dar. Bei seinen Ausführungen geht Boros selbstverständlich von der Endentscheidungshypothese aus, er räumt aber ein, daß er von niemandem verlangen könne, seine Überlegungen nachzuvollziehen: "Meine Arbeit war nur die Suche nach einer 'möglichen Erklärung', die mir persönlich zwar sehr plausibel erscheint, von der ich aber mit gutem Gewissen nicht behaupten darf, sie gehöre zum eigentlichen 'Glaubensgut' der Kirche. Sie erklärt es zwar und bietet einen neuen Zugang zu ihm, jedoch darf sie nicht als verbindliche Auslegung des Glaubensgutes gelten. In meinen Büchern sprach stets nur die 'suchende Kirche', die sich aber genau von der 'lehrenden Kirche' abzugrenzen weiß."

Die Schrift "Im Leben Gott erfahren" (1976) nimmt das Anliegen des Buches "Der anwesende Gott" wieder auf: Der Autor versucht zu zeigen, wie große Menschen verschiedener Epochen Gott in ihrem Leben erfahren haben und auf welchen verschiedenen Wegen sie Gott begegnet sind. Dieses Buch wurde für jene geschrieben, "die an der Abwesenheit Gottes leiden, die unsicher geworden sind. Auch für jene, die sich von der christlichen Verkündigung nur wenig angesprochen fühlen." Boros möchte gerade diesen Menschen, die er "Freunde in Not" nennt, bei ihrer Suche behilflich sein und sie einladen, die Gedanken bedeutender Gestalten zu Gott hin nachzuvollziehen. Insofern Boros den menschlichen Geist als eindrücklichsten Beweis Gottes bezeichnet, kann er den menschlichen Grunderfahrungen wie Hoffnung, Freude, Menschlichkeit, Angst, Auflehnung, Betroffenheit und Entscheidung eine göttliche Qualität beimessen.

Da die Schrift "Denken in der Begegnung" nur fragmentarisch geblieben sei, nimmt Boros das Anliegen eines denkerischen Rechenschaftsberichts im Werk "Offenheit des Geistes" (1977) wieder auf. "Der wahrhafte Denker hat nicht nur Wissen in sich angesammelt, sondern sich durch die Anleitung von anderen im Denken geübt und ist somit fähig geworden, die Fragen menschlichen Daseins zu beantworten. Dabei versucht er sich mit den Lösungsversuchen anderer Denker vertraut zu machen, um dann seine Antwort auf eigene Verantwortung hin zu finden" , erklärt Boros und meint damit wohl sich selbst. Dargestellt werden die Lebensbilder von Ignatius von Loyola, Moses, Ernst Bloch, Blaise Pascal, Immanuel Kant, Romano Guardini, Maurice Blondel, Gabriel Marcel, Reinhold Schneider und Marie Noël sowie von Bernhard von Clairvaux. Die wichtigsten "denkerischen Bekanntschaften" der beiden Rechenschaftsberichte "Denken in der Begegnung" und "Offenheit des Geistes" sollen im folgenden Punkt eigens behandelt werden.

Kurz vor seinem Tode und knapp dreißig Jahre nachdem er in München über das Problem der Zeitlichkeit bei Augustinus promoviert hatte, legte Boros dem Walter-Verlag sein letztes Werk vor: "Aurelius Augustinus, Aufstieg zu Gott" (1982). Augustinus umgreift geradezu wie eine Klammer das gesamte geistige Leben Ladislaus Boros'. In zehn Abschnitten will Boros die augustinische Spiritualität vorstellen, die sich letztlich aber - zumindest so wie er sie darstellt - von seiner eigenen Spiritualität nicht unterscheidet: "Der Aufstieg zu Gott läuft über die Erfahrung Gottes in der Zeit und führt zur Rückkehr des Geschöpfes in das Innere mit der Urahnung von der Einigung mit Gott. Das Erwachen zu Gott setzt eine göttliche Erziehungsarbeit voraus, die die Innerlichkeit und das Zu-sich-selbst-kommen im Erkennen und in der Liebe erlaubt. Die gleichzeitige Erfahrung der Ohnmacht deckt einen Riß in der Menschheit auf, der nach Heilung verlangt. Dieser erste innere Aufstieg der Seele zu ihrem Gott (Abschnitt 1-5) wird also durch die schmerzliche Erfahrung der Zeitlichkeit, Zerrissenheit und Geschichtlichkeit in Frage gestellt. In den Abschnitten 6-10 werden die Symbole der Geschichte aufgeführt: Zerfall, Todgeweihtsein, Ausgestoßenheit und Nacht. Und in jedem dieser Begriffe wird die Polarität des augustinischen Denkens aufgewiesen: Unerfülltsein und Zu-sich-selber-kommen, Fremdheit und Geborgenheit, undurchdringliches Dunkel und Durchleuchtetsein. ... Der Mensch, sich selbst überlassen, vermag den Abgrund, der zeitliche Existenz und ewige Bestimmung trennt, nicht zu überwinden. Die Unmöglichkeit menschlicher Entfaltung verlangt nach verstärkter göttlicher Führung. Sie erreicht ihren Höhepunkt in der Menschwerdung des Sohnes, die eine neue Aera im Verhältnis des Menschen mit seinem Gott einleitet."

3 Boros' denkerische Bekanntschaften

Mit der Überschrift "Redlichkeit" verbindet Boros den Namen Sokrates, der ihn in seiner Haltung tief geprägt habe. Ein redlicher Denker verzichte grundsätzlich darauf - so Boros -, die Wirklichkeit in vorgefaßte Kategorien zu bringen. Er sei stets zum Zuhören bereit und darum gehört "auch die Haltung des In-Frage-Stellens wesentlich mit zur Redlichkeit im denkerischen Bereich." Boros beschreibt den redlichen Denker "als einen Vorurteilslosen, einen forschend Prüfenden ..., einen, der sich dessen bewußt ist, daß er sehr wenig weiß, und der in einer höflichen Zurückhaltung der Wahrheit Raum geben will." Diese Eigenschaften bezieht Borors nun auf Sokrates, der zum Tod verurteilt wurde, da er die überkommene Religion in Frage zu stellen schien und die Jugend verderbe. Was Boros fasziniert, ist die Gelassenheit, mit der Sokrates seinem Tod ohne Angst und freiwillig entgegensieht: "Sokrates wird verurteilt, sich selbst den Tod zu geben. Zwar öffneten ihm die Freunde die Wege der Flucht, doch starb Sokrates gelassen den über ihn verhängten Tod. Dieser Mann war einer der wenigen 'Redlichen', deren Leben - und nicht zuletzt deren Tod - die Geschichte des Abendlandes entschieden geprägt hat." Aus dieser Quelle schöpft Boros bei der Begründung seiner Endentscheidungs-hypothese, die den Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen vermag. Gerade aus der Formulierung, daß Sokrates den über ihn verhängten Tod sterbe, wird deutlich, daß der Tod nicht nur von uns erlitten, sondern auch von uns "getan" werden kann als Vollzug christlicher Existenz.

Für Boros existiert der Mensch, so wie Gott ihn sich dachte, heute noch nicht. Auch die Schöpfung wird als unvollendet verstanden. Dieses Schöpfungsverständnis findet Boros bei Irenäus von Lyon wieder, den er in diesem Zusammenhang rezipiert: Die Schöpfung "erreicht ihre endgültige Vollendung erst, indem der Mensch den ihm zugedachten Wesensraum, den Himmel betritt. Diese Schöpfungsauffassung las Eirenaios aus dem biblischen Bericht heraus: Der Mensch ist erschaffen 'nach dem Bilde Gottes' und auf die 'Gleichgestalt (homoiosis) von Gott' hin. Die Menschengeschichte ist ein einziger Aufstieg (heute würden wir 'Evolution' sagen) von einem ursprünglichen Seinsbestand her - unter Gottes Führung und Gestaltung - auf den Endpunkt (Teilhard de Chardin würde ihn als 'Punkt Omega' bezeichnen), auf die Vergöttlichung in Gott zu." Der Mensch "ist wesenhaft ein werdendes Wesen, das erst im Himmel vollendet wird durch die absolute Nähe Gottes." Die Hinfälligkeit des Menschen wird letztlich als Ausdruck des Erlösungswillens Gottes verstanden: Die Austreibung des Menschen aus dem Paradies, aus dem Seinsgefüge der Lebendigkeit und Unsterblichkeit wird mit Irenäus als eine Tat der erbarmungsvollen Zuneigung Gottes zum gefallenen Geschöpf klassifiziert. Im Ansatz findet Boros hier jene Weltsicht, die später durch Bergson, Blondel und Teilhard de Chardin weiterentwickelt wurde. Ausgerechnet diese Denker haben zur Begründung der Endentscheidungs-hypothese eine bedeutende Rolle gespielt.

"Denn zu dir hast du uns geschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir" (conf. 1,1,1). Mit diesen Worten zitiert Boros Aurelius Augustinus, jenen Kirchenvater mit dem er sich wohl - wir sahen es bereits - am intensivsten auseinandergesetzt hat. Sowohl das Menschliche, das Schwache an Augustinus als auch seine brennende Suche nach Gott, der ihn buchstäblich "durchs Leben jagte", faszinierte Boros derart, daß er ihn einen Bruder oder einen Freund nennt. Welche Bedeutung das Wesen des Augustinus für sein eigenes Leben und Werk hatte, schildert Boros in der Form eines "Bekenntnisses" zu Augustinus: "Der Mensch ist entlassen von Gott in das wirkliche Sein. Er ist freigegeben zum Stehen in eigener Mitte und zum Gehen mit eigenem Schritt. Doch ist er in sich selbst noch nicht fertig. Die Gestalt seines Daseins ist die des Bogens, der ins Begegnende hinübergeworfen ist. Endgültig hat sich der Mensch erst 'gefunden', hat sich in seiner vollendeten Gestalt erschaffen, indem er zu jenem Du gefunden hat, zu welchem Gott selbst sich dem Menschen gesetzt hat. Das Gesetz menschlichen Daseins ist die innere Unruhe seines geballten Wesens (seines Herzens). Diese Unruhe ist Ausweis Gottes in der menschlichen Existenz und Zeugnis seiner Macht über das Menschenherz. Wie wahr ist diese Erfahrung und von welcher Tragweite für das Verständnis meines eigenen Lebens, aber auch der Urvorgänge menschlicher Existenz überhaupt! Ich spürte dumpf und dunkel immer schon diese wesenhaften Vorgänge in mir selbst. Dann kam Augustinus und stellte alles mit seiner kristallklaren Formulierung als ewig-gültige Erkenntnis hin" , äußert sich Boros.

Mit Thomas von Aquin hat sich Boros vor allem in den Jahren seines Theologiestudiums beschäftigt. Einen wesentlichen Einfluß hat die Theologie des Aquinaten auf das Frühwerk "Mysterium mortis" genommen. Boros bezieht sich bei der Rezeption ausschließlich auf die Stellung der menschlichen Person im Denksystem des Thomas: Einerseits stehe die objektive Wirklichkeit über der menschlichen Subjektivität, weshalb sich der Mensch nach einer objektiven Ordnung der Dinge richte. Der Mensch "vermag die objektive Wirklichkeit in seine Subjektivität zu integrieren, ja ist dazu berufen, daß sein Ich 'Form der Formen' der Welt sei (S.c.G. II, 47)." Andererseits sei aber dieselbe objektive Wirklichkeit als projektive Funktion der menschlichen Subjektivität zu verstehen: "Die menschliche Erkenntnis ist eine Teilhabe am 'ungeschaffenen Licht, in dem die ewigen Erkenntnisgründe enthalten sind' (S.th. I, q. 84, a. 5, corp.). Dieses Licht erhellt durch die 'dynamische Vernunft' (intellectus agens) die geschöpflichen Dinge." Zwischen diesen beiden dialektischen Haltungen schwebe - so Boros - die Lehre des Thomas von Aquin. Dies veranlaßt Boros zu folgender Schlußfolgerung: "Wenn ich nun diese zwei Polaritäten zusammenfasse, so ergibt sich daraus ein äußerst nuanciertes Bild des Thomas von Aquin, wie auch des christlichen Denkers überhaupt. Der christliche Denker verpflichtet sich, sich den vom Objekt herkommenden Normen zu unterwerfen, sich ihnen gleichsam zu opfern. Darin, in der Opferung seiner Subjektivität, wird sein Ich immer reicher, immer neu, bis er sich selbst als Schöpfer von neuen Werten entwickelt, ja zum Erschaffer neuer Objektivität wird. Darin wächst wiederum sein Subjekt und erneuert sich." Diese beiden Bewegungen werden wir bei Boros in der Unterscheidung zwischen "äußerem" und "innerem" Menschen wiederfinden.

Nach der Seinsauffassung Pierre Teilhard de Chardins, den Boros in Paris persönlich kennengelernt hat , ist der Mensch wesenhaft ein werdendes, noch nicht vollendetes Wesen, der das Schicksal der Welt in sich trägt und der durchströmt wird vom Lebenswillen des Universums. Die Menschheit in ihrer Evolution treibe in "die Richtung der allgemeinen 'Achse' der Entwicklung des Weltalls, daß heißt in die Richtung des Zusammenschlusses der positiven Kräfte. Das Universum als Entwicklungseinheit strebt immer mehr zusammen, spitzt sich immer mehr zu." Es spanne sich ein immer dichteres Netz geistiger Bindungen zwischen den Individuen, so daß Völker und Rassen füreinander immer offener werden. Teilhard de Chardin nennt diese Vision eines allumfassenden Zusammenschlusses der Menschheit "planetare Einrollung". Da der letzte "Sprung" der Evolution dann die Einswerdung der Menschheit mit Gott und in Gott sei, müsse es einen Gottmenschen geben, der die Kluft der Transzendenz zwischen Gott und dem Menschen überwinden und die ganze Menschheit in sich hineinintegrieren könne. Diesen Gottmenschen, diesen Sammelpunkt der Evolution nennt Teilhard "Punkt Omega". Die Heilsgeschichte reife diesem "Punkt Omega", dem kosmischen Christus entgegen, sie strebe einem Zustand zu, da Gott in Christus alles in allem sei. Boros nimmt die Vision Teilhards von einer auf göttliche Vollendung hin aufgebrochenen Welt in seine Konzeption auf und entwickelt sie weiter: "Was mich an diesem Werk fasziniert, ist das klare Überschreiten der engen Grenzen der Forschung. Es ist der Versuch, Getrenntes zu vereinen. Dass Teilhard die Bindung der fernsten Bereiche in einem äussersten geistigen Aufschwung erstrebt hat, bringt ihn uns ganz besonders nahe."

Wie wir bereits oben sahen, hat Romano Guardini einen nicht geringen Eindruck auf Boros hinterlassen. Auch ihn kannte Boros persönlich als Professor aus den drei Studienjahren an der Münchener Universtität. Boros berichtet: "Was mich persönlich an Romano Guardini am meisten beeindruckte, war, daß er nie mit vorgefertigten Begriffen arbeitete, sondern lange hinschaute, die Gegenstände in sich aufnahm und beschrieb, und sie erst nachher zur Sprache brachte. Er war ein 'Phänomenologe' im besten Sinne des Wortes, ein 'Schauender'. ... Von besonderer Wichtigkeit war für ihn die Dichtung. Seine umfassenden Deutungen hervorragender Gestalten der abendländischen Literatur- und Geistesgeschichte - Platon, Augustin, Pascal, Hölderlin, Dostojewski und Rilke - bildeten dabei im gewissen Sinne nur Vorübungen für den unablässigen Versuch, Christus zu zeichnen." Interessant ist, daß Boros in "Mysterium mortis" bei der philosophischen Begründung der Endentscheidungs-hypothese ein zunächst nicht zu erwartendes sechstes Kapitel "Vorgriff auf den Tod in der dichterischen Erfahrung" einfügt. Hier stoßen wir wieder auf die Namen Hölderlin und Rilke. Aus den Schriften Guardinis läßt sich - nach Meinung Boros' - kein festes System von Erkenntnissen herausarbeiten, da Guardini sie stets als "Gelegenheitsschriften" verstanden wissen wollte. Sein Werk blieb deshalb ein lebendiges und wachsendes Fragen, dem eine einfache Sprache zugrunde lag. Gerade das Indirekte sei bei Guardini von eminenter Wichtigkeit gewesen, da er immer einen Akzent auf das "Sinnliche" gelegt habe. Wer das gesamte Werk Boros' überblickt, der wird erkennen, daß Boros sich diese Methode zu eigen gemacht hat.

Boros ist wohl am tiefsten geprägt worden durch Ignatius von Loyola, den Ordensgründer der Gesellschaft Jesu. Im ersten Kapitel von "Offenheit des Geistes" berichtet Boros: "In der Tat war Ignatius von Loyola von der Ruhelosigkeit des Christentums beherrscht, das sich ja auch niemals mit der vorhandenen Situation der Welt zufriedengibt oder zufrieden geben kann, sondern sie immer neu auf ein höheres Niveau heben möchte. Mit der ganzen herausfordernden Kühnheit der christlichen Existenz wollte Ignatius von Loyola die Menschheit und das Menschsein aus ihrer Lage emporheben. Es gab für ihn keinen Lebenszweck, der auf seinen individuellen Lebenskreis beschränkt gewesen wäre. Er hätte sein Leben als verloren erachtet, wenn und sofern es nicht über die eigenen Grenzen hinausgewirkt hätte." Auch heute noch bemerkt Boros dieselbe Einstellung bei den Jesuiten, die noch lange nicht den ganzen Reichtum ihrer heilsgeschichtlichen Mission ausgeschöpft haben. Boros nennt im weiteren Verlauf vier Grundeigenschaften der jetzt anhebenden Zeit und zeigt auf, daß sein Orden angesichts dieser im Grunde ignatianischen Grundzüge auch weiterhin noch Bedeutung und Zukunft hat: - Es werden Menschen entstehen, die fähig seien, sich unterzuordnen und in einem Ethos des Dienstes zu leben. - Spezialisierung und Werksolidarität verhelfen dem Menschen zu einer nüchternen Klarheit und Verhaltenheit. - Die dritte Eigenschaft des neuen Menschen sei sein Ja zur Erde, seine Liebe zur bedrohlichen Welt. - Da die Kirche im Begriff sei, sich aus einer Kleruskirche in eine Kirche des gesamten Gottesvolkes zu verwandeln, spricht Boros von der Laienspiritualität als der vierten ignatianischen Komponente. Bemerkenswert ist, daß Boros diese Sätze schrieb, nachdem er bereits den Orden verlassen hatte. Über die äußere Trennung hinaus ist Boros dem Geisteserbe des Ignatius von Loyola treu geblieben, da er mehr als fünfundzwanzig Jahre hindurch davon genährt wurde.

4 Unruhe des Herzens - die letzten Jahre

Mitarbeiter, die ihn bei seinen Aktivitäten beobachtet haben, empfanden oftmals, daß Boros an der Grenze seiner nervlichen Belastbarkeit - oder über sie hinaus - arbeitete. Seine gefährdete Gesundheit wurde dadurch immer wieder belastet. Zahlreiche Krankheiten bestimmten seine Lebensgeschichte. Nach manchen Monaten des Ringens um eine Entscheidung, entschloß sich Boros im Herbst 1973 den Orden zu verlassen. Durch den Papst wurde er vom priesterlichen Dienst dispensiert. Seine neue und letzte Bleibe fand er zusammen mit seiner Frau Annegret Kohlhof, die er am 8. Februar 1975 heiratete, in Cham bei Chur. Mario von Galli nennt das Verlassen des Ordens sowie die Tatsache, daß er die Ausübung seines Priestertums nicht mehr wahrnahm, das große Paradox im Leben Boros', das seine Wahrhaftigkeit in Frage zu stellen schien: "Wie ein Verräter stand er vor vielen frommen Leuten da. Sie wollten den angeblich falschen Propheten nicht mehr hören und lesen. Sicher, es blieb ihm seine Gemeinde, die ihn als großen Seelsorger trotz allem verehrte, und es blieben ihm viele Freunde. ... Nur eines sei von mir selber gesagt: nachdem ich alles versucht hatte, um ihm mit großer Anteilnahme und Verständnis sein Weggehen von unserer Gemeinschaft auszureden, ... gelangte ich zu der klaren und festen Überzeugung: daß mein Bruder Ladislaus Boros den Willen Gottes erfüllt hat und seiner Führung gefolgt ist."

Eine weitere Zäsur ereignete sich 1977: Boros erfuhr, daß er an Kehlkopfkrebs erkrankt war. Das fortgeschrittene Stadium schien eine mögliche Operation auszuschließen. Der unerschütterliche Wille seiner Frau bewegte ihn dennoch, das Wagnis einer Operation einzugehen, die schließlich erfolgreich verlief, obwohl er seine Stimme für immer verlor. An jenen Tag erinnert sich Josef Rast, der Oltener Verleger:

"Am Abend vor seiner Kehlkopfoperation wünschte er meinen Besuch im Spitalzimmer, damit er ein letztes Mal mit mir sprechen könne. Mit großer Gelassenheit und mit Zuversicht, der Krankheitsherd werde bald beseitigt sein, sprach er von Buchplänen, wohl wissend, daß er nie mehr vor überfüllten Hörsälen sprechen könne, sondern ganz auf die schriftliche Aussage angewiesen sein werde. Andern Tags stand ich wieder im Züricher Kantonsspital an seinem Bett. Er lächelte und schrieb auf ein Täfelchen."

Da eine weitere Vortragstätigkeit ausgeschlossen war, nutzte er umso mehr seine Kraft zum Schreiben neuer Bücher und Artikel, bis er überraschend am Morgen des 8. Dezember 1981 im Alter von nur 54 Jahren verstarb. Jener Augenblick, der ihn ein Leben lang beschäftigte, traf ihn nun selbst: Ladislaus Boros wurde zur "letzten vollpersonalen Entscheidung über sein ewiges Schicksal" gerufen. Plötzlich auftretende innere Blutungen erlösten den Kranken von noch größerem Leid. Seinem Wunsch entsprechend fand er sein Grab auf dem Friedhof der Jesuiten in Bad Schönbrunn oberhalb von Zug.

[...]

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Der menschliche Tod als sakramentale Christusbegegnung
Untertitel
Systematische Untersuchungen zum Entwurf der Endentscheidungshypothese im Denken und Werk von Ladislaus Boros
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Seminar für Dogmatik)
Note
1,0
Autor
Jahr
1994
Seiten
101
Katalognummer
V10457
ISBN (eBook)
9783638168755
ISBN (Buch)
9783656058274
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Christusbegegnung, Tod, Sakrament, Ladislaus Boros, mysterium mortis, Sterben, Trauer, Trauerarbeit, Sterbebegleitung, Eschatologie, Ewiges Leben, Leben nach dem Tod
Arbeit zitieren
Markus Frohn (Autor), 1994, Der menschliche Tod als sakramentale Christusbegegnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10457

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