Ethik im Journalismus


Hausarbeit, 2001

15 Seiten, Note: 1,0


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Inhalt

1. Einleitung

2. Ethik im Journalismus
2.1. Definition Ethik
2.2. Aufgaben des Journalismus
2.3. Geschichte der ethischen Debatte

3. Objekte der Diskussion
3.1. Journalisten
3.2. Medienschaffende
3.3. Politik und Justiz

4. Publikumsethik
4.1. Anfänge einer Rezipientenethik
4.2. Die Frage nach der Verantwortung
4.3. Modell der dreistufigen Verantwortung
4.3.1. Staatsbürgerliche Mitverantwortung
4.3.2. Verantwortung für sich selbst und die eigene Freizeit
4.3.3. Verantwortung für Heranwachsende
4.4. Der ideale Nutzer
4.5. Probleme einer Publikumsethik

5. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer Staat. Das Hauptmerkmal einer Demokratie ist die Gewaltenteilung, also die Zuweisung von Legislative, Exe- kutive und Judikative an voneinander unabhängige Staatsorgane. Eine wichtige Rolle in der Demokratie spielen auch die Medien. In erster Linie ha- ben sie die Aufgabe, Kontrolle und Kritik an Staat und Gesellschaft zu üben, so dass der Volksmund die Medien sogar als Vierte Gewalt tituliert. Doch die Arbeit der Medien, genauer gesagt der Journalisten, ist oftmals nicht unumstritten. Von Machtmissbrauch und mangelndem Verantwortungsgefühl ist die Rede, wenn Journalisten Einzelschicksale zu Geld machen und inkauf nehmen, dass mancher Bürger in den Medien bloßgestellt wird.

Immer wieder wird dann der Ruf nach professionellen Standards für Journalisten laut. Qualitätsverlust in den Medien und Wertewandel in der Gesellschaft sind Schlagworte einer Debatte, in der mehr Verantwortung von den Medien gefordert wird. Denn die Grenzziehung zwischen einer Diskussion über Ethik in den Medien und Qualität des Journalismus ist kaum möglich und entfällt oft ganz. Ursächlich für die Gefährdung der journalistischen Ethik verantwortlich gemacht werden dabei die raschen technischen Innovationen, die Globalisierung der Märkte und der zu- nehmende Wettbewerbsdruck.

Aber wem ist der mediale Sittenverfall anzulasten? Medienschaffende scheinen mindestens ebenso gefordert wie die Journalisten. Dabei ist man sich einig, dass das Thema Ethik in einer journalistischen Ausbildung zumindest mehr als bisher eine Rolle spielen muss. Doch letztlich kommt es immer darauf an, sich - individu- ell oder als Berufsgruppe - einer Selbstkontrolle zu unterziehen und Eigenverant- wortung zu entwickeln. Staatliche Regulierung kann diese Verantwortung nicht ersetzen.

Ein großes Maß an Verantwortung liegt allerdings auch in den Händen der Rezi- pienten. Die BRD ist ein Staat der sozialen Marktwirtschaft, d.h. Angebot und Nachfrage bestimmen den Markt. Da auch Journalisten letztlich Anbieter von Dienstleistungen sind, entscheidet das Publikum zumindest durch Konsum oder Nichtkonsum, aber auch durch Resonanz über die Qualität der Ware. Um zu verdeutlichen, dass die Rezipienten durch ihr Verhalten zur Definition einer journalistischen Ethik beitragen, trägt diese Hausarbeit den Schwerpunkt „Publi- kumsethik“.

2. Ethik im Journalismus

Das Wort „Ethik“ ist für Viele ein schwammiger Begriff. Man ist geneigt, ihn mit Moral oder auch Verantwortung gleichzusetzen, doch letztlich hat jeder sein eigenes Verständnis für Ethik.

So subjektiv allein die Definition des Wortes erscheint, so schwierig ist auch die Übertragung des Begriffes auf den Journalismus. Der Beruf des Journalisten ist einer der freiesten und wohl auch der vielfältigsten, die es überhaupt gibt. Infolge überwiegend großer Arbeitsteilung ist es ungemein schwierig, ethische Maßstäbe anzulegen und Verantwortlichkeiten zuzuweisen. So scheint es auf den ersten Blick jedem Journalisten selbst überlassen, einen Weg pflichtgetreuer Aufgabenerfüllung und moralisch verantwortbarer Vorgehensweise zu finden.

2.1. Definition Ethik

„Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“, besagt der „kategorische Imperativ“ von Immanuel Kant (1724-1804). In diesem Prinzip zur moralischen Begründung des Handelns findet der Begriff Ethik einen guten Ansatz einer Definition. Ethik ist Teildisziplin der praktischen Philosophie und untersucht „die Struktur moralisch richtigen Handelns“. (Thomaß :, 1998, 351).

Sie ist die Lehre von den Normen menschlichen Tuns und deren Rechtfertigung. Wer seine Handlungsweisen vor sich selbst und anderen rechtfertigen kann, wes- sen Äußerungen und Vorgehensweisen einer Überprüfung hinsichtlich sittlicher Qualität standhalten, der handelt ethisch richtig. Ethik hinterfragt zwischenmensch- liche Prozesse wie die Kommunikation hinsichtlich moralischer Verantwortung.

2.2. Aufgaben des Journalismus

Das Wort „Medium“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Mitte“. Entsprechend stehen die Medien in jeder Demokratie in der Mitte zwischen Staat und Gesellschaft und haben die wichtige Aufgabe, für viele Fragen eine Öffentlichkeit herzustellen und zu Diskussionen anzuregen.

Zu den wesentlichen Aufgaben der Massenmedien gehören Information und Mitwirkung an der Meinungsbildung des Rezipienten und Kontrolle und Kritik sowohl am Staat als auch an der Gesellschaft.

2.3. Geschichte der ethischen Debatte

In den USA wird bereits seit Ende des Zweiten Weltkrieges über das Thema ‚Ethik im Journalismus’ diskutiert. Der Bericht der 1947 zu diesem Thema einberufenen „Hutchins Commission“ war der Grundstein zur Betonung einer sozialen und mora- lischen Inpflichtnahme des Journalismus. Im Laufe der Jahre weitete sich die De- batte auf das gesamte Mediensystem aus und ist bis heute nicht abgeebbt. In der Bundesrepublik Deutschland hingegen kam dieser Stein erst in den 80er Jahren ins Rollen. Zum einen nahm sich die Publizistik- und Kommunikationswis- senschaft die amerikanische empirische Sozialwissenschaft zum Vorbild, zum an- deren mehrten sich plötzlich auffallende krisenhafte Erscheinungen im Journalis- mus, an denen sich herbe Journalismuskritik und öffentliche Medienschelte ent- zündeten. Bekannt wurden diese Krisen durch so spektakuläre Fälle wie die um- strittene Berichterstattung in der “Barschel-Affäre“, über das Bergwerksunglück von Borken und die Flugschau-Katastrophen von Ramstein und Remscheid. Kriti- siert wurden hier vor allem das erstmals derart praktizierte Ausschlachten von Trauer und Verzweiflung der Angehörigen, so dass der Begriff „Katastrophen- Journalismus“ zum geflügelten Wort wurde. Besonders massive Kritik entfachte sich allerdings an der Berichterstattung zum „Gladbecker Geiseldrama“, „wo Jour- nalisten selbst ins Geschehen eingriffen, die Arbeit der Exekutive behinderten, primär aus der Perspektive der Täter und nicht aus jener der Opfer berichteten sowie Verbrechern eine Plattform boten (um nicht zu sagen: verbrecherischen Ab- sichten Vorschub leisteten).“(Pürer:, 1990, 88).

Fortan entwickelte sich auch unter Wissenschaftlern eine lebendige Debatte über Ethik im Journalismus in Deutschland, in der sich im wesentlichen zwei Konfliktpo- sitionen herausbildeten. Auf der einen Seite verwiesen die Anhänger des Modells der Individualethik (u.a. Hermann Boventer) an die Moralität des Einzelnen. Der Journalist sei zwar in ein großes System eingebunden, in dem ökonomische As- pekte, Hierarchien und juristische Ordnungen eine große Rolle spielen, letztlich sei er aber der Handelnde und habe somit sein Handeln auch zu verantworten.

Auf der anderen Seite betonten die Befürworter des systemstheoretischen Modells (vor allem Manfred Rühl und Ullrich Saxer) gerade diese Einbettung des Einzelnen in ein System organisatorischen Handelns. Sie begriffen „Journalismus als gesell- schaftliches Funktionssystem“(Thomaß :, 1998, 357), in dem persönliche Verant- wortlichkeit zunehmend geschwunden sei. Individuelle Entscheidungen würden angesichts des großen arbeitsteiligen Systems eine immer unbedeutendere Rolle spielen.

Durch eine integrierende Betrachtungsweise sind diese Modelle seit Mitte der 90er Jahre überholt. Es wurde eine Medienethik mehrerer Ebenen entwickelt (M. Loretan), die dem Aspekt der arbeitsteiligen Medienkommunikation Rechnung tragen. „Die (...) Ebenen ergänzen einander, überlappen und durchdringen sich in Teilaspekten, sind gegenseitig aufeinander angewiesen, und ihre Inhalte entwickeln sich in dieser wechselseitigen Abhängigkeit.“(ebd., 358).

Auf der „personalen Ebene“ dieses Modells erhält nun auch das Verhalten des Rezipienten Einzug in die Debatte der Medien- bzw. (umfassender ausgedrückt) Kommunikationsethik.

3. Objekte der Diskussion

Der Bedarf einer Ethik in der Kommunikationswissenschaft wurde nun also festge- stellt. Aber nach wie vor scheiden sich die Geister bei der konkreten Zuordnung von Verantwortlichkeiten im System der Massenmedien. Der Deutsche Presserat hat in seinem Pressekodex „Regeln für einen fairen Journalismus“ formuliert, doch wegen fehlender Sanktionsmöglichkeiten wird er als „zahnloser Tiger“ belächelt. So ergibt sich die Frage, wem überhaupt die Hauptschuld anzulasten ist und wel- che Maßnahmen ergriffen werden können, wenn das journalistische Endprodukt als ethisch nicht vertretbar gilt.

3.1. Journalisten

Rein rechtlich bewegt sich der Journalist zwischen der Pressefreiheit (Art. 5 GG) auf der einen und dem Persönlichkeitsrecht (Art. 1 GG) auf der anderen Seite. Zwecks der Nachrichtenbeschaffung genießt er besondere Rechte wie das Zeug- nisverweigerungsrecht und die Auskunftspflicht der Behörden, die ihm die Erfül- lung der o.g. Aufgaben erleichtern sollen. Doch auch der Journalist darf nicht ge- gen den Schutz der Menschenwürde und die allgemeinen Persönlichkeitsrechte verstoßen. Um zusätzlich gewisse ethische Normen aufzustellen, hat - neben an- deren Selbstkontrollorganen - der Deutsche Presserat den „Pressekodex“ formu- liert. Formulierungen wie „Gründliche und faire Recherche“ oder „Achtung von Pri- vatleben und Intimsphäre“ sollen dafür Sorge tragen, dass Journalisten ethisch vertretbar arbeiten. Es handelt sich allerdings nur um Leitlinien; das heißt, im Falle eines Verstoßes gegen diese Normen können keine Sanktionen erhoben werden, so dass es letztlich jedem selbst überlassen ist, ob er sich nach dem Pressekodex richtet oder nicht.

Es ist unbestritten, dass dem Journalisten eine Schlüsselposition im Kommunikati- onssystem zukommt. Aus einem riesigen Pool von Agenturmeldungen muss er selektieren und eine Verpackung wählen, die der staatsvertraglich vorgesehenen Trennung zwischen Nachricht und Meinung gerecht wird. Seine Funktion wird da- her auch „Schleusenwärter“ genannt. Allein durch die Entscheidung, was er schreibt oder nicht schreibt bzw. sendet oder nicht sendet, trägt er eine Verantwor- tung gegenüber dem Rezipienten. Auch müssen Politiker aller Parteien zu gleichen Anteilen zu Wort kommen, um dem Mediennutzer die Möglichkeit der selbständi- gen Meinungsbildung zu geben.

Vor allem im Unterhaltungsjournalismus ist durch den gestiegenen Wettbewerbs- druck mittlerweile nahezu ein Kampf um Gunst und Aufmerksamkeit des Publi- kums entstanden. Um schneller und spektakulärer als die Konkurrenz zu sein, be- dient man sich da auch schon mal zweifelhafter und unprofessioneller Recher- chemethoden, denn ein Verstoß gegen den Pressekodex zieht ja höchstens ein Bußgeld nach sich.

Moralische Appelle genügen daher nicht. Auf journalistische Selbstverpflichtung müsste insofern mehr wert gelegt werden, als man dem Presserat die Zähne schärft, also empfindliche Strafen wie einen vorübergehenden Entzug der Sendelizenz in Aussicht stellt.

Mit dem Konkurrenzdruck steigen aber auch die fachlichen Anforderungen. Denn „Professionalität im Journalismus heißt zunächst Sachkompetenz, das heißt Sachkenntnisse, die in allen Ressorts gebraucht werden und die Voraussetzung für eine aktive Recherche und verantwortungsbewusste Vermittlung auch komplizierter Themen sind.“(Mast:, 1990, 116).

Daher ist eine gute Ausbildung als besonders wichtig für einen Journalisten einzustufen. Da die Bezeichnung „Journalist“ nicht geschützt ist, kann sich eigentlich jedermann so nennen und als solcher tätig werden. Wer sich aber einer fundierten Ausbildung, in der auch auf ethische Standards Wert gelegt wird, unterzieht, der dürfte im späteren Berufsleben seltener in Versuchung kommen, sich dubioser Recherchemethoden zu bedienen.

3.2. Medienschaffende

„Macht und Einfluss und damit Verantwortung ballen sich bei den Verlegern, Herausgebern und Chefredakteuren, ihre Wahrheit hat im Konfliktfall Vorrang vor der eines Redakteurs.“(Krug:, 1989, 124).

Der Journalist kann und muss natürlich nicht allein entscheiden, denn - sofern er nicht frei tätig ist - er handelt immer auch im Interesse seines Arbeitgebers. Dieser hat noch vielmehr als sein Angestellter Geld, Macht und Prestige im Sinn. Aufla- genzahlen und Einschaltquoten sind für ihn die wichtigste und womöglich einzige Messlatte der Arbeit seines Unternehmens. Denn im Grunde muss er sein Me- dienprodukt zweimal verkaufen: an das Publikum und in den Augen der Werbe- kunden.

Zwischen Journalist und Publikum steht noch immer der Medienmacher, also Chefredakteur, Herausgeber oder Intendant. Somit trägt er die größere Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit als der Angestellte, und es ist seine Pflicht, diesem Angestellten ethische Werte zu vermitteln, die für alle Arbeitnehmer des Medienunternehmens verbindlich gelten.

Dem Medienschaffenden sei also ein gewisses Verantwortungsbewusstsein unterstellt. Entwickelt er dieses nicht, „so wird er zum reinen Strategen, der die Ausweitung seiner Marktmacht, die Beherrschung und Vergrößerung seines Kommunikationsraumes als die erstrangige Zielsetzung im Auge hat.“(Fleck:, 1983, 27f). Dann unterstützt er tatsächlich Methoden wie die des sogenannten Scheckbuchoder Enthüllungsjournalismus.

Denn offenbar können oder wollen gerade die Macher der elektronischen Medien ihrer Verantwortung für die soziale Kommunikation nicht mehr gerecht werden. Hier stellt sich die Frage, wie und durch wen dann noch Abhilfe, Veränderung und eine Wende zum Positiven möglich ist. Die Frage führt zu denjenigen, welche die Regeln für die Arbeit der Massenmedien bestimmen.

3.3. Staat und Justiz

Ein Eingreifen von Politik und Justiz in das System Massenmedien schließt sich eigentlich von selbst aus. Zwar sind in Deutschland viele wichtige Positionen in den Medien von Menschen besetzt, die auch politisch aktiv sind, doch eine politische Machtbündelung wie zum Beispiel in Italien findet dadurch nicht statt. Es ist ja Aufgabe der Medien, Missstände in der Politik aufzudecken und nicht umgekehrt. Zudem kam, wann immer in Deutschland die Politik gestaltend in die Medienwirklichkeit eingriff, nichts Gescheites dabei heraus.

Die Pressefreiheit ist ein sehr wichtiges Merkmal einer Demokratie, denn die Presse „muss stark und unabhängig sein. Wenn sie das ist und der Bürger sich eine eigene Meinung bilden kann, wird sie praktisch vierte Gewalt im Staat.“(Schulte Hillen:, 1994, 27). Und wenn sich die Demokratie dazu entschließt, die Macht der Presse nicht zu kontrollieren, dann deshalb, weil sie die Schäden einer möglichen Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit für größer hält als die Schäden, die durch einen Machtmissbrauch der Presse entstehen können.

Zudem sind auch Politiker fehlbar. „Solange Bundeskanzler in Verdacht stehen, prall gefüllte Geldkuverts für ihre Partei entgegengenommen zu haben (...)“(ebd., 32), solange werden Politiker Schwierigkeiten haben, glaubwürdig einen Mangel an Moral in den Medien festzustellen.

Ohnehin stehen sich Politiker und Journalisten heutzutage lauernd gegenüber. Die Medienvertreter sind stets auf der Suche nach einem schlagzeilenträchtigen Skandal und stoßen auf Politiker, die genau auf journalistische Anmaßungen achten und zu heftigen Reaktionen bereit sind.

Zugute zu halten sind der Politik und dem Bundesverfassungsgericht aber vor al- lem, dass bis heute am dualen System, also an der Beibehaltung des öffentlich- rechtlichen Rundfunks festgehalten wurde. Ansonsten wären der sittliche Verfall und ein erheblicher Qualitätsverlust in den Medien wohl nicht zu verhindern.

4. Publikumsethik

In der allgemeinen Debatte über Ethik im Journalismus spielt das Publikum eine eher untergeordnete Rolle. Dabei liegt es doch eigentlich auf der Hand, dass der Rezipient Verantwortung übernimmt, wenn er ein Medienprodukt konsumiert. Der Journalist bietet seine Ware an, und der Zuschauer, Leser oder Hörer entscheidet, ob er sie haben möchte oder nicht. Zumindest durch Konsum oder Nichtkonsum bewertet er die Arbeit, so dass die Medien sich wieder an der Nachfrage (z.B. Einschaltquoten) orientieren. Es liegt also zum Teil am Publikum selbst, durch aktive Teilnahme am Kommunikationsprozess einen qualitativ angemessenen und e- thisch vertretbaren Journalismus einzufordern. Insofern fragt die Publikumsethik, wie ein verantwortliches Publikum die Medien nutzen soll.

4.1. Anfänge einer Rezipientenethik

So wie die medienethische Debatte im allgemeinen in Deutschland erst relativ spät aufkam, verhielt und verhält es sich auch mit der Ethik des Mediennutzers. Zwar ist der Hinweis auf die Verantwortung des Publikums im Prozess der Mas- senkommunikation nicht neu, doch weit mehr als eben dieser Hinweis kam lange Zeit nicht zustande. „Es war eine jahrzehntelang erfolglos operierende Medienpä- dagogik, die an die Mediennutzer appellierte, sich dem manipulierenden Einfluss der Massenmedien zu entziehen. Vor allem kulturpessimistische Medienerzieher warnten mit erhobenem Zeigefinger vor den Gefahren des Journalismus und der Massenmedien.“(Pürer:, 1991, 100). Sie sahen das Publikum in einer wehr- und hilflosen, also in erster Linie passiven Rolle, aus der es sich zu befreien galt. Ihre Verantwortung lag darin, sich vor den Massenmedien zu bewahren.

Erst später entdeckte die Kommunikationswissenschaft den aktiven Rezipienten, „von dem man weiß, dass er die Massenmedien aus Bedürfnislagen heraus nutzt und sich von ihnen auch Gratifikationen erwartet.“(ebd., 101). So versuchte dann die Kommunikationspädagogik, die Rezipienten dazu zu bringen, sich zu emanzipieren, sie also zu kritischem Mediengebrauch anzuhalten und ihre kommunikative Kompetenz zur Entfaltung zu bringen.

4.2. Die Frage nach der Verantwortung

Wenn man von einer Publikumsethik spricht, stellt sich zunächst die Frage, ob eine undefinierte Größe wie ein Publikum überhaupt als verantwortlich gelten kann. Da- zu schreibt der amerikanische Kommunikationswissenschaftler Clifford Christians: „So wie das menschliche Überleben davon abhängt, dass wir die Natur schützen und bewahren, erfordert eine Ökologie der Kultur (zu der auch die Massenmedien gehören; Anm. d. Verf.) entsprechendes Verhalten im kulturellen Bereich.“(Chris- tians:, 1989, 255).

Christians legte einen Ansatz zur Frage der kollektiven Verantwortung des Publikums vor. Unter „kollektiver Verantwortung“ versteht er „eine umfassende moralische Pflicht der Öffentlichkeit, soziale Prozesse wie die gesellschaftliche Kommunikation zu überwachen.“(ebd., 258).

Denn obwohl Mediennutzung meist im privaten Rahmen geschieht, ist sie durch qualitative Studien auch öffentlich relevant. Daran lässt sich eine multidimensionale Verantwortung des Publikums verdeutlichen.

4.3. Modell der dreistufigen Verantwortung

Geht man nun also davon aus, dass das Publikum Verantwortung trägt, so gilt es dann zu klären, wem gegenüber sich diese äußert. Das folgende Modell veran- schaulicht, dass der Rezipient seinen Medienkonsum auf dreierlei Weise hinterfra- gen sollte. Sein Nutzungsverhalten birgt nicht nur Verantwortung in bezug auf zu- künftige journalistische Waren, sondern auch gegenüber sich selbst und gegen- über nachfolgenden Generationen in sich. Denn „wir als Publikum unterliegen dem kategorischen Imperativ, unser Schicksal als Medienrezipienten selbst in die Hand zu nehmen und für eine künftige Journalismuskultur Sorge zu tragen.“(Christians:, 1988, 260).

4.3.1. Staatsbürgerliche Mitverantwortung

Stellvertretend für die Bürger kontrollieren Rundfunk- und Medienräte die Arbeit der Fernsehanstalten hinsichtlich der Erfüllung des öffentlichen Programmauftrags. Doch diese Arbeit sollte man nicht allein den Repräsentanten überlassen, sondern Mitverantwortung für eine kritische Programmbeobachtung tragen. Das im Privaten stattfindende Nutzungsverhalten wird mittels der Einschaltquoten oder auch quali- tativer Studien erforscht und veröffentlicht. Werden die Programmverantwortlichen auf eine mangelnde Qualität ihres Produkts angesprochen, so berufen sie sich auf den Geschmack des Publikums: Man sehe ja schließlich an den Einschaltquoten, was die Leute sehen wollten.

Insofern sollte der Rezipient bewusst auswählen und die Entscheidung seiner Me- diennutzung dahingehend verantworten können, dass sie dazu beiträgt, auch zu- künftige Programminhalte zu beeinflussen. „Aus den Medienangeboten mit einer bewussten Prüfung auszuwählen, wird angesichts einer zunehmenden Medien-, Informations- und Erlebnisgesellschaft immer wichtiger.“(Funiok:, 1996, 109). Des weiteren sollte man wenigstens für die wichtigsten medienpolitischen Ent- scheidungen Aufmerksamkeit entwickeln. Auch Eklats oder preiswürdige Leistun- gen sollten wahrgenommen, mitgetragen oder abgelehnt werden. „Das Ethos von aktiven Staatsbürgerinnen und -bürgern erfordert dies; aktiv sind wir durch be- wusstes Suchen nach relevanten Informationen und durch die Bildung einer eigen- ständigen Meinung, gelegentlich auch durch äußeres Handeln, das gelegentliche Schreiben von Leserbriefen.“(ebd., 113).

Denn im Idealfall nutzt der aktive Rezipient die offenen Wege zur Einflussnahme. Sie beginnt schon beim Gespräch mit anderen, die man über Medienerlebnisse und -interpretationen führt. Denn die gedankliche Verarbeitung findet im sozialen Kontext statt.

Das Schreiben von Leserbriefen oder Kommentaren ist eine weitere Möglichkeit; noch sinnvoller ist natürlich eine Teilnahme an den von den Medien freiwillig eingerichteten Institutionen. Offene Kanäle bieten auf lokaler Ebene gute Voraussetzungen einer aktiven Teilnahme am Kommunikationsprozess.

Zudem ist es durchaus möglich, Korrekturen zu verlangen. Das Einfordern von Gegendarstellungen oder anderen Berichtigungen macht das jeweilige Medium nachdrücklich darauf aufmerksam, dass seine Arbeit dem kritischen Auge der Öffentlichkeit unterzogen wird.

Staatsbürgerliche Mitverantwortung für die Medien kann allerdings nur übernehmen, wer sich laufend über die Veränderungen der Medienlandschaft informiert und das Programmangebot in ausreichendem Maße kennt. Wer dann auch noch die in der Demokratie offenen Wege zur medienpolitischen Einflussnahme nutzt, darf sich zurecht einen aktiven Rezipienten nennen.

4.3.2. Verantwortung für sich selbst und die eigene Freizeit

Mediennutzung bedeutet in der Regel, unter zahlreichen Alternativen auszuwählen. In Anbetracht der stetig wachsenden Programmvielfalt kommt der Eigenverantwortlichkeit des Rezipienten immer größere Bedeutung zu. Meist ist eine Programmauswahl von der augenblicklichen subjektiven Stimmung abhängig. Man entscheidet sich für das, was einem im Moment gerade gut tut. Empirische Studien (aus dem Jahre 1994) besagen, dass der Zuschauer durchschnittlich drei Stunden täglich vor dem Fernseher sitzt; das sind jährlich 1100 Stunden oder 46 Tage à 24 Stunden oder anderthalb Monate. In einem 70-jährigen Leben addiert sich diese Zeit auf insgesamt neun Jahre, doch entscheidend ist natürlich, was der Nutzer aus dem Angebot macht.

„Er schaltet alle 13 Minuten um. Wenn er also drei Stunden sitzt und alle 13 Minu- ten umschaltet, so wechselt er an seinem Fernsehabend mehr als ein dutzendmal das Programm; d.h. er hat alles gesehen, aber nichts mitbekommen. Er geht ganz offensichtlich unverantwortlich mit dem Medium um.“(Buchwald:, 1994, 49). Neben der Vielzahl der Kanäle ist sicherlich auch die schlichte Erfindung der Fern- bedienung für dieses Verhalten verantwortlich; sie erspart es dem Nutzer, seinen Sessel zu verlassen.

Allerdings darf man dem Rezipienten das Bedürfnis nach emotionalem Erleben und Entspannung nicht absprechen. Wenn er von einem langen Arbeitstag nach Hause kommt, verfällt er eher der unterhaltenden und anspruchlosen Verführung, als sich mit komplizierten Themen auseinander zusetzen. So verbraucht er etwa 80 Prozent seiner Sendezeit für Unterhaltung. „Nicht gern hat er Leute, die ihm Schriftdeutsch und Schwerverständliches vorsetzen: wie z.B. Politiker, Wissen- schaftler, Künstler, Funktionäre gesellschaftlicher Gruppen und Journalisten. Sie alle erträgt er allenfalls für wenige Minuten in der Tagesschau und dort auch nur deshalb, weil sie dort ebenso schnell wieder abtreten wie sie aufgetreten sind.“

(ebd., 49).

Daraus lässt sich schnell eine Verdrossenheit vor allem auf politischer Ebene des Mediennutzers schließen. Das wäre zu pauschal, doch zumindest lässt sich nicht von der Hand weisen, dass es der heutige Konsument schwerer hat, sich der Verführung des bloßen Konsums von Unterhaltung zu erwehren als es der Nutzer etwa noch vor 20 Jahren hatte.

Die Medien sind mittlerweile ein bevorzugtes Mittel, die Freizeit zu gestalten. Andersherum betrachtet findet die Mediennutzung überwiegend eben dann statt, so dass angesichts der begrenzten Freizeit eine Konkurrenz zu anderen Aktivitäten wie dem Pflegen sozialer Kontakte entsteht.

So sollte die Nutzung der Medien also im Rahmen einer überlegten und selbstbestimmten Freizeitgestaltung stattfinden.

Entsprechend gilt es, kritikloses Konsumieren von unterhaltenden oder politisch manipulierenden Medienangeboten zu vermeiden. „Aufgrund der jedem Menschen zuzuschreibenden Freiheit sind wir kompetent, selbst zu entscheiden, welche Medien und Inhalte wir nutzen. Diese Mediennutzungskompetenz besteht im bewussten Auswählen von Programmalternativen mit je unterschiedlichem emotionalem und lebenspraktischem Gewinn.“(Funiok:, 1996, 116).

Das Erlangen dieser Medienkompetenz ist sicherlich von soziologischen Faktoren wie dem Elternhaus und dem sozialen Umfeld abhängig. Als Heranwachsender benötigt der Rezipient daher erzieherische Hilfen, bevor er dann später durch Selbstdisziplin und Selbstbildung an der Erhaltung der Medienkompetenz arbeitet. Denn „wir bleiben nur durch Arbeit an uns selbst medienkompetent.“(ebd., 117).

4.3.3. Verantwortung für Heranwachsende

Es ist unbestritten, dass Eltern und Erzieher eine enorm große Verantwortung für das Mediennutzungsverhalten ihrer Kinder tragen. Natürlich kann man nicht alles kontrollieren, was Kinder und Jugendliche konsumieren, doch man darf auch nicht die Augen davor verschließen, dass die Identitätsbildung der Heranwachsenden stark von der Medienwelt geprägt wird.

Da nicht alle Angebote der Medien für Minderjährige geeignet sind, obliegt es den Erziehungsberechtigten, den Konsum der Anvertrauten so weit es geht zu steuern. „Im Einzelfall mag es sinnvoll sein, die Heranwachsenden von problematischen Medienangeboten fernzuhalten - weniger durch direkte Fernsehverbote als durch zeitliche und familiäre Arrangements. Doch in der Hauptsache, sollten wir die kind- liche Medienkompetenz fördern, d.h. mit ihnen das Gespräch über mögliche Beur- teilungskriterien suchen und auf ihre Anwendung Wert legen.“(ebd., 118).

Zu Hilfe kommen den Eltern dabei die Jugendschutzgesetze, indem problemati- sche Inhalte wie Gewalt oder Sexualität den Kindern schwerer erreichbar gemacht werden. In Deutschland sind diese Regelungen relativ streng, doch im Zuge der Globalisierung und Technisierung entstehen in diesem Bereich Probleme. Die Grenzziehungen werden sich in der internationalen Fernsehlandschaft mit unter- schiedlichen Zeitzonen nicht mehr so gut kontrollieren lassen. Außerdem bietet insbesondere das Internet auch Minderjährigen die Möglichkeit, die Jugendschutz- gesetze zu umgehen.

Des weiteren ist Verantwortung des erwachsenen Mediennutzers gefragt, wenn er in Anwesenheit Heranwachsender selbst konsumiert. Nicht nur die Art, sondern auch den Umfang des Medienkonsums gilt es derart zu steuern, dass man der Vorbildfunktion gerecht wird. Denn Kinder neigen zur Nachahmung. Es ist also entscheidend, dem Kind ein entsprechendes Bewusstsein für verant- wortlichen Umgang mit den Medien zu verschaffen. Denn wenn ein Kind oder Ju- gendlicher den Willen hat, an verbotenes Material heranzukommen, dann schafft er es in der Regel auch.

4.4. Der ideale Nutzer

Aus diesem Modell ergibt sich nun das Bild des Idealen Nutzers. Wenn man vom „normalen“ Rezipienten ausgeht, darf man ihm aber das Bedürfnis nach Unterhaltung nicht absprechen.

Verantwortlich geht derjenige mit den Medien um, der aktiv sucht und bewusst auswählt. Er ist weit entfernt von einer bloßen Konsumentenhaltung, da er das Gesehene, Gehörte oder Gelesene kritisch beurteilt und hinterfragt. Entdeckt er Mängel, so wendet er sich im Idealfall etwa in Form eines Leserbriefes oder Kommentars an das jeweilige Medium, zumindest aber stellt er die Kritik zur Diskussion und sucht nach Gleichgesinnten.

Er nimmt die von den Medien selbst gebotenen Chancen der Mitgestaltung wahr, indem er sich z.B. in einem Leser- oder Hörerclub engagiert oder sogar in einem Offenen Fernsehkanal mitarbeitet.

Des weiteren gestaltet der ideale Nutzer seinen Medienkonsum insofern ausgewo- gen, als er sich für die Unterhaltung zeitliche Ober- und für wirtschaftliche und (medien-)politische, also bildende Inhalte Mindestgrenzen setzt. Er hält sich soweit auf dem laufenden, dass er notfalls auch politisch aktiv werden kann. Schließlich verhält sich der Musterrezipient verantwortungsvoll gegenüber Schutz- befohlenen. Mit Kindern und Jugendlichen sucht er das Gespräch über Normen, die ihnen bei der Orientierung in der Medienwelt helfen. Als Erziehungsberechtig- ter ist er dafür verantwortlich, die kindliche Medienkompetenz zu fördern. „Eltern müssen - gegen die medialen Paradiesversprechungen - ihren Kindern klar ma- chen, dass man nicht alles haben kann (auch an Informationstechnik nicht), dass Zufrieden- und Mit-Sich-Identisch-Sein nicht an diesem oder jenem Spielzeug, Ge- nussmittel, an dieser oder jener Reise liegt, der realen wie der virtuellen nicht.“(ebd., 119).

4.5. Probleme einer Publikumsethik

Wenn man die Verantwortung des Rezipienten unter die Lupe nimmt, besteht schnell die Gefahr des Moralisierens. Man darf nicht päpstlicher erscheinen als der Papst, denn wohl kaum jemand kann von sich behaupten, dem skizzierten Leitbild des idealen Nutzers exakt zu entsprechen. Insbesondere die Ebene der Verantwortung gegenüber Heranwachsenden fällt in den Bereich Pädagogik. Aufgrund familiärer Verhältnisse und sozialer Umfelder ist es ungemein schwierig, allgemeingültige Maßstäbe und Richtlinien aufzustellen.

So stößt eine Rezipientenethik gewiss auch an der Heterogenität des Publikums an ihre Grenzen. Der Umgang des Einzelnen mit den Medien fußt größtenteils in seinem sozialen Umfeld, und ist das Kind einmal in den Brunnen gefallen, so ist es nahezu unmöglich, Gewohnheiten zu ändern, wenn nicht gleich das ganze Umfeld „reingewaschen“ wird. Es ist also ungemein schwierig, die in der Gesellschaft bestehende Meinungsvielfalt zu erfassen.

Zudem gehen publikumsethische Ansätze meist von einem durchweg guten und konstanten Bildungsniveau aus, das natürlich nicht gegeben ist. Eine Gesellschaft besteht aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten, von denen einige gegenüber einer Qualitätsverbesserung in den Medien anderen Problemlösungen sicherlich Priorität einräumen würden.

Des weiteren scheitert eine Ethik der Rezipienten an mangelnder Organisationsfä- higkeit. Dem Publikum fehlt eindeutig eine Plattform, um sich zu organisieren, Mei- nungen zu bündeln und glaubwürdige Kritik zu äußern, sich also öffentlich zu Wort zu melden. Eine Art „Gewerkschaft des Publikums“ wäre ein guter Ansatz, diesen Mangel zu beheben. Denn der Einzelne bedarf bei seinem Umgang mit den Mas- senmedien der Sicherung in einer Gemeinschaft, deren Zugehörigkeit eine gewis- se Sicherheit vermittelt. Meinungen werden vorgefiltert und gebündelt.

„Wer nicht zum bloßen Konsumenten entarten, sondern aktiver Partner der Medien sein will, muss für gewöhnlich in solchen Gruppen geborgen sein und sich der von ihnen bereitgestellten Orientierungen bedienen.“(Auer:, 1980, 51). In erster Linie aber fehlt dem Mediennutzer das Bewusstsein für die Verantwortung. Er sieht die Medien quasi als gottgegeben und sich selbst weder imstande noch befugt, aktiv etwas an der Qualität zu ändern.

Da sich der Journalismus kaum selbst öffentlich in Frage stellen wird, ergibt sich also die Frage, wer den Rezipienten auf seine Verantwortung nachdrücklich aufmerksam machen soll.

Denkbar ist immerhin, dass sich das Publikum nach und nach selbst emanzipiert. Hand in Hand mit denjenigen Journalisten, die aufgrund des immer größer wer- denden Konkurrenzdrucks auf der Strecke geblieben sind, werden sie mehr Quali- tät in den Medien einfordern, zumal die weiter steigende Anzahl der Fernsehsen- der und Publikationen zu immer weniger Ethikbewusstsein seitens des Journalis- mus führen dürfte.

Die denkbare Entwicklung sieht also so aus, dass in den Medien die Hemmschwelle, moralische Grenzen zu übertreten weiter sinken wird. Aufgrund der sich verstärkenden Debatte über Ethik im Journalismus wird irgendwann auch die Publikumsethik mehr Beachtung erfahren und als zur Lösung beitragender Ansatz ernst genommen und akzeptiert werden.

5. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Die Frage der Verantwortung im Journalismus umfasst ein weites Feld. Zweifellos sind die Hauptakteure in dieser Debatte die Journalisten selbst. Sie liefern die Ar- beit ab, die dann auf das Publikum losgelassen wird; und sie sind die ersten, auf die man sich beruft, wenn man ein journalistisches Produkt als ethisch nicht ver- tretbar einstuft.

Doch an verbindlichen Normen mangelt es. Der Deutsche Presserat hat zwar den Pressekodex formuliert, Verstöße werden jedoch höchstens mit Bußgeldern ge- ahndet. Einerseits sollte es dem Presserat also möglich sein, schmerzhafte Sank- tionen wie den Entzug einer Sendelizenz zu erheben, andererseits wird vor allem auf eine journalistische Selbstverpflichtung Wert gelegt. Der Journalist muss sich seiner Verantwortung bewusst sein und entsprechend moralisch vertretbar han- deln.

Dem Aspekt sinkender moralischer Hemmschwellen infolge steigenden Konkurrenzdrucks entgegenzuwirken, liegt besonders bei den Medienschaffenden. Wer in seinem Unternehmen eine zwischenmenschliche Basis vermittelt, die es nahezu ausschließen lässt, dass einzelne Angestellte sich dubioser Recherchemethoden bedienen, und wer im Falle des Verstoßes interne Strafen erhebt, der repräsentiert eine seriöse und glaubwürdige Firma.

Die Rolle derjenigen Medienschaffenden und Journalisten, die sich bewusst auf Arbeit minderer Qualität, also den „Boulevardjournalismus“ spezialisiert haben, fällt natürlich besonders ins Gewicht.

Und gerade an dieser Stelle ist das Publikum gefordert, seinen Anteil an der Me- dienethik zu leisten. Schließlich ist die verfassungsrechtlich garantierte Medienfrei- heit eine dem Publikum dienende Freiheit und keine schrankenlose Kapitalfreiheit. Dieses Verständnis kann man weder Medienmachern und Journalisten noch der Politik allein abverlangen. Es muss daher immer wieder vom Publikum eingefordert werden - möglichst nicht nur dann, wenn der Journalismus Fehlleistungen er- bringt.

Wer schweigt, duldet; also ist die Minderheit derer, die sich ihrer Verantwortung als Rezipienten bewusst ist, gefordert, demonstrativ auf Missstände in den Medien hinzuweisen. Denn trotz der steigenden Anzahl der Fernsehkanäle und der Publizistischen Einheiten ist der qualitative Journalismus nicht vom Markt verschwunden. Man muss nur gezielt danach suchen.

Der Hauptgrund für das bisherige Scheitern einer Publikumsethik ist das fehlende Bewusstsein der Rezipienten. Sollte die o.g. Prognose einer Emanzipation des Publikums nicht eintreten, könnte an dieser Stelle auch die Politik helfend eingreifen. Das Einführen eines Schulfaches wie „Medienlehre“ wäre auf lange Sicht schon insofern sinnvoll, als die Medien die Berufsbilder zukünftiger Generationen noch deutlich mehr prägen werden als es ohnehin schon der Fall ist.

Zudem ist eine Grenze zwischen Medienethik und Medienpädagogik nur schwer zu ziehen, so dass kompetente Lehrkräfte zusammen mit den Eltern besser als bisher für eine ausreichende Medienkompetenz der Heranwachsenden Sorge tra- gen könnten.

Denn diese Kompetenz ist die Basis für ein sich herausbildendes Bewusstsein der eigenen medialen Verantwortung. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Rezipient nicht nur eine Konsumentenrolle, sondern eine kommunikative Funktion im System der Massenmedien übernehmen muss.

Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass der Mensch nicht immer verantwortlich sein will. Er sucht gezielt nach Räumen, wo er vom bewussten Handeln und Stellungnahmen entlastet ist. Die „totale Verantwortung“ kann man somit keinem Rezipienten abverlangen, doch es liegt an ihm, zumindest den Druck in Richtung höherer Qualität des Journalismus zu erhöhen.

So ist Medienethik letztlich zwar nur eine Teilverantwortung, aber als solche sicherlich nicht abschiebbar. Denn so wie den Medien die Aufgabe zukommt, Kontrolle und Kritik am Staat zu üben, obliegt es der Gesellschaft, die Arbeit der Medien kritisch zu beurteilen.

Literaturverzeichnis

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Buchwald, Manfred (1994): „ Die drei Ebenen der Verantwortung am Medienmarkt “ , In: Hamm, S. 48-59

Christians, Clifford, G. (1988): „ Gibt es eine Verantwortung des Publikums? “ , In: Wunden, S. 255 - 266

Fleck, Florian Hans (1983): “ Die Berufsethik des Presseverlegers in einer demo kratischen Gesellschaft “ , In: Maier, S.17 - 41

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Schulte-Hillen, Gerd (1994): „ Zur Verantwortung der Medienmacher “ , In: Hamm, S.25-33

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Thomaß , Barbara (1998): „ Von Aristoteles zu Habermaß“ , In: Löffelholz, S.351 - 362

Wilke, Jürgen (1996): „ Ethik der Massenmedien “

Wunden, Wolfgang (1989): „ Medien zwischen Markt und Moral “

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Ethik im Journalismus
Hochschule
Hochschule Bremen
Veranstaltung
Medientheorie II
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V105651
ISBN (Buch)
9783640112357
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das Oberthema hieß "Ethik im Journalismus", ich habe mich auf Publikumsethik spezialisiert.
Schlagworte
Ethik, Journalismus, Medientheorie
Arbeit zitieren
Maik Großmann (Autor), 2001, Ethik im Journalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105651

Kommentare

  • Gast am 1.9.2005

    Korrektur.

    kurze Anmerkung zu einer Kleinigkeit: im Text heißt es "Flugschau-Katastrophen von.....und Remscheid...".
    Das Flugzeugunglück in Remscheid war keine Folge eine Flugschau sondern ein "normaler" Flugzeugabsturz einer vorbeifliegenden Maschine.

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