Aspekte der Psychoanalyse - Die Übertragung


Hausarbeit, 2001
12 Seiten, Note: 1,7

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1. Einleitung

Diese Hausarbeit soll einen zentralen Aspekt der Psychoanalyse beleuchten, die Übertragung. Die Erklärung dieses Phänomens steht hierbei im Vordergrund. Da die Übertragung für den Erfolg einer psychoanalytischen Therapie von erheblicher Wichtigkeit ist, wird des weiteren dargestellt, wie der Therapeut mit der Übertra- gung umzugehen hat und wie er sie am wirkungsvollsten zu Gunsten der Heilung einsetzen kann. Abschließend erfolgt ein Fazit des behandelten Themas.

2. Aspekte der psychoanalytische Therapie

Bevor näher auf die Übertragung und ihre Auswirkung auf die Therapie eingegangen werden kann, müssen zunächst einige grundsätzliche Aussagen zur Vorgehensweise des Therapeuten gemacht werden. Hierbei soll es sich allerdings keineswegs um eine umfassende „Anleitung zur Psychoanalyse“ handeln. Vielmehr soll ein kurzer Überblick über die Art und Weise, wie der Therapeut mit dem Erleben des Kranken und dem aus der Krankheit entstehenden Konflikt, umzugehen hat. Erst dann ist es möglich, die Bedeutung der Übertragung und ihre Wichtigkeit für den Erfolg einer psychoanalytischen Therapie zu erfassen.

2.1Die Vorgehensweise des Therapeuten

Es gibt verschiedene Faktoren, welche den Weg zu einer erfolgreichen psycho- analytischen Therapie erschweren. Als erstes sind hier die hereditären Dispositio- nen zu nennen, also die erblich bedingten Gegebenheiten des Patienten, die vom Therapeuten als solche hingenommen werden müssen und die Behandlung ein- schränken können. Weiterhin erschweren die bereits vorhandenen Kindheitserleb- nisse des Patienten, die für die Psychoanalyse eine erhebliche Rolle spielen, die Behandlung, liegen sie doch in der Vergangenheit und können vom Therapeuten nicht rückgängig gemacht werden.(vergl. Freud 2000: 411) Außerdem ist der Mensch möglicherweise geprägt durch verschiedenste Einflüsse, sei es z.B. seine unglückliche finanzielle Lage, eine unbefriedigende Ehe, Konflikte in der Familie oder auch als unangenehm empfundene gesellschaftliche Anforderungen. All dies sind Dispositionen, die erst mal als gegeben akzeptiert werden müssen.

Es wäre jedoch falsch, bei der Therapie direkt an einem dieser Faktoren anzuset- zen. Die Psychoanalyse sieht das Erleben eines Kranken gekennzeichnet durch einen „hartnäckigen Konflikt zwischen der libidinösen Regung und der Sexualver- drängung, zwischen der sinnlichen und der asketischen Richtung.“(Freud 2000: 412) Bei einem Kranken behält die Sexualverdrängung die Oberhand, die Ab- wehrmechanismen des Ich kommen zur Geltung, wodurch dann die Symptome entstehen. Ein Zwangsneurotiker beispielweise flieht vor bedrohlich wirkenden libidinösen Impulsen, z.B. solchen, die ein schweres Verbrechen anleiten könnten, indem er sich durch Verzichte und Einschränkungen seiner Freiheit vor ihrer Aus- führung schützt. Anstatt der Handlung, die der Triebimpuls fordern würde, führt er andere, harmlose Zwangshandlungen aus, die die Symptome darstellen.(Freud 2000: 248) Dieser Konflikt kann nicht dadurch gelöst werden, daß nun eine der beiden Seiten vom Therapeuten gestärkt wird und die Oberhand gewinnt, es wür- de immer ein Aspekt des Konflikts unbefriedigt bleiben. Das Besondere an den Konflikten die Neurotiker erleben, ist, daß sie auf unterschiedlichen Ebenen statt- finden. Während sich die eine Regung im Vorbewußten und Bewußten abspielt, wird die andere im Unbewußten festgehalten. Genau aus diesem Grund kann der Konflikt nicht gelöst werden. Erst wenn beide Regungen im Bewußten wahrge- nommen werden können, kann der Konflikt bearbeitet und gelöst werden und dies zu erreichen ist das Ziel der psychoanalytischen Therapie.(vergl. Freud 2000: 413)

Es gehört nicht zur Aufgabe der Psychoanalyse, daß sie den Patienten bei schwerwiegenden Entscheidungen, die er in seinem Leben zu treffen hat, beein- flußt. Sie stellt eher die Forderung an den Erkrankten, daß er alle wichtigen Ent- scheidungen, z.B. die Beendigung einer Beziehung, eine Eheschließung oder die die Berufswahl, erst nach beendeter Therapie trifft, damit nicht die direkte Beein- flussung durch den Therapeuten den Ausschlag für eine Entscheidung gibt. Eine Therapie wird ebenfalls eher erfolglos sein, wenn der Therapeut versucht, daß Unbewußte des Patienten zu erraten, zu deuten und mitzuteilen. Damit wird das Unbewußte keineswegs zum Bewußten, die neue Information wird nur aufge- nommen und neben dem Unbewußten aufgehoben, ohne es zu ersetzen. Der the- rapeutische Weg muß zu dem Erlebnis, dem Grund führen, der zur Verdrängung ins Unbewußte führte. Kann diese Verdrängung beseitigt werden, so ist es dem Patienten möglich sein Unbewußtes zu erblicken und es somit zum Bewußten zu verwandeln.

Um diese Verdrängung beseitigen zu können, muß sie als erstes lokalisiert wer- den, wonach es möglich ist, den Widerstand, der diese Verdrängung bewirkt, ü- berwinden zu können. An dieser Stelle kann der Therapeut dann zu den Mitteln der Deutung und des Mitteilens greifen, diesmal jedoch erfolgreicher, als wenn er auf die gleiche Weise dem Verdrängten, dem Unbewußten begegnen würde. Der wesentliche Unterschied zwischen der Verdrängung und dem Widerstand der sie aufrechterhält, ist das sich erstere auf der Ebene des Unbewußten und letzterer auf der Ebene des Ich abspielt.(vergl. Freud 2000: 417) Das heißt jedoch nicht, daß sich der Patient des Widerstands auch wirklich bewußt ist, aber er befindet sich auf der Ebene des Bewußten und ist somit für den Patienten zugänglich. So- mit ist es die Aufgabe des Therapeuten, diesen Widerstand zu lokalisieren und ihn dem Patienten mitzuteilen, wobei davon ausgegangen wird, daß der Patient den Widerstand aufgibt, sobald er ihn wirklich erkannt hat. Ist der Widerstand erst be- seitigt, gelingt auch der Zugriff auf das Unbewußte, das dann in Bewußtes umge- wandelt und bearbeitet werden kann. Diese Annahme ist darauf begründet, daß sowohl der Wunsch des Patienten, Gesund zu werden, als auch seine Intelligenz die Auflösung des Widerstandes antreiben. Dazu muß dem Patienten vergegen- wärtigt werden, daß seine frühere Entscheidung, also die Verdrängung, das Auf- bauen des Widerstandes, zu seinem jetzigen Zustand geführt hat und daß eine Veränderung, der Weg in die andere Richtung, zu einer Verbesserung des Zu- stands führen wird. Auf diese Weise wird der Konflikt, welcher in der Vergangen- heit zur Verdrängung geführt hatte, neu aufgefrischt, diesmal jedoch mit völlig anderen Grundvoraussetzungen. „Damals war das Ich schwächlich, infantil und hatte vielleicht Grund, die Libidoforderung als Gefahr zu ächten. Heute ist es erstarkt und erfahren und hat überdies in dem Arzt einen Helfer zur Seite.“(Freud 2000: 418) Aus diesem Grund kann erwartet werden, daß sich der aufgefrischte Konflikt diesmal zu Gunsten der Gesundheit entscheiden wird.

Diese Vorgehensweise ist eine der Grundlagen der psychoanalytischen Therapie. Durch die Lokalisierung der Verdrängung, die Deutung und Lösung der Widerstände und das Sichtbarmachen des Verdrängten kann Unbewußtes in Bewußtes gewandelt werden. Der Erfolg ,den diese Vorgehensweise bei der Behandlung von Erkrankungen wie der Hysterie, und Angst- und Zwangsneurosen tatsächlich hat, ist der Beweis für diese Ausführungen.(vergl. Freud 2000: 418)

2.2 Die Übertragung

Eine weitere Tatsache der Psychoanalyse ist die sogenannte Übertragung. Dieser Begriff bezeichnet die besondere Beziehung, in welcher sich der Patient dem Therapeuten gegenüber sieht.

Dauert die Therapie eine gewisse Zeit an, kommt es immer wieder vor, daß sich die Patienten dem Therapeuten gegenüber auf besondere Art verhalten. Dies ist auch deswegen bemerkenswert, weil es eigentlich Absicht des Therapeuten ist, die Beziehung zwischen ihm und dem Kranken zu rationalisieren und klar überschau- bar zu machen. Trotzdem entwickelt sich die Beziehung von seitens des Patienten oftmals in sehr vielschichtiger, unerwarteter Weise.(vergl. Freud 2000: 419)

Diese Veränderung der Beziehung äußert sich darin, daß der Patient ein auffälliges Interesse für den Therapeuten entwickelt. Obwohl der Patient eigentlich seiner Rolle entsprechend in erster Linie an seiner Genesung interessiert sein sollte, scheint es so, als wäre für ihn die Person des Therapeuten interessanter und wür- de ihn vom Kranksein ablenken. Dies kann sich dadurch äußern, daß sich der Pa- tient von seiner besten Seite zu zeigen versucht, also äußerst höflich und dankbar ist oder auch positive Wesenszüge an den Tag legt, die der Therapeut nicht er- wartet hätte. Für den Therapeuten stellt sich diese Wandlung selbstredend als sehr angenehm dar, unter Umständen ändert sich möglicherweise sogar seine Meinung vom Patienten in eine positive Richtung. Doch auch auf den Fortschritt der Therapie wirkt sich diese veränderte Beziehung positiv aus. Der Patient be- weist eine bemerkenswerte Auffassungsgabe, wenn es um das Verständnis von Andeutungen geht, begegnet Aufgaben, die ihm im Rahmen der Therapie gestellt werden mit ausgesprochener Motivation und es mangelt ihm auch nicht an Erinne- rungen und Einfällen. Gleichzeitig ist auch von Außenstehenden eine Besserung des Krankheitszustandes zu bemerken.

Dieser positive Einfluß, den die Veränderung der Beziehung zwischen Patient und Therapeut auf die Therapie ausübt, hält jedoch nicht dauerhaft an. Nach einiger Zeit scheint die Konzentration und das Interesse des Patienten deutlich abzuneh- men. Ebenso typisch für diese Situation ist, daß dem Patienten nur noch wenig einfällt, was die Therapie weiterbringen könnte. Was ist nun die Ursache für diese rapide Veränderung der Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem Kranken?

Der Grund für diesen Wandel liegt darin, „daß der Patient intensive zärtliche Ge- fühle auf den Arzt übertragen hat, zu denen ihn weder das Benehmen des Arztes noch die in der Kur entstandene Beziehung berechtigt.“(Freud 2000: 420) Der Pa- tient hat also gewisse Gefühle für den Therapeuten entwickelt, welche im Allge- meinen ungewöhnlich für eine Beziehung zwischen einem Arzt und seinem Patien- ten sind. Welcher Art diese Gefühle nun sind und welches Ziel sie haben, hängt jedoch stark von der Konstellation dieser beiden Personen ab. Handelt es sich bei- spielsweise bei der Patientin um eine junge Frau und beim Therapeuten um einen ebenfalls jungen Mann, können die Gefühle der Frau durchaus mit normaler Ver- liebtheit verglichen werden.(vergl. Freud 2000: 421) Ähnlich kann es sich verhal- ten, wenn z.B. die Patientin unter einer unglücklichen Ehe leidet und sich nach der Erfüllung ihrer Wünsche sehnt. Diese Gefühlsentwicklung ist in diesen Fällen auch nachvollziehbar, schließlich tritt der Therapeut der Patientin als Helfer gegenüber, mit dem sie häufig allein ist und intime Dinge besprechen kann. Im Alltag kommt es schließlich auch vor, daß eine Frau Gefühle für einen Mann entwickelt, mit dem sie viel Zeit verbringt und der sich als guter, verständiger Gesprächspartner er- weist. Bemerkenswert ist jedoch, daß sich diese Art der Gefühlsbeziehung selbst dann auffinden läßt, wenn es zwischen Therapeut und Patientin einen erheblichen Altersunterschied gibt. Noch bemerkenswerter ist, daß Patientinnen, wenn sie zu dieser Entwicklung befragt werden, äußern, daß sie solch eine Entwicklung erwartet, wenn nicht gar erhofft hätten. Die Patientinnen glaubten anscheinend schon vor der Therapie zu wissen, daß sie nur durch die Liebe genesen könnten und erhofften sich, diese in der Therapie zu finden. Diese Hoffnung war anscheinend der ausschlaggebende Antrieb die Therapie zu beginnen und sie mit entsprechender Motivation fortzuführen.(vergl. Freud 2000: 421)

Die Psychoanalyse hat dieses Phänomen lange Zeit für eine zufällige Störung der Therapie gehalten und nicht in Betracht gezogen, daß dieses Ereignis erst durch die Therapie hervorgerufen werden könnte. Da diese Entwicklung aber auffällig oft und auch bei den verschiedensten Konstellationen von Therapeut und Patient auf- trat, konnte sie nicht länger als zufällig auftretend beurteilt werden. Vielmehr mußte anerkannt werden, daß diese auffällige Veränderung der Beziehung schon im Wesen der Krankheit begründet liegt und im Wesentlichen einer Übertragung von Gefühlen des Patienten auf die Person des Therapeuten gleichkommt.

Diese gerade beschriebene Erscheinung nennt die Psychoanalyse die Übertragung. Durch diese Wortwahl soll darauf hingewiesen werden, daß die Gefühle, welche dem Berater entgegengebracht werden, nicht während der Therapie entstehen, sondern bereits vorher im Gefühlsleben des Patienten vorhanden war. Es liegt we- der im Interesse der Therapie, daß sich solche Gefühle entwickeln, noch sollten die Rahmenbedingungen in denen eine Therapie stattfindet die Entwicklung sol- cher Gefühle bestärken. Die psychoanalytische Theorie besagt, daß „die ganze Gefühlsbereitschaft anderswoher stammt, in der Kranken vorbereitet war und bei der Gelegenheit der analytischen Behandlung auf die Person des Arztes übertra- gen wird.“(Freud 2000: 422) Daraus läßt sich folgern, daß die Persönlichkeit des Therapeuten für das Entstehen der beschriebenen Gefühle nur von untergeordne- ter Bedeutung ist. Vielmehr bietet sich der Therapeut unwillkürlich, durch die Struktur der Therapie und des Krankseins gegeben, als Objekt für diese Gefühle an, da sie auch Teil des Anliegens sind, mit welchem der Patient sich in die Therapie begibt.

Diese Gefühle können sich in unterschiedlichster Form präsentieren. Selbst wenn man sich auf die Betrachtung von Konstellationen beschränkt, bei denen es sich bei dem Patienten um eine weibliche und bei dem Therapeuten um eine männliche Person handelt, kann die Übertragung verschiedene Formen annehmen. Eine naheliegende Erscheinungsform ist sicherlich der Wunsch der Patientin im Therapeuten einen Geliebten zu finden. Des weiteren kann sich der Wunsch einer Patientin, väterlich Liebe zu erfahren, ebenfalls auf den Therapeuten übertragen. Aber unabhängig davon, in welcher Form sich die Übertragung präsentiert, ist sie doch immer wieder im Wesen der Krankheit begründet.

Die Übertragung beschränkt sich jedoch nicht auf Therapiesituationen, an denen ausschließlich eine weibliche Patientin und ein männlicher Therapeut teilnehmen. Auch wenn es sich bei beiden Teilnehmern um männliche Personen handelt, läßt sich eine Übertragung vermerken. Es läßt sich auch hier feststellen, daß der Pati- ent ein gesteigertes Interesse für die Person des Therapeuten gewinnt und dazu neigt, dessen Eigenschaften zu überschätzen. Allerdings sind hier sublimierte For- men der Übertragung häufiger als direkte Sexualforderungen, will heißen, es wird häufiger der Wunsch nach einer Freundschaft als nach einer Liebesbeziehung ü- bertragen.(vergl. Freud 2000: 423) Aber noch eine andere Form der Übertragung tritt bei männlichen Patienten in Bezug auf einen männlichen Therapeuten deutlich häufiger auf als bei Patientinnen, nämlich die feindselige oder negative Übertra- gung.

Die Übertragung und auch die Form derselben ist, wie schon erläutert, bereits im Wesen der Krankheit begründet und beginnt mit Beginn der Therapie die Bezie- hung zwischen Therapeut und Patient zu beeinflussen. Solange sie die Arbeit des Therapeuten positiv bestärkt, ist sie nicht genau wahrnehmbar und bedarf auch keiner näheren Analyse. Doch hat sich, wie weiter oben erläutert, gezeigt, daß sie früher oder später einen Widerstand im Patienten erzeugt, der die weitere Arbeit behindert. Dieser Widerstand kann sich in der Form äußern, daß dem Patienten nichts mehr einzufallen scheint, oder er sich nur mit geringem Interesse der The- rapie zu widmen scheint. Für diese Wandlung lassen sich zwei Bedingungen ver- zeichnen. Angenommen die Übertragung findet in Form eines Wunsches nach ei- ner Liebesbeziehung, oder eines Sexualwunsches statt, welcher die Person des Therapeuten als Objekt hat. Mit fortschreitender Therapie kann dieser Wunsch, diese Neigung, immer ausgeprägter werden, bis er auch für die Patientin oder den Patienten deutlich wahrnehmbar ist und ein inneres Widerstreben gegen sich her- vorruft. Der Patient hat also die Übertragung wahrgenommen und weigert sich sie zuzulassen. Somit entsteht ein Widerstand, welcher die weitere Therapie behin- dert. Eine weitere Bedingung für eine Wandlung der Gefühle des Patienten ist, wenn es sich bei der Übertragung um eine feindselige oder negative handelt. Die negativen Gefühle sind zwar auch schon von Beginn der Therapie an vorhanden, kommen aber erst später zum Vorschein, als die Positiven. Da die negativen Ge- fühle, wie die Positiven, wenn auch mit anderem Vorzeichen, eine Gefühlsbindung darstellen, müssen sie analog zu den positiven Gefühlen unter dem Begriff der Übertragung zusammengefaßt werden.(vergl. Freud 2000: 423)

Was bedeutet aber nun die Übertragung für die Therapie, welche Schwierigkeiten ruft sie hervor und welcher Nutzen kann aus ihr gezogen werden? Es ist für den Therapeuten verständlicherweise nicht realisierbar, die auf ihn übertragenen Ge- fühle anzunehmen und sich auf die vom Patienten gewünschte Beziehung einzu- lassen. Ebensowenig ist es für den Erfolg der Therapie zuträglich, wenn die Gefüh- le des Patientin unfreundlich oder gar empört abgewiesen würden. Die richtige Methode den Widerstand, den die Übertragung erschaffen hat, zu Überwinden liegt darin, dem Patienten die Herkunft dieser Gefühle vor Augen zu führen. Es muß dem Kranken deutlich werden, daß seine Gefühle nicht in der Therapie ent- standen sind und auch nicht der Person des Therapeuten gelten, sondern daß sie nur Teil einer Wiederholung etwas bereits Erlebten darstellen. Dieser Hinweis bringt den Patient dazu, daß er versucht sich an die Herkunft dieser Gefühle zu erinnern und damit Unbewußtes in Bewußtes verwandelt. Dadurch „wird die Über- tragung, die, ob zärtlich oder feindselig, in jedem Falle die stärkste Bedrohung der Kur zu bedeuten schien, zum besten Werkzeug derselben, mit dessen Hilfe sich die verschlossenen Fächer des Seelenlebens eröffnen lassen.“(Freud 2000: 424) Wie bereits erwähnt, ist ja die Übertragung bereits im Wesen der Krankheit be- gründet und ist somit Teil der Ursache derselben. Gelingt es dem Kranken also die Herkunft der Gefühle zu ermitteln und sich ihrer zu erinnern, werden also für die Krankheit relevante Informationen von unbewußtem zu bewußtem Material.

Um den Nutzen, den die Übertragung für die Therapie bieten kann, gänzlich zu erfassen, darf nicht vergessen werden, daß die Krankheit nicht von statischer Na- tur ist. Sie ist nichts bereits Abgeschlossenes, sondern entwickelt sich auch wäh- rend der Therapie ständig weiter. Die Aufgabe des Therapeuten ist es, auf diese Entwicklung, im Sinne des Kranken, einzuwirken. Wenn es gelungen ist, den Pati- enten erfolgreich in die Therapie einzubinden, wird diese Entwicklung auf den Therapeuten bzw. die Beziehung zu ihm konzentriert. Von diesem Zeitpunkt an sieht sich der Therapeut nicht mehr mit den Erinnerungen des Kranken konfron- tiert, sondern mit einer neuerschaffenen und modifizierten Neurose, welche die ursprüngliche ersetzt. Der Vorteil dieser neuerschaffenen Neurose ist, daß der Therapeut sie von Beginn ihrer Entstehung an beobachtet hat und vor allem sich als das Objekt derselben sieht. Die Neurose ist zwar noch vorhanden, hat sich a- ber von ihren ursprünglichen Objekten abgewandt und ist nun auf die Übertra- gung gerichtet. Wenn der Therapeut nun mit dem Patienten an dieser neuen, künstlichen Neurose arbeitet, bewältigt er gleichermaßen auch die Erscheinungen mit denen der Patient zu Beginn zur Therapie gekommen ist.

Die Übertragung ermöglicht es also dem Therapeuten die Neurose zu reproduzie- ren und sie so auf gewisse Art und Weise entstehen zu sehen. Diesmal befindet er sich aber im Zentrum der reproduzierten Neurose und kann die Entwicklung dieser beeinflussen. Da es sich bei der „neuen“ Neurose um eine Reproduktion der ur- sprünglichen Krankheit handelt, kann der Therapeut durch Behandlung dieser er- schaffenen Neurose analog eine Heilung der Ursprünglichen erwirken.

Die Bedingung für diese Vorgehensweise ist jedoch, daß es tatsächlich zu einer Übertragung seitens des Patienten kommt. Behält ein Patient ein normales Ver- hältnis zum Therapeuten, will heißen, die Beziehung bleibt unbeeinflußt von den Triebregungen, die die zu behandelnde Krankheit ausmachen, kann der Therapeut keinen Einfluß auf die Neurose ausüben. Diese zentrale Bedeutung hat die Über- tragung bei den „Hysterien, Angsthysterien und Zwangsneurosen, die darum mit Recht als Übertragungsneurosen zusammengefaßt werden.“(Freund 2000: 425) Alle diese neurotischen Erscheinungen sind dadurch gekennzeichnet, daß ihre Symptome Ausdruck von unterdrückten libidinösen Triebregungen sind.(vergl. Freud 2000: 425)

Die Übertragung ist also ein zentrales Element der Therapie. Sie ermöglicht dem Therapeuten jedoch nicht nur einen Zugang zu der Neurose, sondern kann auch als Antrieb für den Kranken wirken. Während der Therapie befindet sich der Pati- ent in einem Kampf gegen die Widerstände, die ihm vom Therapeuten vor Augen geführt worden sind. Um diesen Kampf zu gewinnen und um zu verhindern, daß das in der Therapie erarbeitete Material wieder ins Unbewußte abrutscht , benötigt der Patient einen starken Antrieb. Seine intellektuellen Fähigkeiten sind für diesen Kampf zu schwach, ausschlaggebend ist hier das Verhältnis zum Therapeuten. Wie bereits erwähnt, führt eine positive Übertragung dazu, daß der Patient den Thera- peuten sehr schätzt, seinen Ausführungen folgt und äußerst konzentriert bei der Arbeit ist. Genau dies ist notwendig, damit aus der Übertragung ein wirksamer Antrieb für den Kampf des Patienten wird. Nur wenn er den Therapeuten achtet, ihn schätzt und als Autorität ansieht, nimmt er die Argumente die ihm entgegen- gebracht werden auf und beschäftigt sich mit ihnen. Kommt es hingegen zu einer negativen Übertragung, wird der Patient dem Therapeuten entweder überhaupt nicht zuhören oder selbst wenn, wird er seinen Ausführungen nur wenig Glauben schenken und ihnen mit Mißtrauen begegnen. Nur wenn die Argumente von einer dem Patienten nahestehenden, geachteten Person stammen, entsteht die Bereit- schaft sich auf sie einzulassen.(vergl. Freud 2000: 425f)

Diese Aspekte führen zu dem Schluß, daß der Mensch nur dann wirklich zugäng- lich ist, wenn er „der libidinösen Objektbesetzung fähig ist.“(Freud 2000: 426) Dies wiederum läßt erkennen, daß der Narzißmus eines Menschen einen erhebli- chen Widerstand für analytische Therapieversuche darstellen kann, da er die Über- tragungsfähigkeit beeinflußt. Patienten mit narzißtischen Neurosen mangelt es erheblich an Übertragungsfähigkeit. Ihr Narzißmus führt zwar nicht dazu, daß sie dem Therapeuten feindselig gegenüberstehen, aber ihn mit Gleichgültigkeit be- trachten. Sie interessieren sich schlicht und einfach nicht für seine Ausführungen und sind auch nicht dazu geneigt, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dadurch kann es nicht zu einer erneuten Entwicklung der Krankheit kommen, sie kann nicht reproduziert werden und der Verdrängungswiderstand kann nicht überwun- den werden. Der Narzißmus verhindert bei diesen Patienten den Zugang durch den Therapeuten, wodurch sie durch die Psychoanalyse nicht heilbar sind.(vergl. Freud 2000: 427)

3. Fazit

Die Übertragung ist ein wichtiges Element der Psychoanalyse. Sie ermöglicht dem Therapeuten den Zugang zur Krankheit des Patienten und stellt eine wirksame Antriebskraft dar, beim Kampf gegen die Widerstände. Dennoch führt eine positive Übertragung nicht automatisch zu einer erfolgreichen Therapie. Hier ist es die Aufgabe des Therapeuten die Übertragung zu analysieren und zu Gunsten des Patienten zu nutzen. Jedoch gibt es auch Fälle, wie z.B. die narzißtischen Neuro- sen, bei denen es nicht zu einer Übertragung kommt und die demzufolge auf die- sem Weg nicht heilbar sind.

Es muß zu dieser Arbeit erwähnt werden, daß sich die Darstellung hauptsächlich an die grundlegenden Überlegungen von Sigmund Freud hält. Nachträgliche Revi- sionen oder auch verwandte Aspekte wie z.B. die Gegenübertragung wurden in dieser Arbeit nicht behandelt. Trotzdem sollte es dieser Arbeit gelungen sein, ei- nen allgemeinen Eindruck über die Übertragung als Element der Psychoanalyse zu verschaffen.

Literaturverzeichnis

Freud, Sigmund: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Frankfurt am Main, 10. Aufl., 2000.

Amelang, M., Bartussek, D.: Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsfor- schung, Stuttgart, 4. Aufl., 1997.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Aspekte der Psychoanalyse - Die Übertragung
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
12
Katalognummer
V105513
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aspekte, Psychoanalyse
Arbeit zitieren
André Heimerl (Autor), 2001, Aspekte der Psychoanalyse - Die Übertragung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105513

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