Aeußerungen von Wolfdietrich Schnurre, 1983 anläßlich der Verleihung des Georg Büchner Preises


Referat / Aufsatz (Schule), 2001
2 Seiten

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Abitur 1992 Haupttermin

Thema:

„Ich bin der Ansicht, daß der Literat kein Recht hat, Probleme zu lösen. Er hat sie wahrzunehmen, aufzureißen, seinen Akteure hineinzustoßen. [...] Am glaubwürdigsten sind unsere Helden merkwürdigerweise noch immer, wenn etwas schief läuft mit ihnen, wenn sie versagen, wenn sie zugrunde gehen an den Problemen.“

( Wolfdietrich Schnurre, 1983 anläßlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises)

Erläutern Sie die Äußerung Schnurres, und erörtern Sie seinen Auffassung auf der Grundlage ihrer Lektürekenntnisse.

In der These von Wolfdietrich Schnurre sind meiner Meinung nach zwei Hautargumente vertreten: Zum ersten ist er der Ansicht, dass der Literat kein Recht hat, Probleme zu lösen, weil dadurch das Geschriebene verschönt wird, denn dieses bleibt dann nicht mehr realitätsnah.

Der Literat hat die Probleme lediglich wahrzunehmen, sie aufzureißen und seine Aktuere hineinzustoßen, weil er so dem Leser das wahre Leben ohne beschönigende Darstellungen näherbringen kann. Das zweite Hauptargument beinhaltet, dass die Helden (des Geschriebenen) am glaubwürdigsten sind, wenn etwas schief läuft und sie versagen, weil sie so dem Leser sympathisch werden, denn sie wirken dann menschlich und eben nicht perfekt und der Leser kann sich so in ihre Gedanken hineinversetzten. Ich werde nun im folgenden die Auffassungen Schnurres im Bezug auf seine zwei Hauptargumente erörtern und dazu geeignete Beispiele aus Lektüren einbeziehen.

Die Aussage „Der Literat hat kein Recht, Probleme zu lösen. Er hat sie wahrzunehmen, aufzureißen, seine Akteure hineinzustoßen.“ ist meiner Meinung nach ein Hinweis auf Schnurres realistische Weltsicht und eine Kritik am Idealismus.

Auch Georg Büchner (1813-1873, ein Dichter zur Zeit des „Jungen Deutschlands“) war ein Anänger des Realismus. In einem Brief an die Familie schreibt er: „Wenn man mir übrigens noch sagen wolle, der Dichter müsse die Welt nicht zeigen, wie sie ist, sondern wie sie sein soll, so antworte ich, dass ich es nicht besser machen will wie der liebe Gott, der die Welt gewiß gemacht hat, wie sie sein soll“.

Ebenso in einem anderen Brief: „Was noch die sogenannten Idealdichter anbetrifft, so finde ich, dass sie fast nichts als Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos, aber nicht Menschen von Fleisch und Blut gegeben haben, deren Freud und Leid mich mitempfinden macht und deren Tun und handeln mirAbscheu und Bewunderung einflößt. Mit einem Wort, ich halte viel auf Goethe oder Shakespeare, aber sehr wenig auf Schiller“. Diese Ansicht vertritt auch Schnurre: „Der Literat hat kein Recht, Probleme zu lösen [...]“.

Büchner vergleicht den Dichter mit einem Geschichtschreiber, der dem Leser das Geschehene so nah wie möglich bringen soll (Brief an die Familie, Straßburg, den 28. Juli 1835: „Der dramatische Dichter ist in meinen Augen nichts als ein Geschichtschreiber, steht aber über letzterem dadurch, dass er uns die Geschichte zu zweiten Mal erschafft und uns gleich unmittelbar, statt eine trockene Erzählung zu geben, in das Leben einer Zeit hineinversetzt, uns statt Charakteristiken Charaktere und statt Beschreibungen Gestalten gibt. Seinen höchste Aufgabe ist, der Geschichte so nah wie möglich zu kommen [...]“. Schnurre ist wie Büchner der Meinung, dass der Leser sich in das Denken und die Gefühle der Darsteller hineinversetzten soll und dieses nur möglich ist, wenn die Akteure mit ihren Problemen selbst zu kämpfen haben.

Als konkretes literarisches Beispiel könnte man hier die Novelle „Lenz“ von Georg Büchner nennen., deren Protagonist, der junge Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz, mit der Zeit dem Wahnsinn verfällt.

Durch Büchners subjektive Gestaltung des Erzählerberichtes wird Lenz vom Leser verstanden, dieser kommt in den Bann der Empfindungen des Lenz und leidet mit ihm mit.

Gegen Ende der Erzählung geht es Lenz immer schlechter, sein Zustand wird immer trostloser und er fühlt in sich eine schreckliche Unruhe und Leere und von allen Menschen unverstanden. Der Leser hat das Gefühl, in diese Unruhe des Lenz miteinbezogen zu werden und dieses Gefühl läßt ihn auch nach dem Lesen der Lektüre nicht mehr los.

Schnurres zweites Hauptargument, die Helden seien am glaubwürdigsten, wenn etwas schief laufe, wenn sie versagen und an ihren Problemen zugrunde gehen würden, läßt sich ebenfalls mit Textstellen aus Lektüren belegen.

In dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang Goethe geht es um die unerfüllte Liebe des Werther zu einer verheirateten Frau. Er ist allein und so besessen von seinen Gefühlen, dass ihn weder Familie, Freunde oder Kirche eine Gemeinschaft oder Trost geben können und als er sein Leben nicht mehr ertragen kann, begeht Werther Selbstmord.

Goethe war einer der ersten Dichter, der den Frevel des Selbstmordes auf das Papier brachte, denn dieser galt damals nicht nur in der Kirche als Sünde.

Goethe hält sich jedoch an die realistische Darstellung und deshalb wurde sein „Werther“ eines der meist gelesenen Stücke.

Durch die Form des Briefromans fühlt sich der Leser persönlich angesprochen, er wird zum Empfänger und bekommt nur Werthers Gefühle und Gedanken mit, was zu einer völligen Konzentration auf den Protagonisten führt, so dass sich der Leser mit ihm identifizieren kann.

Die Problematik wäre vom Leser nicht so schmerzvoll erfaßt worden, wenn sich am Ende alles zum Guten gewendet und Werther seinen große Liebe geheiratet hätte (was zu der damaligen Zeit einfach unmöglich war, denn diese war bereits verheiratet).

Ein anderes Beispiel bietet das moderne Drama „Andorra“ von Max Frisch, in dem der 21-jährige Andri die Hauptrolle spielt.

Seine Umwelt (die Bewohner von Andorra) zwingt Andri solange zum Anderssein, bis er sein Schicksal annimmt und im Laufe des Stückes sein Bewußtsein verändert.

Der Leser empfindet eine Sympathie für Andri, der es in seinem Leben nicht leicht hat und der Leser fühlt die Bewusstseinsveränderung des Protagonisten bis ans Ende des Stückes mit ihm mit. Auch hier hat der Dichter ein realistisches Ende gewählt, denn Andri wird eines Mordes verdächtigt und am Ende hingerichtet.

Genau wie beim „Werther“ wäre die Problematik völlig unglaubwürdig, wenn es ein „Happy End“ gegeben hätte, denn Andri wurde von seiner Umwelt zu dem gemacht, was er am Ende war, nämlich der unschuldige Sündenbock, der für einen fremde Tat das Leben hatte einbüßen müssen. Wäre er am Ende gerettet worden, hätte das ganze Stück seinen Sinn verloren.

Ich bin der Meinung, dass Wolfdietrich Schnurre mit seiner These und den beiden darin enthaltenen Hauptargumenten vollkommen recht hat. Der Literat sollte keinen Probleme lösen sondern sie seinen Akteuren überlassen, auch wenn diese versagen, was wiederum zu einer realistischen Darstellung führt und das Geschehen glaubwürdig macht. So kann sich der Leser in die Gedanken und Gefühle der Akteure hineinversetzten, mit ihnen mitfühlen und mitdenken und hat im Endeffekt mehr von solch einer Lektüre, als von einer verschönenden nichtsaussagenden mit einem „Happy End“, die den Leser nicht zum Nachdenken anregt.

Pamela Heitzmann

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Details

Titel
Aeußerungen von Wolfdietrich Schnurre, 1983 anläßlich der Verleihung des Georg Büchner Preises
Autor
Jahr
2001
Seiten
2
Katalognummer
V104865
Dateigröße
329 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aeußerungen, Wolfdietrich, Schnurre, Verleihung, Georg, Büchner, Preises
Arbeit zitieren
Pamela Heitzmann (Autor), 2001, Aeußerungen von Wolfdietrich Schnurre, 1983 anläßlich der Verleihung des Georg Büchner Preises, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104865

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