Der Partisanenkrieg um die Heeresgruppe Mitte


Ausarbeitung, 2003
9 Seiten

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Gliederung:

1. Einleitung - Ursprung und Ideologie der Partisanenbewegung in der Sowjetunion

2. Der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion und die in Folge erscheinenden „Partisanenverbände“
2.1. Angriffe von „Partisanenverbänden“ im Bereich der Heeresgruppe Mitte und die deutschen Gegenmaßnahmen zw. 1941 und 1942
2.2. Die Ergebnisse der deutschen Vorgehensweise

3. Die Folgen der Partisanenaktivitäten für die Wirtschaft im Bereich der Heeresgruppe Mitte

4. Die Reorganisation der Partisanenbewegung und ihre vollständige Einbindung in die Rote Armee

5. Die Vernichtung der Heeresgruppe Mitte unter maßgeblicher Mitwirkung der Partisanenverbände

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung - Ursprung und Ideologie der Partisanenbewegung in der Sowjetunion

Ein wichtiger Faktor in der deutsch- sowjetischen Auseinandersetzung war der im Hinterland des deutschen Heeres entstandene und nach und nach große Dimensionen annehmende Partisanenkrieg. Dem bewaffneten Kampf halbmilitärisch organisierter Zivilpersonen in den von den Deutschen besetzten Gebieten ist in der Sowjetunion eine große Anzahl von Publikationen gewidmet worden, die alle das eine gemeinsam haben, dass sie diese Form des aktiven Widerstandes als Ausdruck der „tiefen Liebe der Sowjetmenschen zu ihrer sozialistischen Heimat“, „zur Kommunistischen Partei, zur unsterblichen Sache Lenins“ gewertet wissen wollen.1

Bei der Darstellung des Partisanenkrieges auf dem Osteuropäischen Kriegsschauplatz hat man davon auszugehen, dass die Teilnahme der Bevölkerung am Kampf gegen ausländische Invasoren in der russischen Geschichte vielfache Vorbilder hat. Vom Standpunkt marxistischer Militärhistoriker war es geradezu eine Selbstverständlichkeit, dass nationale Unabhängigkeits- und Befreiungskriege nicht nur eine Sache der Armeen untereinander, sondern eine Sache des ganzen Volkes zu sein hätte. So entwarf schon Friedrich Engels in seinen Schriften das Bild eines totalen Krieges, „der keinen Unterschied mehr kennt zwischen Front und Hinterland, zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten und in dem ...alle Mittel recht und die wirksamsten die besten sind“2. Der alle Lebensbereiche umfassende totale Aufstands- und Bürgerkrieg war in dieser Sicht auch die natürlichste Form des Kampfes der werktätigen Massen gegen ihre kapitalistischen Ausbeuter, und erst recht galt dies für eine Auseinandersetzung, in der sich „der erste sozialistische Staat der Welt“, die Sowjetunion, gegen ihre innen- und aussenpolitischen Feinde zu behaupten hatte. Nachdem die Partei der Bolschewiki durch Revolution und Bürgerkrieg zur Herrschaft gelangt war hatten Lenin und Trotzki ihr Augenmerk darauf gerichtet, die Rote Armee und die Partisanen unter der strengen Kontrolle der Partei zu einem einheitlichen, wenn auch getrennt operierenden Machtmittel in den Händen der Arbeiter- und Bauernregierung zu machen. Ungeachtet positiver Erfahrungen und der beschriebenen Grundüberzeugung, dass auch in einem Krieg der Zukunft nicht nur die Rote Armee, sondern das ganze Volk kämpfen werde und bereits im Frieden hierauf vorbereitet werden müsse, verlor der Partisanenkrieg in der Folgezeit immer mehr an Bedeutung. Um die Mitte der 30er Jahre hörten alle Vorbereitungen für den Fall eines Partisanenkrieges endgültig auf. Die zu diesem Zweck angehäuften Vorräte an Waffen, Munition, technischem Gerät, Lebensmitteln und sonstigem Zubehör wurden aufgelöst.3 Der Grund hierfür lag einmal in dem dieser Kriegsführung innewohnenden Geist der Ungebundenheit, den schon Lenin als destruktiv bekämpft hatte und den Joseph Stalin mit allen Mitteln zu unterdrücken suchte, vor allem durch die Hinrichtung der Partisanenführer während der „Grossen Säuberungsaktionen“ von 1937. Zum anderen aber war es die ganz auf den Offensivgedanken zugeschnittene sowjetische Militärdoktrin, nach der im Fall eines Krieges, dieser sofort auf das Territorium des Gegners zu verlagern sei, hierbei gab es keinen Raum für die Vorstellung, dass es feindlichen Armeen gelingen könnte in das Gebiet der UdSSR vorzudringen.4

Als dieser Fall dennoch eintrat und deutsche Truppen seit dem 22.06.1941 in die Sowjetunion einmarschierten und rasch an Boden gewannen, versuchte die sowjetische Führung das Versäumte nachzuholen.

2. Der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion und die in Folge erscheinenden „Partisanenverbände“

In einer vom Rat der Volkskommissare und dem Zentralkomitee der VKP am 29.Juni 1941 erlassenen Direktive wurden die Partei- und Sowjetorgane der frontnahen Bereiche in allgemeiner Form aufgefordert, alle Kräfte der sowjetischen Bevölkerung zum Kampf gegen die Deutschen zu mobilisieren und einen allumfassenden Volkskrieg im Hinterland des Feindes zu organisieren.

Einen entsprechenden Aufruf an die Völker der Sowjetunion richtete auch Joseph Stalin in seiner Rundfunkrede vom 3. Juli 1941. Am 18. Juli 1941 faßte das Zentralkomitee der Partei einen besonderen Beschluss „über die Organisierung des Kampfes im Hinterland der deutschen Truppen“. Auf der Grundlage dieser parteiamtlichen Verlautbarungen gaben die Zentralkomitees der Partei in den Unionsrepubliken und die nachgeordneten Parteiinstanzen der Gebiets- und Rayonkomitees jetzt eine Fülle von Einzelanweisungen heraus, die versuchten den örtlichen Gegebenheiten Rechnung zu tragen.1

Ein Blick auf die „ersten“ Partisanen dient nicht gerade der Erhärtung der These von einem durchorganisierten und geplanten Partisanenkrieg. Zunächst ist es im nachhinein schwer nachprüfbar, wieviele der von den deutschen Dienststellen als Partisanen bezeichneten nicht tatsächlich reguläre Soldaten waren, die nur unzureichend, etwa durch eine Armbinde als solche gekennzeichnet waren. Besonders im Vorfeld von Leningrad und Moskau wurden auf diese Weise Arbeitermilizen und Komsomolzenverbände aufgestellt und in die Rote Armee integriert um die Zeit bis zum Eintreffen der Reserven zu überbrücken.2

Die größte Gruppe von Partisanen im rückwärtigen Raum waren versprengte Rotarmisten und geflohene oder vorzeitig entlassene Kriegsgefangene. Der schnelle deutsche Vormarsch und die Taktik der Kesselschlachten auf der einen Seite, fehlende Kräfte, um die Schlachtfelder zu räumen und die Gefangenen zu bewachen auf der anderen Seite, hatten dazu geführt, dass diese Gruppe in die Hunderttausende ging und unfreiwillig zur Basis der späteren (1942/43) Partisanenbewegung wurde.3

Eine weitere Gruppe der ersten Partisanen waren die sogenannten Zerstörungsbataillone. Ihre Aufgabe bestand darin, wichtige industrielle Einrichtungen zu schützen und im Bedarfsfall vor dem anrückenden Feind zu sprengen.

Doch stellten diese Gruppierungen zu Beginn der Operation Barbarossa keine ernste Bedrohung dar, dies lag zum einen an der mangelnden Ausrüstung und Motivation der aufgestellten Gruppen und zum anderen am schnellen vordringen der Deutschen Truppen.

2.1 Angriffe von „Partisanenverbänden“ im Bereich der Heeresgruppe Mitte und die deutschen Gegenmaßnahmen zw. 1941 und 1942

Erst ab Dezember 1941, nachdem der Angriff auf die Hauptstadt zum Stillstand kam, und die deutsche Front notgedrungen mit Truppen aus den rückwärtigen Gebieten verstärkt wurde, kam es im Zusammenhang mit den ersten russischen Gegenangriffen zu offensivem Vorgehen einiger Partisanenverbände, bzw. abgeschnittene Verbände der Roten Armee und Milizen, die für Partisanenverbände gehalten wurden. Die zeitweise Eroberung der Stadt Tula (s.Moskau) und einiger Ortschaften in der Nähe von Brjansk (L. Kiev - Moskau) stellten den Auftakt für weitere Aktivitäten der Partisanen und ihre Unterstützungstruppen dar.

Von direkten „Partisanenabwehrkämpfen“ sprachen die Deutschen spätestens, als sich am 15.01.1942 im Rücken der 4. Armee, Teile der Roten Arme zusammen mit unterstützenden Luftlandetruppen und Partisanen, unter der Führung von Generalmajor Belov zu einer beträchtlichen Armee vereint hatten und Dorogobuz (n.Smolensk) in einem Monat nehmen konnten. Das nächste Ziel dieser Armee war die Stadt El´jna (sö. Smolensk), die von den deutschen mit starken Verlusten gehalten werden konnte. Der Chef des Generalstabs des Heeres - Generaloberst Franz Halder charakterisierte diese Kämpfe wie folgt: „ ...Die sich durch diese Kämpfe hinter der Front ergebenden Bilder sind grotesk und zeigen, dass dieser Krieg zu entarten beginnt in eine Prügelei, die sich von allen bisherigen Formen des Krieges loslöst... “ 1.

Nachdem weitere kleinere Angriffe der Partisanen auf die deutschen Fronttruppen gescheitert waren, starteten die Deutschen am 23.05.1942 das Unternehmen „HANNOVER“ das bisher größte „Säuberungsunternehmen“. Diese „Operation“ stellte den aus deutscher Sicht grössten Erfolg bei der Bekämpfung der Partisanen dar, da sich in diesem Frontabschnitt keine neuen Partisanenverbände mehr bildeten. Auch im Abschnitt der Heeresgruppe Nord war es Verbänden bestehend aus „Partisanen“ und Luftlandetruppen gelungen den Flugplatz und grosse Teile der Stadt Cholm (s. Nowgorod) zu nehmen und mehrere Wochen bis zum Juni 1942 zu halten. Von strategischem Gewicht waren diese ersten Erfolge der Partisanenverbände (bzw. der „Restverbände“ der Roten Armee) eher weniger, doch hatten sie Auswirkungen auf die Moral der Deutschen Truppe und hinterließen Eindruck bei der deutschen Führung. Dr. Joseph Goebbels schreibt hierzu in sein Tagebuch:

„ ...Ein SD-Bericht orientiert michüber die Lage im besetzen Rußland. Sie ist doch prekärer, als man allgemein annimmt. Die Partisanengefahr erhöht sich von Woche zu Woche. Die Partisanen beherrschen ganze Gebiete im besetzen Russland undüben dort Terror aus... “ 2

Anfangs versuchten deutsche Einheiten die Partisanenverbände (bzw. die Verbände der Roten Armee) zu verfolgen um ihre Stützpunkte auszumachen und mit Hilfe der Luftwaffe zu bekämpfen, doch aufgrund der Entwicklung an den Fronten, mussten diese Operationen bald eingestellt werden. Die Deutschen sahen oft nur die Möglichkeit besetzte Gebiete „abzusperren“ und für nachfolgende Verbände zu kennzeichnen.

2.2. Die Ergebnisse der deutschen Vorgehensweise

Von Juli bis September 1941 wurden monatlich rund 8000 angebliche Partisanen im rückwärtigen Gebiet der Heeresgruppe Mitte ermordet bzw. im Kampf getötet1. Vermutlich handelte es sich in diesem Zeitraum ausschließlich um versprengte Truppen der Roten Armee. Das würde bedeuten, gefangengenommene gegnerische Soldaten wurden zum Teil umstandslos erschossen. Daraus ergibt sich im besagten Gebiet bis einschließlich September 1941 eine Zahl von 24668, hauptsächlich nach den Kampfhandlungen ermordeten Rotarmisten und ein verschwindend kleinen Teil von Partisanen.2

Einheiten von SS und Polizei töteten dagegen bis Herbst 1941 im Gegensatz zur Hauptstreitmacht Mitte wenige angebliche Partisanen. Die Gesamtzahl der Ermordeten belief sich auf 3749, davon 817 Juden3.

Die Verfolgung von „Ortsfremden“ und „Wanderern“, also Flüchtlingen begann bereits im Juli 1941. Sie, oder ein Teil von ihnen galten als Unsicherheitsfaktor für die Deutschen Truppen. Schenkendorffs Anordnungen waren eindeutig: „ ...es erfolgt rücksichtsloses Vorgehen ... Wanderer grundsätzlich festnehmen oder beseitigen... “

Was die Behandlung aufgegriffener sowjetischer Soldaten angeht, so hatte v. Schenckendorff den Ortskommandanten von August 1941 an die Entscheidung überlassen: „ ... ob der Zugeführte als Freischärler zu erschiessen oder als Kriegsgefangener dem nächsten Dulag zuzuführen ist ... “ 4

3. Die Folgen für die Wirtschaft im besetzten Gebiet - im Bereich Heeresgruppe Mitte

Die Präsens der Partisanen hatte zunehmend auch Auswirkungen auf die Wirtschaft der besetzten Gebiete - zuerst zeigten sich diese im natürlichen Operationsgebiet der Partisanen - dem Wald. Bis August 1941 konnten noch 90 % der besetzten Waldfläche forstwirtschaftlich genutzt werden - bis zum Jahr 1943 waren es nur noch 10 %5. Das bewirkte einen nicht kalkulierten Mangel an Bohlen für den Brücken- und Stellungsbau der Wehrmacht und an Grubenholz. Auch die Erträge der Landwirtschaft sanken spürbar, dies nicht nur, weil die Partisanen Erfassung und Abtransport der Ernte direkt verhinderten, sondern auch weil sie ganze Landstriche vor allem im Bereich der Heeresgruppe Mitte der deutschen Kontrolle entzogen. Der Befehlshaber Schenckendorff im Bereich der Heeresgruppe Mitte schätzte im November1942 den Umfang der durch den Partisanenkrieg nicht erfassten Güter auf die Menge, die benötigt werden würde für „die Versorgung einer Armee von 300 000 Mann mit Brot für 1 Jahr, Fleisch für 3 Monate, Kartoffeln für 4 Monate“.6

Zahlreiche Sabotageakte an Industrieanlagen schlugen allerdings fehl bzw. waren durch Verwaltungsschwierigkeiten der Besatzer innerhalb der Betriebe und der daraus folgenden mangelnden Ergiebigkeit, kaum notwendig.

4. Die Reorganisation der Partisanenbewegung und ihre vollständige Einbindung in die Rote Armee

Am 30.05.1942 kam es zur Gründung eines zentralen Stabes für den Partisanenkampf (CSPD) unter der Leitung von Ponomarenko. Auch eine am 31.08. und 01.09.1942 im Kreml abgehaltene Konferenz, zu der Partisanenführer eingeflogen wurden, sowie ein Befehl Stalins zur Ausweitung des Partisanenkrieges vom 05.09.1942 zeigen den veränderten Stellenwert der Partisanen1.

Zwischen den Sommern 1942 und 1943 waren spektakuläre militärische Aktionen der Partisanen eher die Ausnahme. In dieser Zeit wurde scheinbar die Partisanenbewegung nach den Vorstellungen der Roten Armee reorganisiert und auf einen langfristigen und zentral gelenkten Krieg vorbereitet.

Das Betätigungsfeld der Partisanen lag in dieser Zeit mit größtem Schwerpunkt auf der Schaffung von Kommunikations- und Funkverbindungen zu den Hauptquartieren der Roten Armee, im Bau von befestigten Stützpunkten und Lagern. Vereinzelte Angriffe auf Verkehrs- und Kommunikationsverbindungen, sowie auf Einzelpersonen der Deutschen Verwaltung in den besetzten Gebieten (wie z.b.: die Ermordung des Generalkommissars Wilhelm Kube in Minsk).2

Den Bemühungen um eine Stabilisierung der Partisanenbewegung kam die Verschlechterung der Stimmung in den besetzten Gebieten entgegen. Diese ist auf die schlechte Behandlung der Bevölkerung von beiden Seiten der kriegführenden Parteien und das Fehlen jeglicher Zukunftsperspektiven zurückzuführen. Die Masse der Bevölkerung versuchte neutral zu bleiben. Dies wurde in den Partisanengebieten aber zunehmend unmöglich, weil weder die Partisanen noch die Deutschen an einer neutralen Bevölkerung interessiert waren.

Nachdem die deutschen Bemühungen um die Initiative 1943 gescheitert waren, setzte in grossem Umfang die sowjetische Gegenoffensive ein. In diesem Zusammenhang versuchten die Partisanen mit der Operation „SCHIENENKRIEG“ den sowjetischen Vormarsch zu unterstützen, indem durch Reihensprengungen in noch nicht bekanntem Ausmaß der deutsche Nachschub zum vollständigen Erliegen gebracht werden sollte. Diese Ziel konnte nicht vollständig erreicht werden, was mit der Unerfahrenheit der Partisanen mit Operationen in solchem Umfang einerseits und dem deutschen Improvisationsvermögen andererseits zusammenhängt.

Für die Rote Armee zahlte es sich nun aus, dass sie die Partisanen als Formation der Armee aufgebaut und unter ihr Kommando gebracht hatte. Gab es schon vor dem Sommer 1943 Versuche, gemeinsame Operationen durchzuführen, setzte seitdem eine stetige Verbesserung bei der Koordinierung und Durchführung solcher Operationen ein. Eine Unterbrechung des Nachschubs von 24 Stunden und mehr war im Falle einer russischen Offensive für die Deutschen schwer zu verkraften. Bei einem Rückzug durch Partisanengebiete musste meistens der Weg freigekämpft werden, während die Rote Armee von den Partisanen geräumte Strassen und vorbereitete Flussübergänge vorfand3.

5. Die Vernichtung der Heeresgruppe Mitte unter maßgeblicher Mitwirkung der Partisanenverbände

Am 20. Juni 1944 holten die Partisanen zum grössten Sabotageakt des Zweiten Weltkrieges aus: fast gleichzeitig wurden mindestens 10500 Sprengsätze an Eisenbahnen, Brücken und Nachrichtenverbindungen im gesamten Gebiet westlich des Dneprs, um den Raum Minsk gezündet.1

Zusätzlich wurden zahlreiche deutsche Versorgungslager angegriffen. Infolge der Sabotageakte waren die Nachschublinien der Heeresgruppe Mitte auf Tage hin unterbrochen. Ebenso fatal war, dass der Zusammenhang der Aktion mit der bevorstehenden Offensive der Roten Armee vom OKH, trotz bereits gemachter Erfahrungen, nicht erkannt wurde.

Am 22.06.1944, dem 3. Jahrestag ihrer Invasion in die Sowjetunion, wurde die Wehrmacht von dem feindlichen Angriff völlig überrascht. Der Zusammenbruch der Nachschublinien, welcher jegliche Truppenverlegungen nicht mehr zuließ, bestimmte zusammen mit der Wucht des Angriffes das katastrophale Ausmaß der deutschen Niederlage2. Bis Ende Juni 1944 waren die sowjetischen Verbände rund 300 km vorgedrungen und hatten die deutsche Ostfront in einer Länge von 350 km von Polock an der Düna (n.Minsk) im Norden bis Pinsk an der Pripjat (sw.Minsk) aufgerissen. Die Heeresgruppe Mitte war in der grössten Niederlage deutscher Verbände im 2.Weltkrieg vernichtend geschlagen worden; sie hörte faktisch auf zu existieren. Welchen weiteren Beitrag die Partisanen im Laufe der Offensive, etwa bei Kämpfen mit versprengten deutschen Soldaten oder der Liquidierung der sog. Wandernden Kessel leisteten, ist noch unklar, weil mit den deutschen Armeen und Divisionen auch deren Unterlagen verlorengegangen sind. Der später vorgetragene Anspruch, wonach die Partisanen für den Verlust von 32 000 deutschen Soldaten verantwortlich sein sollen, ist hinsichtlich des Gesamtumfanges dieser deutschen Niederlage mit dem Verlust von ca.350 000 deutschen Soldaten bei der Heeresgruppe Mitte durchaus plausibel.

6. Fazit

Der Partisanenkrieg war weder von sowjetischer Seite geplant noch von deutscher Seite in diesem Umfang vorrausgesehen worden. Im Zeitraum 1941 bis 1943 gelang es den Partisanen mit Unterstützung der Roten Armee sich zu schlagkräftigen Verbänden zu organisieren und spielten somit einen grossen operativen Faktor beim weiteren Vorgehen der Sowjetischen Führung gegen die deutsche Besatzungsarmeen. Welche Folgen dies haben konnte, zeigt das Beispiel des Zusammenbruchs der Heeresgruppe Mitte eindrucksvoll. Abgesehen von deutschen Verwaltungsschwierigkeiten, beim Ausnutzen der lokalen wirtschaftlichen Ressourcen, spielten auch Sabotageakte bzw. die reine Präsens der Partisanen eine grosse Rolle. Abgesehen davon stellte die Anwesenheit der Partisanen in eigentlich deutsch besetzten Gebieten auch eine psychologisch - politische Komponente dar, da durch sie das „Sowjetsystem“ vertreten wurde. Aus dieser „Zwangslage“ heraus entschieden sich breite Teile der Bevölkerung für die vermeintlich siegreiche Seite, um eine Verfolgung und Denunzierung durch beide Seiten zu vermeiden, und unterstützen die Partisanen ab 1942 zunehmend.

Unbestritten erleichterte dies der Sowjetunion die Wiedererlangung der Kontrolle und die Reintegration der besetzten Gebiete.

7. Literaturverzeichnis

- Boog, Förster, Hoffmann, Klink, Müller, Überschär: Der Angriff auf die Sowjetunion, in: Das Deutsche Reich und der zweite Weltkrieg, Bd. 4, Stuttgart 1983.
- Gerlach, Christian: Kalkulierte Morde - Die Deutsche Wirtschafts - und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 - 1944, Hamburg 1999.
- Gobbels, J.: Die Tagebücher. Sämtliche Fragmente, hrsg. v. E. Fröhlich im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte, Bd. 3: Januar bis März 1942, London, München, New York, Paris 1994.
- Hinze, R.: Der Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte, in: Kriegsjahr 1944 - Im Grossen und im Kleinen, hrsg. von M.Salewski, G. Schulze-Wegener,Stuttgart 1995.
- Klee, Ernst; Dreußen, Willi: Gott mit uns - Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten 1939-1945, Wiesbaden 1994.
- Kühnrich, Heinz: Der Partisanenkrieg in Europa 1939-1945, Berlin 1967.
- Petrow, J. P.(Vorsitzender des Redaktionskollektivs): Die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion, Bd. 3, 4 und Kartenmaterial, hrsg.: Ministerium für nationale Verteidigung u.d.L. von Gossens, Hans (Vorsitzender der Herausgeberkollektivs der Deutschen Ausgabe), Deutscher Militärverlag, Berlin 1964.
- Richter, Timm C.: “Herrenmensch und Bandit“ - Deutsche Kriegsführung und Besatzungspolitik als Kontext des sowjetischen Partisanenkrieges (1941-44), Münster 1998.
- Weinberg, Gerhard L.: Rollen - und Selbstverständnis des Offizierskoprs der Wehrmacht im NS-Staat, in: Die Wehrmacht - Mythos und Realität, hrsg. von Rolf Dieter Müller und Hans-Erich Volkmann, Oldenburg 1999.

[...]


1 vgl.: Boog, Förster, Hoffmann, Klink, Müller, Überschär: Der Angriff auf die Sowjetunion, in: Das Deutsche Reich und der zweite Weltkrieg, Bd. 4, S. 752, Stuttgart 1983.

2 nach Hoffman: Volkskrieg in Frankreich, S.221f., in: Boog, Förster, Hoffmann, Klink, Müller, Überschär: Der Angriff auf die Sowjetunion, in: Das Deutsche Reich und der zweite Weltkrieg, Bd. 4, S. 752, Abs. 2, Stuttgart 1983.

3 a.a.O., S 753f.

4 a.a.O., S 754

1 vgl.: Boog, Förster, Hoffmann, Klink, Müller, Überschär: Der Angriff auf die Sowjetunion, in: Das Deutsche Reich und der zweite Weltkrieg, Bd. 4, S. 753, Stuttgart 1983.

2 nach Hoffmann, J.: Die Kriegführung aus der Sicht der Sowjetunion, in Boog, H.: Der Angriff auf die Sowjetunion, S. 846-964, Frankfurt a.M., 1991

3 vgl. Richter, Timm C.: “Herrenmensch und Bandit“ - Deutsche Kriegsführung und Besatzungspolitik als Kontext des sowjetischen Partisanenkrieges (1941-44), S 10, Münster 1998.

1 vgl. Richter, Timm C.: “Herrenmensch und Bandit“ - Deutsche Kriegsführung und Besatzungspolitik als Kontext des sowjetischen Partisanenkrieges (1941-44), S 12f., Münster 1998.

2 Gobbels, J.: Die Tagebücher. Sämtliche Fragmente, hrsg. v. E. Fröhlich im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte, Bd. 3: Januar bis März 1942, London, München, New York, Paris 1994.

1 Gerlach, Christian: Kalkulierte Morde - Die Deutsche Wirtschafts - und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 - 1944, S. 875-877, Hamburg 1999.

2 a.a.O., S 876; vgl.: 2.1. Angriffe von Partisanenverbänden im Bereich der Heeresgruppe Mitte und die deutschen Gegenmaßnahmen zw. 1941 und 1942, Abs. 2.

3 a.a.O., S.876.

4 Richtlinien für Säuberung, Befriedung und Beuteerfassung, Korück 580, v. 31.08.1941, BA MA WF-03 /7489, Bl. 527., vgl. Gerlach, S.878.

5 vgl. Richter, Timm C.: “Herrenmensch und Bandit“ - Deutsche Kriegsführung und Besatzungspolitik als Kontext des sowjetischen Partisanenkrieges (1941-44), S 14f., Münster 1998.

6 a.a.O., S 15

1 vgl. Richter, Timm C.: “Herrenmensch und Bandit“ - Deutsche Kriegsführung und Besatzungspolitik als Kontext des sowjetischen Partisanenkrieges (1941-44), S 17f., Münster 1998.

2 Gerlach, Christian: Kalkulierte Morde - Die Deutsche Wirtschafts - und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 - 1944, S. 97-101, Hamburg 1999.

3 „[...]einige Stunden vor dem Einbruch der Sowjets befanden sich bewaffnete Terrorgruppen in Zivilkleidung in der Stadt“, Räumungsbericht des Gebietskommissars von Kassatin, Steudel, vom 8.11.1943,o.D.,IMT; 1702-PS, Bd.27, S.471, nach: Richter, Timm C.: “Herrenmensch und Bandit“ - Deutsche Kriegsführung und Besatzungspolitik als Kontext des sowjetischen Partisanenkrieges (1941-44), S.24, Münster 1998,

1 Der damalige Chef der Transportabteilung der Heeresgruppe Mitte und spätere Direktor des Bundesarchiv in Koblenz - Herrmann Teske hält diese Zahl angesichts der Auswirkungen für zu gering, vgl. Teske: Partisanen gegen die Eisenbahn, S.475, nach:a.a.O., S 27, Münster 1998.

2 vgl. Hinze, R.: Der Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte, in: Kriegsjahr 1944 - Im Grossen und im Kleinen, hrsg. von M.Salewski, G. Schulze-Wegener, S.79f., Stuttgart 1995.

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Details

Titel
Der Partisanenkrieg um die Heeresgruppe Mitte
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Veranstaltung
Hauptseminar Geschichte
Autor
Jahr
2003
Seiten
9
Katalognummer
V105657
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Partisanenkrieg, Heeresgruppe, Mitte, Hauptseminar, Geschichte
Arbeit zitieren
Anthony Benway (Autor), 2003, Der Partisanenkrieg um die Heeresgruppe Mitte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105657

Kommentare

  • Gast am 19.3.2003

    Kandidat der historischen Wissenschaften.

    Sehr geehrter Kollege Anthony Benway!
    Ihre Arbeit ist ziemlich interessant, und es freut mich, dass die deutschen Historiker sich damit interessieren. Der erste Schritt ist also getan, aber, ich betonne das noch ein mal, nur der erste. Und ich kann zum Ungluck nicht sagen, dass dieser Schritt richtig ist.
    In erster Linie, haben Sie nur die schon herausgegebene Literatur dazu benutzt, die nicht immer richtig ist. Die Archiw-Qellen haben Sie, solange ich verstanden habe, überhaupt nicht analysiert.
    Sie glauben, daß die Partisanen einig waren und die Rote Armee unterstützten? Das ist die falsche Meinung, die, zum Bedauern, unter den Kommunisten bis heute lebendig ist. Es gab die sowjetischen und antisowjetischen (schwarzen) Partisanen, die gegenienander gekämpft hatten. Die letzten (antisowjetischen) waren nach dem Krieg von der Sowjetregierung entweder erschoßen oder in KZ zu Sibirien eingesperrt. Die Versprengten haben sich in die Partisanengruppen nicht integriert - kein Mensch hat
    Lust von den Stalin-Komissaren erschoßenn zu werden. Die Versprengten übergangen zu den Deutschen und dienten als Hilfswillige (abgekürzt - Hiwi).
    Die Beziehungen zwischen Partisanen und Befölkerung haben Sie überhaupt versäumt; aber das ist wichtig, um zu verstehen, warum mehrere Rußen die deutschen Truppen unterstützten und denen halfen.
    Ehrlich zu sagen, bin ich fest überzeugt, daß Ihr Thema für einen Deutschen nicht machbar ist. Ihre Landsleute verstehen, z.B., nicht, was "Bürgerlicher (kein vaterländischer!) Krieg 1941-45" ist.
    Entschuldigen Sie, wenn mein Brief Ihnen nicht gefallen hat.
    Ihr,
    Igor Jermolow.

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