Wirtschaftspolitik Sachsens in der NS-Zeit 1933-1945


Referat / Aufsatz (Schule), 2001
19 Seiten, Note: 12 Punkte

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Chronologische Übersicht

1. Martin Mutschmann

2. Wirtschaftspolitik
2.1. Grundprinzipien der NS -Wirtschaftspolitik
2.2. Sachsens a) allgemeiner Überblick bis 1936
b) Strukturen und Entwicklung zwischen 1936 und 1939
c) Die Zeit zwischen 1939 - 1941 und der Übergang zum totalen Krieg
d) Februar/März 1944 bis zum Kollaps der Kriegswirtschaft 1945
e) Bilanz

Literaturverzeichnis

Einleitung

Themenvorstellung:

Bei dem Thema „Sachsen zur nationalsozialistischen Zeit“ handelt es sich um ein sehr umfangreiches Arbeitsgebiet, was von uns sehr eingeschränkt und spezialisiert dargestellt wurde. Dabei haben wir uns ausschließlich mit der Wirtschaftspolitik und mit der Person des Gauleiters in Sachsen, Martin Mutschmann, auseinandergesetzt. Dies behandelt den totalitären Staat, seine Ziele und Maßnahmen, diese zu erreichen. Es ist schwer, die Ereignisse in Deutschland und Sachsen zu dieser Zeit klar zu trennen, da die Länder gleichgeschaltet und damit Sachsen in das Reich eingegliedert wurde und somit den Anordnungen von Oben bedingungslos Folge zu leisten hatte. Dabei verlor Sachsen als eigenständiges Gebiet an Bedeutung.

Warum haben wir dieses Thema gewählt? Wir haben uns für dieses Thema entschieden, weil wir der Meinung waren, dass es uns interessiert, was sich im Nachhinein bestätigt hat. Vor allem hat es uns angesprochen, weil es wohl eines der dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte war, und somit auch große Auswirkungen auf unsere Heimatregion Sachen hatte. Weiterhin war es unserer Meinung nach noch ein ausgesprochen lebendiger Zeitabschnitt. Da wir uns schon vorher mit diesem Zeitabschnitt und dem brisanten Thema Nationalsozialismus beschäftigt hatten, fiel es uns nicht all zu schwer, uns diesem Thema anzunehmen.

Methodenbeschreibung:

Anfangs stand die Vorbereitung und das Befassen mit dem Thema, um uns einen groben Überblick über die umfassenden Geschehnisse in dieser Zeit zu verschaffen. Hierfür benutzten wir Übersichtsliteratur. Nach der Untergliederung unseres Themas in spezielle Abschnitte, haben wir uns mit Fachliteratur zu diesen Gliederungspunkten auseinandergesetzt. Mit dem intensiven Beschäftigen bei der Bearbeitung dieser Literatur machten wir uns mit den Vorgängen vertraut und versuchten diese zu analysieren, zu verstehen und sie zu bewerten. Das endgültige Ausarbeiten, Überarbeiten und Formulieren war der letzte Schritt zur Beendigung unserer Projektarbeit. Weiterhin war es schwer, aus der großen Anzahl an Materialien und Quellen das passende für unseren Themenbereich zu finden.

Fehlerquellen konnten auftauchen, wenn die Fachliteratur pol. ungünstig gefärbt war, z.B. aus der Zeit der DDR-Literatur. Weiterhin wurden vielleicht Quellen ausgewählt, die nicht zum Thema passten, oder das Ausarbeiten erschwerten. Selbstverständlich sind die meisten Fehler bei uns zu suchen, z.B. beim falschen Verstehen von Texten, beim Überlesen entscheidender, oder wichtiger Textabschnitte, oder beim nicht korrekten Analysieren bzw. Interpretieren von Quellen.

Arbeitshypothese:

Sachsen spielte eine eher untergeordnete Rolle im politischen Sinne, aber eine umso wichtigere in der Wirtschaftspolitik in der Zeit zw. 1933-1945. Die Vermutungen stehen nahe, dass Sachsen einen großen Einfluss auf die geschichtliche Entwicklung dieser Zeit genommen hat, dass ein wirtschaftlichen Aufschwung erfolgte und die soziale Umstände sich langfristig verbesserten. Daraus entwickelten sich Fragen, die es in dieser Projektarbeit zu beantworten gilt:

- Wie ist Martin Mutschmanns Verhalten bzw. seine Einstellung am Beginn und im Vergleich

dazu, am Ende des NS-Regimes zu bewerten?

- Wie stark hatte der Gau Sachsen Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung bzw. an der Entwicklung Deutschlands zur NS-Zeit?

- Welchen Einfluss hatte die Rüstungsindustrie und der folgende Weltkrieg auf die Wandlung in den Strukturen der Wirtschaft?

Chronologische Übersicht

1933 - Boykott gegen jüdische Geschäfte begann

30.1. -Ende der parlamentarischen Demokratie durch die Vereidigung Adolf Hitlers als Reichskanzler

1.2. -Auflösung des Reichstages

27.2. -Reichstagsbrand ⇒ Regierung erließ „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ und „Verordnung gegen Verrat am dt. Volk“

- Parteien wurden aus dem öffentliche Lebens verbannt

Anfg. März -Entlassungswelle von KPD und SAP-Angehörigen Beamten, später auch SPD- Mitgliedern, nichtarischen Bürgern und Regimegegnern

- parallel dazu Anstellung von „Alten Kämpfern“ in den Staatsdienst

5.3. - Reichstagswahlen bringen NSDAP die knappe absolute Mehrheit

8.3. - Manfred von Killinger (Obergruppenführer der SA) wird zum Reichsbeauftragten für Ordnung und Sicherheit in Sachsen ernannt

10.3. - Ministerpräsident Walther Schieck dem Amt enthoben und damit die gesamte Regierung

17.3. - Verbot der SAP und weitere Aktionen gegen Regimegegner (Verhaftungen)

21.3. - Bildung von Sondergerichten - kein Rechtsmittel gegen Beschlüsse

nach 23.3. - die Landtage wurden aufgelöst und nach Ergebnissen der Reichtagswahlen neu zusammengesetzt (16.5.1933 Eröffnungssitzung)

24.3. - Ermächtigungsgesetz ⇒ Regierung nicht an Gesetz oder Verfassung gebunden

31.3. - Länder werden „gleichgeschaltet“, d.h., an Verhältnisse in Berlin angepasst

2.5. - Verbot der Gewerkschaften

5.5. - Martin Mutschmann (Gauleiter der NSDAP) wird zum Reichsstatthalter ernannt

6.5. - Killinger trug die Bezeichnung Ministerpräsident

- diese 2 (Mutschmann, Killinger) bildeten eine neue Regierung (nur NS-treue Mitglieder), die bis Mai 1945 im Amt blieb

- Aufgabe war es, die zentralen Weisungen unwidersprüchlich umzusetzen

27.5. - Ermächtigungsgesetz für den Freistaat Sachsen

23.6. - Verbot der SPD

14.7. - Reichskabinett verabschiedet 30 Gesetze, z.B. „gegen Neubildung von Parteien“

14.10 - endgültige Auflösung des Landtages

- Deutschland tritt aus dem Völkerbund aus

2.8.1934 - Tod Hindenburgs, Hitler wird Reichspräsident

30.1.1935 - Mutschmannübernahm auch das Amt des Ministerpräsidenten, Killinger ging in den diplomatischen Dienst des Reiches

- „Gesetz über den Neuaufbau des Reiches“ vollendete den Prozess zur Abschaffung des föderalistischen Staatsaufbaues (Selbstverwaltung blieb bestehen)

- Landesregierung Sachsen wird zur Landeszentralbehörde (Gauregierung)

1.3. - Rückgliederung des Saargebietes

1936 - Vierjahresplan Görings ⇒ Volle Einbeziehung Sachsens in die Aufrüstung

Feb. - 38000 „ Alte Kämpfer “ im sächsischen Staatsdienst

7.3. - Beseitigung des Versailler Vertrags durch Einmarsch ins Rheinland

Ab 5.11.1937 - Sachsen wird zum Aufmarschgebiet der Wehrmacht, da Adolf Hitler bekundet, die Tschechoslowakei zuüberfallen

28.2.1938 - Propagandawelle gegen Judenüberrollt Sachsen

11.3. - Hitler überfällt Österreich

29.9. - Konferenz von München

10.11. - 2. Propagandawelle 3 Tage zuvor mündet in der Reichskristallnacht, in Sachsen brannten alle Synagogen

1.1.1939 - Umbenennung der Kreis- und Amtshauptmannschaften in Regierungsbezirke und Landkreise ⇒ letzten sächsischen Verwaltungstraditionen abgeschafft ⇒ absoluter Einheitsstaat

23.8. - deutsch - sowjetischer Nichtangriffspakt

ab 27.8. - Rationierung der Lebensmittel ⇒ Vorbereitung auf Krieg

ab Hebst - jüdische Bürger nach Auschwitz-Birkenau oder Theresienstadt verfrachtet

1.9. - deutsche Truppen überschreiten polnische Grenze ⇒ II. WK beginnt

- Mutschmannübernimmt Amt als Reichsverteidigungskommissar

3.9. - Großbritannien und Frankreich erklären Deutschland. den Krieg

22.6.1941 - Überfall auf die Sowjetunion

7.12. - Angriff der Japaner auf Pearl Harbor

11.12. - Dtl. und Italien erklären USA den Krieg

ab Feb.1942 - Angestellte und Beamte wurden zur Wehrmacht eingezogen

1942/43 - Verlagerung von Betrieben nach Sachsen, wegen Luftangriffen in ganz Deutschland

- Aufnahme von Kriegsflüchtlingen in Sachsen

22.11. - Einschluss der 6. Armee in Stalingrad

4.12.1943 - Bombenangriff auf Leipzig

31.1. - die 6. Armee kapituliert in Stalingrad

6.6.1944 - Landung der Amerikaner und Briten in der Normandie

13.-15.2. 1945 - Bombardierung Dresdens mit 35000 Toten

2. u. 5.3. - Bombardierung Chemnitz

19.3.u.8.4. - Bombenangriffe auf Plauen

Mai - Verwaltungstätigkeit kam zum Erliegen

April - letzte Kampfgebiete in Sachsen, ernsthaftem Wiederstand und erbitte Kämpfe (über 8300 Mann auf sächsischem Boden gefallen, Kriegstote in Sachsen:250000)

30.4. - Selbstmord Hitlers in der Reichskanzlei

8.5. - bedingungslose Kapitulation der dt. Wehrmacht

10.5. - Sachsen fast vollständig durch sowjetische Truppen besetzt

1. Martin Mutschmann

Einleitend ist zu erwähnen, dass Martin Mutschmann die dominierende und zentrale Person des Nationalsozialismus Sachsen zwischen 1933 und 1945 war.

Der am 9.3.1879 im preußischen Hirschberg an der Saale geborene Sohn eines Spitzenfabrikanten, zog 1886 mit seiner Familie nach Plauen. 1894 bis 1896 absolvierte er eine kaufmännische Lehre und besuchte eine Handelsschule. Ab 1896 war er dann in verschiedenen Spitzen- und Wäschefabriken in Plauen, Herford und Köln angestellt. Seinen Militärdienst legte er ,mit 22 Jahren, von 1901 bis 1903 ab. Er musste 1914 in den I. Weltkrieg ziehen, wurde aber schon 1916, wegen Krankheit, vor Ende dese Krieges, entlassen. Mutschmann gelang nach der Gründung einer Spitzenfabrik 1907 in Plauen schnell zu ansehnlichem Vermögen, was auf ein sehr ausgeprägtes wirtschaftliches Geschick schließen lässt. 1919 tritt er einer völkisch-nationalen Gesinnung, namens „Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund“, bei. Mutschmann war seit April 1922 Mitglied der NSDAP, und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Ortsgruppe Plauen. Am 27. März 1925 wurde er mit der Neuorganisation in Sachsen beauftragt, womit sein Einfluss in der Partei zunahm. Die Frage nach dem Grund des Eintrittes Mutschmanns in die NSDAP, lässt sich aus der wirtschaftlichen Sicht gut erklären. Ein wichtiger Aspekt ist die Existenzangst des Kleinbürgertums zu dieser Zeit, gepaart mit der Ablehnung gegen die Weimarer Republik war der Grund, warum er in die NSDAP eintrat, da sich durch den verlorenen Krieg die Situation der Textilindustrie maßgeblich verschlechterte. Da er, wie viele andere auch, der Überzeugung war, dass die „Dolchstoßlegende“ wahr ist, entwickelte er eine Art von Hass auf die Weimarer Republik. Zum sächsischen Gauleiter der Partei avancierte er 1925, als die NSDAP, nach dem 1923 erfolgten Verbot, wieder aufgebaut wurde, womit seine politische Karriere begann. Am 14.9.1930 wurde er Reichstagsabgeordneter der NSDAP für den Wahlkreis Chemnitz/Zwickau. Dort übernahm er das Amt des Sachreferenten für Handwerk, Handel, Gewerbe und Industrie und wurde Mitglied des Handelspolitischen Ausschusses. Diese Stellung nutzte er vorrangig, um sich in Sachsen die pol. Unterstützung zu organisieren und seine persönliche Macht zu sichern. 1931 musste er, als Folge der Weltwirtschaftskrise, sein Unternehmen aufgeben.

Bemerkenswert ist, dass er schon vor 1933 an dem politischen Aufstieg Adolf Hitlers durch finanzielle Unterstützung beteiligt war und deshalb ein sehr enges Verhältnis zu ihm und der NSDAP pflegte. Am 5.5.1933 wurde er, mit einem Einkommen von 42000 Reichsmark, zum Reichstatthalter in Sachsen ernannt, womit er die zentrale Person der Gauleitung der NSDAP widerspiegelte. Er konnte sich hier auf die mitgliedsstärkste NSDAP-Organisation stützen. Mutschmann stand in einem Konkurrenzverhalten mit dem anfänglichen Ministerpräsidenten Manfred von Killinger, gegen den er sich später durchsetzte und am 30.1.1935 sein Amt als Ministerpräsident übernahm. Alle mussten sich ihm unterordnen, denn er war der uneingeschränkte Herrscher. 1936 gründet Mutschmann das „Heimatwerk Sachsen“, dass sich z.B. für die Erhaltung erzgebirgische Schnitzkunst einsetzte. 1939 wurde er zum Reichsverteidigungskommissar für Sachsen ernannt, womit sich für ihn weitere wirtschaftspolitische Spielräume ergaben. Bis zum Beginn des Krieg zeichnete er sich aber kaum durch Ambitionen als sächsischer Gauleiter aus. Als er 1943/44 die traditionellen sächsischen Industriezweige gegen die „Auskämmaktion“ verteidigte, kam es zu unzähligen Auseinandersetzungen mit dem Reichsminister für Rüstungs- und Kriegsproduktion, Albert Speer.

In der Öffentlichkeit präsentierte sich Mutschmann gern mit gleichgesinnten Parteifunktionären. Die Staatskanzlei, und somit der Sitz Mutschmanns, war das alte Ständehaus an der Brühlschen Terrasse in Dresden. Seinen Wohnsitz hatte er in einer Villa in der Comemusstrasse 32, hinter der sich eine Bunkeranlage befand. Diese besaß eine Grundfläche von 3000 m², war äußerst luxuriös eingerichtet und für den Ernstfall mit Vorräten in erheblichen Mengen gerüstet. Eine zweite Bunkeranlage befand sich außerhalb von Dresden im Lockwitztal, die sich im Notfall zur politisch-militärischen Schaltzentrale hätte umfunktionieren lassen.

Mutschmann führte selbst Sammelaktionen für die Front durch, deren Gelder er aber dann für die NSDAP verwendete und somit auch seinen eigenen Lebensstandard hob. Hier zeigt sich, dass er im höchsten Maße egoistisch war und sich über das Volk stellte. Weiterhin war er sehr aktiv am Raub von Kunstschätzen aus besetzten Gebieten beteiligt. Dass solche Aktionen gelangen, lag an seiner guten Verbindung zum Sekretär Hitlers, Martin Bohrmann. Kunstgüter, bis hin zu ganzen Kunstsammlungen, vor allem aus den östlichen Gebieten, verschwanden somit in seinen Privatbesitz. Außerdem war Mutschmann für die Deportation der Juden aus Sachsen verantwortlich.1933 richtete er eine Gauleiterschule ein. Von der sächsischen Bevölkerung bekam er den spöttischen Namen „König MU von Sachsen“. Der Vergleich mit einem Ochsen liegt nahe, da er mit ernergischem Einsatz versuchte, seine Interessen zu vertreten und durch zu setzten, was die Auseinandersetzungen mit Albert Speer zeigten, aber ihn auch andererseits lächerlich machte. Er hatte einen schlechten Leumund in der Bevölkerung. Eine Scherzfrage 1943 aus Dresden lautete z.B.: “Warum sind wir noch nicht bombardiert worden? - Weil wir mit Mutschmann schon genug gestraft sind“.

Mit der Ernennung zum Reichsverteidigungskommissar des Gaus war er verpflichtet, Luftschutz und Sicherungsmaßnahmen einzuleiten bzw. vorzubereiten, und das besonders in den Ballungsräumen, was er nachweislich vernachlässigte. Er sagte selbst: „Warum größere Anstrengungen machen, wenn der Endsieg doch so nah ist“. Dass zeigt, dass er einer der treuesten Anhänger des nationalsozialistischen Wahns war. Er hielt es nicht für nötig, seine Bevölkerung zu schützen, da er der festen Überzeugung war, dass Deutschland den Krieg gewinnt, und somit ein Angriff auf Sachsen niemals stattfinden würde. Diese Einstellung wird sich später als komplett falsch herausstellen, was die Bombenangriffe auf Dresden zeigen. Hier ordnete er nur die Verdunkelung an, auf Evakuierungsmaßnahmen der Bevölkerung verzichtete er aber. Da sich zu der Zeit auch Tausende von Flüchtlingen in Dresden befanden, waren die Todeszahlen aufgrund von Bombenangriffen die verherendsden in der deutschen Geschichte. Mutschmann überlebte die Angriffe unbeschadet und fungierte als Stadthalter von „außen“, von seinem Bunker im Lockwitztal aus, wohin er übrigens kurz vor den Angriffen seine Kunstschätze verlagern lies. Es wird spekuliert, dass er von den Angriffen auf Dresden am 13./14. Februar 1945 gewusst haben soll, was aber nicht bewiesen werden konnte.

Als das Ende des Reiches drohte, verbarg er sich verkleidet in den Wäldern im Osterzgebirge. Dort traf er überraschenderweise auf den Direktor der Dresdner Elektrizitätswerke. Beide wurden später von 500 empörten Einwohnern aus dem Erzgebirge gestellt. Die Verhaftung wenig später durch sowjetische Truppen rettete Mutschmann vor der aufgebrachten Menge und somit vor dem Lynchmord.

Über die Todesumstände kursierten in der Vergangenheit verschiedene Darstellungen mit z.T. stark voneinander abweichenden Zeitangaben. Nach sowjetischen Quellen ist Mutschmann am 30.1.1947 von einem sowjetischen Tribunal zum Tode verurteilt und am 14.2.1947 in der Moskauer Gefängnis Lubljanka hingerichtet worden.

Ein Auszug aus seiner letzten Rede nach dem 1. Angriff auf Dresden zeigt seine einsichtige Einstellung kurz vor dem Ende des Dritten Reiches: „... ich wurde schließlich selbst Opfer des Regimes, zu dessen Fortbestand ich beitrug“. Die Euphorie des Nationalsozialismus ist entweder der Erkenntnis gewichen, dass er einem blinden Wahn gefolgt ist, der ihn letztendlich wieder eingeholt hat, oder er wollte sich vom Nationalsozialismus distanzieren, um sich einen Platz im Nachkriegsdeutschland zu sichern. Wenn er das gewollt hätte, wäre es unmöglich gewesen, mit einer nationalsozialistischen Meinung im Nachkriegsdeutschland, egal wie es ausgesehen hätte, weiterzukommen. Diese Rede, die in der Bevölkerung eine große Empörung auslöste, kann man also zwiespältig betrachten und eine eindeutige und nachgewiesene Absicht ist kaum möglich.

An Martin Mutschmann kann man klar und deutlich den schnellen Aufstieg und den tiefen Fall des Nationalsozialismus nachweisen. Er verstand es aber auch, seine Interessen durch zu setzten, und einen Vorteil aus den pol. Situationen zu ziehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Adolf Hitler und Martin Mutschmann (rechts) bei einem SA Aufmarsch in Leipzig 1933

2.Wirtschaftspolitik

2.1. Grundprinzipien der NS-Wirtschaftspolitik

Um die Maßnahmen der Wirtschaftspolitik zwischen 1933-45 in Sachsen zu verstehen, müssen zuerst die Ziele der nationalsozialistischen Regierung geklärt werden. An oberster Stelle stand die Aufrüstung, die nach Hitler 1942 abgeschlossen sein sollte, und nach der sich alle Maßnahmen im Reich richteten. Im Zusammenhang damit stand die Autarkie, d.h., die dt. Wirtschaft von Importen unabhängig zu machen. Dies sollte die Voraussetzung für den bevorstehenden Krieg sein. Die Hauptmaßnahmen waren z.B. der 6- monatige „Reichsarbeitsdienst“ für alle 18-21-jährigen, der ab 1935 Pflicht wurde. Es wurden Staatsaufträge vergeben, wie z.B. für den Bau von Autobahnen, Kasernen oder Versorgungseinrichtungen. Das Transportwesen wurde gestärkt, indem man die Kfz-Steuer abschaffte, es gab finanzielle Unterstützung und steuerliche Begünstigungen für Investitionen. Von großer Bedeutung war die Einführung der Wehrpflicht.

Auch diese und weitere Maßnahmen führten teilweise dazu, dass sich Deutschland wirtschaftlich schnell wieder erholte, so dass die Arbeitslosenzahlen sanken und damit die soziale Not vorerst gelindert war.

Es war außerdem das Zeitalter der Vierjahrespläne, der die Selbstversorgung in 4 Jahren regeln sollte (siehe Autarkie), und der Kunststoffe, die produziert werden mussten, um sich von wichtigen ausländischen Erzeugnissen unabhängig zu machen.

Diese Politik führte zu immer mehr Problemen, z.B. in der Rohstofffrage. Deutschland besaß nicht genügend bzw. nicht die richtigen Rohstoffe, um unabhängig von Importen zu existieren, und vor allem in Kriegszeiten zu bestehen. Das beste Beispiel hierfür war Öl, der Grundstoff für Treibstoff.

Die Arbeitslosigkeit war in den Jahren bis 1938 in Arbeitskräftemangel umgeschlagen und die Konsumgüterherstellung musste zu Gunsten der Rüstungsindustrie stark eingeschränkt werden. Ab 1943, als man nicht mehr auf Kosten der unterworfenen Völker leben konnte, kam es zu einem akuten Versorgungsproblem der Bevölkerung.

Abschließend ist zu sagen, dass ein „NS-Wirtschaftswunder“ eingetreten war, dieses aber nur auf der Rüstungsindustrie und auf die Ausrichtung auf Krieg beruhte. Der Lebensstandard von 1928 wurde in dieser Zeit nicht erreicht und auch die Löhne und Gehälter blieben auf dem Stand von 1932.

2.2.Wirtschaftspolitik in Sachsen

a) allgemeiner Überblick bis 1936

Die entscheidende Frage ist bei dieser Thematik, ob und inwiefern die traditionellen Industriestrukturen Sachsens langfristig in dieser Zeit beeinflusst wurden. Maßgeblich ist hier, dass Sachsen erst ab 1936 in die Rüstungsindustrie einbezogen wurde. Auch muss man die schwierige Entwicklung des Arbeitsmarktes berücksichtigen.

Sachsen hob sich von anderen Industrieregionen ab, z.B. war die Bevölkerungsdichte hier im europäischen und innerdeutschen Vergleich außerordentlich hoch, was die nachfolgende Darstellung bestätigt. 1933 lag die Bevölkerungsdichte des Reiches im Durchschnitt bei 139 EW/km², in Sachsen hingegen bei 346 EW/km². Überdurchschnittlich viele waren in der Industrie und im Handwerk tätig (67,6%), der Durchschnitt lag im Reich bei 19,1%. Es gab eine große Frauenbeschäftigungsrate und eine herausragende Textilindustrie. Eine weitere Besonderheit sind die vielen Klein - und mittelständigen Unternehmen, besonders im Vogtland und in der Oberlausitz.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Betriebsgr öß enstruktur 1933 in Sachsen

Diese Industriebetriebe waren sehr eng an den Welthandel gebunden und vom Außenhandel abhängig. Sie traf es nach der Weltwirtschaftskrise besonders hart und es folgte der Zusammenbruch. Dadurch wurde z.B. das Erzgebirge zum Notstandsgebiet erklärt. Gravierende Einbrüche erfolgten zw. 1925 und 1936, was zu einem Konzentrationsprozess in Handwerk und Industrie führte. Diese Umstände führten zur Veränderung der Betriebsstruktur Sachsens. Waren es 1925 sieben Arbeiter pro Betrieb, fiel die Zahl bis 1933 auf knapp fünf und stieg bis 1936 auf siebzehn Arbeiter an. Ein Zeichen für die strukturelle Krise und die Schwäche gegenüber anderen Regionen war, dass Sachsen bis 1936 die Verluste der Weltwirtschaftskrise nicht wettmachen konnte.

Es gab schlechte Voraussetzungen für eine Förderung durch das nationalsozialistische Regime:

- Sachsen besaß größtenteils keine Rüstungsindustie
- Fehlen nennenswerter Grundstoffindustrie
- ungünstige Branchen - und Betriebsstrukturen trotz hohem Industrialisierungsgrades
- erschwerte Lage 1938 durch die Annexion des Sudetenlandes ⇒ Kontrahent

Für die Förderung sprach nur eine hohe Arbeitslosigkeit und eine gut organisierte Arbeiterbewegung. Sachsen erhielt 1933 letztendlich nur 40 Mio. RM des 1Mrd. RM umfassenden „Rheinhardt- Programms“ für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Die Schwäche resultierte eher aus den bestehenden Strukturen, als aus der geographischen Lage. Es erfolgten auch keine grundsätzlichen Änderungen im Jahre 1933. Die Arbeitslosigkeit war in Sachsen bis 1936/37 ein großes soziales Problem.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Arbeitslosenzahlen Sachsens von 1928 - 1936

Es kam in der Folge zu Abwanderungen, wobei die Gebiete um Glauchau besonders betroffen waren. Die Zahl von 42 000 abgewanderten Fachkräften aus Sachsen innerhalb des Zeitraumes vom 1.1.1936 bis zum 30.6. 1937 zeigt dies eindrucksvoll.

In den sächsischen staatlichen Unternehmen, wie z.B. der„ Aktiengesellschaft sächsische Werke“ (ASW) oder der „Sächsischen Staatsbank“ wurden in den Aufsichtsräten die staatlichen und kommunalen Mandate durch NS-Vertreter ersetzt. Damit bestand jetzt ein direkter Einfluss des Landes auf die Betriebe in Hinsicht auf die strukturellen Veränderungen in der Wirtschaft. Die Staatsbank beteiligte sich später an dem Aufbau der Flugzeugindustrie und die ASW an der Karbochemie. In der Privatwirtschaft kam es in Folge der NS-Diktatur zu wenigen personellen Veränderungen. Die später einsetzende „Arisierung“ führte zu Enteignungen.

Am 9. Mai 1933 wurde Georg Lenk zum sächsischen Wirtschaftsminister ernannt. Er war nicht nur ein „Alter Kämpfer“, sondern auch ein Vertreter der stark betroffenen vogtländischen Textilindustrie. Ihm zur Seite stand Dr. Florey, ein sehr Erfahrener in Sachen Wirtschaft. Lenk nahm auch als Mitglied des Reichstages Einfluss auf die Einbeziehung Sachsens in die Rüstungswirtschaft. Ab 1935 erfolgte eine sächsische Staatsaktion zur Stützung der Klein- und mittelständigen Betriebe, vor allem durch Kreditgewährung. Außerdem war Lenk an der Ansiedlung der „Sächsischen Spinnfaser AG“ und der Luftrüstungsindustrie in Leipzig beteiligt. Die Entlassung Lenks erfolgte am 5.1.1941 nach einer Auseinandersetzung mit dem als schwierig geltenden Mutschmann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Beschäftigungsstruktur des dt. Reiches bzw. Sachsens 1936

Wegen der Zersplitterung konnte der sächsische Straßenfahrzeugbau der deutschen bzw. internationalen Konkurrenz Paroli bieten. Von 10 Unternehmen hatten nur 4 überregionale Bedeutung: Chemnitz, Zwickau, Zschopau und Zittau, was ein Zeichen von Schwäche war. 1931 fand, in Regie der Dresdner Bank, ein Konzentrationsprozess statt, an dessen Ende die Bildung der Autounion ,mit diesen 4 Hauptstandorten, stand. Mit der Konzentration auf den PKW- und Motorradbau erhöhte sie den sächsischen Anteil an der dt. Kfz- Produktion beträchtlich.

Wachstumsimpulse gab es vor allem durch den Wegfall der Kfz-Steuer und durch die Wiederaufnahme der dt. Luftrüstung. Durch diesen Aspekt waren die Märkte gesichert und es ermöglichte der Autounion den Zugang zu modernen Produktionstechnologien. 1934 erfolgte z.B. der Auftrag zum Bau der Junker-Flugzeugmotoren, was die Gründung der Mitteldeutschen Motorenwerke GmbH Zwickau nach sich zog.

b) Strukturen und Entwicklung zwischen 1936 und 1939

Das 1937 durchgeführte „wehrwirtschaftliche Planspiel“ im Falle des totalitären Krieges zeigt die Bedeutung des Wirtschaftsraumes Sachsens zu dieser Zeit. Es sagt aus, dass wenn das Ruhrgebiet oder das Sudetenland als Wirtschaftsraum wegfallen würden, kein Krieg mehr möglich wäre. Würde das Gleiche mit Sachsen geschehen, wäre dass zwar ein großer Verlust, aber man könnte es noch kompensieren. Kriegsentscheidend wäre aber der Wegfall des mitteldeutschen Industriegebietes um Halle/Leipzig mit seiner Munitions-, Pulver- und Sprengstofffertigung. Das bedeutet, dass Sachsen nicht die entscheidende Rolle spielte, aber im Raum Leipzig die Industrie sehr große Bedeutung hatte. Die Knappheit an Devisen, Rohstoffen und Arbeitskräften waren hierfür ein ausschlaggebender Grund, von staatlicher Seite einzugreifen.

Ab 1935 setzte ein Industrialisierungsschub in Sachsen, vor allem im Raum Leipzig, ein. Hierbei erfolgte ein schnellerer industrieller Ausbau als im Rest Deutschlands. Der entscheidende Grund war, dass das mitteldeutschen Industriegebiet nicht direkt von Luftangriffen bedroht war. Wachstumszahlen zwischen 1936 und 1944 von bis zu 65% beweisen diese Entwicklung. Bereits 1935 erfolgte in Leipzig die Industrialisierung durch die Ansiedlung der Karbochemie, die gleichzeitige Modernisierung durch Ansiedlung der Schwerindustrie (z.B. synthetischer Treibstoff und Synthesefaser) und der Entwicklung des Flugzeugbaus sowie Feinmechanik-Optik. 1936 waren die klassischen Industriestrukturen erhalten geblieben: Textilindustrie, Maschinenbau, Druck- und Papierverarbeitung und Bekleidungsindustrie. Aber der Vorkrisenstand war noch nicht wieder erreicht worden, z.B. betrugen die Beschäftigungszahlen im Vergleich zu 1928 nur 84%. Es deutete sich aber auch ein Strukturwandel an, den man im Bereich des Fahrzeugbaus und der chem.- technischen Industrie erkennen konnte. Sachsen entwickelte sich zum Zentrum dieser beiden Industriezweige.

Durch das staatliche Eingreifen wurden jetzt die Rohstoffzufuhr und die Devisenwirtschaft durch den Staat geregelt und man orientierte sich auf neue außenpolitische Schwerpunkte. Durch diese Maßnahmen war die Textilindustrie wieder hart getroffen. Insbesondere durch die Faserverordnung, die eine Arbeitsverkürzung um 30 % vorsah.

Durch Braunkohlekraftwerke wurde der größte Teil der sächsischen Landesenergieversorgung gewährleistet. Die Braunkohlevorkommen kann man als wichtigste Lagerstätte des Landes bezeichnen. Die Förderung aus den Leipziger und Zittauer Revieren betrugen 10% der gesamtdeutschen Fördermenge, wobei ¾ aus dem Tagebau gewonnen wurde. Der Anteil Sachsens an der Briketterzeugung lag noch wesentlich höher. Braunkohle war auch ein Rohstoff der Großchemie, da aus der Veredlung des Teergehaltes Treibstoff hergestellt wurde und da die sächsischen Braunkohle durchweg schwelwürdig war, nahm sie eine Sonderstellung ein. Die Förderung stieg von 10,5 Mio. Tonnen im Jahre 1932 auf 18,6 Mio. Tonnen 1938. Im gleichen Zeitraum stieg sie Briketterzeugung auf 2,8 auf 5,63 Mio. Tonnen und die Gesamtbelegschaft um 63%. Außerdem wurde die größte Schwelanlage auf sächs. Boden erbaut, in der 60% der Braunkohle für die Teergewinnung bestimmt war. Die soz. Verhältnisse hatten sich ,im Vergleich zu 1932, 1937 in so fern gebessert, dass man die unbezahlten Überstunden von 32 Tagen auf 0 reduzierte.

Es gab weiterhin eine Veränderung in der Betriebsgröße. Die Anzahl der Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern stieg von 1933 bis 1939 von 48 auf 127,was das Durchsetzungsvermögen der Kleinbetriebe schwächte. 1937 wurden 25% der Autos und sogar 33% der Motorräder Deutschlands von der Autounion gefertigt.

Die Gewinner dieser Entwicklung waren:

- die Zentren der modernen Rüstungsindustrie, sowie der Werkzeugmaschinenbau
- Leipzig mit Maschinenbau, Heeres- und Luftrüstung
- Chemnitz/Zwickau durch Maschinen- und Fahrzeugbau
- Dresdner Raum in Folge der raschen Entwicklung der Feinmechanik/Optik

Zu den Verlierern zählten:

- Regionen mit Textil- und Verbrauchsgüterindustrie
- besonders alte Textilregionen wie Crimmitschau/Meerane
- große Anzahl von Kleinstädten und Industriegemeinden um Chemnitz

Stark betroffen waren, allgemein ausgedrückt, die Industriezweige, die exportabhängig waren und nun durch die nationale Abschottung und den veränderten Weltmarkt in der nationalsozialistische Wirtschaftspolitik keine Rolle spielten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Betriebe in Industrie und Handwerk 1925 - 1933 - 1936

c) Die Zeit zwischen 1939 - 1941 und der Übergang zum totalen Krieg

In der 1. Phase dieses Zeitraums fanden gravierende Veränderungen statt. Durch die Zerschlagung der Tschechoslowakei und der Annexion Österreichs rückt Sachsen 1939 in die Mitte des Herrschaftsgebietes des deutschen Reiches, wodurch sich die Strukturen änderten. In der Rüstungsindustrie und im Verkehrswesen gab es einen enormen Zuwachs an männlichen Arbeitskräften. Die Zahl stieg vom Mai 1939 bis Mai 1940 um 22185, gleichzeitig ging aber die Frauenbeschäftigung zurück. Im Vergleich zu anderen Regionen war in Sachsen der Rückgang am größten. Wie oben bereits erwähnt, hatte die Verbrauchsgüterindustrie einen Rückgang zu beklagen, aber auch die klassischen sächsischen Industriezweige gingen um bis zu 20% zurück. Die Feinmechanik/Optik mit 55% Wachstum, die Kraftstoffindustrie mit 41% und die Eisen-, Stahl- und Blechwarenindustrie mit 50% Wachstum gehörten, wie schon genannt, zu den Gewinnern.

Die Tatsache, dass 1939 aus der Förderung des dt. Erzbergbaues der Bedarf Deutschlands an Metallen nur zu einem unbefriedigendem Maße gedeckt werden konnte, macht deutlich, dass hier Maßnahmen eingeleitet werden mussten, um die Lücke zu schließen. Zur Überbrückung der Divergenz zw. Erzeugung und Verbrauch, wurden 2 Möglichkeiten wichtig. Die 1. war die Einschränkung des Verbrauchs und die 2., die Steigerung der Erzeugung. Da aber nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten der Bedarf an Rohstoffen ständig stieg, kommt es zur Ersatzwirtschaft, vor allem bei den mit hohen Devisen belasteten Rohstoffen, wie Kupfer, Blei und Zinn. Außerdem erreichte man eine Steigerung der Metallerzeugung durch die erhöhte Förderung von Mineralien der „Heimatböden“ und durch das Herabsetzen der Metallverluste auf das erreichbare technische Mindestmaß, was auch das Recycling von Metallabfällen aus Haushalt und Industrie einbezog.

In Sachsen war 1932 keine Erzgrube mehr in Betrieb, was sich nach der Machtergreifung änderte. Bis 1939 konnten 5 Erzbergwerke wieder ihren Betrieb aufnehmen, die ZinnWolfram, Wismut- Kobalt und Blei- Silber förderten. Dieser Aufschwung ist zu einem großen Teil Reg. Oberbergrates Dr. Wernicke zu verdanken. Eisengruben waren nur in einem geringen Umfang und nur verstreut vorhanden und leisteten somit nur einen geringen Beitrag zur Roheisenversorgung Deutschlands.

Durch die Erschließung neuer Gruben konnte der Kupferabbau in Deutschland zwar gesteigert werden, aber der Bedarf nicht gedeckt werden. Die Elektrotechnik verbrauchte 50% des Kupfers und wurde durch Aluminium ,z.B. bei Freileitungen, ersetzt. Der Zinkbedarf wurde durch die annektierten polnischen Lagerstätten gedeckt. Neben dem Rheinland besaß auch Sachsen durch die freibergischen Lagestätten eines der wichtigsten Zinkerzen, die Zinkblende. In Freiberg war der Eisengehalt bei allen matallhüttischen Erzeugnissen mit 30% ziemlich hoch. Die sächsischen Steinkohlelager waren zwar begrenzt aber für die Wirtschaft sehr wichtig. Auf diesen Lagerstätten entstand das 2.größte und vielseitigste Industrierevier des Reiches. 1933 gründete die sächsischen Oberste Landesbehörde die 1. Staatliche Lagerstätten- Forschungsstelle in Freiberg. Das Metallhütteninstitut der Bergakademie Freiberg sollte sich ,zur Sicherung der dt. Energiewirtschaft und Metallerzeugung, mit der Nutzbarmachung der hüttenmännischen Abfallstoffe beschäftigen. Sie trug auch zur dt. Metallversorgung durch Forschungen bei und unterstützte somit die Durchführung des 4- Jahresplanes.

Der Überfall auf die Sowjetunion, und damit das Scheitern der Blitzkriegstrategie, rief wiederum gravierende Veränderungen hervor. 1941 wurde die „Sächsische Industrie AG“ (SIAG) gegründet, um die Kleinunternehmen vor dem Druck der Großen zu schützen, weil man eine wirtschaftliche Umstrukturierung nach einem erfolgreichen Krieg erwartete. Entgegen dem Konzept der NS-Regierung, zur Auflösung der Ballungsräume, kam es in den Jahren 1942-1945 in Sachsen zur enormen Verdichtung der Industrie. Man nahm an, dass nach dem Sieg gegen die CSR, Sachsen nicht mehr durch Luftangriffe gefährdet sei, was sich, bis zu den Angriffen auf Leipzig, als richtig herausstellte. Danach wurden von den Alliierten äußerst wirkungsvolle Luftangriffe auf die Zentren in Sachsen geflogen. Davor fand eine Verlagerung, der in West- und Norddeutschland durch Luftkrieg gefährdeten Industrie vor allem noch Sachsen statt. Die kleinen und mittleren Unternehmen sahen in der Umstellung auf kriegswichtige Produktion die einzige Chance, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Dazu musste die Verbrauchsgüterindustrie, hauptsächlich die Textilindustrie, viele Schließungen hinnehmen, oder man musste auf Teil- und Montageproduktion für den Flugzeugbau umstellen. 1943 wurde die Gauwirtschaftskammer gebildet, welche die Aufgabe hatte, die regionalen Wirtschaftsorganisationen zu straffen, indem sie die staatlichen Wirtschaftskammern zusammenfasste.

d) Februar/März 1944 bis zum Kollaps der Kriegswirtschaft 1945

Die Gesamtzahl, der in der Industrie Beschäftigten, war bis 1944 nur geringfügig um 56948 im Vergleich zur Zählung von 1939 gestiegen und erreichte somit in etwa das Niveau von 1928. Die Textilindustrie verlor ihren Spitzenplatz, mit 78980 Beschäftigten weniger an den Maschinen-, Stahl-, und Fahrzeugbau, der mit 168948 Beschäftigten mehr den 1. Platz in der sächsischen Wirtschaft einnahm. Weitere Gewinner in den Beschäftigungszahlen waren z.B. die Elektroindustrie ( + von 24037 ), die Feinmechanik/Optik ( + von 15340 ) und die chemische Industrie ( + von 26735 ). Im Vergleich zu 68229 Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen im Januar 1944, wuchs die Zahl bis September des gleichen Jahres auf 80895.

Bei der Autounion fand von 1939 bis 1944 ein Beschäftigungswachstum von anfänglich 21000 auf 34000 statt. Wesentliche Nachteile entstanden aber durch die unterschiedlichen Produktionsstätten. Vor dem Krieg lagen weitere Pläne zur Zentralisierung vor, die aber nie verwirklicht wurden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Beschäftigung in der sächsischen Industrie im März 1944

In der Reichskartei, in der alle wehrwirtschaftliche relevanten Betriebe erfasst wurden, war für Sachsen eine Zahl von 602 Unternehmen angegeben. Die starke Einbeziehung in den Flugzeugbau war in dieser Zeit prägend für Sachsen, da 140 Unternehmen direkt oder indirekt daran beteiligt waren. Der Konzentrationspunkt lag in Dresden, da sich hier auch die Technische Universität befand, die sich intensiv mit der Forschung zur Luftrüstung beschäftigte. Der Maschinenbau dieser Region stellte auf Lüftrüstung um. Ein weiterer Industriezweig, der sich an der Luftrüstung beteiligte, war die Feinmechanik/Optik ( auch in Glashütte ). Unmittelbar vor dem Krieg wurden im Dresdner Raum eine große Anzahl dieser Unternehmen im Hinblick auf die Rüstungsbedürfnisse gegründet. Es gab schlussfolgernd keinen Industriezweig, der nicht in die Rüstungsproduktion einbezogen wurde, z.B. versorgte die Textilindustrie die Wehrmacht mit Kleidung. Für die Munitionsversorgung und später auch für die Produktion der Panzerfaust war hauptsächlich die Hugo Schneider AG (Hasag) verantwortlich, die schon vor dem Krieg mit 10523 Beschäftigten, der größte Betrieb Sachsens war. Ab 1934 erfolgte auch für die Hasag der rasante Aufstieg zum größten dt. Rüstungsunternehmen. Zu Begin des Krieges arbeiteten in den sächsischen und thüringischen Fabriken 27000 Menschen, dessen Zahl bis 1942 auf ca. 40000 anstieg.

Ab 1944 begann ein regelrechter Kampf um die Übernahme von Unternehmen in den nicht bombengefährdeten Gebieten, vor allem in Sachsen. Die Elektroindustrie von Siemens und AEG wurde z.B. hauptsächlich nach Sachsen verlagert. Die Grenze der Verlagerung war erreicht, als es in Sachsen keine Unterbringungsmöglichkeiten für die Arbeiter mehr gab oder diese nicht mehr errichtet werden konnten. Ein Handicap waren die ungünstigen Verkehrsverhältnisse und die unzureichende Anzahl an Fach- bzw. Arbeitskräften. Diese Industrieverlagerungen lösten aber auch Konflikte zwischen z.B. den Unternehmen und den Rüstungsbehörden, den zu verlagernden und den aufnehmenden Betrieben und der Belegschaft aus.

Ende 1944 war der Höhepunkt der Rüstungsproduktion überschritten, da jetzt auch schon die Besetzung der Alliierten einsetzte und ab Sommer 1944 der Bombenkrieg auf industrielle Schwerpunkte und Verkehrsknoten begann. Die Erschöpfung an Materialvorräten und an Arbeitskräftepotential war nicht mehr aufzuhalten. Die durchgeführte Dezentralisierung verhinderte die Zerstörung zwar nicht, jedoch erschwerte diese sie enorm. Die erschwerten Transportbedingungen führten zu einer geringeren Produktivität und zu einer sinkenden Effektivität. In dieser Zeit gewann Sachsen nochmals an Bedeutung, unter anderem durch die noch immer stattfindenden Industrieverlagerung, die in den letzten Monaten des Krieges eher einer Flucht vor den Alliierten ähnelten. Die NSDAP-Führer versuchten auch, durch chaotisches Eingreifen in die Wirtschaft, bis zuletzt ihren Anteil an der Rüstungsproduktion zu sichern, was den Untergang aber nicht verhindern konnte.

e) Bilanz

Bei der abschließenden Bilanz muss man die Vor- und Nachteile der NS Wirtschaftspolitik für Sachsen berücksichtigen. Auf der einen Seite gab es für viele Regionen einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, z.B. in der Region Halle/Leipzig, und auf der anderen Seite wurden die traditionellen Wirtschaftstrukturen zerstört, wie z.B. die Textilindustrie in großen Teilen Sachsens, vor allem im Vogtland.

Der Stellenwert einer Region wurde, durch die Autarkiepolitik und den Bedingungen der Kriegswirtschaft, an dem Wert der Ressourcen, am Arbeitskräftepotential, den Rohstoff- und Energievorkommen und an industriellen Einrichtungen gemessen.

An dem wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands war Sachsen am Anfang der NS-Diktatur eher weniger beteiligt, da in Sachsen die schlechten Bedingungen für eine Förderung der Industrie überwogen.

Sachsen gewann mit zunehmender Kriegsdauer an Bedeutung in der Wirtschaft, da die Großunternehmen größtenteils nach Sachsen verlagert wurden, in der Annahme hier sicher vor Luftangriffen zu sein. Sachsen hatte aber keinen Einfluss auf die Entwicklung Deutschlands, da durch die totalitäre Staatsform und die Diktatur alle Entscheidungen von der Reichsregierung getroffen wurden.

Weiterhin kam es durch den Nichtmetallbergbau in Sachsen zu einer Neubewertung der Erzvorkommen. Es wurden 16 Gruben wieder in Betrieb genommen, die Zinn, Wolfram, Kobalt, Blei und Silber abbauten. So gewann die vielgestaltige sächsische Industrielandschaft mit ihrem Arbeitskräftepotential in dem Maße an Gewicht, wie sich die Ressourcen im Verlauf des Krieges verknappten.

Da die Wirtschaft im ganzen Reich, mit der Machtübernahme Hitlers, auf Krieg ausgerichtet war, wandelten sich die wirtschaftlichen Strukturen grundlegend. In Sachsen hatte die Rüstungswirtschaft bedeutenden Einfluss, da durch sie neue Industriezweige in Sachsen entstanden und dadurch der Wirtschaftsaufschwung der stark geschwächten sächsischen Wirtschaft erfolgte. Die Flugzeug- und Fahrzeugindustrie, die Feinmechanik/Optik und die chemische Industrie entstanden in Sachsen entweder neu oder haben ihr Profil mit Begin der Rüstungswirtschaft so verändert, dass ihre Bedeutung in dieser Zeit nur mit der beginnenden Kriegswirtschaft zu erklären ist. Der größte Teil der sächsischen Industrie übernahm lukrative, sichere und staatlich geförderte Rüstungsaufträge, vor allem die metallverarbeitende Industrie. Zur Zeit des II. Weltkrieges befand sich die Kriegswirtschaft auf dem Höhepunkt, aber auch die beginnenden Luftangriffe auf sächsische Städte erschwerte die Produktion und letzten Endes kam die sächsische Wirtschaft durch den verlorenen Krieg zum erliegen.

Die Zerstörung hemmte die wirtschaftliche Nachkriegsentwicklung und es musste zwangsläufig ein Wiederaufbau der sächsischen Industrie vollzogen werden. Abschließend ist zu bewerten, dass die Kriegswirtschaft nicht nur kurzfristige Veränderungen hervorgerufen hat, sondern auch langfristig die Wirtschaft Sachsens stark beeinflusste.

Der Fahrzeugbau z.B. erhielt durch die Auto-Union solche Impulse, dass sie bis 1950 internationalen Anschluss fand. Daraus entstand dann auch die langfristige Zulieferindustrie für den Fahrzeugbau. In der DDR produzierte z.B. das Zwickauer Werk Sachsenring den Trabant und war somit das Zentrum der Automobilindustrie dieser Region.

Weiterhin konnte man Ansätze einer regionalen Wirtschaftspolitik erkennen, was aber für Sachsen eher die Verteidigung der bestehenden Wirtschaftsstrukturen bedeutete. Die unterschiedlichen Industriezweige profitierten in unterschiedlichem Maße von der Entwicklung, oder auch nicht, wie im Falle der Textilindustrie

Die verstärkte Waffen-, Munitions- und Luftfahrtindustrie in Leipzig führte dazu, dass Leipzig zu einem bevorzugtem Ziel alliierter Bombenangriffe wurde, von denen sich die traditionellen Industrie- und Gewerbezweige, wie Buch-, und Notendruck, nie wieder erholt haben. Das Selbe gilt für die Industrieregionen wie Chemnitz, Plauen und Dresden.

Literaturverzeichnis:

Bleyer, Wolfgang: Monopole und Staat in Dtl. 1933-45, Berlin 1966

Groß , Reiner: Geschichte Sachsens, 1. Auflage, Berlin 2001

Bramke, Werner & Heß , Ulrich: Wirtschaft und Gesellschaft in Sachsen im 20.Jhd., Leipzig 1998

Sachsen bleibt jung - Geschichte und Geschichten - Land und Leute, Sächsischer Verband für Jugendarbeit und Jugendweihe, Verlag Oberbaum 1999

Hummel, Karl-Joseph: Dt. Geschichte 1933-1945, München 1998

1849 - 1949 Ein Jahrhundert dt. Geschichte, Bibliographisches Institut F.A. Brockhaus, Mannheim 1997 (CD - ROM)

www.hausarbeiten.de:

Greif ,Verena: Schulreferat: Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik, November 2000

Kubera, Sascha: Schulreferat: Die Ideologie des Nationalsozialismus, Juli 2000

Tappert, Uwe: Schulreferat: Hitlers Helfer, Mai 2001

Anonymous: NS- Wirtschaft (-spolitik)

www.skalman.nu/third-reich/gallery-sa.htm

19 von 19 Seiten

Details

Titel
Wirtschaftspolitik Sachsens in der NS-Zeit 1933-1945
Note
12 Punkte
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V105760
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Da mir die Seite geholfen hat, diese Projektarbeit zu gestalten, finde ich, dass es auch anderen helfen soll, die sich mit diesem Thema beschäftigen (müssen!,-)) - also ich hoffe, es hilft euch... Ciaoi Gani
Schlagworte
Wirtschaftspolitik, Sachsens, NS-Zeit
Arbeit zitieren
Steffen George (Autor), 2001, Wirtschaftspolitik Sachsens in der NS-Zeit 1933-1945, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105760

Kommentare

  • Gast am 23.2.2002

    projektarbeit.

    hi steffen!

    du bist der größte schatz aller zeiten! ich bin ganz stark davon überzeugt dass deine arbeit mir ein stückchen weiterhelfen wird!

    danke!!!

    ciao, sandy :-)

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